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Die Puppenspielerin

Irreversibel – unumkehrbar. Für Sophie und Sarah nicht nur ein bedeutungsschwangeres Wort, es beschreibt ihr Leben. Sarah und Sophie gibt es nur im Doppelpack. Auch wenn sie mittlerweile jede für sich ihr eigenes Leben führen. Sie sind Schwestern, Zwillingsschwestern. Sarah ist die Ältere.

Doch der Kitt zwischen ihnen ist brüchig geworden. Denn Sarah ist schwer krank. Auch das ist leider unumkehrbar, irreversibel. Sie hatten noch so viel vor. Das Theaterstück, für die Kinder, mit Puppen. Der so arglos benutzte Satz vom Leben, das weitergeht, bekommt unweigerlich eine bittere Note. Zwischen Sorge und Pflichtgefühl, zwischen Verlustangst und Theaterprojekt ist kaum Platz, um sich tiefgreifend mit der aktuellen Situation auseinanderzusetzen.

Und das ist die Stärke dieses Romans. Wehleidige Momente voller Trauer zum falschen Zeitpunkt sucht man vergebens. Alles wegzuschieben ist auch nicht die Sache der Zwillinge. Das bald schon „andere Leben“ wirft seine Schatten voraus. Das „alte Leben“ geht trotzdem weiter. Wie ein fast parallel verlaufender Weg, den man nicht wahrnimmt, der jedoch immer im Augenwinkel da sein wird. Die Angst, dass sich diese beiden Weg einmal kreuzen werden, wird nicht ausgesprochen. Den beiden sind die Erinnerungen und die einstigen gemeinsamen Pläne näher.

Ein Happy end kann Autorin Sibylle Schleicher dem Leser nicht anbieten. Das würde die gefühlvolle Spannung zwischen den beiden Akteuren in Lächerliche ziehen. Der Weg zur (Er-)Lösung gibt dem Buch die Spannung, die Seite für Seite spürbar ist. Nicht vordergründig, dennoch immer vorhanden. Immer wieder ertappt man sich dabei, dass man Sophie und Sarah ein anderes Ende wünscht. Die Puppen, die den beiden als Broterwerb dienen, wenn man es ganz nüchtern betrachtet, sind mehr als nur Freudebringer für kleine Theaterbesucher. Sie sind Werkzeug und Kommunikationsmittel zwischen zwei Menschen, die von Natur aus eine ganz besondere Art der Interaktion haben. Zwillinge verstehen sich blind, sie spüren den Anderen über lange Strecken. Sarah und Sophie leiden gemeinsam ohne das Offensichtliche aussprechen zu müssen. Das ist ihre Art von Glück.

Gedichtekalender 2022

Wenn das Wort schärfer als das Schwert ist, sitzt der Schnitt meist tiefer als man meint. Wie tief, das hängt vom Betrachter ab. Ein tiefer Schnitt muss aber nicht immer mit einer Verletzung einhergehen. Oft reicht schon ein kleiner Ritzer, um sich dauerhaft an ihn zu erinnern. Der Gedichtekalender für das Jahr 2022 wird auf alle Fälle Eindruck hinterlassen. Verletzungen ausgeschlossen. Ebenso die „kleinen Ritzer“.

Schon das Deckblatt verrät wo die Reise hingeht. Albert Einstein ist nun wahrlich nicht für seine Gedichte bekannt. Bonmots hatte er viele parat. Den Schalk im Nacken spürt man sofort. Denn egal wie das alte Jahr war, das nächste kann nur besser werden. Basta. Keine Diskussion. Schließlich hat es Einstein gesagt.

Zwei Gedichte pro Monat – das muss reichen, um sich den einen oder anderen Morgen das zerknitterte Gesicht mit einem Lächeln zu verschönern. Von Goethe bis Sappho, von Eichendorff bis Mörike. Rilke, Fontane, Storm und Politycki – selbst wer bisher nicht viel am Hut hatte mit dem vermeintlichen „Reim Dich oder ich beiß Dich“ erklimmt schnell den bisher scheinbar scher zu bezwingenden Berg der Poesie. Und als wenn das noch nicht reicht, sind alle Gedichte in schönster Handschrift vom Herausgeber Hubert Klöpfer selbst geschrieben. Schmierfinken senken beschämt den Kopf, Stilisten heben wohlwollend ihr Haupt und legen das schönste Sonntagsgrinsen auf ihr Antlitz. Zweifler schlagen hektisch die letzte Seite auf und lesen die Gedichte noch einmal in technisch einwandfrei gedruckter Form nach.

Doch das Original in schönster Schreibschrift ist immer noch das Nonplusultra der Poesie in diesem Kalender. Erhaben, ein wenig elitär – wer kann den noch sooo schön schreiben? – nachdenklich, erfrischend. Jede Zeile trifft den Leser ins Herz. Ob der folgende Tag dadurch besser wird? Nicht immer. Aber auf alle Fälle wird der durch die Gedichte nicht schlechter. Man selbst wird wissender, geistreicher. Kann die Kollegen mit den Zeilen selbst erfreuen. Der Möglichkeiten Vielfalt ist keine Grenze weit genug.

Als Abwechslung zum bunten Allerlei der alljährlichen Wandverzierung ist diese Wahl eine einzigartige und überlegenswerte Alternative. Einsteins Augenzwinkern, Mörikes Abschiedsschmerz, Rilkes Romantik – hier wird jeder fündig, der im Hirn ein bisschen Platz für Poesie gelassen hat.

David Bowie Foto

Jeder weiß, wo er war als in New York die Flugzeuge ins World Trade Center krachten. Jeder weiß, wo er war als die Mauer fiel. Und ein sehr großer Teil weiß noch sehr genau, was er dachte als ihn die Nachricht vom Tod David Bowies erreichte. Unmöglich! Erst das neue Album, das das Blut einmal mehr zum Kochen bringt, und nun ist alles eingetreten, was er selbst prophezeit hatte? Wie weit kann ein Künstlerleben reichen? Was nun?

Bowie lebt! Er wird immer weiterleben! Sei es in den Shows von Sven Ratzke, die weltweit das Werk und Wirken von David Bowie einem geschmackvollen Publikum wach halten oder mit diesem Prachtband die Wandlungsfähigkeit eines Kunstfertigen und Geschäftstüchtigen nachhaltig konservieren.

„David Bowie Foto“ ist nicht mehr und vor allem nicht weniger als das, was der Titel verspricht und eben auch hält. Ein neunundsechzig Jahre und zwei Tage anhaltendes Leben für die und als Kunst. Rock, Funk, Soul, Triphop – Pop als Spielart des Seins. Ohne Bowie wäre die Kunstwelt eine andere. Oft wird behauptet, wenn es den Einen nicht gegeben hätte, wäre ein Anderer in die Presche gesprungen. Bowie hat keine Lücke gefüllt, er hat sie aufgetan und hat sich in ihr breit gemacht bis sie zu zerbersten drohte. Dann schlug er die nächste Kerbe ins jungfräuliche Fleisch der Kunst. Das blieb nicht ohne Folgen. Wer heute mit Extravaganz auf sich aufmerksam machen will, muss sich unweigerlich mit dem Vergleich mit Bowie gefallen lassen.

Bei einem derartig umfassenden Kunstwerk wie David Bowie ist es nicht verwunderlich, dass er selbst zum Kunstobjekt anderer Künstler wurde. Oft engagierte David Bowie Künstler, die ihn ins rechte Licht setzen sollten. Die Posen hatte er meist schon geübt, bevor der vor die Linse trat. Nachdenklich, ernst, verspielt, traurig, ironisch, doch immer ikonisch. Es muss ein Fest für jeden Fotografen gewesen sein, einmal David Bowie bei der Arbeit, bei der Selbstinszenierung beistehen zu dürfen. Modefotografen wie Norman Parkinson sind sicherlich Kummer mit den Models bekannt. Die Kunst besteht darin, die Unwegbarkeiten unsichtbar zu machen. Bowie in Szene zu setzen, muss sich dagegen anfühlen wie eine Straßenüberquerung an einem autofreien Sonntag. Ob gestellte Pose oder Schnappschuss bei einem Konzert: Würde es den Begriff „bella figura“ nicht schon geben, hätte Bowie auch dafür ein eingetragenes Markenzeichen für sich in Anspruch nehmen können.

Fotografie-Ikonen wie Greg Gorman schwärmten schon vor ihrer Zusammenarbeit mit Bowie von dem kreativen Genie. Die Aussicht den Thin White Duke und Ziggy Stardust samt realem Bowie vor die Linse zu bekommen, machte selbst ihn nervös, wie er in seiner Erinnerung an David Bowie einräumt.

Es gibt Fotobände, auch über David Bowie, die kurz nach seinem Tod marktschreierisch auf den Markt geworfen wurden, und als Almanach durchaus ihre Berechtigung haben. Doch sie werden nicht annähernd dem Mythos David Bowie gerecht. Mit diesem Buch gelingt es erstmals – immerhin hat es über fünf Jahre gedauert – Bowies Schlaglicht nicht in einem Schatten enden zu lassen, sondern ihm noch mehr Spotlight zu gewähren als er selbst schon ausstrahlt. Bowie ist Kunst, und Kunst ist Bowie. Wer jetzt schon die ersten Weihnachtsgeschenke besorgen möchte, hat Nummer Eins schon erledigt. Denn dieses Buch stellt man nicht einfach ins Regal „zu den anderen Büchern“. Man schlägt jeden Tag eine Seite auf und schwelgt in Erinnerungen.

Los, Babe, Abenteuer!

Wenn man schon nicht selbst in den Urlaub fliegt, dann will man doch zumindest etwas von der Welt lesen. Die Ersatzdroge für diejenigen, die dem Virus die Stirn bieten und einfach keine Angriffsfläche bieten. Und wenn man schon in der Lage ist, sich zurücklehnen zu können, um anderen beim Reisen zuzusehen, dann will man die eigenen Ansprüche um keinen Preis der Welt zurückschrauben. Was nichts anderes heißt als von den und vom Besten zu lesen.

Da bietet sich Christoph Höhtker förmlich an. Er reiste oft und viel und hielt seine Eindrücke schriftlich fest. Eifrige Zeitungsleser kennen seine Reiseeindrücke bereits. In seinem nassforschen „Los, Babe, Abenteuer!“ sind diese nun endlich zusammengefasst und um zwei Geschichten erweitert worden. Dem Autor beim Beobachten und Abdriften beizuwohnen, gleicht einem rasanten Ritt auf einem Gefährt, das zwar das ungefähre Ziel kennt, den Weg jedoch lediglich als Empfehlung wahrnimmt.

Wenn also in der Abflughalle auf dem Flughafen von Lanzarote Liam Gallagher in der Ecke hockt (oder zumindest jemand, der ihm in Gestik und shape verdammt nahe kommt), liegt der Vergleich mit Michel Houellebecq nicht zwingend auf der Hand. Dass es beim französischen Autor vorrangig ums Nichtarbeiten geht bzw. dass jeder, dem die Arbeit Freude bereitet ein Idiot sei, lässt die Folgerung einen Surfshop mit sich selbst als einzigen Kunden schon näher liegen. Ein Affront für jeden Lagerarbeiter, der die Nachrichten über Kurzarbeit und Umsatzeinbußen mit Unverständnis zur Kenntnis nimmt, weil er weder weniger arbeitet noch systemrelevant ist – und trotzdem jeden Tag von Früh bis Spät sein Tagwerk verrichtet.

Es sind die kleinen Beobachtungen und die daraus resultierenden Erkenntnisse, die jede Geschichte zu einem Ereignis machen. Grillen, die zirpen. Vögel, die jubilieren, weil ihre nächste Mahlzeit sich lautstark zirpend (die Grillen) ihnen anbietet. Oder wenn im Frankfurt der Buchmesse die Stadt auf einmal im Fokus steht statt der Millionen bedruckter Papiere. Selbst dem Radioprogramm kann er auf der Autofahrt in heimischen Gefilden noch einen Hauch Sinn entlocken.

Höhtker macht, was er will. Er verknüpft Erinnerungen mit dem Offensichtlichen und kreiert einen Abenteuer-Cocktail, der schon in der Kehle brennt ohne die Flamme jemals löschen zu können. Mit Höhtker reisen, heißt unbändiges, atemloses Aufsaugen im scheinbar ereignislosen 3D des Alltäglichen.

Die versprengten Deutschen

Zuerst reiste Karl-Markus Gauß in seiner guten Stube herum und erforschte aus der Froschperspektive die Geschichte Europas. Dann zog es ihn in die Metropolen der Welt, in denen er noch mehr Geschichte fand. Es war die große Geschichte Europas, die er fand. Und nun? Nun sucht er nach den Geschichten. Nach der Geschichte der Deutschen, die in der vermeintlichen Fremde ihre deutschen Wurzeln noch pflegen, sie teils sogar suchen, mit ihnen hadern.

Fündig wird er im Baltischen Raum, in Litauen, Memelgebiet, wie es hier und da einmal hieß. Er trifft Luise. Sie hat ihre Muttersprache erst spät wieder erlangt. Jahrzehntelang war sie frei wie ein Vogel im Wind. Ihr Nest war in Litauen. Ihre Wiege stand in Deutschland. Immer wieder wechselten wie bei so vielen die Herren, die die Geschicke des Landes leiteten. Immer mit Repressionen verbunden. Dabei ist es egal, ob es nun Deutsche im Namen eines menschenverachtenden Feldzuges sind oder Russen auf dem Kreuzzug gegen die Besatzer waren. Sie flatterte aufgeregt zwischen den fronten hin und her. Meist aus einem zwang heraus. Was von ihr noch deutsch ist, kann sie kaum noch bezeichnen.

Gauß reist weiter. Quer durch Europa. Bis ans schwarze Meer. Bis an den südlichen Zipfel Europas. In die Berge, ans Meer. Doch immer in die Seelen der Menschen. Er ist wahrhaft kein Seelenfänger im bösartigen Sinn. Schon gar niemand, der das Deutschtum vergöttert, es in etwas verwandelt, was einen bitteren Beigeschmack mit sich führt. Gauß sucht, Gauß findet, Gauß hört zu, Gauß schreibt nieder. Die von ihm gesuchten, gefundenen, niedergeschriebenen Geschichten sind eindrucksvolle Einblicke, die man ohne ihn niemals gelesen hätte.

Wenn heutzutage von Assimilation, Eingewöhnung gesprochen wird, ist es immer mit einer Forderung verbunden, sich gefälligst unterzuordnen und sich selbst aufzugeben (was natürlich niemand so meint, wie er es sagt…). Das ist kein Phänomen der Gegenwart. Wer die Heimat verlässt, geht ein Wagnis ein. Das Wort Abenteuer hat im Laufe der Zeit an Bedeutung verloren und hat was von einem Erlebnisparkbesuch, der mit Einbruch der Dunkelheit endet, weswegen Wagnis hier wohl angebracht erscheint. Dieses Wagnis mündet in eine Neuentdeckung der eigenen Wurzeln. Neues kommt hinzu, Altes tritt vereinzelt in den Hintergrund.

Gauß staunt selbst über die Vielfältigkeit des Deutschseins. Und lässt den Leser mit seinem Staunen nicht allein. Immer weiter treibt es ihn in Gemeinschaften, in Landstriche, die mehr deutsche Prägung haben als an der Oberfläche zu sein vermag. Diese europäische Deutschlandreise ist ein intelligenter Streifzug durch Europa zu deutschen Wurzeln, tiefer in die Kultur als so manches von Oben gewünschte Verhalten.

Stark wie nur eine Frau

Gegen den Strom zu schwimmen, muss nicht immer zum Erfolg führen. Meistens ist es doch so, dass man aneckt, ins Abseits gedrängt wird und das Alleinstellungsmerkmal, das man suchte wie ein Boomerang einem den Schädel zermartert. Wie auch immer man in eine solche (Abseits-) Position gekommen ist, bleibt man dort bis zum Ende seines Lebens. Und danach? Die Sieger schreiben die Geschichte. Man selbst gerät in Vergessenheit.

Maria Attanasio holt zwei Menschen wieder ans Tageslicht, denen das Schicksal einen Platz in der dunkelsten Enke der Geschichte zugewiesen hatte. Als das 17. Jahrhundert sich dem 18. annäherte, war Sizilien ein Landstrich, in dem wieder einmal die Herrscher wechselten. Die Bevölkerung konnte sich nicht loyal zeigen. Warum auch, wenn ihre Heimat mehr oder weniger regelmäßig einen neuen Regenten bekam. Der Staat war verpönt, die Kirche den meisten näher. Inklusive der Inquisition. Giacomo Polizzi ist der Stadtschreiber von Calacte, das dem heutigen Caltagirone entspricht. Er kann Lesen und Schreiben, was ihn zu einer privilegierten Person macht. Und er erzählt die Geschichte von Messer-Francisco, dem Mann-Weib, die Maria Attanasio wieder einem breiten Publikum näherbringt. Francisca, so der eigentliche Name des Mann-Weibes wird zu früh der Mann entrissen. Sie muss zusehen wie sie ihr Leben meistert und überlebt. Sie ist geschickt. Geschickter als die Männer im Ort. Und arbeitsam, arbeitsamer als … man ahnt es … als die meisten. Mehr und mehr schlüpft sie in die Rolle eines Mannes. Nur, um zu überleben. Das ruft die Zweifler, Mahner, vor allem aber die Ängstlichen auf den Plan. Und die Inquisition. Der steht zu ihrem Glück aber ein aufgeklärter Geist vor. Das vorgezeichnete Schicksal – bevor es zur Verhandlung kommt, findet sie sich schon mit dem üblen Ende ab, lässt so manche Erniedrigung über sich ergehen – kann noch abgewendet werden.

Doch auch der Adel wird von den Folgen des Andersseins stark gebeutelt. Ignazia ist die lang ersehnte Tochter im Familienreigen des Barons Federico Perremuto. Ein aufgewecktes Kind, das störrisch wie eine Esel scheint, und vom Gedanken an die Oper beseelt ist. Operbühne sonst gar nichts. Auch hier meint es das Schicksal nicht gut mit der Querdenkerin.

Nach dem Happy end sucht man in den beiden Kurzbiographien vergebens. Zumindest, wenn man nach dem „und sie lebten glücklich bis ans Lebensende sucht“. Es sind zwei Frauen, die nicht offen dem männlich dominierten Machtapparat die Stirn bieten konnten. Ihre Waffe war die Ausdauer. Und die ist manchmal schärfer als schon manches Beil…

Ankunft in der Fremde

Wir kennen Pascal schon ein bisschen. In „Ungeteerte Straßen“ ließ er uns an seiner Kindheit teilhaben. „Am anderen Ende der Stadt“ tauchten wir tief in die Gedanken eines Heranwachsenden ein. Nun, fast schon ein Mann, beginnt für ihn der Ernst des Lebens. Allerdings nicht im heimatlichen Toulon, am Meer, den Bergen im Hinterland, sondern im weit entfernten Deutschland. In Freiburg. Das Vaterland verlangt – Ende der Sechziger Jahre üblich und nicht diskutabel – seinen Tribut.

Zum Glück sind bei ein paar Leute, die wie er die Liebe zum Rugby teilen. Das erleichtert die Eingewöhnung erheblich. Doch Deutschland ist kalt. Was zuerst als Spaß gedacht war, wird nun bitterer bzw. bitterkalter Ernst. Die wenigen freien Stunden verbringt man mit Flirten, Rauchen und Träumereien. Immer im Gepäck: Lyrik von Jacques Prevert. Dem Pazifisten. Das fällt auch Madame Da Silva auf. Zwischenzeitlich hat sich aus dem dreckigen Militärdienst klischeehafter Vorstellung das Tor zum Paradies weit geöffnet. Pascal darf – und nur so kann man den göttlichen Wink des Schicksals bezeichnen – als Chauffeur für die Gattin des Generals ein durchaus privilegiertes Leben führen. Zwar als Soldat der Armee, dennoch im zivilen Leben. Die Neider verstummen für Pascal schon bald. Denn er kann sie nicht hören. Die Kaserne ist weit weg. Das Leben wartet auf den Wissbegierigen.

Den Dienst verrichtet er wie es sich gehört. Eine Rüge wegen Unordnung und Unachtsamkeit nimmt er hin. Solange er nur in die Stadt kommt. Uschi, Martina und dann doch Verena sind ihm näher als jemals zuvor ein Mensch war. Rückschläge inklusive. Doch Verena … ja, Verena kommt er näher als er es sich erträumen ließ.

Wieder einmal beweist Gérard Scappini, dass das harte Leben mit liebevoller Poesie durchaus zu beschreiben sein kann. Pascal ist das alter ego des Autors. Pascal lernt zu überleben in einer Umgebung, vor der seine Eltern ihn bisher beschützen konnten. Nun muss er auf eigenen Beinen stehen. Der Lernprozess ist fortwährend, doch das weiß er erst, wenn er mittendrin ist. Zwischen dem, was er kennt, und dem, was er noch kennenlernen wird, liegen Welten. Nicht nur geographisch. Zwischen akkurat geschnittenen Haaren und freigeistigen Hippies, zwischen Prevert und Beat, zwischen Heimat und Aufbruch, wiegt sich ein junger Mann, dem man gern auf humorvollen Sohlen folgt. Immer wieder ertappt man sich wie man dem blitzgescheiten Pascal bei naiver Träumerei nur das Beste wünscht. Teil Drei der lyrischen Prosabiographie lässt die Unbekümmertheit der ersten beiden Bände hinter sich, überrascht im Gegenzug durch neuerliche Anwandlungen von überbordendem Lebensglück.

Kaffeehäuser erzählen

 

Wenn diese Wände reden könnten, oft gehört nie so richtig ernst gemeint. Und wenn wir bei diesem Sprachbild bleiben, so hat Ulrike Rauh die spitzesten Ohren der Welt. Sie reiste von Chile bis zum Vesuv, von der Adria bis zur südamerikanischen Pazifikküste. Und hier und da rastete sie in einem Kaffeehaus und lauschte den Geschichten, die die Wände ihr erzählten. Sie ließ sich inspirieren, setzte sich in die Bücherregale der Cafés, verschwand nicht hinter, sondern im Vorhang und beobachtete. Und diese Erkundungstouren feiern in diesem außergewöhnlichen Buch ihre Zusammenkunft.

Wien ohne Kaffeehauskultur ist wie Paris ohne den Eiffelturm, Florenz ohne die Renaissance oder Venedig ohne das Wasser – einfach nicht einmal die Hälfte wert. Ulrike Rauh hat nicht alle Kaffeehäuser besucht. Aber, die sie besucht hat, bekommen durch ihre Geschichten noch einmal einen besonderen Touch von Exklusivität. Im Café Central in Wien beobachtet sie eine Dame, die hier ihr tägliches Ritual vollzieht. Sie liest wie einst Stefan Zweig, der die riesige Auswahl an Magazinen so mochte. Nach dem ersten Kaffee – es gibt soooo viele Arten der Zubereitung, vom Einspänner über den Verlängerten, dem Fiaker …. – gibt’s Kuchen, Malakofftorte und den zweiten Kaffee. Die Dame ist Schriftstellerin, das verbindet Beobachtete und Beobachterin.

Mal erzählen die eleganten, schweren Vorhänge vom Geschehen an den Tischen, mal sitzt die Erzählerin zwischen Bücherrücken und schaut neugierig auf die Szenerie. Histörchen gibt es allemal zu erzählen. Ulrike Rauh liebt es den Dingen auf den Grund zu gehen. Und so verwandelt sich die manchmal melancholische Erzählweise in eine Exkursion in längst vergangene Zeiten. Wer hat wann wen bedient? Wessen Bilder hängen (immer noch) an den Wänden? Welcher Freigeist konnte und kann sich hier den Weg bahnen?

Berühmte Cafés wie das Florian in Venedig bekommen dieselbe Aufmerksamkeit wie scheinbar in den Hintergrund getretene Wohltempel wie das Hawelka in Wien, dessen Ruf nur leiser als der des Sacher oder Mozart erscheint. Hier trinkt man nicht einfach nur eine Mischung aus gemahlenen, zuvor erhitzten Bohnen, die im gekochten HaZweiOh kredenzt werden. Hier zelebriert man das Leben. Hier lässt man die Seele baumeln. Hier ist man Mensch.

Berliner Razzien

Das Trampeln schwerer Stiefel, Blaulicht, Sirenen – da kann man nur hoffen, dass man auf der richtigen Seite der Tür (des Gesetzes) steht. Und wenn man was ausgefressen hat, nimmt man besser beide Beine in die Hand und rennt, was die tabakverseuchte Lunge noch herzugeben vermag. Am besten ist es natürlich, wenn der Tross der Verdächtigen und ihrer Jäger an einem vorbeizieht und man unbescholtener Beobachter ist.

So wie Leo Heller. Er brachte schon vor fast einhundert Jahren Licht ins Dunkel der Unterwelt, bei den Namen – Heller – mehr als verständlich. Als Autor und Reporter war er bei mehr Razzien in Berlin zugegen als die schwärzesten Gestalten der Nacht und als mehr Polizisten in der Hauptstadt.

Sogar mit dem großen Ernst Gennat war er auf der Jagd bzw. Suche. Und zwar nach der Leiche von Rosa Luxemburg. Doch weder er noch der damals noch nicht so bekannte spätere Erneuerer der Ermittlungsmethoden wurden fündig. Doch allein schon die Reportage zu lesen, genügt, um sich die bedrückende Stimmung und die Hilflosigkeit der Beamten vorstellen zu können.

Manchmal kam es sogar vor, dass sich kriminelle Vereinigungen, die so genannten Ringvereine, der Dienste des angesagten Schreiber bedienten. Sie luden ihn einfach ein, um ihm ihre Sicht der Dinge zu erzählen. Meistens jedoch war er mit Kommissaren unterwegs, was schon mal dazu führte, dass bei einer Razzia er selbst neben den vermeintlichen Verbechern Aufstellung nehmen musste.

Es ist erstaunlich wie modern sich diese Reportagen heute noch lesen lassen. Die lebendige Sprache hat nichts an Originalität und Einfühlungsvermögen verloren. Auch wenn es bei den Razzien nicht immer wild und pulverlastig zur Sache ging. Denn eine Razzia war zwar gut vorbereitet, musste jedoch im Vorfeld geheim gehalten werden. Der Überrumpelungseffekt war oft das Wichtigste an der Unternehmung. Mit Sprachwitz, beispielsweise, wenn ein Ganove einen anderen per Drahtverbindung (Telefonat) vor der Razzia der Polente warnte, und hinter ihm bereits die Staatsmacht stand, zogen Hellers Reportagen die zahlreichen Leser in eine Welt, die sie jeden Tag wahrnahmen, aber um nichts in der Welt ihr eigen nennen wollten.

Berlin und die Unterwelt der Goldenen Zwanziger – so traurig es ist – das gehört nun mal zusammen. Keine rauschende Nacht ohne Rausch. Und wo Rausch, da auch leichte Mädchen. Unter ihnen durchaus auch manchmal Damen der besseren Gesellschaft, die sich ihre Zeit mit ruchlosen Genossen vertrieben. Und wo Ruch und Rausch sich die Klinke in die Hand gaben, war Leo Heller nicht weit. Er kannte alle, die im Dunkel der Großstadt eine Mark extra machten, jede Mulle, jeden Gauner, jede Spelunke – und er schrieb über sie. Zum Jubiläum der Goldenen Zwanziger mehr als ein ehrenvoller Beitrag.

Franken Quiz

Rätsel, Rätsel, Rätsel. Über Marcel Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ rästelt man bis heute. Bei dem Gedanken an die epische Produktionszeit von „Apocalypse Now“ schaudert es jeden Filmproduzenten. Rätsel zu lösen, sind eine Leidenschaft, die mehr als nur einen Fernseh(vor)abend dauert. Welch Arbeit dahinter steckt, bleibt für alle – bis auf die Beteiligten – ein … na was schon … ein Rätsel.

In der Pandemie haben wir Tag für Tag Künstler und Freischaffende kennengelernt, die sich lautstark über die mangelnde Unterstützung beklagten. Das ist das harte Los der Selbstständigen.

Matthias Kröner – selbstständiger Autor und mittlerweile Quizentwickler – hat die erzwungene fast schon als freie Zeit zu bezeichnenden vergangenen Monate genutzt, um dem Rätsel wie es weitergehen soll sein kreatives Potential an den Kopf zu schmettern. Als eingefleischter Franke im Ostsee-Exil war es mehr als nur ein Zeitvertreib dieses Franken-Quiz zu auszuarbeiten.

Was sofort auffällt, ist die Vielfalt der Fragen – womit nicht die Anzahl gemeint ist. Sondern vielmehr die gut sortierte Auswahl an Themengebieten. Von Politik und Theaterszene (ausnahmsweise nicht im Zusammenspiel) über Geographie und Sport bis hin zu speziellem Fachwissen. Wer weiß schon, wo vor fast siebzig Jahren die erste Pizzeria eröffnet wurde? In Würzburg sicher mehr Leute als anderswo … upps, Spoileralarm.

Als passionierter Reisebuchexperte und Franke mit Herz, Seele und Zungenschlag, konnte er schon mehreren Geheimnissen in seiner fränkischen Heimat auf den Grund gehen als die Mehrheit seiner Landsleute. Dieses Spezialwissen merkt man den Fragen des Quiz an. Schon mal was vom Frankenrechen gehört? Wo ist die Chance am größten Süßkirschen – nicht unbedingt in Nachbars Garten – stibitzen? Und für alle, die dem Fränkischen Zungenschlag nicht ganz abgeneigt sind: Was ist ein „oozuulds Buddlersbaa“?

Wenn andernorts, zur Unzeit der eigene Nationalstolz wie eine Kriegstrophäe vor sich hergetragen wird, kommt dieses Franken-Quiz wie ein lehrreicher und vor allem unterhaltsamer Regionalspaß auf den Spieletisch.