Betreff: Einladung zu einer Kreuzfahrt

Überraschung! Es geht in die Karibik. Auf ‘nem Schiff. Und Sie müssen nix dazubezahlen! Der Freude weicht augenblicklich die Skepsis. Da ist doch was faul! Wenn einem so was passiert, ist man verdutzt, erstaunt und überlegt wie man den Fehler (denn nur um so etwas kann es sich handeln) in einen Vorteil für sich ummünzen kann.

Situation Zwei: Ein Kreuzfahrtveranstalter sucht dringend noch einen kulturellen Höhepunkt seiner Rundreise durch die karibische Inselwelt. Vermutlich sind ein Bauchredner und eine Schlagershow schon längst eingetütet. Besonders dialektbehaftete Schlagersänger nehmen so was ja gern mit, um ihre Weltläufigkeit hinterher „kundzutuan“.

Situation Drei: Man selbst ist ein renommierter Schriftsteller, preisbehangen und von der Kritik geliebt. Da flattert per Mail – Briefe sind ja so was von out – zur Mittagszeit eine Einladung zur Kreuzfahrt in den Posteingang. Kurz und knapp, klingt verlockend. Doch mehr als ein Dutzend Seiten Anhang liest man erst einmal nicht. Man freut sich, ist vielleicht ein wenig genbauchpinselt. Doch dann beginnt das Räderwerk, mit dem man so viele Erfolge schon feiern durfte, sich in Bewegung zu setzen. Warum ich? Bin ich nur der Pausenclown, der der ersten, zweiten, dritten … Wahl folgen soll, weil die keine Zeit oder Lust hatten? Warum hatten die denn keine Zeit oder Lust? Zu viele schlechte Erfahrungen?

Da man gut erzogen ist (eine umgehende Antwort freundlich eingefordert wurde, man hätte ja auch einen vom Stapel oder die Einladende auflaufen lassen) antwortet man natürlich. Natürlich auf seine eigene Art und Weise. Sie ist unverwechselbar, und da mit der eigenen Person auch diese Art und Weise angefragt wurde, eingekauft werden sollte, will man den Absender nicht enttäuschen.

Bodo Kirchhoff – Achtung, jetzt kommt noch eine Überraschung, für einige sicherlich sogar eine Enttäuschung – gibt sich nicht dem allgemeinen Trend hin und gibt die viertausendneunhundertneunundneunzig zahlenden Gäste (fünftausend passen aufs Schiff und er zahlt ja nicht) der Lächerlichkeit preis. Vielmehr beginnt das Buch mit dem Empfang der Mail und endet mit dem Ende der Antwort darauf. Es ist immer noch März, es sind immer noch neun Monate Zeit bis zum Abflug, nicht mehr und nicht weniger. Wer genug hat vom „Kuck mal die da drüben schaufelt sich schon wieder den Teller voll als ob wir gleich sinken werden“, wird mit „Betreff: Einladung zu einer Kreuzfahrt“ auf keiner der einhundertdreißig Seiten enttäuscht werden. Ellenlange Sätze voller Poesie, hintergründiger Ironie und geschliffener Sprache bilden das wortgewaltige Gegenstück zum durchgestylten und straff durchorganisierten Schifffahrtsvergnügen auf Zeit. Leider viel zu kurz, dafür aber verbunden mit der Hoffnung auf einen Nachfolger. Bitte!

Lesereise Florenz

Wenn der Freiheit sechs Kugeln entgegengestellt werden, wenn große Meister ihren Auftraggebern trotzen, wenn Selbstgeschaffenes dem Massenluxus den Rang ablaufen soll, ist man in Florenz … goldrichtig.

Barbara de Mars schreitet zusammen mit dem Leser in ihrer „Lesereise Florenz“ durch das Florenz, das in Prospekten nicht angeboten wird. Die Uffizien, die David-Skulptur, der Ponte Vecchio sind Beiwerk oder vielmehr Ausgangspunkt für ihre Erkundungen der Stadt am Arno. Wenn sich jährlich scheinbar die halbe Welt durch die Wiege der Renaissance frisst, ist man als kundiger Leser dieses Buches auf der sicheren – ruhigeren – Seite des Gabentisches.

Die Autorin macht einen Abstecher ins Hinterland der Stadt, die als handliche Stadt bezeichnet wird (Warum? Lesen!). Biobauern betrachten ihre Arbeit nicht als Trend, sondern als Notwendigkeit und Passion.

Modeschöpfer, die das große Geld schon verdient haben, ohne dabei der Globalisierung anheimfallen zu müssen. Ihre Produktionsstätten waren, sind und bleiben in Florenz. Ihr Siegel „Made in Italy“ verdient diesen Namen noch. Andere verdienen vielleicht mehr, sind aber nicht mehr als Spekulationsobjekte von Fonds geworden, die sich mit dem Namen der Ahnen schmücken.

Rauhbeinige Fußballer, die dem Calcio Storico fröhnen, und tagsüber mit elegantem Schwung Pizza backen, kreieren und servieren.

Und immer wieder der Blick zurück. Zurück in die Zeit der Medici, Galileis, Machiavellis – Namen, die die Stadt prägten und deren Ruf bis heute nachhallt.

Die „Lesereise Florenz“ gehört ins Reisegepäck, wenn die Toskana und somit unweigerlich auch Florenz auf dem Plan stehen. Mit Wohlwollen nimmt man zur Kenntnis, dass Barbara de Mars darauf verzichtet jede Wegbiegung und jedes Histörchen mit einem Haltepunkt zu verbinden. Sie vermittelt ganz unvermittelt das Lebensgefühl der Stadt. Man wird sicher nicht zum Florentiner – das ist ein Gebäck – doch man spart sich das oftmals oberflächliche Werben um die Stadt aus den Mündern mehr oder weniger qualifizierter Guides, die mit Regenschirm ihrer Wandergruppe voranschreiten. Denn einen persönlichen Reiseguide hat man mit diesem Buch, in Person von Barbara de Mars bereits gefunden! Sie lebt seit zwei Jahrzehnten in der Toskana und kann mit Fug und Recht von sich behaupten eine echte Kennerin der Region zu sein. Ihr zu folgen, ist ein Vergnügen und Pflicht zugleich.

Lesereise Lissabon

Lissabon kennt kein Mittelmaß. Entweder ist man hellauf begeistert oder straft mit Missachtung. Und so begegnet auch Autor Martin Zinggl dieser Stadt. Er geht nicht dorthin, wo die „Anderen“, Touris, Gäste, Besucher gehen, sondern dorthin, wo Lissabon selbst so manchem lisboaeta noch was Neues zu bieten hat.

Zum Beispiel nach Chinatown. Nicht zu vergleichen mit denen in London oder New York. Kleiner, schummriger … und illegal. Seit Jahren hat sich hier eine Subkultur entwickelt, die jeder vom Hörensagen kennt, doch so richtig kennen sie nur wenige. Illegale Chinesen betreiben hier illegale Restaurants. Also Geschmackstempel ohne Zulassung, ohne staatliche Kontrolle, aber dafür mit echter chinesischer Küche. Alles ein bisschen schmierig hier. Sauberkeit als Fremdwort, das nicht einmal belächelt wird, weil sie eben nicht existiert. Aber dafür lecker und ein Abenteuer, auf das man sich einlassen kann. Schon allein die Suche nach den „Restaurants“ ähnelt einer Schnitzeljagd. Als Belohnung warten Entenzungen und Hühnerfüße.

Nicht minder exotisch mutet ein Besuch beim Rollerderby an. Hockey auf Rollschuhen, ein echter Amazonensport. Die Damen tragen martialische Phantasienamen wie Dr. No. oder Bulldoga, sind aber, wenn die Maske fällt, ganz nette Damen, die eben nur einem besonderen Sport nachgehen.

Und so streift Martin Zinggl durch eine Stadt, deren Gästezahlen seit Jahren nur eine Richtung kennen: Aufwärts. Rustikal, verträumt, melancholisch nehmen die Einen die Stadt wahr und verbreiten so das Image der Stadt als Sehnsuchtsort der besonderen Art. Martin Zinggls Buch bestreitet dieses Image in keinster Weise, doch kehrt er die wahren Schätze der Stadt heraus. Er verbringt einen Abend unter fanatischen Fußballfans, am Tag des wichtigsten Spiels des Jahres. Benfica gegen Sporting. Beide Vereine einen nur zwei Dinge: Die Herkunft – Lissabon – und der Hass auf einander. In einer Benfica-Kneipe ist er zusammen mit einem anderen Gast der Exot. Zinggl, weil er weder Benfica- noch Sporting-Fan ist. Der Anderem, weil er in grün-weißem Shirt sich eindeutig als Fan von Sporting zu erkennen gibt. Mutig, doch letztendlich enger mit seiner Mannschaft verbunden als ihm lieb sein könnte. Denn Benfica gewinnt 2:1.

Die „Lesereise Lissabon“ besticht durch die exakten Beschreibungen der Stadt und ihrer besonderen Bewohner. Grafitti-Omas, Bergsteiger-Legenden und das älteste Puppenkrankenhaus der Welt sind nur drei Orte, die Martin Zinggl besucht, und das unübersetzbare Lebensgefühl saudade mit dem Rhythmus des fado eine neue Dimension verschaffen. Wer Lissabon bisher nur mit bunten Kacheln und Portwein gleichsetzte, wird mit diesem Buch eine weitere Komponente zu spüren bekommen: Reisefieber!

Hofgenuss Kalender 2018

Spiel nicht mit dem Essen! Fällt schwer, wenn man das einzigartige Muster eines Rotkohls sich betrachtet. Wie eine spannende Landschaft aus dem All betrachtet. Scheinbar willkürlich verlaufende Linien zaubern ein vielfältiges Muster.

So erlebt man die ersten einunddreißig Tage des Jahrs 2018. Nur ein Beispiel dieses beeindruckenden Monatskalenders. Rotkohl kennt jeder, doch nicht jeder mag ihn. Doch das Bild, das einen den ganzen Januar hindurch begleitet – jedes Mal, wenn man an diesem Kalender vorbeigeht. Mutter Natur hat so ihre Tricks, um den „Kunden“ an sich zu binden.

Die Nahaufnahmen verführen dazu ein zweites, drittes … Mal hinzuschauen. Da wird selbst ein so profanes Bild wie das einer Eierpappe zum Erlebnis. Nicht für nur das gesunde Eigelb in der Bildmitte, sondern auch die Bildgestaltung riskiert man gern noch einen weiteren Blick. Hingucker mal achtzehn. Jedes einzelne Bild lässt einem das Wasser im Munde zusammenlaufen. Langsam steigert sich die Lust bis im Mai der erste Höhepunkt auf den Betrachter wartet. Fast schon eine erotische Liebeserklärung én nature weckt Frühlingsgefühle.

Wer heute den Tisch zu decken, für den ist Einkaufen eine Pflicht. Der sinnliche Teil des Einkaufs kommt viel zu kurz. Geschmacksnerven sind durch Fertigprodukte abgestumpft. Und wenn eine Tomate mal wirklich nach Tomate schmeckt, rümpfen viele schon die Nase. Kaum jemand nimmt sich noch die Zeit sich die Lebensmittel genauer anzusehen. Die glänzende Oberfläche einer Kirsche ist gar nicht so glatt wie sie auf den ersten Blick erscheint. Erst in der Vergrößerung – wie im Hofgenuss-Kalender – wird die Unebenheit der Schale sichtbar. Und Blaubeeren haben Narben, die an architektonische Elemente einer gotischen Kirche erinnern.

Dieser Kalender ist lehrreich, geschmackssicher, aber vor allem ein Augenschmaus für Genießer. Hochgenuss vom Hof!

Von Istanbul nach Hakkari

Von Istanbul nach wohin? Hakkari? Wo ist das denn? Und schon zappelt man am Haken! Die Neugier ist geweckt. Man nimmt das Buch, blättert ein wenig darin herum und … ist hin und weg. Eine literarische Rundreise vom Bosporus im Nordwesten in den tiefen Südosten Anatoliens, dorthin, wo Touristen die goldenen Fünf-Sterne-Armaturen gegen das Abenteuer eintauschen.

Das besondere an diesem Buch ist die lange Reise, die nicht nach Autoren oder Themen gegliedert ist, sondern der Reiseroute folgt. Klar, Startpunkt ist im Schmelztiegel Istanbul, der seit Jahrhunderten, ach was Jahrtausenden nämlich genau das ist. Hier treffen sich Menschen aus aller Welt, vermischen ihre mitgebrachte Kultur mit der hier vorherrschenden und kreieren am laufenden Band den Fortschritt, den so viele fürchten.

Es wäre frevelhaft eine einzelne Geschichte hervorzuheben. Wie etwa die von Elvan, der nach dem Puffbesuch im Hamam seinen Schlüssel verliert. Ganz ehrlich, man müsste doch annehmen, dass der Schlüssel an einer anderen Stelle in der Stadt Bursa abhandenkommt, oder?! Und so streift man mit Yasar Kemal durch Istanbul, mit Tarik Dursun K. durch Izmir, erkundet mit Orhan Duru in Bodrum das Geheimnis einer riesigen Flasche und wandert mit Migirdic Margosyan das Heidenviertel von Diyarbakir.

Jede Geschichte ist ein Kleinod, das behutsam gelesen werden will. Alle Geschichten stammen aus einer Türkei, die – nach Atatürks Willen – sich dem Westen öffnet. Der Islam ist noch allgegenwärtig, aber keine Staatsreligion. Frauen sind bereits gleichberechtigt, die Schrift lateinischen Ursprungs. So wollte der große Reformer sein Land auf den nächsten Schritt vorbereiten und einschwören. Das ist ein knappes Jahrhundert her.

In dieser Zeit hat sich viel getan. Davon berichten die Autoren in diesem Buch. Mal launisch, mal euphorisch, mal heimatverbunden, mal melancholisch, doch immer mit der Liebe in der Schreibhand. So facettenreich der Ausgangspunkt der Reise, so bunt sind die Geschichten unterwegs. Ein Kaleidoskop der Vielfalt.

In Pompeji

„Ganz ruhig bleiben, ich will nichts Böses. Nur reinkommen. Mich ein wenig umschauen. Keine Angst. Es besteht kein Grund auszubrechen!“ Die Stadt Pompeji wird immer mit einem Gefühl der Ehrfurcht betreten, das antike Pompeji natürlich. Der Vesuv hat vor knapp zweitausend Jahren die blühende Stadt in ein Aschegrab immensen Ausmaßes verwandelt. Und so geschah es, dass Pompeji zu Sinnbild der modernen Ausgrabungen in Europa wurde. Heute kann man (fast) ruhigen Gewissens über das holprige Pflaster wandeln – Augen auf, denn auch da verbergen sich mehr oder weniger wichtige, auf alle Fälle zum Schmunzeln einladende Beweise – und sich einen detaillierten Überblick verschaffen, wie Zivilisation vor Jahrtausenden aussah.

Das Image der antiken Schönheit, die der Natur nichts als Durchhaltevermögen entgegensetzen konnte, zog schon immer die Besucher an. Unter ihnen auch große Namen. Charles Dickens und Mark Twain besuchten die Stadt. Letzterer hatte die Schrecken des amerikanischen Bürgerkrieges miterlebt und sah nun wie Italien nach und nach zu sich selber fand.

Pierre-Auguste Renoir holte sich in den Ruinen ernsthafte Inspirationen für seine Werke. Roberto Rossellini verführte Ingrid Bergman mit einem Ausflug hierher zur Zusammenarbeit. Pompeji war und ist immer noch ein Ort, den man mit besonderer Ehrfurcht betritt.

Fernab der Touristengruppen, die sich mehr oder weniger gelangweilt ellenlange mehr oder weniger inspirierende Vorträge anhören (müssen), legt die Stadt dem Wissbegierigen ihr Herz frei.

So beeindruckend die Stadt bis heute ist, so unbeholfen wirkt man heute oftmals, wenn man die Eindrücke beschreiben will. Ingrid Rowland ging es nicht anders, als mit acht Jahren das erste Mal nach Pompeji kam. Erst die Abreise aus New York, dann die Aussicht auf ein halbes Jahr Mainz in Deutschland, wo ihr Vater arbeiten konnte. Der Abstecher nach Italien veränderte ihr Leben. Immer die Kamera in der Hand wurde sie von Pompeji magisch angezogen. Das ging so weit, dass es ihr ein Herzensbedürfnis war dieses Buch zu veröffentlichen. Von Mozart bis Renoir, von Twain bis Dickens lässt sie große Worte in diesem Buch zusammenfließen zu einer appetitanregenden Mixtur aus Historie, Erläuterungen der selbigen und leicht eingängiger Wissensvermittlung. Man muss kein großer Antikenfreund sein, um den Zeilen folgen zu können. Nur Interesse muss man mitbringen, dann wird „In Pompeji“ zu einem Buch, dass die Reiselust weckt und so manche Mußestunde versüßt.

Superbuhei

August 1977, Graceland, Memphis, Tennessee. Ein Mann bricht tot in seinem riesigen Anwesen zusammen. 16. August 1977, Rahlstedt, mitten im norddeutschen nirgendwo. Aaron und Jesse erblicken das Licht der Welt. Der Mann in Memphis hieß Elvis, dann Aaron und mit Familiennamen Presley, der King of Rock ‘n Roll. In Rahlstedt heißt Aaron und Jesse mit Nachnamen Bronske. Und Jesse ist der Erstgeborene, benannt nach dem zweiten Zwilling des King, der tot zur Welt kam. Aarons und Jesses Vater war Elvis-Imitator mit beschränkten Fähigkeiten.

Jesse gehört das „Klaus Meine“, eine runtergekommene Kneipe, die dem norddeutschen Rockidol und Sänger Scorpions huldigt. Den ganzen Tag laufen nur Songs der Hannoveraner Band im Hintergrund, eine Devotionalie – ein signierter Tennisball – ziert die Kaschemme. Und das „Klaus Meine“ ist Teil des Superbuhei, eines Supermarktes, der das einzige Highlight in Langenhagen bildet.

So trostlos die Gegend hier ist, so trostlos ist auch Jesses Leben. Er liebt Mona, die Supermarktkassiererin. Warum weiß er auch nicht (mehr). Ihr Atem stinkt, ihre Figur wächst und wächst, leider in die falsche Richtung. Um wenigstens ein wenig Zeit für sich zu haben, mischt er ihr immer wieder ein bisschen Schlafmittel ins Essen.

Moin Tristesse, und hat eine Kehrseite. Jesse hat Angst. Sieht er Gespenster? Sie jagen ihm eine Höllenangst ein. Er schläft nur noch mit seinem Gewehr an seiner Seite. Auf der anderen Seite schnappt Mona immer nach Luft und verpestet mit ihrem Atem selbige. Jesse vermutet, dass Aaron zurück ist. Und Aaron bedeutet Ungemach, Ärger und vielleicht sogar Schlimmeres… Aaron ist gekommen, um Jesse zu töten und sich anschließend als Jesse auszugeben. Denn die beiden sehen sich zum Verwechseln ähnlich, so sehr, dass selbst ich Vater die beiden Bengel nicht auseinanderhalten kann.

Jesse verändert sich. Mona merkt das auch. Jesse ist auf einmal so ganz anders. Irgendwie aggressiv. Und im „Klaus Meine“ läuft’s auch nicht mehr so. Ist Aaron schon da?

Sven Amtsberg trifft mit jeder Silbe den richtigen Ton. Als Heavy-Metal- oder zumindest Hard-Rock-Fan fallen einem die Kapitelnamen auf, die von Scorpions-Songs stammen. Man muss kein Fan der Band sein, um die Trostlosigkeit mit der Monotonie des Band-Images zu erkennen. In Langenhagen regiert ab einem gewissen Alter die Resignation. Wer Träume hatte, is wech. Wer sie nicht umsetzen konnte, versauert im „Klaus Meine“. Und wenn dann doch mal was passiert, ist es meist nichts Gutes. Doch der Roman macht Hoffnung. So trist die Szenerie, so schwung- und humorvoll der Schreibstil. Jesse Bronske Herz schlägt noch im Takt des Lebens…

Marmeladen und Curds

Jetzt wird’s ernst! Die Kennzeichnungspflicht für Lebensmittel entfällt! Zumindest für Marmeladen und Curds! Für Marmeladen und was? Curds? Der sitzt doch am Frühstückstisch undstreicht sich daumendick die leckere Konfitüre aufs Brot. Curds sind Brotaufstriche, ein wenig wie Pudding und sagenhaft lecker und süß. Meist mit Butter und Ei angereichert und sämig geschlagen. Bildungsauftrag erfüllt, jetzt kommt die Kür!

Zum Standard der Curds gehört der (oder das oder die?) Lemon Curd. Zitronensaft, Butter, Eigelb und Zucker mit einer Prise Fleur de Sel. Die Zubereitung ist nicht gerade was für nebenbei, denn die Masse darf nicht kochen. Zwanzig bis dreißig Minuten sollte man einplanen. Der Aufwand lohnt sich, denn das Ergebnis begeistert nicht nur den Zubereiter, sondern den ganzen Tisch! Als Abwandlung kann das Ganze auch mit Ananas oder (und?) Kokosnuss zubereitet werden. Ist dann die exotische Variante.

Das kleine Büchlein ist prall gefüllt mit Appetitmachern aus dem Obstland. Apfel-Birne-Karamell-Konfitüre – man bekommt die Tür nicht zu. Feigen-Konfitüre mit Mandeln – nichts für Angsthasen. Brombeer-Thymian-Konfitüre – der Magen brummt (oder brommt er?) schon beim bloßen Nennen der Zutaten. Erdbeeren und Pistazien, Ananas und Kiwi, Quitten und Bananen – das Füllhorn des Gartens ergießt sich wie ein süßer Fluss über den Frühstückstisch.

Die Zutaten sind je nach Jahreszeit überall erhältlich und belasten den Geldbeutel nicht mehr fertiger Süßkram aus dem „Alles für den Frühstückstisch“-Regal. Es gibt also keine Argumente nicht Seite für Seite erst zu lesen und anschließend die Rezepte auszuprobieren. Vorkenntnisse sind kaum erforderlich. Wer weiß wie man die Temperatur am Herd reguliert, hat schon gewonnen. Und wer dann doch nicht am Schokoriegelregal vorbeigehen kann ohne zuzugreifen, wird in der Mitte des Buches zum unumwundenen Fan des Buches: Schokoriegel-Creme. Den Lieblingsschokoriegel zerkleinern – Naschen ausdrücklich erwünscht, also lieber ein bisschen mehr kaufen – Butter und Sahne dazu, eine Masse entstehen lassen und sowie wieder eine Prise Fleur de Sel beifügen. Erhitzen, umrühren und schon sind alle Chocoholics zufrieden. Nicht im Kühlschrank lagern. Naja, lange wird das Glas eh nicht überleben, oder?!

Gelees, Konfitüren, Cremes und eben Curds (wer sie bis jetzt noch nicht kannte, wird begeistert sein und die englische Küche ein wenig besser verstehen) bilden die Glücksmomente eines jeden Morgens. Umso wichtiger ist es, dass der Tag mit einem Lächeln beginnt. Und in diesem Buch gibt es für jeden Tag des Monats einen Grund zum Lächeln.

… und morgen werde ich Dich vermissen

Anniken Moritzen ist das passiert, was man seinem ärgsten Feind nicht wünscht: Sie muss den Tod eines nahen, jüngeren Angehörigen verschmerzen. Und nun brauchen Arne Villmyr, ihr Ex-Mann und sie ein Grab, um trauern zu können. Rasmus war Leuchtturmwärter, hoch im Norden, im norwegischen Norden. Dort, wo die Sonne vor Arbeitswut den Tag unendlich erscheinen lässt.

Unendlich hoffnungslos ist momentan auch das Leben von Thorkild Aske. Jetzt arbeitet er als Privatermittler. Er soll den Mord an Rasmus aufklären. Offiziell ist Rasmus bei einem Tauchunfall (prr … im Norden in der norwegischen See sind Wassertemperaturen von 20 Grad wohl nur im Lexikon zu finden). So sehen es auch die Behörden. Doch Thorkild ist der richtige Mann dafür. Er passt in die rauhe Landschaft. Gerade aus dem Knast entlassen, fristet er ein Leben zwischen Hoffnungslosigkeit und psychiatrischer Behandlung. Ist er wirklich der richtige Mann für diesen knochenharten Job?

Einst war Thorkild Polizist, Spezialeinheit, interne Ermittlungen, Verhörspezialist. Lücke. Knast. Entlassung. Neuanfang. Was genau geschah, was ihm fast das Genick brach, bleibt noch verborgen.

Den Job im Norden wurde Thorkild von Ulf besorgt, Freund und Psychiater. Und Thorkild kennt den Auftraggeber. Von früher, als er noch bei der Internen war. Als er frei kennengelernt hat, als er sich in sie verliebte. Arne Villmyr. Thorkild beginnt innerlich zu zittern. Ausgerechnet Arne. Er will ihn, den gefallenen Ermittlerengel, bezahlen, er soll nur den wahren Schuldigen am Tode Rasmus‘ ermitteln. Mehr nicht… mehr nicht?

Thorkild macht sich auf den Weg in den Norden. Und er wird fündig. Er findet eine Leiche, doch es ist nicht Rasmus – immer noch kein Grab für die trauernden Auftraggeber. Ein weiterer Rückschlag in der Therapie des verwundeten Ex-Polizisten? Von wegen! Ein Fanal. Die Spürnase nimmt Witterung auf.

Heine Bakkeid hat mit Thorkild Aske einen Ermittler geschaffen, der seinen Tiefpunkt bereits erreicht zu haben scheint. Doch er gibt ihm immer wieder einen Stoß, um ihn in tiefere Abgründe zu stoßen. Umso überraschender der Wendepunkt. Instinkte verliert man niemals. Eine Liebesgeschichte, eine dunkle Vergangenheit, eine unwirtliche Umgebung – Thorkild Aske muss sich durchbeißen. Arbeit als Therapie, das funktioniert. Doch noch nie wurde so eine Therapie so kraftvoll, so anziehend beschrieben.

„… und morgen werde ich Dich vermissen“ ist der Auftakt zu einer Krimireihe, die – und das steht schon nach dem ersten Fall eindeutig fest – den Leser mit jedem Mall immer wieder und immer fester fesseln wird. Thorkild Aske ist der geborene Romanheld, irgendwo zwischen John McClane und Kurt Wallander.

Der Flügelschlag einer Möwe

Der Titel klingt auf den ersten Blick wie eine Liebesschnulze. Eine Möwenfeder fällt herab – auf Sie – in dem Moment als er ihr seine Liebe gestehen will – zärtlich fährt er durch ihr Haar… Nee, Patricia Brooks hat einen knallharten Krimi geschrieben. Das Verbrechen ist klar. Jemand wird ermordet. Jahrzehnte später wird bei Bauarbeiten ein Skelett gefunden. Und eine Clique aus Gymnasiumszeiten gerät ins Visier des Lesers.

Cold case nennt der Fachmann sowas. Ein Fall, der eigentlich schon zu den Akten gelegt wurde. Oft ungelöst. Irgendein Auslöser bringt die Behörden, einen Ermittler wieder dazu die Akten hervorzukramen und noch einmal von vorn zu beginnen.

Die Ermittlerin ist in diesem Fall Patricia Brooks. 1980 machen sich ein paar junge Leute nach der Matura auf den Weg nach Triest. Es soll ein letztes Mal sein, dass sie unbeschwert das Leben genießen. Denn schon bald beginnt der harte Arbeitsalltag oder das Studium. Eines Abends treffen sich alle in einer Disco. Tati geht an diesem Abend nicht gut. Sie beschließt die Partynacht abzubrechen und sich ins Bett zu legen. Auf dem Weg dorthin wird sie unfreiwillig Zeuge eines Mordes an einer Tankstelle. Der Mörder entdeckt sie und ergreift erschrocken die Flucht. Kurze Zeit später treffen Georg und Willi, die ebenfalls nicht mit in die Disco gegangen sind, an einer Tankstelle (!) ein, um zu tanken. Niemand da, nur ein Mann, der am Boden liegt. Regungslos! Und ein Päckchen. Willi schaut rein und entdeckt einen Batzen Geld. Heimlich versteckt er es unter seiner Jacke. Sagt Georg kein Sterbenswörtchen.

Jahre später – jedes Kapitel wird mit Ort und Jahreszahl eingeleitet – liest man von Rosanna. Sie durchlebt ein widerwärtiges Martyrium. Als Junkie ist sie ihrem Dealer gnadenlos verfallen und hilflos ausgeliefert. Er schlägt sie, vergewaltigt sie und quält sie unentwegt. Das hört erst auf, als er eines Tages nicht mehr nach Hause kommt. Denn er hatte noch einen Nebenjob. Als Erpresser, Geldbote und Mörder. Da lief wohl was schief, an diesem Abend an der Tankstelle. Rosannas Weg kennt von nun an nur noch eine Richtung: Vorwärts nach oben. In einem Sozialisierungsprogramm gibt man ihr eine Chance. Als ihr doch einmal der Kragen platzt, scheint alles vorbei zu sein, doch eine der Schwestern, die das kirchliche Projekt unterstützt, vermittelt sie nach Wien. Und hier scheinen wieder alle Fäden der besagten Nacht zusammenzulaufen…

Der so genannte Butterfly-Effekt besagt, dass es theoretisch möglich ist, dass unter bestimmten Umständen, kleine Veränderungen zu Beginn eines Ereignisses enorme Auswirkungen in der Zukunft haben können. Wir alle kennen das von Zeitreisen! Wäre Tati damals nur länger in der Disco geblieben, oder gar nicht erst mitgegangen, könnte sie heute ruhig schlafen. Und Willi wäre wahrscheinlich noch so erfolgreich mit seiner Firma. Er hätte allerdings auch nicht Rosanna kennengelernt. Erstes Newtonsches Gesetz: Aktion=Reaktion. Doch so weitreichend, spannend und nachvollziehbar wird es nur von Patricia Brooks beschrieben.