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Fokus

„O! say does that star-spangled banner yet wave, O’er the land of the free
and the home of the brave?“ – so endet die erste Strophe der amerikanischen Nationalhymne. Ja, weht denn die sternenbesetzte Flagge noch immer für alle über dem Land der Freien und der Heimat der Mutigen?

Lawrence Newman war so frei und hat in der Firma, in der er seit Jahren angestellt ist, einen mutigen Entschluss gefasst, eine echte Tat. Die Stenotypistinnen, denen er vorsteht, hatten die Angewohnheit immer mal wieder auf unbestimmte Zeit sich eine kleine große Pause zu gönnen. Das fiel immer nur dann auf, wenn der Arbeitsraum verdächtig übersichtlich aussah. Jetzt – das war die Tat – sitzen alle vor der großen Glasscheibe, und dahinter wacht Newman. Leider verwandelt sich die Scheibe für Newman in Milchglas. Er sieht kaum noch was in dem Großraumbüro vor sich geht. Alle raten ihm endlich mal zum Arzt zu gehen und sich eine Brille verschreiben zu lassen.

Newman sieht ein, dass es nicht mehr ohne geht. Und die Brille erfüllt ihren Zweck. Newman kann die Welt um sich herum nun wieder besser wahrnehmen. Allerdings mit ungeahnten Folgen.

Die USA stehen im Krieg mit den Nazis. Auf den Straßen sind die Zustände in Bezug auf Rassismus denen in Deutschland ähnlich. Juden gelten allgemein als verdächtig. Sind die reich, verschweigen sie ihren wahren Reichtum. Sind sie arm, tun sie nur so. Auch Newman nimmt sich von den Sticheleien nicht aus. Zwar nur hinter vorgehaltener Hand, dennoch spürbar, sind die Juden ihm egal.

Die Brille noch einen weiteren Effekt. Newman wirkt verändert. Im Büro tuschelt man nicht mehr hinter seinem Rücken. Nein, jetzt wird er ganz offen erniedrigt bis angefeindet. Was ist passiert? Die Brille macht ihn jüdisch!

Und deswegen ist er nicht repräsentabel, muss in das Büro in der Ecke umziehen, und der Eckensitzer bekommt seinen Job. Er kündigt, denn eine solche Erniedrigung, nachdem er so viel für die Firma getan hat, kann er nicht hinnehmen. Auch andere Personalchefs – ihm ebenbürtig – sehen in ihm nur den Juden, den man nicht vertrauen kann. Man kann sagen, dass die Brille ihm die Augen geöffnet hat.

Je länger Newman die Brille trägt desto drastischer nimmt er alles um sich herum wahr. Auch Gertrud, die mittlerweile an seiner Seite ist, bemerkt die Veränderungen. Ihre Natur ist jedoch robuster, was Newman anzieht, aber auch abschreckt. Solange man ihn nur körperlich in Ruhe lässt …

Dieses Buch lässt niemanden ruhig bleiben. Wenn jemand wegen seines Aussehens in eine Schublade gesteckt wird, die es scheinbar wiederum Anderen erlaubt, ihn wegen des Aussehens zu belästigen, zu diffamieren, perfide zu unterdrücken, muss man seine Stimme erheben. Arthur Miller gelang mit seinem (übrigens einzigen) Roman sehr lautmalerisch ohne dabei die Grenzen des guten Geschmacks zu überschreiten. Ein düsteres Bild, das er da in seinem Roman zeichnet. Überzeichnet hat er es allerdings niemals.

Genauso wie Franziska Neubert. Ein Punktlandung sind alle ihre Zeichnungen in diesem Buch. Sie stellt Newman nicht bloß, indem sie ihm ein Gesicht gibt. Die Situationen, denen Newman ausgesetzt wird, gibt sie den künstlerischen Rahmen ohne dabei die Wahrheit zu verstecken. So verdeckt der Hass, der Rassismus, der Faschismus ist, so eindeutig zeigt er sich in den Zeilen und in ihren Bildern. Mal düster, mal quicklebendig, mal indirekt, mal beklemmend offen.

Gscheitgut – vegetarische Küche

Man soll aufhören, wenn‘s am schönsten ist! So ein Quatsch! Da legt man erst richtig los! Das dachten sich wohl auch Corinna Brauer und Michael Müller. Ihre „Gscheitgut“-Kochbücher überzeugten von Anfang an mit leicht nachvollziehbaren Rezepten und einer angenehm unaufgeregten Aufmachung. Teil zwei stand dem Erstling in nichts nach. Ein Teil Drei wäre zwar die logische Fortsetzung gewesen, hätte aber die treuen Fans des Michael-Müller-Verlages ein wenig enttäuscht. Also musste was Neues her, dass aber Teil Eins und Zwei lediglich als Vorgänger dastehen lässt. Eine vegetarische Variante – mehr als nur ein Gedankenspiel, ein echter Hingucker und Leckerschmecker … auch für die, „die den Tieren nicht das Futter wegschnappen“.

Saisonal und regional muss es heutzutage ja immer sein. Das ist nicht verkehrt, wird nur allzu häufig übertrieben und falsch bewertet. Wenn der Bauer von nebenan ein Hobbychemiker ist, nützt dem Verbraucher die beste Saisonalität und die beste Regionalität gar nichts. Bei all der political correctness wird viel zu oft das Eigentliche unterschlagen: Es muss schmecken! Und da kann es (wie oft muss jeder für sich selbst entscheiden) auch mal vegetarisch sein.

Die Scheu vor dem Neuen, dem Fleischlosen muss wohl kaum noch jemandem genommen werden. Dennoch ist die vegetarische Küche für die meisten ein Bermudadreieck, in das man sich nicht verläuft. Das kulinarische Dreieck dieses Buches befindet sich zwischen Memmelsdorf, Marloffstein und Bärnfels. Nie gehört? Na dann auf zum fröhlichen Schmausen durch die Jahreszeiten!

Spätestens wenn die ersten Sonnenstrahlen wieder Gemüt und Natur erwärmen, wird es Zeit Neues auszuprobieren. Auf den ersten Seiten erwartet den Leser zum Beispiel ein Brennnesselflan mit Tomatenragout. Dafür benötigt man 100 Gramm junge Brennnesselblätter (kann man selbst “jagen“), ebenso viel Spinat, eine halbe Zwiebel, eine Knoblauchzehe, 80 Gramm Butter, 400 Gramm Sahne, sechs Eier, Muskatnuss sowie Salz und Pfeffer. Allesamt Zutaten, die man mühelos besorgen kann. Auch für das Ragout sind alle Ingredienzien generell verfügbar: Tomaten, Knoblauch, Zwiebel, Olivenöl und Basilikum. Zum Abschmecken wie immer Salz und Pfeffer. Brennnessel- und Spinatblätter (ohne Stiel) waschen, blanchieren, abschrecken, ausdrücken und hacken. Zwiebel und Knoblauch glasig dünsten und würzen. Sahne rein, pürieren und die Eier untermixen. Wieder abschmecken. Nun vier Förmchen ausbuttern, die Masse bis zum Rand einfügen und im Wasserbad im Backofen eine Viertelstunde bei 170 Grad stocken lassen.

In der Zwischenzeit kann das Ragout zubereitet werden. Naschen erwünscht und erlaubt! Tomaten schälen und vierteln. Öl erhitzen, Zwiebeln und Knoblauch dazu, und wenn alles glasig ist, die Tomaten dazugeben. Abschmecken und das Basilikum untermischen. Nun müssen nur noch die Flans darüber gestülpt werden. Alles keine Hexerei, geht schnell und schmeckt.

Wer es nicht erwarten kann, wirft schon mal einen Blick voraus in den Sommer: Dort wartet ein leichtes Thymian-Zitronen-Mousse mit Minzgelee. Oder im Herbst eine Blumenkohlsuppe mit Birnen. Im Winter wird es wieder traditionell bei einem Pfannkuchen mit Apfel-Zimt-Kompott.

„Gscheitgut“ ist die Kochbuchreihe zum Verreisen. Eine Wanderung durch Franken zwischen Bamberg, Erlangen und Bayreuth, auf der sich jede Einkehr lohnt. Auch für Vegetarier. Und für alle, die mal was Neues probieren wollen. Den beiden Autoren merkt man die Lust am Entdecken, Naschen und die Hingabe zum „leckeren Buch“ auf jeder Seite an. Und wer es partout nicht lassen kann, nicht zu kochen, der benutzt „Gscheitgut – vegetarische Küche“ eben als Wanderführer. Denn alle Rezepte wurden auf den zahlreichen Erkundungstouren gesammelt. Kartoffelrisotto mit Pilzen und Petersilienpesto, Beerenlasagne oder Salat vom Bamberger Hörnchen und Birnen mit Hagebuttenschaum gibt es vielleicht nicht überall, aber es gibt sie. Man muss nur wissen, wo man sucht. Lösungsansätze stehen im Buch!

Bitte schweigt

Hat man schon das eine oder andere Buch von Philippe Soupault gelesen, ist man geneigt ihm alles abzukaufen. Die Glaubwürdigkeit liegt über all seinen Werken. Ob er nun einen Glücksritter portraitiert, der das System, die Gesellschaft für sich selbst bestimmt und Bestehendes den Spiegel vorhält oder er sich mit seinen Verwandten anlegt, weil er schonungslos (ohne bewusst provozierend selbigen ein Bein zu stellen) ihr Leben aufdeckt – Philippe Soupault hat die political correctness in ihrer reinsten Form zur Kunstform erhoben.

Ein Chronist seiner Zeit, die er selbst verändern wollte und es auch tat – mit André Breton verfasst er „Die magnetischen Felder“, den ersten surrealistischen Text überhaupt – wollte er nie gewesen sein. Die autobiographischen Züge in seinen Werken sind unverkennbar. „Bitte schweigt“ kann getrost in „Bitte schwelgt“ umbenannt werden. Denn schweigen, diesen Wunsch muss man Soupault abschlagen, kann man nicht.

Gedichte, Poesie ist schwer einzuordnen, schwer zu beschreiben oder gar zu bewerten. Viele versuchen es immer wieder, doch der Kreis der Rezipienten, die die Wertung auch verstehen, bleibt überschaubar. Denn Gedichte verstehen ist das Eine, sie zu interpretieren das Andere. Beides wird niemals vollständig entschlüsselt werden.

Und so kommen die Gedichte wie ein frischer Wind daher. Kein „Reim Dich oder ich beiß Dich“, sondern wohlformulierte Zeilen, die zum Nachdenken anregen. Arthur Rimbaud umschrieb das Dichten als Fähigkeit zum Sehen. Ja, schon dieser kurze Satz ist nicht einfach in Alltagssprache zu übersetzen. Sehen kann jeder, dessen Augen funktionieren. Eine naturwissenschaftliche Voraussetzung. Doch Dichten, (Ge-)Dichten ist mehr als pure „Formuliererei nach Formeln“. Die Fähigkeit Gesehenes mit Gefühlen in Verbindung zu setzen, ist mehr als nur eine Grundvoraussetzung. Womit wir schon wieder bei Formeln und Regeln sind.

Die Gedichte und Lieder in diesem Buch, die Philippe Soupault vielen seiner Weggefährten wie Guillaume Apollinaire, Blaise Cendrars, Tristan Tzara oder André Breton widmete, liest man mehrmals. Nicht ums sie einfach nur „verstehen zu können“, sondern weil sie es wert sind öfter gelesen zu werden. Und wenn man dann irgendwann einmal in Montparansse oder Montmartre an den Wirkungsstätten dieser Köpfe vorbeischlendert, wünscht man sich dieses Buch zur Hand zu haben und das eine oder andere Gedicht zu lesen.

 

Bushäuschen in Georgien

Würde es Katie Melua nicht geben, hätte Eduard Schewardnadse nicht so aktiv an der deutschen Wiedervereinigung mitgewirkt, man wüsste nichts von Georgien. Im Kaukasus liegt das Land. Stalin kam von hier. Fußballfans erinnern sich noch an epische Matches von Dynamo Tblissi. Aber das war’s dann auch schon.

Wer interessiert sich schon für Georgien, könnte man ketzerisch fragen. Finns halten es mit Finnland. Franks mit Frankreich und Georgs mit Georgien – könnte man meinen. In diesem Fall stimmt es aber. Georges Hausemer kennt Georgien, hat viel gesehen und viel darüber geschrieben. Viele Reportagen, die man in Tageszeitungen und Büchern noch einmal nachlesen kann. Vergessen all die Anstrengungen von Politikern (aus welchen Gründen auch immer) verpuffen im Nachrichtenwust des Schreckens. Und da springt Georges Hausemer in die Presche.

Bücher über Georgien gibt es sicherlich viele. Ganz sicher mehr als über andere Kaukasusrepubliken. Da ist es schwer eine Nische zu finden. Trara! Hier ist die ultimative Nische! „Bushäuschen in Georgien“ – auf so eine Idee muss man erstmal kommen. Wer denkt bei Georgien schon an Bushäuschen? Naja, einer, ein Luxemburger, der sein Land als das großartigste Großherzogtum der Welt beschreibt. Der Titel erregt Aufsehen. Und blättert man ein wenig darin herum, ist man überrascht. Denn europäische Nahverkehrsnetze funktionieren (meistens), ihre Haltepunkte sind durchgestylt, austauschbar, bieten Schutz vor Regen und geben Auskunft über die Fahrzeiten. Georgische Nahverkehrsnetze funktionieren meistens nicht. Die Haltstellen oder Bushäuschen sind nicht genormt. Schutz vor Wind und Wetter bieten sie auch nur sporadisch. Und Auskünfte sucht man in der Regel vergebens. Aber, und das kann man gar nicht oft genug betonen und hervorheben: Sie haben Charme. Und eine Geschichte. Nicht immer die Gleiche, zum Glück, nicht immer mit Happy End, doch sie haben Geschichten.

Selbst Einheimische wie Dato, der Fahrer und Dolmetscher des Weltreisenden Hausemer sind erstaunt, was da alles in der Gegend rumsteht. Sie sehen aus wie eine Guillotine, sind aus Baggerschaufeln wild zusammengeschustert worden, bieten Eseln einen trostlosen Rastplatz oder wurden im wahrsten Sinne des Wortes in (nicht auf oder vor oder neben) der Natur erbaut. Die süffisanten Texte von Georges Hausemer erlegen den letzten Zweifler am Nutzen dieses Buches, sofern es sie je gab. Nie wurde ein Land – übrigens Partnerland der Frankfurter Buchmesse 2018 – so eindrucksvoll durch die Hintertür einem breiten Publikum zugängig gemacht. Im Jahr 2017 ging der bedeutendste Literaturpreis Luxemburg, der Prix Batty Weber an Georges Hausemer für sein Lebenswerk. Und während in Georgien so mancher beim Warten auf den nächsten Bus – und das kann dauern – darüber nachdenkt, was der neugierige Ausländer, der so eifrig die avantgardistischen Hinterlassenschaften der UdSSR aus Beton, die wellblechbedachten Treffpunkte der Busnutzer, die verlassenen Orte des Stillstands fotogarfiert, so treibt, hat der bestimmt schon wieder den nächsten Coup in Gedanken fast abgeschlossen. Die georgischen Buchmesseteilnehmer 2018 werden aus dem Staunen nicht mehr rauskommen.

Was macht Sie glücklich?

Einfache Frage – aber verdammt schwere Antwort. Schon seit Jahrtausenden suchen die großen Denker ihrer Zeit nach der universellen Antwort auf die Frage nach dem Glück. In letzter Zeit leider auch immer mehr Pseudoforscher. Aber von denen kommt hier keiner zu Wort. Es sind Menschen, die – wenn man reist, viel reist, weit reist, lange reist – treffen kann. Sie sind echt! Genauso wie ihre Vorstellung vom Glück.

Für den elfjährigen Damian aus Buenos Aires ist es ganz einfach: Fußball, Videospiele, Fernsehen. Und ein Geld verdienen. Mit seiner Fertigkeit die Bälle geschickt im Spiel aneinander zu reihen, verdient er für sich und seine Familie, immerhin hat er noch sechs Geschwister, einen kleinen Beitrag zum Leben dazu.

Ein grimmiges Gesicht erwartet den Leser nur ein paar Seiten weiter. Pape aus Senegal ist Schaukämpfer. Und genauso kämpferisch ist seine Antwort: Erfolg. Nichts ist einfach im Leben, das hat er schon früh lernen müssen. Selima aus Ägypten ist in Eile, Gold kann sie dem Autor noch als Antwort zuwerfen. Die Eile kommt nicht von ungefähr. Selima ist Beduine. Und mit Fremden reden, könnte gefährlich werden. Für beide Seiten…

Und weiter geht die wilde Fahrt über den Globus. Monica aus Angola betrachtet ihre Freunde als das größte Glück. Swamit Dandi Gowind aus Nepal empfindet es als Glück so netten Besuch empfangen zu können. In Kamerun fühlt sich Ngodi August nur glücklich, wenn er in Gesellschaft anderer ist. Ruth aus Vanuatu, also rund siebzehntausend Kilometer entfernt, sieht das ähnlich. Sie lebt in einem ruhigen Dorf, fest in der Gemeinschaft verankert.

Daniel R. Gygax gehört nicht nur zu den glücklichsten Menschen der Welt, sondern zu den reichsten. Mit Warren Buffetts oder Bill Gates‘ Konto kann er nicht konkurrieren, aber sein Glücksfaktor ist um einiges höher. Er trifft Menschen, überall auf der Welt. Erzählt von sich (und seinen Buchprojekten) und stellt immer nur eine Frage. Und so kommt ein universelles Buch wie „Was macht sie glücklich?“ auf den Leser zu, dass so unscheinbar und schillernd zugleich fasziniert. Die Gesichter der Welt vereint im Ringen nach der einen Antwort. Eines steht fest: Wer Freunde hat, dem fällt es leichter dem Drang nach materiellen Werten zu streben zu entsagen. Und das gilt überall auf der Welt. Von New York bis Rio, von Nairobi bis Caracas.

Was ist Ihr größter Traum?

Wenn man Daniel R. Gygax nach seinem größten Traum fragt, wird er bestimmt sagen, dass er ihn gerade lebt. Um die Welt reisen, Hinterlassenschaften von Generationen, Epochen, großen Reichen betrachten, begeisterte Menschen treffen. Und ihnen eine Frage stellen: „Was ist Ihr größter Traum?“ Und dann daraus ein Buch machen. Gleich der Erste, Tony, hat es geschafft – er lebt seinen Traum. Und man liest, dass Tony auf den Cook Islands lebt. Da muss mancher erstmal den Globus hervorkramen. Cook Islands? Wo haben die sich denn versteckt? Ostnordöstlich von Australien und nordnordöstlich von Neuseeland, Tonys Heimat. Als Leser, neugieriger Weltenbummler, Kulturhungriger denkt man sich, dass man hier sicher seine Träume leben kann. Tony hat das getan. Er „floh“ von Neuseeland, vor der Zivilisation, um hier ein ungestörtes, doch hartes Leben mit den Einheimischen zu führen.

Lan aus Vietnam formuliert ihre Antwort rationaler. Ihren Kindern soll es einmal gut gehen, damit sie im Alter für sie sorgen können. Thayana aus Brasilien ist neugierig für eine Teenagerin. Sie ist ja auch eine. Die Welt bereisen, Schauspielerin werden, das ist ihr Traum. Ein Haus, noch drei Kinder und ein Leben in einer modernen Gesellschaft, davon träumt Namunyak aus Kenia. Sie hat schon fünf Kinder und lebt somit schon einen Teil ihres Traumes. Ihr Gegenüber steht Karen. Sie lebt schon in einer modernen Gesellschaft, in New York. Auch sie, die alles zu haben scheint wovon zumindest Namunyak träumt, ist bei Weitem noch nicht am Ziel ihrer Träume. Sie will eine große Familie gründen. Und kurzfristig ihr Examen beenden. Bodybuilder Big Bill aus Santa Monica will in Frieden leben.

Doch es sind nicht nur die ewig strahlenden Gesichter, die Daniel R. Gygax in seinem Buch abbildet. Die Welt ist zwar rund, hat jedoch zwei Seiten, wie eine Medaille. Jean aus Kamerun gibt sich keinen Illusionen hin. Träume hat er keine mehr, schon lange nicht. Immer wieder wird er gezwungen seinen angestammten Siedlungsplatz, seine Heimat im Wald zu verlassen. Wut steigt in ihm auf, wenn er das Wort Träume hört.

„Was ist ihr größter Traum?“ zeigt, dass die Menschen der Welt doch nicht so verschieden sind. Solange sie träumen, sind sie am Leben. Und solange sie leben, gehen ihre Träume nicht unter.

Was bedeutet für Sie Freundschaft?

Einmal um die ganze Welt und die Taschen voller … Freunde. Daniel R. Gygax ist schon mehrmals um die ganze Welt gereist. Ob die Taschen dabei voller Geld waren, ist unerheblich. Denn er war immer voller Neugier, voller Tatendrang, manchmal ein wenig verunsichert, fast immer überrascht. Denn Daniel R. Gygax reiste (und reist immer noch) mit einem Spezialauftrag im Gepäck: Er will wissen, was die Menschen bewegt. Und dabei ist er sehr effizient. Nur eine Frage – mehr nicht. Und die lautet: Was bedeutet für Sie Freundschaft?

Eine nur auf den ersten Blick simple Frage. Vertrauen, Verlässlichkeit und vor allem Glück und Liebe sind nur vier Schlagworte, die dabei oft fallen. Egal, wo auf der Welt. Ob in den Metropolen Lateinamerikas, wo Gygax mehrere Jahre lebte oder in bislang unbekannten Dörfern auf kaum bekannten Pazifikinseln. Nur eine Frage – und so viele Antworten. Wer Freundschaften pflegen kann, tut dies mit besonderer Vehemenz und Hingabe. Wer sie sucht, erklimmt erst dann eine höhere Stufe der Zufriedenheit, wenn er sie gefunden hat.

Globalisierung als Chance – nein so weit geht der Autor nicht, wenn er vom dritten Band seiner Reihe spricht. Von Ägypten und Angola über Frankreich und Griechenland, Nepal und Namibia bis nach Papua-Neuguinea und Vanuatu. Keine Reise, die man mal eben so im Reisebüro bucht. Dem eigenen Drang folgen die Welt zu erkunden und Bleibendes zu hinterlassen.

Bereits die Vorgänger „Was macht Sie glücklich?“ und „Was ist Ihr größter Traum?“ sorgten für Aufsehen. Mit dem Freundschaftsband schließt sich der Kreis der weltumspannenden Fragen und Antworten, was Menschen antreibt: Das Glück mit Freunden Träume zu verwirklichen. Das müssen keine großartigen Dinge sein. Der alltägliche Endorphinausstoß sorgt für mehr Furore im Herzen als so manches große Geschenk. Denn Glücksgefühle entstehen jede Tag aufs Neue, kommen überraschend, sind nur bedingt planbar.

Das Stimmungsbild der Befragten reicht von düster über abgeklärt bis hin zu überbordenden Aussagen. Jung und Alt, arm und reich, nachdenklich oder spontan: Freundschaften sind der Motor, der sie antreibt, die Menschen, die tagein, tagaus ihr Leben meistern. Und Daniel R. Gygax ist ihr Chronist, hält fest, was festzuhalten ist. Mit einigen steht er bis heute in Kontakt, auch nach Jahren. Denn dieses Buch hat eine lange Geschichte. Sieben Jahre Verspätung hat es nüchtern betrachtet. Doch die Zeit wurde exzellent genutzt, um mehr Interviews zu führen, interessante Menschen zu treffen und ein rundes Bild unserer runden Welt abzuliefern. In kurzen Szenen beschreibt der Autor wie er die Interviewpartner traf. Die ausdrucksstarken Portraits  erlauben es dem Leser sich ein Bild von den Menschen zu machen, die sich so offen über ihre intimsten Gedanken äußerten. Ein Buch, das man immer wieder gern zur Hand nimmt – als Motivationshilfe oder einfach nur zum Herumblättern – und das man gern verschenkt. Vielleicht an ganz besondere Freunde…

Das letzte Spiel

Jeder kennt diese Typen: Sie sonnen sich im Glanze der Anderen, hecheln ihnen nach, begrüßen die eigentliche Fremden wie vertraute Freunde, die man ewig nicht mehr gesehen hat und grinsen permanent grenzdebil in jede Kamera. Julien, um den es in diesem Buch geht, meint, dass er der einzig starre Punkt im Universum ist. Und sich alles um ihn zu drehen hätte. Er ist Schriftsteller, und er arbeitet gerade an seinem „großen Roman“. Ein Denkschrift, eine Trauergeschichte … sein Leben. Denn, wenn er einmal nicht mehr ist, wird man merken wie wertvoll sein Leben war.

Wir sind im Paris der 20er Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Julien geht es finanziell gut. Arbeiten im eigentlichen Sinne muss er nicht. Er treibt Sport, um die Glieder geschmeidig zu halten, schreibt im Café ein paar Zeilen, nur um sie dann lautstark wieder zu verteufeln. Es ist ein hartes Leben. Für ihn.

So schnell wie sich an einem Apriltag das Wetter drehen kann, ändert sich Juliens Leben. Er muss die Seiten wechseln, vom Schreiber zum Beschriebenen. Nach einem (durchorganisierten – ja, das kann Julien) Kurzurlaub in der Bretagne zusammen mit Berthe, seiner Freundin, fiebert Julien. Und zwar gewaltig. So sehr, dass er sein eigenes Ende kommen sieht. Er beschließt im wahrsten Sinne des Wortes sein Leben … zu ordnen. Hektisch kritzelt er sein Testament aufs Papier. Sein unehelicher Sohn, der aus einer kurzen, aber heftigen Liaison einst an der Côte entstand, soll alles erben. Während seine Mutter in der Küche für ihn kocht, soll sein Freund Alfred Juliens Werke zurückkaufen. Ohne den „großen Roman“ vollendet zu haben, ist es nicht anzuraten, dass andere sein Werk lesen. Noch immer dreht sich Juliens Welt nur um einen Punkt.

Julien ist so von sich überzeugt, dass er keinerlei Ratschläge annimmt. Er suhlt sich gern im eigenen Leid. Mögen Freunde, Familie, Ärzte sagen, dass es ihm über Kurz oder Lang wieder gutgehen wird – Julien wird sterben. Er weiß das. Und er will in Ruhe sterben. Doch es kommt anders. Der leidende Literat erholt sich. Und doch ist alles anders. Die Freunde sind passé. Julien hat niemanden mehr, dem vom „großen Roman“ erzählen kann, dem er sein Leid klagen kann. Das unbeschwerte Leben verliert an Reiz. Selbst Maud, in die er sich verguckt, kann ihn nicht aus der Reserve locken. Eine Affäre würde beiden nichts bringen. Der Fieberwahn hat seine Auswirkungen hinterlassen.

Philippe Soupault gibt seinem Helden die Sporen des Lebens. Und des Leidens. Als betuchter Bohème lebt Julien in den Tag hinein. Alles hat seinen Platz, alles ist durchdacht, straff organisiert. Mit einem Mal ist alles anders. Planungen streifen die Reichweite seiner Arme. Freundschaften befinden sich außerhalb selbiger. Und wenn einem doch einmal eine helfende Hand gereicht wird, kann man sie aus unerfindlichen Gründen nicht greifen. Julien reift in „Das letzte Spiel“ vom lästigen Angeber zum mitleiderregenden Verlierer, der scheinbar doch nicht alles hatte.

Das Gesicht Deutschlands

„Das Gesicht Deutschlands“ – ein Sittengemälde, eine Abrechnung mit den vorherrschenden Meinungen? Nein, dieses Buch ist das, was es vorgibt zu sein. Es zeigt das, was man tagtäglich sehen kann. Nicht alle zugleich, aber jeder für sich. Wen es in die Ferne zieht, der bekommt einen anderen Blick auf das, was vor der eigenen Haustür wächst, gedeiht, blüht, welche Pracht es entfalten kann. Bernd-Jürgen Seitz, promovierter Biologe und Leiter des Referats Naturschutz und Landschaftspflege beim Regierungspräsidium Freiburg i. Br., zeigt die Charakteristika dessen, was sichtbare Heimat ist.

Deutschland ist dicht besiedelt. Echte naturbelassene Landschaften sind spärlich gesät und somit schützenswert, aber – und vor allem – sehenswert. Jeder hat schon mal den Urlaub, egal, ob kurz oder lang, in Deutschland verbracht. Und jeder hat dabei – egal, wo dieser Urlaub nun stattgefunden hat – mindestens einen Ort für sich entdeckt, der etwas Besonderes darstellt. Das kann ein Aussichtspunkt sein, eine Schlucht, ein Berg, dicht bewachsener Wald, aber auch eine grüne Oase im hektischen Großstadtdschungel. Und dieser Ort hat sich tief ins Gedächtnis eingegraben, ihn wird man niemals wieder vergessen können.

Bei Bernd-Jürgen Seitz sind diese Orte gleich mehrfach vorhanden. Doch ihm geht es nicht zu zeigen, wo er sich am wohlsten fühlt, er will darüber hinaus auch noch zeigen, wie diese Landschaften entstanden sind, was sie so charakteristisch macht und vor allem, wie prachtvoll sie sich dem Besucher präsentieren. Und das alles gepaart mit einer ordentlichen Portion Wissen über Entstehungsgeschichte und Entwicklung. Die Bilder sprechen jedes für sich. Eindrucksvoll und oft überraschend. Die Darstellungsdiagramme vermitteln auf eindringliche Art und Weise ein Gesamtbild, das man sich so eigentlich niemals vorstellt. Zum Beispiel ist Sachsen ein fast exaktes Spiegelbild Gesamtdeutschlands. Wenn man nur die Bevölkerungsdichte betrachtet. In Deutschland leben rund 227 Menschen pro Quadratkilometer. In Sachsen sind es 220.

Das Kapitel „Was liegt wo in Deutschland“ sorgt bei allen Geographie-Muffeln für Besorgnis. Doch keine Angst, eine Eignungsprüfung für dieses Buch muss man nicht ablegen. Vielmehr ist es anders herum. Wer eine Prüfung zur Biologie, in Geographie oder Sachkunde vor der Brust hat, kommt mit diesem Buch, bzw. mit der intensiven Lektüre des Buches, ziemlich weit. Wie natürliche Ländergrenzen teilen Flüsse und Gebirge Deutschland. Administrativ sieht es da natürlich anders aus.

Landschaft bedeutet aber auch, und vor allem in Deutschland Nutzfläche. Je weiter man in den Norden vordringt, desto geringer wird der Anteil des Waldes an der Gesamtfläche. Bayern ragt mit rund 37 Prozent aus der Masse hervor. Bremen als kleinstes Bundesland kann nur zwei Prozent vorweisen. Selbst das am dichtesten besiedelte Nordrhein-Westfalen wartet noch mit 26 Prozent auf.

„Das Gesicht Deutschlands“ ist nicht nur ein Bilderbuch, das man sich in Ruhe immer mal wieder auf den Schoß legt, um darin ein wenig zu blättern. Es ist darüber hinaus auch ein Lehrbuch, ohne den obligatorisch erhobenen Zeigefinger, das zeigt, dass Deutschland schon immer bunt war, wie farbenfroh es ist und dass es wert ist genau so bunt zu bleiben…

Der Neger

Die Geschichte ist schnell erzählt: Ein Mann bringt eine Prostituierte um, wird aber nicht bestraft. Punkt. Aus. Ende. Das ist dann aber kein Stoff für eine Geschichte. Auch wenn der Titel noch so sehr für Aufregung sorgen sollte.

Der namenlose Ich-Erzähler dieser Geschichte trifft eines Tages Edgar Manning. Er ist der Neger. Ein großer, grober Kerl, der das Leben genießt. Laut und kräftig, rauchend und trinkend. Es war Schicksal ihn zu treffen. Ein Freund, ein Reverend, hat ihn kurz vor seiner Abreise vor diesem Edgar Manning gewarnt. Er, Edgar, hat die Angewohnheit Menschen in seinen Bann und mit in den Abgrund zu ziehen.

Doch es kommt anders. Da steht er: Breitbeinig, breitschultrig, bereit das Leben mit seinen Pranken zu verschlingen. Die Frauen liegen ihm zu Füßen. Edgar ist Drummer in einer Jazzband. Das sagt er, wenn man ihn nach seinem Beruf fragt. Doch sein Geld verdient er mit Drogen und Mädchen. Beides verkauft und benutzt er.

Edgar, der Neger, der Afrika nur symbolisiert und mit Nichtem im Herzen trägt trifft Europa. Sie ist Prostituierte und ihm anfangs willig, später ist sie tot.

Alles geht rasend schnell in diesem Kurzroman. Philippe Soupault hetzt in seinem Erstling den Erzähler von ein Ah zum nächsten Oho. London, Paris, Barcelona, Lissabon – egal, wohin der Erzähler auch geht, Edgar Manning ist schon da. Mal Musiker, mal schwer schuftender Malocher. Und immer mit einem Geheimnis gesegnet. Und immer mit offenen Armen für den Freund. Oder doch Fremden? Edgar ist ein Außenseiter, ein Exot, Outlaw, immer jemand, der die Gesetzmäßigkeiten missachtet und eigene Regeln aufstellt. Freunde hat er nicht. Dem Erzähler begegnet er mal distanziert, ein anderes Mal überhäuft er ihn überschwänglich mit Umarmungen. Dem Erzähler schwinden die Kräfte Edgar Manning einordnen zu können. Und so schaut er ihm mit großen Augen beim Leben zu.

Philippe Soupault ist der vergessene Mitbegründer der Surrealisten um André Breton und Louis Aragon. Guillaume Appolinaire gehörte zu seinem Freundeskreis, ihm verdankte er seinen Durchbruch als Literat. „Der Neger“ ist ein Gleichnis. Nicht umsonst heißt die Ermordete Europa und der Mörder ist der Neger. Heinrich Mann lobt im Vorwort die Tiefe dieses Romans im Speziellen und die des Werkes im Allgemeinen. Philippe Soupault zu lesen, bedeutet vor allem eines: Eine Nähe zum Autor und seinen Protagonisten aufzubauen ohne zu viel Vertrautheit aufkommen zu lassen. Der Widerspruch zwischen Nähe und Distanz wird bei Soupault wie durch Zauberkraft aufgehoben. Edgar Manning ist keiner, mit dem man am Tisch sitzen möchte. Aber es bereitet eine diebische Freude ihm zuzusehen. Sympathie? Nicht unbedingt. Neugier? Auf alle Fälle.