Wer bei dem Begriff klassische Musik schon beim kl… mit „hör mir damit auf“ reagiert, der wird in diesem Buch ebenso sein blaues Wunder erleben wie diejenigen, die meinen schon alles zu kennen. Denn dieses Auswahl an einhundert Musikstücken ist keineswegs durchgehender Mainstream. Es ist wohl mehr eine Liste von eingehenden Melodien und herausragenden Werken, die man – und da liegt der Autor bei der Titelgebung goldrichtig – nun wirklich zumindest einmal im Leben gehört haben muss. Und wenn man dann noch erkennt um welches Werk es sich handelt, hat sich jede Leseminute vollends gelohnt.
Oft erkennt man ja gar nicht, dass einem klassische Musik in den Gehörgang gespült wird. In der Werbung benutzt man sie, um Emotionen hervorzurufen, eine Verbindung zum beworbenen Produkt zu kreieren. So ähnlich haben wohl auch die Komponisten gedacht. Sie wollten nicht einfach nur ein paar Tuschenstriche zu Papier bringen. Sie wollten ihre Werke präsentieren und Jubelstürme verursachen – Emotionen! Das ist das Zauberwort. Und allen Unkenrufen zum Trotz sind die modernen Musiktempel mit ausgefeilter Akustik echte Publikumsrenner. Auch wenn – auch hier sind die Spötter und „wahren Kenner“ die größten Kritiker – immer nur dasselbe gespielt wird, was natürlich nicht stimmt.
Mozart, Bach, Beethoven sind natürlich Publikumsmagnete. Wer im Leipziger Gewandhaus an Silvester die Neunte hören will, muss entweder im Besitz eines Anrechts sein oder lange, lange, lange vorplanen. Das Erlebnis wird dann aber auch mindestens lange, lange, lange anhalten. Meist noch länger!
Nicola Campogrande ist selbst Komponist. Leidenschaft und Beruf sind bei ihm zu einer Einheit verschmolzen, und das merkt man in jedem Satz. Natürlich ist sein Aufzählung lückenhaft – er selbst führt Telemann ins Feld, der über 2000 Stücke geschrieben hat … die allesamt hörenswert sind. Die Liste dessen, was fehlt, ist um einiges länger als die im Buch aufgeführten Stücke von Monteverdi bis Prokofjew, von Verdi bis Berlioz, von Stravinsky bis Rimski-Korsakow. Schon beim Lesen möchte man das Nasenfahrrad vom Gesicht nehmen und sich in einem bequemen Sessel zurücklehnen und in Gedanken versunken den Melodien lauschend sanft den Kopf hin und her bewegen. Und vielleicht sogar leise die Melodien mitsummen. Zuhause darf man das ja!
Dieses Buch ist ein Appetitanreger mit dem Hang zum Übergewicht. Denn mit dem Zuklappen nach dem Lesen beginnt erst das richtige Abenteuer klassische Musik (was ist das eigentlich? Auch darauf hat Nicola Campogrande die passende Antwort.). Jetzt sucht man, in Geschäften, im Netz nach diesen Stücken, die sorgfältig und korrekt bezeichnet in diesem zeitlosen Buch beschrieben sind.
