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Das Vaterland

An Weihnachten vor dem grauen Winterwetter fliehen. Sich in der Sonne des Südens erholen … ach, es ist ein Traum. Je näher jedoch die Rückkehr rückt, umso trüber verfinstert sich die Stimmung. Wenn man jedoch länger, viel länger, so um die drei Monate weg von zu Hause ist, steigert sich die Vorfreude auf die Heimkehr. Endlich wieder was Vertrautes sehen zu können. Vertraute Düfte, vertraute Menschen, vertrautes Umfeld.

Für die Besatzung der Kulm, einem Dampfschiff, wird die Rückkehr ein echtes Abenteuer. Ein wild zusammen gewürfelter Haufen, der in den heimatlichen Hafen einfährt. Der schroffe Ton auf See ist nicht jedermanns Sache. Da fallen auch schon mal Worte, die verletzen. Zumal, wenn das Abfahrtsdatum der 26. Dezember 1932 ist. Und das Schiff am 28. März 1933 in Hamburg festmacht.

Es hat sich viel verändert. Der Schnauzbart ist nun doch an die Macht gekommen. Für einige an Bord (und bald an Land) ein Segen, ein Hoffnungsschimmer. Für viele jedoch die größte Katastrophe ihres Lebens. Kaum etwas ist so wie es vor einigen Wochen noch war. Juden dürfen öffentlich angepöbelt, verprügelt, ausgegrenzt und gescholten werden. Die allgemeine Stimmung ist aggressiv. Man muss aufpassen, was man sagt. Jeder könnte ein Spitzel mit Beziehungen sein. Willkürliche Brutalität ist salonfähig geworden. Die Prügeleien zwischen Betrunkenen auf der Reeperbahn sind dagegen Kinderkram. Echte Matrosen scheuen einen ehrlichen Kampf nicht. Doch das, was jetzt vor sich geht, ist für viele ein Rund-Um-Die-Uhr-Kampf ums Überleben.

Heinz Liepman verließ im Juni 1933 Deutschland. Er wurde verfolgt, seine Bücher verbrannt. Er hegt keinen Groll. Er bedauert nicht. Er erhebt seine Stimme. Aus scheinbar sicherer Entfernung.

„Das Vaterland“ ist einer der ersten Exilromane. Nur kurze Zeit nach der Machtergreifung der Nazis ist dieses Pamphlet, wie er es nennt, erschienen. Alles echt, alles wahr, alles genauso passiert. Nichts hinzugefügt, nichts beschönt. Nur in der Reihenfolge der Dramaturgie des Lesen angepasst.

Fast hundert Jahre sind seit Erscheinen des Buches vergangen. Der aufkommende Nationalismus im Schulterschluss mit Militarismus und Faschismus ist untersucht und dennoch sind die Anfänge in den Augen vieler nur Geschichte von damals. Die Parallelen zur Gegenwart sind frappant. Nein, offensichtlich. Immer öfter muss man den Finger auf die Lippen legen, um nicht anzuecken oder gar Schlimmeres zu erleiden. Gleichzeitig jedoch sind Aussagen, die seit jeher – schon immer – als verpönt galten oder es zumindest sollten, fast schon in den Alltagsslang übergegangen. Klar sichtbare Hinweise werden als Gedanken von Spinnern abgetan. Und so dürfen verbotene Gesten fast ohne Sühne publiziert werden. Wohin das führt, wird auch in diesem Buch eindrücklich beschrieben. Eines steht fest. Heinz Liepman war sicher kein Visionär. Doch dieses, sein Buch ist stellenweise so aktuell wie nie!

 

Fünf unlösbare Rätsel der Mathematik

„Eins und Eins, das macht Zwei … denn Denken schadet der Illusion“ – Na bitte. Da haben wir’s! Der schwere Kopf, der in jungen Jahren im Matheunterricht auf die Tischplatte sank, war die logische Konsequenz (und niemals falsch!) auf das, was da im Lehrbuch oder an der Tafel stand. Mathe kann so einfach sein!

Spaß beiseite! Ja, Mathe kann einfach sein. Aber nicht immer. Will man beispielsweise einen Behälter mit einem Kubikmeter Fassungsvermögen bauen, müssen die Innenseiten jeweils einen Meter lang sein. Und bei zwei Kubikmetern? Sind die Innenseiten dann zwei Meter lang? Nö. Nur in der Kneipe beim x-ten Bierchen, wenn das Denkvermögen irgendwo zwischen Eichstrich und Pinkelpause verloren gegangen ist.

Kehr am nächsten Tag der Denkalltag wieder ein, könnte man sich diesem Problem zuwenden. Allein der Rechenweg (drei Seitenlängen Malnehmen) zeigt die Schwierigkeit auf exakt zwei Kubikmeter zu erlangen. Es bleibt immer etwas übrig. So ungefähr ein kleines bis größeres Bierchen – womit sich aber keineswegs der Kreis schließt.

Fragt man Edmund Weitz, der ist Mathematiker, wird auch er keine zufriedenstellende Antwort parat haben. Aber er weiß, dass es sich dabei um das Delische Problem handelt. Das kennt man schon seit Jahrtausenden. Trotz Taschenrechner, ultraschneller Computer und seitdem erlangtem Wissen, ist es bis heute nicht möglich die exakten Längen des Zwei-Kubikmeter-Behälters zu berechnen. Und selbst wenn, wie soll man das denn dann auch noch herstellen. Also gibt’s immer einen Zuschlag.

Mathematik heißt „Kunst des Lernens“ – so die Altgriechen, die die Mathematik nicht erfunden haben, aber ihr (sie also weiblich?!) einen Namen gegeben haben.

Mit Hingabe und sehr unterhaltsam beschreibt Edmund Weitz von fünf Problemen, die die Mathematik – nicht nur nach heutigem Wissensstand – niemals beweisbar lösen kann. Es ist die Quadratur des Kreises. Manches kann man einfach nicht lösen – viele kennen das … aber aus anderen Bereichen…

Dieses Buch ist sicher kein Buch, das man ab und zu in die Hand nimmt, ein paar Seiten liest und dann wieder beiseitelegt. Nein! Auch wenn man die Lösung kennt (dass es keine Lösung gibt), ist es doch spannend zu erfahren wie die Mathematiker seit Jahrtausenden sich daran die Zähne ausbeißen, ohne das dabei Schadenfreude aufkommt. Grenzen ausloten, und trotzdem nicht aufgeben – darin liegt der Reiz des Forschens. Und des Lesens!

Tizianas Rosen

Na das ging ja schnell: Nicht einmal vier komplette Seiten gelesen und schon ein Geständnis der Täterin. Tiziana Mara hat Ulrich Vanderhoff ermordet. Wie will man da als Autor Geld verdienen?! Stefan Györke muss nun nur noch reichlich einhundertsiebzig Seiten füllen, um aus dem „Ich war’s“ einen Krimi zu kreieren, der auch ab Seite Fünf Spannung verspricht und den Leser bis zur letzten Seite fesseln wird. Soviel sei schon mal verraten: Er schafft es! Spielerisch!

Tiziana lebt in Zürich, ihre Eltern stammen aus Sizilien. Sie kommt sich wie in einem Film vor als sie von einer renommierten Anwaltskanzlei zum Vorstellungsgespräch eingeladen wird. Alle sind freundlich zu ihr. Das Arbeitsklima schient erstklassig zu sein. Viel Arbeit, die obendrein auch noch Spaß macht – was will sie mehr. Ulrich Vanderhoff ist ihr neuer Chef. Ein Charmebolzen, eine elegante Erscheinung … und nicht abgeneigt auch außerhalb der Arbeitszeit Tiziana zu umwerben. Sie ebenfalls. Doch aus der anfänglichen Schwärmerei, der atemlosen Phase des Kennenlernens wird schnell Routine. Arbeit, Arbeit, Arbeit. Kein Lächeln mehr. Kein Schmachten. Seinerseits. Tiziana fügt sich dem Schicksal und tut, was man ihr aufträgt. Auch als sie einem anderen Partner der Kanzlei zugewiesen wird – Ulrich scheint alle Verbindungen zu ihr durchgeschnitten zu haben – ergibt sie sich ihrem Schicksal. Zudem nähert sie sich auch wieder ihren Eltern an. Der Abnabelungsprozess von Mama und Papa (und ihren Geschäften!) ist in ihren Augen abgeschlossen.

Und dann … auf einmal … Rosen vor ihrer Tür … von Ulrich … und dann … ist … Ulrich … tot! Schnell erkennt sie, was zu tun ist. Das Geständnis überzeugt die Ermittler. Zunächst. Doch nichts ist wie es scheint…

„Tizianas Rosen“ rauscht wie eine Freccia rossa durchs Hirn des Lesers. Eine Liebesgeschichte, die furios beginnt und Knall auf Fall endet. Eine nebulöse Verbindung zu Tizianas Eltern. Eine Anwaltskanzlei im noblen Zürich. Und eine Hauptakteurin, die mehr weiß und mehr kann als man an der Oberfläche sieht. Wer spielt hier eigentlich Spielchen? Der Gentleman, der einst als Schwertschlucker durch Sizilien zog? Die Eltern, die immer nur das Beste für ihre Tochter wollten? Kommissar Zufall? Dunkle Machenschaften sind der Nährboden für diesen einzigartigen Krimi, der sich gar nicht wie ein Krimi verhält.

Beatrice Webb – Aus ihren Tagebüchern

Wer sich eine Biographie zur Hand nimmt, ist meist schon ein Fan desjenigen, dessen Leben beschrieben wird. Ob man ihn dann nach der Lektüre kennt oder „nur besser kennt“, muss man für sich selbst entscheiden. Besonders, wenn das Objekt der Begierde von einem Anderen beschrieben wurde. Je länger die Lebzeit her ist, desto größer der Einfluss und damit die Sichtweise der Gegenwart. Das beginnt bei der Wortwahl, der Biograph benutzt und endet noch lange nicht bei der zigsten Sichtung der Hinterlassenschaften. Und dann ist da immer noch das Damokles-Schwert, auf dem „wem nützt es?“ oder „was ist der Zweck der Biographie“ eingraviert ist… Briefe, Tagebucheinträge sind untrügliche Zitate, Meinungen, Momentaufnahmen. Wahrscheinlich sind sie näher an der Realität als so manche Nachbetrachtung.

Beatrice Webb und ihr Mann Sidney waren zum Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts engagierte Sozialreformer, Politiker mit gewichtigen Ideen und Worten. Sie gründeten die Fabianische Gesellschaft, um weitreichende Reformen in Gang zu setzen. Heute würde man das als Thinktank bezeichnen – so viel zum Wechselspiel von Vergangenheit und Gegenwart.

Ihre Arbeit in der Fabianischen Gesellschaft – das war ihnen von Anfang an klar – benötigten sie Menschen mit Reputation, mit Ideen, mit einer weittragenden Stimme. Dazu gehörten in ihrem Fall unter anderem der Schriftsteller H.G. Wells, Upton Sinclair, ebenfalls Sozialreformer, aber auch der als Lawrence von Arabien berühmt gewordene Thomas Edward Lawrence. Und George Bernard Shaw. Wahrscheinlich würden sie heutzutage die sozialen Medien mit ihren reformerischen Ideen fluten und als Berufsbezeichnung würde so manches mal „Influencer“ unter ihrem Namen stehen.

In ihren Niederschriften lässt der spätere Nobelpreisträger und Oscargewinner (für Pygmalion und eine erste Verfilmung des Stoffes) einfach nicht los. Es ist keine süßliche Verliebtheit, die sie fesselt. Es ist der komplexe Kosmos eines findigen Autors, der mit Wortgewalt die Leser bis heute in seinen Bann ziehen kann. Doch ist auch der scheinbar widersprüchliche Charakter. Als Shaw Charlotte Frances Payne-Townshend kennenlernt, benimmt er sich zeitweise wie ein verliebter Teenager, der öfter das Herz sprechen lässt und der Vernunft – und der Etikette – eine Nase dreht. Für Beatrice Webb ein beschauliches Spektakel.

Die im Untertitel angekündigten Enthüllungen sind zeitlos. Wüsste man nicht, das Shaw bereits vor 75 Jahren gestorben ist, man würde ihn einen modernen Zeitgenossen nennen. Nur die Umrechnungen der genannten Summen erinnern einen daran, dass es sich hier um historische Persönlichkeiten handelt. Die Einträge von Beatrice Webb stecken voller Empathie und lesen sich noch heute wie spannende Artikel aus längst vergangener Zeit. Immer schüttelt man sich und kneift sich, weil die Moderne der Gegenwart scheinbar doch nicht so neuartig ist wie man sich selbst gern einredet.

Apulien

Fernab der Klischees von den typischen Rundbauten, den Trulli, dem immer warmen Badewetter und einer unüberschaubaren Anzahl von architektonischen Kostbarkeiten reist Reisebuch-Autor Andreas Haller durch einen Landstrich, der einen fast das Blinzeln vergessen lässt.

Da sind die großen Städte Bari und Lecce. Wer noch nicht dort war, bekommt schon nach wenigen Zeilen eine ziemlich exakte Vorstellung von dem, was da vor dem Auge erscheint, ist man schon bald in einer dieser Städte. Viel Hintergrundinformation für das, was im Vordergrund steht. Nicht nur in den gelben Kästen, die dem Leser Historie und Histörchen als Wegbegleiter und –bereiter dienen. Da ist für jeden was dabei. Tipps für die Unterkunft oder den schnellen und großen Hunger, Einkaufstipps – vor allem aber das komplette Programm für den Tag, um nichts zu verpassen. Jeder einzelne Abschnitt ist klar gegliedert, inkl. kleiner Hilfestellung wie sehr man dies oder das besuchen wollte.

Das Buch arbeitet sich von Norden nach Süden durch Apulien. Und dann immer im Wechsel von Küste und Hinterland. Da weiß man oft gar nicht wo man anfangen soll. Auch hier ist dieser Reiseband, immer hin schon die elfte Auflage, ein nützlicher Ratgeber. Denn wer nun wirklich gar keine Vorstellung hat, was er in Apulien besuchen möchte, liest sich einfach von Anfang bis Ende durch das Buch. Fündig wird man auf jeden Fall. Und Spannung und Vorfreude sind garantiert.

Dass am Anfang eines neuen Kapitels, das Buch ist in sechs Regionen unterteilt, schon die ersten Kurzzusammenfassungen wie kleine Appetithappen auf den hungrigen Leser warten, ist ein echter Segen. Besonders die Tipps zum Reisen vor Ort – wie gut kommt man denn nun von A nach B? etc. – sind echte Alleinstellungsmerkmale auf dem Reisebuchmarkt. Alles noch einmal kompakt zusammengefasst am Ende des Buches.

Bei all der Fülle an sorgsam beschriebenen Höhepunkten darf man nie aus den Augen lassen, dass das Buch der Wegweiser ist. Anschauen ist wichtiger, genießen ist Gesetz. Den Reiseband beiseite zu legen ist mindestens so frevelhaft wie ihn im Gepäck zu lassen. Griffbereit sollte er immer sein. Egal wie man unterwegs ist, per pedes, per Rad, mit dem Bus, dem Zug oder im Auto. Die lockere Sprache ohne dabei den Ernst des (Er-)Lebens aus dem Blick zu verlieren, passt in das Lebensgefühl an der unteren Rückseite des Stiefels. Wer A sagt, muss auch pulien sagen. Wer A sagt, muss auch ndreas Haller vertrauen. Er reiste 2024 mehrmals nach Apulien, um der Neuauflage das Neueste hinzuzufügen, Bewährtes zu aktualisieren und neue Wege zu beschreiten. Vor allem Pedalisten werden hier auf ihre Kosten kommen. Elf Wanderungen runden den Reiseband ab. Allesamt für jedermann zu bewältigen. GPS-Koordinaten im Buch sind mehr als nur bloße Festhaltepunkte zum Entlanghangeln. Und für Puristen gibt’s wie immer die faltbare Karte zum Herausnehmen und im Buch zahlreiche Karten und Pläne. Wer nun immer noch nicht weiß, was er in Apulien machen soll … dem ist … nein … der liest das Buch einfach noch mal.. Die Erkenntnis kommt garantiert!

Endure

Ausdauersportler erzeugen beim Publikum und bei Mitstreitern eine besondere Aufmerksamkeit. Wer es auf sich nimmt und beispielsweise beim Ironman-Triathlon auf Hawaii die Übertragung anschaut, versetzt sich unweigerlich in eine demütige Haltung. Wie kann man nur? Acht Stunden unter mehr als Volllast den eigenen Körper schinden. Der Glückshormonausstoß muss gigantisch sein – sofern man noch in der Lage ist genau das wahrzunehmen. So wie Jonathan Brownlee 2016. Anderthalb Kilometer ist er geschwommen, vierzig Kilometer auf dem Rad gerast. Und Neunkommasechs Kilometer gelaufen wie der Wind. Nur noch vierhundert Meter bis zum Ziel. Dann ist die WM-Serie für diese Saison beendet. Ganz frisch sieht er nicht mehr aus. Wie ein Betrunkener Panda tapst er dem Ziel entgegen. Als Erster, das ganze Feld hetzt ihn. Doch es reicht nicht! Alistair, sein Bruder, im Blute wie im Geiste, stützt ihn, muss ihn stützen. Zusammen erreichen sie das Ziel, als Zweite und Dritte. Hätte er es besser machen können? „Idiot“, wird er – im Spaß?! – beschimpft, vom eigenen Bruder.

Autor und Ausdauersportler Alex Hutchinson ist die Situation auch sicher bekannt. Schon Jahre zuvor hat er in einer Studie von Michael Joyner gelesen, wo die Grenzen des Machbaren liegen. Dieser prognostizierte eine Marathonbestzeit von knapp einhundertachtzehn Minuten. Zeiten von 130 Minuten galten damals als galaktisch, wenn auch machbar. Heute ist man drauf und dran an der Zwei-Stunden-Marke, einhundertzwanzig Minuten, zu kratzen. Geknackt hat man sie noch nicht – zumindest nicht in einem regulären, anerkannten Marathonlauf. Alles hängt davon ab, wie viel Sauerstoff man aufnehmen und verarbeiten kann, und vor allem an der Schmerzgrenze. Wissenschaftlich klingt das natürlich alles viel reiner, aber auch unverständlich.

„Endure“ heißt durchhalten, „Halte durch!“. Der deutsche Titel würde nicht mal dazu taugen auf schlapprigen sweat pants (wie „keep strong“ – sieht man nur allzu oft … und man muss automatisch lächeln) aufgedruckt zu werden. Endure – halte durch, nur noch ein bisschen. Das ist Kopfsache. Jeder kann für sich selbst ausloten, wo die Grenze des Machbaren liegt. Dabei gibt es gute und weniger gute Tage. An einem richtig guten Tag, kommt man vielleicht auch dem Geheimnis der Sauerstoff-Aufnahmemöglichkeiten auf die Spur. Dazu muss man aber schon ein ausgebuffter Profi sein.

Bei der Lektüre dieser Durchhalte-Fibel erstaunt es den Leser – und an manchen Stellen auch den Autor – wozu der Mensch in der Lage ist. Nun kann man nicht alle Ratschläge, aller Erkenntnisse im privaten oder beruflichen Leben zu hundert Prozent umsetzen. Nicht jeder kann immer und überall an die Grenzen gehen – Kaffeetassen-Weiheit: „Nur ein mittelmäßiger Mensch ist stets in Hochform“ – doch oft reicht es aus davon zu lesen, dass der nächste bisher unmöglich erscheinende Schritt doch umsetzbar ist.

Wenn zum Ende des alten Jahres, zu Beginn des neuen Jahres wieder einmal alle freudig trunken umherschwafeln, was sie im neuen Jahr anders machen wollen, ist das für die meisten Leser dieses Buches sicher schon der zweite Schritt in Richtung Wunscherfüllung. Denn der Wille zur Veränderung ist mit der Lektüre der erste Schritt. Auch eine lange Reise  beginnt mit einem ersten Schritt. Das steht nicht auf Kaffeebechern, sondern ist eine alte asiatische Weisheit. In diesem Sinne: Endure!

Briefe aus der Asche

Im Januar 2025 jährt sich zum sechzigsten Mal die Befreiung der Gefangenen im Konzentrationslager Auschwitz. Wieder werden Politiker der unmenschlichen Bedingungen und Schandtaten gedenken und große Worte finden. Bis heute ist das ehemalige deutsche Lager auf heutigem polnischem Boden ein zahlreich besuchter Ort, der das Gedenken in Ehren hält. Ein Wissenschaftlerteam ist immer noch damit beschäftigt die Abläufe dar- und Exponate im gerechten Licht auszustellen. Ein Ort, an dem man innehält – ganz automatisch.

Pavel Polian ist Historiker, Geograph und Philologe. Er hat die Grausamkeiten dank der Gnade der späteren Geburt nicht miterleben müssen. Er forscht seit Jahrzehnten zu den Gräueltaten, die hier passierten. So erfuhr er auch von heimlichen Mitschriften der Sonderkommandos in Auschwitz. In diesen Sonderkommandos wurden Gefangene, meist Juden, dazu gezwungen beispielsweise die Asche der Verbrannten zu beseitigen, Leichen auf Karren in die Gruben zu bringen. Sie hatten Sondervergünstigungen. Was es ihnen auch ermöglichte Skizzen zu zeichnen, teils sogar Fotos zu machen, vor allem aber Aufzeichnungen vorzunehmen. Diese Schriften aus der Asche versteckten sie. Erst Jahre, manchmal Jahrzehnte später wurden sie entdeckt, in Laboren untersucht, entziffert und entschlüsselt. Einige Namen der fast zweitausend Zwangsarbeiter in den Sonderkommandos sind bekannt. Erstmals sind in einem Band die Erkenntnisse der Forschungen und die fast kompletten Abschriften zusammengefasst.

Der erste Teil des Bandes ist der wissenschaftliche Teil. Statistiken, Einordnungen der Strukturen sowie die menschenverachtende Sprache werden hier anschaulich dargestellt. So sehr, dass es einen immer wieder verwundert, dass es immer noch Leugner gibt, und willfährige Helfer immer noch deren krude Theorien als Wahrheit annehmen. Und noch widerwärtiger sind die Günstlinge, die aus dieser Verblendung Kapital schlagen wollen – meist sogar im wörtlichen Sinne.

Für den zweiten Teil braucht man starke Nerven. Denn die Niederschriften von Salmen Gradowski, Lejb Langfuß, Salmen Lewenthal, Herman Strasfogel, Marcel Nadjari und Abraham Levite sind der Horror in Buchstaben. Führt man sich allein schon vor Augen wie diese Sonderkommandos zusammengestellt worden, dreht sich einem der Magen um. Sie alle wussten, was in den Gaskammern passiert. Landsleute, Freunde, Fremde, Familienangehörige wurden durch Vergasung ums Leben gebracht. Ihre Schreie stecken noch heute in den Wänden. Und dann soll man dort wider für Ordnung sorgen, damit der Menschenmord weitergeht? Keine Chance für Verweigerung! Und dann diese Chroniken. Teils sachlich, teils emotional, immer jedoch wahrhafte Zeugnisse.

„Briefe aus der Asche“ ist ein Mahnmal. Mehr muss man nicht dazu sagen. Man muss es lesen. Das verstehen kommt von ganz allein.

Stadtluft Dresden, Nr.9

Mit Statistiken ist das so eine Sache. Alles in Zahlen zu (ver-)packen ist ein brauchbares Tool, um sich in Szene zu setzen und der Allgemeinheit etwas an die Hand zu geben. Im Jahr von Wahlen ein lieb gewonnenes Ritual. Doch so richtig nahrhaft sind die wenigsten Statistiken, wenn es bei den bloßen Zahlen und Ziffern bleibt.

In Dresden werden neun der größeren Kulturinstitutionen von Frauen geleitet. Da wird also das letzte I nicht groß geschrieben, sondern gehört zur genauen Definition der Berufsbezeichnung dazu. Ja, und was macht man nun mit dieser Zahl Neun? Man stellt die Eine oder Andere dieser neun „innen“ vor. So wie die Künstlerin Stephanie Lüning. Schaumschlägerin im besten Sinne des Wortes. Weltweit sorgen ihre Objekte – luftig-leichte Schaumskulpturen – für Aufsehen. Nora Schmid verantwortet seit einiger Zeit die Semper-Oper im Herzen der Stadt. Eine Rückkehrerin, die im Interview mit dem Kulturjournalisten Andreas Berger eine selten erlebte Offenheit an den Tag legt. Bedeutend ernster wird es im Gespräch mit Julia Schellong, die die erste Traumaambulanz Seelische Gesundheit“ in Dresden eröffnete. Drei ganz unterschiedliche Persönlichkeiten, und dabei hat man noch nicht einmal ein Viertel des aktuellen Bookzins „Stadtluft“ erlesen.

Nur einmal im Jahr – da sind sie wieder, die unumgänglichen Zahlen – erscheint das wohl dickste Magazin im gigantischen Buchformat, deswegen Bookzin. Ein guter Brauch zur Weihnachtszeit sich mit der Stadt vertraut zu machen. Und das in jeder Hinsicht. Man muss sich trauen ein dickes Magazin wie dieses in die Hand zu nehmen. Und dann taucht man ein in eine Stadt, die im Jahr 2024 mit vielen Nachrichten zu kämpfen hatte. Allen voran die unzähligen Berichte über den tragischen Einsturz der Carolabrücke und der damit einhergehenden Diskussion über den Zustand deutscher Brücken, deutscher Ingenieurskunst und deutscher Bürokratie inkl. der klammen Kassen. Dresden wurde zum Synonym für das Versagen beim Thema Brückenzustand.

Den Machern gelingt es Jahr um Jahr eine Lektüre dem Leser an die Hand zu geben, die das Offensichtliche als Grund nimmt unter die Oberfläche zu schauen und in den Tiefen der Stadt echte Geschichten zu finden, die es eben nun mal nur hier gibt. Da kann es schon mal passieren, dass die Zeit still steht. Zum Beispiel, wenn Gerd Püschel sich im Residenzschloss Gedanken zur Zeit macht. Sie rennt, muss genutzt werden, und manchmal erscheint sie im Gewand der Vergangenheit. An dieser Stelle muss der Vorteil eines solchen Bookzins einmal in den Vordergrund gehoben werden. Die Artikel sind keine gehetzten Texte, die nach Zeilenzahl eingeordnet werden. Es scheint als ob jedem Autor so viel Platz gegeben wird wie er möchte. Viel Platz (viele Zeilen, um zu den Zahlen – wenn auch nur ungenau – Platz (!) einzuräumen), um sich dem Objekt der Begierde zu nähern. Einleitungen, die man nur noch selten findet, Themenaufbau, Zuspitzen der Geschichte etc. So flaniert Gerd Püschel anfangs durch die philosophischen Abhandlungen des Augustinus von Hippo, der die Zeit in seinen „Confessiones“ in drei Zeiten einteilt: Gegenwart von Vergangenem, von Gegenwärtigem und von Zukünftigem. Alsbald erspäht der Autor chinesische Touristen, die sich in der Kulisse der Ausstellungsräume als stelenhafte Social-Media-Artefakte in Szene setzen. Und wie kommt man da nun auf die Verbindung Dresden-Zeit-Europa? Das ist die große Kunst, die man nur in einem derartigen Bookzin ausleben kann. So viel sei an dieser Stelle verraten, mehr aber auch nicht.

Noch einmal zurück zu den Frauen und Dresden. Julija Nawalnaja muss im Mai 2024 den Friedenspreis entgegennehmen. Ja, sie muss. Denn der eigentliche Preisträger, ihr Mann Alexej Nawalny ist da seit knapp einem Vierteljahr tot. Unter unerklärlichen Umständen im Gulag ums Leben gekommen. Ihr Tag, ihre Geschichte, ihre Emotionen beschließen die neunte Ausgabe der Stadtluft Dresden. Bis zu diesem Punkt hat man die Antwort auf die Frage wie wild der Wilde Mann ist von einer Frau beantwortet bekommen. Es wird die weibliche Seite der Stadt mit all ihren bunten, queeren, nachdenklichen, fröhlichen Seiten gezeigt – von wem? Einer Frau natürlich. Und wie es im Leben nun mal so ist: Auf Frauen zu warten lohnt sich. Die nächste Stadtluft Dresden kommt in einem Jahr…

Hüte Dich vor der Frau

Jacy und Jed – so typisch amerikanisch wie Kaugummi und Cola. Ihr Trip zu Jeds Vater nach Michigan lässt ihn nachdenklich werden, sie, Jacy, ist voller Vorfreude. Endlich lernt sie Doktor Ash kennen. Sie will es so, er will es so. Noch bevor das Baby da ist. Jed legt seine Hand auf ihren Bauch. Jacy weiß, dass alles richtig ist, wie es ist. Doch dann – am Ende eines jeden Kapitels, manchmal auch mittendrin – dieser leise Zweifel, nur wenige Worte. Ah, es ist zum Haareraufen! Megan Abbott spielt mit dem Leser wie ein Kleinkind mit Murmeln. Diese kleinen Nadelstiche, die Frauen setzen, um …

Doktor Ash ist eine Offenbarung, findet Jacy. Freundlich, ruhig, besonnen, ein wenig unbeholfen in romantischen Dingen. Doch Jed ist ganz gut geraten – darin sind sich der Doc und Jacy einig. Der Ausflug hat sich gelohnt. Alles wird gut. In Eden gibt es kein Wider. So vergehen die Tage und die Nächte. Jeds Zärtlichkeiten, die Ruhe, die von Doktor Ash ausgeht – alles perfekt. Mars. Brandt die Haushälterin – ja, die kann Jacy nicht einschätzen. Die ist da, wenn sie d sein muss. Und weg, wenn sie man in Ruhe gelassen werden soll.

Den Familiengeschichten lauscht Jacy so konzentriert wie ein kleines Kind, das vor dem Weihnachtsbaum sitzt. Jeds Mom starb bei seiner Geburt. Was den Doc den Job an den Nagel hängen ließ. Umso herzlicher ist die Stimmung nun, wenn alle zusammen sind. Tags und bei Nacht.

Als plötzliche Blutungen bei Jacy einsetzen, ist es vorbei mit der Idylle. Die Luft schmeckt anders. Der See liegt nicht mehr so ruhig. Irgendwie ist die Stimmung gekippt. Mrs. Brandts unaufdringliche Art weicht einer mystischen, angsterfüllten Stimmung. Jacy fühlt sich mit einem Mal überhaupt nicht mehr geborgen. Die Holzhütte, die Doktor Ash so liebevoll, so geschmackvoll eingerichtet hat, erdrückt Jacy von Stunden zu Stunde mehr. Sind es anfangs nur kleine Wortfetzen, die Jacy aufhorchen lassen, sind es bald schon ganze Sätze, die Jacy an allem zweifeln lassen, was bisher als normal erschien. Die Warnungen der Mutter, Weisheiten aus dem Abfalleimer einer Enttäuschten, leuchten wie grelle Warnschilder am Highway des Lebens.

Megan Abbott lässt es einmal mehr krachen. Wie eine zärtliche Mutter nimmt sie den Leser an die Hand, um ihn dann mit teuflischer Vehemenz in den Abgrund zu stoßen. Bauchkribbeln wie in der Achterbahn ist da noch das angenehmste Gefühl. Die Palette an Abgründe ist schier unendlich beladen. Und immer fällt ein Stück herunter, mitten in den Schoß der ungläubigen Jacy. Wer ist hier noch frei von Lug und Trug? Wem kann man hier überhaupt noch trauen?

Musik in Wien

Wien, Neustiftgasse Ecke Kellermanngasse. Ein Hauch von Melodik macht sich breit. Die Ersten zögern, bleiben stehen. Dann bricht es aus ihnen heraus: „Oh Du lieber Augustin, Augustin…“. Was ist geschehen? Sie haben das Denkmal vom lieben Augustin entdeckt. Er hat die Nacht in einer Pestgrube überlebt. Schlawiner oder Glückspilz? Das Lied ist bekannt, auch über die Stadt- und Landesgrenzen hinaus. Den Grundstein für die Allianz von Musik und Wien hat es bestimmt nicht gelegt, ist aber mindestens genauso eng damit verbunden wie Hietzings bekannteste Mieter: Liszt, Strauss, Beethoven. Apropos Beethoven. Will man Wien zu Fuß auf seinen Stationen folgen, muss man sich gut rüsten. Der gute Mann ist andauernd umgezogen. Mal „nur schräg gegenüber“, mal „gleich ans andere Ende der Stadt“. Ein echter Marathon, der wie so viele Stadtrundgänge auf den Spuren großer Namen (meistens sind es dann doch Musiker, zumindest Künstler) auf dem Zentralen enden.

Peter Rupperts „Musik in Wien“ ist der ultimative Reiseband für alle Musikfreunde, die in Wien schon so manche Ecke erkundet haben und die man nur schwer noch beeindrucken kann. Das geballte Musikwissen der Stadt in einem Buch – Freud und Leid, Hoffnung und Verzweiflung, triumphale Erfolge und nicht minder bittere Niederlagen und Tumulte. Es sind die kleinen Anekdoten, die dieses Buch so besonders machen.

Und wer weiß schon, dass auch Alma Mahler-Werfel selbst komponierte? Ihre Werke sind leider größtenteils verschollen. Dachbodenfunde zu bestimmten Jubiläen sind also nicht ausgeschlossen.

Auch begnügt sich Peter Ruppert nicht damit nur all die großen Namen aufzuzählen und ihnen auf der Spur zu bleiben. Sie alle hatten Schüler und Verehrer, die ihnen nachreisten oder schon da waren. Haydn lehrte Beethoven. Es passt nicht, geht sich nicht aus. Beethoven grübelt, wettert gegen den Alten. Sucht Rat bei Johann Georg Albrechtsberger. Doch auch der ist mit dem ungestümen Rheinländer überfordert. Später wird Albrechtsberger auf Anraten von Mozart Domkapellmeister zu St. Stephan. Im Wiener Stadtteil Meidling, im Zwölften, ist eine Gasse nach ihm benannt.

Augen auf beim Wienbummel. Immer wieder, fast schon an jeder Ecke, trifft man auf Namen, die der Stadt ein gewisses Flair gaben. Doch das hörte nicht einfach mit dem Ende des Walzerzeitalters oder des Kaiserreiches oder gar mit dem Ende der klassischen Musik auf. Moderne Komponisten wie Arnold Schönberg oder Alban Berg übernahmen den Ruhm ihrer Vorgänger nahtlos. Der Zeitungsausschnitt im Buchklappentext über ein Konzert mit moderner Musik lässt die „ausgelöste Stimmung“ bis heute erahnen – das als Watschenkonzert in die Geschichte eingegangene Ereignis gehört zu Wien wie Falcos „Vienna Calling“ oder Wolfgang Ambros’  „Es lebe der Zentralfriedhof“. Ihnen allen widmet sich dieses Buch und wird für jeden, der mit einem Liedchen auf den Lippen, mit der unstillbaren Neugier eines Wientouristen, ohne Bedenken sich der Stadt hingeben will, zu einem dienlichen Begleiter.