Auf ins Friaul

Auf ins Friaul

Wer sich nicht so recht entscheiden kann, wohin es im Urlaub gehen soll – die ewige Frage: Berge oder Meer? – für den ist das Friaul ein echtes Urlaubsparadies. Denn hier gibt es beides: Berge und Meer. Rudi Palla nimmt den Leser auf eine Entdeckungsreise durch das italienische Friaul, eine Region, die nur wenigen als erstes in den Sinn kommt, wenn Italien aufgetischt wird. Eine fast schon vergessene Region. Doch wer vergisst, tut dem Friaul unrecht.

Das Friaul bildet das Bindeglied zwischen Venedig und Slowenien. Und nicht nur im geographischen Sinne. Auch kulinarisch. Zwanzig originale friaulische Rezepte bilden die Kapitelabschlüsse. Wem da nicht das Wasser im Munde zusammenläuft… Fagottini pipieni di patate e porcini – Teigtaschen mit Kartoffel-Steinpilzfüllung. Klingt schon nach Italien. Deftig und leicht zugleich. Ja, das Friaul ist auf den ersten Blick widersprüchlich. Auf den zweiten Blick ist es doch eine Vielfalt, die einen in ihren Bann zieht.

Fünfundfünfzig Mal tut sie das in diesem Buch. Acht traumhafte Reisen im Friaul mit einer wahren Flut an Reisetipps. Allesamt in einem verführerischen Text eingebettet. Jeder Hinweis ist nummeriert und katalogisiert, so dass man sofort weiß, handelt es sich um eine Sehenswürdigkeit, ein Museum oder ein lohnenswerter Ort der Einkehr.

„Auf ins Friaul“ ist eine ideale Ergänzung zu einem klassischen Reiseband, denn die Reihe „Auf ins …“ verbindet Reisebuch und –beschreibung auf wunderbar einfache Weise. Gespickt mit historischem Wissen, etwa über das antike Aquileia, und erlesenen Ausflugstipps wirkt dieses Buch und die anschließende Reise noch lange nach.

Wie man über Orte spricht, an denen man nicht gewesen ist

Wie man über Orte spricht, an denen man nicht gewesen ist

Und da denkt man – immer wieder – dass man schon alles gelesen hat. Beziehungsweise zu jedem Thema ein Buch benennen kann. Weit gefehlt! Pierre Bayard hat eine echte Marktlücke entdeckt. Er schreibt über Menschen, die über Orte schreiben, an denen sie nie gewesen sind.

Ein Ratgeber für Angeber? Nein! Denn er zeigt lediglich auf, welch famose Blender die Weltliteratur bereichert haben. In unseren Breiten ist dafür Karl May wohl der Bekannteste.

„Wie man über Orte spricht, an denen man nicht gewesen ist“ bereichert trotz der Fake-Attitüden der besprochenen Autoren jeden Bücherschrank. Denn ihre Reiseerzählungen beflügelten und beflügeln – immer wieder – unsere Phantasie. Marco Polo ist nach Bayards Meinung nie über Venedig hinausgekommen. Vielleicht noch bis Konstantinopel. Aber da war dann auch Schluss mit der Reiserei. Und dennoch war Marco Polo bis vor einigen Jahrzehnten federführend, wenn es um kulturelle Erklärungen Chinas ging. Das konnte auch die Kulturrevolution eines Mao Tse-tung nicht verhindern.

Die elegante Aufmachung des Buches zielt in erster Linie auf Leser, die Ironie verstehen und die inneren Werte eines Buches zu schätzen wissen. Er deckt Wissenslücken und Fehler der Autoren auf, die dem flüchtigen Leser nie auffallen würden bzw. als künstlerische Freiheit abgetan werden könnten. Wer reist, will erzählen. Manche wollen aber nur erzählen, dass sie gereist sind. Sie benötigen Wissen in rauen Mengen. Dieses Wissen ist dank einer gigantischen Menge von Reiseberichten in einer schier unendlichen Vielzahl verfügbar. Klar, dass sich so mancher hier und da bedient – es muss ja nicht immer gleich eine Doktorarbeit sein… Dank Pierre Bayard werden wir Leser in Zukunft so manches Buches noch einmal aus dem Schrank holen und unter den neu gewonnenen Aspekten in einem völlig neuen Licht lesen. Aber – und das ist der eigentliche Nährwert des Buches – wir werden zum nochmaligen nachhaltigen Lesen angehalten.

Dieses kurzweilige Buch liest sich spannend wie ein Krimi, weil Bayard detektivisch die Ungereimtheiten aufdeckt. Dieses Buch liest sich flüssig, weil Bayard es versteht den Leser ab der ersten Seite zu packen, denn er vermeidet die Autoren bloßzustellen. Sie sind in seinen Augen keine vorsätzlichen Lügner. Sie schmücken ihre (literarisch / erreisten) Erfahrungen einfach nur ein bisschen aus. Aufhübschen ist das Zauberwort. Und dieses Buch ist ein wahres Kleinod im Wust der Reiseberichte. Denn Bayard vergisst keine Fußnote, keine Quellenangabe – alles ist nachvollziehbar: Egal ob er von einem unbekannten Ort, einem überflogenen Ort, einem erwähnten Ort oder einem vergessenen Ort spricht.

Kondor und Kühe

Kondor und Kühe

So eine Reise wird es nie wieder geben: Am 20. September 1947 bricht Christopher Isherwood zu einem seiner größten Abenteuer auf. Nicht im Stile Hemingways begleitet er den Kontinent Südamerika, vielmehr ist er ein Beobachter, dem es fern liegt selbst ins Geschehen einzugreifen. William Caskey ist sein Begleiter und der Fotograf. Seine Bilder verleihen dem Buch die Authentizität.

Unglaubliche sechs Monate – wer hat schon so viel Urlaub – bereisen die beiden die Karibik, Venezuela, Kolumbien, Ecuador, Bolivien, und als sie endlich Argentinien erreichen, haben sie mehr erlebt, als manch anderer in seinem gesamten Leben.

Auffallend ist die für die Zeit typische Fixierung auf Religion und deren Ausübung. Dass Isherwood für heutige Verhältnisse manchmal über das Ziel hinausschießt (Was bitteschön ist „jüdische Gemütlichkeit“?), verzeiht man ihm, da er niemals beleidigend wirkt. Christopher Isherwoods „Kondor und Kühe“ ist mehr als nur eine lebendige Auflistung der bereisten Orte am anderen Ende der Welt. Es ist vielmehr eine Bestandsaufnahme der vorherrschenden Bedingungen.

Die Vielfalt der Kunst in Kolumbien, Quito, das seine Besucher einfach nicht wieder loslassen will oder der enorme Fleischverbrauch der Portenos, der Einwohner von Buenos Aires: Isherwood nimmt alles friedvoll zur Kenntnis und berichtet teils überschwänglich, teils emotionslos. Was dabei herauskommt, ist ein grandios zu lesendes, in seiner Detailtreue unübertroffenes und einzigartiges Reisebuch, das man vielleicht nicht unbedingt vor Reiseantritt gelesen haben muss. Dann fehlt aber garantiert ein ordentliches Stück Verständnis auf der Reise durch diesen faszinierenden Kontinent.

Die seltsamen Gestalten einer Kreuzfahrt scheinen sich in den vergangenen fast siebzig Jahren kaum verändert zu haben. Ihre Skurrilitäten ähneln sich – Isherwood ist schon öfter zur See gefahren, aber noch nie sind ihm die Eigenarten der Passagiere so sehr aufgefallen. Als er das Festland erreicht, ist er immer noch beeindruckt von der Schiffspassage. Dennoch findet er stets die passenden Worte für die Naturschönheiten Lateinamerikas. Er trifft Menschen von früher und immer wieder neue Freunde. Korruption und Trägheit fallen ihm als Hemmnis für Fortschritt (und Wohlstand) immer wieder auf. Je länger die Reise dauert, desto öfter fallen ihm politische Zusammenhänge in all ihren Schattierungen auf. Und desto politischer werden auch seine Ausführungen.

Das Reisetagebuch „Kondor und Kühe“ gehört zu den Büchern, die man immer wieder aus dem Schrank holen wird. Es hält ein Südamerika fest, dass man so nicht mehr erleben kann, nur vereinzelt blitzt die Tradition unter der vereinheitlichten Oberfläche hervor. Christopher Isherwood trägt mit seinem Buch zum Erhalt von Erinnerungen bei, in dem er sechs Monate der Jahre 1947 / 48 für die Nachwelt festgehalten hat. Allein dafür gebührt ihm ewiger Dank.

Quintana Roo

Qintana Roo

Quintana Roo – das klingt nach … ja wonach denn? Exotik. Ein Hauch Ungewöhnliches, Fremdes, Althergebrachtes. Wer googelt, wird überrascht sein. 1974 trat Quintana Roo als letzter Staat Mexiko bei. Klingt gar nicht mehr so spannend. Ist es aber. Und zwar in den Kurzgeschichten des Autors James Tiptree Jr. Und schon nehmen die Vielschichtigkeit und das Verwirrspiel ihren Lauf. Denn der Autor James Tiptree Jr. ist oder war die Autorin Alice B. Sheldon. Das Geheimnis um „den Autor“ und die knackigen Geschichten wurde schon zu ihren Lebzeiten gelüftet.

Die Geschichten in  „Quintana Roo“ spielen natürlich alle in Mexiko im gleichnamigen Bundesstaat. Dort lebt ein geheimnisvolles Volk, das sich nur schwer mit dem Fortschritt anfreunden kann. Jede einzelne wird vom Nebel der Phantasie umhüllt, den es zu durchdringen gilt. Dem Leser wird einiges zugemutet. Er muss konzentriert lesen, auch zwischen den Zeilen. Klare Darstellungen wiegen sich im Wechselspiel mit mystischen Schilderungen. Die Ebenen schlagen wie Wellen mit schäumender Gischt übereinander, dass der Leser im Wortschwall fast zu ertrinken droht.

Im Septime-Verlag sind bereits vier weitere Bände mit Kurzgeschichten der Autorin und eine Biographie erschienen, weitere Bände folgen. Wer Science-fiction mag, kommt an James Tiptree Jr. nicht vorbei. Genauso wer sich für fremde Kulturen im Rahmen der Belletristik begeistern kann. Doch man muss sich völlig darauf einlassen können. Wer die kleinen Büchlein „nur mal eben so“ lesen will, stößt schnell an die Grenzen des Verständnisses. Die einheitliche Umschlaggestaltung weist schon auf das Sammelpotenzial hin: Die gesamte Tiptree-Reihe ist nicht nur eine Zierde für jeden Bücherschrank, sondern auch für die kleinen grauen Zellen. Und „Quintana Roo“ gehört in jeden Bücherschrank irgendwo zwischen lateinamerikanischer Folklore, Fantasy und Science fiction. Egal, wo man es ablegt, das Werk von James Tiptree Jr. macht Spaß und beflügelt unsere Phantasie.

Elba

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Die Inselwelt des Mittelmeeres ist so vielfältig wie ihre Anrainerstaaten und die Völker, die das Mittelmeer so besonders machen. Da gibt es Inseln mit Hotelanlagen, in denen vierundzwanzig Stunden die hoteleigene „Inselhymne“ aus den ausgeleierten Boxen Frohsinn versprühen soll. Und dann erheben sich kolossale Gesteinsformationen, die dem suchenden, kundigen Auge bizarre und zuweilen skurrile Formen präsentieren. Für diese Inseln wurde – so scheint es fast – der Begriff „Individualtourismus“ erfunden.

Elba ist so eine Insel. Sabine Becht bereist sie zusammen mit anderen toskanischen Inseln wie Gorgona, Capraia, Pianosa, Giglio, Giannutri sowie die berühmteste dieser Inselchen: Montecristo. Ja genau die, der der berühmteste Rachefeldzug der Literatur zugrunde liegt. Schon bei dem Gedanken an einzelne Textpassagen steigt das Reisefieber.

Elba ist vor allem Geschichtsfans ein Begriff. Hierher wurde Napoleon verbannt als er die Grande Nation in immer mehr Feldzüge und Niederlagen stürzte – im Jahr 2013 wird in und um Leipzig besonderes exzessiv das 200. Jubiläum der Völkerschlacht „gefeiert“. Doch Elba hat mehr zu bieten als den kleinen Korsen.

Die Insel wurde unter der Herrschaft der Pisaner Familie Appiani erst für eine weitere einflussreiche Familie der Toscana interessant: Die Medici. Die „übernahm“ die Stadt Ferraia 1548 und baute in Windeseile die Festung Cosmopoli, das heutige Porteferraio, nach Aussagen der Autorin die quirlige Inselhauptstadt im Norden der Insel, idyllisch an einer Bucht gelegen.

Egal, ob man nun auf historischen Pfaden wandeln oder wandern, sich intensiv seinem Sport (wie beispielsweise Tauchen) widmen oder einfach nur die Seele baumeln lassen will – Elba ist immer noch ein kleiner Geheimtipp und Sabine Becht lüftet so manche diskrete Tür und gewährt dem Leser Einblick in diese faszinierende Insel. Allerdings sollte der Geldbeutel etwas praller gefüllt sein als auf anderen Mittelmeerinseln. All inklusive ist an Elba nur dieser Reiseführer vom Michael-Müller-Verlag.

Auf ins Weinviertel

Auf ins Weinviertel

Auf ein Viertel Wein ins Weinviertel? Aber gern doch! Doch es wird nicht bei dem Viertel Wein bleiben. Denn der Weinkeller bzw. das Weinviertel hat mehr zu bieten als dass es während eines Viertels Wein zu besprechen wäre.

Eva Rossmann und Manfred Buchinger wandern durch die Gegend nördlich von Wien und erzählen von dem, was ihnen begegnet. Herauskommt ein Reiseführer ganz ohne Allüren und voller Geheimtipps. Denn sie listen nicht einfach nur auf, was man wann und wo erlebt haben muss, sondern sie erzählen es wie im Gespräch mit einem Freund.

Sie wandern und plaudern scheinbar einfach drauf los. Und so ganz nebenbei zeigen sie nach links und rechts des Weges und erklären, was es da so zu erkunden gibt. Wichtige Sehenswürdigkeiten, gastronomische Tipps und historisch Wichtiges werden mit Symbolen hervorgehoben.

Fünfundfünfzig Verführungen warten auf den neugierigen Leser, die seine neuen Freunde – die Autoren – parat halten. Fünfundfünfzig Mal Kulinarik, fünfundfünfzig Mal Geschichte(n), fünfundfünfzig Mal Weinviertel mit all seinen Bewohnern, ihren Spleens und ihren Traditionen.

Ein Veltliner am Wegesrand fällt immer ab. Denn hier ist der typisch österreichische Wein zuhause. Hier wird das Glasl noch zelebriert. Die Autoren verstehen es meisterhaft dem Leser den Mund wässrig zu machen.

Eva Rossmann ist Journalistin und Gastgeberin der ORF-Talkshow „Club  2“ sowie die Autorin der erfolgreichen Krimireihe um Mira Valensky. Manfred Buchinger ist mehrmals ausgezeichneter Koch mit Erwähnungen im Guide Michelin und Gault Millau. Kochen und Reisen: (und darüber erzählen) bei den beiden mehr als nur eine Leidenschaft. Hier treffen pointierte Erzählweise und lukullisches Fachwissen in vollendeter Form aufeinander.

So wird der Literarische Spaziergang zwischen Sachertorten-Metropole und ehemaligem Eisernen Vorhang zum Ausflug mit Freunden, die gern über ihre Heimat erzählen.

Kleine Geschichte Amsterdams

Kleine Geschichte Amsterdams

Amsterdam gehört unter den Metropolen der Welt sicherlich zu den liberalsten Städten. Jeder junge Mensch will in seinem Leben einmal nach Amsterdam. Der Grund darin liegt, … ach das soll jeder für sich selber entscheiden. Zweifelsohne steht fest, dass jeder Tag, jede Stunde, jede Minute in der Stadt auf Pfählen die Reisestrapazen wert ist.

In diesem kleinen, informativen Büchlein wird der Geschichte dieser an Geschichten so reichen Stadt gebührend Respekt gezollt. Einer Stadt, die als kleiner Ort in einem unbewohnbaren Gebiet schon immer die Blicke der Außenstehenden auf sich zog und als einer der größten Handelsplätze der Welt jahrhundertelang für Furore sorgen sollte.

Davon überzeugen sich jährlich Millionen Besucher. Und die kommen nicht alle nur wegen der Coffee-Shops und des geheimnisvoll illuminierten Redlight-Districts. Hier ist Geschichte mit allen Sinnen wahrnehmbar.

Pünktlich zu ihrem 500. Geburtstag wurde Amsterdam im Jahre 1806 zur Hauptstadt der Niederlande ernannt. 180 Nationalitäten tummeln sich hier und den 165 Kanälen. Autor Christoph Driessen bezeichnet Amsterdam als riesigen Guckkasten. Fürwahr!

Und als Guckkasten der Geschichte Amsterdams fungiert dieses Buch. Es sei an dieser Stelle verziehen, dass nicht auf jedes Ereignis, das Stadt und Menschen ereilte, eingegangen werden kann. Dafür ist dieses Buch da. Jede einzelne Seite strotzt nur so vor Wissen. Sich dem Zauber der Stadt und ihrer abwechslungsreichen Geschichte entziehen zu wollen, käme einer Flucht vor unterhaltsamer Wissensvermittlung gleich.

Christoph Driessen ist gebürtiger Holländer, der in Deutschland geboren wurde. Klischeehaft also ein toleranter Pedant. Oder ein pedantischer Freigeist. Fakt ist, dass dieses Buch exzellent recherchiert wurde – kein Wunder leitet er doch das Kölner dpa-Büro.

Immer wieder wird der Geschichtsexkurs durch Anekdoten wohlwollend unterbrochen. Das stört den Lesefluss in keinster Weise. Im Gegenteil, es macht Buch und Stadt so abwechslungsreich sympathisch. Wer Amsterdam mehr als nur vom Wasser aus erkunden will, der braucht Hintergrundwissen. Und da kommt dieses Büchlein gerade recht! Kurz und knackig wird diese kleine Metropole (von einer Millionenstadt ist Amsterdam so weit entfernt wie New Amsterdam, also New York von der Beseitigung des Verkehrschaos) ins Visier genommen und liebevoll in seine Basisstücke zerlegt. Zusammengesetzt ergeben diese Teile eine Potpourri der Nationen und Kulturen, das wie eine Oase im Einheitsbrei Westeuropas vor sich hinschwimmt.

Gert Fröbe

Gert Fröbe

Sind Komödianten die besseren Bösewichte oder sind Bösewichter die besseren Komödianten? Im Falle von Gert Fröbe ist die Frage irrelevant, denn er war einer der größten deutschen Schauspieler. Als Goldfinger lässt er immer noch mit seiner heißeren, metallisch-höhnischen Stimme das Blut in den Adern gefrieren, wenn er dem an eine goldene Platte gefesselten Sean Connery auffordert: „No, Mr. Bond … I expect You to die!“ Als personifizierte Schnecke, die sich nicht schlüssig ist, ob sie denn nun aus ihrem Haus rauskommen soll oder nicht, begeistert er immer noch Jung und Alt.

Die blitzgescheiten Augen, das schelmische Lächeln und die durchaus imposante Statur wecken sofort Assoziationen beim Publikum. In „Es geschah am hellichten Tag“ verteufeln wir ihn als kranken Triebtäter und haben zugleich Mitleid mit dem geschundenen Charakter, der mit Schokoladenigeln kleine Mädchen verführt, um…

Doch auch als „Otto-Normal-Verbraucher“ – ein Begriff, der dank seiner schauspielerischen Leistung in den Alltagssprachgebrauch übergegangen ist, fasziniert er Zuschauer wie Cineasten. Der Mensch hinter der Maske, er tritt in diesem Buch zum ersten Mal vor den Vorhang.

Beate Strobel stellt einen Mann vor, den man zu kennen scheint. Doch wir kennen nur den pickelhaubigen Oberst Holstein aus „Die tollkühnen Männer in ihren fliegenden Kisten“ oder den hartleibigen Trunkenbold in „Via Mala“ oder eben den Prototypen des Bösewichts bei 007. Den offenherzigen, immer zu geben bereiten, das Leben liebenden Tausendsassa lernen wir erst jetzt kennen.

Zeitlebens bewunderte er Heinz Rühmann, mit der er zwei Filme drehte. Und den er jedes Mal mit Bravour an die Wand spielte. Mehrere Ehen hatte der hünenhafte Sachse geführt. Sein von Arbeitswut und Neugier getriebenes Leben waren nie der alleinige ausschlaggebende Punkt für das Scheitern.

Gert Fröbe war ein großer, vielleicht sogar der größte deutsche Star im internationalen Kino. Während Rühmann in Deutschland nicht mehr wegzudenken war, zog es Fröbe – auch wegen der besseren Bezahlung – ins Ausland. Tiefschlägen folgten prompte Erfolge. Mit Schicksal hatte dies nie zu tun, das wusste auch Gert Fröbe. Ein Leben lang arbeitete er. Schon als Kind verdiente er seine ersten Groschen. Als Bühnenbildner war er gestartet, als gefeierter Weltstar mit Charaktergesicht trat er von der Bühne des Lebens ab. Beate Strobel trägt mit ihrer Biografie maßgeblich zum Nichtvergessen dieses großen Mimen bei, in dem sie im Stile Gert Fröbes Lebens die wichtigen Fakten für sich sprechen und den Firlefanz außen vor lässt. Eine Biografie, die auch als Roman durchgehen könnte.

Soutines letzte Fahrt

Soutines letzte Fahrt

Chaim Soutine geht es schlecht. Sehr schlecht. Aus dem Lexikon wissen wird, dass er bald sterben wird. Der Maler, der mit Modigliani eng befreundet war, fährt an diesem Tag, dem 6. August 1943, zusammen mit seiner Ma-Be in einem Leichenwagen durch das besetzte Frankreich. Ihm geht es schlecht. Er muss ins Krankenhaus. Doch als weißrussischer Jude ist in dieser Zeit die Chance im Konzentrationslager zu enden um ein Vielfaches höher als Hilfe angeboten zu bekommen. Deswegen das Versteck …, nein –spiel wäre hier mehr als unangebracht.

Die Schmerzen des Magengeschwürs im Mix mit dem schmerzlindernden Morphium treiben Soutines Gedanken voran und zurück. Er blickt zurück auf ein Leben, das geprägt war von Entbehrungen und großen Glücks. Als er zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Paris, der Welthauptstadt der Malerei ankommt, ist er überglücklich. Doch das harte Brot des Geldverdienen-Müssens zieht ihn teils unter den Boden der Tatsachen hinunter.

Erst die Freundschaft zu Modigliani, der dem desillusionierten Maler seinen Kunsthändler vorstellt, bringt Licht ins Dunkel des Schaffens. Doch Leopold Zborowski ist anfangs so gar nicht begeistert von der Morbidität der Werke. Außerdem ist er mehr als nur der Kunsthändler Modiglianis. Amadeo Modigliani ist die fette Gans, die ihm das Leben ermöglicht – da duldet man selten weiteres Vieh, das eh nur Arbeit macht. Erst ein Milliardär – ein echter self-made-man aus den Staaten – bringt Schwung in Soutines Arbeitsroutine.

Chaim Soutines Werk ist geprägt von den Eindrücken, die der Maler in der Ausübung seines Berufes empfindet. Vor seinen Augen altern seine Modelle – und auch die Leinwand mit den Farbstrichen altert zusehends. Sie wirken auf den ersten Blick verstörend, verzerrend. Genauso so verzerrt ist Soutines Leben im Moment des Erinnerns.

Ralph Dutlis Roman ist eine Mischung aus wahrer Historie und eigener Phantasie. Chaim Soutine existierte wirklich, auch wenn ihn nur Wenig kennen. Ob die letzten Tage wirklich so vergingen, keiner weiß es. Das kann dem Roman in keinster Weise etwas anhaben. Die Geschicklichkeit, mit der Ralph Dutli die Worte wählt – gleich in Zeile neun packt er den Leser mit dem Vergleich eines Kindes, das mitten im August (1943) verschnupft ist, genauso wie das besetzte Land (Frankreich).

An Chaim Soutines Grab in Paris stehen im August 1943 nur fünf Menschen, unter ihnen Pablo Picasso und Jean Cocteau. Die Kunstwelt wird Schlange stehen, um ein Buch über einen fast schon vergessenen Künstler zu ergattern.

Rom – Ein Biografie

Rom - eine Biografie

Biografien werden – zumindest sollte das so sein – erst nach dem Ableben der besprochenen Person veröffentlicht. Sie sollen die besondere Bedeutung desjenigen hervorheben und sein Wirken in Erinnerung behalten. Eine Biografie über eine Stadt – das ist neu. Zumal, wenn sich die Stadt sich einer blendenden Gesundheit erfreuen kann.

Rom ist eine der meist besuchten Städte der Welt. Ihre heutige Erscheinung verdankt sich brillanten Köpfen, Baumeistern und Politikern, die sich hier ihr Reich schufen und zeitweise die Geschicke der Welt lenkten. Stephan Elbern hat ihre Lebensläufe in direkten Zusammenhang mit der italienischen Hauptstadt gebracht und ein einzigartiges Werk geschaffen.

Sieben – fünf – drei – Rom schlüpft aus dem Ei. Netter Spruch. Aber er hat so seine Tücken. Für Schulkinder eine ideale Eselsbrücke. Für Wissenschaftler Humbug. Sei es wie es sei: Die Geschichte Roms – von seiner Entstehung und der damit verbundenen Legende von Remus und Romulus bis hin zur Gegenwart – lässt immer wieder aufhorchen. Als gewaltige Republik gescheitert, als Kaiserreich zu neuer Größe erblüht. In der Spätantike zur Kleinstadt verkümmert (von einst 800.000 Einwohnern waren im 14. Jahrhundert lediglich 20.000 Bürger übrig), erlebte die Stadt während Renaissance selbiges. Die prachtvollen Bauten, vor denen so mancher Tourist heute staunend die Gesichtsmuskulatur erstarren lässt, künden vom einstigen Ruhm, der bis heute anhält. Noch immer sind Plätze wie Pizza Navona oder das Kolosseum Magnete für Millionen Neugieriger. Doch wie sind sie entstanden? Wer hat sie in Auftrag gegeben?

Eine Stadt wird durch ihre Bürger und deren Führung geprägt. Den römischen Kaisern war besonders daran gelegen, der Nachwelt Beeindruckende zu hinterlassen. Wer Rom besucht, kommt um Jahrtausende alte Geschichte nicht herum. Stephan Elbern bietet sich mit seinem Buch als unterhaltsamer Cityguide an, der geschickt und umfassend die Ewige Stadt erklärt, ihre Denker und Lenker hervorhebt und ihre Würde und Anmut erstrahlen lässt.

Bleibt zu hoffen, dass „Rom – ein Biografie“ sich alsbald zu einer erfolgreichen Buchreihe im Nünnerich-Asmus-Verlag entwickelt. Städte wie Istanbul, Damaskus, Paris, London, Marseille, Persepolis … tragen die Geschichte ja schon fast wie einen Bauchladen vor sich her. Selbstbedienung erwünscht.