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Joseph – Der schwarze Mozart

Wolfgang Amadeus Mozart, Joseph Haydn, Christoph Willibald Gluck – kennt man. Ihre Musik klingt unvermindert weiter. Und das wird auch noch Jahrhunderte so weitergehen. Doch wer kennt schon die Werke von Joseph Boulogne? Einem Offizier der Königlichen Garde unter Ludwig XV., dem Chevalier de Saint-George. Wohl kaum jemand, der nicht eine auserlesene Klassik-(Pardon, Früh-Klassik!) Sammlung sein eigen nennt. Es sind vielleicht auch nicht so sehr die Werke, die ihn berühmt machen könnten. Es ist vielmehr sein Leben.

Mitte des 18. Jahrhunderts wurde er auf Guadeloupe geboren. Sein Vater war ein angesehener Plantagenbesitzer auf der Karibikinsel. Seine Mutter war eine Sklavin. Joseph war also ein Bastard, das Ergebnis einer Affäre. Der Vater erkennt den Sohn an und nach einigen Jahren findet sich Joseph in Frankreich wieder. Guadeloupe ist weit weg. Die Geschehnisse auf der Insel – sein Vater ist dort kein Ehrenmann mehr – liegen weit hinter ihm.

Als Fechtkünstler sorgt er für Furore in einem Paris, das in einem Jahrhundert die Kommune erwartet und schon bald die Revolution der Welt anführen wird. Öffentliche Schaukämpfe bringen ihm bald einen achtungsvollen Ruf ein. Wer sich mit ihm anlegt, spurt alsbald die kalte Klinge der Rache. Man erkennt ihn auf der Straße. Auch und gerade wegen seiner Hautfarbe. Er ist einer von einhundertsechzig Schwarzen in Paris.

Doch das ist nur eine Seite der Bekanntheit. Schon als Kind bekam er Musikunterricht. Sein Geigenspiel ist nicht minder virtuos wie seine Klingenführung. Als Kapellmeister führt er Haydn auf. Gluck ist sein Idol, ihm will er nacheifern. Joseph reist. Unter anderem nach England, wo er dem Bruder des Königs eine Lektion erteilt. Mit dem Degen. Bewusste Demütigung oder jugendlicher Überschwang? Weder noch. Warum soll er sein Talent verstecken. Der Bruder des Königs fordert ihn geradezu heraus sein ganzes Können zu zeigen.

Doch Joseph nutzt diese Reise auch zu seiner ganz persönlichen Rache. Als seine leibliche Mutter als Sklavin aus dem Senegal in die neue Welt verschleppt wurde, tat man ihr Leid an. Joseph findet den Übeltäter und übt Vergeltung. Als die Revolution in Frankreich wütet, Plünderungen das öffentliche Leben zur permanenten Gefahr werden, Köpfe rollen, die vorher als unverrückbar galten, sinkt der Stern des schwarzen Stars von Paris. Er kämpft wieder. Mordet, wieder. Zeit, die Erinnerungen niederzuschreiben.

Jan Jacob Mulder ist der willige Helfer einer der spannendsten Figuren in der französischen Geschichte. Joseph Boulogne wirkt in diesem historischen Roman manchmal wie ein Draufgänger, dem man postwendend seinen Degen wegnehmen sollte – er könnte sonst noch jemanden verletzen. Zum Anderen ist er Künstler durch und durch. Er komponiert wie eine Besessener und versucht seiner Kunst einen unverwechselbaren Stempel aufzudrücken. Ist er dabei glücklich? Vereinzelt sprießt der jugendliche Frohsinn hervor. Oft jedoch ist Joseph Boulogne ein Getriebener. Als Leser kann man sich mit ihm identifizieren. Er kämpft immer auf der Seite derjenigen, denen es nicht so gut geht wie ihm selbst. Er setzt sich für die Abschaffung der Sklaverei ein, wenn nötig auch mit der Waffe in der Hand. Sein Liebesleben ist prall. Seine Kunst allerdings ist bei all dem Kämpfen und Rächen fast in Vergessenheit geraten.

Stan

In Santa Monica gibt es nur sonnige Tage. Tage, an denen man sich gern des Lebens erfreut. Und da kann es schon mal vorkommen, dass man in Erinnerungen schwelgt. Und je nachdem wie intensiv man gelebt hat, fallen diese Erinnerungen mal mehr, mal weniger eruptiv aus.

Im Oceana Apartment Hotel, den Pazifik in Seh- und Hörweite, room 203, wohnte einst er. Ein Mann, dessen Leben so erfüllt war, dass es nur in einem mehr als fünfhundert Seiten starkes Buch gepresst werden kann. Er war ein Star. Auch nach seiner aktiven Karriere. Allüren hatte er keine. Es sei denn, dass Treue als Allüre durchgeht. Er, der mit seinem Partner Babe Millionen, Generationen von Menschen glücklich machte. Man nannte ihn doof. Doch er war blitzgescheit. Babe ist nun schon Jahre tot. Doch noch immer zerren die Erinnerungen an mehrere Jahrzehnte vollendeter Schaffenskraft an seinen Nerven. Namen hatte er viele. Sie bedeuteten nicht viel. Und wer ihn erreichen wollte, konnte das tun. Sein Name stand bis zum Schluss im Telefonbuch. Man stelle sich vor, dass heute noch erfolgreiche Stars ihre Nummer öffentlich preisgeben würden…

Die Rede ist von Stan Laurel. Alias Arthur Stanley Jefferson (bis zum 6. August 1931 sein offizieller Name). Alias Doof. Das leicht bescheuert dreinblickende Halbduett von „Dick & Doof“ oder Laurel und Hardy. Oliver Hardy, alias Dick, alias Babe ist vor Jahren gestorben und John Conolly lässt Stan Laurel nun seinen Memoiren schreiben. Er, das ist Stan Laurel, in den Siebzigern. Fünf Ehen klüger. Und wahrscheinlich der liebenswerteste Hollywood-Schauspieler, den es je gab. Es ist wahr, dass jeder ihn anrufen konnte. Und wer bei ihm zuhause eingeladen wurde – und es waren nicht wenige – und dem immer noch lebenslustigen Stan Laurel ein wenig Gesellschaft leisten konnte, hatte vielleicht das Glück ein Souvenir zu erhaschen. Mit Freude verschenkte er billige Melonen, die Kopfbedeckung, die ihn einst so unverwechselbar machte. Und wer weiß, vielleicht setzte er sich selbst eine auf, nahm sie wieder ab und kratzte sich so unvergleichlich am Kopf. Ein Bild für die Götter!

Stan Laurel, er, ist nicht verbittert. Warum auch?! Über einhundert Filme hat er mit seinem Freund Babe, Oliver Hardy gemacht. Zusammengenommen bringen es beide auf weit über dreihundert Filme. Stan Laurel erreicht zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf der Cairnrona das gelobte Land. An Bord sind einige Schauspieler, die es nach Amerika zieht. Nach New York, was damals das Zentrum der Filmindustrie am anderen Ende der Welt war. Hollywood war damals noch eine überdimensionale Obstfarm. Zwei dieser Passagiere werden schon bald große Erfolge feiern. Und schon in weniger als einem Vierteljahrhundert Weltstars sein, die wirklich überall bekannt sind und bis heute bei der bloßen Erwähnung ihrer Namen Kriege beenden könnten. Der eine ist Stan Laurel, der andere ist Charlie Chaplin.

Schon bald kann sich Chaplin niemand mehr leisten. Stan Laurel begnügt sich mit 33.000 Dollar pro Film. Harald Lloyd bekommt zur gleichen Zeit mehr als das Vierzigfache. Oliver Hardy nur zwei Drittel von dem, was sein Partner und vor allem Freund bekommt.

Laurel und Hardy treffen sich, weil die Studiobosse es so wollen. Ein Dicker ist immer lustig. So die vorherrschende Meinung. Hal Roach wird ihr Produzent und der Garant eines (finanziell) sorgenfreien Lebens. Auch wenn seine Zahlungsmoral meist allzu leger ausfällt. Stan ist das Gehirn des Duos. Selbst nach Olis Tod schreibt er noch Sketche, die jedoch niemals Aufgeführt werden sollen. Ohne Oli will und kann er nicht. Das nennt man Treue bis über den Tod hinaus.

Mit ausgiebigem Faktenwissen reichert John Connolly diese fiktive Biographie eines der größten Filmgenies aller Zeiten an. Der Reichtum an Anekdoten verblüfft von der ersten Seite an. Stan Laurel konnte nicht mehr für dieses Buch befragt werden. Er starb drei Jahre bevor John Connolly geboren wurde. Aber es fällt kaum auf. James Finlayson, der Schnauzbart mit dem Knautschgesicht, eine Ikone der Stan&Ollie-Filme bekommt genauso viel Raum über das System herzuziehen wie die liebevollen Gedanken (und man darf sich sicher sein, dass Stan Laurel wirklich solche Gedanken hatte, es kann einfach gar nicht anders gewesen sein … bitte!) an den verschwundenen Freund.

„Stan“ rührt den Biographien-Markt gehörig auf. Immer wieder tauchen beim Lesen einzelne Szenen aus den Filmen auf, so dass man aus dem Lachen, zumindest Lächeln, nicht mehr rauskommt. Dieses Buch versteckt man nicht hinter „them thar hills“, dann wäre man ein „blockhead“. Man stellt es gut sichtbar und immer greifbar ganz vorn in den Bücherschrank. Denn dort gehört es hin!

Mrs. Calibans Geheimnis

Das Radio ist die einzige Abwechslung in Dorothy Calibans monotonem Alltag. Fred, ihr Gatte ist bei der Arbeit. Sie kümmert sich darum, dass die Teppiche staubfrei sind, der Boden glänzt und das Essen auf dem Tisch steht, wenn es auf dem Tisch stehen soll. Beschwert sie sich? Nicht die Spur. Nur wenn Estelle ihre Freundin mal vorbeischaut, schüttelt sie ab und zu den Kopf über ihr tristes Leben. Das Radio ist da schon aufregender. Da erfährt man so allerlei aus aller Welt. Von ausgebrochenen Monstern zum Beispiel, die gleich um die Ecke die Füße in die Hand genommen haben.

In letzter Zeit jedoch hört Dorothy Nachrichten, die wohl nur für sie bestimmt zu sein scheinen. Sie werde noch ein Kind bekommen. Alles werde gut. Nichts Beunruhigendes, schließlich muss das Essen pünktlich auf dem Tisch stehen. Ach, da ist er schon. Fred kommt nach Hause. Ach nee, doch nicht. Sieht irgendwie komisch aus, das da. Das, was da plötzlich – ohne Schrecken zu erregen – im Haus steht. Wie ein Frosch. Ein überdimensionaler Frosch. Und das Ding kann sprechen. Sogar ganz gewählt. Höflich. Wirkt ein bisschen traurig, das Ding da, was da durch die Hintertür ins Haus kam. Fred kommt auch gleich, aber der kommt durch die Vordertür. Mies gelaunt und abweisend wie eh und je.

Larry, so heißt das Monster, ist da von ganz anderem Kaliber. Er hilft im Haushalt, ist aufmerksam, genießt die Anwesenheit von Dorothy. Gemeinsam schauen sie Talkshows, die Muppets-Show ist für ihn der Höhepunkt des Tages. Nachts hingegen ist er allein. Dann kann er aber raus auf die Straßen. Im Auto herumfahren, wie man eines kurzschließt, hat er im Fernsehen gesehen. Und er ist Dorothy ein guter Liebhaber. Anfangs ein wenig ungeschickt – er will ihr das Nachthemd nach unten wegziehen, merkt aber ziemlich schnell, dass der andere Weg funktioniert – ist er für Dorothy fast schon der verwunschene Prinz, den sie nie zu suchen glaubte.

Jedes Glück hat einmal ein Ende. Im Märchen verwandelt sich der Frosch in einen Prinzen und alle leben glücklich bis ans Ende ihrer Tage. Bei Rachel Ingalls kommt das Ende mit der Erkenntnis, dass Fred doch nicht so gefühlskalt ist, wie er Dorothy immer erscheint. Allerdings zeigt er sein anderes Gesicht einer anderen, der Tochter von Estelle. Das Drama nimmt seinen Lauf…

„Mrs. Calibans Geheimnis“ ist die gelungene Fortsetzung des Märchens vom Froschkönig. Denn mit der Heirat – Dorothy Caliban kann davon mehr als ein Lied singen – ist das perfekte Leben im besten Fall eingeläutet. Mehr auch nicht. Man muss sich schon festhalten, um beim Lesen nicht vom Sessel zu rutschen. Larry, Schwiegersohntyp und Pefect-Lover in einem gewöhnungsbedürftigen Körper, sucht in der Welt, in die er ausgebrochen ist, Halt zu finden. Dorothy kann allen Unkenrufen zum Trotz ihm diesen Halt geben. Doch sie selbst ist es, die Halt sucht. Zwei Suchende auf ihrem Weg ins Glück. Geheimnisvoll und poetisch von der ersten bis zur letzten Zeile.

Die gelbe Tapete

Wie man es dreht und wendet: Sie hat den Blues. Den Baby-Blues. Kurz nach der Entbindung geht es einer jungen Frau nicht so wie man es allgemein erwartet. Sie fühlt sich schlapp. Selbst geringe Aufgaben zehren an ihren Kräften. Ihr Mann John ist Arzt und verordnet ihr, sich selbst und dem kleinen Wurm einen ausgedehnten Erholungsurlaub. Ein kleines Häuschen weit weg von allem, was an Alltag erinnern könnte, ist schnell gefunden.

Ein hübsches kleines Idyll in nicht minder idyllischer Umgebung. Doch es will sich keine Erholung einstellen. An Besucher ist gar nicht zu denken. Als dann doch eine Party steigt – irgendwann muss das Einsamkeitsidyll ja auch mal ein Ende haben – darf sich die junge Frau an keinerlei Vorbereitung beteiligen.

Denn das Idyll hat Risse. Und damit sind keineswegs selbige in der Wandverkleidung gemeint. Schön wär’s, wenn es doch so wäre. Die Tapete, die gelbe Tapete, macht der Rekonvaleszenten gehörig zu schaffen. Die Farbe allein reicht schon, um sich aufzuregen. Durch die Sonne teils verblasst. Angesiedelt irgendwo zwischen Durchfall und Auswurf. Das alles ist mit ein bisschen gutem Willen verschmerzbar. Doch das Muster! Oh je! Ein Muster zum Verrücktwerden. Immer mehr steigert sich die junge Mutter in wilde Geschichten, was das Muster ihr erzählen kann, erzählen will, hinein. Erholung ade! Drehbuchschreiber könnten aus ihren Psychosen mörderische Geschichten erfinden. Von Monstern, die des Nachts aus ihrer Zweidimensionalität kriechen und dreidimensional für Schrecken und Horror sorgen. John bemerkt die Veränderungen an seiner Frau nicht. Vielmehr sorgt er sich, dass seine Behandlungsmethoden nicht anschlagen. Erst kurz vor dem Ende des Erholungsurlaubes, der diese Bezeichnung noch nie verdient hatte, sind die Anzeichen für Schlimmeres nicht mehr von der Hand zu weisen…

Charlotte Perkins Gilman – drei Jahr vor ihrem Tod wurde ein anderer, durch seine Rolle in einem Psycho-Streifen weltbekannter Schauspieler geboren: Anthony Perkins, der Norman Bates aus Hitchcocks „Psycho“ – macht die Beklemmung einer jungen Frau greifbar, die gefangen ist zwischen Pflicht- und Traumerfüllung. Sie will eine gute Mutter sein, kann es aber nicht, weil ihr die Kraft fehlt. Ebenso wie das Eingeständnis, dass sie sehr wohl das Recht hat ihrem Mann alles zu gestehen. Der wird unfreiwillig zum Handlanger des Bösen. Er sieht nicht, vielleicht will er aus falsch verstandenem Standesbewusstsein es auch nicht sehen, wie sehr seine Frau sich ängstigt in dem Zimmer mit der gelben Tapete.

Ein kleines Buch, das man gleich zweimal, oder sogar doppelt lesen kann. Denn zum Einen ist der englische Originaltext abgedruckt, zum Anderen die Neuübersetzung von Christian Detoux. Und zwar wortwörtlich Seite für Seite. Die Spannung des Originaltextes, der in seiner Intensität an Edgar Allan Poe erinnert, der Charlotte Perkins Gilman rund ein halbes Jahrhundert voraus war, verliert mit keiner Silbe durch die Übertragung ins Deutsche. Ideal für Parkspaziergänge, Erkundungen in unheimlichen Burgruinen oder als tiefgreifende Bettlektüre.

Nico

Das ist der Stoff, aus dem die Träume sind. Zumindest, wenn man ein Boulevard-Magazin zu verantworten hat. Ein Leben mit Drogen, Tod, Abweisung, Verlust, Verrat – im schrillen Schein der Prominenz.

Nico, der Name sagt vielen nichts mehr. Doch wer auch nur ein bisschen in diesem Buch herumblättert (das intensive Lesen folgt dann ganz automatisch), wird sich der Bedeutung von Christa Päffgen, die sich Nico nannte, schnell bewusst. Sie war zeitweise die drohende Stimme von Velvet Underground. Sie war die Mutter eines der Kinder von Alain Delon. Sie war. 2018 hätte sie ihren 80. Geburtstag feiern können, stattdessen jährt sich ihr Tod bereits zum 30. Mal.

In ihrem Geburtsjahr 1938 dreht sich die Welt etwas schneller, etwas heftiger und in eine gefährliche Richtung. Pogrome sind kurz nach ihrer Geburt in Köln an der Tagesordnung. Kurz vor Ende des Weltkrieges flieht die Familie aus dem bombardierten Köln ins brandenburgische Lübbenau. Und schon kurz Zeit später flieht Christa ins nahe Berlin. Die Trümmer sind ihre Spielwiese, und das KaDeWe, das schon bald wieder eröffnet wird, ist ihre Bühne. Hier entdeckt sie ein Fotograf. Herbert Tobias. Sie wird einmal ein Star. Das weiß er, daran arbeitet er. Doch als „dat Christa“ wird das wohl nichts. Eine unerfüllte Liebe Tobias‘ ist Namenspate für die schlanke Blondine mit den hohen Wangenknochen und der unverwechselbaren Stimme. Nico is born. Die Magazine reißen sich um sie. Paris wird ihr neues Zuhause. Sie reist wie ein Star, obwohl sie da noch kein echter Star ist. Als Schauspielerin will sie sich probieren, doch ihr eigener Kopf steht ihr immer wieder im Weg.

Die Melancholie, die harsche Ablehnung jeglicher Konventionen vernagelt ihr so manche Tür. In Fellinis „La dolce vita“ spielt sie mit, sich selbst. An der Seite von Alain Delon soll sie in „Nur die Sonne war Zeuge“ die weibliche Hauptrolle übernehmen. Sie kommt zu spät und Marie Laforêt bekommt die prestigeträchtige Rolle. Nicht zum letzten Mal wird ihre eigensinnige Haltung zur Pünktlichkeit einer anderen die Bühne bereiten. Zu allem Überfluss wird sie schwanger, von Delon, der den Titel des Vaters seither aber kategorisch ablehnen wird. Das Kind wird ein Omakind, wird sogar von Nicos Mutter adoptiert.

New York ist die nächste Station in Nicos viel zu kurzem Leben. Erst hat sie Andy Warhol in Europa getroffen, nun steht sie schon im Studio mit Warhols neuestem Projekt: Velvet Underground. Die Band, die am häufigsten als Vorbild genannt wird, jedoch nie einen echten Hit hatte. All ihre Songs wurden erst später zu Ohrwürmern. Affären mit Jim Morrison von den Doors, Bob Dylan, Iggy Pop, um nur ein paar auserwählte Namen zu nennen, folgen. Doch bringen sie der stets betrübten Nico kaum etwas Zählbares ein. So umgeht sie aber das Stigma durch Beziehungen Ruhm zu erlangen.

Punk, New Wave, neue Deutsche Welle – Trends interessieren Nico nicht im Geringsten. Der nächste Schuss ist ihr näher als so manche Liebe. Sie versetzt ihr Harmonium, das Instrument, das sie beherrscht, das ihr den Lebensunterhalt sichern könnte. Patti Smith springt ein und kauft ihr ein neues. Ende der Siebziger geht es wieder bergauf mit Nico. Das Heroin wird durch Methadon ersetzt, Sohn Ari ist wieder an ihrer Seite. Er vergöttert seine Mutter, mit fatalen Folgen…

Tobias Lehmkuhl konnte für seine Biographie Nico nicht interviewen. Als sie starb, war er gerade mal Zwölf und hatte sicher noch nie was von Christa Päffgen oder Nico gehört. Mit vehementer Detailverliebtheit zeichnet er ein Bild einer Frau, die so undurchsichtig war, so verschlossen, so geheimnisvoll. Jedes einzelne Gerücht zu entkräften, Geheimnisse zu lüften kann also gar nicht gelingen. Muss es auch gar nicht. Denn sie selbst hat schon in jungen Jahren derart viele und vor allem verworrene falsche Fährten gelegt, dass hier der Begriff Legende seinen Ursprung zu haben scheint. Was jedoch stimmt und sich niemals ändern wird: Nico wird für immer das fleischgewordene Geheimnis bleiben.

Was bleibt von uns

Die Straße der Hoffnung ist ein steiniger Pfad. Die wenigen ebenen Abschnitte sind mit Mut, Entbehrungen und Verlust geteert. Diese Erkenntnis muss Nahid seit Jahrzehnten begehen. Anfang der 80er war sie der Stolz der Familie. Als Frau im Iran war sie Medizinstudentin. Als sie Masood kennenlernt engagiert sie sich politisch. Sie demonstriert gegen die islamische Revolution. In ihrer Unbekümmertheit und dem felsenfesten Glauben daran, dass ihr Aufruhr vom Erfolg gekrönt sein wird, nimmt sie eines Tages ihre kleine Schwester Noora mit auf eine dieser Demonstrationen. Doch alles läuft aus dem Ruder, Noora verschwindet auf Nimmerwiedersehen. Saber, Verbündeter und Freund wird zu Tode gefoltert. Weggefährten werden verhaftet, und niemand wird wieder etwas von ihnen hören. Nahid und Masood müssen fliehen. Schweden wird ihr neues Zuhause. Den erhofften Neuanfang erleben beide mit der Geburt ihrer Tochter Aram.

Die Rahmenhandlung, die Golnaz Hashemzadeh Bonde in ihrem ersten auf Deutsch erschienenen Roman skizziert, scheint auf den ersten Blick ein typischer Fluchtroman zu sein. Doch Nahid treibt etwas anderes um. Mittlerweile hat sie mehr als die Hälfte ihres Lebens gelebt, gehofft. Aram ist nun selbst erwachsen und erwartet ihr erstes Kind, eine Tochter. So wie Nahid nur Schwestern hatte – im Iran gelten männliche Nachkommen immer noch als größerer Segen als Mädchen. Ein Mädchen, ein Hoffnungsschimmer.

Den hat Nahid dringend nötig. Sie weiß, dass ihre Tage gezählt sind. Ihre Wurzeln sind so weit entfernt, dass sie selbst nur schwer akzeptieren kann, eine Heimat zu besitzen.

Doch ist sie selbst Heimat. Und zwar des Krebses. Er hat von ihr Besitz ergriffen. Ihre Mutter kann ihr nicht beistehen. Sie lebt immer noch im Iran. Und ist immer noch verbittert über Nahids Weggang. Ganz zu schweigen vom Verlust des Nesthäkchens Noora.

Nahid versucht ihrer Tochter das zu geben, was sie selbst nie hatte. Hoffnung. Geborgenheit. Doch Aram ist in der Vergangenheit zu einer Art Projekt geworden. Nahid kann nur Ratschläge geben. Liebe und Geborgenheit flackern nur sporadisch auf. Darunter leidet Aram. Während der Krebs immer weiter voranschreitet, wächst in Aram neues Leben heran. Und Nahid kann nur noch einen Gedanken hegen: Als Großmutter von dieser Welt zu gehen.

„Was bleibt von uns“ ist ein intensiver Roman, der sich wie ein wohlwollender Virus unter die Haut setzt und im Herzen ein neues Zuhause findet. Nahid, ihre Mutter und ihre Tochter sind Frauen, die vom Verlust gezeichnet sind, die Gewalt am eigenen Körper (und der Seele) erfahren mussten und dennoch hoffnungsvoll in die Zukunft schauen. Wehmut, mal mehr, mal weniger, schwingt in ihrem Leben immer mit ohne dabei den Takt anzugeben.

Jagd nach einem Schatten

Seite 153, untere Hälfte: „Wer bist Du?“. Ein Aufschrei geht durch den Leser. Wird er sich nun zu erkennen geben? Alles auf den Tisch legen, seinen Antrieb, seine Verfehlungen.

Bis zu diesem Punkt hat man schon einiges gelesen von einem gerissenen, gescheiten jungen Mann. Samuel Ben Nissim Abul Farag wurde als Sohn des Rabbis von Caltabellotta vielleicht nicht mit dem goldenen Löffel im Mund geboren, doch der Zugang zu Büchern und Schriften und somit zu Wissen war für ihn ein offenes Tor. Gar nicht töricht beschritt er oft und vor allem gern den Weg des Wissens. Ein aufgewecktes Kerlchen, der im Rahmen seiner Möglichkeiten – wir befinden uns im 15. Jahrhundert – seiner Rebellion freien Lauf ließ.

Er ist befreundet mit einem Moslem. Mehr als befreundet. Doch die Liebe soll nicht lange währen. Große Veränderungen warten auf den wissbegierigen (Betonung auf „gierig“!) Jüngling. Eine gesicherte Zukunft ist ihm mehr als sicher. Doch eine, nennen wir es Unachtsamkeit, die Quellen geben dazu auch keine konkreten Auskünfte, zwingen ihn zur Flucht. Aus dem jüdischen Samuel wird der getaufte Guglielmo Raimondo Moncada. Sein neuer Name bezieht sich auf seinen Taufpaten.

Neuer Name, neues Glück! Der Papst, Sixtus IV. bekommt Wind von dem engagierten Prediger. Er lädt ihn ein die Karfreitagsmesse zu zelebrieren. Wieder einmal kennt der Weg des Mannes aus dem tiefsten Süden Italiens, das es so damals noch gar nicht gab, nur eine Richtung: Nach oben, nach vorn. Und wieder klopft das Schicksal an die Tür. Und wieder muss Samuel, dieses Mal als Guglielmo flinke Füße beweisen. Die historischen Fakten liegen dieses Mal aber etwas offener dar: Es war Mord. Mord an einem Geldverleiher, der, nachdem er herausgefunden hat, wer sich hinter Guglielmo in Wirklichkeit verbirgt, noch einmal nachkobert. Das hätte er nicht tun sollen…

Flavio Mitridate, wieder eine Namenswahl, die nicht zufällig geschieht, reist in der Folge durch ganz Europa. Als Kenner vieler Sprachen ist er ein gern gesehener Mitarbeiter und Wissensvermittler. Irland soll er besucht haben. In Deutschland hat er garantiert gelebt und gearbeitet. Doch Mitridate – der natürlich Samuel heißt oder Guglielmo – zieht es zurück in die Heimat. Heimweh? Oder doch irrwitziger Versuch mal zu schauen, ob er doch durch kommen kann mit all dem, was die Vergangenheit ihm bescherte?

Andrea Camilleri stieß Anfang der 70er Jahr auf die mosaikhafte Geschichte eines Mannes, der unter drei Namen für Furore sorgte. Exakte und vollständige Schriften gab es nicht, jedoch Bruchstücke. Leonardo Sciascia hatte sich schon einmal der Geschichte angenommen. Der literarische Wegbereiter Andrea Camilleris, der am 6. September 2018 seinen 93. Geburtstag feiert, ließen diese Bruchstücke keine Ruhe. Seine Gedanken zu dem „Schatten“ erhellen jede noch so kleine lichtverschlingende Stelle in der Geschichte von Samuel, Guglielmo und Flavio. Immer wieder unterbricht er den Leserfluss und unterrichtet den Leser über das, was dieser soeben gelesen hat und was ihm noch bevorsteht. Das Triptychon der Gerissenheit bekommt mit jeder Seite mehr Konturen. So lange bis es ein Gesamtwerk von unendlicher Strahlkraft ergibt. Der Dank gilt in diesem Fall nur einem: Andrea Camilleri.

Inferno

Süße achtzehn ist Ursula. Die Schule hinter, das Leben vor sich. An der Kunstschule angenommen. Das Leben kann kommen. Die Straßen sind voller Eindrücke. Eindrücke, die ihr Leben beeinflussen. Das Offensichtliche jedoch bleibt Ursula noch verschlossen. Im Unterricht erschießt sich ein Mitschüler. Weil er es nicht mehr aushielt zu schweigen. Weil er kein Verräter sein wollte. Weil er nur diesen einen Ausweg sah.

Ursula bemerkt sehr wohl die Veränderungen um sie herum. Massen drängen auf die Straße, Uniformen bestimmen immer mehr das, was sie tagtäglich sieht. Auf der Straße, in der Schule, ja sogar zuhause. Häuser brennen. Menschen werden nicht einfach nur aus Versehen geschupst, sie werden verprügelt, geschlagen, ihnen die Klamotten vom Leibe gerissen. Es ist die Zeit des so genannten Anschlusses Österreichs an das Deutsche Reich. Wer nicht ins Bild passt, muss die Konsequenzen ziehen. Auch Ursula. Ihr Vater und ihr Bruder, besonders Letzter, tragen das Abzeichen, das sie zur neuen Elite zugehörig anzeigt. Ihr Bruder sieht die neuen Herren als Chance. Eine Chance zum Weiterleben. Ihr Vater hat schon aufgegeben, läuft mit. Besser man hält den Mund, denn die Wände haben Ohren. Und es werden immer mehr.

Ursulas Freund anerkennt die neuen Herren nicht. Er ist einer derjenigen, die Widerstand leisten. Und er hat Glück im Unglück. Man ist ihm und seiner Gruppe schon auf der Spur. Im Geheimen treffen sie sich. Planen ihren Untergrund, ihre Aktionen. Doch Verräter gibt es allenthalben. Vorsicht ist für ihn mehr als eine Worthülse. So mancher hält dem Druck nicht Stand. Das weiß Ursula. Sie war dabei als einer zusammenbrach…

Mela Hartwig zeichnet ein detailliertes Bild einer Grauzone. Es gibt kein einfaches Schwarz-Weiß in der Familie Ursulas. Eher ein Braun-Weiß. Doch selbst der Bruder besinnt sich seiner Familie und warnt, denn der Vater wird argwöhnisch (der auch das Abzeichen trägt) beobachtet. Die Täter handeln aus verschiedenen Motiven. Opportunismus und Machtgetue liegen oft näher beieinander als man es sich selbst eingestehen will.

Vor 85 Jahren begann dieses dunkle Kapitel. Vor 80 Jahren brannten die Feuer und beleuchteten dieses dunkle Kapitel für die Welt. Vor 70 Jahren schrieb Mela Hartwig diesen Roman. Und 2018 ist er endlich erschienen. Wein wird mit den Jahren immer besser, sagt man. Dieses Buch war von Anfang an ein Juwel. Doch nach dem Krieg waren auch die Verlage vorsichtig. Das Inferno der noch nicht lang zurückliegenden Zeit sollte nicht wieder aufgerüttelt werden. Und so schlummerte dieser Schatz jahrzehntelang in Archiven und wartete auf seine Entdeckung. Endlich wurde dieser Schatz gehoben. Ein mahnender Schatz, denn die Wortverdreher halten bereits wieder Hof und spitzen die Giftpfeile…

Geheimnisse der Mode

Die Mode ist wohl der einzige Teil einer Kultur, der seine Geheimnisse preisgibt wie kaum eine andere Branche. Designer, Experten, Influencer haben nur ein Ziel: Trends zu setzen. Und sie bedienen sich – alle miteinander – der selben Sprache. Alles kommt wieder, alles ist erlaubt. Doch ganz ehrlich: Wenn es wirklich so wäre, wie langweilig wäre dann die Mode?

Wenn dem so wäre, dann könnte man mit diesem Kalender aber so richtig Staat machen. Kann man aber auch so! Elegante Kamelhaarmäntel, Leggings oder die Abendtasche – unverzichtbar oder doch nur Mittel zum Zweck? Völlig egal, der Träger bestimmt, was passt. Sich auf die Spielarten der Mode einzulassen, ist der eigentliche Charakter der Mode. Kombinationen, Variationen, Mut und Stilfindung gehören dazu wie ausdrucksstarke Bilder. Und gleich mehr als fünfzig davon bereichern 2019 die modischen Entscheidungen im Wochenrhythmus. Doch nicht nur allein die eindrucksvollen Abbildungen sorgen für erhöhten Herzschlag eines jeden fashion victims, sondern auch die kurzen Erläuterungen woher beispielsweise die Baskenmütze stammt. Die Basken waren nämlich keineswegs die Erfinder der flachen Kopfbedeckung mit dem Zipfel…

Stilikonen wie Marlene Dietrich zeigen, dass Stil nicht zwingend eine Frage des Geschlechts ist. Sie war der Archetyp des Rollenspiels. Eine Marlenehose, gehört heutzutage zum guten Ton und ist eindeutig dem ersten Superstar der deutschen Filmgeschichte zuzuordnen. Im April zeigt sie mit der ihr eigenen Eleganz, dass Fliegen nicht mit der Klatsche gejagt werden sollten, sondern eine Zier eines jeden Halses sein können.

Dieser Wochenkalender ist ein echtes Füllhorn an modischen Highlights. Aus allen Zeiten, aus allen Himmelsrichtungen. Und dabei geht es nicht nur Kopftücher und Manschetten. Wer sich die Texte genau durchliest, entdeckt garantiert auch noch das Eine oder Andere, was bisher im Verborgenen agierte. Wer kennt schon die Gibson Girls?! Keine Girlband, vielmehr das Ergebnis der Illustrationen eines gewissen Charles Dane Gibson. Was sie so besonders macht? Die Antwort gibt’s in der Woche nach Ostern 2019.

Ring, Rosa, rote Haare geben den Modetakt im Herbst an. Sneaker und Tattoos holen im trüben November die warme Jahreszeit noch einmal zurück. Bevor im Dezember Western-Mode, Wasserwelle und Yves Saint Laurent als Vorboten des Zylinders das Modejahr 2019 mit allerlei (Neu-)Entdeckungen ausklingen lassen.

Bei der Schar an Modehomepages und Modesendungen kommt man schnell ins Schwitzen, wenn man modisch was hermachen will. Hose, Shirt, Schuhe sind probates Mittel, doch noch lange nicht alles, was „etwas für die tun kann“. „Geheimnisse der Mode“ ist ein Hingucker, der voll im Trend liegt.

Krumme Type, krumme Type

Eine vom Staub geschwängerte Luft, das Auge kann gar nicht so weit schauen wie es die Landschaft hergibt, und eine unbarmherzige Hitze – das ist die Heimat von Larry Ott. Chabot, Mississippi. Sein Traktor schnurrt, die vom Vater geerbte Werkstatt siecht dahin und der Briefkasten birgt auch nur wenig Abwechslung – Larrys Leben ist trostlos. Seit damals, als Cindy Walker verschwand und er der einzige Verdächtige war. Und man ihm nichts nachweisen konnte. Seitdem, ja seitdem ist Larry Ott der einsamste Mensch auf Erden. Ab und zu kommt die Polizei in Person von French vorbei. In letzter Zeit wieder häufiger. Tina Ruhterford, neunzehn Jahre jung und die Tochter des Mannes, dem hier im Umkreis von endlosen Meilen jeder Grashalm, und sei er noch so verdorrt, gehört. Klar, dass Larry suspect #1 ist. Er versteht das, lässt French seine Arbeit tun.

Ein Vierteljahrhundert ist es her, dass Cindy Walker verschwand. Larry und Cindy wollten ins Kino fahren. Larrys Vater, der bis dahin ihm entweder lediglich die Hand reichte oder die Faust ins Gesicht schlug, steuerte sogar Fahrzeug und ‘nen Zwanziger bei. Ihr Stiefvater nahm sich Larry gehörig zur Brust. Larry sei der einzige, mit dem er die „kleine Hure“ ausgehen ließ. Und wehe er stelle irgendwas mit ihr an. Dann … Kaum im Auto wird aus dem braven Mädchen von nebenan ein Wildfang. Doch die erhoffte wilde Knutscherei gerät zum Desaster. Sie wolle gar nicht ins Kino. Hatte sie nie vor. Vielmehr will sie zu ihrem Freund. Und der Abend mit Larry ist nur ein Vorwand. Sie ist nämlich schwanger und müsse nun einiges besprechen. Nach dem Kino könne Larry sie ja wieder abholen, so dass es für alle, die nichts von ihrem Schicksale wissen dürfen, es so aussähe als hätte sie einen vergnügten Abend mit dem Jungen von nebenan verbracht. Ein genialer Plan – wenn er denn funktioniert hätte. Denn Cindy ist auf einmal verschwunden.

Genauso wie der schwarze Junge, mit dem Larry sein ein paar Jahren befreundet ist. Silas. Im Staat Mississippi Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre immer noch ein Ereignis, über das man sich allenorts das Maul zerfetzt.

Tja, heute ist Silas Polizist und Larry hat das Damals verdrängt.

Tom Franklin kreiert ein Panoptikum der Archetypen. Väter, die diese Bezeichnung nicht verdienen. Verschüchterte Kinder, die ihr Schicksal mit durchs Leben schleifen wie Schröder seine Schmusedecke und über allem der Schleier der Vergangenheit. So stickig die Luft in Chabot, Mississippi, so schäbig das, was dort hinter verschlossenen Türen geschah und immer noch geschieht. Die Geister der Vergangenheit kriechen aus ihrem Asyl hervor und verwandeln das sich dem Fortschritt verweigernde stille Örtchen in eine Kloake der Widerwärtigkeit. Ein frischer Wind würde hier wie da guttun.

Und dieser kommt getarnt als Zugluft im Sog einer Kugel geflogen, die Larry trifft. Eine zweite „Frischluft“-Kugel trifft Wallace Stringfellow, der sich auffallend aufdringlich zeigt und Larrys Freundschaft erzwingen will. Das dritte laue Lüftchen wird durch den Schwanz einer Schlange in einem Briefkasten durch den Ort gejagt. Doch das ist alles nichts gegen die Vergangenheit von Larry und Silas…