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Sizilianisch Wort für Wort

Wenn ein Kind quengelt, dass es partout nicht ins Bett gehen will, kann das schon mal die letzten Nerven kosten. Wenn Pavarotti „Nessun dorma“ schmettert, trauert man der verlorenen Zeit nach, in der man dieses Lied nicht gehört hat. Italienisch ist nun mal die Sprache der Musik. Und Sizilianisch? Das ist keine eigenständige Sprache, sondern ein Dialekt, der – bereist man Sizilien – hier und da so manche Tür öffnen kann und einen geselligen Abend durchaus erleichtert.

Mit diesem kleinen Büchlein, das bequem in jede Hosentasche passt, ohne dabei zu stören, trägt richtig dick auf. Beginnen wir am Ende des Buches, das man so schnell nicht aus der Hand legen wird. Hier befindet sich ein kleines Wörterbuch. Allerdings nicht für Deutsch und Sizilianisch, sondern für Italienisch und Sizilianisch. Hier werden die Unterschiede, aber vor allem die Gemeinsamkeiten deutlich.

Für die richtige Aussprache muss man weiter nach vorn blättern. Die richtige Aussprache der Buchstaben – die gleichen wie im Deutschen – sorgen die ersten Seiten. Sobald folgen gelehrige Einführungen in die Grammatik, was schlimmer klingt als es dann doch ist. Jeder sizilianische Satz wird Wort für Wort (liest sich erstmal seltsam, hilft aber enorm beim Verständnis für den Aufbau der Sprache) übersetzt. Darunter steht die deutsche Entsprechung. „Ich zu trinken Wasser“ (Lu a vìviri acqua) – da denkt man, dass man sich verhört hat. So spricht doch keiner. „Ich muss Wasser trinken“ – so klingt der Satz verständlich für deutsche Ohren. Hat man sich daran gewöhnt, kann man im Handumdrehen selbst Sätze bilden.

Ein wenig Vorbildung im italienischen Wortschatz ist von Vorteil, wenn man sich dem Dialekt Siziliens nähert.

Wie immer, wenn man beginnt eine neue Sprache zu lernen (auch wenn es sich um einen Dialekt handelt), muss man sich eine gesunde Basis schaffen. So wie man den Tag mit dem Frühstück beginnt – auch wenn das im Speziellen in Sizilien nicht gerade üblich ist, hier schaufelt man sich erst zum Mittag die Backen richtig voll, um am späten Abend ein nicht minder reichhaltiges Mahl zu genießen, was das wegfallende Frühstück wiederum erklärt – so beginnt auch dieses Buch mit ein paar wenigen essentiellen Vokabeln und leichteren Grammatikregeln. Zahlen, Wochentage, wiederkehrende Floskeln erleichtern den Einstieg ins noch fremde Sizilianisch. Kapitel für Kapitel wird man sicherer im Umgang mit Aussprache und Wörtern, so dass man dann und wann schon mal den ersten Flirt auf Sizilianisch probieren kann. Eine Erfolgsgarantie ist das nicht, aber gegenüber den Anderen hat man zumindest den Vorteil der gemeinsamen sprachlichen Ebene auf seiner Seite. Es lohnt sich also dieses kleine Büchlein zu sutdieren…

Sizilien

Da soll es doch tatsächlich Reisende geben, die meinen, dass sie Sizilien in zwei Wochen komplett erleben können. Dann haben die ihren Reiseband (sehr schmal) wohl aus dem Wühltisch eines Discounters gefischt. Zwei Wochen – so lang benötigt man, um dieses Buch eingehend zu lesen. Notizen machen – das kann man vergessen. Dieses Buch ist der Notizblock für alle folgenden Sizilien-Aufenthalte! Wer keinen Schimmer hat, wo er seine Sizilien-Erkundungen starten, seine erholsamen Tage verbringen, unzählige Abenteuer erleben kann, hat nur eine Wahl: Dieses Buch von Seite Eins bis Seite sechshundertsechsunddreißig durchzulesen. Klingt viel, ist aber jede Leseminute wert.

Ob nun das quirlige Palermo mit seiner facettenreichen Architektur und den überbordenden Märkten oder eine Reise vom antiken Siracusa (Heureka!) ins barocke Ragusa, bei der man auch das rosarote Noto nicht „einfach mal so eben mitnimmt“ – die Autoren sind keine Faktenschreiber, sie sind Verführer. Zugegeben, die Landschaft macht es ihnen auch leicht, Sehnsüchte zu wecken.

Oder wie wäre es mit dem hitzerekordhaltenden Catania? Mit Blick auf den – und schon sind wir wieder bei hohen Temperaturen – Ätna. Dass hier ab und zu mal der Boden nicht den sichersten Halt gibt, nimmt man bei derartigen Aussichten gern in Kauf. Natürlich immer unter dem Aspekt sich nicht selbst absichtlich in Gefahr zu begeben.

Geschichte bis zum Abwinken findet man im Süden. Agrigent und das Tal der Tempel gehört für jeden Reisenden, jeden Sizilianer, selbst für Norditaliener (aus „Kulturschock Italien“ wissen wir, dass es zwischen dem Norden und dem Süden gewisse Animositäten gibt) zum festen Kulturprogramm.

Klare Strukturen zeichnen jedes Kapitel – jede kleine Reise – aus. Zuerst wird man umfassend in die Geschichte eingeführt. Gefolgt vom Wasser-Im-Munde-Zusammenlaufen, wenn es darum geht, die Schönheit eines Wortes, einer Landschaft, eines Viertels hervorzuheben. Da will man sofort die Koffer packen und jedes Kapitel vor Ort erleben.

Als reichhaltiges Dessert (Cannoli sind doch nicht das Nonplusultra der Nachspeise) werden die Sizilien umliegenden Inseln ausführlich nähergebracht. Und das sind nicht nur die Liparischen Inseln Lipari, Stromboli, Vulcano etc, sondern die im Westen gelegenen Egadischen Inseln sowie die pelagischen Inseln im Süden. Kleine Eilande, die teils nur von wenigen Einwohnern als Heimat bezeichnet werden. Wem die Strände auf der Hauptinsel zu voll sind, der wird auf Favignana (Egadische Insel) feinsten Sand, glasklares Wasser und unberührte Vegetation fast für sich allein haben.

Als Zusatzlektüre empfiehlt sich der kleine Sprachführer „Sizilianisch Wort für Wort“. Denn wie überall auf der Welt freuen sich Einheimische darüber, dass der geneigte Gast versucht sich zumindest sprachlich anzupassen.

Die Narayama-Lieder

„Es ist ein Brauch von Alters her, wer siebzig ist, geht auf den Berg“, naja, ganz so salopp sollte man diesen Brauch nicht nehmen. Und schon gar nicht dieses kleine Büchlein. Denn es birgt einen kleinen Schatz in sich. Den einer wunderbaren Legende.

Orin ist mittlerweile 69 Lied, vor zwanzig Jahren hat sie ihren Mann verloren. Ihr Sohn Tatsuhei und ihre vier Enkel sind ihr Lebenselixier. Dass auch Tatsuhei schon Witwer ist, betrübt die Frau. Mehr noch als die ewigen Sticheleien ihres ältesten Enkels. Bald schon steht Orins siebzigster Geburtstag an. Ein bedeutsames Datum in den Bergen Japans, wo Orin und ihre Familie leben. Denn dann ist der Tag gekommen, an dem sie die Reise zum Narayama antritt … und niemals zurückkehren wird. Ganz nüchtern betrachtet, werden die Alten auf dem Berg ausgesetzt und man erinnert sich nicht mehr an sie. Die Dorfgemeinschaft reguliert so ihr Überleben.

Aber sind wirklich die reinen Fakten. Shichiro Fukazawa macht daraus eine rührende Geschichte. Orin ist beseelt von dem Gedanken ihrem Sohn eine Frau an die Seite stellen zu können. In dem anderen Dorf – hier oben gibt es keine Namen für Dörfer – gibt es eine Frau, deren Mann erst vor Kurzem gestorben ist. Die auferlegte Trauerzeit von neunundvierzig Tagen muss überstanden werden, dann lädt man die Frau zu sich ins Haus. Und wenn man sich einig geworden ist, bleibt sie. Das Leben kann so einfach sein! Muss es auch! In der Dorfgemeinschaft herrschen strenge Regeln. Es gibt kein Geld, jeder weiß, was der Andere im Speicher hat, und man haushalten können mit dem, was man hat. Die Winter sind lang, hart und unnachgiebig. Völlerei ist unangemessen und führt unweigerlich zu Engpässen. Um die Dorfgemeinschaft herum sind nur Berge. Die so genannte Zivilisation ist geographisch wie gedanklich unendlich weit weg. Nur wenn das Narayama-Fest ansteht, kommen alle zusammen. Die Vorbereitungen schweißen zusammen. Der Abschluss des Festes ist bitter. Denn wieder wird jemand die Gemeinschaft verlassen…

Shichiro Fukazawa schildert in poetischen Bildern eine fremde Kultur. Eine Kultur, die funktioniert. Das darf man nicht vergessen. Zusammenleben heißt Sicherheit. Und die steht über allem. Da bleibt wenig Raum zur Selbstverwirklichung wie man sie in den Städten versteht. Wenn die Lieder der Legende von Narayama erklingen, weiß Orin, dass es bald schon so weit ist, die Reise anzutreten. Es bleibt ihr nicht viel Zeit, um ihren Sohn in Sicherheit zu wissen. Und wir Leser dürfen diese intensive Zeit hautnah miterleben.

Mein Onkel, den der Wind mitnahm

Der Traum vom Fliegen. Schon seit Menschengedenken zieht es den Menschen nach Oben in die Lüfte. Man kann Gott näher sei, ihm ebenbürtig. Man kann dem Elend „da Unten“ entfliehen. Und: Man kann Fliegen! Wer kann das schon!

Djamshid Khan kann fliegen. Er weiß es aber erst seit dem Zeitpunkt als ihm die Gefängnismauern zu eng werden. Als Kommunist diffamiert, lernt er den kargen Alltag hinter dicken Mauern kennen. Und dann … fliegt er einfach davon.

Jahre später kehrt er zu seiner Familie zurück. Alle, die mit ihm eingesperrt waren, sind mittlerweile auch wieder daheim. Die Verwunderung ist groß, die Freude umso größer. Die Verblüffung, dass er immer noch fliegen kann, ist unendlich. Der Erzähler, sein Neffe, verfällt kurzum der naiven Idee mit dem Onkel an der Leine spazieren zu gehen.

Doch es kommt anders. Im Krieg zwischen Iran und Irak muss die Familie, die dank ihrer Herkunft einen gewissen Ruf und Anerkennung genießt, kämpfen. Auch der Onkel. Er kann schließlich fliegen, als Aufklärer aus der Luft ein entscheidender Vorteil.

Es vergehen die Jahre. Der Onkel ist immer mal wieder weg. Die Entwurzelung wegen seiner Fähigkeit zu fliegen, ist nur ein Grund. Erst am Ende des Buches darf er landen. Endlich sich niederlassen. Zur Ruhe kommen. Sich selbst erkennen. Sein Körpergewicht erlaubt es ihm nicht mehr zu fliegen… Natürlich eine Metapher.

Bachtyar Ali gelingt mit dieser leicht erzählten Geschichte das schwere Trauma seines Volkes, den Kurden, in unterhaltsame Wort zu kleiden. Wähnt man sich anfangs noch in einer phantastischen Erzählung, so kehrt sich die Sichtweise doch ziemlich schnell ins Grübeln. Ein Volk ohne Land, dessen Heimat sich über mehrere Landesgrenzen erstreckt, wird immer kämpfen müssen, um die eigene Identität am Leben zu halten. Der Onkel, der fliegen kann, poetisch „den der Wind mitnahm“, steht stellvertretend für ein ganzes Volk. Sie müssen kämpfen, immer wieder. Doch die, die sich da gegenüberstehen sind nicht Freund und Feind, sondern Feind und Feind. Das Schwarz-weiß, das man sich gern in einem Konflikt aneignet, um Stellung beziehen zu können, existiert nicht. Da bleibt einem nur die Phantasie und die Geradlinigkeit der Gedanken.

Die schiere Wahrheit – Glauser und Simenon schreiben einen Kriminalroman

Es ging ein Aufschrei durch die Kinolandschaft als 1995 endlich zwei Ikonen des method acting endlich in einer gemeinsamen Szene die Leinwand erschütterten. In „Heat“ saßen sich Robert De Niro und Al Pacino in einem Restaurant gegenüber und zollten sich gegenseitig Respekt, nicht ohne dem Andern zu drohen, dass, wenn man ihn fängt das Spiel ein für allemal aus ist.

Zwei Publikumslieblinge im Wechselspiel der Gefühle – das gab es schon immer: Marlon Brando und Martin Sheen in „Apocalypse Now“, Mick Jagger und David Bowie singend beim „Dancing in the street“ und nun das Kribbeln beim Lesen dieses (leider fiktiven) Buches, in dem Friedrich Glauser zusammen mit Georges Simenon einen Kriminalroman schreiben. Nicht DEN Kriminalroman, auch nicht den ultimativen, sondern einfach nur einen Krimi, der dem Wesen des Genres das letzte Geheimnis entlockt. Jeder Gangster, und sei er auch noch so ausgebufft, streckt die Waffen, wenn er als Gegner Inspector Maigret und Wachtmeister Studer im Nacken spürt. Diese beiden Haudegen revolutionierten den Kriminalroman. Sie zogen Millionen (nicht nur ein paar, sondern viele Millionen!) Leser in eine Welt, die so fremd ist, die Spannung erzeugt, die bei aller Ferne so nahbar gezeichnet wurde.

Gleich zu Beginn der Schock. Maigret wird nicht in Erscheinung treten. Er ist in Rente und genießt sie mit seiner Frau. Stattdessen trifft an der Atlantikküste Amélie Morel auf Wachtmeister Studer, der die Berge hinter sich ließ und nun die Weite des Meeres als Horizont begreift. Amélie Morel ist Krankenschwster – solche Fähigkeiten sind unerlässlich, wie Simenon meint. Und Amélie Morel ist unnachgiebig, mit dem Biss eines Terriers.

Simenon und Glauser lernen sich durch Doktor Schöni kennen. Glauser kennt Simenon, Simenon kennt Glauser nicht. Sie sind sich sympathisch. Und ehe sie sich versehen, sind sie mitten im kreativen Schaffungsprozess. Denn – und schon ist man mittendrin – Simenon hat ein Leiche am Strand aufgedeckt. Glauser kramt tief in der Vita des Toten und findet einen Amerikaner, der Schweizer Wurzeln hat. Da muss unbedingt Wachtmeister Studer her. Befehl ist Befehl, und schon ist der störrische Kriminalist, der sich im Leben niemals als solcher bezeichnen würde, vor Ort. Amélie Morel, Krankenschwester mit einem klitzekleinen Vermögen auf Strandurlaub, darf nun dem weltberühmten Maigret vertreten. Bei einem Roman dieser Größenordnung wird nicht weiter auf die Handlung eingegangen, das zerstört die Vorfreude. Nur so viel: Simenon und Glauser oder Glauser und Simenon tüfteln wie überspannte Kinder bei einer Party an ihrer gemeinsamen Geschichte. Was ist Wahrheit? Wie konnte das passieren? Gibt es die einzig wahre Wahrheit? Das sind die Fragen, die sich beiden so unterschiedlichen Männer stellen. Ihre Figuren sind Segen und Fluch gleichermaßen. Sie bieten ihnen Raum sich auszudrücken, andererseits sind die Autoren fest im Korsett der Erwartungen eingeschnürt. Ist dieser gemeinsame Roman der Schlüssel in die schriftstellerische Freiheit?

Glauser und Simenon sind sich nie begegnet. Es hätte aber sein können. Der Eine war schon zu Lebzeiten das Lieblingskind der Leser und der Kritik mit akuter Neigung zum Pfeiferauchen. Der Andere ein verkanntes Genie mit veritablen Drogenproblem. Ursula Hasler darf man als Expertin für beide Romanschreiber bezeichnen. Stil und Vorgehensweise, Denkart und Kombinationsgabe der beiden unterschiedlichen Ermittler sind ihr in Fleisch und Blut – und vor allem in die Schreibfeder – übergegangen, dass man meint hier die Sensation des Krimi-Jahrhunderts vorzufinden. Legt man diesen Roman ohne jegliche Info einem versierten Krimipublikum vor, wüsste die Leserschaft nicht auf Anhieb zu sagen wer den Roman geschrieben hat. Glauser oder Maigret? Und das will doch jeder Krimileser: Selbst recherchieren und dem Täter auf die Spur kommen. Und wer meint nach der Lektüre von Dutzenden von Romanen aus den Federn von Simenon und Glauser zu wissen wie man einen Täter enttarnt und fängt, der wird am Ende eines Besseren belehrt. Versprochen!

Kulturschock Italien

Was ist so schön an Klischees? Deren Bestätigung? Sie zu widerlegen? Ihnen tatsächlich zu begegnen? Es ist wahrscheinlich die Mischung daraus. Ein wildes Gestikulieren in einer angeregten Diskussion. Auch wenn man kein Wort versteht, so weiß man doch, dass durch die Emotionen ein Streitgespräch zu selbigem wird. Oder Pizza und Bier – was kein vino? Und alles spielt sich auf der Straße ab. Wie ist unser Bild von Italien? Wie ist es entstanden? Was ist Klischee, was ist unsere Eigeninterpretation?

Nicht ein Tag vergeht, in dem wir im Fernsehen mit einem vermeintlich wahren Italienklischee konfrontiert werden. Ob nun als übertriebene Liebesromanze in den Kanälen von Venedig, als familientaugliches Beziehungsdrama in den Kulissen der Ewigen Stadt oder als sonnenverwöhntes Urlaubsabenteuer (mit Hund!, warum muss eigentlich immer ein Tier dabei sein?) mit Wandlung zum Helden – deutsches Fernsehen und italienische Kulisse ist immer noch von bella italia der Wirtschaftswunderzeit geprägt.

Und was stimmt davon nun? Eigentlich fast gar nichts mehr. Oder doch? Das Bier zur Pizza wird immer beliebter. Den Kassenzettel sollte man mittlerweile immer bei sich haben, seit dem die Antigeldwäschegesetze in Kraft getreten sind. Übrigens auch, wenn man sich nur ein gelato gönnt. Und wer im Norden vom Süden schwärmt, wird schnell in eine Diskussion hineingezogen, die er nur verlieren kann. Umgekehrt ist es übrigens nicht anders. Aber über Politik im Urlaub zu sprechen, sollte man eh unterlassen.

Ob ein Urlaub in Italien als Kulturschock bezeichnet werden kann, muss jeder für sich selbst entscheiden. Fakt ist, wer vorbereitet ist, wird den vermeintlichen Schock besser verdauen, als wenn er ihn unverhofft trifft. Und dafür gibt es nur eine Medizin, dieses Buch! Das Alltagsleben, das Flair, die Abläufe, Gepflogenheiten machen einen Urlaub erst zum Erlebnis. Und je besser man sie verinnerlicht hat, desto erlebnisreicher wird die angestrebte Erholung. Auf über 250 Seiten kommt Italien ins Reisegepäck, wird immer wieder in die Hand genommen, sorgt für Erstaunen, ein bestätigendes Lächeln, aber auch für Ahas und Ohos. Das beginnt bei der einfachen Nachfrage, ob man denn eintreten darf, wenn man eingeladen wird. Das ist eine Höflichkeitsformel, die mehr für die Völkerverständigung tut als das opulenteste Geschenk für die Gastgeberin. Welches man nebenbei gesagt trotzdem zur Hand haben sollte.

Ausflüge in die Geschichte, regionale Besonderheiten, die Mafia – um die kommt man von Maran (ladisch für Meran) bis Girgenti (sizilianisch für Agrigent) eh nicht herum – dieser gedruckte Kulturbeutel tut mehr für Erholung und Entspannung als so mancher Reiseband aus dem Wühltisch der Discounter. Alltagssituationen werden entkrampft, die Angst vor dem Neuen wird dem Leser im Handumdrehen genommen, geheimnisvolle Gesten werden ins rechte Licht gerückt – für den wissbegierigen Italienurlauber ist „Kulturschock Italien“ ein bislang unfassbarer Wissensschatz.

So sind sie, die Italiener!

Bei jedem Spiel der squadra azzurra ist es seit einigen Jahren üblich den Spielern beim Mitsingen der Hymne ins Gesicht zu schauen. Voller Inbrunst wird das „fratelli italia“ in die Welt hinausgeschleudert als ginge es darum dem Tod mit Vehemenz entgegenzutreten. Und das ganze Land singt mit, wo andere Nationen nur grölen können. So sind sie, die Italiener, möchte man meinen. Mit dieser Beobachtung im Hinterkopf ist man bestens gerüstet für dieses kleine Büchlein.

Martin Solly, Engländer, mittlerweile eingeheirateter Italiener, nimmt mit süffisantem Unterton die Italiener unter die Lupe. Ohne ihnen dabei auf die Füße zu treten. Immer mit Respekt und immer mit dem nötigen Abstand kommt er ihnen näher. Und zeigt dem Leser, dass Unterschiede innerhalb des Landes so typisch sind wie die Stadt Rom ewig existieren wird.

Doch Vorsicht! Wenn das Benehmen sich als auch noch so lustig darstellt, so ist es tief im Tun und Denken verwurzelt. Und somit ernst zu nehmen. Steht man im Stau, weil ein paar Reihen sich zwei Autofahrer darüber freuen sich zu sehen, kann man nur die Ruhe bewahren und Zeitung lesen, sich die Haare richten etc. Oder man hupt euphorisch und aufgebracht. Letzteres lässt den Touristen weniger als solchen erscheinen.

Italiener sind stilvoll. Das zeigt sich auch in der Kleidung. Martin Solly beschreibt treffend so: Ein Arzt kleidet sich wie ein Arzt, immer. Und immer bella figura machen. Ohne dabei zu übertreiben. Ganz wichtig! Auch sind die Italiener wahre Improvisationskünstler. Nicht zwingend der Redewendung folgend „Was nicht passend, wird passend gemacht“ und ohne fatalistisches Gejammer, kommt man schließlich immer ans Ziel.

So wie nicht jedem Deutschen Pünktlichkeit und Ordnungssinn allumfassend zugesprochen werden kann, so falsch ist es Italienern Faulheit anzudichten. Eine gewisse Lebensfrohheit, allegria, darf man ihnen allerdings nicht absprechen.

Mit wachsender Begeisterung liest man Seite für Seite in dem Buch. Manchmal findet man seine eigenen Vorurteile bestätigt, und immer findet man auch gleich die Erklärung dafür. Schon nach wenigen Seiten zwinkert man sich selbst zu, wenn ein deftiges Klischee hier unumwunden als Wahrheit deklariert wird. Klischees haben nur zwei Zwecke: Sie zu widerlegen oder sie zu bestätigen. Warum auch nicht?! „So sind sie, die Italiener“ holt jeden Urlauber auf den kulturellen Boden der Tatsachen. Die Leichtigkeit der Worte machen es einem leicht sich der Kultur auf dem Stiefel anzunähern. Und der Urlaub zwischen Alpen und Sizilien, zwischen Adria und Tyrrhenischen Meer wird zum Abenteuer, ohne dabei abenteuerlich zu sein.

Anna Seghers im Garten von Jorge Amado

Da sitzt sie nun umgeben von prächtigen Blüten. Die Hitze umarmt sie wie ein liebevoller Partner. In Gedanken ist sie in der Heimat. Dort ist es kalt, sprich- und wortwörtlich gleichermaßen. Sie, das ist Anna Seghers. Die Schriftstellerin. Autorin des überragenden Siebten Kreuzes, das auch verfilmt wurde. Mit Spencer Tracy, dem Womanizer wider Willen, der seiner großen Liebe Catherine Hepburn niemals die Hand reichen wollte.

Der Garten gehört Jorge Amado. Ebenso Schriftsteller. Kommunist. Mitarbeiter an der Verfassung Brasiliens. Beide verbindet der Drang Gerechtigkeit und die Suche nach einer besseren Welt. Anna Seghers hat Deutschland noch verlassen können. Damals, als der braune Terror jedes zarte Pflänzchen von Humanität mit Stiefeln zertrat.

Dieses Bild existiert. Und Robert Cohen, Schriftsteller („Exil der frechen Frauen“) und Literaturwissenschaftler, hat es inspiriert eine Geschichte herum zu schreiben. Es kann sich alles genauso zugetragen haben. Dass alles komplett seiner Phantasie entsprang, ist unwahrscheinlich. Zu genau ist sein Fachwissen. Zu präzise die Analysen. Zu detailreich die Ansammlung von Fakten.

Auf Anna Seghers’ Schoß liegt ein Notizbuch. Darin vielleicht die Liste, die sie anfertigte. Sie ist inzwischen mexikanische Staatsbürgerin. Deutschland liegt in Trümmern. Auf der einen Seite krempeln die Besatzer die Ärmel hoch und verheißen eine rosige Zukunft. Auf der anderen Seite wird Ideologie gepredigt, die eine noch rosigere Zukunft und somit ein weiteres Mal den Endsieg verspricht. Zurück nach Deutschland – die Frage stellt sich für Anna Seghers nicht. Sie wird zurückkehren. Doch wohin? In ihre Heimatstadt Mainz? Oder in die verheißungsvolle östliche Hälfte, in den Staat, in dem was Neues erstehen soll? Vor- und Nachteil, links und rechts, pro und contra. Sie erinnert sich an die verlorenen Freunde, Weggefährten und Mitstreiter.

Ihr Name hat einen Klang wie kaum ein anderer. Die berührende Geschichte des Georg Heisler, der aus dem KZ flüchtet, bewegt bis heute die Leser und Zuschauer. In der DDR wird Anna Seghers Präsidentin des Schriftstellerverbandes, dem sie ein Vierteljahrhundert vorsteht. Sie bescheinigt Christa Wolf eine blühende Zukunft, das legt ihr Robert Cohen in den Mund. Die Wirklichkeit gab beiden – Seghers und Cohen – Recht. Dieses wunderschön gestaltete und inhaltlich berührende Büchlein befördert den Leser in die Welt einer Kämpferin, die sich niemals eine kämpferische Attitüde anheftete. Zerrissen zwischen mehreren Welten muss sie sich im scheinbaren Paradies (Jorge Amado weiß genau, dass das Paradies nicht in seiner Heimat Brasilien zuhause ist) entscheiden, ob sie weiter kämpfen wird und kann. Der Entschluss ist bekannt. Der Weg dorthin ist es erst durch Robert Cohens Buch.

Unter der Sonne von Saint-Tropez

Wie fest gemauert steckt die Tricolore im provenzalischen Boden. Ernest Charmasson, der Bürgermeister von Ardinoschou hält seine schwungvolle nachdem die Tonanlage kurz ausfiel. So was mag er ganz und gar nicht. Und als er sich dem Höhepunkt seiner Rede nähert, die Kinder immer wilder um den Platz herumtollen, gerät die Fahne ins Schwanken. Niemand mehr hört dem Maire zu. Incroyable! Unglaublich! Alle wenden sich dem Fahnenträger zu. Der ist zusammengebrochen, die Augen geschlossen liegt er im Staub des Dorfplatzes. Unerschütterlich brennt die Sonne auf die Häupter der Anwesenden.

Das war ja klar! Jérôme Laskar, der Dorfpolizist, hat wohl beim Umtrunk beim Bürgermeister – vor dessen Rede, vor dem Festakt – zu tief in eines der zu vielen Gläser geschaut. Und da haben wir die Bescherung! Sturzbetrunken liegt er im Dreck der Schande, neben ihm die ruhmvolle Fahne. Un scandale!

Jérôme Laskar ist wirklich die ärmste Sau im Dorf. Seine Frau Colette spricht kein Wort mehr mit ihm, seit zwei Jahren! Und der Bürgermeister würde am liebsten den Polizisten aus dem Amt und gleich noch aus dem Dorf jagen. Jérôme ist sicherlich nicht der hellste Zapfen an der Pinie, dennoch ist er ein rührender Polizist, der jeder Arbeit oft mit überbordendem Pflichtbewusstsein annimmt. Noch bevor ein Bobonpapier zu Boden fällt, fängt er es auf und trägt es stolz zum nächsten Abfalleimer. So einer ist Jérôme Laskar.

Nun will es der Zufall, dass vor einem großen Pétanque-Turnier einige Spielgeräte verschwinden. Sie wurden gestohlen. Das ist die Chance für den Dorfpolizisten sich zu bewähren und zu beweisen, dass er zurecht an Ort und Stelle ist – vielleicht gibt man ihm ja sogar seine Dienstwaffe zurück?! Am nächsten Tag werden wieder Pétanque-Bälle gestohlen, zwei Tage später wieder. Schon bald will Jérôme den Täter kennen. Doch niemand glaubt den überschnellen Ermittlungsergebnissen. Vielmehr belächelt man dessen sprudelnder Quelle. Auch Charmasson schickt ihn einmal mehr lieber ins Café um dem Dorftratsch zu frönen als ihm weitere Ermittlungen zu überlassen. Doch Jérôme hat der Ehrgeiz gepackt…

Benito Wogatzki wollte eine Trilogie schaffen, in dessen Mittelpunkt immer ein Polizist steht, der durch ein Fanal aus seiner Lethargie gerissen wird. Es blieb bei dieser einen Geschichte, Wogatzki starb bevor er die Skizzen zu den weiteren Romanen in Romane verwandeln konnte. Dieser eine Roman zeigt eindrucksvoll welch großer Verlust dem Leser entgangen ist. Voller Empathie und feinsinnigem Humor beschreibt der Autor die Tristesse eines Mannes, der nicht viel vom Leben erwartet. Jérôme Laskar ist zufrieden, merkt jedoch (zu spät?), dass er als Lachnummer herhalten muss. Er könnte sich vergraben, schmollen, die Welt zum Teufel wünschen … doch er kämpft, macht seine Arbeit. Und erntet Applaus.

Sardinien

Ein beliebter Witz unter Sardinien-Urlaubern: Was ist das wichtigste an Sardinien? Das zweite I! Sonst wäre man in einer von Öl durchdrängten Dose unterwegs, und das ist will wirklich keiner. So was nennt man Schiffsverkehr.

Nachdem die Plattitüden also geklärt sind, kann man sich diesem mehr als brauchbaren Reiseband widmen. Sardinien hat ein nicht ganz greifbares Image. Auf der einen Seite das maßlos überteuerte Costa-Smeralda-Milliardärs-Gehabe, auf der anderen Seite die Ursprünglichkeit einer wahrhaft wilden Landschaft. Hier kommt das Fleisch noch als ganzes Tier auf den Tisch. Hier kann man von karg bewachsenen Hügeln meilenweit bis auf s Meer hinausschauen. Hier kommen erfahrene Autofahrer schon mal an die Grenzen der Mobilität. Ach, und ja, das Wetter ist naturgemäß eine Wucht. Sonne satt, ein laues Lüftchen und oben in den Bergen ab fortgeschrittener Stunde schon mal kühler als man es im Mittelmeerraum vermuten mag. Also alles klar: Auf nach Sardinien.

Gut gerüstet ist man auf alle Fälle mit diesem Buch. Fast siebenhundert Seiten. Wer da nichts findet, der wird Sardinien auch nicht erkunden wollen. Wer sich aber für Sardinien entschieden hat, aber noch nicht weiß, wo er sich für die Urlaubszeit ansiedeln möchte, was er alles erleben kann, dem sei empfohlen einfach mal im Buch nachzublättern. Irgendeine Seite aufschlagen. So liest man dann wahrscheinlich zum allerersten Mal von Castelsardo. Schon beim Namen weiß man genau, wo man ist und was es wohl zu sehen gibt. Und ohne den Begriff Folklore episch zu dehnen, gibt’s obendrauf gleich noch das, was man unbedingt sehen muss. Und vielleicht auch gleich eine Anregung für ein unvergleichliches Souvenir. Ein Korbflechter zeigt geduldig sein Geschick. Doch zurück zum Ort Castelsardo. Auf der Karte auf der letzten Umschlagseite sieht man die Nähe zum Meer im Norden der Insel. Die Genueser Familie Doria baute hier eine Festung, die später von den Spaniern genutzt wurde. Wer Geschichte sucht, kann schon mal das Häkchen an der richtigen Stelle machen. Kein Strand und trotzdem Meer – kein Widerspruch und schon gar nicht ein Grund dem Sechstausend-Seelen-Örtchen den Besuch zu verweigern. Der bevorstehende beginnt schon mit dem zweiten Absatz des Kapitels. In dem wird glasklar beschrieben wie man sich dem Ort nähert und wo man – wenn nötig – sein Auto parkt. Denn das centro storico, die Altstadt, ist autorfrei. So muss Urlaub sein! Oder?! Wenn man frei in der Wahl der Urlaubszeit ist, empfiehlt sich ein Besuch des Ortes vom Montag vor Ostern. Festa Lu Lunissanti heißt das Spektakel. Eine Prozession mit einem Christuskreuz (Cristu Nieddu – schwarzer Christus), dem ältesten der Insel, das binnen einer Stunde an den Stadtrand getragen wird. Und das unter mittelalterlichen Gesängen und in Gewändern, die einem schon mal das Blut in den Adern gefrieren lassen können.

Wenn allein schon derart viel Detailverliebtheit zu einem vergleichsweise kleinen Ort begegnet, kann man sich leicht ausrechnen, was Peter Höh, dem Autor dieses Reisebandes in Orten wie Cagliari, der Hauptstadt der Insel, begegnet ist. Ein schier unergründlicher Wissensschatz, der einen Zwei-Wochen-Urlaub wie im Flug vergehen lässt. Jeder Ausflug ist so exakt beschrieben, dass man sich gar nicht verlaufen kann. Und wenn doch, dann genießt man einfach die Eindrücke. Man wird schon wieder auf den rechten Pfad zurückkehren und dann ist man einmal mehr mit diesem Buch bestens ausgestattet. Von versteckten Stränden (gibt’s wirklich) über frei zugängliche Grotten bis hin den Orten, die man einfach gesehen haben muss, versammelt sich der gesamte Schatz der Insel in diesem Buch. Man muss nur aufpassen, dass man vor lauter Staunen beim Lesen nicht das echte Sardinien verpasst. Es wäre eine Schande das leckerste Kaninchen der Welt zu verpassen, auch wegen der besonderen Zubereitungs- und Darbietungsweise.