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Die 92 Büsten der Eva Perón

Hose runter. Die Unterhosen auch. Das erste Kennenlernen von Ernesto Marroné und seinem zukünftigen Chef Fausto Tamerlán verläuft schon etwas seltsam. Besonders als dann noch der Chef seinen neuen Einkaufsleiter mit seinem Finger da näherkommt, wo andere gern mal Luft ablassen.

Und nun hält Ernesto Marroné vielleicht sogar diesen Finger in den Händen. Verpackt in einer Blechschachtel.

Was ist passiert? Zunächst einmal muss man wissen, dass das Vorstellunggespräch erfolgreich verlief – für beide Seiten. Ernesto hat in der aufstrebenden Firma einen Posten, der es ihm eines Tages erlaubt noch weiter aufzusteigen. Marketing, das ist sein Traum. Seit einigen Monaten ist jedoch der monströse Schreibtisch des Chefs allerdings nicht besetzt.

Denn Fausto Tamerlán ist entführt worden. Und zwar von der linksperónistischen Montonero-Bewegung, einer Bewegung, die im Argentinien der 70er Jahre, hier spielt der Roman, die Junta gehörig unter Druck setzte.

Ernesto ist der misslichen Lage die Forderungen der Entführer entgegenzunehmen und die Neueste in die Tat umzusetzen. Denn Tamerláns Entführer wollen neben den üblichen Geldforderungen auch noch, dass in jedem Raum der Firma eine Büste von Eva Perón aufgestellt wird. Schnelles Kopfrechnen: Zweiundneunzig Stück müssen so schnell wie möglich rangeschafft werden. Denn sonst … zimperlich sind die Entführer ja nicht gerade, wie der Finger beweist.

Ernesto gelingt es auch postwendend eine Firma zu finden, die die zweiundneunzig Büsten herzustellen in der Lage ist. Nur haben die Gewerkschaft und die Angestellten gerade beschlossen ein bisschen Revolution zu spielen und den Betrieb zu bestreiken und selbigen einzustellen. Die neue Fabrik mit dem Namen der Patronin Eva Perón kann also erstmal keine Büsten von Eva Perón liefern. Ernesto muss zur nächsten List greifen. Er wird selbst Perónist. Die neuen Genossen müssen ihm einfach helfen… Ob’s was hilft?

Carlos Gamerro lässt Ernesto Marroné wie ein aufgescheuchtes Huhn á la Louis de Funès durch Buenos Aires zweiundneunzig Büsten suchen, auftreiben, nach einem Produzenten suchen. Schwarz-humorig wie ein verkohltes Steak zappeln er und die Leser an der langen Leine des Autors. Bitter-böse Sprüche fliegen wie Lichtblitze umher. Nüchtern wie ein Historiker lässt er Fakten im Strudel der Wandel der Geschichte einfließen. Beide Seiten – die, die die Forderungen stellen und diejenigen, die mit Schweißflecken wie Pizzateller unter den Armen versuchen diese zu erfüllen – haben gehörig einen an der Klatsche. Doch sind sie in ihrem amateurhaften Kampf gegen die Windmühlen nur wie Pusteblumen im Wind. Bei Stille sind sie nicht besonders ansehnlich. Doch wenn Sturm aufzieht, zaubern sie mit ihrem Tanz ein Lächeln ins Gesicht der Unschuldigen.

Der schwarze Gürtel

Was ein Ehrgeizling! Fernando Retencio will unbedingt nach oben. Er will den schwarzen Gürtel. Nein, keine sportlichen Meriten. Bei Soluciones, wo er als Problemlöser arbeitet, gilt der schwarze Gürtel als ultimative Huldigung der erbrachten Leistungen. Dann hat man es geschafft.

Und Fernando ist ganz gut in seinem Job. Zumindest besser als die ganzen Pérez, die tagein tagaus am Schreibtisch ihren Fließbandjob verrichten. Ein ausgeklügeltes Punktesystem, das nur der Chef zu entziffern im Stande ist, zeigt im Firmengebäude für alle sichtbar an, wer es drauf hat und wer nicht.

Fernando ist also Problemlöser. Was das genau ist, ändert sich von Auftrag zu Auftrag. Mal kommt ein Boxpromoter, dessen Star auf einmal Gewissensbiss bekommt, und nicht mehr draufhauen will. Dann muss Fernando sich was einfallen lassen. Er redet mit dem Boxer, bietet ihm die Möglichkeit zu seinen Wurzeln zurückzukehren, indem er ihm einen Boxring aufbauen lässt. Fernando sieht all diese nervenaufreibenden Jobs nur als Wegmarken seines Aufstieges. Er will den schwarzen Gürtel, raus aus der Tretmühle und nicht ewig dort festhängen, wo andere ihr Leben lang nicht von der Stelle kommen.

So wie Dromundo. Ein Kollege. Fernando sieht ihn aber mehr als persönlichen Sklaven, der er nach seinen Vorstellungen „formen darf“. Nach Oben buckeln, dafür nach Unten umso heftiger treten. Dromundo lässt alles mit sich machen. Noch tiefer kann er nicht sinken. Er wohnt ja schon da, wo er arbeitet. Frau und Kinder inklusive. Letzte spielen jeden Tag saubermachen im Foyer.

Señor Sonrisa ist der allgegenwärtige Herrscher von Soluciones. In regelmäßigen Abständen verkündet er mit plärrender Lautsprecherstimme seine kryptischen Befehle. Wer nicht spurt, fliegt … und wird nie den ominösen schwarzen Gürtel sein eigen nennen können. Witzig für die anderen, besonders aber für Fernando, ist die Abschiedszeremonie, wenn ein Angestellter entlassen wird: Eine Cheerleader-Gruppe singt zum Abschied ein Ständchen und geleitet den Delinquenten dann zur Tür hinaus. Für Fernando ist das immer ein Triumph. Denn dann gibt es eine Hürde weniger auf dem Weg zum schwarzen Gürtel. Bis eines Tages die dauerlächelnden Mädels an seinem Schreibtisch stehen…

Eduardo Rabasa zeichnet ein düsteres Bild der mexikanischen Arbeitswelt. So surreal, dass man kaum an sich halten kann, und immer wieder schmunzeln muss. Er schickt seinen Helden Fernando durch ein Minenfeld der Emotionen. Seine Frau scheint ein Verhältnis zu haben und genießt es sichtlich ihren Gatten leiden zu sehen. Nur um ihn kurze Zeit später wieder zu umgarnen. Und wiederum später ihm seine Tolpatschigkeit und Eiferucht aufs Brot zu schmieren. Ohne die Tabletten von Dr. Lao könnte Fernando nicht überleben. Oder würde er besser leben ohne die weißen Dinger? Schwarzhumorig, was sonst, führt Eduardo Rabasa den Leser am Ring durch die Arena der Halbwahrheiten auf dem übertriebenen Grün der Eitelkeiten.

500 hidden secrets Kopenhagen

Das Tückische an Geheimnissen ist, dass man sie nicht kennt, nicht sofort sieht. Blöd, wenn man erst nach einem Urlaub erfahren muss, was man alles noch erleben konnte, wenn man auch nur eines davon gekannt hätte. Und wie groß ist erst die Überraschung, wenn man fünfhundert Stück auf einmal erleben kann?!

Es klingt wie eine Mammutaufgabe das Buch komplett „abarbeiten zu wollen“. Aber Kopenhagen ist es wert sich so viel wie möglich anzuschauen. Und einige der kleinen Geheimnisse, der versteckten „Ohos“ und „Ahas“ kann man ganz beiläufig entdecken. Man muss nur die Augen offen halten. Und genau kommt dieses Buch ins Spiel. Es ist der Begleiter, der einem permanent mit dem Ellenbogen in die Rippen stößt und flüstert: „Kuck mal da!“

Zu Beginn führt Autor Austin Sailsbury zu den fünf besten nordischen Küchen und stellt anschließend fünf dänische Gerichte vor, die man unbedingt probieren sollte. Zu denen auch das Smørrebrød gehört. Auch hier wieder fünf Orte, an denen dieser Snack Feinschmecker wie Heißhungrige gleichsam versorgt.

Derart frisch gestärkt ist es nun ein Leichtes sich durch die weiteren fast einhundert Kapitel zu staunen. Jeweils fünf Tipps lassen die Stunden, die Tage wie im Flug vergehen. Jazz- und Bluesbars, Kirchen, dänisches Design, Museen, Kurioses. Die Vielfalt an Gestaltungsmöglichkeiten den Tag zu verbringen macht Kopenhagen so reisewert.

Wer bei Dänemark auch an Tuborg (die riesige Tuborg-Flasche, die man sicher schon mal in Filmen gesehen hat) oder Carlsberg denkt, hat sicher einen verdienten Tagesabschluss im Sinn. Doch dieses Buch bietet – raten Sie mal! – fünf Gründe die Ny Carlsberg Glyptothek zu besuchen. Ein Museum, das über zehntausend Objekte zur Schau stellt. Im Wintergarten lässt es sich entspannt beim Café plaudern oder man blättert noch ein wenig in diesem Buch, um sich die nächsten Abenteuer schon mal anzuschauen.

Keine blauen Flecke in den Rippen sind das Resultat dieses Buches, sondern langanhaltende Eindrücke. Immer wieder stößt man auf Neues, Besonderes, dass man ohne die Tipps des Autors vielleicht gesehen, aber niemals als Besonderheit wahrgenommen hätte. Eine ideale Ergänzung zu einem Reiseband, der aufzeigt, dass Kopenhagen eine aufstrebende, erstaunliche Stadt ist.

Gezeichnet

Yozo wurde in die Sorglosigkeit hineingeboren. Sorglos, was das Finanzielle angeht. Seine Familie hat Geld, kann ihm bieten, was er benötigt. Zumindest das, was man mit Geld kaufen kann. Im Familienverbund muss einen Weg finden sich Aufmerksamkeit zu verschaffen. Als Clown die anderen zum Lachen zu bringen, scheint ihm der geeignete Weg zu sein. Mit Erfolg.

Auch in der Schule sind seine Clownerien vom Erfolg gekrönt.

Doch das Leben hat sich einen perfiden Plan ausgeheckt. Yozo soll nicht – wie er es sich wünscht – der gefeierte Maler werden. Exzesse pflastern von nun an seinen Weg. Frauen sind ihm suspekt. Drogen und Alkohol seine ständigen Begleiter.

Der Autor Osamu Dazai – ein Pseudonym – wurde in die Sorglosigkeit hineingeboren. Sorglos, was das Finanzielle angeht. … Moment, das wurde doch eben über Yozo gesagt. Yozo und Osamu sind sich gleich. Wenn nicht sogar dieselbe Person. „Gezeichnet“ gehört in Japan zu den meistgelesenen Büchern. Die Düsternis des Textes wird durch die Vielfalt der Worte ins Unermessliche gesteigert.

Es dauert seine Zeit bis man sich an die Bitternis des Autors, der sich selbst im Vexierspiegel betrachtet, annehmen kann. Dann aber öffnet sich ein Meer der Emotionen, eine Farbenpracht der Einsamkeit für den Leser, der einen nicht mehr loslässt. Bilder, die sich so schonungslos offen hinter wohl geformten Worten verbergen, brechen wie ein Tsunami über den Leser herein.

Yozo / Osamu sind gequälte Seelen in einem starren System. Sie können niemals endgültig ausbrechen. Sie sind zum Scheitern verurteilt. Ohne jede Chance auf Begnadigung. Osamu Dazai unternahm in seinem Leben mehrere Selbstmordversuche. Woran sich scheiterten, ist nicht bekannt. Vielleicht hatte das Leben doch noch eine Hintertür einen Spalt weit geöffnet gelassen?! Doch Osamu Dazai sah das durchdringende Licht nicht, oder wollte es nicht sehen. An seinem neununddreißigsten Geburtstag fand man ihn. Tot. Keine vierzig Jahre alt, doch ein Werk, das seit sechzig Jahren immer wieder neue Leserschaften in seinen Bann zieht.

Die Insel Capri

Wer Capri nicht gesehen hat, hat die Welt nicht gesehen. Denn sie ist dort zuhause. Vierzehntausend Bewohner der Insel begrüßen jährlich über zwei Millionen Besucher. Das muss man erstmal verkraften. Capri verkraftet es, doch mit einem leichten Pfeifen in der Lunge. Und das schon seit einem halben Jahrhundert.

Zuvor – also rund zweihundert Jahren – war Capri eine Insel, die man nur sehr schlecht erkunden konnte. Touristen gab es kaum, wozu also Wanderpfade, Wegweiser, Hotels errichten. Dann kamen die Intellektuellen, die Dichter und die Herren in Weiß. Ja, die Ärzte, nicht die Band, waren die ersten, die Capri für sich und ihre „Kunst“ entdeckten. Schon bald kamen auch die Patienten. Und dann der Rest. Hier urlaubten Kaiser Tiberius, Kanonen-Krupp und Berufsrevolutionär Lenin. Autohersteller zierten ihre Karossen mit dem Namen der Insel, eine Orangenlimo trägt ihren Namen in die Welt.

Dieter Richter zieht in seinem Inselbuch eine Bilanz Capris. Und die hat Höhen und Tiefen. Als Tiberius hier vor zweitausend Jahren sein Asyl bezog, war er ein ungebetener Gast. Noch heute findet sich im Taufregister wohl so mancher Cesare oder Augusto, aber kein Tiberio. Denn an den Klippen, wo Tiberius sich seine Villa erbauen ließ, ging es hoch her. Orgien und Sittenverfall bis hin zum ominösen salto di teberio, dem (fast immer unfreiwilligen) Sprung über die Klippen.

Capri ist aber auch eine geteilte Insel. Die Orte Capri und Anacapri verbindet eine Treppe und ein tief empfundener Zwist. Während unten in Capri, das Fremdencapri, wie es auch genannt wird, sich die Hautevolée ein Stelldichein gibt, gibt es für Anacapri nur die Küchenreste. Wer allerdings, ganz ohne falsch verstandene und gelebte Romantik Capri erleben möchte, ist in Anacapri bestens aufgehoben.

Doch im Zuge der Modernisierung und zunehmenden Bebauung der Insel wird dieser Unterschied auch bald ausgeglichen sein. Wenn er es nicht schon ist. Capri sorgt seit über hundert Jahren für Furore. Zahllose Aussichtspunkte, belvedere, luden und laden zum Aufs-Meer-Schauen ein. Architektonische Wunderhäuser, auch solche, die in keinem Architektur-Hochglanz-Prospekt auftauchen werden, sorgen für Aha-Erlebnisse. Und dann natürlich die Blaue Grotte. Sie gab zahlreichen Insulanern Broterwerb für Generationen. Sofern ein Boot zu Verfügung steht. Wer sie nun als erster entdeckt hat, bleibt bis heute ungelöst. Ein Deutscher oder sein Bootsführer aus Capri? Wer sie besucht, darf nicht nach Ruhe suchen.

Wie man es dreht und wendet, Capri ist ein Muss. Allerdings mit Abstrichen. Idyllisch ist es immer noch. Erholung findet man sicher auch noch. Doch wer glaubt, gemütlich auf der Piazza – vielleicht sogar im Fremdencapri – genüsslich eine Pizza essen zu können, wird sein blaues Wunder erleben.

Das blaue Wunder kann man aber auch einfacher haben. Dieses blaue Buch ist wahrhaft ein Wunder. Zweihundert Seiten, inkl. Auflistung der VIP-Besuche aus fast drei Jahrtausenden, geben einen unterhaltsamen wie informativen Überblick über die Sehnsuchtsdestination Nummer Eins der Deutschen vor knapp sechzig Jahren.

In 80 Bäumen um die Welt

Was haben Jules Verne, die Flagge des Libanon und ein ohrenbetäubender Lärm gemeinsam? Beginnen wir am Ende. Die Welt ist nach Meinung der meisten Forscher mit einem Urknall auf selbige gekommen. Ob der nun wirklich so laut war, ist eher eine philosophische Frage. Die Flagge des Libanon ziert eine Zeder und Jules Verne ließ seine Phileas Fogg in achtzig Tagen um die Welt reisen. Voilá, „In 80 Bäumen um die Welt“ ist geboren. So einfach ist das!

So einfach ist es dann doch nicht! Jonathan Drori ist Kurator für den Woodland Trust, verantwortlich für Wissenschaftssendungen bei der BBC Botaniker durch und durch. Das merkt man schon allein an der begeisterungsfähigen Wortwahl, die seine Texte schmückt.

Er reist einmal quer um den Globus und sieht da genauer hin, wo andere hinwegsehen. Wer schaut schon genau hin, was da am Wegesrand so grün grünt?! Und das eben nicht nur in den verhältnismäßig wenigen Ländern, die Phileas Fogg bereiste, sondern rund um den Globus: Tonga, Malaysia, Botswana, Kanada, Chile, Belgien, Somalia, Seychellen, um nur einige zu nennen.

Es muss schon ein erhebendes Gefühl sein, wenn das lavendelfarbene Schauspiel des Palisanders im Norden Argentiniens betrachten kann. So filigran die einzelnen Äste, so kompakt die ganze Krone. Es duftet unvergleichlich, die Blüten laden zum Staunen ein. In der Natur eine Wucht, im Buch eine Sehnsucht.

Eine Avocado gehört schon seit Längerem auch bei uns auf einen reich gedeckten Tisch. Doch ihr Geheimnis liegt nicht im Geschmack, sondern in ihrer Fortpflanzung. Erst zeigen sich die weiblichen Blüten. Jetzt sind sie bereit. Dann machen sie schüchtern erstmal wieder dicht. Dann balzen die männlichen Blüten, um zu zeigen, dass es losgehen kann. Echte Emanzipation: Denn nun zeigen sich die weiblichen Blüten wieder und die kleinen Helferlein wie Bienen und andere Insekten legen fleißig Hand an.

Die detailreichen Zeichnungen von Lucille Clerc geben wie bei einem wohlschmeckenden Mahl den unterhaltsamen Texten von Jonathan Drori erst die richtige Würze. Wer ganz genau hinsieht, entdeckt feinste Pinselstriche. Es ist wie im richtigen Leben: Da ein Baum – zur Kenntnis genommen. Doch wer die Augen richtig aufmacht, erkennt die Vielfalt und Einzigartigkeit einer jeden Pflanze.

„In 80 Bäumen um die Welt“ ist ein Reiseband für unterversorgte Globetrotter. Eine Stadt, eine Region und ihre von Menschenhand erschaffenen Reichtümer zu besichtigen, ist eines. Aber der Natur ihre Geheimnisse, die so offensichtlich dargeboten werden, immer wieder neu zu entdecken, kommt einem echten Abenteuer gleich. Mit Kapitän Jonathan Drori und Lucille Clerc im Ausguck ist immer Land in Sicht.

Die Amerikafalle

Mehrere Wochen Amerika – und dann wird es „nur“ Bowling Green, Ohio. Könnte man meinen, aber Martin Amanshauser nutzt die Lehrtätigkeit an der örtlichen Uni zu einem Selbstfindungstrip.

Bowling Green im so genannten Swing State Ohio – hier können die politischen Mehrheitsverhältnisse von Wahl zu Wahl wechseln – mag auf den ersten Blick nicht unbedingt die Nummer-Eins-Wahl sein, wenn man Amerika besucht. Ein Land, das San Francisco, Chicago, New York und New Orleans im Angebot hat. Doch Martin Amanshauser findet dieses Städtchen durchaus repräsentativ, wenn man herausfinden möchte, wie man Amerika denn nun – für sich selbst – beurteilen möchte.

Als Erstes fällt ihm die unverblümte Freundlichkeit auf. Ein Smalltalk ist leicht begonnen. Das mag daran liegen, dass das Fremde erst einmal neugierig macht. Schließlich ist das heutige Amerika aus dem Fremden entstanden. Selbst der Präsident ist erst die dritte Generation im Lande…

Es sind die kleinen Dinge, die man im Kopf behält, wenn man das große Ganze betrachten möchte. Ein Autokauf. Sein Saturn hatte bestimmt schon bessere Zeiten erlebt. Autopflege steht in Bowling Green eh nicht an erster Stelle der Bürgerpflicht, das Auto wird schon halten. Nur bedingt, wie er recht bald feststellen muss. Doch mit ein wenig Geschick wird der Fehlerteufel vertrieben.

Amerika ist nicht das Ende der Welt. Vieles im Land der unbeschränkten Möglichkeiten ähnelt dem im heimischen Österreich. Martin Amanshauser ist außerdem seit Jahren gut beschäftigter Reisejournalist, dem so schnell nichts umhaut. Aha-Effekte erkennt er aber trotzdem noch und freut sich jedes Mal, wenn sie ihm begegnen. Als Leser hat man in ihm einen fachkundigen und neugierigen Kundschafter, der vieles anzeigt, doch nichts vorwegnimmt.

Wer will kann Amerika auf den Leim gehen. Wer will kann aber auch dieses Buch lesen und Amerika eben nicht auf den Leim gehen. Denn es geht nicht darum Werbung für ein Land zu machen, das gar nicht beworben werden dürfte. Der Autor hatte so seine Bedenken gegenüber Amerika. Doch was ist das: Amerika? Es sind doch die Menschen, die einen beeindrucken oder eben nicht. Keine Bauwerke oder Monumente von Mutter Natur und von Menschenhand erschaffen. Und wer sich von Politik und ihren Führern die Lust auf ein Land verleiden lässt, ist eh schwer um zu stimmen.

Wer offen ist, wird sich mit diesem Buch mehr als nur gut unterhalten fühlen. Martin Amanshausers Anmerkungen, Geschichten und Anekdoten zu folgen, ist eine wahre Lust. Er ist weit davon entfernt alles durch die rosarote Brille zu sehen. Sein Blick bleibt scharf. Wenn ihm was nicht passt, schreibt er es auf. Aber – und dieses Aber kann man gar nicht groß genug schreiben – er versucht dem Grund dafür herauszufinden. Eine Fähigkeit, die in der Gegenwart wo auch immer langsam aber sicher zu vergessen droht.

Dux

Bei dem Namen Casanova hört man bis heute auf. Dieser Lustmolch, der die Frauen scharenweise umlegte, als Spion von Hof zu Hof wanderte, und in Venedig zur persona non grata erklärt wurde. Mythos und Wahrheit liegen bei ihm so nah beieinander wie bei kaum einen anderen. Er freute sich in der Gesellschaft der wirklich (oder scheinbar) Großen sonnen zu dürfen. Ein Phänomen, das man bis heute noch (bzw. immer häufiger) beobachten kann.

Doch – und das ist die Warnung an all die sich heranwanzenden Sport-„Reporter“, Influencer und Castingshow-Zweitrundenteilnehmer – er starb einsam, krank und ungeliebt im Exil. In Duchcov, dem ehemaligen Dux, auf dem gleichnamigen Schloss. Sein Sterbesessel wird im Juni 2018 (am vierten des Monats jährt sich sein 220. Todestag) sicherlich Scharen auf das idyllisch gelegene Schloss locken. Sofern man ihn nicht wieder mit Nichtachtung strafen wird.

Casanova ist mittlerweile im Rentenalter. Graf Joseph Karl Emanuel von Waldstein hat vor einiger Zeit den Glücksritter an seinen Hof geholt. Es ist das Jahre 1785. Hier soll Casanova als Bibliothekar tätig sein. Er liest viel, schreibt noch viel mehr. Veröffentlichungen – kaum. Der Graf selbst ist damit beschäftigt Politik zu betreiben, weshalb er einige Jahre später für einen langen Zeitraum verreisen wird. Von Frankreich ausgehend droht Europa eine neue Gestalt anzunehmen. Ach, was wäre Casanova glücklich gewesen hier mitwirken zu dürfen, Seilschaften zu knüpfen, Verbrüderungen zu entzweien. Doch er fristet ein karges Leben in Nordböhmen.

Zu seinem Verdruss sehen der Verwalter und ein Leutnant, der als eine Art Aufpasser sich hier einen kleinen Zuverdienst sichert, in dem Italiener eine Laus, die zerquetscht werden muss. Casanova einen einzuschenken, ist ihr liebster Zeitvertreib. Sie sind geschickt, so dass selbst der Bürgermeister und Richter der Stadt nichts unternehmen können. Casanova ist hoffnungslos festgesetzt. Er, der einst Europas Adelshäuser im Gespräch und Atem hielt, ist nun der gebeugte Prügelknabe zweier Günstlinge. Späte Rache des Schicksals? Ein Happy end kann er nicht erwarten. Und er ist sich dessen sicher auch bewusst.

Die Historiker streiten bis heute über die Bedeutung des Monsieur de Seintgalt. Wohl auch, weil er sich winden konnte wie ein Aal. Schlecht festzunageln, dieser Windhund! Sebastiano Vassalli gelingt das Kunststück, Casanova für die Dauer dieses Büchleins einzufangen. Ein kränkelnder, nie komplett resignierender Greis, dessen Perücke schlecht sitz und dessen Strümpfe am laufenden Band verrutschen. Eine kurze Episode im Leben des Hans Dampf in allen Gassen, seine letzte. Doch sie beweist nur eines: Den Atem konnte man ihm nur einer auslöschen, Gott. Der Kampfgeist jedoch entwich ihm erst nach dem letzten Atemzug. Chapeau!

Die fremden Götter

Man überschreitet deutlich mehr als nur die Grenze des guten Geschmacks, wenn man Luises Leben, das in Nizza begann und in Avignon weitergeführt wurde, als himmlisch bezeichnet. Denn es sind die Jahre nach der Naziherrschaft in Europa. Ihre Eltern haben das Konzentrationslager überlebt, und können wie nur Wenige zurückkehren. Ihre Jüngste hat die Strapazen des Krieges nicht überlebt. Luise lebt! Die Jahre im Ursulinenkloster, dessen Gebäude heute noch in Avignon existiert, haben ihre Spuren hinterlassen. Luise ist nun strenggläubige Katholikin. Statt sich maß- und vor allem grenzenlos über die seltene Familienzusammenführung zu freuen, sind Mutter und Vater zutiefst enttäuscht über den Wandel der Tochter. Denn die Eltern sind nicht minder tiefgläubige Juden. Weshalb sie auch von der Gestapo deportiert wurden.

Walter Schott wurde im KZ zu einem ernsthaften Juden. Wollte man ihm dies austreiben, ist es gründlich in die Hose gegangen. Wieder in Freiheit kann er seiner Religion nicht mehr auch nur eine Handbreit freigeben. Das spürt besonders Tochter Luise. Ihr Vertrauen in Gott ist ungebrochen. So oft es geht, betet sie in der Kirche, bittet um Beistand in der schwierigen Zeit. Denn die Eltern haben sich verändert.

Walter Schott fleht seine Tochter an wieder zum Judentum überzutreten. Einen konkreten Grund hat er nicht bzw. kann ihn nicht nennen. Für einen Mann mit seinem Schicksal tut er etwas Ungeheuerliches: Er sperrt seine Tochter bei Wein, Brot und Apfel ein. Niemand darf zu ihr. Nicht einmal die Schulkameraden, denen erzählt wird, Luise habe die Masern. Auch der Mutter wird strengstens untersagt Luise zu besuchen.

Kurz zuvor hatte es der Vater „noch im Guten versucht“. Théodore Bovin, der Sohn des Rabbis und selbst schon auf dem Sprung zum Philosophiestudium an die Sorbonne sollte Luise ins Gewissen reden. Doch stattdessen verguckt er sich in die hübsche Siebzehnjährige. Emile Colombe ist Buddhist. Auch er schafft es nicht – will es auch nicht, denn sein Wankelmut sieht keine Religion vor – Luise zur Rückkehr zu bewegen. Denn Luise ist in Henri Matelotte verknallt. Selbstständiger Fotograf, der in ihr aber leider nur ein Abenteuer sieht. Sie sind trotzdem Luises letzte Möglichkeit dem Wahn des Vaters zu entkommen.

Es ist erschreckend zu lesen, wohin religiöser Wahn führen kann. Und so aktuell. Hermann Kesten schrieb diesen Roman in den 40er Jahre des 20. Jahrhunderts. Der Krieg war gerade aus, etwas Ruhe kehrte langsam ein. Doch die Dickschädel – und deren Couleur spielt überhaupt keine Rolle – mischen immer noch mit. Es ist die Zeit der Neuanpassung, des Aufbruchs und Neuaufbaus. Das Land liegt brach, und die Fanatiker sehen darin die Chance ihre Ideen auf fruchtbarem Boden zu säen. Doch die Menschen sehnen sich nach Bewährtem, nach Sicherheit. Und die fanden nicht Wenige im Schoß der Religion. Warum also davon abweichen? Luise will ihren eigenen Weg gehen. Dornig wird er und entbehrungsreich, doch es ist ihr Weg.

Coin Locker Babys

Das kann nicht gutgehen! Das wird einfach niemals gut ausgehen können! Es ist der 18. Juli 1972. In China fällt ein Sack Reis um, in Deutschland erreicht eine Frau ihr Rentenalter und in Japan wird Kikuyuki Sekiguchi in einem Münzschließfach entdeckt. Erstes rechnerisch der wahrscheinlichste Fall. Zweites ist rechnerisch bestimmt eingetreten. Drittes jedoch schnürt dem Leser die Kehle zu. Präzise wie ein Skalpell beschreibt Riū Murakami wie eine namenlose Frau sich für eine Tat vorbereitet, die so unbeschreiblich ist. Sie setzt ihr Kind in einem Münzschließfach aus. Wohlbehütet in einem Karton. Und da schwimmt der Leser erst auf den ersten Handvoll Seiten und hat noch weit mehr als fünfhundertfünfzig vor sich!

Kiku kommt zu Nonnen. Sie ziehen ihn groß, genauso wie Hashio Mizouchi, genannt Hashi. Da ihre Eltern nicht bei einem tragischen Unglück ums Leben kamen, bleiben sie eine sehr lange Zeit bei den Nonnen. Bis sich eines Tages ein Paar ihrer erbarmt und sie mitnimmt. Auf eine einsame Insel. Hashi ist es, der Kiku erzählt, wer sie sind, woher sie stammen.

Hashi sucht das Glück in der Isolation. Nähe lässt er nicht zu. Nur Kiku vertraut er. Der jedoch ist ein rechter Spring-Ins-Feld. Er würde lieber heute als morgen ausbrechen und die Welt aus den Angeln heben. Sie wachsen heran. Typische Jungens, die auch mal über die Stränge schlagen. Alles nichts, was nicht woanders auch passiert. Doch tief im Inneren nagt ein Drang. Der Drang ihren Müttern die Rechnung zu präsentieren.

Die erste Registrierkasse finden sie im Giftghetto von Tokio. Hier ist das Tokio der Hypertechnologie gegen das Schwarz der Unterwelt, der Freaks und der Halbseidenen ausgetauscht worden.

Doch Hashi scheint auf einem guten Weg zu sein. Er ist mit einer begnadeten Stimme ausgestattet. Kiku hingegen entwickelt sich zu einem Typen, dem man das Prädikat Rächer auf Anhieb abnehmen würde. Immer wieder trennen sich ihre Wege genauso oft wie sie sich kreuzen werden. Knast, Ruhm, Erfolg und Depression können auch von ihren Partnerinnen nicht aufgehalten werden. Kiku hat sich in Anemone verknallt. Die hat sich extra für ihr Krokodil (!, nein kein Tippfehler) ihre Wohnung artgerecht umbauen lassen. Hashi und Niwa scheinen dagegen so etwas wie ein normales Leben führen zu dürfen. Bis Niwa schwanger ist…

Man braucht schon starke Nerven und Durchhaltevermögen, um diesen Roman zu lesen. Absetzen ist keine Option! Wer einmal die erste Seite überstanden hat, wird sofort süchtig. Datura ist das Elixier, das Kiku antreibt. Was das ist, wird nur verschwommen erklärt. Ein Gift. Ein Gift, das alles andere wie LSD oder Meskalin wie lauwarmes Leitungswasser erscheinen lässt. Ist es wirklich das elysische Delirium, das beide oder einen von beiden erwartet? Oder ist es nur die Frucht der Versuchung? Keiner weiß es, aber der Weg dorthin ist mörderisch!