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Der Oslo-Report

Überall auf und in der Welt gibt es regeln, an die man sich zu halten hat. Man mokiert sich nicht über den Vorgesetzten, wenn er siebzehn Fehler in eine vier Zeilen lange Email einbaut. Oder die Iren beharrlich als Irländer bezeichnet. Andererseits sind Regeln auch manchmal dazu da, um gebrochen zu werden. Wenn perfide Systeme Menschenwohl – und dabei sind die Ausmaße unerheblich – bedroht sind, muss man dem Menschenverstand den Regeln des gesitteten Umgangs den Vorzug geben.

November 1939. Seit zwei Monaten marodiert die braune Kriegsmaschine durch das verschreckte Europa. Menschen werden verschleppt, verprügelt, vergast. Häuser brennen, ganze Landstriche dem Erdboden gleichgemacht. Die Wahrheit stirbt bekanntlich zuerst im Krieg. Und so verwundert es bedauerlicherweise wenig, dass ein kriegsentscheidender Bericht mit mehr Skepsis betrachtet wird als mit der freudigen Neugier eines begeisterten Kindes, das als einziges ein Spielzeug in den Händen hält, um das es jeder beneidet.

Die britische Botschaft am Drammensveien 19 in Oslo erreicht ein Umschlag mit mehreren Seiten höchstbrisanten Materials. Da schreibt jemand von Torpedos, die sich an Schiffe heften können, um sie zur Explosion zu bringen. Ferngesteuerte Flugzeuge, präzise Sprengstofflandungen abwerfen können. Radareinrichtungen, die aus bisher ungekannter Entfernung nahende Flieger erkennen. Kriegsschiffe von enormer Größe. Langstreckenbomber, die bald schon in gigantischer Anzahl zur Verfügung stehen können. Und der Absender? Unbekannt! Ist ja klar. Welcher Verräter unterschreibt schon garantiert lebensgefährdende Papiere?! Ist man auf der anderen Seite amused, begeistert, dem „Hurray“ näher als dem „Oh my god!“? Stirnrunzeln, Abneigung, Zweifel bestimmen die Szenerie. Seit wann kommt etwas Gutes aus dem Dunkelreich vom Kontinent? Ja, die Ausführungen sind detailliert. Vielleicht zu detailliert. Zu oft schon ist man vermeintlich gut gemeinten Aktionen auf den Leim gegangen. Erst vor Kurzem wurde eine gut vorbereitete Aktion mit einer schallenden Ohrfeige zunichte gemacht. Das dem Deutschen heutzutage vorgeworfene Übervorsichtigsein greift unter den englischen Lamettagenerälen um sich. Lieber nicht allzu euphorisch sein. Das ist bestimmt eine Falle!

Der Verfasser des Oslo-Reports war jahrzehntelang ein Phänomen. Er selbst gab sich nicht zu erkennen. Der Report verschwand in staubigen Archiven. David Rennert zieht mit seinem Buch den Hut vor einer mutigen Tat eines mutigen Mannes, dessen Name mittlerweile bekannt ist, der aber nur wenigen auserwählten Historikern ein Begriff sein dürfte. Der Physiker Hans Ferdinand Mayer spannte mit Handschuhen ein knappes Dutzend Seiten Papier in die Schreibmaschine, die man ihm freundlicherweise im Hotel Bristol in Oslo lieh. Nichts, aber auch gar nichts, sollte auf den Hochverräter hinweisen. Es klappte nur zum Teil. Mayers Wissen um die deutsche Kriegsmaschinerie blieb unentdeckt. Die Chance den Krieg, und somit unerträgliches Leid, bedeutend früher zu beenden, wurde vertan. Erstes war ein Glücksfall, Zweiteres eine Blamage. Dieses Buch gehört in die erste Kategorie: Ein Glücksfall, dass der Autor sich diesem Thema widmete.

Eine seltsame Zeit des Wartens

Bevor man über dieses Buch spricht, muss man die Autorin kennen. Iris Origo stammte aus gutem Haus wie man so schön sagt. Geldnöte kannte man nicht. Ihre Familie zog es in die Toskana, wo Iris Origo in geschichtsträchtigen Mauern, denen der Medici, aufwuchs. Sie heiratete in den 20er Jahren einen Unternehmer. Den aufkommenden Faschismus begegnete sie abwartend, doch genau beobachtend.

Die landwirtschaftlichen Aufbauprogramme begrüßte sie, wünschte sich insgeheim jedoch, dass sie auf andere Landesteile ausgeweitet werden sollen. Im März 1939 zittert Europa bereits. Der drohende Krieg könnte alsbald wahr werden. Oder doch nicht. Täglich überschlagen sich die Gedanken, was nun wird. In Italien vertraut man auf den Duce. Mit ausladender Gestik, inbrünstiger Stimme versucht er sein Volk zu besänftigen. Meist klappt das auch. Die Zweifler legen fast schon schicksalsergeben ein Schweigegelübde ab. Dennoch verstummen sie nicht.

So auch Iris Origo. Sie trifft viele Menschen, die der Situation im Stundentakt Neues abgewinnen können. Doch eine echte Meinung kann sich einfach nicht herauskristallisieren. Diese Ungewissheit ist lähmend und fordernd zugleich.

Im Spätsommer verstummt der Duce fast gänzlich, die Zeitungen berichten nur noch einseitig über die fälligen Krieg. Die Sympathie für die Deutschen nimmt zu. Etwas, was bisher so nicht bekannt war. Des Duces Worte waren die einzige Informationsquelle, der man permanent begegnete, und die man als Leitmeinung vernahm. Iris Origo, ihre Familie, ihr Freundeskreis traute ihm nicht vollends. Dass etwas passiert, schien unausweichlich. Nur was, und wann – da war man sich uneins. Und diese Ungewissheit lähmt den Geist.

Und dann doch! Der Krieg ist da. Zuvor war der Duce – krankheitsbedingt, wie es offiziell heißt – verstummt. Manche unterstellten ihm, dass er sich nach England abgesetzt habe. Nun doch. Die Reservisten werden eingezogen und kämpfen und sterben nicht immer für eine Sache, die nicht die ihre ist. Die Propagandamaschine läuft jetzt noch schneller als zuvor. Das Warten ist zwar zu Ende – aber das wollte nun wirklich niemand.

Normalität in außergewöhnlichen Zeiten zu erlangen, ist unmöglich. Der verzweifelte Versuch ausländische Radiosender zu empfangen, ausländische Zeitungen zu lesen, um sich ein umfassenderes Bild machen zu können, Gespräche mit Freunden, Vertrauten, ja sogar aus dem Umfeld Mussolinis – Iris Origo hat bedeutend mehr Zugang zu Informationen als der grossteil der Bevölkerung. Dennoch ist diese „seltsame Zeit des Wartens“ nervenaufreibend.

In ihrem Tagebuch erfasst sie mit spielerischer Leichtigkeit eine Zeit, ein Land und seine Bewohner, dass man das Gefühl bekommt mittendrin zu sein. Voller Neugier, angepasster Distanz, mit Vorsicht, mit Zuversicht erklärt sie unweigerlich die Situation der Jahre 1939/40 in Italien. Die Faschisten rudern wie wild am Steuerrad der Macht, doch das Volk können sie nicht komplett auf Kurs bringen. Unsicherheit ist oft schwerer zu ertragen als ein feststehendes Ergebnis. Das lehrt uns dieses eindrückliche Tagebuch.

Die Legende von Montecassino

Zu den spannendsten Geschichten in den Gazetten gehören die um geraubte Kunst. Wer hat wann wem was geklaut? Die Gerichte, private Schnüffler und Museen streiten sich um die Rückgabe dieser erbeuteten Kunst. Mit Sicherheit nicht die dunkelste Geschichte eines Krieges, wohl aber leider immer noch nicht komplett aufgearbeitet. So richtig spannende wird es aber, wenn man zwar weiß, wann was, und eventuell auch von wem entwendet wurde. Es aber nicht wieder auftaucht. Der rechtmäßige Eigentümer kann dann zwar gegen die möglichen Verursacher wettern, doch helfen wird es ihm nichts.

Pater Remo erzählt einem Journalisten von den Vorgängen der Jahre 1943/44 im Kloster Montecassino, südlich von Rom. Hier wurde das Kloster gegründet als die Jahreszahlen noch dreistellig waren. In der Benediktinerabtei ging es ruhig zu. Bis die Schwarzhemden und später die Wehrmacht sich hier breit machten. Unschätzbare Kostbarkeiten nannten die Mönche ihr Eigen. Über ihnen schwebte nicht nur das Damokles Schwert, sondern bald auch die alliierten Bomber. Die Kunstwerke, deren Wert bis heute nicht exakt beziffert werden kann, mussten irgendwie in Sicherheit gebracht werden. Die Wehrmacht, die gerade eine knallharte Verteidigungslinie errichtete, war ein williger Helfer. Denn Hermann Göring war als Kunstsammler (ohne Verstand und echtes Wissen, also eher ein raffgieriger Einsammler) konnte sich diesen Schatz nicht entgehen lassen. Und ein Tizian, Handschriften von unter anderem Tacitus, dem Verfasser von „Germania“ haben sicher seine Aufmerksamkeit erregt.

Der fromme Mann stellt allerdings eine Bedingung. Wenn er seine Geschichte erzählt, herrscht Ruhe im Raum. Keine Unterbrechungen, keine Nachfragen. Wenn das der Deal sein soll, dann soll es daran nicht scheitern. Immer noch besser als gar keine Geschichte.

Es entspinnt sich eine wilde Reise durch eine noch wildere Zeit. Denn der betagte Pater mischt seiner Erinnerung etwas bei. Phantasie, Blumigkeit, Spannung. So wie es jeder macht, der sich erinnert. Manchmal trügt diese immens, manchmal ergibt sich aus dem Nachempfinden eine neue Sichtweise.

Als Autor eines Romans erlaubt sich Gerhard Köpf den Kunstgriff historische Fakten mit der Macht der freien Gedanken zu vermischen. Ohne dabei den Pfad der Wahrhaftigkeit zu verlassen. Viele der Personen im Buch sind historisch verbürgt, manchen verlieh er mehr Ausdruckskraft und nur wenige sind ausschließlich seine Phantasie entsprungen. Pater Remo erzählt sich in einen wahren Rausch. Roosevelt, der das Kloster als Waffenarsenal angesehen hat. Deutsche Offiziere, die linientreu und akribisch alles, was abzutransportieren war, erfassten. Das Leid und die Not der Klosterbewohner sowie der willigen Helfer aus dem Ort, die später teils dem Bombardement zum Opfer fielen. Geschichte erzählen kann nur, wer sie erlebt hat. Gerhard Köpf beweist, dass auch ausgedehnte Recherchen, Sprachgewalt und Ideenreichtum in Nichts hinten anstehen müssen.

Einziger Wermutstropfen: Die Frage, ob es sich um Rettung oder Raub handelt, kann auch dieses Mal nicht vollständig geklärt werden. und besteht die Legende von Montecassino weiter.

Spionage in Berlin

Die Stadt in Trümmern, die Menschen verzweifelt auf der Suche nach Nahrung, Soldaten stehen mit gepeinigten Mienen nebeneinander und sich gegenüber: Berlin 1945 ist wahrlich kein Ort, an dem man das Paradies vermutet. Doch hinter den Kulissen werden Allianzen geschmiedet. Wo Leid ist, ist auch Neid. Wo Neid ist, herrscht misstrauen. Und Misstrauen ist die Grundlage für Spionage. Wo einst gemeinsam gegen die braune Brut gekämpft wurde, kocht jeder am nächsten Tag schon sein eigenes Süppchen. Und dabei stehen sich hier nicht nur Briten, Franzosen, Amerikaner und Sowjets gegenüber. Selbst untereinander ist sich jeder selbst der Nächste. Die Geheimdienste sind die ersten, die funktionierend Strukturen im zerstörten Berlin aufzubauen in der Lage sind. Hüben wie drüben versucht man das Maximale für sich selbst rauszuholen und dem Anderen nicht das Schwarze unter den Fingernägeln zu gönnen. Denn wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Aktion statt Reaktion.

Davon bekommt der Großteil der Bevölkerung natürlich nichts mit. Schließlich sind hier Geheimdienste am Werk. Und die arbeiten nun mal im Geheimen. Und das in der Stadt, die vor anderthalb Jahrzehnten die Kapitale der Welt war. Sonderstatus genießt. Berlin gehört nur auf dem Papier zu Westdeutschland. Vier Sektoren stellen 24/7 klar, dass Berlin sowohl zur einen als auch zur anderen Seite gehört. MI6 und CIA öfter mal gemeinsam und SDECE im Westen und das  blitzschnell ins Leben gerufene MfS, die Stasi, auf der anderen Seite. Das Sägen an den Stühlen der Oberen gehört schon immer zum Handwerk. Erich „ich lieb doch alle Menschen“ Mielke war anfangs nicht als Chef der Stasi vorgesehen. Ein Mörder mit Zwangsrekrutierung in eine NS-Organisation, der mehr aktiv als Passiv am Sturz von Walter Ulbricht beteiligt war, das war selbst den Sowjets zu viel. Der war schlecht zu kontrollieren. Schlussendlich leitete er den Spitzeldienst über vierzig Jahre, ohne je ernsthaft zur Rechenschaft gezogen zu werden. Das bisschen Knast am Ende seines Lebens, hat ihn sicher weniger gejuckt als das Misstrauen der Sowjets zu Beginn seiner Karriere.

Berlin als Hort der fiesen Tricks, gemeinen Fallen, tief liegender Gräben und Stollen, Abhörmekka, Testgebiet für neue Technologien, Areal der Effizienz war in Planquadrate eingeteilt, auf denen mit Menschen ein Spiel getrieben wurde, das sie selbst nie als solche erachteten. Dietmar Peitsch war ebenfalls Teil dieses Systems, was heute so allgemein als Spionage und Spionageabwehr abgetan wird. Geduld musste man schon mitbringen, um in diesem gnadenlosen Geschäft erfolgreich sein zu können. Cleverness, Chuzpe, Charisma mit einer gehörigen Portion Eigensinn sind Grundeigenschaften eines erfolgreichen Spions oder Agenten.

Sachlichkeit und Detailverliebtheit sind Eigenschaften des Autors, die dem Leser durch dieses Buch einen tiefen Einblick in die Arbeit der Geheimdienste und ihrer Agenten geben. Angereichert mit Anekdoten wie der der versuchten Anwerbung des Autors durch die Stasi.

Viva la vida! Frida Kahlo

Wenn eine Künstlerin, ganz ohne Gender-Sternchen, eine Künstlerin, den Stempel Ikone aufgedrückt bekommen darf, dann Frida Kahlo. Ihr Konterfei erkennt jeder, der den Namen schon einmal gehört hat: Die harten Gesichtszüge, der starre Blick und diese aufdringlichen, unübersehbaren Augenbrauen. Und das nicht erst seit der nicht minder ikonisch ausgefallenen Filmbiographie mit Salma Hayek als zerrissene Malerin.

Über ihr Leben war bisher eigentlich vieles bekannt. Der Unfall, der ihr Leben veränderte. Die Beziehung zu Diego Rivera, dem im wahrsten Sinne des Wortes gewaltigen mexikanischen Maler. Und vor allem ihr ausschweifendes Leben. Annette Seemann gibt in ihrer Biographie vielen bekannten Fakten neue Nahrung. Denn sie trägt einiges zusammen, was bisher eher nur Fachleuten bekannt war. Sie sah Briefwechsel ein, studierte Gutachten, und ihr gelang ein weiteres Schlaglicht auf Frida Kahlo zu werfen.

Doch es sind nicht die kleinen Anekdoten, die reichlich aufzählbaren Affären oder die peinigenden Qualen ihrer Krankheitsgeschichte, die dieses Buch mehr als lesenswert machen. Es ist die sagenhafte Geschwindigkeit, in der die Autorin das rasante Leben von Frida Kahlo noch einmal Revue passieren lässt. Seite für Seite öffnet sich der Vorhang erneut für ein weiters Kapitel einer Künstlerin, die anfangs tief im Schatten des großen Rivera stand. Sie war seine Frau, zweimal hat sie Diego geheiratet. Sie war die Frau an seiner Seite, allerdings immer ein wenig im Hintergrund. Erst kurz vor ihrem Tod – auch hierzu gibt es im Buch Erkenntnisse, die so manches Klischee erblassen lassen – rückte sie in Riveras Nähe, um ihn schlussendlich in den Schatten zu stellen. In Mexiko wird er heute noch verehrt – ihr errichtet man immer noch Denkmäler.

Wie die gesamte blue-notes-Reihe räumt auch diese Biographie mit dem ermüdenden Kampf der Geschlechter auf. Letztlich ist es doch egal, ob Frau oder Mann die Bilder schuf. Frida Kahlos Bilder sind für den Betrachter oberflächlich leicht zu erkennen. Sie zu entschlüsseln, dazu bedarf es ein wenig Hintergrundwissen. Und davon gibt es auf den knapp einhundertfünfzig Seiten mehr als genug. Surrealismus, Realismus, Folklore – die Spielarten der Stile waren Frida Kahlo willige Werkzeuge, um sich auszudrücken. Vom ersten Malkasten, den ihr ihr Vater schenkte, bis zu überdimensionalen Werken, die weithin Räume erstrahlen lassen, gibt Annette Seemann die ihnen zustehende Sprache an die Hand.

Die Opiumpfeife

Ein Winterabend im Paris in der Mitte des 19. Jahrhunderts: Die feuchte Kälte schmiegt sich unaufhörlich zwischen die Fasern eines jeden Mantels. Der dichte Nebel, das kaum noch Sichtbare – wie soll man da die Adresse finde, die einem endlich offeriert wurde?! Der Erzähler ist seit Kurzem Mitglied in einem äußerst exklusiven Club. Man trifft sich im Geheimen. Der Kutscher hat Augen wie ein Adler und findet die gewünschte Adresse. Zugewachsene Fassade, ein kaum sichtbares Namensschild, eine schwerfällige Klingel. Und so dauert es bis dem Neuen Einlass gewährt wird.

Man ist schon gut unterwegs, würde man heute süffisant und ein wenig plauderhaft die Szenerie beschreiben. Nicht Wollust und Völlerei geben den Ton an, sondern vielmehr ein Rausch der besonderen Art. Der Erzähler darf sich fortan – wie auch immer er in diesen Club aufgenommen wurde – zusammen mit den anderen Mitgliedern des Haschisch-Clubs – jetzt ist es raus, hier betäubt man sich, und zwar so, dass es keiner „da draußen“ mitbekommt – im Rausch seiner Kunst hingeben. Und er beobachtet. Einer galoppiert auf einem Clown durch den Raum, eine anderer bläst Tabak in die Augen seines Gegenübers, zwei weitere duellieren sich mit Stöcken. Hier ist ja richtig was los! Doch auch die schönste Nacht hat einmal ein Ende. Das muss jeder einsehen und zieht, mit der Lethargie im Arm von dannen. Das ist nur eine Geschichte des zwanzigsten Bandes aus der Schlaflosreihe. Zweifellos die berühmteste, der „Haschischclub“. Die namensgebende „Opiumpfeife“ ist bei Weitem düsterer, einige Jahre zuvor geschrieben, und nimmt den Leser mit in eine Welt, die heute viel verschrobener – vielleicht sogar verklärter – wirkt als sie bei Erscheinen für einen Skandal sorgte.

Théophile Gautier fungiert hier nicht als phantasiebegabtes Geschöpf, der sich und den Leser dank seiner Gedanken in eine fremde Welt katapultiert. Er ist Beobachter, und er schreibt, was er selbst erlebt hat. Den Club gab es tatsächlich. Baudelaire ging im Hôtel de Lauzun ebenso ein und aus. Das heißt, diese Bettlektüre wurde im schlimmsten Fall ein wenig ausgeschmückt. Ansonsten ist alles wahr!

Die dritte Geschichte „Eine Nacht der Kleopatra“ entstand zwischen den beiden Geschichten rund um das berauschende Zeug. Auch hier spielt eine „nicht im Handel erhältliche Substanz“ eine gewisse Rolle, die Hauptrolle. Was sich allerdings erst später herausstellt und mit der der ersten beiden Geschichten nicht allzu viel zu tun hat.

Dreimal Gautier, dreimal höchster literarischer Genuss, dreimal Eintauchen in Welten, die man so selten bis gar nicht erlebt. Sie dienen vielleicht nicht die Augen im Nu zu schließen, doch die Träume, die darauf folgen, werden andere sein als wenn man diese Geschichten nicht gelesen hätte.

Das Erwachen

Was wären wir ohne Träume? Was wäre die Kunst ohne Träume? Kein „Inception“, keine „Traumnovelle“, kein „All I have to do is dream“. Und immer dann, wenn der Mensch nicht gern alleine ist, kommt das zum Vorschein, was der Tag nicht zu verarbeiten vermochte. So sehen es die Wissenschaftler, denen die Psychoanalyse Ansporn und Fluch zugleich ist.

Diego Castro geht es nicht anders. Die Corona-Zeit war und ist für ihn wie für viele andere auch eine aufregende Zeit. Aufregend nicht im Sinne von „Welches Abenteuer darf ich morgen bestehen?“, vielmehr ein „Oh je, morgen wird es auch nicht besser!“. Im Gegensatz zu den meisten, die am frühen Morgen mit verklebten Augen kaum die Badezimmertür erkennen und den heißen Kaffee eher über dem Tisch vergießen, statt ihn in der dafür vorgesehen Tasse zu platzieren, kann er sich an seine Träume erinnern. Und voilà, hier sind sie!

Zur Einstimmung auf die folgenden Geschichten – kurze fast schon fragmentartige Gedankenblitze, die jeweils kunstvoll zu einer Gute-Nacht-Geschichte verwoben werden – reißt es den Autor aus dem Schlaf, und er ist beseelt vom Gedanken jetzt, nun, kurz nach dem Aufstehen, gleich nach dem Morgenkaffee Kafka treffen zu müssen. Der wohnt ja gleich um die Ecke. Doch das Hausmädchen meint, er sei schon vor einiger Zeit weggezogen. In der Kneipe gegenüber wird er schon vom Wirt erwartet. Und … alles endet wie es … nein, ganz bestimmt nicht wie es enden muss.

Immer wieder führt Diego Castro den Leser in die Irre. Es sind Träume, von denn hier die Rede ist. Die sind nicht immer wie das reale Leben. Sie sind die entspannte Gegenbewegung zum Alltag. Im gleißenden Licht des Tages wird die Saat für die Nacht gesät. Nur wer fleißig war, kann im Mondschein die Ernte einfahren. Ob das Ergebnis nun immer dem entspricht, was man sich erhofft – kann man Träume eigentlich steuern? – steht auf einem anderen Blatt. Im Falle von Diego Castros „Erwachen“ steht das Ergebnis oft schon auf der nächsten Seite.

Die Schlaflosreihe bekommt Zuwachs. Aber dieses Mal kein Text aus den feuchten Kellern der Erinnerung, die zu Unrecht ein nicht beachtenswertes Dasein fristen müssen, sondern von gerade eben. Die Tinte ist noch feucht. Während andere Autoren sich abmühen, um der Corona-Zeit Dramatik zu verleihen (man weiß ja nie, wann alles vorbei ist und dann, ja dann sind diese Zeilen sicherlich viel wert, man wird zitiert etc.), liest man vor dem Zu-Bett-Gehen eine oder mehrere Miniaturen aus diesem Buch und fragt sich, ob man wohl genau so etwas träumen wird wie der Autor es schon getan hat. Und vor allem: Ob man sich erinnern kann…?!

Die Puppenspielerin

Irreversibel – unumkehrbar. Für Sophie und Sarah nicht nur ein bedeutungsschwangeres Wort, es beschreibt ihr Leben. Sarah und Sophie gibt es nur im Doppelpack. Auch wenn sie mittlerweile jede für sich ihr eigenes Leben führen. Sie sind Schwestern, Zwillingsschwestern. Sarah ist die Ältere.

Doch der Kitt zwischen ihnen ist brüchig geworden. Denn Sarah ist schwer krank. Auch das ist leider unumkehrbar, irreversibel. Sie hatten noch so viel vor. Das Theaterstück, für die Kinder, mit Puppen. Der so arglos benutzte Satz vom Leben, das weitergeht, bekommt unweigerlich eine bittere Note. Zwischen Sorge und Pflichtgefühl, zwischen Verlustangst und Theaterprojekt ist kaum Platz, um sich tiefgreifend mit der aktuellen Situation auseinanderzusetzen.

Und das ist die Stärke dieses Romans. Wehleidige Momente voller Trauer zum falschen Zeitpunkt sucht man vergebens. Alles wegzuschieben ist auch nicht die Sache der Zwillinge. Das bald schon „andere Leben“ wirft seine Schatten voraus. Das „alte Leben“ geht trotzdem weiter. Wie ein fast parallel verlaufender Weg, den man nicht wahrnimmt, der jedoch immer im Augenwinkel da sein wird. Die Angst, dass sich diese beiden Weg einmal kreuzen werden, wird nicht ausgesprochen. Den beiden sind die Erinnerungen und die einstigen gemeinsamen Pläne näher.

Ein Happy end kann Autorin Sibylle Schleicher dem Leser nicht anbieten. Das würde die gefühlvolle Spannung zwischen den beiden Akteuren in Lächerliche ziehen. Der Weg zur (Er-)Lösung gibt dem Buch die Spannung, die Seite für Seite spürbar ist. Nicht vordergründig, dennoch immer vorhanden. Immer wieder ertappt man sich dabei, dass man Sophie und Sarah ein anderes Ende wünscht. Die Puppen, die den beiden als Broterwerb dienen, wenn man es ganz nüchtern betrachtet, sind mehr als nur Freudebringer für kleine Theaterbesucher. Sie sind Werkzeug und Kommunikationsmittel zwischen zwei Menschen, die von Natur aus eine ganz besondere Art der Interaktion haben. Zwillinge verstehen sich blind, sie spüren den Anderen über lange Strecken. Sarah und Sophie leiden gemeinsam ohne das Offensichtliche aussprechen zu müssen. Das ist ihre Art von Glück.

Gedichtekalender 2022

Wenn das Wort schärfer als das Schwert ist, sitzt der Schnitt meist tiefer als man meint. Wie tief, das hängt vom Betrachter ab. Ein tiefer Schnitt muss aber nicht immer mit einer Verletzung einhergehen. Oft reicht schon ein kleiner Ritzer, um sich dauerhaft an ihn zu erinnern. Der Gedichtekalender für das Jahr 2022 wird auf alle Fälle Eindruck hinterlassen. Verletzungen ausgeschlossen. Ebenso die „kleinen Ritzer“.

Schon das Deckblatt verrät wo die Reise hingeht. Albert Einstein ist nun wahrlich nicht für seine Gedichte bekannt. Bonmots hatte er viele parat. Den Schalk im Nacken spürt man sofort. Denn egal wie das alte Jahr war, das nächste kann nur besser werden. Basta. Keine Diskussion. Schließlich hat es Einstein gesagt.

Zwei Gedichte pro Monat – das muss reichen, um sich den einen oder anderen Morgen das zerknitterte Gesicht mit einem Lächeln zu verschönern. Von Goethe bis Sappho, von Eichendorff bis Mörike. Rilke, Fontane, Storm und Politycki – selbst wer bisher nicht viel am Hut hatte mit dem vermeintlichen „Reim Dich oder ich beiß Dich“ erklimmt schnell den bisher scheinbar scher zu bezwingenden Berg der Poesie. Und als wenn das noch nicht reicht, sind alle Gedichte in schönster Handschrift vom Herausgeber Hubert Klöpfer selbst geschrieben. Schmierfinken senken beschämt den Kopf, Stilisten heben wohlwollend ihr Haupt und legen das schönste Sonntagsgrinsen auf ihr Antlitz. Zweifler schlagen hektisch die letzte Seite auf und lesen die Gedichte noch einmal in technisch einwandfrei gedruckter Form nach.

Doch das Original in schönster Schreibschrift ist immer noch das Nonplusultra der Poesie in diesem Kalender. Erhaben, ein wenig elitär – wer kann den noch sooo schön schreiben? – nachdenklich, erfrischend. Jede Zeile trifft den Leser ins Herz. Ob der folgende Tag dadurch besser wird? Nicht immer. Aber auf alle Fälle wird der durch die Gedichte nicht schlechter. Man selbst wird wissender, geistreicher. Kann die Kollegen mit den Zeilen selbst erfreuen. Der Möglichkeiten Vielfalt ist keine Grenze weit genug.

Als Abwechslung zum bunten Allerlei der alljährlichen Wandverzierung ist diese Wahl eine einzigartige und überlegenswerte Alternative. Einsteins Augenzwinkern, Mörikes Abschiedsschmerz, Rilkes Romantik – hier wird jeder fündig, der im Hirn ein bisschen Platz für Poesie gelassen hat.

David Bowie Foto

Jeder weiß, wo er war als in New York die Flugzeuge ins World Trade Center krachten. Jeder weiß, wo er war als die Mauer fiel. Und ein sehr großer Teil weiß noch sehr genau, was er dachte als ihn die Nachricht vom Tod David Bowies erreichte. Unmöglich! Erst das neue Album, das das Blut einmal mehr zum Kochen bringt, und nun ist alles eingetreten, was er selbst prophezeit hatte? Wie weit kann ein Künstlerleben reichen? Was nun?

Bowie lebt! Er wird immer weiterleben! Sei es in den Shows von Sven Ratzke, die weltweit das Werk und Wirken von David Bowie einem geschmackvollen Publikum wach halten oder mit diesem Prachtband die Wandlungsfähigkeit eines Kunstfertigen und Geschäftstüchtigen nachhaltig konservieren.

„David Bowie Foto“ ist nicht mehr und vor allem nicht weniger als das, was der Titel verspricht und eben auch hält. Ein neunundsechzig Jahre und zwei Tage anhaltendes Leben für die und als Kunst. Rock, Funk, Soul, Triphop – Pop als Spielart des Seins. Ohne Bowie wäre die Kunstwelt eine andere. Oft wird behauptet, wenn es den Einen nicht gegeben hätte, wäre ein Anderer in die Presche gesprungen. Bowie hat keine Lücke gefüllt, er hat sie aufgetan und hat sich in ihr breit gemacht bis sie zu zerbersten drohte. Dann schlug er die nächste Kerbe ins jungfräuliche Fleisch der Kunst. Das blieb nicht ohne Folgen. Wer heute mit Extravaganz auf sich aufmerksam machen will, muss sich unweigerlich mit dem Vergleich mit Bowie gefallen lassen.

Bei einem derartig umfassenden Kunstwerk wie David Bowie ist es nicht verwunderlich, dass er selbst zum Kunstobjekt anderer Künstler wurde. Oft engagierte David Bowie Künstler, die ihn ins rechte Licht setzen sollten. Die Posen hatte er meist schon geübt, bevor der vor die Linse trat. Nachdenklich, ernst, verspielt, traurig, ironisch, doch immer ikonisch. Es muss ein Fest für jeden Fotografen gewesen sein, einmal David Bowie bei der Arbeit, bei der Selbstinszenierung beistehen zu dürfen. Modefotografen wie Norman Parkinson sind sicherlich Kummer mit den Models bekannt. Die Kunst besteht darin, die Unwegbarkeiten unsichtbar zu machen. Bowie in Szene zu setzen, muss sich dagegen anfühlen wie eine Straßenüberquerung an einem autofreien Sonntag. Ob gestellte Pose oder Schnappschuss bei einem Konzert: Würde es den Begriff „bella figura“ nicht schon geben, hätte Bowie auch dafür ein eingetragenes Markenzeichen für sich in Anspruch nehmen können.

Fotografie-Ikonen wie Greg Gorman schwärmten schon vor ihrer Zusammenarbeit mit Bowie von dem kreativen Genie. Die Aussicht den Thin White Duke und Ziggy Stardust samt realem Bowie vor die Linse zu bekommen, machte selbst ihn nervös, wie er in seiner Erinnerung an David Bowie einräumt.

Es gibt Fotobände, auch über David Bowie, die kurz nach seinem Tod marktschreierisch auf den Markt geworfen wurden, und als Almanach durchaus ihre Berechtigung haben. Doch sie werden nicht annähernd dem Mythos David Bowie gerecht. Mit diesem Buch gelingt es erstmals – immerhin hat es über fünf Jahre gedauert – Bowies Schlaglicht nicht in einem Schatten enden zu lassen, sondern ihm noch mehr Spotlight zu gewähren als er selbst schon ausstrahlt. Bowie ist Kunst, und Kunst ist Bowie. Wer jetzt schon die ersten Weihnachtsgeschenke besorgen möchte, hat Nummer Eins schon erledigt. Denn dieses Buch stellt man nicht einfach ins Regal „zu den anderen Büchern“. Man schlägt jeden Tag eine Seite auf und schwelgt in Erinnerungen.