Elena weiß Bescheid

Elena weiß Bescheid

Ein Tag im Leben einer Frau, der das Schlimmste passiert ist, was einem Menschen passieren kann: Ihr eigenes Kind zu Grabe zu tragen. Elena ist diese Frau, ihre Tochter Rita wurde erhängt am Glockenturm gefunden. Selbstmord. So heißt es offiziell. Doch Elena glaubt nicht daran, denn sie weiß Bescheid.

Genauso wie sie weiß, dass sie mit einer grässlichen Krankheit geschlagen ist. Parkinson. Sie, die Krankheit, erlaubt es Elena nur mit Medikamenten den Alltag halbwegs in den Griff zu bekommen. Der Körper gehorcht den Befehlen des Gehirns nicht mehr. Schon ein paar Schritte gehen arten in einen heftigen Disput zwischen Befehlsgeber (Gehirn) und Befehlsempfänger (Gliedmaßen) aus. Sogar einfache Dinge wie eine Jacke anziehen, bereiten der eigensinnigen Elena Probleme.

Heute macht sie sich auf den Weg – wohin? Das erfährt der Leser erst später. Mit jedem Schritt, der Elena ihrem Ziel näher bringt, steigt die Spannung und die Zuneigung zu der zuweilen hartherzigen Elena. Rita, ihre Tochter, die Lehrerin, die in Roberto die Liebe ihres Lebens gefunden zu haben schien, Rita, das Augenlicht von Elena ist tot. Doch Elena weiß Bescheid, sie weiß, dass Rita keinen Selbstmord begangen haben kann. Ihre Erklärung: Rita hatte Angst vom Blitz getroffen zu werden. Als gläubige Christin versagte sie sich selbst den Gang in die Kirche an solchen Tagen. An Rita Todestag regnete es Katzen und Hunden. Und es blitzte und donnerte. Elena ist die einzige, die nicht an Selbstmord glaubt. Auch Kommissar Avellaneda, der so gern Elena glauben möchte und sich immer noch ab und zu (inoffiziell) mit Elena trifft, muss sich den Fakten beugen. Es war und bleibt Selbstmord.

Doch Elena ist auf ihrer Aufklärungsreise. Sie hofft eine Antwort zu finden. Nein, sie weiß, dass sie eine Antwort bekommen wird. Doch die fällt anders aus als gedacht. Denn die Antwort wird ihr verbleibendes Leben auf den Kopf stellen.

Für ihren dritten Roman „Elena weiß Bescheid“ bekam die Argentinierin Claudia Piñiero den LiBeraturpreis. Nach „Ganz die Deine“ und „Die Donnerstagswitwen“, die besonders durch Wortwitz bestachen, wagte sie sich an ein Thema, das dem Leser sehr nahe geht. Zumindest, wenn Claudia Piñiero darüber schreibt: Menschliche Zweifel. Sie urteilt nicht über ihre Protagonisten, sie lässt sie selbst ihre Entscheidungen treffen. Elena ist wahrlich vom Schicksal geschlagen. Ihr Blick ist physiologisch nach unten gerichtet. Ihre Krankheit erlaubt es ihr nicht den Kopf zu heben. Ihre Gedanken sind rückwärts gerichtet, der Tod der Tochter beschäftigt die 63jährige rund um die Uhr. So wie sie ihre Tochter kannte und deren Handeln passen einfach nicht zusammen. Am Ende muss sie einsehen, dass Rita ihren eigenen Weg gegangen ist. Ohne Zutun der Mutter. Am Ende bleibt nur eine Frage: Wann wird dieses Buch verfilmt?

Die Donnerstagswitwen

Die Donnerstagswitwen

Argentinische Vor-Haupt-Stadt-Idylle mit allem, was dazu gehört: ein weitläufiges Anwesen mit prächtigen Villen, die Luft erfüllt vom schweren Duft der Jasminblüten und Golfplatz. Eingepfercht in ihrem goldenen Käfig verbringt die Schickeria Buenos Aires’ den Tag. Der Sicherheitsdienst verrichtet sein Werk. Alles ruhig, alles chic. Doch die Idylle trügt: Der 11. September (der von 2001) und die oft proklamierte damit verbundene Rezession werfen ihre bedrohlichen Schatten voraus. Die heile Welt ist Arbeits- und Perspektivlosigkeit gewichen. Immobilienmaklerin wie Virginia und ihre Familie können nicht mehr nur ihr Geld allein arbeiten lassen. Eigentlich müssten sie selbst ran. Ronie, Virginias Ehemann, ist zu einem ruhigen, in sich gekehrten Etwas verkommen. Kommunikation findet nur noch sporadisch statt.

Auch gegenüber, bei den Spaglias, ist Alltag eingekehrt. Teresa Spaglia hört kaum noch das laute, freche Lachen ihres Gatten Tano.

Virginias Sohn Juani bereitet ihr ebenso Kopfzerbrechen. Zusammen mit seiner Freundin aus Sandkastentagen Romina kifft er, was leider auch Leuten auffällt, die das eigentlich nichts angeht.

Wie gesagt – die Idylle bröckelt. Die Freunde, die nur durch ihre Statussymbole zusammengefunden haben (und wohl auch nur deshalb „freunde“ sind) gehen zunehmend eigene Wege. Die einen wollen auswandern. Andere ergeben sich scheinbar ihrem Schicksal.

Altos de la Cascada – so heißt die eingezäunte Siedlung, in der man wohlbehütet und überwacht wohnt – wird immer mehr zum Gefängnis. Wer einmal drin ist, will nicht so schnell wieder raus. Den Schein wahren ist das Gebot der Stunde.

Unversehens kommt Bewegung in die starre Kunstlandschaft. Ronie bricht sich ein Bein und Tano, Gustavo und Martín sind tot. Ein Stromschlag als die Drei im Pool badeten. Doch der Unfall – das wird dem Leser schnell klar – kann kein Unfall sein. Nun stellt sich die Frage: Wem nützt der Tod der Drei etwas? Wenn es Mord war, steht der Mörder schnell fest.

Claudia Piñeiro beschreibt mal süffisant, mal bissig die freigewählten Lebensumstände ihrer Protagonisten. Sie selbst wohnt in solch einem goldenen Käfig. Die Ruhe ist für sie die einzige Möglichkeit an ihren Büchern arbeiten zu können. Die Handlung ist frei erfunden, dennoch sieht sie sich immer wieder der Kritik ausgesetzt, ihr Umfeld in „Die Donnerstagswitwen“ beschrieben zu haben. Sie selbst antwortet dann immer, dass es ein hellseherischer Roman sei. Diese Witwen sind jeden Donnerstag allein, wenn ihre Männer beim Golf oder Tennis ihrer Leidenschaft frönen. Dass sie dabei auch mal übers Geschäft reden, ist Ausrede genug die Frauen zuhause zu lassen. Doch dann ist ihr Damenklub  plötzlich mit einem Namen gesegnet, der vom ersten bis zum letzten Buchstaben der Wahrheit entspricht…

Der Riss

Der Riss

Pablo Simó ist am Scheideweg angelangt – er weiß nur noch nicht gleich. Der Mittvierziger ist Architekt und gibt sich seinen Zeichnungen, die auch Träume sind, hin. Die Häuser, die er mehr oder weniger gedankenverloren „vor sich hinmalt“, werden eh nie gebaut. Damit hat er sich abgefunden. Marta Horvat, sein Gegenüber, reizt ihn schon seit einiger Zeit. Doch Autorin Claudia Piñeiro wäre nicht eine der gefeiertsten Autorinnen Südamerikas, würde sie ihrem Protagonisten nun ein schnöde Affäre andichten. Sicherlich übt die attraktive Kollegin eine ungemeine Anziehung auf Pablo aus, doch Laura, seine Frau und Francisca, sein Tochter, lassen das nicht zu. Sein Gewissen, sein Ehrgefühl sind stärker als der Sexualtrieb. Eine Midlife-Crisis kommt nicht in Frage!

Doch als eine junge Frau das Büro betritt und nach Nelson Jara fragt, kommt auch Pablo Simós Weltbild ins Wanken. Pablos Chef Mario Borla, Marta Horvat und auch Pablo Simó verneinen die unerhoffte Frage wider besseres Wissen.

Der Leser vermutet es, natürlich kennen die Drei Nelson Jara. Sie kennen bzw. kannten ihn sogar sehr gut. Denn er war es, der ihnen vor drei Jahren das Leben zur Hölle machen wollte. Schnell war eine nicht gerade „feine Lösung“ gefunden – sie ließen ihn verschwinden … in einer Baugrube … zugeschüttet mit Beton. Dass ihnen die Sache noch einmal um die Ohren fliegen könnte, ahnten sie. Dass der Tag dann doch (so schnell?) kommen würde, wollten sie sich nie ausrechnen. Nelson Jara wollte das Architekturbüro und Pablo Simó im speziellen dafür verantwortlich machen. Was die Drei damals noch nicht wussten: Jara war ein Betrüger.

Pablo lässt sich auf die junge Frau ein. Leonor – so ihr Name – gibt vor als Studienarbeit eine Fotoserie über Häuserfassaden in Buenos Aires machen zu wollen. Dafür braucht sie Pablos Hilfe. Pflichtbewusst und vielleicht auch mit einem Hauch von schlechtem Gewissen steht er ihr beiseite. Zusammen erkunden sie (zusammen mit dem Leser) die architektonischen Höhepunkte der Millionenmetropole am Atlantik. Am Ende lädt die bildhübsche 25jährige den sich dem Anlass entsprechend aufgebrezelten Pablo in ihre Wohnung ein. Der staunt nicht schlecht als er die Adresse sieht. Das ist das Haus, in dem Nelson Jara wohnte. Und es kommt noch besser. Leonor wohnt sogar in der Wohnung Jaras.

Claudia Piñeiros füllt seit Jahren die Bestsellerlisten Südamerikas. Mit „Der Riss“ gelingt ihr der Spagat zwischen spannender Kriminalgeschichte und Lebenskrisenbewältigung scheinbar spielend. Nicht die kriminelle Tat steht im Vordergrund – sie wird eher im Stile eines Colombo-Krimis (der Leser weiß, wer der Mörder ist) abgehandelt. Vielmehr ist sie an der Wandlung des biederen, versteckt unzufriedenen Architekten Pablo Simós interessiert. Nicht kopflos, eher mit Bedacht und Hingabe schlittert er in eine Affäre, die seinem Leben eine entscheidende Wendung geben wird. Kein Kommissar, der bohrende Fragen stellt. Keine misstrauische Ehefrau, die hinter ihrem Mann herschnüffelt. Die kleinen Wendungen passieren automatisch, der Leser wird Zeuge einer Metamorphose eines Bürohengstes, der sich in seinem Leben eingenistet hat hin zu einem die Herausforderung suchenden Mannes. „Der Riss“ hat allemal das Zeug für eine Fortsetzung und ist es wert verfilmt zu werden.

Betibú

Betibú

Eine Zeitmaschine müsste man haben. Dann könnte man zurückreisen in eine Zeit, in der man einen Fehler gemacht hat und diesen wieder ausbügeln. Das denken sich auch Jaime Brena, einst erfolgreicher Polizeireporter bei „El Tribuno“, jetzt für die Kurzmeldungen über das gesellschaftliche Leben in Buenos Aires zuständig.

Auch Nurit Iscar wäre gern wieder die erfolgreiche Krimiautorin, die sie einst war. Bis sie den Fehler beging einen Liebesroman zu schreiben, der von der Kritik zerrissen und vom Publikum nicht angenommen wurden. Ihr wöchentliches Kaffeekränzchen mit ihren Freundinnen hilft nur wenig über den Kummer hinweg.

Beide – Nurit Iscar und Jaime Brena – haben eine Komponente, die sie verbindet: Lorenzo Rinaldi. Der war der Grund, warum sich Nurit von ihrem Mann scheiden ließ und, was jetzt viel wichtiger ist, der Grund für ihren beruflichen Absturz war. Außerdem ist er der Chef von Brena. Und verantwortlich für dessen „Degradierung“.

Gladys Varela wünschte sich auch eine Reise zurück. Aber nur ein paar Stunden. Sie arbeitet als Hausmädchen bei Pedro Chazarreta in der abgeschotteten Wohnsiedlung „La Maravillosa“. Denn ihr Arbeitgeber liegt regungslos mit durchschnittener Kehle im Sessel. Gladys Varela kann nur noch schreien bis die Polizei eintrifft.

Die wiederum kennt den Tatort ganz genau: Die Ehefrau von Pedro Chazarreta wurde vor Jahren hier ebenfalls bestialisch ermordet.

Und ganz nebenbei: Pedro Cazarreta wäre es sicher ganz recht noch am Leben zu sein. Und so treffen sie sich alle hier, um die schreckliche Tat aufzuklären: Die Krimiautorin, der Polizeireporter und die Polizei.

Lorenzo Rinaldi macht Betibú, wie er Nurit Iscar wegen ihrer Ähnlichkeit mit der Comicfigur Betty Boop nennt, das Angebot in „La Maravillosa“ zu wohnen und von vor Ort zu berichten. Nach anfänglichem Zögern stimmt sie zu.

Außerhalb der Mauern um den Tatort läuft Brena wieder zu Hochform auf. Auf eigene Faust – und mit tatkräftiger Unterstützung eines Kommissars – kommt er mit seinen eigenen Methoden dem Motiv des Mordes an Pedro Cazarreta auf die Spur. Auch der drei Jahre zuvor an gleicher Stelle begangene Mord an Cazarretas Frau wird dadurch in ein neues Licht gerückt…

Fast zwei Jahre hat Claudia Pineiro die deutschen Leser auf ihr neues Werk warten lassen. Sie entschädigt den Leser mit einer halben Seit pro Wartetag mit unbändiger Neugier und der unstillbaren Sehnsucht nach Aufklärung im Mordfall Pedro Cazarreta. Einmal begonnen, kann man den Krimi nicht mehr aus der Hand legen. Die einzigartigen Charaktere und die miteinander geschickt verwobenen Schicksale machen „Betibú“ schon jetzt zu einem Klassiker. Da möchte man gern in eine Zeitmaschine steigen und der Zukunft den Reiz nehmen, in dem man erfährt mit welchen Roman Claudia Pineiro als nächstes den Leser verführt.

Femme fatale

Martin Walker - Femme fatale

Chef de police und lukullischer Heimatliebhaber Bruno liebt es in seinem Saint-Denis dem Chor bei den Proben zuzuhören. Dann ist für ihn die Welt in Ordnung. Da lässt er sich gern fallen. Doch ein Mord reißt auch ihn aus der idyllischen Mußestunde. Eine blonde Frau treibt nackt und anscheinend tot auf einem Kahn auf dem Fluss umher. Vorbei die Ruhe, vorbei die Erinnerungen an weitaus schönere Zeiten.

Brunos Ermittlungen führen ihn – wieder einmal – in die jüngere Geschichte Frankreichs. Denn die Tote stammte aus einem Adelsgeschlecht der Umgebung, deren Vorfahren mit ihrem blauen Blut eine rote Gesinnung hatten. Die Großmutter der Toten wurde von De Gaulle persönlich mit einer der höchsten Auszeichnungen geehrt. Eine Mauer aus Schweigen und Lügen baut sich vor dem kräftigen Polizeichef auf. Doch Bruno wäre nicht Bruno, würde er nicht auch diese Klippen raffiniert zu umschiffen wissen.

Der fünfte Fall des sympathischen Chef de police im beschaulichen Perigord macht aus einem verzwickten Kriminalfall eine Sommerferien- Abenteuergeschichte: Herumstromern in Flüssen und Höhlen, Geschichte am eigenen Leib erfahren und ein neues Haustier für Bruno, das garantiert in den kommenden Romanen weiter seine Rolle spielen wird. Die ersten vier Romane der Bruno-Reihe waren – so scheint es fast – nur Aufwärmrunden. Mit „Femme Fatale“ dreht Martin Walker so richtig auf. Er und sein Held Bruno sind angekommen im Perigord. Die Beschreibungen werden exakter und nicht mehr so hervorgehoben wie zu vor. Fans und Neueinsteiger sind sofort im Bilde.

Apropos Sich-Heimisch-Fühlen-Im-Perigord: Jedem Buch liegt ein kleines, von Martin Walker gestaltetes Reiseheft über das Perigord bei. Darin gibt er exzellente Urlaubstipps, und gestaltet eine einzigartige Reise.

Leonardo da Vinci

Leonardo da Vinci

Einen Roman zu veröffentlichen, dazu gehört Mut und Talent. Einen Roman über eine historische Persönlichkeit zu veröffentlichen, dazu braucht man zusätzlich enormes Fachwissen. Einen Roman über ein Genie wie Leonardo da Vinci zu schreiben, zu veröffentlichen, dafür gefeiert zu werden … das erfordert alles Genannte in der zweiten Potenz. Dmitri Mereschkowski gelang mit seinem 1901 erstmals erschienen Roman der Urknall der biographischen Romane. Seither haben sich viele Autoren an einem der letzten Universalgenies versucht. Sie scheiterten mehr oder weniger kläglich.

Über sechshundert Seiten hat Mereschkowski über diesen vielschichtigen Menschen, der der Mona Lisa das unverwechselbare Lächeln schenkte, der den Vorläufer des Hubschraubers entwickelte und der als erster bis heute gültige anatomische Zeichnugen anfertigte, geschrieben. Nicht eine einzige ohne fundiertes Wissen, lückenlose Beweisführung oder gar sinnfreies Geschwafel. Leonardo da Vinci wie er leibt und lebt zwischen zwei Buchrücken. Dieses Buch erlaubt es neugierigen Einsteigern wie belesenen Wissenschaftsgrößen da Vinci ungeschminkt im grellen Licht des Wissen zu begreifen.

Sechshundert Seiten sind das Gardemaß einer guten Biographie. Alles darüber verleitet dazu Unnötiges als beherrschend anzusehen. Jede Seite weniger kommt einem nicht wieder gut zu machenden Fauxpas gleich. Leonardo da Vinci war kein Übermensch – er war extrem neugierig und hatte die Gabe seine Vorstellungen gut verkaufen zu können. Dass einige seiner Erfindungen von seinen Gönnern auch militärisch genutzt wurden, nahm er patriotisch in Kauf. Ihn deswegen zu verteufeln, wäre ungerecht und oberflächlich. Seit dem Mittelalter hat es nur wenige Künstler, Philosophen und Wissenschaftler gegeben, die auch nur annähernd an da Vincis Werk heranreichen. Geniale Musiker gab es zuhauf. Aber sie waren eben „nur“ Musiker. Großartige Maler überfluten mit ihren Werken noch heute die Museen der Welt. Sie waren aber „nur“ Maler. Genial auf unterschiedlichen Gebieten waren nur wenige. Selbst nur einen zu nennen, fällt vielen schwer. Jean Cocteau vielleicht. Oder olle Goethe – eventuell. Doch sie erreichten niemals da Vincis weltweite Beachtung.

Der Autor Dmitri Mereschkowski war und ist streitbar. Seine undistanzierte Haltung zum Faschismus verweigerte ihm nicht nur den Literatur-Nobelpreis (insgesamt war er neunmal nominiert), sein Werk darf außerdem erst seit Ende der 80er Jahre in Russland wieder verlegt und aufgeführt werden. Thomas Mann nannte ihn den genialsten Kritiker und Weltpsychologen seit Nietzsche. Mehr als ein Ritterschlag.

Meine Mutter ist ein Fluss

Meine Mutter ist ein Fluss

So mancher zermartert sich Jahr für Jahr das Hirn wie er seiner Familie an Feiertagen eine Freude machen kann. Parfüm und Krawatte scheiden von vornherein aus, das ist zu gewöhnlich. Etwas Besonderes muss es sein. Etwas, das von Herzen kommt. Etwas ganz Persönliches. Etwas Einzigartiges. Donatella Di Pietrantonios Erzählerin hat diese Probleme nicht mehr. Denn sie hat ihrer Mutter das ultimative, das einzigartige Geschenk gemacht, das es nur einmal gibt: Sie hat ein Buch über und für ihre Mutter geschrieben.

„Meine Mutter ist ein Fluss“ ist das bewegende Portrait einer ganz normalen Frau aus den Abruzzen. Geboren in den ersten Frühlingstagen des Jahres 1942 drohen nun, siebzig Jahre später die Erinnerungen zu verblassen. Und so schildert die kümmernde Tochter ihrer an Alzheimer erkrankten Mutter deren eigenes Leben.

Mit achtzehn heiratet Esperina Cesare. Ihr Leben und auch das Leben der Erzählerin sind mehr von Arbeit als von Liebe geprägt. Und so wird „Meine Mutter ist ein Fluss“ nicht nur eine literarische Therapie gegen das Vergessen – Bücher sind vom Wesen her gegen das Vergessen gemacht – sondern auch eine Abrechnung mit dem bisherigen Leben. Denn die Mutter ist auch ein Baum, in dem man sich in den Schatten legen kann. Doch auch diese Pflanze hat ein begrenztes Leben.

Die Abrechnung fällt aber milde aus. Es ist kein kalkulierter Schlussstrich unter das bisher Gewesene. Vielmehr ist dieses Buch – zu Recht mehrmals preisgekrönt – eine poetische Liebeserklärung an die Mutter, die Chancen, die der Erzählerin gewährt wurden. Eine Liebeserklärung an die Abruzzen, die mit ihren Menschen die Erzählerin – erst jetzt bemerkt – so sehr geprägt haben. Eine Liebeserklärung an das Leben an sich.

Ist der Fluss zuerst eine Erinnerung an das lange, wallende Haar der Mutter verwandelt sich die Sicht auf die Mutter zusehends in eine Aufarbeitung der eigenen Geschichte. Die Erinnerungen sind keine verklärten Geschichtsbilder, sie sind am eigenen Leib erlebte Historie.

Baden-Württemberg – 60 Ausflüge in die Vergangenheit

Baden-Württemberg - 60 Ausflüge in die Geschichte

Es gibt viele Arten ein Land zu bereisen. Von Norden nach Süden, von Ost nach West. Man kann sich die Städte als Urlaubsorte aussuchen oder die Weiten der Natur. Wandern, Radfahren … die Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Mit diesem Buch wird die Reiseindustrie vielleicht nicht revolutioniert, aber sie bekommt eine gehörige Portion Rückendeckung aus dem Buchhandel!

Das Land Baden-Württemberg bekannt zu machen, ist kaum noch notwendig. Schlösser und Burgen (noch) existierender Adelsgeschlechter, der Schwarzwald, Rheinschiffsreisen – das alles ist vertraut und wird bereitwillig angenommen. Aber unserer (deutschen) eigenen Geschichte mal nicht nur sprich- sondern wortwörtlich auf den Grund zu gehen, da fehlte es bis vor Kurzem noch an behänder Reiseliteratur. Die Sachbuchregale bogen sich schon seit eh und je unter der Last des Wissens durch. Nur leider waren die Schmöker für den Vor-Ort-Tourismus unbrauchbar. „Baden-Württemberg – 60 Ausflüge in die Geschichte“ erscheint nun in zweiter, neu gestalteter, komplett überarbeiteter Auflage.

Die Autoren Ute und Peter Freier entwickeln eine neue Methode des Reisens. Sie fangen nicht an einem geographischen Punkt A an, um nach B zu kommen. Sie beginnen ihre Touren vor Tausenden von Jahren, als Neandertaler und Cro-Magnon-Menschen in Höhlen, zum Beispiel in Blaubeuren bei Ulm, hausten. Diese Höhlen sind tatsächlich freizugängig. Man muss nur wissen, wo sie sind. Sensationelle Funde kann man sicherlich ausschließen, aber mal bei seinen Vorfahren in den Vorgarten zu linsen oder in dessen Küche ein Wecken zu verzehren, ist doch auch schon was.

Die Reise geht quer durchs Land. Jedes einzelne Ziel zu benennen, würde zu weit führen. Man muss es eben selbst erleben. Und mit diesem Buch in der Hand kann nichts schief gehen. Die Touren sind genau beschrieben, inkl. Länge und ungefährer Dauer. Ob man zu Fuß oder auf dem Rad unterwegs ist, die Touren und ihre Ziele warten nur darauf erkundet zu werden. Zusätzlich wird jedes Kapitel mit einem auch für den Geschichtslaien verständlichen Text eingeleitet. So weiß man schon vor Reise- bzw. Leseantritt, was einen erwartet. Die Zimmervermieter im oft flappsig als Ländle bezeichneten Bundesland werden mit einem erhöhten Übernachtungsaufkommen rechnen, denn dieses Buch macht Appetit auf Forschungsreisen für Jedermann.

Die irische Meerjungfrau

Die irische Meerjungfrau

Foley ist ein ruhiges, verschlafenes Nest im äußersten Nordwesten Irlands. Hier ist die Welt noch in Ordnung, sofern man die reichlich einhundert Bewohner in Ruhe lässt. Eigentlich genau das Richtige, wenn man Ruhe sucht. Doch Fin O’Malley ist nicht wegen der Ruhe hier. Sein Chef hat ihn hierher abgeschoben. O’Malley ist Detective Seargant bei der Polizei in Dublin. Nach einigen Eskapaden setzt ihn seine Frau vor die Tür. Seine Sauftouren brachten seinen Chef dazu ihn zu „verbannen“ – so was nennt man dann wohl „einen Scheiß-Tag haben“.

Und an eben so einem Tag, in so einer Gegend soll Fin O’Malley Ausschau nach Thomas Keane halten. Das Grab hat der verschrobene Stadtbulle schon gefunden. Und mit dem Fund auch gleich die Erkenntnis, dass das Grab leer ist. Keane wurde angeblich von der See verschluckt. Thomas und Jack Keane waren Jahre zuvor der Schrecken der Polizei. Ihre gewitzten Überfälle hielten Fahnder und Medien lange auf Trab. Zehn Jahre lang gab es keine ähnlich verübten Raubüberfälle mehr. Bis vor Kurzem ein Van Gogh geraubt wurd

Der findige Kommissar gibt sich als Journalist auf der Suche nach einer Story aus, so ‘n Familiending. Doch das angeborene Misstrauen und die allgegenwärtige Bauernschläue der Einwohner Foleys lassen den vermeintlichen Coup platzen. Foleys Einnahmequellen sind … sagen wir mal dubios.

Bei seinen Erkundungstouren durch die Gedanken der Einwohner und die Gegend Foleys stößt Fin O’Malley auf Erstaunliches: Tiefverwurzelter Koboldglaube, ein Pfarrer, der wie die Jungfrau zum Kinde zu seinem Job kam, eine Restauratorin, die so gar nicht ins Bild der irischen Dorfidylle passt. Und diese kommt O’Malley wie eine Meerjungfrau vor. Wenn er wüsste welches Geheimnis sie in sich birgt…

Carolin Römers Erstling strotzt vor irischer Alltagstreue. Detailgetreu verpasst sie ihren Helden ein original irisches Korsett, das es den Handelnden erlaubt einen Freiraum zu entwickeln. Die verqualmte Atmosphäre in den Pubs (trotz Rauchverbot!) wickelt den Leser wie auch den Ermittler in rauchige Schwaden tiefsten Dickichts, das durchdrungen werden will. Wer bisher Irland als Land saftiger Weiden und glücklicher Schafe, als Land dicker Wollpullover tragender, Bier trinkender Menschen

Erhält bei Carolin Römer eine ordentliche Tracht Prügel in Sachen Iren und irischer Kultur. Und obendrauf gibt es ein Ende, das so keiner vermutet.

Und für eine Fortsetzung ist auch schon gesorgt.

Greed Castle

Greed Castle

Es ist ein bisschen wie in der Werbung: Ein Mann sitzt in einem schweren Wollpullover in den Dünen und schaut gedankenverloren aufs Meer hinaus. Er krault einen Hund, der ihm zugelaufen ist. Ein weißer Schäferhund, der in dieser Landschaft kaum auffällt. Das Leben könnte so schön, so ruhig, so einfach sein… Doch der Hund hat da was an den Pfoten. Fin O’Malley – so heißt der Mann, der Hund heißt Pebbles – untersucht das Auffällige an dem unauffälligen Hund. Blut! Die alte Sucht, der Jagdinstinkt erwacht sofort in dem ehemaligen Polizisten, den es aus der Großstadt Dublin ins beschauliche Foley an der irischen Küste verschlagen hat. Hier wollte er sich zur Ruhe setzen. Doch mit der Ruhe ist es nun vorbei. Denn die Neugier, woher das Tier kommt, bringt ihn direkt zu einem Tatort: Greed Castle. Dort liegt – tot – in einem Aston Martin – ein Auto, das man hier in dieser gottvergessenen Ecke nie zu Gesicht bekommt – Bertrand MacAllister – Immobilienmakler.

Die Dorfgemeinschaft, besser gesagt, der Teil, der sich regelmäßig im Pub versammelt und den Neuen, Ex-Kommissar, endlich akzeptiert hat, wittert nichts Gutes.

Fin O’Malley lässt sich breitschlagen und ermittelt undercover auf eigene Faust. Warum musste MacAllister sterben? Weiß sein Kompagnon, der jetzt die Firma allein leitet mehr? Der Plan geht schief, O’Malley kommt wortwörtlich mit einem blauen Auge davon. Jetzt schaltet sich auch die Polizei ein. Eine Tatsache, die man in Foley nicht gern sieht. Wenn jemand unerwünscht ist, dann die Uniformierten. Schließlich lebt man hier schon immer seine Angelegenheiten selbst geregelt. Und zu viele Fragen wirbeln nur unnötig Staub auf.

Carolin Römer konstruiert eine spannende und schlüssige Kriminalgeschichte an einem ruhigen Flecken Erde, wo die Welt immer noch selber in Ordnung gebracht wird. Sie verzichtet auf landestypische Stigmata und gibt ihren Charakteren Tiefe und Witz. Wer am Ende das Rennen um den Landsitz macht, wer der Mörder ist, welche Rolle ehemalige IRA-Aktivisten dabei spielen und welcher Erbe ein falsches Spiel spielt, bleibt bis zum letzten Kapitel offen. Nach „Die irische Meerjungfrau“ ist dies der zweite Krimi um Fin O’Malley aus der Feder von Carolin Römer. Der erste Fall wurde für den Glauser-Preis nominiert. Den zweiten Fall kann man getrost jetzt schon einen Preis für unverhohlene Spannung verleihen.