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Die Verwahrten

Die Verwahrten

Sicherheitsverwahrung. Verwahrung. Was soll das heißen? Woher kommt dieses Wort? Komisches Wort. Verwahrung. Ist jemand oder etwas nicht verwahrt, ist er/es dann verwahrlost?

Bis vor kurzer Zeit war es so, dass Schwerstkriminelle ohne Aussicht auf die so genannte Resozialisierung (noch so ein Wort, das man immer gern benutzt, aber über dessen eigentliche Bedeutung man sich nie Gedanken macht) nach Verbüßung ihrer Strafe in eine Sicherheitsverwahrung kamen. Und zwar so lange, bis sie keine Gefahr mehr für die Allgemeinheit darstellten. Diese Gangart haben aber Europäischer und Bundesgerichtshof verworfen. Wer seine Strafe verbüßt hat, ist frei.

Peter Neugebauer ist 49 Jahre alt und ist seit drei Tagen auf freiem Fuß. Er wollte zu seiner Verlobten, all das nachholen, was ihm in den vergangenen fünfzehn Jahren nicht erlaubt war. Vergewaltigung, Freiheitsberaubung und schwere Körperverletzung warf man ihm (zu Recht) vor. Nun steht er wieder in einer Zelle, nur wenige Schritte breit. Ab und zu kommt ein Wärter, Ankläger und Richter in einer Person vorbei und löchert ihn wohlformuliert mit Fragen, gibt klare Anweisungen. Peter Neugebauer ist nun 1/2011. Eine Nummer – mehr nicht. Schnell wird klar, dieses Gefängnis ist anders, härter als das, aus dem er gerade entlassen wurde.

2/2011 und 3/2011 geht es nicht anders. Auch sie sind Nutznießer des neuen Gesetzes und frei – zumindest auf dem Papier. Exekutive und Judikative versuchen der Sache Herr zu werden, indem sie Bauernopfer kreieren, die Presse hinhalten und Gefangene beschwichtigen. Ein perfides Spiel. Leider ist die ganze Sache ein Spiel. Ohne Happy end. Ohne Gewinner. Nur Verlierer.

Susanne Preusker beschreibt in diesem Roman die beklemmende Enge der endgültigen Zelle so anschaulich, dass es dem Leser graust. Die Täter, die nun Opfer sind – ob das gerecht oder gar recht ist, darüber müssen sich die Gelehrten streiten – leiden wie einst ihre Opfer. Die Handlungsunfähigkeit, das Desinteresse und die Ohnmacht der Politik schreit zum Himmel.

„Die Verwahrten“ ist nicht nur spannend zu lesen ist, sondern wird auch die Diskussion um eines der heikelsten Themen der Justiz befeuern kann.

Die Autorin arbeitete als Gefängnispsychologin und Psychotherapeutin. Ihr Erstling „Sieben Stunden im April“, in dem sie ihre eigene Geiselnahme und Vergewaltigung verarbeitete, erregte großes Aufsehen. „Die Verwahrten“ ist ihr erster Roman.

Mord auf vier Pfoten

Mord auf vier Pfoten

Dem Volk aufs Maul schauen – das tun Autoren zumeist. Lilo Beil schaut den Haustieren des Volkes aufs Maul. Denn die haben uns Menschen etwas voraus: Sie verstehen unsere Worte. Wir hingegen verstehen das Miaue und Gewuffe nicht.

Und so ist es nicht verwunderlich, dass die vierbeinigen Detektive in den Geschichten von Lilo Beil die besseren Ermittler sind. Manchmal sogar die besseren Menschen… Die Täter laufen auf zwei Beinen – bad. Die Kommissare verlassen sich auf ihre Spürnase und doppelt so viele Stützen – good. Das wusste schon George Orwell, der seinen Helden in „Animal farm“ diese Weisheit ins Maul legte.

Die Autorin nimmt Anleihen bei Märchen wie dem vom „Fischer und seiner Frau“, bei Wegbereitern des Krimi-Genres wie Agatha Christie und dem Meister der Spannung Alfred Hitchcock.

In ihren Geschichten verleiht sie den Detektiven nur leicht menschliche Züge – der Leser, der ja nun mal menschlich ist, muss den Gedankengängen schließlich folgen können…

Zweiundzwanzig tierisch-köstliche Fälle serviert die Autorin dem Leser auf dem Silbertablett. Ohne große Anstrengungen darf er sich nun der Lösung der Fälle widmen. Ein Lesespaß für alle Zweibeiner, die ihre Vierbeiner bisher immer unterschätzt haben. Ideal zum Selberlesen und Verschenken.

Was tun, sprach Zeus

Was tun, sprach Zeus

Never change a winnig team – kein antiker Spruch, aber es trifft den Nagel auf den Kopf. Gerhard Wagner sammelt Sprüche, um ihren Ursprung zu untersuchen. Zweihundert Sprüche hat er unter die Lupe genommen. Nachdem er in seinem ersten Buch Redewendungen aus dem Mittelalter auf Herzen und Nieren geprüft hat, ist es nun für den Leser ein Fortschritt, dass er einen Schritt zurückging und die Antike genauer betrachtet.

Und einmal mehr wird der Leser verblüfft sein, wie viel Antike noch im heutigen modernen Alltag steckt: So mancher Verein erblüht unter der Ägide eines charismatischen Präsidenten. Die Spieler leben dann im Elysium – auch weil einige von Amors Pfeil getroffen werden – um dann wie von Furien gehetzt, den Lebensfaden abgeschnitten zu bekommen. Bis hierhin kann jeder etwas mit den Aussagen etwas anfangen. Wohlformulierte Worte, die es dem Zuhörer erlauben sich eine Meinung vom Sagenden zu bilden. Meist ein positives Urteil. Denn der Aussprechende bezeugt dadurch ein gewisses Maß an Wissen und Weltoffenheit.

Und jetzt kann man sogar seine Redewendungen erläutern und herleiten. Was will man mehr?! Die Würfel sind gefallen, das Unwissen ist eine terra incognita. Man ist nicht mehr am Ende seines Lateins, wenn man nach dem Weg fragt.

Gerhard Wagner gelingt es mit seinen knappen, teils süffisanten Beschreibungen den alltäglichen Kampf der verkürzten und unbestimmten Sprache neues Leben einzuhauchen. Nur wer sich gewählt und abwechslungsreich bewähren kann, wird Erfolg haben. Somit sollte dieses Buch nicht unter „Sprücheklopfer“ stehen, sondern bei den Ratgebern. Banausen und Koryphäen werden nun in epischer Breite erklären können, wieso und warum sie so und nicht anders argumentierten. Ein Glücksfall für jeden, der sich auch über Sprache definiert.

Wo Thales in den Brunnen fiel – Ein philosophischer Reiseführer in die Antike

Wo Thales in den Brunnen fiel

Und wieder ein Reiseband aus dem Primusverlag, den man so nicht kommen sah. Nachdem man Berlin historisch erreisen konnte, sind nun die Philosophen dran. Reisen zu den Orten ihre Wirkens. Reisen zu den Orten, an denen sie ihnen ihre genialen, universellen Ideen kamen. Ein Exkurs in die Geschichte des Denkens, mal ernst, mal zum Schmunzeln.

Der titelgebende Thales, dessen Satz so manchen Schüler zur Verzweiflung brachte, war nicht nur Mathematiker und Physiker, sondern auch Politiker und Astronom. Und zwar in Milet, an der heute türkischen Westküste, nur wenige Kilometer südlich von Ephesos. Eine Anekdote besagt, dass er den Himmel beobachtete und dabei den vor ihm liegenden Brunnen übersah. Und plumps – war es um ihn geschehen. Aber das ist nur eine Anekdote, ob sie wahr ist, weiß niemand. Vielleicht verspottete man ihn auch nur, weil er immer so wissbegierig das Himmelszelt mit den Augen verschlang. Erst im Jahr 585 v.u.Z. legte sich der Spott als er eine totale Sonnenfinsternis auf den Tag genau vorhersagte und damit Frieden der Region bescherte. Denn als sich die Sonne am helllichten Tag verzog, schlossen die verhärteten Fronten Frieden.

Nur eine Geschichte von vielen aus diesem amüsanten und originellen Reiseband. Reisen in die Antike – dafür gibt es unzählige Anlässe und Anbieter. Ein Orakel hier, ein verfallener Tempel da. Ein antikes Schlachtfeld vor Augen, eine Siegessäule im Rücken. Und immer der Lerngedanke im Kopf. So macht Erholung nur bedingt Spaß.

„Wo Thales in den Brunnen fiel“ ist die alternative Lernmethode dem Grundgedanken unserer heutigen Zeit und Forschung nachzugehen. Und das im wortwörtlichen Sinne. Warum nicht mal auf den Spuren von Denkern und Lenkern wandeln? Dorthin reisen, wo sie wirkten, wo sie ihre Spuren hinterließen.

John Gaskin gibt Hilfestellung bei der Planung des nächsten außergewöhnlichen Urlaubs.

Ernst beiseite!

Ernst beiseite

Jeden Tag, jede Stunde, irgendwo auf der Welt: Ein Mann und eine Frau (okay, total p.c. eine Frau und eine Frau oder ein Mann und ein Mann) zermartern sich ihr Hirn wie sie dem in Bälde neuen Erdenbürger denn nun rufen sollen. Schließlich kommt irgendwann der Moment, an dem auch die Nachbarn den kleinen Racker beim Namen rufen hören. Und dann sollte doch gefälligst nicht schallendes Gelächter die Reaktion sein. Ja, die Namenswahl ist in den meisten Fällen durchaus verzwickt.

Jeder kennt mindestens ein Beispiel aus seinem Bekannten- oder Freundeskreis, bei dem die Namenswahl offenbar in geistiger Umnachtung geschah. Schlimm wird es erst, wenn es die Geber nicht merken, was sie dem Empfänger antun. Es gibt immer wieder Forschungen, die (angeblich) belegen, dass Kevins es nicht unbedingt einfacher haben im Leben. Und das nur weil in den 90er Jahren mal einer mit einem Wolf tanzte.

Oder nur weil der Lieblingsdarsteller aus der Lieblings-Soap soooo niedlich ist, wird es der Nachwuchs nicht automatisch. Was passiert, wenn dieser Lieblingsdarsteller etwas tut, was mit keiner gesunden Lebenseinstellung zu vereinbaren ist? Das Kind rennt dann ein Leben mit diesem Stigma rum.

Auch Sprachmelodie, also die Verbindung von Vor- und Zunamen sollte stimmig sein.

William Wahl hat sich Gedanken zum Thema Namenswahl und -vergabe gemacht. Seine Schlussfolgerungen sind schlüssig und teils bissig. Nichts für Zartbesaitete. Fünfhundert Namen hat er auf Ursprung und Bedeutung untersucht. An dieser Stelle verzichtet man am besten auf irreführende Negativbeispiele, um nicht den einen oder anderen zu verprellen. Denn nur weil einer Menno heißt, ist er nicht gleich quengelig oder eine Mischung aus Mensch und Benno (in Anlehnung an Mel Brooks‘ „Spaceballs“, in dem es einen Möter – halb Mensch, halb Köter – gibt). Menno kommt aus dem Ostfriesischen. Apropos ostfriesisch: Dieser Menschenschlag muss in Deutschland oft und gern für do manchen Ulk (nicht Ulf) herhalten. William Wahl hat eine Liste der dämlichsten friesischen Namen erstellt. Lassen Sie es bitte die Ockes und Arfsts Ihrer Umgebung nicht merken, dass sie Bestandteil dieser Liste sind.

„Ernst beiseite!“ ist das Buch, das werdenden Eltern noch zum Glück fehlt. Denn sobald sie einen möglichen Namen für ihren Nachwuchs hier entdecken, wird es knifflig. Die Suche beginnt von vorn und unter ganz anderen Gesichtspunkten. Trotzdem sollte dieses Buch zur Hand genommen werden, um Missverständnisse von vornherein zu minimieren. Liebe werdende Eltern, lasst Euch nicht einschüchtern. Erfolg hängt nicht vom Vornamen ab. Jedoch sind Vorurteile in jeder Gesellschaft vorhanden. Und nicht jeder ungeplante Nachwuchs muss mit höherer Gewalt in Verbindung gebracht werden. Suchen Sie nicht weiter nach Synonymen für „Gottes Geschenk“, und wenn dann nur in fremden Sprachen, die in fernen Ländern und Kontinenten gesprochen werden. Jedes Kind ist kostbar, muss aber nicht gleich Precious (englisch) oder Ivie (edo, Sprache in Nigeria) heißen. Namensvielfalt ist Kulturgut, das man schützen sollte. Und zwar in jeder Hinsicht.

Tango fatal

Tango fatal

Wenn man sich die vergangenen Jahre betrachtet, ragen Menschen aus einem Land besonders hervor: Argentinien. Alles überragende Fußballer wie Diego Armando Maradona und Lionel Messi. Ein Papst. Und seit neuestem Königin Máxima, Prinzessin der Niederlande. Des Weiteren bringt man Argentinien, und zwar nur Argentinien, mit einem weiteren kulturellen Erbe in Verbindung: Dem Tango. Zwar wurde auch Uruguay durch die UNESCO zum Erhalt des Tanzes „verdonnert“, doch ist nur die Region vom südlichen Ufer des Rio de la Plata bis nach Feuerland dafür berühmt.

Viele Sagen und Mythen ranken sich um den leidenschaftlichen Tanz. Ein getanzter trauriger Gedanke sei er. Oder eine Sucht. Oder ein Bordellreptil. Vieles mag stimmen, doch der Gedanke, dass der Tango ein getanztes Leben sei, verleiht dem Ran-tan-tan-tan die bedeutungsvolle Schwere.

Mauri Antero Numminen, der finnische Avantgard-Musiker bringt es in seiner Geschichte auf den Punkt. Ja, ein Finne bildet den Auftakt zu einem zutiefst lateinamerikanischen Buch. Denn der finnische Tango ist eine eigenständige Musikrichtung. Für Faktensammler lohnt sich der Erwerb dieses Büchleins schon allein deshalb.

Auszüge aus Henning Mankells „Die Rückkehr des Tanzlehrers“ und aus Jorge Luis Borges‘ Werk sowie ein „Vollständig unvollständiges Alphabet des Tangos“ von Jörg Krummenacher und zahlreiche kleine Anekdoten aus allen Ecken und Winkeln der Welt komplettieren dieses richtungsweisende Werk in Sachen Auszüge aus großen Werken zu einem Thema. Normalerweise sind Bücher wie diese reine Werbemaschinen, um Werke aus dem eigenen Verlag unters Volk zu bringen. „Tango fatal“ ist nur einem Ziel verpflichtet: Den Tango in die Bücherregale zu tragen.

Ein stringenter Rhythmus, melodisch, ja fast schon tragisch, durch ein Bandoneon in eine tanzbare Form gebracht – das ist Tango. Zumindest fürs Ohr. Doch Tango geht tiefer. Durch das Ohr ins Hirn, und von da direkt ins Herz, das die Impulse unweigerlich in die müden Knochen weiterleitet. Ein leichter Tonus durch zuckt erst die Arme, Hände und Finger. Dann können sich auch die anderen Extremitäten nicht länger zur Wehr setzen. Der ganze Körper taucht ein in das Feuer des Tangos.

Die Autoren verzichten weitesgehend auf die stereotypen sexuellen Verdächtigungen, die mit dem Tanz einhergehen. Vielmehr berichten sie von der Unmöglichkeit Tango in Berlin zu tanzen oder von der guten alten Zeit eines Carlos Gardel, dem größten Tango-Interpreten. Wer Tango liebt, dessen Liebe wird hier Seite für Seite, immer wieder und wieder neue befeuert. Die einzig zulässige Bücherverbrennung der Gegenwart!

Baden-Württemberg in 101 Orten

Baden-Württemberg in 101 Orten

Im Leben eines Reisenden kommt irgendwann die Erkenntnis: Jetzt habe ich die ganze Welt bereist, aber vor der eigenen Haustür bellen mich immer noch die Hunde an. Höchste Zeit die Heimat kennenzulernen! Der Konrad-Theiss-Verlag aus Stuttgart schlägt als erste Etappe das heimatliche Baden-Württemberg vor. Um es gleich vorweg zu nehmen: Es gibt durchaus mehr als 101 Orte im Südwesten der Republik, die es wert sind besucht und erkundet zu werden. Doch irgendwo muss nun mal eine Grenze gezogen werden. Dennoch sind die vorgestellten 101 Orte nicht irgendwie oder willkürlich ausgewählt worden.

Selbst Profireisende, vielleicht sogar Einheimische werden hier noch überrascht werden. Garantiert! Pro Seite wird ein außergewöhnlicher Ort mit dem gewissen Etwas vorgestellt, unter Werbefachleuten nennt man das dann den Unique Selling Point, also den einzigartigen Wiedererkennungswert. Daneben wird ein aussagekräftiges Bild gestellt. Die Autoren Andreas Braun und Gabriele Renz haben es sich nicht einfach gemacht Baden-Württemberg 101 einzigartige Gesichter zu verleihen. Sei es ein originell, von Tomi Ungerer gestaltetes Toilettenhäuschen in Plochingen oder das Heidelberger Schloss oder der Atommeiler in Obrigheim, der bezeichnenderweise in der Kraftwerkstraße steht.

Viele Orte bieten aber mehr als eben nur die im Buch beschriebenen Sehenswürdigkeiten. Der Hölderlinturm in Tübingen ist sicher eine Attraktion, aber bei Weitem nicht die Einzige. So wird „Baden-Württemberg in 101 Orten“ zum Stichwortgeber einer ausgedehnten Reise durch das Land der Schwaben und Badener. Und so sollte man dieses Buch auch annehmen. Ein Wegweiser durch knapp 36.000 Quadratkilometer. Von „Mannem“ bis „Konschtanz“, von Rust bis Ulm.

Dieses Buch ist ein wahres Füllhorn der Reisevorbereitungen: Bildband, Wegweiser, Ratgeber und Lesebuch in einem. Wer mit diesem Buch seine Reisevorbereitung bestreitet, kommt immer ans Ziel. Und Nachbars Lumpi gewöhnt sich auch nach und nach an den willkommenen weit gereisten Gast …

Alles über Luxemburg

Alles über Luxemburg

Mal Hand aufs Herz: was wissen Sie über unsere direkten Nachbarn? Polen – ist klar – kennen wir seit der Fußball-Europameisterschaft etwas besser. Tschechien mit Prag und dem leckeren Bier. Nach Dänemark fahren wir im Sommer, um uns den Wind um die Nase wehen zu lassen. In Österreich fahren wir Ski und in die Schweiz schaffen wir unser zu viel verdientes Geld. Nach Holland fahren wir zum Entspannen, in Belgien schlagen wir uns jede Menge (Frittier-)Fett auf die Hüften. In Frankreich leben wir wie Gott ebenda. Das ist ja schon ganz ordentlich was zusammengekommen, was wir Deutschen über unsere Nachbarn wissen. Doch Halt! Da fehlt doch noch was! Oder doch nicht? Klar. Luxemburg. Ja … da ist … ähm … Die benennen ihre Hauptstadt nach ihrem Land. Und der Sprit ist dort billig. Oh weh, Sechs, setzen! Unser kleinster Nachbar im Westen ist mehr als eine Tankstelle mit dem Hang zur Phantasielosigkeit (nur (!) in Bezug auf die Namensvergabe der Städte).

Knapp die Hälfte der Einwohner hat keinen luxemburgischen Pass. Von Unruhen oder gar regelmäßigen Übergriffen aus Ausländer hört man nichts. Also scheint man im Großherzogtum etwas richtig zu machen. Trotz seiner geringen Ausdehnung (Luxemburg ist der 166. Größte Staat der Welt, bei der Bevölkerung liegt man auf Platz 170) ist Luxemburg ein bedeutendes Land: Platz 19 unter den Finanzplätzen der Welt, nur in einem Land gibt es mehr Investmentfonds. Doch auch mit diesem Wissen kann man bei einem kurzweiligen Small-Talk keinen Blumentopf gewinnen. Der Mensch muss immer vergleichen. Die ungenannten Autoren nehmen sich Island zum Referenzobjekt. Island hat einen Nobelpreisträger. Hálldor Laxness, 1955, Literatur. Luxemburg hat fünf Preisträger aufzuweisen. Unter anderem für Physik und Medizin!

Dieses launische Buch lädt auf einfache Weise zu verweilen ein. So manche Information ist nicht lebenswichtig, aber sie lässt einen schmunzeln, nachdenken und verweist an die eigene Geschichte. Zum anderen macht dieses Buch Lust dieses kleine, und doch nicht so unbedeutende Land zu besuchen. Die Tourismusmanager Luxemburgs sollten sich dieses Buch als Standardwerk ganz vorn in den Bücherschrank stellen. Denn immer nur auf Wanderungen und die so genannten Best-Ager zu setzen, zahlt sich auf Dauer nicht aus.

Wer Luxemburg auch mal außerhalb der Tankstellen kennenlernen will, wer Müllertal und Wanderweg an der Attert schon in- und auswendig kennt, wem die morgendlichen Spaziergänge durch das Petruss-Tal schon zur lieben Angewohnheit geworden sind, wer in den italienischen Restaurants schon mit Vornamen angesprochen wird, der wird hier wahrhaft ein El Dorado vorfinden. Um der Großspurigkeit mancher Deutschen gleich noch einmal einen Riegel vorzuschieben. Als Lena vor einiger Zeit den Eurovision Songcontest gewann, geschah dies erst zum zweiten Mal in der fast sechzigjährigen Geschichte. Luxemburg, das soooo viel kleiner ist, konnte sich 1961, 1965, 1972 und 1973 (Titelverteidigung – das gelingt nicht einmal der Fußball-Nationalmannschaft Deutschlands) und 1983 in die Siegerliste eintragen. Deutschland könnte theoretisch also erst im Jahr 2016 am kleinen Nachbarn vorbeiziehen. Doch genug der Aufzählungen. Lesen Sie alles über Luxemburg und vergessen Sie die knall harten Fakten. Softnews sind spannender und bleiben eher im kollektiven Gedächtnis haften.

Der ungewöhnliche Verlagsname – capybarabooks (googeln Sie mal nach „Capybara“!, es lohnt sich) – stammt vom Wasserschwein, lat. Capybara. Dieses Tier hat auch einen Bezug zum Lesen! Denn es sonnt sich gern im oder am Wasser. Lässt den Herrgott einen braven Mann sein. Wenn es lesen könnte, würde es sicherlich tagein, tagaus an den Ufern der Mosel oder der Attert (capybarabooks ist schließlich ein Luxemburger Verlag) liegen und unter anderem dieses Buch lesen. Immer nur flussauf und flussab zu schwimmen ohne wirklich zu wissen, was an hinter den Uferpromenaden liegt, ist auf die Dauer auch nicht befriedigend. Außerdem hat ein Capybara nur ein knappes Jahrzehnt Zeit die Welt kennenzulernen.

Machen wir es wie die Wasserschweine, nagen wir nicht länger an unseren Problemen herum. Legen wir uns in die Sonne, und genießen dieses kurzweilige, mit für Gesprächsstoff sorgende Buch. Jedwede Konversation bekommt mit dem geballten Wissen über das Großherzogtum eine überraschende Wendung. Einmal im Mittelpunkt stehen und mit Wissen glänzen, das so nirgendwo geschrieben steht. Faulenzen auf hohem Niveau, mit launischer Unterhaltung.

Luxemburg in der Welt

Luxemburg in der Welt

„Müller, packen Sie unsere Sachen. Wir verreisen für eine gewisse Zeit.“ – „Darf ich fragen, wofür ich vorbereiten soll, Marteling?“ „Tout le monde“. Die ganze Welt. Sie ist das Recherchefeld der beiden Autoren Luc Marteling und Steve Müller. Sie suchen nach Luxemburg.

Die Motivsuche gestaltet sich nicht allzu schwierig. Beispielsweise das Café Luxembourg in Amsterdam. Das benannte sich so, weil Jan Hoekstra in New York das Café Luxembourg besuchte, das seinen Namen vom Jardin du Luxembourg hat, der wiederum … Ach die Spurensuche wird wohl nie enden.

Doch die Detektive mit der Nase fürs Luxemburgische frönen nicht nur den lukullischen Spuren ihres Großherzogtums. Apropos Großherzogtum. Auch dessen Entstehungsgeschichte hat Spuren hinterlassen. In Belgien beispielsweise die Provinz Luxembourg. Die holländische Flagge ähnelt auf frappierende Weise der luxemburgischen. Warum? „Luxemburg in der Welt“ gibt die Antwort auch darauf.

Dieses Buch ist der papierne Beweis, dass das kleine Großherzogtum zu Recht in aller Welt zuhause ist. Europa ohne Luxemburg – da würde was fehlen. So manche Stadt, so manche Region, so manches Land wäre ohne den Begriff Luxemburg um eine Attraktion ärmer. Hotels, Restaurants, Ortschaften wie Luxembourg in Wisconsin, USA, würden gar nicht erst existieren.

Das Buch, das nicht nur für Luxemburger Bürger von gesteigertem Interesse sein dürfte, wurde 2010 mit dem Lëtzebuerger Buchpräis ausgezeichnet.

Unter Einfluss

Unter Einfluss

Bei einem Spaziergang durch eine Stadt erlebt man so einiges: Hier ein neues Geschäft, dort ein gerade eröffneter Freisitz. Bei María Sonia Cristoff sieht so ein „Spaziergang“ durch Buenos Aires ganz anders aus. Tonia und Cecilio krachen zusammen. Aus dieser banalen Begegnung entspinnt sich ein Wirrwarr der Gefühle, das den Leser nur schwerlich wieder aus seinen Fängen freilässt.

Tagelange Funkstille wechselt mit intensiven Ausflügen, auch in die Abgründe bzw. Tiefen der menschlichen Seele. Für Rücksichtnahme gegenüber der Familie bleibt da wenig Zeit. Tonia und Cecilio, die reagierende Intellektuelle und der agierende Künstler, lassen sich von nichts und niemandem aufhalten.

Buenos Aires ist eine Stadt, in der fanatische Fußballgläubiger auf traditionelle Gauchos, in der moderne Lebensformen auf tiefverwurzelte Riten treffen. Hier regiert der Tango in der Nacht, der Fortschritt den Tag. In diesem weitläufigen Areal kommen sich zwei Menschen näher, die auf den ersten Blick so gar nichts gemeinsam haben und auch nichts Vereinendes entwickeln können. Doch nach und nach entspinnen sich die entgegengesetzt verlaufenden Lebensentwürfe. Die Autorin schafft es mit grandiosen Sprachbildern die Welten der Akteure und auch die der Leser miteinander zu verknüpfen. Was dabei herauskommt, ist ein liebevolles Portrait zweier Außenseiter, die in einer Stadt wandeln, die von jeher die Phantasie von Aussteigern und Exilanten anregte.

Die 18-Millionen-Metropole besucht man nicht einfach mal so im Vorbeigehen. Schon wegen der Entfernung zur Heimat. Was man hier erleben kann, das erfährt man in Reisebüchern. Wie man die Stadt Hafenstadt am Rio Plata am intensivsten erlebt, das gibt es nur bei María Sonia Cristoff in ihrem erstklassigen Buch „Unter Einfluss“.