Ma

Paris ist für Massiré Dansira, Ma genannt, nicht das Paradies. Vielmehr ist es der Ort, der ihr die Möglichkeit bietet ihre Familie „durchzubringen“. Denn die lebt noch in Mali, mitten in Afrika, einem Land, das hierzulande nur durch Blauhelmmissionen und Attentate bekannt ist. Und sie bringt vier Kinder zur Welt. Einen Sohn als Erstgeborenen, welch ein Glück. Und dann ein Tochter.

Sie ist in Frankreich geboren. Ist also Französin, wird aber von ihrer Mutter, Ma, mit den Traditionen Malis gegängelt. Zumindest empfindet die aufsässige Tochter es so. Tradition ist wichtig, das wird ihr immer wieder eingeimpft. Und so wird zuhause Bambara gesprochen. In der Schule, auf der Straße, mit Freunden ist Französisch die Sprache der Tochter. Beide, Mutter und Tochter haben so ihren Kampf, der ihr Leben prägt. Nur mit dem Unterschied, dass Ma ihre Kämpfe schon hinter sich wähnte.

Die Tochter ist es auch, die mit Liebe und Würde von ihrer Mutter spricht und schreibt. Denn Ma ist nun nicht mehr da. Der Rückhalt, der ihr all die Jahre alles ermöglichte, den sie verfluchte, doch tief im Inneren verehrte und bis Ende liebte, ist nicht mehr. Sie erzählt vom Leben in der Fremde. Für Ma eine Welt, die sie nicht kannte. Nicht einmal vom Hörensagen. Die Verbindungen in die Heimat waren Mas Rückhalt, aber auch Fluch. Denn die Traditionen wurden auch hier in Paris von Männerräten hochgehalten. Freie Entfaltung Fehlanzeige.

Der Tochter geht es da schon einen Tick besser. Sie findet Zuflucht im Boxen. Ihr ist Mali so fremd wie es Paris einst ihrer Mutter war. Und sie ist erfolgreich…

„Ma“ ist der zweite Roman von Aya Cissoko. Auch sie wurde in Frankreich geboren. Auch sie fand ein rettendes Ufer im Boxsport, war sogar Weltmeisterin. Bis eine Wirbelsäulenfraktur ihrer sportlichen Karriere ein jähes Ende bereitete. Sie weiß wovon sie schreibt. Sie kennt die Aufmüpfigkeit der Jugend, besonders der zweiten Generation afrikanischer Einwanderer. Heute lebt sie in Paris und ist Schriftstellerin und Politologin. Das Besondere an diesem Buch ist die schonungslose Offenheit, mit der die Tochter ihrer Mutter ein Denkmal setzt. Weit entfernt von tränenrühriger Geschichte, dafür ganz nah am Leben beschreibt sie den Mut der Mutter sich gegen alle Widerstände durchzusetzen. Auch das färbt natürlich auf die Tochter ab. Durchsetzungsvermögen und schnelles Erfassen sind im Boxsport genauso (überlebens-)wichtig wie im „wahren Leben“. Die Einblicke, die man als Leser in die ach so fremde Kultur Malis erhält, sind so einmalig, dass sich sofortiges Verständnis für die eine oder andere beschriebene Situation einstellt. Das fremde Mali ist von jetzt an Geschichte, die Wurzeln des Landes können nie mehr verleugnet werden. Dank Aya Cissoko.

Schockfrost

Sarah Marten ist Psychologin, geschieden und Mutter eines pubertierenden Teenagers. An den Wochenenden kümmert sie sich rührend um ihre ältere Schwester Rebekka, die im Rollstuhl sitzt. Privat hat sie in Till ihren Anker gefunden. Alles läuft prima soweit das in ihrem Fall jemand behaupten kann.

Doch mit einem Mal laufen die Dinge aus dem Ruder. Die Werkstatt, die nur eine kleine Reparatur erledigen sollte, stellt eine horrende Rechnung, weil Sarah handschriftlich auch noch die Räder gewechselt haben wollte. Davon weiß sie nichts. Ihr neuer Mieter in der Praxis – Spezialgebiet Hypnose – ist auch irgendwie seltsam. Und die Streitereien mit Kaspar, ihrem Ex sind auch nicht gerade das, was man eine willkommene Abwechslung nennen kann. Normal hingegen ist der Zoff mit Dave, ihrem 15jährigen Sohn. Doch auch der verändert sich in einer Geschwindigkeit, der Sarah nicht mehr folgen kann. Zum Glück ist Till immer an ihrer Seite und bringt sie auf Normallevel.

Sohnemann Dave hat in einem Chat Tamara kennengelernt. Und nun will sie ihn treffen. Vor einem Konzert. Dave ist voller Vorfreude und umso mehr enttäuscht, dass snowdrop, wie sie sich im Chat nennt, nicht auftaucht. Doch alles nur Fake und ein Spinner (oder Schlimmeres) am anderen Ende der Leitung? Die Enttäuschung weicht als er zwei Mädels und ihre männliche Begleitung kennenlernt, die ihn in einen Club einladen, in den sonst nie reinkommen würde. Zuhause wird ihn niemand vermissen. Mutter Sarah ist mit Till unterwegs und außerdem hat eine Nachricht hinterlassen, dass er bei seinem Vater schläft. Doch diese Nacht ist für ihn noch lange nicht zu Ende. Denn im Rausch, lässt er sich zu Dingen hinreißen, die die Beziehung zu Tamara / snowdrop gefährden können. Im Chat droht ihm kurz darauf jemand die kompromittierenden Fotos Tamara zu senden, wenn … ja, wenn er nicht ein paar Drogen aus dem Arbeitstisch seiner Mutter klaut. Eine Zwickmühle ist dagegen eine beschwingte Karussellfahrt.

Und so richtig ins Trudeln kommt Dave, als man genau diese Drogen später im Körper von Till findet. Ein Anschlag? Sarah ist mittlerweile jede Erklärung recht. Alles dreht sich, sie weiß nur nicht worum. Und vor allem warum. Und wer hat den Anstoß gegeben? Ist es vielleicht ihr neuer Patient? Georg hat sie von Kaspar, ihrem Ex, übernommen. Der hatte seine Gründe dafür. Und Georg ist nicht ganz ohne. Er hält sich für den Drachentöter – klar, bei dem Namen. Sarah sieht in ihm eine Bedrohung (auch fürs Allgemeinwohl), doch sträubt sich den letzten Schritt zu wagen. Dave verschwindet, Rebekka weist auf einmal überall am Körper blaue Flecken auf, die Praxis ist verwanzt … Es ist zum Verzweifeln. Das ganze Leben scheint Sarah zu entgleiten, alles läuft nur in eine Richtung: Weg von Sarah! Ein perfider Plan steckt dahinter? Wer hat ihn ausgeheckt? Vielleicht doch der Hypnose-Nachbar, denn der hat – mit Zustimmung des Vaters – Dave behandelt. Mit erschreckenden Folgen…

Mitra Devi und Petra Ivanov schreiben endlich zusammen einen Thriller geschrieben, der beider Handschriften trägt. Schonungslos treiben sie ihre Helden in die tiefsten Abgründe und den Leser an den Rand des Wahnsinns. Wer steckt hinter all der Perfidität, der Sarah an allem zweifeln lässt, was ihr lieb und teuer ist? Es ist kaum auszuhalten, an eine Lesepause ist nicht zu denken.

Die Stadt der weißen Musiker

Dieses Land gibt es auf keiner Landkarte. Die Stadt existiert ebenso nur in der Phantasie des Autors und des Lesers. In dieser Stadt lebt ein Wunderkind. Dschaladat. Ein aufgeweckter kleiner Junge, der wie niemand sonst schafft einer Flöte Töne zu entlocken. Die Magie seines virtuosen Spiels verzaubert von nun alle, die ihn hören.

Doch an eine Karriere wie man sie nun vermuten könnte, ist nicht zu denken. Ishaki Lewzerin nimmt sich des Jungen an als der Krieg näher rückt. In den Bergen suchen und finden sie kurzzeitig Ruhe, um durchzuschnaufen. Doch die Stadt hat keine Ohren für die Poesie der sanften Klänge. Harte Einschläge aus der Ferne dringen an die Ohren der Städter, die längst kapituliert zu haben scheinen.

In dieser namenlosen Stadt regiert die Gewalt. Patrouillen schwadronieren durch die Straßen und Gassen. Jedes bewegliche Ziel wird zum Objekt der schießwütigen Einheiten. Wenn Dschaladat nun seine Kunst zeigen würde, wäre er dem Ende seines jungen Lebens näher als im bewusst ist. Das Einzige, was ihm blieb, was ihn auszeichnet, muss er wohl oder übel aufgeben, um überleben zu können.

Bachtyar Ali schreibt mit einer unfassbaren Poesie von dem Grauen eines menschenunwürdigen Lebens. Wenn man all seiner Phantasie und somit der Zukunft beraubt wird, bleibt nicht mehr viel wofür es sich zu leben und zu kämpfen lohnt. Viele würden die Flinte ins Korn werfen und einem aufgezwungenen Lebensrhythmus folgen. So grau die Realität für Dschaladat ist, so bunt ist sein Herz. Und das strahlt in der Stadt der weißen Musiker wie kaum eine anderes.

Der kurdische Schriftsteller Bachtyar Ali lebt seit er seine nordirakische Heimat verlassen musste in Köln. Mit „Der letzte Granatapfel“ setzte er den Startpunkt für eine literarische Karriere, die mit „Die Stadt der weißen Musiker“ die logische Fortsetzung erfährt. Die Bildsprache Alis ist mit keinem seiner Kollegen zu vergleichen. Dem Leserfällt es fast schon schwer zu glauben, dass Menschen in verzweifelten Situationen tatsächlich noch so hoffnungsvoll sein können. Wenn alle Auswege verstellt sind, zündet Bachtyar Ali eine Kerze an, um seinen Helden den Weg zu weisen.

Schönheit ist eine Wunde

Dewi Ayu war vor ihrem Tod die bekannteste Hure in Halimunda. Sie gebar drei Töchter. Alle bildhübsch und – wie sie selbst über ihre Töchter sagt – als die Drei wussten wie man die die Knöpfe an der Hose eines Mannes öffnete, verschwanden sie aus dem mütterlichen Haus. Einen Vater kannten alle Vier nicht. Den brauchten sie auch nicht. Dewi Ayu war sich genug für die ihren Nachwuchs. Kurz vor ihrem Tod bekam sie eine vierte Tochter. Die war ganz anders als ihre älteren Geschwister. Schwarz wie Pech, war nicht nur ihr Haar, sondern ihr gesamter Körper. Ihre Nase glich der eines Schweines. Hässlich kam es zur Welt.

Einundzwanzig Jahre sind seitdem vergangen. Und nun findet Dewi Ayu, dass es an der Zeit ist ihre Letztgeborene endlich kennenzulernen. Sie erhebt sich aus dem Grab. Dabei erschrickt sie einen kleinen Jungen, der sich vor Schreck in die Hosen macht. Sie zeigt sich Schönheit, wie sie die Jüngste genannt hat. Die wartet ihr ganzes Leben darauf, dass sie dem Prinzen begegnet, der sie von ihrem Fluch der Hässlichkeit befreit.

Von Rosinah, der Hebamme, die Schönheit vor einundzwanzig Jahren zur Welt brachte und nun in Dewi Ayus Haus wohnt, erfährt sie, dass Schönheit lesen und schreiben kann, sie ist fleißig und geschickt. Wer ihr das alles beigebracht hat, bleibt für alle Beteiligten ein Rätsel. Ein Fluch scheint auf der matriarchalischen Familie zu liegen. Dewi Ayu hat nur einen Wunsch: Diesem Fluch auf den Grund zu gehen.

Es beginnt eine Reise durch ein Indonesien, das es so gar nicht gibt. Oder doch? Magie spielt im Leben der Menschen eine wichtige Rolle. Dass sie so stark in den Vordergrund tritt haben wir Eka Kurniawan zu verdanken, der mit seinem Erstling sofort an die Spitze der Beliebtheitsskala der Autoren gesprungen ist. Bissiger Humor, der ab der ersten Zeile den Leser in seinen Bann zieht. Eka Kuriawan liebt jede einzelne Figur seines Romans. Diese sind beseelt vom Leben und dem, was es für sie bereithält.

„Schönheit ist eine Wunde“ steckt voller Überraschungen. Die einzelnen Schicksale der Menschen sind bedrohlich, angsteinflößend, aber auch hoffnungsvoll und spannend. So tiefgründig und ironisch, dass es fast schon wehtut, wenn man das Buch beendet hat, beschreibt der Autor seine Heimat aus der Sicht der Menschen, denen der Fortschritt nur kurzzeitigen Aufschwung versprechen kann. Sind sie verzweifelt? Nein! Zwischen Phantasie und Realität suchen sie nach dem bisschen Glück, das ihnen zusteht, für das sie aber einen hohen Preis bezahlen müssen.

Die Humboldts in Berlin

Man mag es kaum glauben, aber Berlin war einmal zu klein für große Geister. Für Willi und Alex, besser bekannt als Wilhelm und Alexander von Humboldt, waren Berlin und Schoss Tegel, wo sie aufwuchsen, die erklärte Langeweile. Vielleicht nicht mit sprichwörtlichen „goldenen Löffel im Mund“, aber zumindest aus Edelmetall, genossen sie Privatlehrer und die Freiheiten eines finanziell sorglosen Lebens. Der Umzug nach Berlin in die Jägerstraße 22, wo heute eine Plakette auf den Geburtsort Alexanders hinweist (was nicht zu beweisen ist), war für beide nach dem Tod des Vaters in jungen Jahren der Abstieg in die gedankenbefreite Hölle.

Schon früh interessierte sich Alexander für Pflanzen, Stillsitzen und dem Lehrer gebannt lauschen, war ihm fremd. Wilhelm war der strebsame, aufmerksame Schüler. Die beiden wuchsen heran und in ihnen der Drang auszubrechen. Dank des Erbes war der monetäre Aspekt ihrer Ausbrüche vernachlässigbar. Die Ergebnisse sind bekannt: Wilhelm wurde zur Triebfeder in Berlin eine Universität zu gründen und Alexanders Reisen nach Amerika sind bis heute Grundlagen vieler Studiengänge.

Paris, Rom, Wien, London, Mexiko waren die Stationen, in denen das Bruderpaar individuell seine Spuren hinterließ. Die Neuordnung Europas durch den Tilsiter Frieden und Napoleons Expansions-„Politik“ sowie der preußische Machtapparat, der durch Behäbigkeit so lang durchhielt durchkreuzten öfter als gewünscht ihre Pläne. Alexanders Abneigung gegen Berlin ging soweit, dass er in zwei Jahrzehnten summa summarum nicht einmal ein komplettes Jahr in Berlin verbrachte. Welch Glücksgefühl muss es in ihm ausgelöst haben, als er vom kargen sandigen Boden Berlins in die Blütenpracht am Orinoco eintauchen durfte?

Mit diesem Bild vor Augen liest sich „Die Humboldts in Berlin“ ganz anders. So sehr die beiden mit Berlin verwoben zu sein scheinen, so konträr war die Realität. Peter Korneffel begleicht an mancher Stelle die Rechnungen der beiden mit ihrer Heimatstadt. Aber auf alle Fälle zeigt der Autor ein Berlin, das man als „Kurzzeit-Gast“ nur im Vorübergehen wahrnimmt. Viele Gebäude tragen den Namen Humboldt. Die Brüder wirkten an so vielen Stellen, die man gar nicht alle aufzählen bzw. in kurzer Zeit besuchen kann. Und ist dieses Buch auch die längste Geburtstagsparty der Geschichte. Wilhelm von Humboldt feierte am 22. Juni 2017 seinen 250. Geburtstag und Alexander wird 14. September 2019 (!) sein Vierteljahrtausend vollenden. Der Leser ist eingeladen zwei herausragende Persönlichkeiten der Stadt, Preußens und Deutschlands, Europas kennenzulernen und mit ihnen eine Zeitreise zu unternehmen, die man in keinem Reisebüro buchen kann.

Paris mon amour

Paris und die Liebe – mehr als nur ein Klischee. Paris und die Liebe – so massenkompatibel wie wahrhaftig. Paris und die Liebe – immer wieder eine Anregung für Autoren ihrer Phantasie freien Lauf zu lassen. Es bleibt nicht beim Klischee.

Durch die Jahrhunderte hindurch war Paris ein Sehnsuchtsort. Grenouille – ja, genau der Grenouille aus der Feder von Patrick Süßkind – wird gezwungen auch andere Sinne einzusetzen, um sich im Strudel der Düfte zurechtzufinden. Michael, der Held aus F. Scott Fitzgeralds Geschichte, harrt der Dinge, die ihn auf einer Hochzeitsparty ereilen sollen. Ob Jojo Moyes oder Friedrich Glauser – ihre Helden verlieben sich in Paris, sind bereits verliebt oder entdecken die Liebe immer wieder neu. Und mit ihnen auch der Leser.

Immer wieder blitzen Orte in Paris auf, die nach Verführung und Alles-Um-Sich-Herum-Vergessen-Können klingen, wie der Jardin du Luxembourg. Man streift mit den Protagonisten durch die Stadt der Liebe und entdeckt sie immer wieder neu. Ob beim Flanieren am Kanal du Saint Martin oder am Eiffelturm.

Doch kann die Liebe auch auf den Magen schlagen. Zu viel des Guten ist ungesund. Zu wenig eine Schande.

Die Pariser Liebesgeschichten in diesem Buch – Joey Goebel hat eigens dafür eine Geschichte beigesteuert – lassen mindestens noch einmal Urlaubsgefühle aufkommen. Ein Croissant am Morgen zur Stärkung, eine Geschichte auf den Stufen von Notre Dame am Vormittag, das Ablaufen einer Kurzgeschichte an Originalschauplätzen am Nachmittag, und Abend lässt man in einem der erwähnten Restaurants den Tag ausklingen und Revue passieren. Schon verliebt? Garantiert!

Es ist ein Privileg der freien Zeit, dass man sich und die Welt mit anderen Augen sehen kann. Nun ist Paris sicherlich keine Stadt mehr, die gänzlich unbekannt ist, jedoch immer noch Geheimnisse in sich birgt. Ein Reiseband ist ein unerlässlicher Helfer, um sich in ihr bewegen zu können. In sie eintauchen wird man aber nicht können, wenn man nur die Sehenswürdigkeiten wie ein Schwamm aufsaugt. Hier sind die Literaten als Chronisten der Zeit gefragt. Sie zeigen ein Paris abseits von Arc de Triomphe und Centre Pompidou. Sie finden die kleinen Gassen, in denen sich das Leben tummelt. Und dieses Leben ist es letztendlich, das Paris zum Leben erwachen lässt.

„Paris mon amour“ ist ungeschminkt elegant, das kleine Büchlein, dass man immer dabei hat, um bei Rast auch Ruh zu finden. Egal, ob man verliebt ist oder selbige noch sucht – hier wird jeder Paris-Gast wie ein Freund empfangen.

Vintage

Zweihundertzweiundzwanzig Millionen für einen Kicker, der, wenn es gut läuft vielleicht zwei Jahrzehnte die Fans in den Stadien begeistern kann. Welchen Preis ist man bereit hinzublättern, wenn es um eine Gitarre geht, die weitaus mehr Jahrzehnte den Fans rund um den Globus und mehr als nur anderthalb Stunden am Stück in andere Sphären entführen kann? Und wer soll diesen Preis bezahlen?

Thomas Dupré soll es bald erfahren. Er spielt in einer Band, die kaum jemand hören will und schreibt Konzertkritiken, die kaum jemand liest. Und er jobbt in einem, Nein, DEM Gitarrenladen von Paris. Im Prestige Guitars. Wer hier kauft, kommt auch wegen der Les Paul Goldtop, Sonderedition All Gold von 1954. Ein Schotte – von wegen Schotten sind geizig – bezahlt Flug und Spesen für den jungen Gelegenheitsverkäufer. Alles ist geregelt.

Charles Dexter Winsley heißt der geheimnisvolle Käufer der All Gold. Ein mehr als passionierter Sammler, der in einem Anwesen wohnt, das Thomas sofort bekannt vorkommt. Es gehörte einmal Jimmy Page, dem Gitarristen von Led Zeppelin. Anders als viele Rockmusiker, die gern behaupten „sie alle gehabt zu haben“, ist Lord Winsley ein Sammler, der alle hat. Alle bis auf eine. Eine Gibson Moderne. Die fehlt ihm noch in der Sammlung, und Thomas soll ein gefälliger Helfer sein! Nicht für die Beschaffung derselben, sondern nur für den Beweis, dass es dieses Prachtstück, das angeblich Jimi Hendrix und Jimmy Page spielen durften, auch wirklich (noch) gibt. Lord Winsley benötigt nur den Beweis. Ein Wunder? Oder doch zum Scheitern verurteilter Höllentrip? Oder einfach nur die Story seines Lebens?

Die Suche nach der Vintage-Gitarre beginnt ganz zeitgemäß im Internet. Zu viele Spinner, die sich über ihren Schatz auslassen. Denn wer wirklich eine echte 57er Moderne besitzt, behält das für sich. So viel weiß Thomas schon. Denn wenn es eine echte Moderne ist, ist es ein Prototyp. Und der ist mehrere Millionen wert.

Sydney ist der erste Anhaltspunkt. Lord Winsley hat den entscheidenden Tipp gegeben. Ein japanischer Sammler rühmt sich das begehrte Sammlerstück zu besitzen. Doch die Spur führt zu einer wild zusammengewürfelten, nicht mal als Fake zu bezeichnenden Klampfe. Memphis scheint da schon eher eine heiße Spur zu sein. Bruce, ein abgehalfterter Elvis-Psychobilly-Bandleader liefert sich in einem Forum ein heißes Wortgefecht unter der Gürtellinie mit anderen Gitarrenexperten. Dank der Finanzspritzen vom Lord aus den Highlands ist der Trip gesichert. Doch Bruce unterlag beim Kauf einem folgenschweren Irrtum.

Grégoire Hervier schickt Thomas auf einen Rock-‘n-Roll-Roadtrip durch die Musikgeschichte und jagt ihn von Memphis den Mississippi entlang bis ins Delta, dann nach Chicago und New York. Die Zweifel werden größer und jeder Hinweis wischt diese schlagartig hinfort. Rock ‘n Roller wie Abenteurer werden ihre helle Freude am glockenklaren Klang der Worte haben. So sehr, dass das Ergebnis der Suche in den Hintergrund rückt. Die Fakten, die Grégoire Hervier auftischt sind echt. Die Story entspringt der Phantasie des Autors, fast schon wie die Legende von der Gibson Moderne von 1959…

Die Stille von Chagos

Seesucht. Sehsucht. Sehnsucht! Eine kleine Inselgruppe im Indischen Ozean, das Chagos-Archipel könnte man mit diesen drei Worten umschreiben. Doch man wäre nicht einmal annähernd an der Wahrheit dran. Fünfundfünfzig Inseln, die einmal zu Mauritius gehörten. Nachdem Mauritius unabhängig wurde, 1968, behielten die britischen Kolonialherren die Inselgruppe, um sie für fünfzig Jahre an die USA zu verpachten. Denn von hier aus ist man mit dem B-52-Bombern schneller im Nahen Osten. Keine Fiktion – knallharte Realität. Und was macht man mit den Menschen, den Chagossianern? Umsiedeln. Ins Paradies, nach Mauritius.

Von wegen Paradies. Den Chagossianern ist es verboten die eigene Heimat zu besuchen. Und auf Mauritius die eigene Sprache zu sprechen, die Kultur zu pflegen ist – wie fast überall auf der Welt – sehr schwierig bis unmöglich. Auch das das ist real.

Shenaz Patel wurde auf Mauritius geboren und bettet diese belegbaren Fakten in eine gefühlvolle, leise Geschichte. Da ist Charlesia. Tag für Tag steht sie am Ufer ihrer aufgezwungenen Fremde, schaut süchtig auch die See und ist süchtig danach zu sehen, ob ihre Sehnsucht nach Chagos eines Tages doch gestillt werden kann. Das Paradies ist für sie nur eine leere Worthülse. Kein Kalous, der Saft der Kokosnuss, den sie so gern trank, um Abkühlung herbeizutrinken. Die Männer mochten ihn lieber gegoren, dann war er deren Rauschmittel. Diego Garcia, so der Name ihrer Heimatinsel ist unendlich weit weg und wird es wahrscheinlich auch immer bleiben. Doch träumen und ein bisschen kämpfen kann man ihr nicht verbieten. Ihr Mann war krank und nur auf Mauritius konnte ihm geholfen werden. Der Rückweg war ab diesem Zeitpunkt für sie tabu. Antworten auf ihr Warum bekam sie nie.

Raymonde wurde nach Mauritius vertrieben. Unterwegs kam ihr Sohn Désiré zur Welt. Auch er hat Sehnsucht nach der Heimat, die er nie kennengelernt hat. Nun lebt er auf Mauritius und ist immer noch der Fremde.

Tony, der Hafenarbeiter, kennt die Hintergründe der Fremden, die Tag für Tag am Ufer steht, nicht. Jeden Tag kommt sie hier her und starrt auf die weite See.

Drei Geschichten, die exemplarisch für das Desaster von Okkupation und Willkür im Indischen Ozean stehen. „Die Stille von Chagos“ rührt an und auf. Die Hingabe, mit der die Autorin vom Schicksal dreier Menschen erzählt, die sich fremd und doch so eng verbunden sind, berührt. Die Gründe für ihr Schicksal sind perfide, widerwärtig und durch nichts zu entschuldigen. Großbritannien hat mittlerweile den „Pachtvertrag“ um weitere zwanzig Jahre verlängert. Dann sind es siebzig Jahre, die vergangen sein werden, bis Chagos vielleicht doch wieder einmal von Chagossianern bewohnt werden kann. Bis dahin wird aber eine ganze Generation die eigene Wurzeln nie kennengelernt haben…

Vorspeisen zum Jüngsten Gericht

Antreten zum Ohrfeigen-Abholen! Alles in Reih‘ und Glied?! Zack, bäm, aua! Das tut weh! Schon das erste Newtonsche Gesetz besagt, dass jede Aktion eine Reaktion hervorruft. Also ist dieses Buch die eigene Rechtfertigung uns Deutschen nicht nru den Spiegel vorzuhalten, sondern sofort nach der Anklageverlesung die Strafe zu verabreichen.

Dietmar Wischmeyer übertreibt gern. Und derb! Beschämt zieht man den Kopf ein, versteckt sich hinter der Lektüre, nur, um bloß nicht noch eine gescheuert zu bekommen. Vergebens. Wischmeyer kriegt sie alle! Und alle bekommen eine auf die Rübe, in die Fr… oder einen Tritt in den Allerwertesten.

Dietmar Wischmeyer befürchtet, dass, wenn es einen Gott gibt, der auch Buch darüber führt wie wir uns aufführen. Und wenn er das tut, hat er sicher auch einen Grund dafür. Und der kann eigentlich nur Auswertung heißen. Oder auf Neudeutsch: Wir haben ein Audit! Schon allein für diese Formulierung gibt es von Wischmeyer einen Doppelschlag ins Sprachzentrum. Nun ja, dann sitzen wir alle auf der Anklagebank. Allein die Verlesung der Anklagepunkte dauert wohl bis zum Jüngsten Gericht, wenn es denn nicht schon da wäre.

Der Rundumschlag beginnt bei denen, die jede Ausdünstung mit der Welt teilen müssen. Angefangen bei den sozialen Netzwerken bis hin zu denen, die sich gern selber quälen müssen, um sich lebendig zu fühlen bzw. einen Grund brauchen endlich mal ein Buch zu veröffentlichen. Er nennt keine Namen, doch das Elend ist jedermann bekannt.

Die brachiale Sprachgewalt – Deutsch ist ein schöne Sprache, eine abwechslungsreiche Sprache, eine vielschichtige Sprache – bringt den Leser oft an den Rand der Verzweiflung. Denn nicht einer ist frei von Schuld, auch Wischmeyer nicht. Er steht aber nun mal vorn am Pult und wedelt mit der Rute der Vergeltung. So mancher Peitschenhieb hinterlässt Spuren. Der Schmiss der Egomanie lässt sich nicht abwaschen. Und so wandern wir gebrandmarkt durch den Alltag der Unzulänglichkeiten. Wischmeyer pfeift uns zurück, lässt uns in den Lehrbüchern des Lebens einzelne Passagen noch einmal lesen. So lange bis wir kapieren.

Die „Vorspeisen zum Jüngsten Gericht“ sind kein Zuckerschlecken. Bittere Medizin für sensible Gemüter, Lachkrampfanfälle auslösende Zeilen für alle, die sich selbst nicht so ernst nehmen.

Wenn alles so kommt, wie von Wischmeyer prognostiziert, dann können wir in unseren letzten Tagen benehmen wie die Axt im Walde. Jede angestrengte Verbesserung würde wie eine Seifenblase zerplatzen. Holt die Knüppel raus, das Ende ist nah. Und dann stehen wir da, mit den Füßen schon in der Sintflut und keine Stimme flüstert zärtlich: „Komm her, is ja gut!“. Das Ende ist nah, das Urteil schon gesprochen. Und als letzte Mahlzeit … dieses Buch! Zufrieden sterben mildert die Schmach, wenn auch nur ein wenig.

Leonard Erlbruchs Kinderzimmerkalender 2018

Wenn man klein ist, findet man das Kleinsein als nicht besonders vorteilhaft. Da braucht es schon ein wenig Unterstützung, um die das Nach-Oben-Schauen in ein Nach-Vorn-Schauen für sich ummünzen kann. Und diese Unterstützung kommt für ein Jahr aus der Feder von Leonard Erlbruch. Ein Jahr lang Anregungen das Kleinsein als etwas Schönes anzusehen.

Schon das Deckblatt zeigt einen gewaltigen Vorteil. Auf einem Tandem kann man es sich auf dem Rücksitz bequem machen während der Große die ganze Arbeit erledigt. Oder eine Rutschpartie im Tiefschnee. So was funktioniert aber nur als Duo! Und wenn man gerade so an die Tischkante reicht ist der Weg zum Futternapf nicht mehr so weit … Anregungen hierzu im März.

Der großformatige Kalender lädt in ein ganzjährig rund um die Uhr geöffnetes Museum ein. Kräftige Farben, ausdrucksstarke Charaktere in alltäglichen Situationen. Die Großen werden schmunzeln, wenn nicht sogar sich auf die Schenkel schlagen vor Freude. Die Kleinen erkennen vielleicht die eine oder andere Begebenheit aus ihrem kurzen Leben wieder. Wenn Hilfestellung gegeben wird, wenn einfach nur das Leben ein wenig näher herangeholt wird als man es sich jemals erträumen dürfte. Ganz egal, ob die Augen wieder mal größer waren als der Mund oder versucht wird in die Fußstapfen zu treten, die man früher als erhofft ausfüllen können wird.

Der Kinderzimmerkalender gehört seit Jahren schon an jede Wand, die von Kinderherzen erhellt wird. Die Fröhlichkeit der Bewohner spiegelt sich so unangestrengt in den Bildern wider, dass man einfach nicht anders kann als ein tief empfundenes „Ja, so ist es!“ herauszublasen.

Kleine haben immer bestimmt Privilegien. Das war so, das ist so, und das soll auch immer so bleiben. Wenn man es so sehen will, ist dieses Kunstwerk auch der Denkanstoß, gerade dieses Privileg nicht zu ändern. Denn nur wer als Kleiner Großes erlebt hat, wird als Großer die Kleinen (Dinge) zu schätzen wissen.