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Leben verboten!

Manchmal weiß man schon vorher, dass der Tag nicht so verlaufen wird wie es sein sollte. Die Zeichen sollte man nicht ignorieren. Ernst von Ufermann muss nach Frankfurt fliegen, um mit den erhofften Krediten die Firma zu retten. Ihm geht’s soweit gut. Haus, Frau, Kind, Hausmädchen, Chauffeur – für das Jahr 1931 ein angesehener Mann. Doch die Aufregung vor dem Flug lässt ihn des Nachts nicht zur Ruhe kommen. Anzeichen Eins. In Windeseile lässt er sich zum Flugplatz Tempelhof chauffieren, gibt seinem Chauffeur noch ein paar Anweisungen mit auf den Weg. Und stürzt sich ins Getümmel am Flughafen. Er wird angerempelt. Ist ja normal, bei so vielen Menschen. Und plötzlich bemerkt er, dass Geld, Papiere, Ticket verschwunden sind. Das war kein Zufall, dass Ernst von Ufermann angerempelt wurde. Anzeichen Zwei. Was soll er nun machen? Frühstück, Zeitung lesen. Auf Anzeichen Drei warten? Und da ist es schon. Das Flugzeug, in dem er sitzen sollte, stürzt ab. Alle Passagiere kommen ums Leben. Auch er, der vermeintlich prominente Fluggast. Anzeichen Drei entpuppt sich plötzlich als einzigartige Chance. Was, wenn er weiterhin für tot geglaubt werden würde? Seine Frau bekommt die Lebensversicherung ausgezahlt, eine enorme Summe. Die Firma ist gerettet. Das Leben der Familie gesichert. Doch was ist mit ihm, Ernst von Ufermann.

Wien ist sein erster Anlaufpunkt. Hier wird er zu Edwin von Schmitz, das „von“ muss bleiben… Eine Prostituierte hat ihm die Flucht bzw. den Fluchtpunkt ermöglicht. Für einen Gefallen, den er ihr und ihren Kumpanen tun soll. In Wien ist alles anders. Die Tochter der Familie, bei der er unterkommt, verliebt sich in ihn, nachdem sie ihn lange misstrauisch beäugt. Er vertraut ihr und gibt sich als Ernst von Ufermann zu erkennen.

Es wird Zeit zurückzukehren, nach Berlin. Doch die Zeiten haben sich geändert. Niemand erkennt ihn, will ihn wieder erkennen. Und plötzlich tritt auch die Polizei in Erscheinung. Dann kommt, nach langer Zeit, Anzeichen Nummer Vier. Nach langer Zeit der Ruhe, einem neuen Leben, der Sehnsucht nach dem alten Leben, wird es rasant im Leben von Ufermann/Schmitz. Das letzte Anzeichen bewahrheitet sich vollends. Dieser Tag wird nicht so verlaufen wie er sollte…

Maria Lazar verließ ihr Wien rechtzeitig vor dem Terror des braunen Mobs. Ihre Romane wurden viel gelesen, meist waren sie unter Pseudonymen veröffentlicht. Sie floh nach Dänemark, wo sie auch Bertolt Brecht und seien Frau Helene Weigel einen Unterschlupf organisieren konnte. Doch nach dem krieg war sie vollends in Vergessenheit geraten. Eine langwierige Krankheit die schwindende Aussicht auf Heilung ließen sie ihrem Leben selbst ein Ende setzen. Es dauerte mehrere Jahrzehnte bis ihre Romane wiederentdeckt wurden. Sie sind immer noch frische, vor Spannung platzende Zeugnisse einer Zeit, die die Autorin zerfleischte, ihre Leserschaft aber bis heute fasziniert.

Gespensterfische

Es gibt Bücher, die ziehen einen in ihren Bann und man weiß gar nicht warum das so ist. Ein Krimi spielt an einem Ort, den man kennt und die Geschichte ist so tiefgründig, dass man sich ihr nicht entziehen kann. Oder man hat eine persönliche Beziehung zu dem Thema, das das Buch behandelt. Oftmals ist es aber die Sprache, die in ihrer Klarheit, Reinheit und Bestimmtheit einen fesselt.

Egal, ob man nun selbst Erfahrungen mit Psychiatrie hat, tiefgründig und reine Sprache sind die Grundfeste der „Gespensterfische“. Über einen Zeitraum von einhundert Jahren entwickelt Svealena Kutschke einen Spannungsbogen, der den Beteiligten im Roman allerlei Anspannung verleiht und ihnen keine andere Wahl lässt als sich mit sich auseinanderzusetzen. Und genau da liegt die Krux! Sie setzen sich bereits mit sich auseinander. Manche sind wegen dieser Obsession genau hier gelandet. Andere – und deren Schicksal liegt in der Vergangenheit – sind hier und werden gedemütigt, erniedrigt, „geheilt“ – alle im Namen der Wissenschaft und unter dem Dach des hippokratischen Eides.

Die relativ kurzen Kapitel sind zeitlich nicht exakt einzuordnen. 80er, 90, 30er Jahre. Und die Gegenwart. In der ist beispielsweise Laura zu Hause. Sie „bewohnt“ ihre vier Wände mit Noll. „Die Wirklichkeit ist nur eine Vereinbarung“ – was ein Satz! Der beschäftigt Laura tagein, tagaus. Jedes Wort, das sie sagt nimmt sie auf. Echte Kommunikation ist ihr kaum möglich. Ihre Leidensgenossin ist das genaue Gegenteil von ihr. Sie verschließt sich komplett ihrer Außenwelt, trägt Ohrstöpsel.

Ein wenig weiter zurück – 30er Jahre – sieht die Welt der Anstalt ganz anders aus. Pfleger und Ärzte sind mindestens Dreiviertelgötter in Uniform. Ihre Patienten sind unwillens oder unfähig sich ihren Problemen zu stellen. Martialische Therapien, die Erfolg versprechen, treiben alle nur weiter in den Abgrund.

Davon erzählt Svealena Kutschke. So ernst und dabei an einigen Stellen auch tiefgründig humorvoll schließt sie den Leser in ihre Arme. Darin fühlt man sich sicher und ist froh, dass die Schicksale der Protagonisten ganz weit weg, in der Phantasie, sind. Doch sind sie es wirklich? Wie weit darf man sich in den geschlossenen Kosmos der Psychiatrie wagen? Sehr weit. Denn die Rettung naht in Gestalt der letzten Seite. Puh, ein intensiver Ausritt in die Tiefen der menschlichen Unmöglichkeiten und möglicher Unmenschlichkeit.

Maikan

Einskommaneunmilliarden. So in einem Wort geschrieben ist es schon beeindruckend. 1 900 000 000 Kanadische Doller. So viel hat die Regierung des zweitgrößten Landes Autochthonen zugesprochen, die in der Vergangenheit in Internaten untergebracht wurden, wo ihnen ihr indigener Lebensstil vor allem wortwörtlich aus dem Leib geprügelt wurde. Völkermord nennt man das klangvoll und markant. Eine Entschuldigung (zusammen mit der Zusage auf Entschädigung) gab es erst vor ein paar Jahrzehnten. So weit so gut. Doch wie kommen die Berechtigten an ihr – nein, nicht an Gerechtigkeit! – zustehendes Recht? Oft sind ihre Namen aus den Archiven getilgt. Sie wissen nichts von Entschädigung, leben am Ende der Gesellschaft.

Die Anwältin Audrey Duval versucht die Maikan, die Wölfe, wie sie diskreditierend von Nonnen und Mönchen, die den Internaten vorstanden und ihrer Willkür freien Lauf ließen, genannt wurden, aufzuspüren.

Sie findet unter anderem Marie. Sie war eine von mehr als einhundertfünfzigtausend Kindern, die ihren Eltern, ihrer Heimat, ihrer Art zu leben entrissen wurden und in einem der weit über hundert Internate verschwanden. Ihre Sprachen duften sie nicht mehr sprechen. Bei Zuwiderhandlungen drohten Strafen, die nicht nur an Folter erinnern. Es war Folter! Marie ist Alkoholikerin. Das Leben hat sie ausgespuckt auf die Straßen der Provinz Quebec. Hier wird sie auch angespuckt. Der Teufel hat sich ihre Seele schon gesichert. Hoffnung fällt ihr nicht im Leben ein zu buchstabieren.

Michel Jeans Romane erzählen auf eindrucksvolle Art und Weise vom menschenverachtenden Umgang mit Autochtonen, von ihrer Kultur und ihrem harten Kampf ums Überleben. Wenn die Kultur verschwindet, verschwindet der Mensch. Wölfe können beißen. Doch die Maikans haben ihren Biss verloren. Alle Reißzähne wurden ihnen herausgerissen. Nur Audrey Duval kann ihnen teilweise einen Teil ihrer Würde, zumindest aber einen gehörigen teil ihres ihnen zustehenden rechts zurückgeben.

Immer wieder liest und hört man von Völkermord. Ein Wort, das schon so oft verwendet wird, dass man es kaum noch wahrnimmt. Egal, ob in aktuellen Kriegen oder in Reportagen über die Geschichte Europas, Asiens, Afrikas und Amerikas. Dass auch Kanada zu den Übeltätern gehört ist weitgehend unbekannt. Michel Jean ist in seinem Land ein Star. Auch und gerade wegen der Themen, die er in seinen Romanen anspricht. „Maikan“ gehört zu den wichtigsten Büchern, die man lesen muss, um menschliche Abgründe zu erkennen.

Die Nixen von Estland

Ja, es gibt sie. In allen Erscheinungsformen. Sie haben unterschiedliche Fähigkeiten. Nixen. Besonders in Estland. Es muss sie einfach geben. Denn sonst wäre dieses außergewöhnliche Buch in dieser faszinierenden Aufmachung einfach nur ein Witz. Enn Vetemaa hat das erste Bestimmungsbuch für Nixen in Estland geschrieben. Und es wird auch das letzte Buch zu diesem Thema sein. Mehr geht nicht!

Die Najadologie ist ein eigenständiges Wissenschaftsfeld. Nixen gibt es wirklich. Selbst in Kanistern haben sie es sich gemütlich gemacht. In Sträuchern leben sie oft unerkannt. Frühsommer ist eine der Jahreszeiten, in denen man sie am häufigsten erspähen kann. Dafür braucht man nicht einmal eine spezielle – oder gar außergewöhnliche – Ausrüstung.

Und es gibt so wundervoll poetische Unterteilungen. Es gibt Schönhaarige, Waschversessene, Nackttitten (zweimal Doppel-T – wenn das nichts ist?!), Kopfkratzerinnen und Lauthalsige. Wer nun meint, dass er es hier mit einem durchaus fragwürdigen, eventuell frauenfeindlichen Buch zu tun hat, wird ob des wissenschaftlichen Duktus und der überaus expliziten und umfassenden Darstellungen der Objekte eines Besseren belehrt. Nudimamillaris gigantea klingt auf den ersten Blick nicht sonderlich anmutend. Wer hingegen von Nackttittigen Wuchtbrummen liest, kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass in jeder Phantasie ein Fünkchen Wahrheit steckt. Stecken muss.

Es ist so: Ein bisschen Glaube schadet nicht. So wie bei schwarzen Katzen die den Weg kreuzen. Laufen sie nach links, ist alles in Ordnung. In der Gegenrichtung wird man schon gern einmal dazu verleitet am Abend den Tag Revue passieren zu lassen und zu überprüfen, ob selbiger wirklich gut verlaufen ist seitdem die Mieze von Links nach Rechts gelaufen ist. „Die Nixen von Estland“ als pure Folklore ohne echten Anspruch auf Richtigkeit abzutun, wäre fatal. Denn wer weiß, taucht beim nächsten Strandspaziergang eine Nixe auf. Und dann? Darf man das Wort Nixe benutzen? Oder verschwindet sie dann gleich wieder in den Fluten? Sind sie hilfereiche Begleiterinnen in schwierigen Lebenslagen? Muss man Argwohn hegen? Wie erkennt man sie? Dringt man unaufgefordert in ihren Lebensraum ein – was passiert?

Die Gestaltung dieser Ausgabe durch Kat Menschik wischt jeden noch so schwachen Zweifel von der Existenz der Nixen mit zielgerichteten Strichen vom Tisch! Mit mehr als einem Augenzwinkern gestaltet sie Räume ohne Wände. Dem Leser sind Text und Bild Wegweiser in eine faszinierende Welt voller Mythen, Hingabe und Frieden. Anders als so mancher Wühltischautor sich aus einem Mix aus Stammtischweisheiten und Vorabendserien seine eigenen Phantasien bierseelig zusammenreimt, ist „Die Nixen von Estland“ ein ernstzunehmendes, vor allem aber sinnlich anregendes Buch, das die Schönheit der Welt in den Vordergrund stellt. Eine Garantie Nixen auch wirklich zu treffen, kann auch dieses Buch nicht geben.

Mythen der Geografie

Grenzen verschieben – das klingt immer nach Aufbruch, nach Umbruch, nach Veränderung, meist zum Guten. Doch in der Regel sind es Plattitüden, die einen Schleier über die eigentlichen Ziele legen (sollen).

Paul Richardson hinterfragt geographische Linien und setzt neue Grenzpfähle ohne dabei geltendes Recht mit den Anspruch auf Veränderung in Frage zu stellen. Er wirft Fragen auf, bezieht Stellung zum status quo, rebelliert, wo es angebracht ist. In einer zeit, in der wild gewordene Wirrköpfe alles in Frage stellen, das bisher unantastbar war und Forderungen stellen, die so reaktionär wie menschenfeindlich sind, kommt dieses Buch mit all seinen Argumenten genau zu richtigen Zeit. Die im Untertitel genannten Irrtümer mögen sich als solche erweisen. Doch soll man deswegen sofort Anstand, Rechtmäßigkeit und Gewohnheit in Frage stellen?

Um es von vornherein klarzustellen: Es geht hier nicht um Schlagbäume und Grenzzäune, die die Sicht nach Drüben verstellen. Grenzen sind nicht immer klar gezogene Linien. Wer heutzutage einkaufen geht, kauft international. Kaum ein Produkt, das nur aus einem Land kommt. Zig Zutaten reisen rund um den Globus, um an einem Ort Hochzeit zu feiern. Und wie will man Tieren klarmachen, dass das Grün auf der anderen Seite nur mit Visum noch grüner und saftiger ist?! Von Menschenhand verursachte Begrenzungen haben immer Folgen. Durch Stausseen gelangen manche Fischarten nicht mehr zu ihren Laichplätzen, die sie Millionen Jahren aufsuchten. Das Ergebnis: Sie sterben aus.

Abgrenzung als Allheilmittel ist das Gebot der Stunde. In den Augen vieler, die die Fäden in der Hand halten. Vor nicht allzu langer Zeit, konnten Grenzen nicht schnell genug fallen. Zwischen zwei Kontinenten tauchen (auch wenn’s bitterkalt ist), die Füße fest auf dem Boden zweier Kontinente halten – das sind Touristengeschichten, die schöne Bilder ergeben und zu Geschichten anregen.

Doch Geographie ist mehr als bunte Farbkleckse auf Landkarten. Monster zierten sie einstmals – also, die Landkarten – heute taugen die Monster allenfalls als Karikaturen, um Gebietsansprüche ins Lächerliche zu ziehen und um Hintergründe darzustellen. Die Welt ist in ständiger Veränderung. Bewegung tut gut, schon immer. Aber die Richtung muss stimmen.

Paul Richardson reist mit dem Leser durch und um die Welt, die danach nicht mehr dieselbe sein wird, sein kann. Und wer das nächste Mal an einer Grenze steht – wie auch immer die aussehen mag – wird sich mit Begeisterung an die Lektüre dieses Buches erinnern.

Schlaftrunken

Die Konventionen ablegen, mehr als ein bisschen Auflehnung, sich was Eigenes aufbauen – mit Ende zwanzig sollte man sich selber ein Leben aufbauen können.

Und so tut es auch der Autor, von dem in „Schlaftrunken“ die Rede ist. Er könnte auch in Düsseldorf in Familienunternehmen Karriere machen. Doch Istanbul ist verlockender. Mehr Heimat als die heimische Rheinmetropole. Hier vibriert alles. Hier tobt das Leben. Hier bebt die Erde, im positiven Sinne. Und hier lockt der Erfolg. Ein Verlag hat sich die Dienste gesichert. Ein Reiseband – so wie er es immer wollte – wird bald schon mit seinem Namen geschmückt die Auslagen zieren. Das Buch muss nur noch geschrieben werden.

Hakan Bıçakcı lässt den Autor durch die Straßen und Gassen, über Plätze irren und … sich immer wieder verlaufen. Wo gestern noch eine Café war, dröhnen heute die Motoren der Baumaschinen. Wo gestern noch die Alten sich unterhielten, stehen Bauzäune mit scharfkantiger Werbung. Wo gestern noch die Katzen streunten, legt sich Betonstaub auf die Linsen der Smartphones.

Der stete Wandel, der in einem unvorstellbaren Tempo voranschreitet, scheint das Buchprojekt in weite Ferne stürzen zu lassen. Es ist zum Haareraufen, es ist nicht leicht die Nerven zu bewahren. Halt gibt da nur Berna, die Katze. Ein echter Herumtreiber, der gern mal was nicht nur vor die Tür legt, sondern gleich mit rein in die Wohnung schleppt. Katzen. Man kann nicht mit ihnen und schon gar nicht ohne sie. Doch all das verhindert nicht den allmählichen Abstieg des Autors in eine Parallelwelt.

„Schlaftrunken“ taumelt man durch die Stadt am Bosporus, die noch weniger schläft als New York. Gerüche kommen und gehen, genauso wie Straßen, Gassen, Plätze, Geschäfte und Menschen. Der geschäftliche Erfolg rückt immer mehr in den Hintergrund. Es ist ein Alptraum, die Stadt ist ein Alptraum. Wie soll er, wie kann er … hier leben, schreiben, überleben?!

Istanbul verändert sich schneller als die meisten Städte auf der Welt. Stadtpläne sind schon beim Druck nicht mehr aktuell. Gigantische Kräne durch die Stadt wie irrlichternde Kolosse. Hier hinein schupst Hakan Bıçakcı sein alter ego. Nichts ist mehr wie es war als es so richtig losgehen soll. Wer Istanbul besucht ist „Schlaftrunken“ die einzige Konstante in einer sich ruhelos verändernden Stadt. Und so sollte man dieses Buch auch annehmen. Rastlos blättert man sich durch die verworrenen Gedankenspiele des Helden. Er ist der Prototyp des Suchenden, der niemals ankommen wird. Zumindest nicht dort, wohin er will.

Die geheime Reise

Der Titel lässt so viel Freiraum zur Interpretation, dass man sich in seinem Phantasieuniversum verirren könnte. Ein junger Mann geht – irgendwann in den 40ern des vergangenen Jahrhunderts von Frankreich aus – auf Deutschlandreise. Nicht einfach so, es alles gut durch organisiert. Seine Mitreisenden sind nicht nur Mitstreiter, sie sind auch – vor allem aber verborgen – Objekte der Begierde. Und hier beginnt es sofort schwierig zu werden. 40er Jahre. Deutschland. Franzosen. Homosexualität. Organisierte Reise. Puh, klingt doch sehr phantastisch! Ist es aber nicht. Denn der geheimen Reise liegt eine echte Reise zugrunde.

Marcel Jouhandeau, der Autor und eindeutig der Held des Romans, wurde im Herbst 1941 eingeladen Deutschland zu besuchen. Goebbels war daran beteiligt, die Reisegruppe traf ihn. Natürlich waren die Autoren und Journalisten Auserwählte von Teufels Gnaden. Die eigentlichen Reisenotizen wurden nie veröffentlicht – bis heute. Was auch daran lag, dass die Mitreisenden nach 1945 kein gesteigertes Interesse an einer nachträglichen Veröffentlichung hatten. Kollaboration mit dem Feind wurde in Frankreich gründlich und nachhaltig betrieben. Die handschriftlichen Seiten von Marcel Jouhandeau sind in Archiven zugänglich.

Marcel Jouhandeau fiel zuvor des Öfteren durch antisemitische Schriften auf. Als die Einladung zur Deutschlandreise, Propagandafahrt in Feindesland – Paris, Frankreich war von den Deutschen besetzt – kam, sagte er zu. Und ihm fiel sofort einer der Organisatoren auf. Die Aufmerksamkeit lag auf beiden Seiten. Das sind die Fakten.

Die poetische, sinnliche, fast schon verklärende, jedoch stets intellektuelle Verarbeitung dieser Eindrücke bricht wie ein Wirbelsturm auf den Leser herein. Andeutungen (werden komplett im Anhang und zuvor schon im originalen carnet des Autors aufgelöst), Abkürzungen (nicht jeder soll sofort identifizierbar sein) und Verführungen (offensichtliche wie gut versteckte) spielen zusammen wie ein gut eingespieltes Orchester.

Verführungen im Zwischenmenschlichen kribbeln an Stellen, an den man sie erwartet, sogar einfordert. Wenn es aber kribbelt und man die Stellen nicht erreichen kann, um sich zu kratzen, sind sie nachhaltig und wirksamer als man sich selbst eingestehen kann und will. Marcel Jouhandeau ist sicherlich ein streitbarer Autor. Dass er zu dieser Reise eingeladen wurde, ist mehr als verdächtig. Dass er später von Schuld freigesprochen wurde, nimmt man als Außenstehender hin – der Zweifel bleibt. Ebenso die Wucht der Worte, die jeden in ihren Bann ziehen. Zwischen den Zeilen lesen macht hier Sinn. Poesie kann man sich nicht entziehen, der Realität muss man hier mit Stirnrunzeln selbige bieten.

Die Zeit so still

Wie war das damals noch gleich?! Kontaktverbot, Hysterie, Unsicherheit, blinder Aktionismus, unbedachter Argumentationswahn. Der Name wird nicht genannt, doch er ist immer noch in aller Munde. Der Beginn des dritten Jahrzehnts des dritten Jahrtausends war von Kontrollen, Regularien, und Panik erfüllt.

In dieser Nacht ist alles wie immer. Der Atem blärrt wie eh und je durch die Nacht. Schritte knirschen unter den Füßen, dass selbst Rockkonzerte wie besinnliche Kammermusikabende erscheinen. Der Atem schreibt wilde Phantasien in den klaren Wind. Nicht viel los. Ein Buch, eine Seite, noch eine Seite – die Straßenbahnendstelle ist das Sinnbild der Zeit.

Ein Reisender – bleiben wir bei dieser ach so überzogenen, fast schon poetischen Einordnung des Fahrgastes – durchbricht die Agonie der Aktualität. Auch er trägt den Kopf voller Gedanken. Soll er, soll er nicht? Was kommt? Was bleibt? Die Nacht ist der ideale Rahmen für die wirklich wichtigen Fragen des Lebens. Des Lebens? Wie kann man … Ach iwooo. Die Zeit steht niemals still, auch wenn man es sich manchmal wünscht.

Und ist die „Die Zeit so still“. Ein kleines Buch, das – in der richtigen Umgebung, zur richtigen Zeit – Erinnerungen noch einmal hervorbringt, Gesagtes in ein anderes Licht rückt, Getanes wieder in den Vordergrund rückt. Pathetisch, klar, nachdenklich, irrlichternd – Florian L. Arnold holt mit sanften Worten eine Zeit zurück, die die meisten gern vergessen möchten. Und sie vielleicht auch schon vergessen haben. Weil, und gerade deswegen, die meisten wider Erwarten sie gut überstanden haben. Oder das Schlimmste, das ihnen je passieren konnte, beiseite gewischt haben.

Dieses kleine Buch hat die Kraft leise Erinnerungen hervorzurufen, sie anzupacken, sie durchzuschütteln und dann mit reinem Gewissen lebensfroh nach vorn zu schauen. Sprache – richtig angewandt – kann Wände durchbrechen, Grenzen überwinden, Herzen durchbohren. Einsamkeit kann verbinden. Dieses Buch kann all das. Ganz bestimmt wird es als Geschenk dem Beschenkten zum Nachdenken anregen.

Der kleine Dichter und der Duft

Kennen Sie auch solche Menschen, die in ihren Statusmeldungen die schönsten Orte besuchen und das dann alles mit einem „Herrlich!“ abtun? Die haben sich einen kleinen oder großen Traum erfüllt, wollen ihn mit der Welt teilen und dann kommt nur ein belangloses Adjektiv daher, das die Emotionen nicht einmal annähernd einfangen kann. Bei einem Dichter nennt man das dann Schreibblockade – das doppelte B darin versinnbildlicht dieses Gedankenstottern wohl am bbbbesten.

Der kleine Dichter in diesem Buch wird wahrlich von der Muse geküsst. Auch er will unbedingt ein Gedicht schreiben. Da kommt ihm eine kleine Wolke gerade recht. Sie steigt ihm in die Nase und … siehe da … die Gedanken schießen ihm direkt in die Schreibfeder. Gerüche, Erinnerungen oder gang rational ausgedrückt sinnliche Reize ergießen sich im Schwall auf das Papier. Der Geruch eines nassen Hundes, die duftenden Haare eines Mädchens, der überreizende Krawall der Stadt mit all seinen Nebenerscheinungen und und und.

Ja, das ist ein Kinderbuch über die Plagen eines Dichters. Wundervolle Zeichnungen und die präzisen Zeilen machen es aber auch zu einem wundervollen Lesebuch für Erwachsene. Bereits auf den Umschlagseiten nimmt die Reizüberflutung ihren Lauf. Erdbeeren, ein Koffer, noch mehr Erdbeeren, Stiefel, und wieder Erdbeeren stehen wild durcheinander gewürfelt Spalier, um der Phantasie auf die Sprünge zu helfen.

Und wenn man nach dem Genuss dieses Buches das Leserlebnis mit der Welt teilen will: „Herrlich“ kann dann nur noch der Beginn einer poetischen Beziehung zu Büchern bedeuten…

Das steinerne Herz

Geschichtsroadtrip mal anders. Mal ganz anders. Eigentlich nicht mal ein richtiger Roadtrip. Und Geschichte? Die gibt’s hier in Hülle und Fülle. Das Besondere daran ist – allen voran – der Autor: Arno Schmidt. Für Viele ist es ein steiniger Weg sich in seinen Werken zurechtzufinden. „Das steinerne Herz“ bildet da keine Ausnahme.

Ein bundesrepublikanischer Roman wird dem Leser vorgesetzt. Einer, der sowohl Hüben wie Drüben spielt. Walter Eggers erzählt eine wahrhaft erfundene Geschichte. Er sammelt, nicht einfach so, sondern ganz spezielle Dinge. Staatshandbücher aus dem Königreich Hannover. Schon allein das muss man erstmal sacken lassen. Staatshandbücher. Er ist ein Besessener. Die Jagd allein genügt ihm nicht.

In Ost-Berlin – das gab es in den 50ern schon bzw. noch – verschlägt es ihn in die Staatsbibliothek. Ein El Dorado für einen Sammler wie ihn. Und Eggers’ Finger werden immer länger. Und länger. Bei all dem Jagdfieber behält er immer noch den Blick für das, was ihn umgibt.

Der Krieg ist aus. Das Land ist in ständiger Bewegung. Abbruch, Umbruch, Aufbruch – die Brüche im Leben der Menschen treten offen zutage. Hier wie Da. Eggers ist nicht auf den Mund gefallen. Er weiß sich anzupassen, auch sprachlich. Und für jeden, der sich in dieses Buch hineinversetzt – die durchaus eigenwillige Art jeden Satz mit einem kursiven Zitat zu beginnen, muss man erstmal erkennen und akzeptieren – tun sich Geschichten auf, die man selbst erlebt oder von der Vorgängergeneration überliefert bekommen hat. Lustig ist hier gar nichts. Zum Schmunzeln an mancher Stelle schon. Schonungslos ehrlich und ohne ein Feigenblatt vor sich zu halten, räubert Arno Schmidt in West und Ost herum. So sehr, dass bei Erscheinen das Buch stellenweise „entschärft“ wurde, d.h. Passagen wurden gekürzt oder gar weggelassen. Die Moral ist ein scharfer Angsthase.

Heute liest es sich wie „durfte man das damals schon sagen?“ – nö, durfte man nicht. Und deswegen ist dieses steinerne Herz so wertvoll. Es ist gerade mal ein reichliches halbes Jahrhundert her und doch so nah. Arno Schmidts Grenzgang zu folgen, ist verzwickt, offenbarenswert und in jeder Hinsicht einzigartig.