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Die Reise zum ersten Kuss

Wenn der, der seine Versprechen hält mit der Blume en Kind zeugt, ist es frei wie der Wind. Besnik und Lule haben Era in die Welt gesetzt. Sie wohnen in Prishtina, im Kosovo. Sie sind Kosovo-Albaner. In den 90ern kein Zuckerschlecken, vielmehr die Hölle auf Erden. Der Weg zur Schule wird von serbischen Milizen gesäumt, die je Lust und Laune die Bevölkerung drangsalieren dürfen. Ihr Vater ist politisch aktiv. Und zwar so sehr, dass er für zwei Jahre verschwindet. Oma Emine ist der ruhende Pol in der Familie. Für Era bäckt sie Schokoladenbrötchen. Daran kann sich die Kleine einfach nicht sattessen. Ein Jammer, wenn es Emine und ihre Schokoladenbrötchen nicht mehr geben würde. Unvorstellbar!

Doch das Leben hält eine Wendung für Era und ihre Familie parat. Sie folgen dem Vater, der nach zwei Jahren endlich wieder aufgetaucht ist, nach Berlin. Als politisch Verfolgter darf er in Deutschland bleiben. Und der Familiennachzug ist auch kein Problem. Nur Oma Emine will nicht weg. Nicht weg von ihrem angestammten Platz. Trotz des serbischen Milizenterrors. Drei Tage hat Era Zeit. Die Musik von Madonna und der Walkman sind das wichtigste. Die Kassette hat ihr Onkel Agim einmal bespielt. Er fiel dem Terrorregime zum Opfer. Damals sah Era ihren Vater zum ersten Mal weinen.

Berlin ist kalt im November. Grau. Und es fällt der erste Schnee. Die Familie wird in einer Flüchtlingsunterkunft untergebracht. Alles kahl, kalt, unfreundlich, trostlos. Nach drei Monaten darf Era endlich zur Schule gehen. „Kaba, Autobahn und Tschüss“ kennt sie bereits. Ihr offenes, unschuldiges Wesen macht es ihr einfach Freunde zu finden. Auch ihr Deutschnachhilfelehrer Daniel erleichtert es die fremde Sprache und Kultur zu verstehen. Jetzt fehlen nur noch zwei Dinge: Karten für das bald anstehende Madonna-Konzert zu bekommen und einen deutschen Jungen zu küssen…

Arta Ramadani stammt selbst aus Prishtina. Sie hatte eine glückliche Kindheit im Kosovo und eine glückliche Jugend in Mannheim. Era und Arta sind zwei Frauen mit ähnlichen Schicksalen. Eras ist fiktiv mit realen Bezugspunkten. Mit echter Lebenslust beschreibt Arta Ramadani das Heranwachsen eines Mädchens, das früh lernen muss, dass Verlust schmerzhaft ist, im Gegenzug aber auch immer einen nächsten Schritt bedeutet. Die ungeschminkten (positiven wie negativen) Erinnerungen an Prishtina schnüren dem Leser fast die Kehle zu. Die unverblümt geäußerten Gedanken in Deutschland rühren zu Tränen. Era wird gezwungenermaßen in ihr neues Leben geschubst. Ehrlich und echt nimmt sie mit, was ihr beigebracht wurde und ist nun mittendrin im neuen Lernprozess des Lebens. Traditionen beißen sich in Berlin noch offener als in der beruhigend anmutenden Heimat im Süden. Doch Era weiß sich zu helfen und die besten Ratgeber der Welt hinter sich: Ihre Eltern.

Leute machen Kleider

Es ist mittlerweile zu einer Art Volkssport verkommen jedweden Hersteller auf den Zahn zu fühlen. Woher kommt diese Zutat, woher die andere. Werden die Leute fair (was ist das eigentlich: Fair?) bezahlt? Und so weiter und so fort. Eine endgültige Antwort bekommt man nicht. Doch man weiß, dass es zig Zertifikate gibt, die dem Konsumenten – also uns – ein gutes Gefühl geben sollen. Was sie meist auch tun.

Imke Müller-Hellmann geht es nicht anders. Das, was sie auf der Haut trägt, was sie warmhält, sie schützt, sie kleidet, kommt auch von irgendwo her. Doch von wo genau? Das will sie nun wissen. Und sie fragt nach. Und zwar so lange bis sie eine Antwort erhält, die sie ruhen lässt.

Der Anfang des Buches erschafft ein modernes Märchen. Die Autorin sitzt am Frühstückstisch. Alles Routine. Mit einem Mal stehen die Produzenten in ihrer Küche. Die Erdbeerpflücker, der Weizenbauer, der Kaffeepflücker. Sie kommen aus aller Herren Länder, vom Acker um die Ecke bis nach Nicaragua. Natürlich nur ein Traum, eine Idee, ein Gedankenspiel. Vor allem aber der Grundstock für die Recherchen zum Füllmaterial ihres Kleiderschrankes.

Den Slip, den sie trägt kann sie noch ganz gut nachverfolgen. Vom Kaufhaus zum Vertrieb, von da zum Hersteller. Die Kontaktaufnahme ist relativ problemlos. Ganz im Gegensatz zu ihrer Mütze. Die wird in China hergestellt. Noch. Bald schon in Bayern. Zum gleichen Preis. Erstaunlich, oder?! Aber es funktioniert wohl doch. Den Arbeitsplatz, wo ihre Mütze einmal das Licht der Welt erblickte, kann sie nicht eruieren. Selbst in Deutschland, wo die Mütze versandfertig gemacht wird, kann ihr niemand genauere Auskünfte geben. Es ist selbst den Auftraggebern nicht bekannt, in welcher Fabrik dies geschieht. Und wenn, ist es extrem schwierig einen Interview zu bekommen, geschwiege denn den Arbeitsplatz zu besichtigen. Es sind auch zu viele kulturelle Unterschiede. Gutes Argument, um eigenes Desinteresse zu kaschieren.

Die Weltreise zu den Geburtsstätten ihres Unterhemdes, ihrer Jeans, ihrer Schuhe, ihrer Fleecejacke, ihres T-Shirts führt Imke Müller-Hellmann um die ganze Welt. Dass die Produktionsbedingungen teils unter aller Würde sind, versteht sich bei den teilweise derart niedrigen Kaufpreisen von selbst. Doch dass, sie es tatsächlich schafft die Fabriken, die Hersteller, die Produzenten am Arbeitsplatz zu finden, ist ein Ergebnis, dass Bewunderung verdient. „Leute machen Kleider“ ist sicherlich der einprägsamste Beitrag zum Karl-Marx-Jahr 2018. Eine spannende Rundreise, eine lehrreiche Umrundung der Welt, die wie ein roter Faden durch das Buch führt. Und immer, wenn man nun sein Shirt Made in Indonesia sich überstreift, seine Sneaker Made in China über die Füße zieht, seinen Meanie made in Vietnam auf den Kopf setzt, hat man diese Reise im Kopf. Auch das ist Kapitalismus. Inklusive der viel zitierten Kritik daran.

Stallungen

Das kann ja heiter werden. Eine Party ohne Frauen. Don Guido Carrión feiert vielleicht einen seiner letzten Geburtstage. Ein paar hundert Gäste treffen sich auf dem ausgedehnten Anwesen des angesehenen Pferdezüchters in den Höhenlagen Guatemalas. Alle sind ausgelassen. Es gibt viel zu trinken. Und viel zu bestaunen. Die Pferde von Don Guido sind erlesene Schätze. Als die ersten maulen – schließlich sind ja keine Frauen zur Party eingeladen worden – und zu gehen drohen, knallt’s. Und zwar wirklich. Mit einem Rumms stehen die Stallungen in Flammen. Auch Duro II, der Stolz seines Besitzers und der gesamten Umgebung fällt den Flammen zum Opfer. Der Erzähler, Schriftsteller, der mit seinem Vater die Party besucht, wird von vielen erkannt und beglückwünscht. Sicher haben die meisten sein Buch nicht gelesen, wohl aber von dessen Veröffentlichung gehört. Und sie kennen ihn. So wie der Anwalt Jesús Hidalgo. Er überreicht ihm seine Karte mit einer Bitte und einem Hinweis: „Darüber sollten Sie mal schreiben!“.

Kurzerhand nimmt er Einladung an. Ob er am Ende des Buches noch einmal so reagieren würde? Ein zwielichtiger Typ, dieser Anwalt. Er scheint alle Fakten zu kennen, die zu der Brandkatastrophe führten. Aber er will auch niemandem auf die Füße treten. Deswegen soll ein fiktiver Roman entstehen. Doch warum das alles?

Das Gespräch geht in einen Ausflug über und unversehens blicken der Zarte, die rechte Hand des Dons, Dona Barbara, von der keiner so recht weiß, warum sie ihre deutsche Heimat verließ und in Guatemala nun Pferde züchtet, der Anwalt und der Erzähler in den Lauf einer Pistole. Ein Stallbursche am anderen Ende des Revolvers.

„Stallungen“ ist keineswegs einfach nur ein kleiner Roman aus einem kleinen fernen Land. Aus der Idee innerhalb des Romans einen Roman aus den Geschehnissen rund um eine Geburtstagsparty zu schreiben, wird schnell Ernst. Ds Machtgefüge innerhalb der Finca Palo Verde, seinem Patron und dessen Gefolge wird eher beiläufig erwähnt. Hier herrschen Zustände wie im Mittelalter. Wer nicht spurt, spürt die Knute. Wer aufbegehrt, verschwindet auf Nimmerwiedersehen. Dass immer wieder rebelliert wird, zeigt nur, dass der Funke Hoffnung immer noch mehr als nur glimmt.

Rodrigo Rey Rosa ist ein Künstler mit der Feder. Die bedrohliche Situation am Tisch als plötzlich der Stallbursche die Waffe zieht, wirkt für alle wie im Film. Sie rechnen nicht mit dem alles verändernden Knall. Manche aus Arroganz, weil sie weit über dem Burschen stehen, obwohl der das bessere Argument in den Händen hält. Manche sind fast schon furchtlos, weil sie in ihm das Gute sehen. Die vierzehn Kapitel dieses Buches fliegen im Nu an einem vorbei. Erst nach dem Absetzen fühlt man die Kraft, die von diesem Buch ausgeht.

Das Casting

Sieben Jahre ist es her, dass Aoyama seine Frau verlor. Krebs. Seitdem ist der Dokumentarfilmer allein mit seinem Sohn Shige. Der ist mittlerweile schon fünfzehn und geht immer öfter eigene Wege. Und macht sich auch seine Gedanken. „Willst Du nicht wieder heiraten?“, platzt es eines Tages aus dem Teenager heraus. Aoyama wird plötzlich aus seiner Lethargie gerissen. Er trifft sich mit seinem ehemaligen Kollegen Yoshikawa. Der ist begeistert, das Aoyama wieder auf andere Gedanken kommen will. Er weiß allerdings auch, dass sein Freund besondere Ansprüche an die neue Neue stellen wird. Zwei kreative Medienmacher zusammen in einem Restaurant . klar, dass das was rauskommen muss. Yoshikawa fährt auch gleich die ganz großen Geschütze auf. Ein Casting. Für einen Film. Betrug entfährt es gleich Aoyama. Die Bedenken kann Yoshikawa sofort beiseiteschieben. Im Nu hat er einen Marketingplan parat. Werbung im Radio, er hat sogar schon die Zielgruppe und somit die Sendezeit im Kopf. So als wenn er den Plan schon seit Jahren in der Brieftasche mit sich herumträgt und nun endlich das zerknitterte Papier mit einem Taraaaa präsentieren kann. Naja, wenn’s gar nicht anders geht?!

Schon vor der eigentlichen Fleischbeschau, die für Aoyama den erhofften Segen bringen soll, fällt dem Witwer eine Dame besonders auf: Yamasaki Asami. Sie hat was. Sie wird es werden. Der neue Star! Dass das Casting eigentlicheinen anderen Grund hatte, wird er ihr schon irgendwann erklären können.

Und siehe da. In der Fragerunde, in der sich so manche wie typische Casting-Touristen gebärden – von bis auf die Knie fallen bis hier zum Striptease ist alles dabei – erweist sich Yamasaki Asami als die einzige geeignete Kandidatin. Das Ballett war mal ihre Leidenschaft, ihr Ausweg aus der Schwiegervaterhölle. Doch eine Verletzung beendete jäh den Traum. Aoyama und Yamasaki Asami verbringen von nun an mehr Zeit miteinander. Der Altersunterschied von einer Generation ist nicht existent. Sie lernen sich kennen, und begehren. Aoyama ist ganz Gentleman und drängt die junge Frau zu gar nichts. Seine Geduld wird belohnt. In einem Hotelzimmer kommen sich die beiden endlich auch körperlich näher. Es wird für Aoyama eine Nacht, die er nicht vergessen wird.

Ryū Murakami legt dem Leser ein kleines Leckerli hin. Ein einsamer Witwer blüht durch eine kleine List, eine Notlüge wieder auf. Er hat Glück, denn selbiges klopft prompt an die Tür. Auch sie ist auf der Suche nach Liebe, Geborgenheit und Glück. Mit einem Karateschlag werden Held und Leser schwer getroffen. Was ist das? Woher kam das? Denn das Glück hat selbst einen Tritt in die Magengrube erhalten. Ein teuflisches Spiel, blutrot getränkt schwing sich auf alles bisher Gelesene in Frage zu stellen. Schon mit „Coin Locker Babys“ spaltete Ryū Murakami die japanische Literaturszene. Und zwar in erfolgreiche Autoren und ihn. Ryū Murakami ist eine Liga für sich.

Kärtner Ecke Ring

Der Zweck heiligt die Mittel. Die große Sache steht über dem Schicksal des einzelnen. Das Ziel ist wichtiger als der Weg. Ludwig Bilinski ist von einer gnadenlosen Idee beseelt. Wien muss wieder erblühen. Weg mit dem gentrifizierten Mist. Weg mit dem Schutt des Alltags. Weg mit der Apathie des Hinnehmens. Es ist Zeit zu Handeln.

Große Worte, großes Gedankengut. Norbert und Tamara Bauer sind hierfür wie gemacht. Mit der Mutter bändelt Ludwig an, mit dem Sohn verschlägt es ihn in die Opera Toilet Vienna. Norbert ist vom Leben nicht nur enttäuscht, es kotzt ihn an. Den Vater hat er früh verloren – wenn er wüsste, dass der erst vor Kurzem ins Gras gebissen hat und als Poet und Sänger in Wien so manchen neuen Gassenhauer ersonnen hat. Die Mutter verbot ihm strengstens eine Gitarre in die Hand zu nehmen. Als Steppke hat er eine Gitarre mal in der Abstellkammer entdeckt und ein wenig darauf rumgeklimpert. Patsch, peng, Erst ins Gesicht, seines, dann gegen den Türrahmen, die Gitarre.

Jetzt schlägt sich Norbert mehr schlecht als recht durchs Leben. Ein Blowjob da, ein Joint hier. Der Einbeinige, bei dem er lebt, ist auch nicht gerade das Paradies. Doch weniger ist besser als gar nichts.

Man liest sich fasziniert vom Wortschwall des Autors Paul Auer (der Name erscheint nicht nur auf dem Cover, sondern am Anfang und am Ende des Buches als Doktor – auf die Idee muss man erst mal kommen) und merkt gar nicht wie tief man in den Strudel der kommenden Ereignisse hineingezogen wird. Es ist ein Labyrinth. Eines aus dem nur der Leser entkommen kann. Aber warum sollte er? Es ist doch grad so schön!

Ludwig sieht das anders. Nichts ist schön. Alles ist verkommen. Er selbst steckt in einem perfiden Spiel fest. Die Spielregeln kennt er allerdings noch nicht. Nicht mal die Spielanleitung wurde ihm angeboten. Die liegt irgendwo im kranken Hirn von Ludwig Bilinski rum.

Wer Wien besucht, kommt automatisch irgendwann an der Kärntner Ecke Ring vorbei. An der Oper, und der Toilette. Eine Querstraße weiter ist das Sacher. Die Häuserfassaden verschwimmen im Meer der neuen Architektur. Und hier soll das neue Wien erstehen. Aus Ruinen. Doch die müssen erst einmal geschaffen werden. Paul Auer geht mit dem Leser auf einen Trip, von dem man verändert wieder zurückkehren wird. Das monarchische Ambiente reizt immer noch, doch ein Beigeschmack wird immer am Leser hängenbleiben. Viel Spaß beim nächsten Wien-Besuch! Und nicht vergessen: Hinterher immer brav die Hände waschen!

Richtig hohe Absätze

Sich verbiegen, um den geraden Weg einschlagen zu können. Su Nuam ist fünfzehn Jahre alt. Und sie arbeitet schon. Als Übersetzerin. Aufgewachsen ist sie in der Nähe von Buenos Aires. Ihr Vater, ein Chinese, wird eines Tages von einem wütenden Mob ermordet. Sie und der Rest der Familie flieht. Nach China, zu den Großeltern.

Auf einmal ist nichts mehr wie es war. Keine nörgelnde Spanischlehrerin, die ihr Vorhaltungen macht, weil sie die Zeitformen nicht einhält – hier ist wichtig zu wissen, dass es im Chinesischen keine Verbformen dafür gibt. Die Freunde sind von einem Tag auf den anderen nicht mehr greifbar. Der Platz, der so trostlos ihr Refugium war, weicht dem hektischen Treiben in der Fremde.

Da kommt das Jobangebot als Übersetzerin für ein Unternehmen zu arbeiten gerade richtig. Und sie ist gut in dem, was sie tut. So gut, dass sie auch auf Reisen mitgenommen wird. Und eine führt sie geradewegs in ihre jüngere Vergangenheit zurück. Der Großvater als Begleiter ist ihr dabei die Stütze, die sie braucht, um nicht von ihrem geraden Weg abzukommen.

Federico Jeanmaire gelingt mit „Richtig hohe Absätze“ das Kunststück Gerechtigkeit in seiner reinsten Form in glaubwürdige politische Unkorrektheit überfließen zu lassen. Natürlich ist das junge Mädchen traumatisiert. Sie musste mit ansehen, wie teilweise sogar Freunde, ihrem Vater das Lebenslicht auslöschen. In Argentinien war sie sich nicht sicher, ob sie Chinesin oder Argentinierin ist. Zurück in China fühlt sie sich als Argentinierin mit chinesischen Wurzeln. Je näher sie dem Flughafen Buenos Aires kommt, desto mehr treten ihre chinesischen Wurzeln wieder hervor. In ihrem Kopf summt es, es klirrt, es scheppert.

Die Reise wird für die Unternehmensdelegation zum Erfolg. Der Deal zum Bau einer Gasleitung kann abgeschlossen werden. Auch dank Su Nuams Mithilfe, die gnadenlos jede Äußerung übersetzt. Ein Handgeld soll ihre Extrabelohnung sein. Und was wird sie sich wohl davon kaufen? Richtig: Schuhe. Aber welche mit richtig hohen Absätzen…

Eine Kurzgeschichte, die den Leser einfach nur amüsiert und von der ersten Seite an in ihren Bann zieht? Ja, und vor allem ein ganz großes Nein. Denn der Reiz der Geschichte liegt zwischen den Zeilen. Su Nuam reist nicht einfach nur zurück nach Argentinien. Sie reist zurück mit ihrem Spanischheft. Das birgt für alle außer ihr ein Geheimnis in sich, das den Leser erst nach und nach auffällt…

Manchmal gewinnt der Bessere

Physik und Fußball? Oh je. Schon in der Schule schlug man mit der Geschwindigkeit v auf einer Strecke s in einer Zeit t auf die harte Schulbankoberfläche auf, wenn der Lehrer genau dieses Phänomen langweilig wie ein 0:0 beim Kick am Wochenende erklärte. Boah eh, Fußball und Physik … geht gar nich!

Doch! Und wie! Wenn der Lehrer Metin Tolan heißt. Und Fußballfan ist. Und sein Fachgebiet auch außerhalb des Hörsaals liebt und lebt. Fußball ist berechenbar. Aber nicht seine Ergebnisse. Zu viele Variable. Doch man kann die Wahrscheinlichkeit berechnen. Und da liegt der Hase im Pfeffer. Wettanbieter nutzen dieses Wissen aus. Professionelle Wetteneinsetzer helfen dann gern mal ein bisschen nach.

Die drängende Frage, wer denn 2018 in Russland am Abend des Finalspiels den Pokal in die Höhe halten kann, ist eindeutig zu beantworten. Aber: Die Wahrscheinlichkeit, dass es nicht Saudi-Arabien oder Panama sein wird, ist doch schon sehr hoch. Wenn es anders kommt, passt es allerdings auch wieder ins aktuelle Bild der Politik. Nichts ist mehr vorhersehbar.

Das spannendste Kapitel kommt zum Schluss des Buches. Wer wird Weltmeister 2018? Das kann man doch gar nicht berechnen! Stimmt. Aber – da ist sie wieder – die Wahrscheinlichkeit. Legt man die Ergebnisse der Qualifikationsrunden zu Grunde ergibt sich eine Wahrscheinlichkeit von nicht einmaleinem Prozent, dass … Brasilien Weltmeister wird. Ganz dicht gefolgt von Kroatien. Mexiko, der erste Gegner der deutschen Elf kann gar nur mit einer Hoffnung von einem Viertelprozent die Reise nach Russland eigentlich gleich als Erfahrungswert absetzen. Es sind, wenn man es so wie Metin Tolan errechnet, nur drei Mannschaften, die eine reelle rechnerische Chance haben den Pokal in die Höhe zu stemmen: Spanien mit knapp 21 Prozent, Belgien (!) mit fast 30 Prozent und mit der Strahlkraft der vier Sterne Deutschland mit einem statistischen Wahrscheinlichkeitswert von 32,34 Prozent.

Fazit. Die WM wird sterbenslangweilig, weil ja eh am Ende Deutschland gewinnt. Diese Erkenntnis stammt von Gary Lineker, einem Spieler, in dessen Heimat das Fußballspiel erfunden wurde. Er muss es also wissen. Doch warum hat dann England nur einen Chance von 0,62 Prozent auf den Titel? „Manchmal gewinnt der Bessere“, diese titelgebende Weisheit von Lukas Podolski, ist das Besser-Wisser-Buch zum Ereignis des Jahres 2018. Eine gewisse Affinität zu Zahlen, Mathematik und Physik sollte man allerdings mitbringen. Poissonverteilung und Magnuseffekt kann man nachlesen, deren Anwendung muss man sich en détail erklären lassen. Metin Tolan nimmt sich die Zeit, um wortgewandt und detailverliebt die Physik des Fußballs zu erläutern. Man muss sich darauf einlassen. Wer dies tut, wird mit Erkenntnissen erst Klasse belohnt und wird auf den Rängen, auf der Couch, beim „public viewing“ – wo auch immer – für seine Eloquenz und sein Fachwissen beachtet werden. Jetzt müssen sich nur noch die Zweiundzwanzig auf dem Platz an die Physik halten…

Die Weltgeschichte des Fußballs in Spitznamen – Von den Anfängen bis zum fliegenden Holländer

Das brauchte die Fußballwelt noch! Echt jetzt. Das brauchte sie wirklich. Ein Buch mit den Spitznamen aus dem Sport, mit dem weltweit am meisten Aufmerksamkeit erregt wird, das meiste Geld verdient wird und die meisten Menschen begeistert werden können.

Dieses Buch, dieses Kompendium des Fachwissens, beginnt am Ende des 19. Jahrhunderts. Preston North End schoss sich gerade zum ersten Fußballmeister Englands, ja sogar der Welt. Und schon damals firmierten sie unter zwei weiteren Namen: The Lilywhites, wegen der blauen Hosen und weißen Shirts und The Invincibles, wegen ihrer sagenhaften Serie von 42 Siegen hintereinander. Das war 1887/88. Seit 1961 waren sie nicht mehr erstklassig, spielen heute in der zweiten englischen Liga.

Die Reise zu den Spitznamen von Mannschaften, Derbies und Spielern zieht jeden Fußballfan, egal von welcher Mannschaft in ihren Bann. Ein Lexikon zu lesen ist in etwa so spannend wie bei Volksmusiksendung mitzufiebern. Doch dieses Buch ist nun mal kein Lexikon. Ein Nachschlagewerk sehr wohl.

Und so reist man vom Black Country Derby in England zur spanischen Máquina Blanca, schaut bei der DIMAYOR, einer parallelen Fußballliga im Kolumbien der 50er Jahre den Ballkünstlern auf den Spann, feuert den Windhund an, oder die Knappen, um schlussendlich dem Bomber der DDR, Joachim Streich (den Spitznamen gab es so allerdings nicht in der DDR, viel zu martialisch und militärisch) die gesamtdeutsche Ehre zu erweisen.

Mariano Beraldi und Verleger Wolf-Rüdiger Osburg geben ihrer Leidenschaft nach und schrieben das Fußballbuch, das wirklich in jeden Bücherschrank gehört. In einer Zeit, in der überzuckerte Jungbullen überalteten Fohlen die Sporen geben, Dinos trotz Jugendtrainer nun zu Auswärtsspielen in Orte fährt, die weniger Einwohner haben als so mancher Stadtteil daheim – in einer Zeit also, in der Fans sich über mangelnde Loyalität und überhandnehmenden Kommerz (wieder) einmal beschweren, sind es solche Bücher, die dazu beitragen, Traditionen und Traditionsvereine wieder in den Fokus zu rücken, zumindest aber in den allgemeinen Sprachgebrauch zurückzuholen. Und das Beste kommt ja noch: Teil Zwei ist schon in Vorbereitung. Denn dieser Band beschäftigt sich von den Anfängen, den eingangs erwähnten Invincibles bis zur WM 1974. Der Rest – vielleicht wird ja bei der Fußball-Weltmeisterschaft ein Russland eine weitere Legende geboren – soll bald folgen.

Noch ein paar Spitznamen zum Rätseln gefällig? The Mighty, The Turfites, El Filtrador, Die Döblinger, Veleno, The Clarets, Der schwarze Peter, Stan, Linke Klebe. Ein köstliches Buch, das im Bücherschrank immer ganz vorn stehen wird, so dass man es immer zur Hand hat, wenn man das Gefühl hat ein bisschen darin herumzublättern.

Vererbte Lügen

Ich packe meinen Krimikoffer. Ich nehme mit: Eine Psychologin, die jetzt als Lektorin arbeitet. Eine Vergewaltigung, die fast zwei Jahrzehnte her ist. Eine Familie, der Ansehen weit über die Moral geht. Einen erfolgreichen Schriftsteller, der ein dunkles Geheimnis hütet, das aber nie ans Licht kommen wird. Eine Kundin, die unfreiwillig zum Werkzeug einer Rache wird. Eine Freundin, die die Vergangenheit nicht ruhen lassen will und zwei Polizisten, die ihren Beruf nicht nur als Broterwerb sehen. Ach ja und eine Flucht und eine Rückkehr. Und gleich mehrere Gemetzel, die literarische Vorbilder haben. Und einen Freund aus der zweiten (neuen) Hälfte des Lebens. Und einen Ghostwriter. Achtung, Achtung: Wegen akutem Krimi-Übergewicht ist es strengstens untersagt diesen Krimi auch nur eine Minute aus den Augen zu lassen!

Aus diesen Zutaten rührt Valeska Réon einen Krimi zusammen, der seinesgleichen sucht. Kapitel für Kapitel spinnt sich ein undurchdringliches Netz aus Intrigen, Machtspielchen und perfider Verbrechen. Alles begann am Ende des vergangenen Jahrtausends. Manu Wagner ist gerade auf dem Weg zu einer Party der jungen Gemeinde. Ihr Herz pocht so laut, dass sie Angst hat, andere könnten es auch hören. Denn Christian wird auch auf der Party sein. Er ist es. Zieht sie an sich heran, ihre Klamotten aus und über sie her. Die Scham ist das Eine. Die Schmach der eigenen Schuld, wie es ihr Vater darstellen wird, liegt tiefer als alles andere. Auch Tante Birgit wurde so aus dem Haus, der Stadt, dem Land gejagt. Nun ist Manu bei Tante Birgit in Schweden und beginnt ein neues Leben.

Achtzehn Jahre später ist sie zurück in Deutschland, in Hamburg. Nah genug an der Heimat, weit genug weg von Familie und den Geschehnissen von damals. Als Lektorin ist Manu erfolgreich. Als ihr der berühmte Schriftsteller Arno von Klanthen als Kunde nahegelegt wird, brechen die Wunden von einst wieder auf. Denn Arno von Klanthen ist kein Geringerer als Christian. Der Christian, der ihr unschuldiges Leben jäh beendete und in eine schwarze Hölle verwandelte.

Nun ist auch Christian verschwunden. Eine Schwedin soll in letzter Zeit öfter bei ihm ein- und ausgegangen sein. Sein Appartement sieht aus wie ein Schlachtfeld. Rita Fuchs und Mats Hollander von der Kripo Bonn finden jede Menge Ansätze, doch keiner scheint sie wirklich weiter zu bringen…

„Vererbte Lügen“ ist ein Krimi, der den Leser von einer kalten Dusche unter die nächste jagt. Und es wird immer kälter. Der Kloß im Hals des Lesers steckt bis zur letzten Seite. Das Blut in den Adern kann vor lauter Adrenalin aber nicht gefrieren. Eine Ahnung, wer hinter allem steckt, hat nur der Leser. Das Dickicht an Verstrickungen zu lösen, ist eine reine Freude. Dreihundert Seiten fiebert man mit, verflucht die, die sich alles kaufen können und leidet mit denen, die schutzlos unter Repressalien leiden müssen.

Auf Probe

„Haste Scheiße am Fuß, haste Scheiße am Fuß.“ – ein wahrer Poet, der Andi Brehme. Philipp Gaudi ist momentan der Einzige, der dem deutschen WM-Helden von 1990 Gehör schenkt und ihm heftig kopfnickend applaudiert. Zuerst verliert er seinen Job, dann die Mutter. Ein Neuanfang in den Vierzigern – nicht unmöglich. Aber das Wort Neuanfang nimmt er erst gar nicht in den Mund. Vielmehr will er sich in sein Hobby, seine Band, stürzen. Als Rockmusiker sein Geld verdienen – klingt gar nicht so übel. Doch die Bandkollegen spielen da nicht mit. Für sie ist es ein Hobby, eine musikalische Gelegenheitsgeschäft.

Philipp lässt es ruhig angehen. Ihn drängt nichts. Der Tod der Mutter ist zwar traurig, aber nicht das Ende der Welt. Diese gerät jedoch gehörig ins Wanken als Walter Berlau sich bei ihm meldet. Er müsse mit Philipp reden. Er wüsste was über seine Mutter. Er wird Philipp zum Zuhören bewegen können.

Begeisterung sieht anders aus! Philipp will nicht mit Bärlauch, wie er ihn nennt reden. Warum auch? Der Typ meldet sich bei Philipps Kollegin, die ihm ausrichten soll, dass Bärlauch mit Philipp Gaudi reden muss. Die Angelegenheit an sich ist Stoff für einen Song. Doch Philipp sieht darin keine Chance für eine mögliche Musikerkarriere – er ist einfach nur sauer.

Doch Walter Berlau ist hartnäckig und rückt endlich raus mit der Sprache: Es könnte … könnte … durch aus möglich sein, dass er und Philipp miteinander verwandt seien. Vater und Sohn, um genau zu sein. Dass sein Vater hier da mal am Wegesrand von den Kirschen in Nachbars Garten genascht hat, ist Philipp bekannt. Doch Maria, seine Mutter auch? Das haut ihn dann in gewisser Weise um. Und Bärlauch erzählt noch viel mehr…

Irgendwie scheint sich in Philipps Leben alles nur noch um seine Mutter zu drehen. Thelma eine Jazzpianistin, die erst neulich entdeckt hat, trägt diese Erkenntnis in die reale Welt. Denn das sanfte Klavierspiel seiner Mutter Maria war nur Show. In Wahrheit prügelte sie auf dem Flügel herum, und sein Vater nannte Maria dann immer Selma.

Jedem Ende wohnt ein Anfang inne. Ob es Philipp nun passt oder nicht, er ist im Kreislauf des Lebens angekommen. Noch fühlt es sich so an als ihn der Strudel in den Abgrund zu ziehen droht, doch die Gleichmäßigkeit der Drehungen haben auch etwas Beruhigendes. Volker Kaminski stellt Philipp Gaudi – für die Kreation dieses Nachnamens allein muss man dem Autor schon dankbar sein, denn auch Gaudis Leben verlief wenig geradlinig – auf die Probe. Was heißt auf eine Probe. Permanent probiert Philipp Neues, probt das Leben am laufenden Band und ist für den Leser der beste Proband vom Kuchen des Lebens zu probieren. Die leisen Zwischentöne in den Gesprächen zwischen Walter Berlau und Philipp Gaudi beim Whiskey sind die Melodien des Soundchecks für den großen Auftritt.