Weihnachtlich glänzet der Wald

Der Tod muss a Wiener sein. Es war nur eine Frage der Zeit bis die Weihnachtskrimis aus dem Hause Edition Karo in der Wohlfühloase des Jenseits Einzug halten. Nirgendwo sonst wird mit so viel Grandezza und Schmäh gemordet. Zum vierten Mal wurde der KaroKrimiPreis für Weihnachtskrimis ausgelobt und dieser blutrünstige Adventskalender mit vierzehn Türchen gestaltet.

Die Mariahilferstraße ist eine verkehrsberuhigte Zone wie der Amtsschimmel es so freudlos nennt. Trotzdem wuselt es hier an allen Ecken und Enden. Vom Ring kommend erklimmt man die leichte Steigung und ist verzaubert vom Lichterglanz der Weihnachtszeit. Doch in den Ecken brodelt die Wut, sie brodelt. Das Blut kocht, es kocht. Und zappzarapp ist ein Lichtlein schon ausgepustet.

Wien steckt voller Prachtbauten. Herrschaftliche Paläste zeugen vom Glanz des Habsburger Reiches. Auf ihren Treppen und Stufen tummeln sich die Pärchen. Und zwischendrin liegt auch ab und zu mal a scheene Leich. Kümmert’s wen? Naa, warum denn. A Leich is a Leich. Helfen kannst eh net.

Die Anthologie steckt voller Mordsideen.

Die Autoren verstricken ihre Opfer und Täter in Situationen, die nur einen Ausweg kennen. Einen absoluten, einen endgültigen. Und es gibt kein Zurück. So manches Weihnachtsgebäck bleibt einem da schon mal im Halse stecken. Oder soll es das gar nicht? Alles doch nur eine nette Geste?

„Weihnachtlich glänzet der Wald“ ist die ideale Einstimmung auf die grauen Tage. An diesen Kurzkrimis – der Champions League unter den Krimis – spürt man das Lokalkolorit und die Verbindung der Wiener zum Tod. Alles hat das besondere Etwas. Die Fluchtwege, die Spaziergänge durch die Donaumetropole, die ausgeklügelten Taten können nur hier angesiedelt sein. Die Verbindung der Wiener zum Tod ist legendär – erklären lässt sie sich nur schwer. Vielleicht liegt es am Schmäh, am fast schon britischen schwarzen Humor, am Umgang mit dem Unausweichlichen.

Denn unausweichlich sind auch die Verbrechen. Als Leser wird man zum Komplizen, zum verständnisvollen Mitwisser. Ja, Schuld lädt auf sich, wer dem Täter die Hand reicht. Aber alles nur Fiktion. Kein Grund zur Sorge und zu Selbstzweifeln.

Die drei Gewinner des KaroKrimiPreises eröffnen den Reigen der weihnachtlich rot (tot?) geschmückten Stadt. Ein Stadtrundgang durch körperwarme Lebenssäfte in vierzehn Etappen wartet darauf entdeckt zu werden. Und wie es an Weihnachten nun einmal ist, tritt dabei so manche Überraschung zutage…

African Queen

Da kommt man schon mal ins Straucheln: Allein in einer fremden Stadt, einem fremden Land, auf einem fremden Kontinent. Mutterseelenallein. Rose Sayer ist in dieser Situation. Ihr Bruder, der als Missionar in Afrika tätig war, ist von ihr gegangen. Nur das Rauhbein Charlie Allnutt ist an ihrer Seite, bzw. steht ihr gegenüber (und manchmal auf im Weg). Auf der Flucht vor dem Weltkrieg, der nun auch Afrika erreicht hat. Auf einem teils gefährlichen Fluss. Auf der African Queen, einem klapprigen schwimmenden Untersatz, der raucht, zischt, um sich schlägt. Zwischen den beiden raucht es auch. Sie zischt ihn an. Er schlägt zurück.

Der Weltkrieg kam in Gestalt der deutschen Truppen in die Mission von Rose und ihrem Bruder, dem Reverend. Sie schlugen alles kurz und klein. Der Reverend ist nicht mehr.

Charlie ist ein Gauner par excellence. Charmant und zupackend zugleich- Verschwiegenheit ist sein zweiter Name. Sicher ist sicher. Anpacken kann er. Reden und Manieren sind nicht gerade seine Stärken. Und so kommt es, dass die Reisegesellschaft auf der African Queen sich spinnefeind ist, aber als Schicksalsgemeinschaft einen Weg finden muss, das rettende Ufer (im wörtlichen als auch im übertragenen Sinn) erreichen muss.

Die resolute gottesfürchtige, aber bei Weitem nicht naive Rose Sayer und der ungeschliffene Charlie Allnutt und eine Ladung Sprengstoffgelatine auf einer klapprigen Barkasse – das ist eine Mischung! Eine Mischung, die einfach hochgehen muss. Denn das Abenteuer hat erst begonnen…

In „African Queen“ prallen zwei Welten aufeinander, die nur schwerlich ohne Getöse auskommen. Charlie Allnutt gefällt sich in der Rolle des Helfers, der Sachen von A nach B bringt und ansonsten in Ruhe gelassen werden will. Rose Sayer ist erfüllt vom Leben an der Seite ihres Bruders. Nächstenliebe gibt sie mit besonderer Hingabe ohne eine Gegenleistung einzufordern. Sie als weltfremd zu bezeichnen wäre fatal. Denn sie kann anpacken. Die Stromschnellen des Ulanga-Flusses meistern beide mit Bravour – sie haben ein Ziel vor Augen, für das sich die Strapazen der Reise lohnen. Sich zusammenzuraufen ist da schon eine weitaus größere Herausforderung.

Der Roman erschien 1935, 1951 wurde er verfilmt. Katherine Hepburn war von der ersten Zeile des Buches an begeistert. Kein Wunder, denn die Rose Sayer kann durchaus als alter ego der Leinwandgöttin gesehen werden. Für Bogey in der Rolle des Charlie Allnutt gab es einen Oscar. Im Film werden die Charaktere überspitzt dargestellt. Autor C.S. Forester schuf mit den beiden Protagonisten die Prototypen der Afrika-Abenteurer und einen echten Schmöker, den man erst beiseitelegt, wenn die letzte Zeile gelesen ist.

Künstlerinnen Kalender 2018

Sie sind Königinnen, Göttinnen der Leinwände, Herrscherinnen über Phantasie und strahlende Botschafterinnen der Kunst. Doch wie wird man zur Königin, Göttin, Herrscherin? Durch bloße Anwesenheit? Nur vereinzelt und das erst seit Kurzem. Diese Damen, deren Halbwertzeit sich stetig verlängert wird man in diesem Kalender vergebens suchen. Hier kommen wahre Heldinnen zu Wort. Viele kennt man, manche wiederum sagen nur Wenigen etwas. Gleich zu Beginn eine dieser Unbekannten: Loïe Fuller. Nicht nur ein außergewöhnlicher Name, sondern auch eine Wegbereiterin des modernen Tanzes. Mit einem flackernden Brennmittel in der Hand leuchtete sie sich und anderen den Weg. Die Anderen, das waren diejenigen, die heute den modernen Tanz nicht als das ausüben könnten ohne Loïe Miller.

Die im Juli 2017 verstorbene Jeanne Moreau war scheinbar ihr Leben lang eine Kämpferin für sich und ihre Ideen. Für sie war das Glas immer halb voll, hat sie eines Tages beschlossen. Truffaut war ihr verfallen, die große Liebende war ihre Rolle, sie selbst sah sich als Sphinx.

Von Nina Simone und Bette Davis über Isabelle Huppert und Audrey Hepburn bis hin zu Simone de Beauvoir und Artemisia Gentileschi reichen die kurzen knackigen Aussagen der abgebildeten Damen, die teils bis heute den Männern den Kopf verdrehen oder Altgestrige immer noch zur Verzweiflung bringen.

Ihnen ist gemein, dass ihre Gedanken stärker waren als so manches Schwert. Sie hatten und haben eine Meinung, die oft gegen den Strich „der Anderen ging“. Die Damen hatten den Mut und die Möglichkeit ihre Meinung zu verteidigen. Und das taten sie. Anna Magnani ließ sich nicht vom Geschwätz der Leute beirren – ihre Falten gehörten ihr, schließlich hatte sie sie sich schwer erarbeitet. Das Gerede darum quittierte sie mit einem Lächeln und einen derben Spruch.

Selbstbewusstsein war keine Erfindung der Neuzeit. Bereits Hildegard von Bingen wusste früh sich durchzusetzen. Ihr Antrieb war die Neugier, der Drang nach Erkenntnis. Heute ein fast selbstverständlicher Vorgang, zu ihrer Zeit fast schon skandalös.

Jede Woche eine neue Dame, die sich nicht verbiegen ließ. Jede Woche eine neue Erkenntnis, ein neuer Antrieb als Startrampe in die Woche. Ausdrucksstarke Bilder, kernige Sprüche und eine Kurzbiographie – das Jahr 2018 wird lehrreich und zum Anbeten schön!

Memoiren eines alten Arschlochs

Wer kennt sie nicht?! Die Alleskönner, die jeden kennen, ihren „Beziehungen spielen lassen“, und das Gefühl vermitteln an der Kasse noch etwas rauszubekommen. Aufschneider könnte man sie nennen. Angeber. Auch Arschloch. Das darf man sagen, schließlich hat Roland Topor die Erlaubnis gegeben.

Sein namenloser Held ist so ein Aufschneider, Angeber, Arschloch. Und er ist sich auch dessen bewusst. Zugeben würde er es natürlich niemals. Er lebt schließlich in seiner eigenen Welt, die ihm nicht erlaubt über die selbst abgesteckten Grenzen zu treten.

Er – der Namenlose – ist schon früh von der Kunst beseelt. Dann, als Jugendlicher, junger Mann, bringt er die Kunstwelt zum Kochen. Picasso läuft ihm hinterher wie ein läufiger Hund. Breton wird durch ihn zu seinem surrealistischen Manifeste du Surréalisme animiert. Er zockt Einstein beim Poker ab. Und mit Grock, dem Clown, verbrachte er Nächte hinter den Kulissen eines Tanztheaters auf den Hügeln von Paris. Welches er selbstredend erfunden hatte.

Ja, er ist ein Aufschneider, als größenwahnsinnig kann und muss man ihn beschreiben. Solange er einem nicht auf die Pelle rückt, ist es zu ertragen. Aber wehe, wenn er vor einem steht und man die offensichtlich erfundenen Geschichten über sich ergehen lassen muss. Zum Glück ist alles nur Fiktion. Übertrieben, überbordend vor Lebenslust, überquellender Drang sich in den Vordergrund zu spielen. Und zum Glück (nur) als Buch erhältlich.

Denn so kann man, wenn es zu viel wird, die Seiten schließen und sich selbst ein wenig Ruhe gönnen. Doch die Sucht hat schon vom Leser Besitz ergriffen. Nun will – man muss – einfach mehr erfahren. Will wissen, was er sich als nächstes ausgedacht hat, wen er zum Handeln angetrieben hat. Das wie und warum ist nebensächlich. Ihm geht es einzig allein nur um eine Sache: So schnell wie möglich das Natürlichste von der Welt selbiger kundzutun. Er ist die Triebfeder des Fortschritts. Ohne ihn wäre die Kunst nur Beiwerk des Teufels. Er allein hat die Moderne angeregt, ins Rollen gebracht. Ihren Fortgang kann er nicht mehr beeinflussen- er hat Besseres zu tun.

Der Titel macht auf sich aufmerksam wie selten ein Buch zu vor. Darf man das A-Wort sagen, es sogar auf den Titel drucken? Ja, natürlich. Die Selbstverständlichkeit des fiktiven Ichs fordert die Nennung geradezu heraus. Die Zeilen lassen kein Auge trocken sein. Wer auch nur ansatzweise ein wenig (Kunst-)Verstand besitzt, kommt dem Lügengemäuer schnell auf die Spur. Na und?! Ist doch alles nur ein Spaß.

Für Roland Topor muss es ein Vergnügen gewesen sein. Er selbst war ein Tausendsassa. Bühnenbilder und Prosa, Filmrollen und Bücherillustrationen bestimmten sein Lebenswerk. Regisseure wie Fellini waren von ihm beeindruckt. Polanski gab seinem „Mieter“ das darstellende Pendant zur Schrift. Ob Er nun wirklich ein Arschloch war, muss der Leser entscheiden. Die Stories sind teils so hanebüchen, dass man ihn eher bedauert – auf alle Fälle sich aber köstlich amüsiert.

Imani

Imani ist eine privilegierte junge Frau. Sie spricht Portugiesisch. Ein Vorteil, den Imani zu nutzen weiß. Die Fronten zwischen VaChopi, ihrem Volk und den VaNguni, dem Volk des Königs Ngungunyane und der Besatzungsmacht Portugal sind verhärtet. Der Feind meines Feindes ist mein Freund. Und so sind die VaChopi den Besatzern halbwegs wohlgesonnen im Mosambik am Ende des 19. Jahrhunderts. Das Reich Gaza im Süden des Landes gehört zu dieser Zeit zu den größten des Kontinents. Wer nun eine exakte Abhandlung über die kriegerischen Auseinandersetzungen der verfeindeten Truppen erwartet, muss ganz genau zwischen den Zeilen lesen können.

Denn in erster Linie ist Mia Coutos Buch eine Liebeserklärung an die Geschichte seines Heimatlandes. Imani ist höflich, gebildet, zuvorkommend, aber niemals unterwürfig oder aufmüpfig. Und sie kann im Handumdrehen das Herz des Portugiesen Germano erobern. Der kann diese Liebe aber niemals zugeben oder gar öffentlich machen. Nur in Briefen an sein Hauptquartier schwingt mehr als nur ein wenig Bewunderung für Imani mit.

Das Volk der VaChopi ist, wenn man es mit anderen Völkern vergleicht und den Maßstäben unserer Zivilisation misst, ein fortschrittliches Volk. Frauen und Männer arbeiten gleichsam auf den Feldern, obgleich mit Vehemenz das Patriarchat gepflegt wird. Doch insgeheim sind die Frauen die heimlichen Herrscher.

Ihr Dorf minimiert den großen aufopferungsvollen Kampf auf den kleinsten gemeinsamen Nenner: Die Familie kämpft auf beiden Seiten des Krieges, und innerhalb der Familie sind sich die Brüder – Vater und Onkel von Imani – nicht grün.

Mia Coutos Heldin Imani ist hin und hergerissen zwischen Achtung den Familienoberhäuptern gegenüber – wie gesagt, es gibt nicht nur einen Mann, der hier bestimmt, sondern eben auch die Frauen, die auf ihre eigene Art wissen wie man Einfluss nimmt – und der Pflichterfüllung als Übersetzerin / Vermittlerin zwischen den Kriegsparteien. Am Ende weicht die Unbekümmertheit der Jugend der nüchternen Realität.

„Imani“ ist der Auftakt einer Trilogie, die von den letzten Tagen des Gaza-Reiches in Mosambik erzählt. Hier treffen Poesie und historische Fakten in nie zuvor gekannter Symbiose aufeinander und verzaubern aber der ersten Zeile.

Maxima und ich

David ist ganz traurig. In der Schule wurde er wegen seiner Hautfarbe gehänselt. In Nigeria, wo er geboren wurde, gab es solche Probleme nicht. Sein Papa war dort Arzt. Als es zu gefährlich wurde, gingen seine Eltern mit ihm zurück nach Deutschland. Mama und Papa sind nämlich nicht seine richtigen Eltern, doch irgendwie schon. Und Mama weiß immer wie sie ihren Sohn beruhigen kann. Dann weiß David noch besser wo er zuhause ist.

Die blöden Junges in der Schule sind schnell vergessen. Und erst recht als Maxima ihm ihre Liebe gesteht. Sie malt ein Herz und schreibt ihrer beider Namen rein. Von nun an sind David und Maxima ein Paar. Sie darf sogar bei ihm übernachten. Sie tauschen die Schlafanzüge, was zu Verwechslungen am Tisch sorgt. Denn David will auf einmal gar nicht mehr so viel essen. Und Maxima dafür umso mehr. Doch die Liebe währt nicht lang…

Hanna Jansen gelingt es mit spielerischer Leichtigkeit ein Kinderbuch zu schreiben, das nicht nur Kinder, sondern vor allem auch deren Eltern begeistert. Wo einst Regenwolken den Tag, die Woche, ja das gesamte folgende Leben noch zu verdunkeln drohten, lacht postwendend nicht minder langanhaltend wieder die Sonne. Und egal, welche Hautfarbe man hat, sind die Probleme der Kinder doch immer und überall dieselben.

Die Zeichnungen zum Buch hat Leonard Erlbruch erstellt. Mit minimalistischer Farbgestaltung schafft er das Bindeglied zwischen Text und Leser.

„Maxima und ich“ ist ein Kinderbuch ab sieben Jahren, das immer wieder gelesen werden kann. Autorin Hanna Jansen drückt den Finger in die Wunde, die Kinder leicht schließen können und ihren Eltern oft genug ein Vorbild sein können.

Les fleurs du mal – Die Blumen des Bösen

Was haben die „Bolivianischen Tagebücher“, „Siddharta“ und „Die Blumen des Bösen“ gemeinsam? In unzähligen Haushalten fristen abgegriffene, vergilbte, abgerockte Ausgaben davon ihr Dasein. Es sind Erinnerungen an eine Zeit des Suchens und des Findens. Sie waren (und sind) Wegweiser, Denkanstifter und inhaltsschwere Zeitvertreibe.

„Les fleurs du mal – die Blumen des Bösen“ sind nun in einer Neuauflage erschienen, die niemals vergilbt, abgegriffen oder abgerockt aussehen wird. Wirft man einen Blick hinter die Fassade, den Schutzumschlag, wird dies schnell klar: Dunkelgrauer Einband mit futuristischer Symbolik. Enger könnte die Verbindung zum Inhalt nicht sein. Denn Charles Baudelaire hat mit seinem Hauptwerk, das vor 150 Jahren erstmals erschien, viele Nerven getroffen. Skandal! So was darf man doch nicht schreiben, schon gar nicht veröffentlichen! Das gehört sich nicht! Die Konsequenzen waren weitreichend. Für ihn, und für die Zeit. Er prägte den Stil der Lyrik nachhaltig, so dass sein Erbe, dessen Großteil dieses Buch ist, bis heute immer wieder aufgelegt wird.

Das Besondere an diesem Buch ist nicht allein die Tatsache, dass die sechs in der zweiten Originalfassung gestrichenen Gedichte in diesem Buch veröffentlicht werden, sondern die zweisprachige Ausgabe. Links das französische Original, rechts immer die Neuübersetzung von Simon Werle. Dieser hat ohne Sinnverlust die „alten“ Zeilen in eine zeitgemäße Deutschversion übertragen. Und wenn man den deutschen Text liest, Zeile für Zeile mit dem Original vergleicht – auch wenn man des Französischen nicht unbedingt so mächtig ist – kommt man dem Geheimnis von Baudelaires Sprachgewalt allmählich auf die Spur.

Das Schwierige an Lyrik ist die Verschlossenheit gegenüber exakter Analyse. Aufbau und Struktur kann man untersuchen und sich an der Schönheit und Reinheit erfreuen. Doch Lyrik kommt vom Herzen, und Gefühle können schlecht sortiert bzw. allumfassend analysiert werden. Es sind immer nur Fragmente, die entschlüsselt werden und dann auf das Große und Ganze umgerechnet werden. Auch lässt sich Lyrik im Allgemeinen, und „Les fleurs du mal“ im Speziellen nicht auf einmal komplett lesen. Die Emotionen springen sonst im Viereck, doch ist es eine Wohltat zu wissen, dass ein Standardwerk immer griffbereit im Regal steht und zu jeder Tages- und Nachtzeit wohlige Worte den Raum erfüllen können.

Man muss sich auf die Zeilen einlassen, vielleicht am Canal Saint-Martin in Paris, wo wie man Tom Sawyer am Mississippi liest, oder eben Siddharta in einem indischen Ashram, oder die bolivianischen Tagebücher in den Anden. Denn dann treffen „echte Welt“ und deren Interpretation dort aufeinander, wo ihre Wurzeln liegen. So wie man van Goghs Sonnenblumen nur in der Provence erst richtig auf den Grund gehen kann.

Goethes Faust und Einsteins Haken

Wenn Schach das Spiel der Könige ist, ist dann Boxen das Spiel der Straßenköter? Dieses Buch hetzt Wissenschaftler aufeinander (bzw. in den Ring), die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben können: Geisteswissenschaftler und Naturwissenschaftler. An den Unis gehen sich beide Fachrichtungen oft aus dem Weg. Klischee! Doch schon in der Antike gab es große Schnittmengen. Wer wissenschaftlich arbeitete (egal, ob nun experimentell oder theoretisch – was machen eigentlich theoretische und experimentelle Physiker?), trieb sich auch im anderen Fach herum. Was wohl auch der Tatsache geschuldet war, dass, wenn man schon lesen (und denken) es auch anwenden wollte (und konnte). Ungleiche Duelle sind also vorprogrammiert? Ungleiche Duelle sind also vorprogrammiert!

Doch ganz so bierernst sollte man die Intention nicht nehmen. Annika Brockschmidt – als Historikerin und Germanistin Handtuchhalterin in der Ecke der Geisteswissenschaftler – und Dennis Schulz – als Zahlendreher mit Diplom zuständig für Blessurenverarztung und Nackenkühlung in den Ringpausen – benehmen sich nicht wie Don King und legen es auf blutige Scharmützel im gepolsterten Science-Ring der Eitelkeiten an. Vielmehr sind sie die Vorberichterstatter der Kämpfe, die unblutig und amüsant nur ein Ergebnis kennen: Einmütiges Unentschieden.

Man stelle sich vor wie die im Titel angekündigten Einstein und Goethe in den Ring schreiten. Welche Einlaufmusik läuft? Ein Geigensolo bei Einstein und ein Walzer bei Goethe? Einstein wäre begeistert von Goethes Eloquenz und angestachelt durch dessen Hochmut. Goethe hingegen würde an Einstein Lippen hängen, weil er sich gern selbst auch als Naturwissenschaftler sah und wäre mit der kecken Art des Gegenübers nicht übereingekommen. Voller Witz hätte Einstein schmerzende Haken verpasst. Voller Verkopftheit wäre so manche Gerade im Gefühlsgedärm des Wuschelkopfes gelandet. Zäh waren beide, aufgegeben hätte niemand.

Ein Füllhorn an Anekdoten und Deutungen ist „Goethes Faust und Einsteins Haken“ allemal. Von Alexander dem Großen und Schrödinger, über Roosevelt und die Medici bis hin zu Galilei und Röntgen reichen die möglichen Kontrahenten, die nicht immer gleich als Wissenschaftler, jedoch als große Köpfe zu erkennen sind. Ein bisschen wie bei den so genannten Promiduellen im Fernsehen oder den Celebrity Deathmatches auf MTV in den 90ern. Ernstnehmen nur bedingt, sich unterhalten lassen unbedingt. Nur wer partout einen klaren Gewinner erwartet, muss enttäuscht das Buch beiseitelegen. Alle Anderen hatten eine vergnügliche Lesezeit.

Das Spiel meines Lebens

Da geht man sich „nur kurz mal die Füße vertreten“ und schon liegt die Mannschaft, die das ganze Spiel über geführt und es dominiert hat, in der Nachspielzeit zurück. Schlusspfiff, die Spieler überstrapazieren ihren Tränengänge und die hintere Nackenmuskulatur aufs Extreme. So ein Spiel werden sie nie vergessen. Alle stürzen auf die Spieler ein. Vernünftige Antworten sind zwar nicht aus ihnen herauszupressen, dennoch versucht man es. Und was ist mit den Fans und den Reportern? Werden die denn überhaupt nicht gefragt? Doch! Julia Suchorski – Pauli-Fan – bat sie ihre Erinnerungen an das Spiel ihres Lebens niederzuschreiben, die nun endlich erhältlich sind.

Das eingangs erwähnte Spiel ist das Champions-League-Finale 1999, Bayern-ManU. Die Bayern führen fast die gesamte Spielzeit, und verlieren binnen Sekunden in der Nachspielzeit. Für den gebürtigen Münchner Benedict Wells – und nicht nur für ihn – ein Drama. Insgeheim trägt er sogar Schuld daran. Denn er konnte sein „Glücksritual“ nicht bis zum Schlusspfiff durchziehen. Oder war doch Coca Cola Schuld, weil die so kleine Dosen herstellen?

Christine Westermann, die man nicht unbedingt unter den Ball-Enthusiasten vermutet – nicht weil sie eine Frau ist!, nein! – macht sich Gedanken darüber, welcher Spiel denn nun das „Spiel ihres Lebens“ war. Und dabei haut sie eine Anekdote nach der anderen raus. Eine Wonne für Fußball-Nostalgiker!

Die Autoren standen auf mehreren Kontinenten auf den Tribünen. Sie litten, schrien, weinten, jubelten. Wie selten zuvor. Oft sind die „Spiele ihres Lebens“ nur bruchstückhaft noch in ihren Erinnerungen vorhanden, doch das Gefühl daran ist präsent als ob es gestern gewesen wäre. Verpasste Chancen hüben wie drüben, bei Spielern und Fans gehören dazu wie das unbeschreibliche Gefühl einem historischen Moment beigewohnt zu haben.

Voller Leidenschaft frönen die Autoren in ihren Texten ihren Erinnerungen und dem Spiel „da unten, auf dem Rasen“, so dass der Leser die Umarmungen, die Verzweiflung, die Euphorie, die Niedergeschlagenheit am eigenen Leib miterleben kann.

Die Autorin gibt zu, dass es schon ungewöhnlich ist, dass sie ein Buch herausgibt, das allein dreimal den Rivalen aus der Hansestadt zum Thema hat (S2U0N1 – Fußballfakten-Kenner wissen worum es geht). Auch Dortmund kommt gleich zweimal zum Schuss – und gewinnt. Als Fußballfan erinnert man sich vielleicht an manche beschriebene Partie. Selten zuvor wurden Emotionen so wortstark und nachvollziehbar aus der Sicht der Zuschauer und Fans betrachtet. Rechtzeitig zur Frauen-EM in Holland ist dieses Buch der Brückenschlag in die Erinnerungen an „die gute alte Zeit“, als Kerle noch instinktiv gegen die Pille kickten und nicht bierbäuchig ihr Exp(äh, äh)rtentum vor laufenden Kameras kundtun mussten.

Dieses Buch gehört den Funktionären – von ganz oben angefangen, denn ganz besonders – um die Ohren gehauen bis ihre „Geschäftigkeit“ der Leidenschaft, die sie einst zum Fußballspiel trieb, gewichen ist. Kaum ein (ernst gemeintes) Wort über Schiebung, Korruption und Betrug, sondern pure Emotionen, Freude am Spiel und die Aussicht darauf, dass sich alles irgendwann einmal zum Besseren wenden kann.

Herrenhäuser, Parks und Gärten – Ein Führer durch den Süden Englands

Heimatland des Fußballs und Welthauptstadt des Finanzwesens – wenn man sich die Schlagzeilen der vergangenen Jahre anschaut, bekommt man schnell ein leicht schräges Bild von England. London ist immer noch eine der am häufigsten besuchten Städte der Welt. Doch hat man dann England wirklich kennengelernt? Nein, niemals, auf gar keinen Fall!

Denn England blüht, immer noch und immer wieder. Wer es sich leisten kann, macht aus seinem privaten Fleckchen Boden einen natürlichen Altar, eine optische Reizüberflutung, ein Paradies. Die Autoren Sabine Deh und Bent Szameitat kennen sich gut aus in England, Sabine Deh hat hier gearbeitet und ihre Leidenschaft für die Insel nie abgelegt. Warum auch, wo es doch so schön ist? Klingt wie eine abgedroschene Floskel. Doch wer auch nur ein wenig in diesem Buch herumblättert, kann gar nicht anders als zustimmen.

So einen Reiseband darf man nicht außeracht lassen, wenn England, speziell der Süden auf dem Routenplan liegt. Von Cornwall und Devon über Dorset und Hampshire bis in die Grafschaften Kent und Sussex führt diese natürlich geplante Reise durch wahre Schätze des menschlichen Gestaltungswesens. Doch so nüchtern es klingen mag, so emotional wird diese Reise. Denn es sind nicht irgendwelche Gärten. Hier wohnten und leben teilweise immer noch Persönlichkeiten, die man kennt.

Die beiden Autoren besuchen zum Beispiel Petworth House und den dazugehörigen Park. Klingt erstmal nicht besonders spektakulär. Das Anwesen gehörte einst dem Dritten Earl of Egremont. Und der war ein Fan von William Turner, dem Maler. Er richtete dem Künstler hier ein Atelier ein. Durch die Landschaft flanieren und vielleicht die Original-Motive eines der größten Künstlergenies des 19. Jahrhunderts genießen – das ist doch was, oder?! Oder wie wäre es mit dem Garten von Agatha Christie, Greenway House? Keine Angst, Blut fließt nur in ihren Büchern!

Keine Angst sollte man auch vor Monk’s House haben. Vor rund einhundert Jahren wechselte das Haus für siebenhundert Pfund den Besitzer. Für die Dame, die es ersteigerte, war es Liebe auf den ersten Blick. Sie verkaufte ihr bisheriges Refugium, und ist seitdem unveränderlich mit dieser Adresse verbunden: Virginia Woolf.

Die beiden Autoren schlendern durch den Süden Englands und überhäufen den Leser mit einer Bilderpracht und einem Füllhorn an Informationen (jedes Kapitel wird mit entsprechenden Links, Adressen, Öffnungszeiten und Anfahrtstipps sowie Anregungen für weitere Spaziergänge geschlossen), die nur einen Schluss zulassen: Englands Süden und im Besonderen die Gärten müssen in absehbarer Zeit besucht werden. Das erste Gepäckstück hat man bereits. „Herrenhäuser, Parks und Gärten – Ein Führer durch den Süden Englands“ ist unverzichtbar, nicht nur für Naturliebhaber.