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Flametti oder vom Dandysmus der Armen

Soll man diesen Flametti mögen oder verachten? Als großer Zampano schart eine exklusive Truppe um sich, die auf den Zuschauerrängen im Varieté für Ahhs und Ohhs sorgt. Doch hinter den Kulissen brodelt ein Vulkan, der unweigerlich irgendwann einmal zum Ausbruch kommen muss.

Ein Ausbrecherkönig und eine Horde Indianer sind da noch die harmlosen Figuren in diesem Spiel der Eitelkeiten. In erster Linie ist Flametti Geschäftsmann. Penibel rechnet er jeden Franken ab. Bleibt auch nur ein Krümel in der Kasse übrig – nachdem alle bezahlt wurden – ist Flametti glücklich und unglücklich zugleich. Glücklich, weil der Krümel ihm gehört. Unglücklich, weil er weiß, dass der Krümel von einem noch größeren Kuchen stammt, den er auch gern noch verputzen möchte. Doch die lieben Angestellten erlauben ihm es einfach nicht.

Ständig muss er sich um neue Engagements kümmern. Schon über ein Jahr im Voraus muss der Tourneeplan stehen. Sonst wird es eng. Und der Magen knurrt. Von Kuchen weit und breit nichts zu sehen.

Auch die Artisten sind sich untereinander nicht grün. Sticheleien und Eitelkeiten verkehren das karge Leben unterm Zirkuszelt in eine glamouröse Show. Da sind Eifersüchteleien vorprogrammiert. Wer eine Chance sieht seinen eigenen Vorteil noch vorteilhafter zu gestalten, nutzt diese Minichance. Und Flametti muss den ganzen Laden irgendwie zusammenhalten.

Image ist alles. Störung des Betriebsfriedens ist geschäftsschädigend. Und eine Klage wegen Verführungen einer Minderjährigen ist geradezu existenzbedrohend. Doch Flametti wäre nicht Flametti, kenne er auch in dieser scheinbar aussichtslosen Situation nicht den Weg zum sicheren Hinterausgang…

Hugo Ball gilt zusammen mit Tristan Tzara, Hans Arp und Marcel Janco als Begründer des Dada, der letzten Kunstrichtung, die es kunstvoll verstand nicht verstanden werden zu wollen. Ihr Cabaret Voltaire in Zürich, das sie gründeten ist die Wiege des Dada. Dieser kleine Roman brachte Hugo Ball allerdings nur Schmach und Häme seiner einstigen Wegbreiter ein. Die bisher dagewesene Kunst zu negieren, war ihr Ziel. „Flametti oder vom Dandysmus der Armen“ war in ihren Augen jedoch Mainstream. Und eine ungerechte Abrechnung mit ihren Idealen.

Dem Leser kann es egal sein – dieses Buch liest sich wie ein Bilderbogen aus längst vergangenen Tagen. Einhundert Jahre ist dieses Buch nur schon alt. Die Zeit ließ ihre Finger davon. Kein Wort hat in dieser Zeit an Dramatik und Nachhaltigkeit eingebüßt. Die Eloquenz von damals ist bis heute ein Leckerbissen für jedermann. Jeder Charakter im Buch ist derart plastisch dargestellt, dass es unmöglich ist einen Grauschleier über die Geschichte zu legen.

Der Privatsekretär

Das Leben meint es endlich mal so richtig gut mit Román Sabaté. Anfang Zwanzig und schon einen Job in Aussicht, der langfristig erscheint und in dem er was bewirken kann. Sebastian hat ihn mehr oder weniger dazu gedrängt sich bei der neuen Partei Pragma zu bewerben. Román hat Glück und ergattert den begehrten Job als privater Fitnesstrainer von Fernando Rovirá. Sebastian geht erstmal leer aus.

Fernando Rovira ist die charismatische Exzellenz, die erst als Gouverneur der Provinz Buenos Aires diese spalten, und dann Argentinien als Präsident einen will. Und sein privater Fitnesstrainer ist in Wahrheit der privateste Privatsekretär, den man haben kann. Román war geschickt beim Einstellungsgespräch. Seine Antworten, die nicht immer zu hundert Prozent der Wahrheit entsprachen, trafen genau den Nerv der Partei. So funktioniert Politik…

Die Jahr vergehen, Fernando Rovira ist fit wie eh und je … doch an seiner Seite ist kein Román Sabaté mehr zu sehen. Der hat sich abgesetzt. Mit im „Gepäck“: Joaquín, der Sohn des ehrgeizigen Politikers. Die Pläne Buenos Aires zu teilen, spalten die politischen Lager entzwei. Wie es geplant war. Doch so einiges andere mehr war nicht geplant. Die Journalistin Valentina Sureda schreibt gerade an einem Buch. Und Román Sabaté hilft ihr dabei. Auch auf seiner Flucht. Ob der Mord an Fernando Roviras Frau Lucrecia Bonara geplant war, lässt sich vorerst nicht feststellen. Genauso wie die rätselhafte Flucht von Román Sabaté.

In Rückblenden und aus der persönlichen Sicht der Akteure zeichnet Claudia Piñeiro ein verlogenes Bild der Macht. Das Román nicht wegen seiner Fähigkeiten den lukrativen Job bei Pragma bekommen hat, ist dem Leser als auch ihm selbst klar. Er hat schließlich geschummelt. Doch was prädestinierte ihn dermaßen für die kommenden Aufgaben? Auf seinem Roadtrip durch die Weiten Argentiniens kommen Román und Leser einem Geheimnis (was heißt einem? Dutzenden von Geheimnissen) auf die Spur.

Nach der Lektüre des Privatsekretärs muss man erstmal durchschnaufen. Obwohl auch reale Lenker Argentiniens wie Carlos Menem oder Néstor Kirchner erwähnt werden, ist die Geschichte komplett fiktional. Nur am Glauben mangelt es. In Zeiten, in denen Populisten ihre kruden Gedanken fast schon schuldlos, immer jedoch sorglos in die Welt posaunen dürfen, kommt ein Roman wie „Der Privatsekretär“ wie gerufen. Freimaurersymbolik, falsche Rücksichtnahme auf die Meinung der Massen, Manipulation selbiger und eine gehörige Portion Machteifer vermischt Claudia Piñeiro zu einem Skandal, der einem die Nachrichten bis zu einem gewissen Teil mit anderen Augen sehen lässt. Kuhäugiges Hinterhertraben wird unvermeidlich radikalem Nachhaken weichen müssen. Der wichtigste Thriller dieses Jahrzehnts!

Dämmer und Aufruhr

Wow, was ein Titel! „Dämmer und Aufruhr“, Roman der frühen Jahre. Schaut man in so manche Hinterhöfe, sieht man sie noch oft, die Dämmer. Von Aufruhr keine Spur.

Wow, was ein Buch! Autobiographisch. Bodo Kirchhoff feierte im Sommer seinen 70. Geburtstag. Zeit Bilanz zu ziehen? Nicht unbedingt. Aber einen Blick in die Geschichte dieses (zu Recht!) mehrfach ausgezeichneten Schriftstellers werfen zu können, ist ein Privileg und eine Freude zu gleichen Teilen.

Ein Privileg, weil man das Gefühl hat heutzutage mit allem hinter dem Berg halten zu müssen. Lügen zu verbreiten ist einfacher und bringt mehr Aufmerksamkeit. Warum sich also noch um Fakten kümmern? Und eine Freude ist es, weil die Erzählkunst (oder ist es Handwerk?) von Bodo Kirchhoff nur eine Art von Tränen erlaubt: Freudentränen. Da liest man von kriegswunden Städten und bellender Intelligenz – die Essenz dieser Worte betört, verzaubert, lässt den Leser erstarren.

In Alassio hat sich er namenlose Erzähler, der natürlich Bodo Kirchhoff heißt niedergelassen, um die vergangenen Jahrzehnte Revue passieren zu lassen. Hier begann alles. Hier waren alle glücklich, in den Ferien. Mama, Papa, Kind, bald schon Kinder. Sommeridylle, Sorgenfreiheit. Alles weit weg und doch so nah.

Wie erlebt man die eigene Geschichte mit dem Abstand von Jahrzehnten? Man ist reifer geworden, älter natürlich, das auch. Sind die Emotionen von damals noch frisch, bereit eingefangen zu werden? Ein Versuch ist es allemal wert. Und so streift der Blick zurück die Eckdaten der Menschwerdung. Die Mühen ohne männliches Vorbild heranwachsen zu müssen, sind gering im Vergleich zur Zeit im Internet. Wie ein bleischwerer Dämmervorhang hebt sich die unzulässige Zuneigung des Kantors dem noch nicht einmal Teenagers. Das widerwärtige Spiel der Macht verliert sich nicht im Reigen der Worte, wird aber auch nicht impulsiv überhöht.

Die Jahre vergehen. Freunde kommen, Freunde gehen. Bücher, Musik, Mädchen sind die drei Säulen im Leben des Beschriebenen. Mit der Distanz der Zeit, mit der Distanz der Emotionen, mit der Distanz der Orte kehren immer wieder – mal stärker, mal schwächer – die Erinnerungen zurück, umrahmt von neuerlichen Erlebnissen am neuen alten Urlaubsort.

Bodo Kirchhoff in Höchstform. Er muss niemandem mehr beweisen, dass die deutsche Sprache durch ihn auf eine höhere Stufe gehoben wurde. Die über vierhundert Seiten verfliegen wie ein Zielsprint bei der Tour de France oder ein Elferkrimi im Stadion. Wuchtig-gefühlvoll-meisterhaft zielt Bodo Kirchhoff in alle Sinneszentren. Es knallt, es raucht, die Synapsen kollabieren vor Ehrfurcht vor so viel Sprachgewandtheit.

Wow, was eine Wirkung! Wer sich jetzt noch getraut die eigene Geschichte zwischen zwei Buchdeckel zu pressen, muss mehr zu bieten haben als aufgeschlagene Knie und Alkoholeskapaden in sturmfreier Bude.

Die Nacht mit Nancy

Etwas oder jemanden nach seinem Äußeren zu bewerten, gehört sich nicht. Mit dieser Wohlerzogenheit streift man nun durch eine gut sortierte Buchhandlung nach ein wenig Lesestoff, der für Zerstreuung, Aufregung und Erheiterung sorgen soll. Und plötzlich räkelt sich da jemand vor einem, der in der Lage ist all die guten Vorsätze mit einem Blick über Bord zu werfen. Es ist Mrs. Randin. Nancy sollen wir sie nennen. Das zwinkert sie dem Leser zu, und den Beteiligten im Buch haucht sie es entgegen. Ein Figur wie eine Sanduhr. Verlockende Locken. Und das Negligé ist wie von Zauberhand – upps – über die Schulter gerutscht. Niemals eine Person oder ein Buch nach seinem Einband beurteilen!

Dieses Buch ist der einmalige Freifahrtschein, um das Äußere vorerst einmal siegen zu lassen. Denn Wilson Collison füllt die hübsche Hülle mit nicht minder anregendem Inhalt. Es war eine rauschende Ballnacht, zumindest eine Sommerparty, irgendwann in der 30ern des vergangenen Jahrhunderts, irgendwo in den Staaten. Alle haben sich prächtig amüsiert. Die Hausherrin ist bekannt dafür, dass den Gästen, weiblichen wie männlichen – meist beiden gleichzeitig – alle Räume zur Verfügung stehen. Auch deswegen sind die Parties der Hanleys so beliebt.

Doch dieses Mal ist das Ende nicht absehbar. Nicht so, denn ein Gast hat sich dermaßen erschreckt, dass ein markerschütternder Schrei jedwede Art von Heiterkeit im Keim erstickt. Denn Mrs. Randin, ach nennt mich doch Nancy, hatte unerwarteten Besuch im selbstgewählten Morpheus-Asyl. Wer das war, der ihre Stimmbänder derart strapazierte, kann sie beim besten Willen nicht sagen. Und nun sitzt die ganze Partygesellschaft beisammen und versucht in poirot’scher Manier den Unhold herauszufiltern. Jeder der anwesenden Männer könnte ein Motiv gehabt haben. Und alle das Gleiche… Denn Nancy, die einmalig geschiedene Mrs. Randin, hat den Dreh raus wie man bei Männern jeglicher Couleur im Kopf für Verwirrung sorgt. Außerdem ist sie eloquent und gibt auf Fragen nur so viel preis wie sie es für angemessen hält.

Diese Wortspiele auf höchstem Niveau sorgen für Erheiterung, heizen die Spannung an und regen die Hausherrin in besonderem Maße auf. Doch wer war es denn nun, der den Vamp Nancy so glockenhell erschallen ließ? Ganz ehrlich … das interessiert keinen mehr. Nancy ist Nancy, das muss genügen.

Und es genügt auch wirklich sich ihrem Spiel zuzuschauen. Sie ist eine wahre Heldin. Permanent wird sie von allen Seiten beschossen. Solidarität unter Frauen – das kann sie vergessen. Und dass sich der angeklagte Gentleman als solcher seine Maskerade fallen lässt, ist unwahrscheinlich. Allein im Kampf gegen Vorurteile hat sich Nancy ein hartes Fell zugelegt. Und sie verteidigt es mit Charme, Chuzpe und Contenance. Beifall kann sie nur vom Leser erwarten. Und der kommt prompt und lang anhaltend.

Dante Baby, das Inferno ist da!

„Ich saz uf eime Steine und dahte Bein mit Beine“ – Walther von der Vogelweide haben wir dieses mittlerweile geflügelte Wort zu verdanken. „Vom Eise befreit sind Strom und Bäche“ – den Anfang von Goethes Osterspaziergang können die meisten zwischen neun und neunzig noch aufsagen. Bei Charles Bukowski hingegen wird es schwierig ein Gedicht zu rezitieren. Oberflächlich betrachtet, darf, ja muss man ihm danken, dass das Deftige dank ihm, dem Literaten, fast schon salonfähig geworden ist.

Wozu ein Blatt vor den Mund nehmen, wenn man es vollkritzeln kann. Und die Blätter sind zum ersten Mal nicht zensiert! Und zum Teil zum ersten Mal auf Deutsch erhältlich. Die Auferstehung einer Ikone.

Die vierundneunzig Gedichte in diesem Band zeigen einen bedrohlichen, vor allem aber einen nachdenklichen Buk. Klar, seine deftigen Ausdrücke sind mehr als das Salz in der Suppe. Sie sind der Sud, der dem Leser Kraft gibt. Und Kraft braucht man, um dieses Buch zu verstehen. Denn knapp einhundert Gedichte  zu lesen – die sich zu allem Überfluss nicht einmal reimen, Scherz! – ist schon eine Mammutaufgabe. Dieses Buch in Dosen zu genießen, ist die hohe Kunst. Doch wie aufhören, wenn jede Zeile nur ein Schritt zur nächsten ist?

„Dante Baby, das Inferno ist da!“ wird Bukisten begeistern und Buk-Einsteigern den Kopf verdrehen. Jahrelang war Charles Bukowski verkannt. Nur in der Undergroundszene war der gefeierte Star. Jahrzehntelang schickte er hunderte Gedichte an Verleger. Die ließen ihn am ausgestreckten Arm verhungern und seine Werke in den Archiven verstauben. Abel Debritto wollte für seine Dissertation diese Staubfänger aus den Klauen der Ignoranz. Dafür reiste er kreuz und quer durch die Staaten. Kiloweise Staub hustete er heraus, um schlussendlich doch dieses Manifest des bitterbösen Humors zusammenstellen zu können.

Das Inferno reitet mit brennenden Schwertern der Sprache direkt ins Herz des Lesers. Es brennt, es schmerz … im Kopf, im Herzen, im Zwerchfell. Und die Zensur muss tatenlos zusehen. Die Gesellschaft wird geroastet. Und der Roastmaster sitzt auf seiner Wolke – ja, Buk hat eine Wolke erhalten und schmort nicht wie gedacht auf dem Grill der Verdammnis – und setzt der Moral mit Blitzen des Zorns zu.

Geradezu milde wirken die Zwischentöne, die sich erst nach und nach zeigen. Hat man sich eingegroovt, ist man also schon mitten im Text, fallen einem die Feinheiten, die philosophischen Gedankengänge auf. Buk war nicht nur der rülpsende, furzende, vögelnde und vor allem saufende Unhold, der seinem Frust mit harter Feder Ausdruck verlieh. Hinter den Ärschen und Whiskeys tritt der Buk hervor, der der Welt die Zunge rausstreckt und sein Image zu pflegen weiß. Wer tiefer gräbt, erkennt warum Buk bis heute so erfolgreich ist.

Dieses Buch ist ein Schlag in die Fresse all derjenigen Mode-Rockstars, die einem mit bis oben zugeknöpftem Hemd jämmerlich talentiert ebenso weinerliche Texte massenkompatibel um die blutenden Ohren wimmern.

Das Leben und Sterben im Uncle Sam Hotel

Kurz und knackig soll eine Kurzgeschichte sein. Was so einfach klingt, ist die Königsdisziplin in der Literatur. Wenn die Geschichten dann auch noch für jedermann verständlich sind, die meisten ansprechen und vor allem unterhaltsam sind, ist man der Gott der Literatur. Oder das Arschloch! Wie im Fall von Charles Bukowski.

Er würde in der heutigen Zeit mehr provozieren als Donald Trump. Und vor allem mehr gegen ihn wettern als Robert De Niro. Das wäre ein Spaß. Doch Charles Bukowski ist nicht mehr. Seine Werke jedoch haben bis heute Fans, die dem direktesten aller Schreiber die Treue halten.

Die Sammlung von Kurzgeschichten in diesem Buch könnte man fast als eine Aneinanderreihung von Kapiteln ein und desselben Buches halten. Alles beginnt in Los Angeles, wo er (mal ist es der Autor selbst, mal eine fiktive Person mit einem anderen Namen, die Buk aber in Nichts nachsteht) und Linda leben. Im Portemonnaie herrscht Ebbe. Wie immer. Im Kühlschrank auch. Alles halb so schlimm, wäre nicht auch der Schnapsvorrat auf Diät gesetzt. Was tun? F… Klar, was sonst. Immer wieder, zwei-, drei-, viermal. Bis es nicht mehr geht. Auch wenn Linda sehr geschickt ist.

Die rüde Reise in die befleckten Seiten geht weiter. Tucson, New Orleans, Tijuana, San Diego. Überall dasselbe Bild. Es fehlt an Kohle, um an Stoff zu kommen. Und der Stoff, der da ist, stört nur beim … naja, wobei wohl?!

Schonungslos offen kaputtiert sich Buk durchs Leben. Ist er desillusioniert? Nicht im Geringsten. Das Leben hat ihn angenommen, der Tod reibt sich schon lüstern die Hände. Einen wie ihn hat selbst er noch nicht erlebt. Und der Teufel ist der einzige, der einen ebenbürtigen Gegner neben sich akzeptiert.

Schulden und Wettgewinne sind für die Figuren in den Geschichten zwei getrennte Sachen. Ein Gewinn wird gebührend gefeiert. Schulden nur im äußersten Notfall getilgt. Zum Beispiel dann, wenn der Ladenbesitzer droht nicht mehr anzuschreiben.

Hier sitzt jeder Satz, jedes Wort, jede Silbe. Sie dringen wie Silberpfeile ins Herz des Lesers. Dort verdampfen sie in wabernden Wolken und setzen sich fest im Gedächtnis fest. Nicht die einzelnen Worte, oder gar Sätze. Es sind Impressionen, die man nie wieder vergessen wird. Wie die Erstbesteigung des Eiffelturms, oder die ersten Seiten von Tom Sawyer. Unvergesslich. Charles Bukowski gehört auf jede Bucketlist. Also eine Liste von Dingen, die man getan haben muss. Wer Buk nicht gelesen hat, wird für immer in der Zwangsjacke der political correctness gefangen bleiben. Wer die Zeilen aufsaugt wie ein Schwamm, wird mit einer wortgewaltigen Waffe gegen den Zynismus der standardisierten Welt in den Kampf ziehen können.

Mit Jean-Claude auf der Hühnerstange

Die kuriosesten, die beliebtesten, die ungewöhnlichsten Orte der Welt. Diese Titel in den Wühltischen der Buchhändler nimmt man gegebenenfalls nur mit, wenn der Preis unter dem der Parkuhr liegt. Inhaltlich bieten sie auf maximal zehn Prozent der Seiten einen wirklichen Mehrwert. Und nun ein Buch über Luxemburg? Ein Land, das man, wenn man zu spät bremst, schon wieder verlassen hat?

Ja! Und zwar zu Recht! Im Wust der 100er oder 111er Bücher sticht dieses kleine Büchlein nicht allein wegen der Gestaltung hervor, sondern vor allem wegen seines wirklich kuriosen und detailliert recherchierten Inhalts hervor. Muss man dabei haben, wenn man das einzigartigste Großherzogtum der Welt (ein weiterer Titel der Wasserschweine – der Name capybarabooks stammt von den possierlichen Tieren) besucht.

Susanne Jaspers und ihr Begleiter, es handelt sich dabei um Georges Hausemer, der für das eben erwähnte Buch über das einzigartigste Großherzogtum verantwortlich zeichnet, suchen nicht nur nach Kuriosem, sie finden es auch bzw. lassen sich finden. Wer sonst sucht schon in Luxemburg nach dem Kongo? Doch sollen Baobabs, Affenbrotbäume wachsen. Tun sie aber nicht. Vielmehr findet man an Ort und Stelle ein Geburtshaus. Und zwar von einem, der im Kongo war. Wer? Steht im Buch.

Bleiben wir noch ein wenig bei Zahlen, also Büchern, die im Titel mit einer griffigen Anzahl von Sehenswürdigkeiten (meist dreistellig, am besten eine Schnapszahl). Oft wundert sich man über die Inschriften an Gebäuden. In Ermangelung der Sprachkenntnisse tut man es als Lobhudelei an den Bauherren oder den Baumeister ab. In der Hauptstadt Luxemburgs, Luxemburg, genauer in der Rue de Glacis steht eine Felswand. Hübsch anzusehen, aber nur nicht wirklich das Highlight eines Luxemburgbesuches. Doch eine Tafel regte bei der Autorin und ihrem Begleiter die Neugier an. Denn einige Buchstaben waren großgeschrieben. MItten Im Wort! So viel offensichtliche Geheimniskrämerei sucht ja gerade die Herausforderung. Die Lösung wird an dieser Stelle nicht verraten. Nur so viel. Wer in der ersten Klasse bei der allerersten Grundrechenart, die man gelehrt bekam, aufgepasst hat, hat schon mal den ersten Summanden…

Kuriose Orte brauchen eine besondere Art der Zuwendung. Sei, um sie zu erhalten, sei es, um sie darzustellen. Susanne Jaspers Aufgabe ist es diese Orte aufzuspüren und dem Leser, der sich schon beim Lesen in einen Besucher transformiert, diese Orte näher zu bringen. Luxemburg an einem Tag – das war einmal. Von nun an ist Luxemburg eine mehrwöchige Destination mit hohem Bildungs- und Erholungswert.

Ach ja, und die Hühnerstange … da kommt niemand drauf, was damit auf sich hat.

Burgkinder

Ein Märchenschloss am Rhein. Blick auf das Siebengebirge, den Drachenfels, irgendwo zwischen Honnef und Unkel. Remagen ist auch nicht weit. Die Stadt erlangte in den letzten Wochen des Zweiten Weltkrieges eine Berühmtheit, auf die ihre Bewohner mit Freuden verzichtet hätten. Doch es kam anders. Es wurde eine taktische zähe Schlacht um die Rheinbrücke. Und da setzt dieser Roman ein.

Hermann Fürst ist der Dichter der Deutschen. Seine Werke verkauften sich und verkaufen sich noch immer wie geschnitten Brot. Dass er sich an die neuen Machthaber ranwanzte, gab seiner Karriere noch einmal einen Schub. Seiner Familie konnte er ein sorgloses Leben bieten. Man kann vieles kaufen, doch nicht das Glück. Als die Alliierten immer näher rücken, wird es eng auf dem Schloss. Das wird bald schon zu einem Lazarett unter Führung von Rob Wiseman aus San Francisco umfunktioniert. Man beugt sich widerwillig den neuen Herren.

Nur Erika Fürst, eine der Töchter des Literaten sieht darin eine Chance. Hals über Kopf beginnt sie eine kurze Affäre mit Rob Wiseman. Doch so stürmisch alles begann, so schnell sind die Aufregung und der Soldat wieder verschwunden. Zurück bleiben die Erinnerungen und …

Ein Vierteljahrhundert später macht sich ein junger Mann, von allen King genannt, auf Amerika zu erobern. Eines Tages wird eine Galerie eröffnen. Davon ist er überzeugt. Im Gepäck hat er die Arbeiten seiner Künstler und den Namen eines Bekannten seiner Mutter. Dieser Bekannte hatte die Familie damals als Soldat besucht. Rob Wiseman ist sein Name. Der Name der Mutter: Erika Fürst. Als s ich Rob und King, der den bezeichnenden Namen Friedemann trägt, gegenüberstehen, kommt nur einer ins Grübeln. Dass sich King dann auch noch in die Tochter von Rob Wiseman verknallt, kommt dem mittlerweile überaus erfolgreichen Geschäftsmann nicht gelegen. Er versucht alles, um King aus dem Land zu komplimentieren. Doch King hat seinen eigenen Kopf. Mit fatalen Folgen…

Der dritte Teil des Buches führt wieder auf die Burg am Rhein in den Jahren 1996 bis 1999. Die Nachfahren Rob Wisemans haben ein Auge auf die Burg geworfen. Keine späte Genugtuung, vielmehr Ehrgefühl und Pflicht treiben sie wieder an den Ort, wo so viele verendeten und so vieles begann,

J.R. Bechtle schreibt in „Burgkinder“ vehement die Geschichte seiner Familie auf. Der alte Dichterfürst, der sich mit den Nazis verbrüderte oder auch die hochfliegenden Träume des eigenen Verlages – zu all dem hat der Autor eine sehr innige und familiäre Verbindung. Knapp fünfhundert Seiten deutsche-amerikanische Geschichte, die einen nicht mehr loslassen wird.

Was trinken wir? Alles!

Da hat die Gleichberechtigung doch schon einen Sieg errungen. Männer saufen, zeigen das auch gern öffentlich. Frauen genießen, trinken, und das ganz diskret. Naja, ganz so diskret ist es dann doch nicht geblieben. Patricia Highsmith zum Beispiel ist vielen nicht nur als geniale Schöpferin des Tom Ripley bekannt, sondern auch und besonders für ihre Trinkfestigkeit. Carson McCullers trieb sich an und betäubte sich nach Lust und Laune mit Bier, Gin, Whiskey. Tania Blixen macht eine exklusive Diät: Austern und Champagner. Den genoss ja bekanntlich auch Coco Chanel. Aber nur, wenn sie verliebt war. Und wenn sie es nicht war.

Frauen, die schreiben und der Alkohol. Exzessive Abrechnung mit dem König oder Schlüssellochguckerei? Die Texte in dieser Anthologie erlauben keine Antwort. Sie ist irrelevant. Denn jeder Text, real der fiktiv, ist ein Genuss für sich. Erfrischend wie ein Bierchen an einem Sommerabend nach vollbrachtem Tagwerk, prickelnd wie ein edler Taittanger in erlesener Runde, abgerundet wie ein Sherry im Salon oder brutal wie Whisk(e)y als Seelentröster.

Was lesen wir? Alles in diesem Buch. Wenn Mrs. Copperfield sich schon auf die geruhsamen Stündchen mit dem Gin freut, oder Freunde sich nach Jahren wiedertreffen und im Bierkeller die Erinnerungen wieder klarwerden lassen oder Wodka als einzige (alkoholische) Getränk den Abend regel(ge)recht einläutet, aber auch ausklinge(l)n lässt, wird es Zeit die Zeilen noch einmal wirken zu lassen. Nüchtern bitte. Sonst entgeht einem vielleicht  das eine oder andere Bonmot. Wenn doch, ist es auch nicht schlimm. Man kann es ja immer wieder nachlesen und wieder und wieder …

Als Absacker verteilt Herausgeberin Britta Jürgs noch die Getränkekarte. Welcher Drink steht wo im Buch? Und wenn er nicht schon erklärt wurde, was verbirgt sich hinter so geheimnisvollen Bezeichnungen wie Brandy Alexander (klingt ja eher wie eine süßliche Modern Soul Diseuse ohne Stimmbänder, dafür aber mit lieblichem Aussehen). Unter einem Applejack Rabbit kann man sich schon eher was Geistreiches vorstellen. Beim Danziger Goldwasser gibt es kein vertun.

Maßvolles Trinken ist immer angeraten. Dieses Buch hinunterzustürzen wie ‘nen Kurzen wäre genauso fatal. In Maßen genossen, entfaltet dieses Buch sein ganzes Bouquet.

Der Sonnenschirm des Terroristen

Da ist er! Hier steht’s. Toru Miyazaka (48). Und weiter unten: Mayu Miyazaka (6). Keisuke Shimamura liest die Namen in der Zeitung, Seien Hände zittern. Aber das tun sie immer, wenn er noch nicht getrunken hat. Was war passiert? Der Himmel war blau an diesem Tag in Tokio. Ein gutes Tag, um selbigen im Park mit dem Tagesritual zu beginnen. Kappe ab, Flasche auf, und den Brand in der Kehle genießen. Ein kleines Mädchen, frech und keck, spricht den Barkeeper Shimamura an. Warum er so zittere? Ob es ihm gut gehe? Und ob er glaubt, dass sie eine gute Violinistin werde. Verrückter Tag. Der Vater zieht die Kleine vorsichtig, aber bestimmt weg von dem Trinker, der vor ihr im Gras hockt. Nicht weiter erwähnenswert, hätte nicht einen Moment, oder waren doch mehrere, Shimamura kann sich nicht erinnern, die Erde gebebt. Eine Explosion zerschlägt alles Idyllische, das an diesem Samstag in der Luft lag. Der Park gleicht einem killing field. Und Shimamura? Er ist auf der Suche nach dem kleinen Mädchen.

Nun weiß er, dass es ihr gut geht, Rekonvaleszenz: Drei Wochen. So steht es in der Zeitung. Auch das Bild ihres Vaters ist abgedruckt. Er hatte weniger Glück. Und Shimamura liest weiter: Toru Miyazaka war Polizist bei der National Police Agency. Ui. Ein Polizist. Das gibt Ärger. Denn Shimamura – so klar war er noch – weiß, dass die Polizei die Whiskyflasche, die er im Park leerte, sicher finden wird. Und seine Fingerabdrücke. Und dann werden sie ihn in ihrer Kartei finden. Und dann werden sie ihn verdächtigen. Und dann werden sie ihn finden. Und dann?

Zunächst einmal muss Shimamura arbeiten. In der Kneipe, gleich neben seiner Wohnung, seinem Zimmer, das so wenig Sonnenlicht reinlässt. Zwei zwielichtige Typen lassen sich bedienen. Und essen den besten Hotdog ihres Lebens. Shiro Asai, stellt sich der Eine vor, hat von Shimamura gehört. Wenn er Hilfe brauche … man komme noch mal wieder. Schließlich müsse der Mittelstand sich gegenseitig unterstützen. Keisuke Shimamura weiß, was die Stunde geschlagen hat.

Doch der gebrauchte Tag ist noch nicht vorüber. Ein Schlägertrupp taucht auf und zermatscht Shimamuras ohnehin lädierten Körper. Und dann taucht plötzlich eine junge Dame auf. Sie berichtet ihm, dass unter den Opfern auch eine langjährige Freundin Shimamuras war. Sie weiß auch, dass Keisuke Shimamura nicht sein richtiger Name ist…

Iori Fujiwara lässt für seinen Helden Shimamura den Geist der Vergangenheit einschweben. In einer Zeit, in der Studentenunruhen auch in Japan die öffentliche Ordnung zu stören drohten, war er ein aktives Mitglied einer Gruppe, die auch vor Sprengstoffattentaten nicht zurückschreckte. Doch es ging etwas schief. Sein Mitstreiter konnte sich noch absetzen. Und jetzt holen ihn die Erinnerungen wieder ein. Ein Yakuza als Freund und Helfer, ist vielleicht die klügste Entscheidung. Doch man greift nach jedem Strohhalm, wenn der Staatsapparat unermüdlich die Schlinge um den eigenen Hals zuzieht. Auch wenn man ein unschuldiger Alkoholiker ist. Dem schwört Shimamura übrigens ab. Und wundert sich, dass auf einmal auch das Zittern verschwunden ist.

„Der Sonnenschirm des Terroristen“ ist ein grandioser Krimi mit ausgeklügelten Wendungen, der den Leser auch nach dem Ende nicht so schnell loslassen wird.