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Geographie in der antiken Welt

Geographie in der Antike

Das Fach Geografie wurde in der Schule entweder geliebt oder gehasst. Es gab kein Dazwischen, keine Grauzone. In der Antike war Geographie (bewusst mit „ph“ geschrieben) eine neue Wissenschaft, eher ein Handwerk. Mal schnell das Navi einschalten, um zu sehen, welcher Weg der schnellste zur nächsten Schlacht ist, ging nicht. Oder noch schnell vor dem nächsten Feldzug zu Karstadt einen neuen, aktuellen Atlas kaufen – unmöglich. Jeder, der sich nur ein paar Tagesmärsche von der Heimat entfernte, wurde zum Entdecker, zum Aufzeichnenden, zum Geographen. Karten waren höchstes Kulturgut.

Selbst in der Prosa wurden Hinweise zur Geländegängigkeit und zu Erhebungen und Flussläufen mitgeliefert. Was die Ansiedlung der Geschichte(n) für Historiker heute erleichtert. Die „Odyssee“ kann man getrost als einen der ersten Atlanten bezeichnen.

Daniela Dueck begibt sich auf eine Reise in die Vergangenheit. Sie fand geographische Hinweise auf Gefäßen und Bronzetafeln, und sie durchforstete alte Schriften nach Hinweisen für die Existenz der geographischen Wissenschaft.

„Geographie in der Antike“ ist eine Lesereise in längst vergangene Zeiten. Der Leser schippert nicht einfach nur so an den Ufern bekanntes und weniger bekannter Küsten entlang. Die Entdecker der antiken Welt sind die Reiseführer dieses Sachbuches, das durch seine Vehemenz und klare Gliederung hervorsticht. Die spannende Art zu schreiben, verleiht dem Buch die nötige Würze.

Auch wer sich in Pennälerzeiten schwer tat an Schwarzkarten die Heimatstadt einzuordnen, wird sich in einen wahren Leserausch versetzen. Denn die antiken Vorfahren hatten noch weniger Material zur Hand und entdeckten so viele Orte, die wir heute als Traumziele bezeichnen. Verneigen wir uns vor ihrer Leistung und danken Daniela Dueck für ihren Beitrag zum Verständnis der Geografie, mit „f“.

Geyers Schädel

Geyers Schädel

Zu seinem 200. Geburtstag erfährt Richard Wagner die Aufmerksamkeit, die ihm über Jahrzehnte entzogen wurde. Über sein Werk – da sind sich die Experten einig – gibt es wenig zu diskutieren. Monumentale Musikgeschichte, die selbst im Filmgeschäft als Meilensteine eingesetzt werden (drohende Gefahr im Anflug ohne den Walkürenritt – undenkbar). Richard Wagners politische Einstellung und sein Antisemitismus riefen und rufen immer wieder Mahner auf den Plan, Wagner nicht allzu sehr zu glorifizieren.

Marcus Imbsweiler schlägt einen anderen Weg ein. Er schickt zwei Kommissare in die Spur einen Schädel einem Korpus zuzuordnen. Um dem Ganzen die Wagner‘sche Schwere zu nehmen, verteilt er die Geschlechterrollen sehr traditionell: Er, der Chef – Sie die Assistentin. Einige urkomische Situationen entschärfen jedoch die drohenden feministischen Anfeindungen dieser Rollenklischees.

In einem Wald bei Bayreuth wird ein Schädel gefunden. Ein mörderisches Verbrechen muss dahinter stecken. Den Kommissaren und somit auch dem  Leser werden schnell klar, dass es sich einen besonderen Schädel handelt. Haderer und Leschkowski – so die Namen der Ermittler – kommen einer Geheimorganisation auf die Spur. GRAL – die Bedeutung der Abkürzung wechselt des Öfteren im Laufe der Geschichte, um Verwirrung bei den Beamten zu erzwingen.

„Geyers Schädel“ ist die wohltuende Alternative zum Wagnerwahn im Jahr 2013. Keine bloße Faktenaneinanderreihung, die immer neue Erkenntnisse über den „großen deutschen Komponisten“ ans Licht befördert. Vielmehr eine despektierliche Abhandlung über das, was wäre, wenn es so abgespielt hätte. Ein Zeitreise der Ermittler nimmt den Leser mit in Wagners Zeit, von Leipzig über Dresden nach Bayreuth. Kein Skandal, der die Kunstwelt erschüttert, eine amüsante Sichtweise auf das Leben Wagners in der Vergangenheit und seiner Jünger in der Gegenwart. Laut dem Autor kommt der Untertitel Kapitulation, also eine Unterwerfungserklärung, die von caput tollere, das Haupt verlieren, stammt. Laut Lexikon stammt es von capitulare, „in Kapitel einteilen“. Imbsweilers Roman erfüllt beide Erklärungen mit Inhalt: Die einzelnen Kapitel drehen sich nur um eines, ein verlorenes Haupt.

Ein Wenig Geschichts- und Wagnerkenntnisse sind von Vorteil, um den Witz des Romans vollständig zu erkennen. Dann wird „Geyers Schädel“ zu einem umwerfenden, ungewöhnlichen Lesevergnügen.

Abserviert

Abserviert

Joan Medford ist Anfang zwanzig und hat schon die nächste gravierende Wendung in ihrem Leben hinter sich: Der Mann – tot. Nach einem Streit im Suff aus dem Haus gerauscht, und einen geliehenen Wagen gegen die Wand gesetzt. Das Kind – bei der Tante, der Schwester des Verblichenen in guten Händen. Ethel – die Tante des Jungen und Schwägerin von Joan – kann keine Kinder bekommen und ersinnt einen perfiden Plan den Jungen dauerhaft an sich zu binden. Joan hat ihren Sohn Tad zu Ethel gegeben, um ihr Leben ordnen zu können. Sie muss nun allein für alle Kosten aufkommen. Zwei Polizisten geben ihr den Rat als Kellnerin, nicht weit von zuhause weg, zu arbeiten. Nur so kann sie für sich und ihren dreijährigen Sohn das Leben bestreiten. Als Liz, ihre neue Kollegin, die Einundzwanzigjährige betrachtet, weiß sie, dass Joan erflogreich sein wird. James M. Cain beschreibt genüsslich die körperlichen Vorteile seiner Protagonistin und Erzählerin des Buches: Für Joan Medford scheint das Wort „wohlproportioniert“ erfunden worden zu sein.

Earl K. White The Third sieht das nicht minder emotional. Der kranke, schwerreiche Gast kommt nun täglich in die Cocktail-Bar und hinterlässt jedes Mal ein fürstliches Trinkgeld. Joan weiß um ihre Reize und setzt sie geschickt ein. Doch da ist auch noch Tom Barclay. Unwahrscheinlich anziehend für die Witwe, jedoch finanziell bei Weitem nicht so gut ausgestattet wie der ältere Gönner White. Und das erste Zusammentreffen von Tom und Joan ist auch nicht geeignet eine dauerhafte Liaison zu beginnen. Mr. White hingegen macht Joan ein ungewöhnliches Geschenk: 50.000 Dollar. So verschossen er in die Kellnerin ist, so sehr weiß er auch, dass eine Heirat nicht in Frage kommt. Dieser Schritt wäre für ihn tödlich. Nicht im übertragenen Sinne, sondern wortwörtlich.

Nach langem Werben willigt Joan in die Ehe mit Earl K. White ein. Doch schon während der Flitterwochen, die die beiden in London verbringen, bemerkt Joan bekannte Symptome, die ihrem neuen Leben eine erneute Wendung geben könnten.

Dieser Krimi Noir ist eine Offenbarung, weil ein Könner seines Faches (manche nennen ihn den Erfinder des „Krimi Noir“) in sein letztes Werk all seine Kunstfertigkeit gelegt hat. James M. Cain, der Autor unter anderem von „Wenn der Postmann zweimal klingelt“ und „Mildred Pierce“ steht für Qualität im Regal der Spannungserzeuger. Ein knappes Dutzend Mal wurden seine Werke verfilmt und preisgekrönt.

James M. Cain gibt seinem letzten, lange verschollenen Werk ein wahres Fin noir. Wer das Werk Cains kennt, wird Parallelen zu den verfilmten Vorgänger „Wenn der Postmann zweimal klingelt“, „Mildred Pierce“ und „Frau ohne Gewissen“ erkennen. Somit ist „Abserviert“ die Essenz von James- M. Cains literarischen Vermächtnisses. Und was für eines!

Möhrenpesto und Maronicreme

Druck

Es ist keine Erfindung der Gegenwart, dass es schnell gehen muss in der Küche. Und schon gar nicht, dass es lecker schmecken muss. Ein Trend – der schon länger anhält – ist allerdings der Gesundheitsaspekt. All das abgepackte Fleisch, das haltbar gemacht werden muss, kann also per se nicht so frisch sein wie es so mancher Aufdruck vorzugaukeln versucht.

Da bleibt oft nur die gute alte Methode à la Oma: Es selber machen. Der Jan Thorbecke Verlag hat in regelmäßiger mindestens einen „Oma-Ratgeber“ auf Lager. Wobei hier das Augenmerk auf althergebrachten – und niemals aus der Mode gekommenen – Methoden der Zubereitung liegt. Dieses Mal stehen vegetarische Brotaufstriche ganz oben auf der Einkaufsliste.

Wer sich einmal die Mühe gemacht hat, und beim Discounter die Zutaten einer Frischkäsecreme durchgelesen hat, ist verblüfft. Alles gesunde Zutaten. Wären da nicht die Zusätze wie „-extrakt“ und „-konzentrat“. Früchte und Obst gibt es nur im Ganzen, nicht extrahiert oder konzentriert.

Susanne Heindl und Sabine Fuchs stoßen die Tür zur gesunden – und ethisch verantwortungsvollen – schnellen Küche weit auf.

Selbst eingefleischten Allesvertilgern wird schon beim Lesen das Wasser im Munde zusammenlaufen, wenn sie die Zutaten lesen. Rosmarin auf dem Steak ist ja schon lecker. Aber auf einem – womöglich dazu noch selbst gebackenen – Brot, das ist noch eine Stufe leckerer. Ein Brennnessel-Frischkäse ruft erst einmal schmerzhafte Kindheitserinnerungen hervor. Aber mit Dill, Petersilie, Schnittlauch, Senf und anderen alltäglichen Zutaten wird daraus Erstens etwas völlig Neues und zweitens ein schmackhafter Aufstrich, den man garantiert bei der nächsten Feier anbieten wird. Schon wegen der staunenden Augen der Gäste.

Überhaupt sind die Zutaten in jedem Supermarkt, meist sogar um die Ecke auf der Wiese, auf dem Feld zu finden. So wird das Nachkochen und Zubereiten nach „Möhrenpesto und Maronicreme“ nicht nur ein Ausflug in vermutlich neue Koch- und Geschmacksgefilde, sondern auch eine die  Haushaltskasse schonende Erfahrung.

Die zahlreichen Fotos von Sabine Fuchs stimmen den Leser und neuen Kochexperten auf die gegenüberliegenden Seiten jeweils eindrucksvoll ein.

Der Bahnwärter

Der Bahnwärter

Nino und Minica beziehen ein Bahnwärterhäuschen – alles scheint so zu verlaufen wie das Paar es sich vorstellt. Die Arbeit ist nicht allzu schwer. Er kümmert sich ums Haus, sie sich um den Garten. Zur Zertreuung geht Nino einmal in der Woche zum Singen in die nahegelegene Stadt. Minica bleibt derweil lieber zuhause.

Der näher rückende Krieg – wir schreiben das Jahr 1942 – durchbricht auch die sizilianische Idylle am Meer. Soldaten beginnen Bunkeranlagen zu bauen. Nächtliches Klopfen beängstigt die junge Frau. Ein kleines Zwischenhoch verflüchtigen die Sorgen. Nino gewinnt ein halbes Jahresgehalt in der Lotterie.

Das Zwischenhoch dauert jedoch nur kurze Zeit. Die Alliierten rüsten sich zum Kampf gegen den Duce. Und so geraten die Schwarzhemden – so wurden die Faschisten in Italien genannt – in Panik. Musizieren wird nur noch unter Auflagen gestattet. Nino und sein Gesangspartner Toto machen aus der Not eine Tugend. Angepasst an die neue Situation singen sie nun die gewünschten Lieder  – allerdings in abgewandelter Form. Ein Fehler, der sie für kurze Zeit ins Gefängnis bringt. Michele wird in dieser Zeit den Job des Bahnwärters übernehmen. Er ist ein strammer, überzeugter Faschist. Und ein gefährlicher Mann.

Das ständige nächtliche Klopfen an der Tür, wenn Nino nicht anwesend war, die Angst etwas Schreckliches geschehen könnte, das alles hat Minica weggesteckt. Doch das Schlimmste kann sie nicht verhindern. Endlich schwanger (Andrea Camilleri beschreibt mit liebevoller Hingabe wie die beiden die Empfängnisschwierigkeiten beseitigen), fällt sie einem perfiden Verbrechen anheim, in dessen Folge ihr gemeinsames Leben komplett umgekrempelt wird. Süß und trotzdem nicht befriedigend fällt die Rache aus. Minica verfällt immer mehr dem Wahnsinn.

„Der Bahnwärter“ ist der zweite Teil der Metamorphosen-Trilogie von Andrea Camilleri. Und wieder verzaubert uns der sizilianische Magier mit seinen Zeilen. Ein Märchen aus Lava und Gischt. Eine Geschichte wie sie nur aus einer Feder stammen kann. Auch wenn die Erzählung sehr handfest ist, so schafft es Andrea Camilleri den Reiz und die Eigenarten der Sizilianer poetisch einzufangen.

Den Vater töten

Den Vater töten

Den Vater nie kennengelernt, von der Mutter unsanft aus dem gemeinsamen Heim geworfen – „Was soll aus so einem nur werden?“ Die Wahl scheint oft zwischen Genie und Wahnsinn, zwischen Gefühlskälte und einzigartigen Fähigkeiten hin und her zu pendeln.

Joe Whip ist mit seinen Zaubertricks seit einem Jahr der verzückende Star der Bars und Clubs der Spielerstadt Reno am Rande der Sierra Nevada. Norman Terence ist ein begnadeter Magier, der den 15jährigen ein neues Heim gibt und ihn in die Geheimnisse der großen Magier einweihen will.

Joe lernt begeistert – und dafür gibt es mehrere Gründe. Zum Ersten will er betrügen können, ein Ansinnen, das ihm Norman sofort wieder austreibt. Zum Anderen ist er, gelinde gesagt, total verschossen in Christina, Normans Freundin.

Diese Liebe in eine – für ihn – handfeste Tat umzusetzen, soll aber noch einige Zeit dauern. Denn erst an seinem 18. Geburtstag werden Christina und Norman ihn mit zum Burning Man Festival mitnehmen. Eine Welt, die Joe in eine Parallelwelt versetzen wird. Verrückte allenthalben, Feuerspucker (wie Christina), Gestalten aus fernen Galaxien, dauerhafte musikalische Beschallung und der Drang sich endlich Christina zu vereinigen. Sie wird es genauso wollen wie er. Joe und Norman geraten in einen Streit. Die hippiemäßige freie Liebe wird bei Norman einem Besitzanspruch weichen. Joe ist besessen von der Idee Christina, die nie seine Mutter war, und sich doch wie eine um ihn kümmerte, zu erobern, zu verführen und schlussendlich zu besitzen. Dieser philosophische Diskurs bringt die beiden Männer näher als sie es sich je eingestehen würden.

Joe verlässt Norman und Christina, um in Las Vegas Karriere zu machen. Was ihm auch anfangs gelingt …

Nicht jeder Vater muss nun Angst um sein Leben haben, wenn sein Kind ihm eröffnet: „Ich lese gerade Amélie Nothomb – ‘Den Vater töten‘“ Die Anleitung zum Patrizid oder Vatermord hält sich in Grenzen. Rasend schnell entwickelt Amélie Nothomb die Geschichte und vertieft den Leser nicht minder langsamer in den Strudel der Geschichte. Das Ende ist eines Hitchcock Thrillers würdig. Wer kurz vor Ende des Buches meint, die Lösung zu kennen, ist ein Narr oder ein unsagbar begnadeter Magier. Ebenso wie Joe, Norman und ein Belgier.

Mein Nachrichtendienst

Mein Nachrichtendienst

Auch in der Fremde der Heimat verbunden sein – für Thomas Mann und seine Familie war ein (über-)lebenswichtiges Elixier. Der Zaubertrank waren die Briefe von Hedwig Pringsheim an ihre Tochter Katia, Ehefrau und Rückstärkung des Literatur-Nobelpreisträgers Thomas Mann. Dreihundertfünfundsiebzig Briefe schrieb sie von 1933 bis 1941 an ihre Tochter. Bis 1939 hielt sie es in Deutschland aus, emigrierte aber nach Enteignung und unerträglichen Demütigungen in die Schweiz, wo sie 1942 starb.

Als junge Frau eroberte sie die Bretter, die die Welt bedeuten. Ihre allseits beliebte Eloquenz bescherte ihr den Ruf einer exzellenten Gastgeberin und Rednerin. Diese Eigenschaft macht diesen fast zweitausend Seiten starken Doppelband zu einem Leseereignis, das seinesgleichen sucht. Ihre Tochter und ihr Schwiegersohn hatten bereits 1933 Deutschland verlassen müssen, um dem Naziterror „abroad“ sich entgegenzustellen.

Natürlich konnte Hedwig von Pringsheim nicht alles so schreiben wie sie es gern wollte. Sie wählte Vergleiche aus Literatur und Musik, um die emigrierte Familie „aus dem Laufenden zu halten“. Nicht alle dieser Codes erschließen sich dem Leser auf den ersten Blick. Herausgeber Dirk Heißerer gibt im hinteren Teil jedes der Bände eine Verständnishilfe und knackt die wohl formulierten Gleichnisse.

So entsteht beim Lesen ein exaktes Abbild der Verhältnisse im Deutschland unter der Knute der Nazis und ihrer Schergen. Das jüdische Großbürgertum war durch – in einigen Teilen der Welt, aktuell im sich erschreckend rasant sich zum Schlechten entwickelnden Ungarn, weit verbreitete Vorurteile – besonders unter Beschuss geraten. Materiell litt die einstige wirtschaftliche und intellektuelle Elite besonders unter den Repressalien.

„Mein Nachrichtendienst“ ist eine Biographie einer Familie im dunkelsten  Deutschland, aber gleichsam eine Leidens- und Lebensgeschichte eines Landes, das so stolz auf seine Dichter und Denker, seine Errungenschaften und seinen Ruf als Land der Forscher war und es auch durfte. Dass die Nazis den Subtext nicht erkannten, liegt an ihrer Engstirnigkeit und Inflexibilität, aber vor allem an der geschickten Handhabung der Sprache durch Hedwig von Pringsheim. Der Doppelband ist sicherlich kein Buch, das man nebenbei liest. Der Stoff ist ein harter, teils amüsanter, weil er durchgegangen ist. Vor allem aber authentisch. Denn die Verfasserin der Briefe bot lang dem Regime die Stirn. Ihre Eigensinn und ihr scharfer Verstand erlaubte es ihr Einblicke zu geben, die so manchem „Weggucker“ verborgen blieb. Nun sind diese Briefe in einem eleganten Schmuckschuber in zwei Bänden erhältlich und definieren die literarische Aufarbeitung des zwölfjährigen Reiches neu.

Kerfe des Waldes

Kerfe des Waldes

Kerfe sind den meisten unter dem Begriff Insekten bekannt. Diese kleinen Biester, die im Sommer über der leckeren Torte herumschwirren. Aber auch dieselben kleinen Biester, die dafür sorgen, dass die Blumenpracht auch eine Pracht bleibt.

Hier ist nun das Standradwerk zur Bestimmung der Kerfe des Waldes. Alle „kleinen Biester“ werden hier in Originalgröße – das unverwechselbare Merkmal der Buchreihe – abgebildet. Aber nicht einfach nur so. Nein, feingliedrige Zeichnungen, die wirklich jedes Detail abbilden, verzaubern den Leser ab dem ersten Umblättern.

Vom Hirschhornkäfer haben viele schon einmal gehört. Wie er aussieht – davon haben noch weniger eine Ahnung. Und da Weibchen und Männchen unterschiedlich aussehen, werden auch beide abgebildet. Schmetterlinge faszinieren den Betrachter wegen ihrer Flugeleganz. Aber wer hat schon mal die Möglichkeit einen Schmetterling aus der Nähe in aller Ruhe zu beobachten? Meist sind die flinken Leichtgewichte sofort wieder weg. Dank der Abbildungen im Buch erfährt man, dass ein Zitronenfalter nicht nur komplett gelb ist, er hat vier kaum wahrnehmbare rote Punkte.

Prof. Dr. Gottfried Amann – der Autor – beschränkt sich allerdings nicht nur auf die bloße Abbildung der Kerfe des Waldes, Vielmehr erläutert er wissenschaftlich und zugleich leicht verständlich die Eigenschaften der vorgestellten Tiere.

Im Bilderteil legt er sein Hauptaugenmerk auf die Darstellung der Kerfe, aber nicht nur darauf allein. Eier, Larven und Puppen sowie die Fraßbilder werden genauso dargestellt. Wer also bei seinem nächsten Waldbesuch an einer angeknabberten Pflanze vorbeischaut, kann nun genau bestimmen, welches gefräßigeTier sich hier zu schaffen gemacht hat.

Die unglaubliche Vielfalt der Kerfe in unseren Wäldern erstaunt immer wieder. Und genauso erstaunt es den Leser, welch Aufwand die Macher des Buches betrieben, um wirklich jedes Insekt abzubilden.

Cloud city

Cloud City

Dem Alltag davon schweben – den eigenen Gedanken, dem eigene tun nachgehen und nachhängen – urbane Gestalten gestalten ihren Rhythmus differenziert. Die Kurzgeschichten in „Cloud city“ unterscheiden sich gehörig von dem, was man als geübter Leser kennt und erwartet. Mark Heydrich erfindet Figuren, die es so nicht gibt. Oder doch?! Er lässt sie gewähren in ihrem Handeln, er wertet nicht. Und: Er gibt dem Leser viel Freiraum für Interpretationen.

Mit brachialer Präzision wirft er dem Leser Bruchstücke von Leben hin, konstruiert vage Geschichten und lässt Handlungsstränge und Ende offen. Der Leser wird unweigerlich in die Zeilen hineingezogen, um muss nun – wohl oder übel – für sich entscheiden, was er dem Helden antut oder welchen Weg er ihn einschlagen lässt. Das wird dem Leser aber erst beim Lesen bewusst. Einmal in den Fängen des Autors, gibt es kein Entkommen mehr. Wie Sand rinnt die Geschichte durch die Finger. Sie festzuhalten obliegt demjenigen, der die Zeilen vor seinem lesenden Auge hat. Ein Spiel, auf das man sich einlassen muss.

Hat man den Dreh raus, öffnet sich ein Paradies der Sinne. Auswanderer verlieren ihren Mut, Banalitäten wie eine defekte Glühbirne erheben sich zum Dreh- und Angelpunkt einer Brunchrunde unter Freunden. Und immer mit dabei: Der Leser. Unmerklich wird er Bestandteil der Geschichten.

Mal werden Rachegelüste in die Tat umgesetzt, oder nicht?! Der Leser muss jetzt entscheiden. Ist er Konsument, Zuschauer oder Beteiligter?

„Cloud city“ ist Mit-Mach-Lesen erster Klasse.

Untat

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Sechzehn Grundsätze umfasst der Pressekodex der deutschen Presse. Einer davon lautet, dass man immer der Wahrheit verpflichtet ist und keine unlauteren Methoden anwendet. Man darf die Menschenwürde und Ehre nicht verletzen. Hehre Ziele, an die sich gute Journalisten auch halten. Nun gibt es aber – wie in jeder Branche, was keine Entschuldigung sein soll – auch schwarze Schafe. Die kommen an ihre Geschichten nur, wenn sie den Pressekodex missachten und so manche Grenze überschreiten.

Zwei dieser Exemplare spielen die Hauptrollen in Guido Rohms Krimi „Untat“. Ein Entführer und Mörder – sie nennen ihn Oscar, weil er es ihnen so vorgibt – kündigt die Entführung eines Kindes an. Die beiden sollen ihn dabei begleiten. Über ihn berichten. Hinterher. Wenn alles vorbei ist. Wenn er sein Lösegeld hat. Wenn er, Oscar, in Sicherheit ist.

Und schon haben wir, die Leser, die erste Zwickmühle. Normalerweise braucht ein Krimi immer einen (oder mehrere) Schurken. Und einen (oder mehrere) gute Jungens.

Oscar ist der Typ Mensch, den man seine kriminellen Absichten sofort ansieht. Die beiden namenlosen Journalisten erkennen in ihm eine krude Mischung aus Peter Lorre und Edward G. Robinson. Überhaupt hegen die beiden eine tiefgehende Liebe zu amerikanischen Gangsterfilmen. Leider haben sie daraus auch ihr Wissen über Verbrechen bezogen. Denn Hollywood ist nicht die reale Welt, und umgekehrt.

Oscar macht den beiden unmissverständlich klar, wer hier die (dreckigen) Hosen anhat. Er! Zwei Tage dauert die Vorbereitung des Verbrechens, für das sogar im Knast wenig Sympathie herrschen wird. Zwei Tage ohne entsprechende Hygiene, ohne passendes Essen. Die beiden Schreibtischtäter (zumindest waren sie es bis vor Kurzem noch) rümpfen elitär-angewidert die Nase, fassen die Umstände aber als zum Spiel dazugehörig auf. BCP – Bier, Chips und Pornos bestimmen nun den Tagesablauf. Am dritten Tag verschwindet Oscar, um das Verbrechen zu verüben. Ohne die beiden, Naseweise. Die würden nur stören.

Fast wie im richtigen Leben läuft auch hier nicht alles glatt. Guido Rohm lässt den Leser im Unklaren, was da eigentlich passiert. Andeutung reiht sich an Vermutung, Vermutungen liefern sich ein Bäumchen-Wechsel-Dich mit perfiden Träumen. Der Leser wird hin und hergerissen vom geschickten Spiel des schwerfällig Haupttäters mit seinen willigen Helfern. Am Ende … ja das Ende. Selber lesen!