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Von Inseln, die keiner je fand

„Lügenatlas! Lügenatlas!“, das hat wohl noch niemand skandiert. Doch es gibt Anhaltspunkte und Fakten … und dieses Buch. Wer immer in ein Reisebüro geht und nach außergewöhnlichen Reisezielen fragt, kann mit ein paar Tricks den Verkäufer um den Verstand bringen.

Unbuchbar ist beispielsweise eine Reise auf die Inseln Los Jardines. Der Name klingt doch real, zumindest vertrauenserweckend. Irgendwo, wo die Sonne niemals aufhört zu scheinen. Die Qualität des Reisebüros erkennt man dann daran, dass der Verkäufer mit einem Spruch kontert, der einen darauf hinweist, dass man ein knappes halbes Jahrhundert zu spät kommt. Denn 1973 wurde dieses Insel/ Inselgruppe endgültig  von den Landkarten gelöscht. Was war passiert? Ein Vulkanausbruch oder eine andere Naturka(r)tastrophe? Mit nichten. Die Inseln haben einfach nie existiert. Eroberer hatten sie erwähnt, aber ihre Existenz konnte nie bewiesen werden.

Ein Art Atlantis. Auch dieser Mythos wird in diesem Buch nicht minder amüsant und faktenreich beschrieben. Als ein Eiland, auf dem die Zivilisation geboren wurde. Ein Eiland, von dem aus Eroberungsfeldzüge gestartet wurden. Ein Eiland, das wohl nicht mehr oder minder niemals mehr als ein Mythos.

Malachy Tallack war wie viele andere schon länger von den verschwundenen, sagenumwobenen Inseln begeistert. Überall in Niederschriften, auf Karten, in Büchern findet man Hinweise auf Inseln, die letztendlich „keiner je fand“. Und immer wieder gab es Forscher, die den Mythen Glauben schenkten – aus unterschiedlichsten Gründen – und teils auf Teufel komm raus Beweise und Fakten für deren Existenz liefern wollten. So vermutete man Thule bei Island. Dort tranken die Menschen literweise Honigbier. Blöd nur, dass zum Zeitpunkt der vermeintlichen Entdeckung niemand dort war, der Honig produzieren konnte…

Dieses Buch ist ein wahrer Krimi durch die Literatur- und Kartengeschichte. Malachy Tallack nimmt so manchem Entdecker gekonnt den Wind aus den Segeln und Katie Scott illustriert die Seiten des Buches so echt, so farbenfroh, dass die Grenzen von Wahrheit und Dichtung erneut zu verschwimmen drohen. Aber keine Angst, die Texte sind nachvollziehbar, die Thesen der Vergangenheit leider nur Thesen, das Buch jedoch ist real.

Vor dem Sturm

Es ist nicht viel, was Esch, Skeetah, Randall, Junior und ihr Dad ihr eigen nennen können. Eine heruntergekommene Hütte an einer Lichtung im Mississippi-Delta. Randall, der Älteste will Basketball-Profi werden. Die Anlagen dazu scheint er zu haben. Skeet, der Zweitgeborene, ist völlig vernarrt in seine Pitbullhündin China. Die hat gerade geworfen. Der eine oderandere Dollar dürfte dabei wohl herausspringen. Junior ist der Sonnenschein, sieben Jahre, das Nesthäkchen. Er hat viel Blödsinn im Kopf und von einer umwerfenden Ehrlichkeit.

Esch ist die einzige Tochter. Ihre Mutter überlebte die Geburt Juniors nicht. Dad ist keine große Hilfe mehr. Ihm geht’s nicht gut und der Alkohol setzt ihm immer mehr zu. Gerade jetzt könnte Esch, die diese Geschichte erzählt, jemanden brauchen, dem sie sich anvertrauen kann. Denn sie ist mit ihren fünfzehn Jahren eigentlich zu jung für eine Schwangerschaft. Eigentlich. Denn Mannys Anziehungskraft ist stärker als jede Vernunft.

Die Tage plätschern so dahin. Die Geburt von Chinas Welpen bringt ein bisschen Abwechslung in den Alltag in der sengenden Hitze des Südens. Skeetah träumt schon vom großen Wurf mit dem großen Wurf Chinas, doch es soll anders kommen. Auch Randalls Karriere als Ballartist in den großen Arenen ist vorbei, bevor sie richtig anfangen konnte.

Im Radio vernehmen die Fünf die unheilvolle Nachricht, dass ein Sturm im Anzug ist. Ein Hurricane, der sich bis zur Stufe Fünf hochschrauben wird. Höher geht es nicht, 250 Kilometer pro Stunde lassen dann auch keinen Stein mehr auf dem anderen liegen. Die Vorbereitungen, sofern man sich überhaupt auf so eine Katastrophe vorbereiten kann, sind übersichtlich. Fliehen ist keine Option. Wohin denn? Die Mittel sind nicht nur begrenzt, sie sind erschöpft. Katrina, mit diesem Namen wird der Sturm in die Geschichtsbücher eingehen, trifft mit voller Wucht aufs Festland. Der kleine Bach, der unweit der Hütte einst ruhig vor sich hin dümpelte peitscht mit allem, was er in sich hat erst gegen die Wände, dann breitet er sich im Haus aus.

Jesmyn Ward gelingt es mit zarten Worten das harte Leben derer, die von der Armutsgrenze nur träumen können, in ein farbenfrohes Feld der Hoffnung zu verwandeln. „Vor dem Sturm“ ist ihr erster ins Deutsche übersetzter Roman, der ihr in den USA den National Book Award einbrachte und zum Bestseller wurde. Sie schockiert nicht mit brachialen Armutsszenarien, sie ringt dem kargen Leben ein großes Stück Poesie ab. Ihre Charaktere sind echt, nicht überzogen und der Handlung angepasst – sie sind die Handlungstragenden im wahrsten Wortsinne.

Das Herz-Kochbuch

Mal wieder oder öfter was Gutes essen. Ein Vorsatz, den man sich gern an Silvester vornimmt. Doch schon beim ersten Einkauf im neuen Jahr, liegen die Chips wieder im Einkaufswagen. Dahin die rosige Zukunft…

Naja, so schlimm wird’s schon nicht werden. Generationen von Menschen haben lange gelebt und sich dabei nicht gerade gesund ernährt…

Nur zwei Meinungen, die immer wieder ans Ohr dringen, wenn es um gesundes Essen geht. Der menschliche Körper ist ein Zirkulationsmechanismus. Wie Newton schon erkannte, hat jede Aktion eine entsprechende Reaktion zur Folge. Yin und Yang. Gute und Böse. Wie auch immer man es nun bezeichnen möchte. Unser Körper hat dabei eine zentrale Steuerungseinheit: Das Herz. Zu reinigendes Blut kommt rein, gereinigtes Blut wird wieder ausgestoßen. Und das tausendfach am Tag.

Und dieses Herz muss – nicht erst ab einem bestimmten Alter – geschmiert werden. Geschmiert nicht nur im wortwörtlichen, sondern auch im übertragenen Sinne. Gibt man ihm zu viel zu tun (Stichwort Chips oder Stress), läuft es zu lange auch Hochtouren. Und das kennen wir unter anderem vom Auto, das geht nicht lange gut.

Gun-Marie Nachtnebel und Annika Tidehorn ist es eine Herzensangelegenheit dem Leser Tipps und Anregungen, vor allem aber auch Denkanstöße mit auf den Weg zum gesünderen Leben zu geben. So beginnt das Buch nicht mit lukullischen Leckereien, sondern mit einer Unterrichtsstunde, warum das Herz durchaus mit Leckerlis gefüttert werden darf, kann und soll. Denn – wie erwähnt – wenn die Pumpe schlapp macht, hilft kein so flacher Bauch und auch kein so durchtrainierter Bizeps. Dann ist Schluss!

Deswegen ist dieses Buch auch kein Diätplan-Drill-Seargant, sondern der wohlwollende Herzensfreund. Die Einführungskapitel dienen dazu die Notwendigkeit des bewussten Genießens darzustellen. Kennt man den Unterschied zwischen guten und schlechtem Fett, vor allem wie man es erkennt und vermeiden kann, geht es im zweiten Teil um den Genuss. Marokkanischer Suppentopf mit Kichererbsen. Mit Vitamin C und Kalium – gut fürs Herz, wärmend für den Körper und sättigend. Oder wie wäre es mit Erdbeersalat mit Basilikumdressing. Gelbildende Ballaststoffe, die sind gut fürs Herz. Aubergine und Zucchini mit Pesto. Wenn man es mit Mineralsalz zubereitet, wird zusätzlich noch der Natriumkonsum verringert.

Es ist sicherlich nicht einfach seine Mahlzeiten auf den Körper ausgerichtet auszuwählen und die Zutaten mit Bedacht einzukaufen. Aber mit ein wenig Ehrgeiz – schließlich tut man es für sich selbst, also dem Menschen, dem man am nächsten steht – und diesem Buch fällt einem so manche Entscheidung einfacher als bisher vermutet. Und das es schmeckt, steht außer Frage.

Einfach gehen

Wenn man als Kind in der Schule seinen Berufswunsch nennen soll, waren es einst Lokomotivführer oder Feuerwehrmann. Heute ist es Influencer oder Superstar. Aber Sterbebegleiter … selbst Evan hätte nie diesen Wunsch geäußert. Doch seit Kurzem ist er es, der den Schierlingsbecher reichen  darf. Eine private Organisation bietet diesen ungewöhnlichen Weg des Aus-Dem-Leben-Scheidens an. Keine Sterbehilfe! Sterbebegleitung – das ist ein riesiger Unterschied. Die Angehörigen und der Klient haben in dem entscheidenden Moment die gleichen Rechte. Wird der Wunsch negiert, muss die „Aktion“ abgebrochen werden.

Evan hatte sich vor einiger Zeit auf eine Annonce hin beworben. Unter ständiger Beobachtung seiner Chefin hat er sich bewährt. Eigenmächtiges Handeln ist während der Arbeitszeit nicht erlaubt. Es sei denn, Evan muss abbrechen. Der einmal geäußerte Wunsch zu sterben, kann bis kurz vor Ende wiederrufen werden. Evan hat dies zu akzeptieren.

Und Privates und Geschäftliches miteinander zu vermischen, ist ganz und gar unmöglich. Im Falle von Evan auch nicht gerade wünschenswert. Ohne es zu ahnen, befindet er sich am Scheideweg seines Lebens. Ein bisschen hier mal reinriechen, dann ein bisschen dort herum suchen, nur um kurze Zeit später wieder etwas völlig anderes auszuprobieren. Lon und Simon sind seine Freunde, eigentlich mehr. Das will auch Evan. Doch Evan gibt ihnen keinerlei Signale, dass er sich fest im Dreiecksgeflecht der Gefühle fesseln lassen will.

Rat kann er sich auch auf keinen Fall bei seiner Mutter holen. Die hält ihn ordentlich auf Trab … trotz ihrer schweren Krankheit. Und so sprintet Evan wie eine Flipperkugel von Marker zu Marker, ohne zu merken, dass schlussendlich kaum was Zählbares heraus kommt.

Zuhause wartet dann Viv, seine Mutter auf ihn. Oft aufgekratzt und voller Tatendrang vergisst, dass auch sie einer schweren Krankheit anheimgefallen ist. Selbst Evan vergisst die Tücken der Natur. Meist jedoch ist er nur genervt vom den Energiebündel, das ihn zur Welt brachte und nun auf seine Hilfe angewiesen ist. Immer wieder treibt sie in zur Weißglut, aber es ist halt seine Mutter. Der man alles verzeiht. Man weiß ja nie …

Dem Krankenpfleger Steven Amsterdam gelingt das, womit gestandene Autoren zu kämpfen haben: Dem Tod, dem Ringen um ihn, dem Kampf mit dem und ums Leben ein Gesicht zu geben. Wortwitz und ein im besten Sinne des Wortes lockerer Umgang mit dem Unausweichlichen lassen die Seiten und die Geschichte um Evan, seine Mutter und seine zu wenig beachtete Berufswahl wie im Fluge vergehen. Sterbehilfe heißt es salopp, wenn darüber berichtet wird. Sterbebegleitung ist es im wahren Leben. Jemanden an seiner Seite zu haben, der in keiner Sekunde auch nur den Zweifel am Tun heraufbeschwört, ist für Betroffene der Anker, der so manchen Schmerz – seelisch wie körperlich – und sei es auch nur für Sekundenbruchteile, vergessen lässt. Dass auch dieser Anker ein Leben hat, das Qualen ausgesetzt werden kann, muss in den Hintergrund rücken. Selbstaufgabe jedoch ist der falsche Weg. Die Lockerheit, mit der Steven Amsterdam seine Berufung annimmt, ist nicht oberflächlich. Sein jahrelang gesammeltes Wissen und seine Erlebnisse verarbeitet er mit brillanter Distanz und Nähe zugleich in „Einfach gehen“. Im Gegensatz zum Leben kann man dieses Buch immer wieder lesen. Und wird es.

Und am Ende stehlen wir Zitronen

Mottenkugeln vertreiben Motten, die flatterhaften Wesen, die so chaotisch ums Licht schwirren. In Isas Kopf schwirren auch Kugeln. Auch sie verwirren sie. Doch von einem Licht, das ihr endlich aufgehen soll, ist sie meilenweit entfernt.

Isa lebt in einem kleinen Ort in Österreich. Sie ist die Fremde, die immer beäugt wird. Denn sie stammt aus dem Nachbardorf. Alle glotzen ihr auf die Brust. Nur Martin nicht, er ist ihr Freund und versucht alles um sie glücklich zu machen. Doch er versucht es zu oft, zu sehr und zu aufdringlich.

Der geographischen Enge des Ortes kann sie entfliehen. Es gibt Busse, Bahn und Flieger. Doch der emotionalen Beschränktheit kann sie erstmal nichts entgegensetzen. Bis eines Tages Zora ins Dorf zieht. Eine Frau, die nun in ein Haus zieht, das einmal Lou bewohnte. Isa und Lou sehen sich zum Verwechseln ähnlich. Und Lou lebte einst das Leben, das Isa sich insgeheim immer wünschte. In Freiheit, in Wildheit, in Verruchtheit. In Rom stahl sie im Überdruss Zitronen, stellt sich Isa immer wieder vor. Zitronen stehlen als Sinnbild von Freiheit.

Als Martin Isa einen Fallschirmsprung schenkt, einfach so, nur, weil er sie liebt, weil er merkt, dass Isa genau so was genau jetzt braucht, ist das der Startschuss für Isas Ausbruch aus der Enge der Zeit.

Isa wird zu Lou. Sie lernt Ben kennen. Das heiße Wetter nehmen beide mit in die Federn. Ben ist ganz verschossen in Lou. Denn Isa hat insgeheim beschlossen Lous Leben weiterzuführen. Lou starb als sie sechsundzwanzig war. Isa ist jetzt sechsundzwanzig und bereit Lou zu sein.

Doch Lou ist nicht Isa. Und Isa hat immer noch mit den sie umschwirrenden Kugeln zu kämpfen. Lou zu sein ist nicht einfach. Doch alles ist besser als Isa zu sein. Die Kindergärtnerin aus einem kleinen Ort in Österreich. Lou war wild, frei und verrucht. Isa hat sich ihre Freiheit erkämpft. Die blauen Flecke sind noch sichtbar. Und es werden noch weitere hinzukommen. Doch wer sich traut Zitronen zu stehlen, stört sich an so was nicht!

Eva Lugbauer legt mit ihrem ersten Roman „und am Ende stehlen wir Zitronen“ ein Höllentempo vor, das den Leser in den Sog von Isas Leben zieht. Isas Drang nach dem Leben ist so vehement, so real, dass sich ihre musikalischen Begleiter Amy, Gianna, Frederic, Dave oder Janis warm anziehen müssen. Für Isa ist die Flucht aus ihrer Bergidylle nur der Anfang von etwas Neuem. Ob es groß wird, weiß sie nicht. Das ist ihr auch egal. Konventionen kann man nicht messen, wenn man sie brechen will. Ob die gestohlenen Zitronen Isa bekommen, ob sie schmecken, wird sich zeigen. Die Autorin Eva Lugbauer gibt ihrer Isa / Lou das komplette Rüstzeug mit auf den Weg aus „Sauer macht lustig“ ein garantiertes Happy end in Erfüllun gehen zu lassen.

Die Legende vom unsterblichen Hugo Sterber

Hugo Sterber ist das enfant terrible der Literaturszene Österreich. Seine Bücher strotzen nur so von Ablehnung der Konventionen. Seine Lesungen sind Happenings des bad taste. Die Massen strömen in die Säle, in denen Hugo Sterber seinem Namen alle Ehre macht und dem Normalen den Garaus machen will.

Harry Stroh hingegen ist ein geachteter Autor von Koch, reise- und Essbüchern. Man vertraut seinem Scharfsinn und folgt seinen Thesen. Ein Wort von ihm und alle hängen an seinen Lippen. Eigentlich wie bei Sterber. Harry Stroh liest aber nicht öffentlich. Hugo Sterber schon. Es ist fast so als ob Sterber nur schreibt, um öffentlich provozieren zu können.

Die beiden Autoren verbindet eine enge Freundschaft. Es ist eine Symbiose. Jeder hat sein Leben, doch ohne den anderen, sind sie nur halb so sehr sie selbst. Denn Harry Stroh ist Hugo Sterber. Also nicht wirklich. Hugo ist Harry on stage. Nicht ein Wort von Hugo Sterber stammt aus der Feder von Hugo Sterber, sondern entsprang zu hundert Prozent dem Hirn von Harry Stroh. Was sich selbstredend nicht mit dem Image des nüchternen Sachbuchautors verbinden lässt. Also schreibt Harry Stroh die deftigen Sätze, die Hugo Sterber so effektvoll in Szene setzt. So weit so gut. Wenn die Maschinerie läuft, kann sie niemand aufhalten. Auch Lore nicht, Harrys Frau und Inhaberin des Verlages, in dem Harry seine lukullischen Eindrücke veröffentlichen darf. Lore weiß von Hugo, kennt jedoch nicht einmal ansatzweise dessen Bedeutung für ihren Gatten. Doch was, wenn der Motor spuckt, stottert und ins Stocken gerät?

Immer kurz bevor ein neuer Sterber zum Leben erweckt wird, muss Hugo zur Entgiftung in die Berge. Harry schickt ihn dann ins Salzkammergut, um nüchtern zu werden. Kalter Entzug, um dem Strohmann die Möglichkeit zu geben wieder ein echter Sterber zu werden und das wortrauschsüchtige Publikum befriedigen zu können. Denn Hugo Sterbers Angriffslust auf der Bühne kommt nicht von ungefähr. Hochprozentiges und Blutbahnerweiternde Chemikalien machen aus dem ohnehin schon ausgeprägten Anarchistencharakter eine lebensgefährliche Rampensau.

Das neue Buch ist fertig, die Tour der Anmaßungen kann beginnen und Hugo nur noch aus dem cold-turkey-exil befreit werden. Doch Hugo ist weg! Verschwunden, abgestürzt, nicht nur sinnbildlich. Für die Öffentlichkeit darf das nicht so sein. Für sie muss Sterber noch unter den Lebenden weilen? Harry Stroh muss sich was einfallen lassen.

Ernst Wünsch kreiert mit Harry Stroh und Hugo Sterber ein kongeniales Duo, das leider hier auch schon wieder von der literarischen Bühne verschwindet. Ein geschäftstüchtiger Schreiber, ein chaotischer Lebemann, die nur zusammen etwas schaffen, das ein Mensch allein gar nicht im Stande ist zu stemmen. Immer wieder malt man sich als Leser die Situationen aus, in die Harry geraten kann, wenn Hugo nicht spurt. Doch soweit kommt es nicht. Wirt und Wurm, Harry und Hugo, Schreiber und Repräsentant sind sich zu nahe, um dem Anderen ein Schnippchen zu schlagen. Nur das Schicksal besitzt diese Macht…

Horak hasste es, sich zu ärgern

Wie die drei Affen: Nicht sprechen, nichts sehen, nichts hören! Erwin Horat ist deren fleischgewordene Phantasie. Am liebsten ist es ihm, wenn man ihn gar nicht wahrnimmt. Es sei denn er will im Café Hummel was zum Essen bestellen. Oder ein Achterl Roten. Ab und zu ein Kartenspiel mit seinem Freund geht ja noch. Ansonsten soll man ihn einfach ignorieren.

Elfriede ist nun auch schon seit geraumer Zeit Stammgast im Café Hummel im Achten, in der Josefstadt. Geschieden ist sie. Traurig ist sie deswegen nicht. Ihre forsche, manchmal mädchenhaft naive Art ist der Türöffner zu den Seelen der Menschen.

Es ist ein heißer Sommer in Wien. Alles strömt in den Schatten und am Abend ins Café Hummel. Kein Platz mehr frei. Für Horat kein Problem. Seit Jahrzehnten pflanzt er sich abends hier nieder, liest die Zeitung und ist der glücklichste Mensch der Welt, wann man ihn in Ruhe lässt. Doch diesen Gefallen tun ihm die Menschen so gut wie nie. Das Leben hupt, lärmt, blendet. Horat grantelt. Für Ärger hat er keine Zeit, steht ihm nicht der Sinn. Doch Elfriede könnte es durchaus schaffen ihn aus seinem Schneckenhaus heraus zu granteln. Sie findet keinen freien Platz im Lokal und fragt Horak, ob sie nicht bei ihm sitzen könne. Sie solle bestellen, essen, verschwinden. Letzteres als Erstes, aber das ist Wunschdenken und Elfriede ist weit davon entfernt dem knurrigen Alten um den Bart zu gehen.

Jeder kennt einen oder mehrere Menschen, denen man lieber aus dem Weg geht. Unsympathisch ist da noch geringste Attribut, das man ihnen geben möchte. Horak ist so einer. Doch in seiner Ungeselligkeit ist er kein aufbrausender oder gar cholerischer Zeitgenosse. Selbst dazu ist er einfach zu unumgänglich. Zu Hass ist er nur fähig, wenn er ihn nicht offen zeigen muss. Erwin Horak reicht Elfriede Steiner ungewollt den kleinen Finger. Und sie? Sie nimmt gleich die ganze Hand! Horak steckt in der Falle seines glückseligen selbstgewählten Gefängnisses.

Sportlicher Ehrgeiz, weibliche Neugier – wie auch immer man es nennt –  Elfriede beißt sich in Horak fest. Ob es ihm nun passt oder nicht. Ihn zu knacken, wird zu einer Art zeitlich begrenzter Lebensaufgabe. Oliver Hardy dreht in „Auf See“ vollkommen durch, wenn er Hörner und Hupen hört. Pogo ist das Ventil, mit dem Punks aus der Haut fahren. Und Professor Horak? Er schaut gerade mal verächtlich mit einem Auge hinter der Zeitung hoch. Das stachelt die unermüdliche Menschenfeundin aber nur noch mehr an. Kein noch so harte Kante kann sie verletzen, kein noch so böses Wort ihr Herz ritzen, keine noch so verächtliche Geste ihren Lebensmut mit Angst erfüllen. Die Herzensgüte in Person. Dabei ist sie eigentlich genauso stur wie Horak: Er will partout in Ruhe gelassen werden. Und mit derselben Enerviertheit will und kann sie nicht verstehen wieso ein Mensch unbedingt allein sein will …

Autorin Karoline Cvancara bereitet es eine diebische Freude mit Hilfe von Elfriede dem mürrischen Alten den Lebensweg vom Geröll der Eigenbrödelei zu befreien. Im idyllischen Ambiente des Cafés Hummel in der Josefstadt, das man schon während der Lektüre sofort besuchen will. Vielleicht trifft man ja dort das reale Horak’sche Pendant. Karoline Cvancara jedenfalls kam dort die Idee zu dieser kurzweiligen Wiener G’schichte.

Ich werde über diese Merkwürdigkeit noch etwas drucken lassen

Es ist ein Brauch von alters her, wer schreiben kann, der nutzt es sehr – zum Glück! Und je neuer das Entdeckte, desto größer die Verblüffung bei den Lesenden.

Da kraxelt einer durch die Alpen im heutigen Slowenien. Nichts ahnend macht er eine Entdeckung, die bis heute für Naserümpfen sorgt. Als Oscar Scheibel einen braunen Käfer entdeckt, ist er der Erste, der ihn zu Gesicht bekommt. Nach internationalem Recht darf er ihn benennen. Die Kehrseite: Scheibel ist überzeugter Nazi und so nennt er ihn Anophthalmus hitleri, Hitlerkäfer. Was zur Folge hat, dass verblendete Verehrer ihn jagen, sammeln und für enorme Summen kaufen … und der Käfer als fast ausgestorben anzusehen ist. Von wegen früher war nicht alles schlecht!

Es sind Geschichten wie diese, die die Naturwissenschaften, auch die Biologie in ein anderes Licht rücken. Entdeckungen gehen meist mit Zufällen einher. Umso spannender sind dann die Geschichten, wie es zu den Entdeckungen kam. Geheimnisse wie in einem „Echten-Jungen-Roman“, Erstaunen wie an Weihnachten, Freude wie am schönsten Tage des Lebens – Forsche sind auch nur Menschen, doch ihr Leben ist meist erfüllt von unbändiger Leidenschaft.

Lucia Jay von Seldeneck hat diese Geschichten gesammelt und mit eigenen Worten deren Merkwürdigkeiten entschlüsselt. Das Ergebnis ist ein Buch, das man immer wieder hervorholen wird. Botaniker, Leseratten, Wissbegierige, Ästheten werden ihrer wahren Freude bestimmt keinen Riegel vorschieben, wenn sie über dieses Buch, was an sich selbst schon eine Merkwürdigkeit darstellt, berichten.

Wer weiß schon, dass Maulwürfe exzellente Helfer bei der Schatzsuche sind? Oder dass das gewaltige Projekt Panamakanal fast an nur wenigen Zentimeter kleinen Tierchen gescheitert wäre? Oder oder oder. Tiere im Zoo sind faszinierend, oft. Diese Tiere zu entdecken ist ein Glücksgriff für den Forscher. Darüber zu lesen ist Allgemeingut, das ein Lächeln hervorbringen kann.

Manche Forscher bezahlten ihre Entdeckungen mit dem Leben, so dass erst später von anderen darüber berichtet werden konnte. Andere Entdeckungen verhinderten sogar weltumspannende Katastrophen. Wiederum andere Entdeckungen führten zum Exodus der Tiere oder zu ersten zaghaften Schritten des Naturschutzes.

Halt doch mal die Klappe! Is nich nett! In diesem Fall aber ein wohlgemeinter Tipp, den man beherzigen sollte. Klappe halten und dem Titel Taten folgen lassen. Jedes Kapitel beginnt mit einem authentischen Bericht über eine Entdeckung. Das muss nicht immer die Entdeckung einer Spezies sein. Zum Beispiel baute das kolumbianische Drogenkartell ein U-Boot in der Form eines Buckelwals, um Drogen nach Mexiko zu verschiffen und das so nur schwer aufzustöbern war. Die Erläuterung der Texte, deren tieferer Grund sich erst einmal vielleicht nicht jedem erschließt, folgt auf dem Fuß. Der Höhepunkt eines jeden Kapitels sind sicher die ausklappbaren Zeichnungen von Florian Weiß. Keine fotorealistischen Abbildungen, sondern bewegende und bewegte Zeichnungen, die in ihren Nuancen den Detailreichtum von Mutter Natur widerspiegeln. Jeder Strich ist mit Bedacht gesetzt und lädt zum Verweilen und genaueren Hinsehen ein. Kleinste Stricke und Punkte ergeben erst nach Vollendung ein komplettes Bild, dem man sich nicht entziehen kann.

Wenn also das nächste Mal einer meint, dass man die Klappe halten soll, könnte es sein, dass dies nicht als Aufforderung zur Ruhe ist, sondern eine Einladung dieses Buch gemeinsam (immer wieder) anzuschauen.

Von Gabriel bis Luzifer

Engel sind für viele eine Alternative zur organisierten Religion. Dort kommen sie auch her. Sie zieren viele Stadtwappen, sogar ein Waschmittel trägt den Namen eines Erzengels. Nur ein Engel wird immer wieder verkannt: Luzifer. Sein Name bedeutet „Der Erleuchtete“.

Schon dieses Grundwissen offenbart die Zwiespältigkeit der himmlischen, ja göttlichen Wesen. Valery Rees geht dem Phänomen Flügelträger auf den Grund. Doch haben Engel wirklich Flügel?

Nicht immer, salopp gesagt, auf Bildern sah und sieht es einfach gut aus. Man kann sie besser von anderen Wesen unterscheiden. Und außerdem müssen sie ja irgendwie ganz schnell von einem Ort zum Anderen, besser gesagt, von einem Hilfebedürftigen zum Nächsten kommen. Also Flügel.

Salopp ist aber nicht die Art, die Valery Rees liegt. Sehr ernst, detailorientiert und so umfangreich wie man es nicht vermuten mag, macht sie den Weg frei für eine fachgerechte Betrachtung der Engel. Denn diese werden oft, zu oft als kitschiges Symbol missbraucht. Gerade zur Weihnachtszeit sind sie nicht mehr wegzudenken.

Und das fast überall auf der Welt. Ob christlich geprägte Kulturen oder in der  islamischen Welt – Engel oder Wesen, die wir in unseren Breiten als Engel bezeichnen, tauchen immer wieder auf. Und das schon seit Jahrhunderten. Wenn es also eine Konstante in den Religionen gibt, dann sind es die Engel.

Michael, Gabriel oder Raphael – um nur drei der Bekanntesten zu nennen – haben nur eine Aufgabe: Zu helfen, wo immer Hilfe benötigt wird. Sie erfüllen einen Auftrag, der einfach nicht in Frage gestellt werden kann.

Dem Thema Engel kann man sich weder mit hundertprozentiger Rationalität noch mit blindem Glauben wahrhaft nähern. Aus naturwissenschaftlicher Sicht gibt es keine Beweise für ihre Existenz. Aus religionswissenschaftlicher Sicht ist es ebenso schwer ihr Treiben nachzuweisen. Im besten Fall kann man sie glaubhaft nachweisen. Nicht mehr, und nicht weniger.

Valery Rees gelingt es mit ihrem spannenden Buch den Engeln zumindest eine lange Geschichte mitzugeben. Sie umschifft gekonnt die Klippen des Unangemessenen. Wer Engel als willfährige Glücksboten für sich allein schuften lassen will, glaubt nicht wirklich an sie. Er ist ein Glücksritter auf einem klapprigen Gaul, der sein Ziel nie erreicht.

„Von Gabriel bis Luzifer“ erreicht sein Ziel von A bis Z. Nicht nur zur Weihnachtszeit bietet dieses Buch einen tiefen Einblick in faszinierende Wesen, egal, ob man nun an sie glaubt oder nicht.

Freiheit unterm Schleier

Iran muss ein Land voller Widersprüche sein. Nutzt man die gesamte Bandbreite an Informationsplattformen und –quellen, schwillt einem schnell der Kopf. Doch egal, ob soziale Medien, Zeitungen, Magazinberichte oder Bücher, eines hallt im Gleichklang durch den Buchstabenwald: So schlimm wie es dargestellt wird, ist es oft gar nicht. Sicherlich tragen Irans Frauen ihr Kopftuch. Weil sie es müssen, aber auch weil sie es wollen (nicht weil sie es wollen müssen, feiner Unterschied).

Bita Schafi-Neya ist freie Journalistin unter anderem für den NDR. Sie besitzt beide Staatsbürgerschaften und – so gibt sie zu – somit auch zwei Heimaten, heißt das so? Heimaten?. Egal, sie fühlt sich hier wie da zuhause. Und sie kennt sich hier wie da besser aus als so mancher der das Eine gern gegen das Andere austauschen oder gar ausspielen will. Ja, der Schleier, das Kopftuch und der Islam und unsere von christlichen Werten geprägte Welt, sind ein willkommener Themenspender um Auflage zu machen. Doch hier ist es anders. Der Schleier bildet zwar den Auftakt des Buches, doch nur, um die unruhigen Gemüter zu besänftigen, die nicht Ruhe geben bis das Zauberwort gefallen ist. Aber: Bita Schafi-Neya verteufelt das Kleidungsstück nicht. Sie trifft ebenso viele Frauen, die eine Abschaffung der Pflicht befürworten, wie Frauen, für die es eine echte Befreiung wäre. Unentschieden.

Die Frauenquote – in Deutschland eine Zerreißprobe in den Chefetagen und in der Regierung. 60 Prozent vorgeschriebene Frauenquote in manchen Studiengängen in Iran. An den Universitäten und Hochschulen sind die Frauen in der nicht zu übersehenden Mehrzahl. Und ein Drittel von ihnen, hat einen Doktortitel – in Deutschland ist es ein Viertel.

Iran ist kein stagnierendes Land, das Frauen nicht wahrnimmt. Als Touristin ist man begehrter Gesprächspartner. Als Iranerin hat man mehr Chancen auf hochgradige Bildung als in den USA. Und den Schleier kann man in den großen Städten getrost als modisches Accessoire mit ernstem Hintergrund ansehen.

Nur bei öffentlichen Großveranstaltungen sind Frauen nicht zugelassen. Was nicht heißt, dass sie nicht wissen, wie man trotzdem „reinkommt“. Bei einem Volleyballspiel zwischen Brasilien und Iran schminkten sich iranische weibliche Fans kurzerhand wie die brasilianischen. Und Schon waren sie mittendrin.

Frauen in Iran sind selbstbewusst und werden im Laufe der Zeit selbstbestimmter. Es ist noch nicht alles in trockenen (Kopf-)Tüchern, aber der Weg ist so angelegt, dass er nur in eine Richtung eingeschlagen werden kann. Die Menschen, denen die Autorin begegnet ist, erzählen offen und ehrlich von ihrem Alltag, der von Regeln geprägt ist, aber auch von der Freiheit diese im angemessenen Rahmen auszuleben. Und was hinter verschlossenen Türen vor sich geht, ähnelt dem westlichen Leben nur allzu sehr.

Vor dem Hintergrund, dass nicht jeder so leben muss wie vor der eigenen Haustür, dass kulturelle Unterschiede durchaus wünschenswert sind, ist dieses Buch ein informativer, wunderbar zu lesender Kulturwegweiser in ein Land, dass voller Reichtümer steckt, die es gilt bestaunt zu werden.