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Leo Daly & James Joyce – Eine literarische Irlandreise

Überall auf der Welt gibt es Orte, die etwas Magisches in sich tragen. Schnell hat man dann den Begriff „Lieblingsort“ zur Hand. Immer wieder zieht es einen an diesen Ort. Es sind Häuserschluchten, weite Ausblicke, architektonische Blitzlichter oder im besten Fall Menschen, die eine Sehnsucht kreieren, die einen selbst fest im Klammergriff halten. Doch irgendwann hat man alles mindestens einmal gesehen. Bei den meisten verschwimmt der „Lieblingsort“ hinter dem Vorhang der Sättigung. Und dann?

Chris Inken Soppa zieht diesen Vorhang weit zurück und wandert durch Dublin. Im Handgepäck James Joyce und Leo Daly, an ihrer Hand Ralf Staiger. Der ist Illustrator und die beiden Erstgenannten literarische Ikone Irlands und einer seiner größten Fans.

In Erinnerungshappen schlendert Chris Inken Soppa durch Dublin, das sie kannte und kennt. Sie erkennt die Veränderungen. Leo Daly schlenderte auch durch Dublin, auf den Spuren seines Vorbildes James Joyce. Er forschte zu dem irischen Überliteraten. Und James Joyce selbst? Er war Dublin. Wo heute die Billigflieger-Globetrotter den Euro dreimal umdrehen, um typisch irisches Flair zu erleben – oder zumindest das, was ihnen suggeriert wird – war einmal wirklich irisches Flair, das nicht durch einen Algorithmus kreiert wurde. Tief traurig, überbordend lebensfroh. Hart und liebevoll zugleich. Rustikal verspielt. Musikalisch weltoffen.

Zwei Neugierige auf den Spuren eines Mannes, der auf den Spuren einer Legende Dublin immer wieder neu entdeckte. In Dublin gibt es unzählige Guides, die Wissbegierige und solche, die sich dafür halten, auf den Spuren von Leopold Bloom, James Joyce’ legendärem Wanderer durch die Stadt, an Orte führen, die man leicht selbst herausfinden kann, wenn man intensiv liest.

Chris Inken Soppa und Ralf Staiger entdecken Dublin für sich immer wieder neu. Ihre sehr persönlichen Eindrücke sind aber nicht nur Tagebucheinträge, die man zukünftig als Erinnerungsstütze gebraucht. Nein, selbst wer Dublin kennt, wird hier Neues entdecken. Joyce-Jünger werden mit Kopfnicken einer erneuten Stippvisite dieser entgegenfiebern. Und wer bisher zögerte Dublin auf Joyce’ Spuren zu erkunden, bekommt hier den entscheidenden Kick. Irland, Dublin, Joyce und Daly – von nun an eine vierfältige Symbiose, die fest im Reiseplan steht.

DeVriendt kehrt heim

Die Welt ist rund, hat keinen Anfang und kein Ende. Und trotzdem brennt es an allen Ecken und Enden. Und schon jetzt laufen die Vorbereitungen für den Jahrestag für den neuerlichen (andauernden) Nahostkonflikt. Medial, propagandistisch, militärisch, geheimdienstlich, selektiv, alliiert. Und dann platzt so ein Buch – zum wiederholten Mal – in die Zeit. „De Vriendt kehrt heim“ von Arnold Zweig. Der erste historische Roman über den Konflikt von Arabern und Juden, die in einem Land leben … sollte man „müssen“ noch anfügen?

In Jerusalem des Jahres 1929 lebte Dr. Jizchak Josef De Vriendt, Holländer, Dichter, Jude. Ebenso hat es Lolard B. Irmin hierher verschlagen, Brite, Agent, … . Und besorgt um das leibliche Wohl von De Vriendt. Dessen Meinung zur Religion und deren Auslegung sind einfach zu vielen in der Stadt, in der Region Palästina, ein Dorn im Auge. Doch De Vriendt zur Mäßigung zu bewegen, ist ein sinnloses Unterfangen. Das ehrt De Vriendt zum Einen, stellt aber zum Anderen ein erhöhtes Sicherheitsrisiko dar. Und es kommt wie es kommen muss. Ein Schuss, nicht unbedingt in schwarzer Nacht lässt De Vriendt seinen letzten Atemzug machen.

Ein Kriminalroman? Die Ermittlungen müssen auf einem stillen Parkett durchgeführt werden. Denn die Stadt ist ein Pulverfass. De Vriendts Schriften störten zu viele. Und dass er auf Knaben stand, macht die Sache nicht einfacher. Im Gegenteil. Es erhöht den Kreis der Verdächtigen immens um einige Fanatiker.

Arnold Zweig hatte in der Figur J. I. de Haan das reale Vorbild für Dr. Jizchak Josef De Vriendt gefunden. Ein Politiker, der fünf Jahre zuvor ermordet wurde. Das Gezerre um die Deutungshoheit der Stadt Jerusalem, die Rivalitäten zwischen unter religiösen Gruppierungen und der aufkommende Nationalismus – ja, der Roman ist fast einhundert Jahre alt und die Probleme sind immer noch auf dem Tapet der Weltpolitik – bilden die Grundlagen für diesen Roman.

Kopfschüttelnd reißt man fast schon die Seiten heraus, weil einem der Fortgang der Geschichte in Atem hält. Vielleicht findet sich ja zwischen den Zeilen die Lösung für die anhaltenden Probleme der Region?! Die unbeirrbare Idee einen Roman zu schrieben, der der aktuellen politischen Situation exakt entspricht, sich einer historischen Figur wahrheitsgetreu anzunähern, ihr ein literarisches Gewand der Haute Couture auf den Leib zu schneidern und darüber hinaus ein zeitloses Werk zu schaffen – darin liegt der unermessliche Wert dieses Buches. Und endlich in einer äußeren Hülle, die ihm gerecht wird. Wer keine Angst vor der Wahrheit hat, wem die Gegenwart lieb ist, der kommt um diese Ausgabe nicht herum.

 

 

Blutorangen

Jeder Emotion, jeder Empfindung kann man eine Farbe zuordnen. Das reicht vom letzten Versuch – lila – bis zum neidischen Gelb und dem hoffnungsvollen Grün. Und der Geschmack? Der ist Rot! Die Salto-Reihe ist gespickt mit genussvollen Geschichten, die einem das Wasser im munde zusammenlaufen lassen. Dort, wo klassische Reisebücher ihre Grenzen erreichen oder – j nach Sichtweise – noch gar nicht beginnen können, setzen die kulturhistorischen Abhandlungen ihre Duftmarken. Nun ist es an der Zeit, dem Duft des Südens, genauer gesagt Italiens, ein Lesemal zu setzen. „Eine Reise zur den Zitrusfrüchten Italiens“ – Es geht nicht ohne, nicht ohne ungewöhnliche Formen so mancher Zitronen von Cinque terre bis Amalfi. Es geht nicht ohne den Duft der Orangen durch Sizilien zu reisen. Und die Bergamotte erst – von Ligurien über das englische Frühstück bis hin zum vierziffrigen Parfumdauerbrenner … es geht nicht ohne.

Und dabei geht es nicht nur um den lukullischen Genuss, der an jeder Straßenecke im wahrsten Sinne des Wortes greifbar ist. Von literarischen Werken bis hin zu Fresken – wohin das Auge blickt: Agrumen, Zitrusfrüchte, säumen das Blickfeld.

Für Stendhal war der Süden der Ort, wo die Orangen aus dem Boden wachsen. Für Leckermäuler gehört ein Spritzer Zitrus zur Pasta, um überall auf der Welt bella italia zu spüren. Und für jeden, der dieses rote Büchlein in den Händen hält ist jede Seite Fernweh und dessen Linderung zugleich. Die unvermeidlichen Rezepte im Buch tun ihr Übriges…

Es ist erstaunlich, was man literarisch aus Zitrusfrüchten machen kann: Die bittere Wahrheit aus Ligurien – chinotto, als erfrischende Limonade in allen erdenklichen Größen überall im Supermarkt erhältlich. Koschere Zutaten, die den Süden in jedes noch so einheimische Gebäck hineintragen. Überbordender Genuss in den Gärten der Medici.

Dieses Buch ist Dauerbegleiter im „Land wo die Zitronen blühen“. Man handelt nicht mit selbigen, wenn man einmal pro Tag darin blättert und den Marktrundgang zu einem neuerlichen einzigartigen Erlebnis macht. Unzählige Bücher sind über Italien und die Lebensweise geschrieben worden. Alle haben ihre Berechtigung und machen süchtig. „Blutorangen – Eine Reise zu den Zitrusfrüchten Italiens“ wirkt schneller und tiefer als alle anderen Bücher. Denn auch ohne Duftseiten verströmen die einhundertvierundvierzig Seiten ein Aroma, dem man sich nicht entziehen kann. Warum sollte man auch?!

Was war denn da los?!

Geschichtsinteresse wird durch besondere Taten, herausragende Persönlichkeiten und ihre Geschichten geweckt. Zuerst die Tat, dann das Marketing – so war es einmal. Wer erinnert sich noch an den Namen des Pferdes, das beim Modernen Fünfkampf bei den Olympischen Spielen von Annika Scheu, jetzt Zillekens, und auch unter Anfeuerung ihrer Trainerin derart mit der Gerte malträtiert wurde? Das Ereignis selbst führt dazu, dass ab 2028 der Wettkampf ohne Pferde stattfindet.

Und so ist es auch schon in der Antike gewesen. Wer, wann, wen geschlagen hat, vergisst man. Steht jedoch eine besondere List (und das Trojanische Pferd ist nicht das einzige Ereignis mit einem unique selling point) im Raume, wird man hellhörig. Felix Melching und David Neuhäuser holen in ihrem Podcast „Damals und heute“ derartige Besonderheiten von damals ans Tageslicht. Die dreißig besten, hervorragendsten, außergewöhnlichsten sind in diesem Buch versammelt.

Schon mal von den Amazonen gehört? Na klar. Die haben sogar einen eigenen Wald. Waren bestimmt militante Gärtnerinnen. Genug des verbalen Irrsinns – die Amazonen haben genauso wenig mit dem Amazonas-Regenwald zu tun wie die Legenden um ihre ambutierte Brust. Alles Mythos, wenn nicht sogar alles Lüge. Mit fast hundertprozentiger Sicherheit stammen sie aus der Region vom Schwarzen Meer bis nach China. Hier lebten die skythischen Völker. Und Mann und Frau waren – nicht immer, nicht überall – gleichgestellt. Das heißt, dass auch Frauen bewaffnet mit Pfeil und Bogen auf dem Rücken der Pferde (nein, nein, nein, nicht noch ein Klischee bedienen) in den Krieg zogen. Das passte den Männern, die in ihrer Hemisphäre den Ton angaben überhaupt nicht in den Kram. Und so entstand die Legende von den fuchsteufelswilden Weibern, die sich eine Brust amputierten, um besser mit dem Bogen schießen zu können.

Die Kapitel sind – wie es sich für ein ordentliches Wer zur Geschichte gehört – nach Zeitaltern geordnet. Antike, Mittelalter, Neuzeit, 19. und 20. Jahrhundert. Von den machtgierigen Frauen und planlosen Sklavenaufständen, über den dritten Papst, perfides royales Gehabe, verlorener Eigenständigkeit bis hin zu ehrgeizigen Forschern und aufkommender Idole von der Karibik über Mitteleuropa bis in den Nahen Osten – die Autoren lassen keinen Landstrich und keinen Handstreich aus, um das Geschichtsinteresse immer wieder zu entfachen. Klug, klar und knackig rauschen die Jahrhunderte seitenweise vor dem geistigen Auge durch einen hindurch. Mal kurios, mal erschreckend berechnend (der Falklandkrieg matchte so offensichtlich nicht mit der Realität, dass es bis heute verwundert, dass er tatsächlich stattfinden musste). Das sind die Appetithäppchen mit tiefer gehender Geschmackexplosion, die jeden Geschichtsfälscher das Handwerk legen.

Berühmte Frauen der 50er und 60er Jahre

Liselotte Pulver – das Ambiente kann noch so trist sein, es dauert nicht lange bis die Stimmung ins knallbunte kippt.

Francoise Sagan – ikonischer Freigeist, der der eigenen Unnachgiebigkeit erlegen ist.

Niki de Saint Phalle – ihre Nanas werden alle Zeiten überleben und ihren Namen bekannt halten.

Brigitte Bardot – ewige Verlockung mit dramatischen Wendungen, die sich selbst nur schwer akzeptieren kann.

Maria Callas – von Ängsten geplagtes Einmal-Talent, deren Stimme nachfolgende Generationen ins Zittern geraten lässt.

Nur vier – durchaus die berühmtesten dieses Buches – Namen, Ikonen, Frauen einer Zeit, die nur auf dem Papier vergessen scheint. Stilistisch prägen die 50er und 60er Jahre noch heute das Erscheinungsbild von Städten und Menschen – Stil vergeht nicht.

Wie im Rausch blättert man durch dieses Buch und erfährt selbst über die, die man zu kennen glaubte, noch Neues und wundert sich, dass es einem als neu erscheint. Denn alles ist bekannt. Prinzessin Soraya, die erste Frau des letzten Schahs von Persien, war die Getriebene nach ihrer Scheidung von Mohammad Reza Pahlevi. Ruhe Stunden, Minuten, gar Sekunden kannte sie nicht. Irgendwo lauert immer eine Kamera. Und wenn nicht physisch, dann zumindest in den Gedanken der traurigen Prinzessin. Erst Jahrzehnte später wurden gesetzliche Vorlagen geschaffen, die die Privatsphäre derartig berühmter Menschen ein wenig besser schützen sollen. Ihr Verdienst.

Charlotte Ueckert hat sich Symbolfiguren der ersten Jahrzehnte nach dem Krieg herausgepickt und ihre ikonische Stellung und deren bis heute anhaltende Wirkung, herausgearbeitet. Herausgekommen ist mehr als nur eine bunter Blätterwald für all diejenigen, die „ach ja, die kenne ich noch … von damals“ mehr als nur eine Erinnerungslücke ansehen. Die Werke von Doris Lessing werden ihren Namen nie verblassen lassen. Ebenso das Werk von Niki de Saint Phalle. Die Aufführungen der Callas laufen in digitalisierter Aufbereitung noch heute in Kinos. Und die Bardot ist und bleibt das Sex-Symbol – ob sie es nun will oder nicht – ihrer Zeit. Sie alle sind auf irgendeine Art und Weise haltbar gewordene Erinnerungen. Doch meist sieht man nur ihre Hülle. Je mehr man in dieses Buch eintaucht, desto mehr gräbt man sich in das Leben der vorgestellten Frauen, die mehr waren als Beiwerk oder zweidimensionaler Augenschmaus für Jung und Alt, Mann und Frau. Ihr Tun hat mal mehr, mal weniger merklich Spuren hinterlassen, die niemand mehr verwischen kann. Dieses Buch hilft eindrucksvoll dabei diese Spuren zu erkennen.

Herz der Finsternis

Afrika, mittendrin, ganz tief drin … im Herz der Finsternis. Ein Traum. Auch für Jósef Teodor Nałęcz Konrad Korzeniowski. Joseph Conrad hat er sich später genannt, und unter diesem Namen wurde er weltberühmt. Auch und besonders für „Herz der Finsternis“. Und wie seine Crew im Buch, der Erzähler und der Kapitän Marlow – unverkennbar Conrad selbst – reiste er. Doch nicht mit der Kamera in der Hand – nicht nur, weil Kameras im 19. Jahrhundert vielmehr Platzfresser als nützliches Erinnerungswerkzeug waren – sondern mit dem Herzen. Conrad bereiste, was möglich war.

Afrika war seine große Liebe. Auch wenn es im Buch manchmal nun wirklich nicht so aussieht. Auf dem Kongo ist was los! Waren werden von A nach B geschippert. Menschenhandel allenthalben. Die belgischen Kolonialisten überziehen brutal das Land.

Unvermittelt soll der Agent Kurtz aus dem Dschungel geholt werden. Er hat sich ein kleines reich geschaffen, das er mit harter Hand regiert. Und das ist den Machthabern ein Dorn im Auge. Auch und vor allem, weil die Gefolgsleute von Kurtz ihm blind folgen. Der Agent wird aufgetan, folgt brav und …

Bei dem Namen Kurtz, der Dschungel-Location klingeln bei allen Cineasten die Ohren. Na klar, das ist doch die Geschichte aus „Apocalypse Now“. Es ist natürlich umgekehrt, denn die Geschichte erschien bereits 1899, der Film erst acht Jahrzehnte später. Und mit diesem Wissen im Hinterkopf baut sich vor dem Leser eine Kulisse auf, die an Gigantismus nicht zu überbieten ist. Man spürt die drückende Hitze. Die Enge des Spielraums, der den Handelnden zur Verfügung steht ist beklemmend. Und immer wieder die feine, schneidende Humor, der bin in die kleinste Räume vordringt. Happy life an exotischen Orten ist anders. Hier herrschen andere Regeln, und man hat Zeit sich um die existenziellen Fragen des Lebens zu kümmern.

Jede Passage der Geschichte ist es wert mehrmals gelesen zu werden. Die eindrücklichen Beschreibungen von Natur, dem Leben in der Ferne, dem Elend und der ungezügelten Wut kleben den Leser an dieses Buch. Das praktische Format lässt keine Ausreden zu – von wegen, kein Platz für Literatur im Koffer. Dieses Buch passt in jede Gesäßtasche. Aber das buch gehört in die Hand, vor die Augen, in den Sinn. Für Immer! Zeitloser Klassiker, der in finsterster Nacht strahlt!

Spatriati

Zieht man eine Übersetzungs-App zu Rate, was Spatriati bedeutet, kommt man dem Kern nur sehr zögerlich nahe. Auswanderer, im Ausland lebende. In Apulien, wo Claudia und Francesco leben, nennt man so diejenigen, die nicht so recht ins Bild passen. Und Claudia und Francesco sind die idealen Aushängeschilder für diesen Begriff. Ist es bei Claudia vordergründig ihre äußere Erscheinung – allein ihr Teint und ihre Haarfarbe passen so gar nicht ins vorgefertigte Bild vom Süden – so ist es bei Francesco seine – ebenso wenig mit Süditalien in Verbindung gebrachte – Verschlossenheit.

Er ist verliebt in Claudia. Es ihr zu sagen, käme ihm aber nicht in den Sinn. Das ausgeflippte Mädchen mit den roten Haaren und der Mozzarella-Haut (farblich) sieht in ihm eigentlich nur einen Leidensgenossen. Zum ersten Mal kommen die beiden n Kontakt als Claudia Francesco eröffnet, dass seine Muter ihren Vater liebt. Und sie zusammenwohnen. Francesco hat das nicht mitbekommen. Aber so richtig wundern kann er sich nicht darüber. Er war und ist ein Einzelgänger mit eigenen Gedanken. Aber so kommt er wenigstens mit Claudia in Kontakt…

Doch die Freude währt nur kurz. Claudia hat ihren eigenen Kopf. Und ihre eigenen Ideen. Und Wünsche und Pläne. Da passt niemand mehr dazu. Schon gar nicht Francesco! Sie will raus! Raus aus Apulien, der sie erstickenden Enge. Weg, weit weg. London, vermutet Francesco. Doch bis zum Abschied dauert es noch. Claudia nimmt jede Gelegenheit zur Flucht wahr. Flucht in Gedanken. Jeden (An-)reiz zum Fliehen präsentiert sie sich selbst auf dem Silbertablett. Und Francesco zerreißt es jedes Mal das Herz, wenn Claudia sich in neue Abenteuer stürzt. Doch Treue ist ihm wichtiger als eigenes Glück.

Doch der Tag der wahren Flucht wird kommen. Und er kommt. Mit einem Mal. Statt London wird es Berlin. Claudia ist nun ca. zweieinhalb Flugstunden entfernt. Die Provinzenge ergreift auch von Francesco mit einem Mal Besitz. Die vertraute Beschränktheit der apulischen Provinz erdrückt auch ihn. Oder ist es die Sehnsucht nach Claudia? Beides. Und Berlino soll ihn nun befreien. Er folgt ihr in die gigantische Weltstadt und erfährt, was es heißt Freiheit selbst erhalten und gestalten zu müssen. Claudia ist ihm da keine große Hilfe. Aus den Aussetzigen sind Auswanderer geworden. Spatriati bleiben sie.

Auswandern als geographische Veränderung ist das Eine. Im Kopf diese Veränderung als Zugewinn zu betrachten etwas Anderes. Erwartungshaltung und Realität klaffen oft weiter auseinander als man es sich vorstellen kann – so manche Auswanderer-Soap beweist das seit Jahren. Mario Desiati blickt tief in die Seele derer, die von Träumen überfordert das Glück vor der Haustür nicht erkennen können.

Die Gärten des Alkinoos

Reisen bildet, auch wenn das ab und zu mit einem oberlehrerhaften Fingerzeig verbunden ist. Doch was ist schlimmer? Sich von einem erfahrenen Reisenden einen wirklich exponierten Aussichtspunkt zeigen zu lassen oder sich im Nachhinein eingestehen zu müssen, dass die hundert Meter und das zweimalige Abbiegen – das man abgelehnt hat – vielleicht doch besser gewesen wären als die Cola in der schäbigen Bar an der befahrenen Hauptstraße?

Odysseus war einer der ersten, der die Welt bereiste. Und dessen Abenteuer aufgeschrieben wurden. Seitdem hangeln sich Autoren aus aller Herren Länder an diesem Beispiel entlang und führen ihren Zeigefinger über die Landkarten der Erde. Wolfgang Geisthövel verbindet die Antike mit der modernen Zeit. Er folgt historischen Routen in der Gegenwart. Ja, sie sind noch da, die Hinweise. Und wenn man die Texte von Vergil und Homer intensiv liest, findet man die Orte fast so genau wie ein modernes Navi.

Was waren das noch für Zeiten als man den Zedernduft noch allerorts wahrnehmen konnte. Keine Rauchschwaden mit überzogenem Apfel-Zimt-und-was-weiß-ich-sonst-noch-Duft. Hügellandschaften, deren Bewohner den Reisenden im wahrsten Sinne des Wortes den Kopf verdrehten. Orte, die dem Reisenden mehr als ein „krass“ entlockten.

Apulien, Kalabrien, Kampanien, Sizilien, Korsika, Sardinien, Griechenland – nicht nur Sonnenanbeter werden bei der bloßen Erwähnung dieser Ziele unruhig und packen in Gedanken schon mal ihr Reisegepäck. In dieses Reisegepäck gehört so ganz nebenbei auch dieses Buch.

Denn wer sich nicht gern durch die oft rätselhaften Texte der alten Meister durchwühlen und durch die allzu lockeren Interpretationen ohne Ortsangaben sich nicht stressen lassen will, wird mit diesem Buch in der Hand – und da gehört es hin – eine Odyssee mit happy end erleben.

Es ist ein Erlebnis zu lesen, dass man in Taormina, Giardini-Naxos nicht zwangsläufig in Badeschlappen, schon am frühen morgen völlig erschöpft auf dem Bordstein sitzend auf den nächsten Bus warten muss. Und dass Palermo nicht nur aus lärmenden Märkten besteht, sondern auch Ruheoasen hatte, die man heutzutage zwar suchen muss, die aber schon Goethe kannte. Und vor allem seine Wegweiser bis heute weisend sind…

Es sind Bücher wie dieses, die Reisen in eine besondere Zeit verwandeln. Dort, wo schon viele waren, müssen nicht immer noch viele sein. Und wenn doch, hält man inne, blättert ein wenig durch die Seiten und lässt den Lärm der Moderne um sich herum im Rausch und Rauch der Worte aufsteigen.

Braunes Erbe

Was kann man nicht alles über Geschichte sagen?! Sie wiederholt sich, die dauert fortwährend an, sie ist unvergänglich. Auch wenn so manches in Vergessenheit geraten scheint, so ist es immer noch da. Es gibt also mehr als genug Fakten daraus seine Lehren zu ziehen.

David de Jong hebt in seinem Buch die stete Aufarbeitung der Nazizeit in Deutschland hervor – wie aktuell das Buch immer noch ist zeigen unter anderem Videos vom teils gebildeten, gut verdienenden Mob, der vor einem Club mit Hasstiraden viral gegangen ist, bei dem die Fakten sicherlich im Hirn verankert sind, jedoch die Lehren daraus in den Weiten der hirnlosen Leere verloren gegangen sind.

„Braunes Erbe“ nimmt große deutsche Konzerne, die seit gefühlten Ewigkeiten existieren und jede Wende mit Bravour gemeistert haben. Dazu gehören die Familien Quandt, Flick, von Finck, Oetker, Porsche und Piëch. Oder anders gesagt, BMW, Allianz, VW, Dr. Oetker und Krupp. Namen, die der deutschen Industrie Weltglanz vermachen. Doch unter der polierten Oberfläche müffelt der braune Rost. Nun aber die moralische Keule zu schwingen, wäre zu plakativ. Was wäre denn, wenn jeder Angestellte dieser Firmen aus moralischen Gründen kündigen würde? Nein, so einfach ist die Sache leider nicht. Als Leser muss man sich seine eigene Meinung bilden und entsprechend handeln. Dabei aber niemals das große Ganze aus dem Blick verlieren. Auch wenn’s schwer fällt.

David de Jong arbeitete als Wirtschaftjournalist und sollte für seinen Arbeitgeber europäische Firmen, besonders deutsche Firmen im Auge behalten und ihre Geschichte beleuchten. Dass die bereits genannten Firmen eine innige Beziehung zu den Machthabern in Deutschland der Jahre 1933 bis 45 hatten, ist kein Geheimnis. Der Schockmoment hält sich in Grenzen. Wer, wann, wie mit wem seine Macht erhielt, sie ausbaute, und vor allem mit welchen Mitteln, ist bzw. war bisher nur in Teilen bekannt.

Hier hält man ein hochaktuelles Buch in den Händen, das wie ein Flakschienwerfer den braunen Himmel in leuchtendes Feuer taucht. Alle Fakten sind unantastbar. Stellungnahmen der beschriebenen (nicht angeklagten) Familien gab es nur sporadisch bzw. oft gar nicht. Eigene Studien – von den Familien beauftragt – sollten als Antwort, weil allgemein zugängig (was nur zum Teil stimmt), genügen. Dennoch hat David de Jong ein Buch geschrieben, das vor unumstößlichen Tatsachen nur so strotzt. Schonungslos und mit der nötigen journalistischen Distanz entlockt er dem Leser mehr als nur ein fassungsloses Staunen. Wer sich nach der Lektüre genötigt fühlt sein Leben daraufhin zu untersuchen, welche Verbindungen er zu den Familien hat – ein Blick in die Garage, in die Versicherungsverträge, in den Kleiderschrank genügen schon – wird feststellen, dass eine Aufarbeitung der Nazizeit zwar im mündlichen und schriftlichen Diskurs stattfindet, die wirtschaftlichen Verzweigungen und Abhängigkeiten davon aber fast unberührt erscheinen.

Mit dem Wissen um die Auseinandersetzungen und Kriege von Guatemala bis Birma, von Nigeria bis Papua-Neuguinea, von der Ukraine bis ins östliche Mittelmeer, ist dieses Buch die Grundlage von noch vielen Büchern, die ihm folgen werden müssen. Und auch da werden vermutlich stellenweise die gleichen Namen stehen…

Dante Alighieri „Die Göttliche Komödie“ Horbuch

In Italien werden Schulkinder mit jedem Satz der „Göttlichen Komödie“ schon früh bekannt gemacht. Weltweit ist dieses Werk sicherlich eines der bekanntesten. Zumindest dem Namen nach. Kaum ein Werk wurde so oft in andere Sprachen übersetzt. Und noch immer seziert man die Lieder, die Abschnitte, die Sätze, ja, sogar die Zeichensetzung und analysiert Dantes Meisterwerk. Selbst in Sitcoms („How I met Your mother“) wird sie mit Respekt zitiert.

Dabei hat der Maestro selbst Anleihen bei Kollegen genommen. Und fast erscheint es als ob die Diskussionen über Dante Alighieri und „Die Göttliche Komödie“ den Hörer mehr in den Bann ziehen als das Werk selbst. Die Schriftstellerin Ulrike Draesner und der Dramaturg John von Düffel stellen sich auf ihrer Bühne dem Werk. Voller Ehrfurcht und mit einem Übergepäck an Deutungen, Impressionen und einer schier unendlichen Gedankenflut lassen sie den Zuhörer Teil ihrer Welt werden.

Den Auftakt bildet eine eigenwillige Verlinkung von „Der Göttlichen Komödie“ und der von Computerspielen, Avataren und Vernetzung geprägten Gegenwart. Der Bühnenpoet Timo Brunke überspannt sieben Jahrhunderte mit einer hochmodernen Sprache. So wie es Dantes Zeitgenossen vor 700 Jahren ergangen sein musste. Bis dato wurde der eigene Intellekt in Latein verbreitet. Dante hingegen lässt das Italienische den Vorrang. Der Graus des christlichen Glaubens – wer sich nicht an die Regeln hält, bekommt den Zorn Gottes um ein Vielfaches zu spüren – wird mit einem Mal einem gigantischen Publikum zugängig.

Man muss das Werk nicht zwingend gelesen haben. Es reicht vor erst einmal die pure Kenntnis dessen Existenz’. Ohne viel vorweg zu nehmen, macht die Diskussion über das Werk Appetit auf ein Meisterwerk, das man nun vielleicht doch einmal in die Hand nehmen sollte.

Auch der Autor selbst wird zum Objekt der Begierde der Verbalduellanten. 1321 ist er in Ravenna gestorben. Und seitdem lebt er in den Gedanken weiter. Seine Gedankenspiele beispielsweise zum Übermenschen, zu Schuld und Sühne, der Suche nach Vollendung wird niemals an der Sinnsuche scheitern. Vielleicht sollte man diese Doppel-CD im Hintergrund im Pause-Modus parat halten. Und wenn einem beim Lesen die Schwere des Textes zu erdrücken droht, drückt man PLAY. Es wird wie ein Licht in dunkler Nacht sein. Vielleicht sind es aber auch die züngelnden Flammen des Höllenfeuers…