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Die Sünde der Frau

Norma Jean Baker, Marguerite Donnadieu, Jane Auer und Mary Patricia Plangman – alle in einem Buch über die Sünde der Frau. Die eine Hälfte der Menschheit, die laut Bibel wissen wollte, naschte und ihn, die andere Hälfte, dazu verführte auch mal einen Bissen zu nehmen. Der Rest ist bekannt: Krieg, Hass, Zerstörung. Keine besonders schöne Sicht auf die Dinge des Lebens.

Marilyn Monroe, Marguerite Duras, Jane Bowles und Patricia Highsmith hatten auch so manches Mal keine schöne Sicht auf die Dinge des Lebens. Sie hatten Pseudonyme. Sie hatten Talent. Sie hatten Ruhm. Sie zerfleischten sich selbst. Sündig? Sie selbst hätten das über sich nur unter bestimmten Bedingungen gesagt. Zum Beispiel, wenn es darum ging in der Öffentlichkeit sich selbst – warum auch immer – hervorzuheben.

Doch im Inneren gab es bei ihnen nie den Drang sich selbst um der Zerstörung Willen sich zu zerstören. Rebellion – ja. Und wie! Das reduzierte Spiel der Monroe, sie war ab einem Punkt nicht mehr die Baker, sondern die Monroe ist nicht minder das Ergebnis einer Flucht wie die revoltierenden Zeilen einer Marguerite Duras, die wie Patricia Highsmith echte, voll umfängliche liebe nie zulassen konnte. Jane Bowles und Pat. H, alias Ripley, wie sie seit dem ersten ihrer Ripley-Romane gern ihre Briefe unterschrieb, waren dem Alkohol dermaßen verfallen, dass sie Realität und Nebelschwaden in Letzem aufgingen. Doch ihrer Kunst, und somit ihrem Ruhm tat das keinen Abbruch. Im Gegenteil – das Delirium war ihr Elixier.

Auch die Monroe suchte den Schlüssel für die Tür, die sie in der Welt außerhalb der Monroe führte. Sie glaubte ihn in Arthur Miller zu finden. Doch auch er sah in ihr nur die unordentliche Schlampe, in der Art wie ein Eisbecher mit Früchten unordentlich ist, wie es einmal Truman Capote beschrieb.

Sind diese vier Damen nun wirklich Sünderinnen? Oder frönten sie „nur“ der Sünde an sich? Connie Palmen wagt es diese vier auf ihrem Gebiet einzigartigen Künstlerinnen ihren Wegen zu folgen. Es liegt am Leser selbst, welche Maßstäbe er ansetzt, um Sünde als solche zu empfinden und schlussendlich ein Urteil zu fällen. Sie verstanden alle herzlich den Finger auszustrecken, um ihre Betrachter, Kritiker, Leser, Freunde, Geschäftspartner um selbigen zu wickeln.

Die Autorin lässt ihre Blicke schweifen und urteilt an keiner Stelle dieses bemerkenswerten Büchleins, das man nur allzu gern verschenken, im gleichen Atemzug aber wie einen Schatz für sich behalten möchte.

Der steile Anstieg zum Olymp

Auf Du und Du mit den Rittern der Neuzeit – Giacomo Pellizzari ist leidenschaftlicher Radfahrer und somit auch Fans der großen Rundfahrten und ihrer Helden. Das Wort Helden verliert jedoch schon im Laufe ihrer Karrieren bzw. im Nachgang immer wieder und immer mehr an Bedeutung. Zu viele Skandale, zu viele Tricksereien, zu viele Exzesse, zu viel Betrug haben einmal dazu beigetragen, dass sie Helden waren und nun im Sumpf der Enttäuschungen verrotten.

Pellizzari hat im Laufe der Jahre viele Pedalritter kommen und gehen sehen. Doch diese vierzehn im Buch vorgestellten Helden der Landstraße haben es in seinen Augen verdient besonders hervorgehoben zu werden. Aus unterschiedlichen Gründen. Eines ist ihnen gemein: Ihre Strahlkraft.

Sein Buch beschließt Pellizzari mit dem unsympathischsten und bis heute unsportlichsten Radfahrer aller Zeiten: Lance Armstrong. Ein begabter Radfahrer war er. Und ehrgeizig. Angetrieben vom Stiefvater. Ein Krebsleiden riss ihn jäh aus seinen Sportlerträumen. Doch die Therapie schlug an und er kämpfte sich zurück. Sieben Mal sprang Armstrong aufs Siegertreppchen am Ende der Grand Boucle, der Tour de France. Allen Unkenrufen zum Trotz. Doch dann der tiefe Fall. Pellizzari sitzt ihm geistig gegenüber als Armstrong Oprah Winfrey das Interview seines Lebens geben wird. Tief in ihm drin will er sich rächen, der erste sein, der Doping anprangert. Das Ende ist bekannt – Armstrong wird verbannt, mit Schimpf und Schande vom Hof gejagt. Mitleid kann Pellizzari nicht aufbringen. Warum auch? Armstrong hat keine Entschuldigungen parat. Er war ein Betrüger, und ganz im olympischen Sinne bleibt er es auch.

Den in Stein gemeißelten Heroen wie Bernard Hinault, Eddie Merckx, Marco Pantani oder Francesco Moser kann er hingegen schon mehr Bewunderung abringen. Er gibt ihnen Attribute, die in der Überschrift huldvoll klingen, aber im Text mal lauter oder leiser durch eingestreute Zweifel neu nivelliert werden. Er spricht vom Beau Fabian Cancellara, vom Rockstar Bradley Wiggins, vom bescheidenen Miguel Indurain oder vom Pechvogel Felice Gimondi.

Wenn jedes Jahr im Sommer die Tour de France aufmarschiert, läuft immer der Zweifel mit. Die Schar derer, die die Rundfahrt nicht mehr verfolgen wollen, wächst. Die Berichterstatter werden zerknirschter. Die Hoffnung auf sauberen Sport blubbert mäßig vor sich hin. Warum also ein Buch über „Helden“, die mit großer Wahrscheinlichkeit – bis nichts bewiesen ist, sind sie aber schuldlos – unlautere Mittel genommen haben, um am Ende die (Pinocchio-)Nase vorn z haben? Ganz einfach: Es sind eben doch Helden. Seit frühester Kindheit rasten Kinder über die Straßen ihrer Viertel und schrien lauthals die Namen ihrer Vorbilder. Sie waren in diesen Momenten Fignon, Bugno, Chiapucci, Saronni oder Sagan. Das kann ihnen und den Radsportlern keiner nehmen.

Im fiktiven Zwiegespräch verneigt sich Pellizzari vor dem Einen oder Anderen, nimmt sie aber keineswegs in Schutz. Und vielleicht ist es ja doch so, dass einer oder mehrere Helden sich diesen Titel redlich verdient haben. Zu wünschen wäre es – dem Autor, den Lesern, den zahllosen Kids und nicht zum Schluss auch ihnen selbst.

Das Buch der unheimlichen Orte in Deutschland

Schaurig-schöne Geschichten umranken so manche Burg, ausgewählte Kapellen, Maare und ganze Landschaften. Wer sich gruseln will, vollführt an diesen Orten wahre Freudentänze. Wobei dies sicherlich auch nicht die richtige Weise ist, diesen Orten Tribut zu zollen. Hauptsache, es laufen einem Schauer über den Rücken – auch wenn es nicht regnet.

Hennig Aubel hat für diesen gewichtigen Band Orte gesucht, gefunden und detailreich aufgearbeitet und dabei wohl einen der ungewöhnlichsten Reisebände für und in Deutschland erstellt. Kloster Oybin im Zittauer Gebirge ist vielen von den Gemälden Casper David Friedrichs ein Begriff. Doch hier oben, wo man bei Sonnenschein den weitläufigen Ausblick bis in benachbarte Tschechien genießen kann, knackt es bis heute im Gehölz, wenn der Wind durch die Landschaft weht. Ein bisschen romantisch verklärt wurde das Gemäuer. Doch auch ohne große Anstrengungen kann man sich leicht ein Bild davon machen, wie man hier das Fürchten lernen kann. Zu Beginn des 15. Jahrhunderts – während der Hussiten-Aufstände und –kämpfe wurden hier die Schätze aus dem Prager Veitsdom „zwischengelagert“.

In der Eifel brodelt es bis heute ab und zu. Und die Erde bebt. Doch selbst wenn die Hinterlassenschaften der Tektonik besonders aus der Luft sehr idyllisch anmuten, so ranken sich bis heute Legenden um das Weinfelder Maar in der Nähe von Daum. Feuer und Wasser haben hier eine einzigartige Landschaft geschaffen, die wegen der konstant niedrigen Temperaturen und der tiefblauen Farbe des Wassers, Schwimmern das Planschen vermiesen können, aber auch schon seit Ewigkeiten Mythen kreieren. Sogar ein Schloss soll in den Strudeln versunken sein.

Und wer an den Starnberger See denkt, denkt doch nicht an faulen Zauber. In der Pollingsrieder Kapelle bei Seeshaupt kann einem dann doch anders werden. Vier Brunnen sind noch zu sehen, einer soll unter der Kapelle noch existieren. Zusammen ergeben sie ein Pentagramm, das Zeichen des Teufels. Und das mitten im katholischen Bayern!

Alle in diesem Buch vorgestellten Orte, vom sagenumwobenen Kyffhäuser über den eiskalten Funtensee bis hinauf nach Prora, wo die Nazis ihr dunkles geheimnisumwittertes Monumentalbauwerk in die Dünen wuchteten, sind von einer Aura umgeben, der man Glauben schenken darf oder sich einfach an ihr ergötzt. Hennig Aubel ist es zuzuschreiben, dass man nun nicht mehr achtlos an so mancher „Bauruine“ vorbeischlendert, sondern sich ihrer Geschichte ein wenig erfreuen kann. Und ein wenig Grusel hat ja noch niemandem geschadet…

Verrat

In Bridget O’Neills  Gedanken spiegelt sich das gesamte Leid Irlands wieder. Ein geteiltes Land, hirnverbrannte Kinder der Insel bomben und morden sich bis zum zu erwartenden Ende, Familien werden im Hass zerrissen und zusammengeschweißt. In ihrem Dorf herrscht Tristesse. Als sie in jungen Jahren Francis kennenlernt, ist er ihre Chance. Denkt sie. Eigentlich hat sie alle Qualifikationen, um auf die Uni zu gehen, ihr Dorf zu verlassen und ein „normales Leben“ führen zu können. Doch das Glück mit Francis ist ihr näher.

Doch Francis ist wie so viele junge Männer Mitglied der Republikanischen Armee. Keiner, der ab und zu mal „ein krummes Ding dreht“. Die Offiziere bedienen sich gern des skrupellosen Killers. Wird’s knifflig, ist Francis ihr Mann. So verrinnen die Jahre, Bridget und Francis wachsen zusammen. Auf einer Reise nach Singapur, zur Hochzeit von Freunden, wird Bridget ihr elendes Leben klar. Was hätte sie nicht alles werden können? Wozu das Bomben, das Morden?

Sie trifft Sarah, die von ihrer Firma zu einem Meeting nach Singapur geschickt wurde. Die beiden sind froh jemanden gefunden zu haben, der sie vom Alltag, von ihren Gedanken ein wenig ablenken kann. Sie beschließen in Kontakt zu bleiben. Denn plötzlich will Francis noch vor der Hochzeit der Freunde wieder abreisen. Bridget ist irritiert. Was sie nicht weiß, ist, dass Francis in Singapur abgefangen wurde. Man wollte ihn umdrehen. Weglocken vom Kampf, die Gefährten verraten. Doch Francis ist verbohrt, fanatisch.

Zuhause ist Irland spitzt sich die Lage zu. Liam, Francis‘ jüngerer Bruder, bietet sich scheinbar den Prod (den Protestanten) an, um Informationen über Francis‘ Hintermänner zu liefern. Auch ein Jahr nach Singapur stehen Bridget und Sarah noch in Kontakt. Sarah bietet Bridget an mit ihr nach Frankreich zu fliegen. Ihren Bonus zu verprassen. Bridget riecht den Braten, doch jahrelanges Lieber-Den-Mund-Halten lässt sie lieber erstmal abwarten.

Die Katze ist aus dem Sack: Francis ist in Gefahr. Die eigenen Leute vertrauen ihm nicht mehr. Sarah ist Agentin und Bridget mittendrin. Seit ihrer Kindheit hält man sich – besonders als Frau – aus der Sache der Männer, dem Kampf um ein geeintes Irland heraus. Nun steckt sie mitten im Schlamassel.

Francis muss wieder an die Front, von der er sich eigentlich zurückgezogen hatte. Doch Liams Verrat und Tod zwingen ihn zu diesem Schritt. Die erste Aktion verläuft einwandfrei. Die Zweite auch, nur dieses Mal verläuft die für die Gegenseite einwandfrei. Francis wird verhaftet. Doch die Hintermänner bleiben im Dunkeln. Ebenso die Verräter…

Nicholas Searle beschreibt nicht das Irland, in dem man „Sunday bloody Sunday“ vor sich hin summt, über das „Belfast child“ sinniert oder „Zombie“ verflucht. Es ist das Irland der Familien, die in einem Land leben, dass innerlich zu eng miteinander verwoben ist und doch die tiefsten Gräben aufweist. Manchen gelingt der Ausbruch aus dieser Welt. Aber zu welchem Preis?

Austria – A Soldier’s Guide

Man spricht ja gern mal salopp vom Einreiten oder Einmarschieren, wenn man in einen Gasthof einkehrt. Im Falle dieses Buches sollte man sprachliche Sorgfalt walten lassen. Denn dieses Büchlein war einmal eines der meistgedruckten Bücher überhaupt. Es wurde an die Soldaten der britischen und amerikanischen Armee ausgegeben, die in Österreich einmarschierten (!) bzw. während und nach dem Zweiten Weltkrieg dort stationiert waren.

Reisen war damals Luxus. Das Internet noch ferne Zukunftsmusik. Der Informationsfluss in Sachen fremder Kultur so gut wie kaum vorhanden. Wie sollte man nun seine Soldaten, die als Befreier das Land einnahmen darauf vorbereiten, dass hier, tausende Kilometer weg von der Heimat der aus einer anderen Richtung bläst?

Solche Art von Büchern gab es für einige Länder, auch Deutschland. Zuerst einmal muss dem Leser klar sein, dass dieses Buch vor über siebzig Jahren gedruckt wurde. Deutschland, inkl. des einverleibten Österreichs gegen den Rest der Welt. Zum Lesen hatten die Soldaten kaum Zeit. Verknappung wohin man nur schaute. Auch bei den Informationen. In Österreich können überall Gefahren lauern. Ein versprengter Nazitrupp oder Einzeltäter – niemals die Waffe unbeaufsichtigt lassen. Nicht fraternisieren! Man könnte die neuen Freunde nicht wieder loswerden.

Krankheitsgefahr. Die Nazis hatten unter der Ärzteschaft, die vorrangig aus Juden bestand, radikal die Anzahl verringert. Ärztemangel war die Folge und in Folge dessen auch Krankheiten. Den Sold sollte man als bewaffneter Staatsdiener besser sparen, es gab eh nichts zu kaufen. Die Bevölkerung wurde von anderer Seite versorgt.

Es ist ein abgeklärter, direkter, nicht interpretierbarer Text, der schon fast schroff anmutet. Die düsteren Zeiten sind glücklicherweise vorbei. Auch wenn einige Passagen auch heute noch nachvollziehbar bzw. anratbar sind. In politische Diskussionen im Ausland mischt man sich nicht ein. Man kann nur verlieren. Denn die eigene Sichtweise muss nicht immer mit der Sichtweise – unabhängig vom Wahrheitsgehalt – des Anderen übereinstimmen.

Dieses Buch liest sich trotz der gewaltigen Zeitspanne zwischen Erscheinen und Gegenwart wie aus einer anderen Welt. Ein Knigge für Soldaten, die gerade als Befreier kommen und denen man nicht unbedingt den roten Teppich ausrollt, sollen sich zusammenreißen. Sie sind Vertreter ihres Landes. Machen sie Fehler, fällt das auf Jahre auf eine gesamte Nation zurück. Lange her? Schon bei den Namen Abu Ghraib, Guantanamo, Charleston wird es zahlreiche Menschen und Gruppierungen geben, die sich wünschen solche Leitfäden würden heutzutage noch gedruckt und nach ihnen gehandelt werden…

Joki und die Wölfe

Wo sind denn alle hin? Die waren doch eben noch da! Joki ist gerade umgezogen. Mit seiner Mutter zu Knut. Weg von der Oma und dem gelben Haus, das roch wie es aussah. Sanja von nebenan war immer für ihn da, wenn es jemanden zum Spielen braucht. Auch wenn sie ab und zu mal ein bisschen rauften, waren sie doch unzertrennlich.

Wo sind denn alle hin? Die waren doch eben noch da! Schwarzohr hat gerade ein bisschen herumgetollt. Eine Maus, wollte sich aus dem Staub machen. Nicht mit ihm. Sein Jagdinstinkt ist geweckt. Eben hatte er noch mit seinen größeren Geschwistern ein bisschen gerauft … bis eben die Maus ihren Weg kreuzte. Doch nun sind alle weg.

Joki, hat ein Schwesterchen bekommen. Deswegen waren Mama und Knut auch nicht da, als er im neuen Heim aufkreuzte. Zuvor hatte er im Wald gespielt. Schon vor Tagen, noch vor der Zeugnisausgabe, hatte er noch nie gesehene Spuren im märkischen Boden entdeckt. Sanja meinte es sei ein Wolf. Aber das kann doch nicht sein! Die gibt es allenfalls noch im Märchen.

Zwei laute Knalle verändern das Leben von Joki und Schwarzohr. Schwarzohrs Eltern wurden von einer Kugel getroffen und sind nun auf der Flucht. Schwarzohr, der inzwischen bei Joki untergekommen ist, geht mit Joki auf eine lange Reise…

Grit Poppe zieht gekonnt Parallelen zwischen den beiden Welt der beiden Protagonisten. Doch anders als in der Mathematik kreuzen sich die beiden Lebenswege an einem dramatischen (Wende-)Punkt. Joki, der kleine zehnjährige Junge erfährt in seinen Schulferien das Abenteuer seines Lebens. Während zu Hause Fienchen (Jokis Schwester) mit allen Würden begrüßt und umhegt wird, kümmert sich Joki liebevoll darum, dass Schwarzohr wieder zu seinem Rudel kommt. Ohne die Wölfe zu vermenschlichen, wird eines offensichtlich: In Freud und Leid kommen sich Wölfe und Menschen so nah wie man es nicht für möglich hält. Die Fürsorge schweißt die Familien zusammen. Gefahren besteht man am besten gemeinsam.

Jedes Kapitel wird sowohl aus der Sicht des Kindes als auch aus der Sicht des Wolfsjungen Schwarzohr erzählt. Die Kapitel sind außerdem in verschiedenen Schriftgrößen und –arten gestaltet. Der Wolf kehrt zurück. Fast scheint es wie ein Hohn, dass die allzu oft und allzu heftig geforderte Rückkehr zur Natur auch Schattenseiten haben soll. Der Wolf ist hungrig, wie alle Lebewesen. Dass er dann auch mal zu eingepferchten Tier greift, ist normal. Doch seine Essgewohnheiten dann als schlecht auf das gesamte Wesen zu übertragen, ist eine mehr als fragwürdige Methode. Joki ist ein Kind. Ein gefühlvolles Kind, das den Wolfsjungen in seine Obhut nimmt, um es vor der Flinte des Stiefvaters zu schützen und zu seiner Familie zurückzubringen. Im Anhang des Buches wird der Jugendroman ins rechte, sachliche Licht gerückt. Fragen wie „Darf man ein Wolfsjunges mit nach Hause nehmen? Werden hier leicht verständlich zusammen mit anderen Fakten beantwortet. Immer noch Angst vorm Wolf? Dann ist dieses Buch die ideale Lektüre!

Die Diagnosen des Dr. Zimmertür

Was für ein Name: Zimmertür! Ein Doktor noch dazu. Genauer gesagt Psychoanalytiker. Aus dem Staunen wird verhaltener Respekt. Aus dem anfänglichen Amüsement Neugier. Wer sich mit dem Gedanken trägt ein kriminelle Laufbahn einzuschlagen, oder es im schlimmsten Fall schon getan hat, sollte nun die Beine in die Hand nehmen. Denn Dr. Zimmertür ist der Feind aller Übeltäter. Auch wenn sie noch so gewitzt sind. Oder gerade, wenn sie meinen dem gemeinen Ermittlervolk mit Tricks und Kniffen entkommen zu können.

Dr. Zimmertür, leicht dicklich, fahle Gesichtsfarbe, eingeschlafene Augen betreibt in Amsterdam ein ganz gut funktionierende Praxis. Zu hm kommt, wer es einfach nicht mehr aushält in und mit der Welt. Meist schon vor Betreten des Behandlungsraumes weiß der belesene Arzt, wo der Schuh drückt. Beängstigend, oder?!

Entspannung findet er in der Bodega von Beeldemaker. Er ist ein Genussmensch und wenn Kommissar Groot ihm Gesellschaft leistet, wird es oft spät. Denn Zimmertür ist – ob nun gewollt oder nicht, das lässt sich nicht endgültig klären – ein gewiefter Fallstrickentwirrer, ein Ermittler mit besonderen Methoden. Ovid und Baudelaire sind ihm genauso nah wie die Schriften Freuds.

Und so kommt es, dass ihm Kriminalfälle einfach so in den Schoß fallen. Er kann einfach nicht anders als sie zu lösen. Ein einfaches Beisammensein. Alle amüsieren sich, Zimmertür ist mehr eine Zufallsbekanntschaft als eingeladener Gast. Mehr Seltsamkeit als zugehöriges Mitglied der Gruppe. Beim Golfen entdeckt die Gruppe einen kleinen Schatz. Groß das Erstaunen über den Zufallsfund. Doch der seltsame Mann mit der ungesunden Gesichtsfarbe entpuppt sich als Spielverderber. Denn Kommissar Zufall hat mit dem Fund rein gar nichts zu tun.

Nur eine Geschichte der Diagnosen des Dr. Zimmertür. Verunsicherte Antiquitätenhändler, Justizminister in der Bredouille, Verleger in brandgefährlichen Situationen – alle kommen mit dem Gesetz in irgendeiner Art in Berührung. Nicht immer freiwillig.

Frank Hellers Doc ist bei Weitem kein gewöhnlicher Arzt und schon gar nicht ein „normaler“ Ermittler. Er war die erste skandinavische Spürnase, die international übersetzt und verlegt wurde. Eine echte Wiederentdeckung für alle Kriminalfans, denen ewig grübelnde Eigenbrödler die Lust auf neue Seiten verderben. Dr. Zimmertür ist gelassen wegen seines Erfolges. Er tut nur seinen Job. Eine Wohltat für alle Leser, denen die Literatur ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern vermag.

Die Fledermaus

Sie sind ja irgendwie ganz niedlich, oder gar posierlich, diese fliegenden Wesen. Aber wenn sie auf einen zuflattern und erst im allerletzten Moment abrupt die Richtung ändern, wird einem schon ganz anders. Vor allem, weil es so viele Gruselgeschichten über Fledermäuse gibt. Kein Wunder, sind sie doch nur nachts zu sehen bzw. eben nicht. Und sie saugen einem das Blut aus. Klischee! Nicht mal richtige Mäuse sind sie. Weswegen auch vorgeschlagen wurde sie einfach nur Fleder zu nennen. Doch da hatte ein gewisser Trivialmaler österreichischen Ursprungs was dagegen und drohte mit Bautruppeinsatz im Osten Europas… So bleiben uns bis heute die Fleder-Mäuse.

Gunnar Decker war gerade in Venedig. Wollte schreiben und hatte sich wie üblich eine Wohnung gemietet. Doch er war nicht allein. Etwas streichelte ihn sanft des Nachts. Nicht Ungewöhnliches, nichts Unangenehmes. Doch sonderbar und deswegen dann doch unangenehm. Die Stadtverwaltung hatte zur Vermeidung einer Mückenplage Fledermäuse „engagiert“. Und die taten das, worum man sie „gebeten“ hatte. Mückenjagd. Kollateralschäden inklusive.

Doch der Schaden hielt nicht lange an. Gunnar Deckers Neugier und Ehrgeiz war geweckt: Die Boten der Nacht ins Tageslicht zu locken. Und er stieß bei seinen natur- und geisteswissenschaftlichen Erkundungen auf allerlei Wissens- und Lesenwertes.

Klar, dass der gefederte Graf aus den Bergen Rumäniens nicht fehlen darf. Dracula hat mehr zur Vereinigung Europas beigetragen als es Politiker und Wirtschaftsbosse je erreichen werden. Vielleicht sogar die ganze Welt. Die Interpretationen der Werke von vom Bram Stoker und Mary Shelly trugen maßgeblich dazu bei Fledermäuse mit dem Bösen gleichzusetzen.

Ganz neu war dies aber nicht. Schon die alten Römer nagelten Fledermäuse an die Stallungen, um Böses fernzuhalten. Und Schauergeschichten über die Leichtgewichte der nächtlichen Lüfte füllen bis heute die Kuriositätenseiten der Gazetten. Als Überträger von Viren sind sie nachweisbar eine Gefahr. Aber eben nicht generell.

Gunar Deckers Ausflug in die Biologie, Literatur und Geschichte ist der Einstieg in ein Gebiet, dass wenig von sich preiszugeben vermag ohne an Mythen vorbeizukommen. Die weit aufgerissenen Mäuler, wenn man sie denn mal zu Gesicht bekommt, sind einzig allein Ausdruck von Atmung. Fledermäuse atmen mehrmals pro Sekunde, wenn sie auf Beutezug sind. Im Ruhezustand kann man sowohl Herzschläge wie auch die Atemzüge an einer Hand abzählen. Das faszinierte Staunen des Lesers hingegen ist mit nichts auf der Welt zu vergleichen.

Aleppo literarisch

Das Erste, das im Krieg stirbt, ist die Wahrheit. Dann kommt der Wiederaufbau. Den muss man feiern. Und wie? Mit neuen Gebäuden, Einkaufszentren, neu errichteten, durchgestylten Vierteln. In einer Zeit, in der anscheinend Bilder mehr bewirken als Worte, verlieren so genannte immaterielle Werte schnell an Bedeutung. Sie sind halt einfach nicht greifbar, nicht darstellbar. Doch sind es genau diese Werte, die eine kulturelle Identität darstellen, kreieren, interpretieren und für kommende Generationen bewahrt werden müssen.

Der Krieg in Syrien ist mittlerweile zum Tagesgeschäft geworden. An allen Ecken und Enden zerrt man am plattgemachten Land. Millionen Syrer sind verstreut in alle Himmelsrichtungen. Ihre Erinnerungen schwinden mit jedem Tag ein bisschen mehr. Assimilation verlangt man von ihnen. Damit einher geht oft auch die Forderung Vergangenes zu vergessen.

Mamoun Fansa wurde in Aleppo geboren. Er spricht auch nach einem halben Jahrhundert immer noch den Dialekt seiner Heimatstadt, die auf syrisch Halep heißt. Im deutschen Exil ist er immer noch Halbi, Aleppiner. Leider bietet die deutsche Sprache ihm nicht die Möglichkeit zwei Heimaten zu besitzen. In Aleppo ist das egal. Hier gilt er als einer der Einheimischen. Ihn beschäftigt sehr, dass die Kultur seines Landes, seiner Geburtsstadt den Schreckensmeldungen der Nachrichten weichen muss. Mit diesem Buch setzt er diesem menschenverachtenden Treiben einen Gedankenstopp entgegen. Kinderspiele, Musiktraditionen, Gedichte und ein Rückblick in die Geschichte geben der Stadt, in der der Bürgerkrieg so arg wütet (es ist kaum mehr als das, was in den Nachrichten transportiert werden kann), ein Stück Wahrhaftigkeit zurück. Zusammen mit Schriftstellern, Musikern und Historikern setzt er einen Teil der kulturellen Identität der Stadt, die durch Giftgasangriffe, Bombardements und Elend zu einem Synonym des Krieges geworden ist, ein lebendiges Denkmal.

Das Aleppo der Erinnerungen wird niemals wieder so sein wie es mal war. Zumindest nicht auf Bildern. In den Köpfen kann es wieder erblühen. Bis es soweit ist, müssen diese Werte bewahrt werden – da ist es wieder das Wörtchen „wahr“. Es gibt ein paar Bildbände über Syrien und Aleppo. Auch Mamoun Fansa hat beim Nünnerich Asmus Verlag einen beeindruckenden Bildband („Aleppo – Ein Krieg zerstört Weltkulturerbe“) veröffentlicht. Seite an Seite, Seite für Seite zeigt er Aleppo vor und während des unsäglichen, und vor allem unnützen Krieg. „Aleppo literarisch“ ist nicht nur eine Fortsetzung, es ist die logische Konsequenz einer Stadt nicht die Erinnerung zu nehmen und den Kämpfern das Feld zu überlassen.

Noch ein Wort zur „nicht greifbaren Kultur“. So weit entfernt Aleppo von Deutschland zu sein scheint, so ähnlich sind sich doch die gebräuchlichen Sprichworte. „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ oder „Lange Rede kurzer Sinn“ oder „Platz ist in der kleinsten Hütte“ sind hier wie da seit jeher gebräuchlich. Gehen sie hier im Wust der Abkürzungen und Neuschöpfungen des digitalen Zeitalters langsam, aber sicher verloren, werden sie im Bombenhagel immer noch hochgehalten. Das ist wahre Courage!

Costa Rica

Was ist ein besonderer Urlaub? Der allererste mit den Eltern. Der allererste ohne die Eltern. Der allererste als Paar. Eine Reise, auf die man lange gespart hat. Eine Reise, deren Anreise so lang dauert, dass man einen kompletten Reiseband einmal von Vorn nach Hinten und dann wieder von Hinten nach Vorn lesen kann. Gerade dann ist es wichtig, dass die Reiselektüre spannend, informativ und bis ins kleinste Detail hilfreich ist. Und wenn man Letztes zusammenwürfelt, erhält man eine Reise nach Costa Rica, die mit diesem Reiseband ein Stückchen näher rückt.

Costa Rica sticht nicht nur in Lateinamerika, sondern generell aus der Masse an Ländern und Reisezielen heraus. Es gibt keine Armee im Land, Massentourismus ist verpönt und deswegen nur marginal vorhanden, Nachhaltigkeit wird großgeschrieben. Ein Füllhorn an Naturattraktionen, zwei Meere, Bergtouren, action and fun (so viel Anglizismus muss sein), eine lokale Küche, die jedem Leckermäulchen ein permanentes Lächeln ins Gesicht zaubert, endlose Strände – klingt irgendwie nach Paradies. Ist es auch!

Hat man bzw. kann man sich dazu entschließen Costa Rica zu besuchen, wird es Zeit die Reise genau zu planen. Wer dem durchorganisierten Wahnsinn mit hinter einem Regenschirm gruppenweise durchs Dickicht der Hotspots folgenden Herde entgehen will, muss selber seine Reise zusammenstellen. Dieser Urlaub soll etwas ganz Besonderes werden. Autor Jochen Fuchs hat mit seinem Reiseband, der besonders auf Individualreisende zugeschnitten ist, die Bibel aller Costa-Rica- Reisebände zusammengestellt.

Das besondere Highlight sind die Touren, die es dem Neuling im Land zwischen Nicaragua und Panama vereinfachen auf der Suche nach dem Paradies fündig zu werden. Egal ob man knapp zwei Wochen, reichlich zwei oder drei Wochen bleiben will. Immer wieder streut er Anekdoten, wichtige reisepraktische Tipps ein, die farbig unterlegt nicht nur zum Lesen, sondern zum Nachmachen und Erleben einladen.

Die Masse an Naturparks überfordert den Reisenden an der einen oder anderen Stelle. In Ruhe kann man im Buch nachlesen, welche Attraktionen die einzelnen Parks bieten. Ob nun am Seil durch den Dschungel gleiten und über die Wipfel des Regenwaldes Naturschauspiele aus einer besonderen Perspektive hautnah erleben oder lieber im glasklaren Wasser der Karibik furchteinflößenden Geschöpfen über die Flosse streichen, oder beim Bummel durch Liberia, der kleinsten Provinzhauptstadt mit den Einheimischen die Siesta verdösen, dieses Buch ist ein Ratgeber zu jeder costaricanischen Tageszeit. Die nützlichen und detaillierten Karten stehen als Download für elektronische Geräte zur Verfügung. Das Buch selbst wird man immer dabei haben – so viel steht schon lange vor der Abreise fest.

So wie man Obst isst, um einer drohenden Erkältung entgegenzuwirken, so dringend empfiehlt es sich in dieses Buch als Reisegrundlage für Costa Rica zu vertiefen. Jochen Fuchs ist das, was man einen Landeskenner nennt. Und er beweist das auf jeder der knapp 600 Seiten.