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Ich bin Ariel Scharon

Sich über die Politik Israels zu unterhalten gleicht einer Sisyphosarbeit. Hat man ein Thema „abgearbeitet“, türmen sich schon wieder neue Probleme vor einem auf. Und immer wieder wird einem dabei der Name Ariel Scharon unter und vor die Augen kommen. Er leitete „immer mal wieder“ die Geschicke des Landes. Gehasst, geschasst, geliebt, bejubelt. So wie an vielen Politikern Israels scheiden sich die Geister.

Nun liegt er im Koma, seit Januar 2006. In zwei Monaten wird gewählt. Ariel Scharon hat die Partei Kadima gegründet und wird wohl … nein, er hatte große Chancen wieder an die Macht zu gelangen. Macht, diese Sucht Veränderungen herbeizuführen, andere zu überzeugen … zu herrschen.

Es sind die Frauen in seinem Leben mit denen er im Zweigespräch ist. Nicht sich gegenüber sitzende Personen handeln hier, sondern Frauen und ein Mann, die mit Monologen und Ansprachen dem Politiker ins Gewissen reden, ins besänftigen, ihm ihre Geschichte erzählen. Denn sie haben willentlich oder nicht Ariel Scharon geformt.

Allen voran seine Mutter. Sie führt ihn noch einmal in ihre und seine Kindheit zurück. Sie berichtet vom schweren Leben im ehemals russischen Zarenreich. Und ihrer spektakulären Ankunft auf dem Boden, wo einmal der Staat Israel erstehen wird. Dort, wo Palästinenser ihre Heimat gefunden haben und nun … ach, sind wir schon wieder bei der Politik. Die verdirbt ja auch so manchen schönen Abend…

Es sind die Parallelen, die die Frauen ziehen, um sein Schaffen, sein Wirken in der Weltpolitik mit seiner und ihrer Geschichte verweben. History repeats. Daran kann kein/e so Mächtige/r etwas ändern. Kein Diktator wird sich den Gesetzen der Wiederkehr widersetzen können.

Yara El-Ghadban gelingt es mit Leichtigkeit den harten Fakten die Gelassenheit des Romans wirken zu lassen. Hier ist alles Fiktion. Hier ist alles real. Es könnte ja so sein. Wer kann schon beurteilen, was im Kopf des im Koma liegenden Ariel Scharon vor sich geht? Es ist einfach im Nachhinein eine Persönlichkeit in ein passendes Licht zu rücken. Dabei unterliegt man aber der scharfen Zensur des geneigten Lesers. Im Roman darf man Tatsachen in einen Kontext setzen, den er vielleicht gar nicht gibt. Die Kunst besteht darin nicht ins Absurde abzugleiten. In diesem Fall ist Yara El-Ghadban eine wahrhafte Künstlerin, die es versteht zu unterhalten, ohne dabei den Boden und den Füßen weggezogen zu bekommen.

Die Poesie des Buchhalters

Erstmal ein Bad. Hu, ha, ist das heiß! Die Haut verfärbt sich in Windeseile rot. Ein scharfer Kontrast zum Büroweiß des Restes am Körper. Jetzt kann Justus Kratz sich den Dreck des Tages, den Schmutz des Büros und vor allem den Gestank der Schmach vom Körper schrubben. Und dann gleich noch mal. Und noch mal. Was ist passiert?

Seit Jahren nimmt er für seine Vermieterin Rose Briefe entgegen, um sie in der Poststelle seiner Arbeitsstätte abzugeben. Sie spart sich den Weg zur Post, er freut sich, wenn er ihr helfen kann. So ist Justus eben. Zweimal pro Woche ist er die gute Seele. Was nicht bedeutet, dass ansonsten sein herz nicht rein sei. Ganz im Gegenteil. Er hat seien Routinen. Damit fühlt er sich wohl. Das passt!

Doch irgendwann – wann, das weiß er gar nicht einmal – packt es ihn. Seine Neugier siegt über die Pflichterfüllung. Mit einem Mal ist Justus Kratz Patient seiner eigenen Irrationalität. Neugier muss eine Krankheit sein. Abwehrmechanismus oder simpler Erklärungsversuch? Und Justus geht noch einen Schritt weiter. Er öffnet nicht nur den Brief, er liest ihn auch. Er weiß, dass das einen enormen Vertrauensbruch darstellt. Ja, die gute Rose schreibt ihrem Paul. Fleißig, zweimal pro Woche. Paul ist das pragmatischer. Und bei Weitem nicht so fleißig.

Justus ist nun gefangen in seiner Krankheit. Die ganze Situation überfordert ihn sichtlich. Er ist schnippisch, wo er sonst gelassen ist. Er ist im Dauerstress mit seinem Gewissen, wo sonst die Ausgeglichenheit ein Beet mit sich sanft in der Kraft der Ruhe hin und her wiegt. Was, wenn alles, was Justus ausmacht mit einem Mal ins Dunkel der falschen Attitüde verschwindet? Puh, da hat er sich was eingehandelt…

Justus geregelter Tagesablauf mit all seinen Macken steht über allem. Auch sichtbar im Buch. Justus’ Gedankenspiele, was Rose und Paul betrifft, treten immer öfter hinter dem Schleier des Unbekannten hervor. Auch das ist im Buch exzellent dargestellt. Ein Kunstgriff, der seinesgleichen sucht. Optisch mehr als nur ein Hingucker.

Ulrike Damm verwandelt in ihrem Roman einen durch und durch strukturierten Menschen in ein Wesen, das sich selbst in Frage stellt und mit einer Außenwelt konfrontiert, die er nie an sich, geschweige denn in sich, heranlassen würde. Alles Lüge oder doch nur eine Zäsur? Die Leichtigkeit der Worte überstrahlt die Ernsthaftigkeit des Themas derart, dass man mit schwitzigen Händen Seite für Seite mit den Augen verschlingt.

Hyänen

Simon ist der Mann. Er ist der einzige Mann, der diesen Auftrag erledigen. Seine Vorgesetzte schmiert ihm Honig ums Maul bis er nicht mehr anders kann und den Auftrag annimmt. Irgendwo am Ende des Landes. Er landet spät in der Nacht. Fast scheint es als ob man ihn erwartet, doch dann wäre ein Fahrzeug da, das ihn abholt. Eine junge Frau, Rachel, fährt ihn freundlicherweise ins Hotel. Auch hier ist man auf ihn irgendwie vorbereitet und irgendwie auch wieder nicht.

Der nächste Morgen hält für Simon eine weitere Überraschung bereit. Maria, überaus attraktiv, forsch und überhaupt nicht auf den Mund gefallen. Sie und er scheinen die einzigen Gäste hier im Hotel zu sein. In diesem gottverlassenen Tal ohne Anschluss zur Welt da draußen. Am nächsten Morgen soll Simon mit seiner Arbeit beginnen. Er geht zum Rathaus. Alle Türen verschlossen. Eine Dame mit Hund regt sich ungeheuerlich auf, dass das Rathaus immer noch – schon wieder – verschlossen ist. Simon bekommt nach und nach ein klares Bild von der Stadt. Dass hier Korruption eine Rolle spielt, ist klar. Sonst wäre er nicht hierher geschickt worden. Und dass der Bürgermeister seine Finger im Spiel hat, ist ebenso klar. Und Simon soll es ihm nachweisen. Weil … na ja, weil man das so macht, es rechtens ist und weil Simon … wie schon erwähnt … na ja der Einzig ist, der das schaffen kann.

Simons Blick auf die Realität ist getrübt. Wie ein loses Haar, das sich in den Wimpern verfangen hat und einfach nicht zu greifen ist. Auch als er den Bürgermeister – der, dem er Korruption im ganz großen Stil nachweisen soll – kennenlernt, sieht er nicht klar: Der Bürgermeister posiert nackt auf einem Hocker sitzend vor einer nicht dem gängigen Klischee entsprechenden Künstlerin, die ihn auf Leinwand verewigen soll. Die Künstlerin ist übrigens Maria. Es wird nicht die letzte Ablenkung für Simon sein, die ihn davon abhält seiner eigentlichen Tätigkeit nachzugehen… Bis es für ihn sogar richtig gefährlich wird…

Roland Freisitzers Gedankengängen zu folgen, geht mit einem wohligen Gänsehautgefühl einher. Langsam und unaufhörlich stürzt er Simon in ein Jammertal, aus dem er nicht mehr herauszukommen scheint. Sirenen verwirren seine Sinne, knallharte Günstlinge packen ihn da, wo’s wehtut, speichelleckende Lakaien umschwirren ihn wie Schmeißfliegen. Und über allem thront der gottähnliche Bürgermeister. Dass der Dreck am Stecken hat, ist wie in Stein gemeißelt. Es ihm nachzuweisen inmitten der ganzen willfährigen Helfer, bedarf dompteurartiger Fähigkeiten. In der Luft der Gestank des Aases – ein Fest für Hyänen!

Patience geht vorüber

So alt wie das Jahrhundert – Patience fiert mit Grete ihr bestandenes Abitur. Draußen tobt noch der Krieg. Die Monarchie zerbricht. Aufbruchstimmung will aber auch nicht recht aufkommen. Aber mit dem Namen – muss man da zwangsläufig Karriere machen?! Nicht in ihrem Fall. Dass die Mutter Engländerin ist, deswegen der wenig deutsch klingende Name Patience, lässt sie schwer Freunde finden und die Anerkennung der Obrigkeit verwehrt bleiben.

Dass Patience so viele Parallelen mit der Autorin Margaret Goldsmith hat, ist kein Zufall. Auch ihre Wurzeln lagen jenseits des Atlantiks. Ihre Leben in Berlin – so wunderbar unter anderem in „Good-Bye für heute“ beschrieben – war kein Zuckerschlecken. Als Frau im Besonderen.

Patience hat Träume – sie will schreiben, Margaret Goldsmith. Sie studiert. Will als Ärztin promovieren. Und schreiben. Und das in einem Land, das nach dem Krieg Diktaten unterliegt (zurecht), einer galoppierenden Inflation zum Opfer fällt und schließlich rauschende Monate erlebt. Und das alles dort, wo es am heftigsten passiert: Berlin.

„Patience geht vorüber“ ist ein Titel, den man sich auf der Zunge zergehen lassen muss. Weil er so viele Interpretationsmöglichkeiten bietet. Geht an einem vorbei? Vorübergehen im Sinne von „das kommt schon in Ordnung, das regelt sich von allein“? Und so sollte man diesen 1931 erschienen Roman, alsbald verboten und verschollen wie so vieles dieser außergewöhnlichen Frau, auch lesen. Hier wird nicht wie wild auf das eine, große Ziel hingearbeitet. Hat man es erreicht ist alles vorbei und die letzte Zeile ist gelesen.

Margaret Goldsmith entwickelt in diesem Roman eine Frau, die nicht unter der Last eine Frau zu sein zusammenbricht oder gar ins Jammertal abgleitet. Sie nimmt jede Situation an. Mal stöhnt, freut sich aber im Gegenzug mindestens genauso wenn das Ziel erreicht wurde. Berlin den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts – das waren nicht nur Champganer-Duschen und ausgelassene Nächte. Das war auch das normale Leben mit all den normalen Problemen wie zu jeder Zeit. Und in dieser Zeit lebt Patience.

Es gibt beeindruckende Bildbände zu den Zwanzigern mit ikonischen Bildern. Aber die echten 20er, ob sie nun „golden“ oder „roaring“ waren, werden hier so anschaulich dargestellt, dass man baff erstaunt ist, wie lebensnah die Zeilen heute noch wirken.

Die kleine Sache Widerstand

Es ist vor Olympischen Spielen eine Tradition, dass die Olympische Fackel von Griechenland ins Land des Austragungsortes von Menschen getragen wird, die sich verdient gemacht haben. Einige lassen sich das was kosten, andere werden nominiert, weil ihr Leben einzigartig war und ist und man ihnen deswegen diese Ehre antragen möchte. So war es auch in den Wochen vor den Sommerspielen in Paris. In Saint-Etienne wurde diese Ehre (und hier stimmt diese oft zu sehr strapazierte Phrase nun wirklich einmal) Melanie Berger-Volle zuteil. Nicht, weil ihre Enkelin 1996 als Turnerin teilnahm. Auch nicht, weil sie mit einhundertzwei Jahren die älteste Fackelträgerin sein wird. Nein, es ist das eindrucksvolle, lange Zeit von Ängsten belastete Leben, ihr unermüdlicher Kampf gegen Faschismus und ihr niemals ermüdender Kampfgeist (der bis heute in Gesprächen aus all ihren Poren hervortritt).

Melanie Berger musste ihr Österreich fluchartig verlassen, weil sie offen gegen die Einverleibung Österreichs eintrat und vehement gegen das Naziregime propagierte. Über Belgien gelangte sie nach Südfrankreich. Jahre lebte sie im Untergrund. Immer auf der Hut, immer mit der Angst im Nacken entdeckt zu werden. In Montauban, rund 50 Kilometer Luftlinie nördlich von Toulouse kam sie unter. Entdeckt zu werden bedeutete in ihrem Fall automatisch Lager und den sicheren Tod. Sie wurde entdeckt, kurz nach Weihnachten im Jahr 1942. Sie kam ins Lager. Sie entkam ihm aber auch. Abenteuerlich, aber vom Erfolg gekrönt.

Nach dem Krieg ging die Odyssee weiter. Ein richtiges Zuhause, eine echte Heimat musste sie lange suchen und fand sie schließlich wieder in Frankreich. Spiegel-Autor Nils Klawitter wurde auf ihre Geschichte aufmerksam, traf auf eine Frau, deren Energie ihn einfach in den Bann zog. Aus dem Fünf-Seiten-Artikel wurde ein Buch, dieses Buch.

Die unverblümte Wahrheit immer noch so präsent und klar wiedergeben zu können beeindruckte nicht nur den Autor. Über Jahrzehnte hinweg allen Widrigkeiten Widerstand leistend, hat Melanie Berger Fotos aus ihrer frühen Kindheit bewahren können. Bis heute geht sie in Schulen und berichtet, was ihr widerfahren ist. Sie ist eine der letzten Überlebenden des Widerstandes – egal welchen Namen dieser nun trug. Ihr Engagement ist bis zum heutigen Tag ungebrochen. Wer sie trifft, steht einer Frau gegenüber die zeitlos ist. Auch beim Olympischen Fackellauf fiel sie durch ihre positive Ausstrahlung auf. Es waren nur wenige Meter, die sie die Fackel trug, es war nur diese kleine Sache Widerstand – man muss nicht viel Brimborium um sich machen. Taten sprechen lassen – so verändert man die Welt.

Dorf im Himmel

Große Leinwand, das Licht geht aus, der Vorhang lichtet sich. Aus der Erde erheben sich die Toten, schieben mit dem Nacken die Erde nach hinten – Charles Ferdinand Ramuz versteht es meisterhaft aber ersten Zeile (!) den Leser für sich zu gewinnen.

Nun sind wir aber nicht im Kino, sondern halten ein Buch in der Hand, das großes Kino ist. So viel darf schon mal verraten werden. Wer „Sturz in die Sonne“ gelesen hat, kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass er hier eine Fortsetzung in den Händen hält. Catherine kann ihre Enkelin Jeanne wieder in den Arm nehmen. Pierre Chemin, der Schreiner ist quasi arbeitslos. Zuvor, bevor er unter der Erde lag, schreinerte er Särge. Bé kann sehen, was er vorher nicht konnte. Und Chermignon hat wieder zwei Beine. Alles wie im Paradies. Man geht arbeiten, weil man es will – ist ja wie im Kommunismus, und das vor traumhafter Kulisse in der Westschweiz.

Das Paradies gedeiht. Alle lächeln. Es gibt ja auch keinen Grund Trübsal zu blasen. Denn das Drumherum ist wie früher. Die Seele ist nun aber frei. Die Sonne scheint, brennt alle Sorgen hinweg. Erste Risse kommen im „Dorf im Himmel“ auf als Thérèse mit einer Ziege weniger ins Dorf zurückkehrt als sie es am Morgen verlassen hat. Das muss Schicksal sein. Denn so viel Glück hat niemand verdient. Egal, was er im vorherigen Leben getan hat. Karma ist eine ruhelose Seele.

  1. F. Ramuz war ebenso eine ruhelose Seele. Er wollte vom Schreiben leben, weswegen sein geistiger Ausstoß enorm war. Oft schrieb er an mehreren Werken gleichzeitig. Entwürfe wurden überarbeitet. Titel geändert. Nur, um dann doch wieder in der ursprünglichen Fassung vollendet zu werden. „Dorf im Himmel“ ist so ein Buch. Vier Versionen gibt es. Und diese hier nun hat ihm wohl am besten gefallen. Was nachvollziehbar ist.

Wo andere Autoren sich dutzende von Seiten ellenlange Einleitungen ausdenken, kommt Ramuz gleich auf den Punkt. Schon vor dem ersten Umblättern kennt man die Lokalität in- und auswendig. Bei so viel beschriebener Freude muss man einfach mitlächeln mit den Auferstandenen. Und wenn sich der Himmel über den Bewohnern verdunkelt, fühlt man die Verzweiflung der Protagonisten bis in die Fingerspitzen. Ein Paradies in Buchform, das man nicht nach physikalischer Größe beurteilt.

Zeig mir den Platz an der Sonne: Eine deutsche Chronik in Schlagern

Zum Schlager hat einfach jeder eine Meinung. Und es gibt, wenn man es genau nimmt auch nur zwei Meinungen: Man mag ihn (sprich vergöttert ihn) oder man hasst ihn (und das mit Haut und Haaren). Aber eigentlich … ach was soll’s: Man kann ihn in Teilen mögen. Das komplette Spektrum des deutschen Schlagers ist unmöglich. Es gibt also drei Meinungen. Liebe – Hass – Teilsympathie.

Da steht man im Publikum bei einem Konzert einer Band, von der ein Teil zu den Urgesteinen des deutschen Hardrocks gehört. Und plötzlich kreischt einer „Da sprach der alte Häuptling der Indianer“. Was’n hier los?! Rockmusik, sägende Gitarren und dann „Hu, ha“. Es passt aber dann doch irgendwie ins Bild. Melodie, Mitsingzwang, Körperertüchtigung zu Liedern, die man seit Jahren, Jahrzehnten kennt. Und dabei war der Schlager mal tot. Toter als tot. Erst mit der Neuen Deutschen Welle, und dem mit Verzögerung folgenden Spaß-Schlagerboom der Neunziger wurde die „Heile-Welt-Attitüde“ wieder salonfähig. Heute ist Schlager für viele gescheiterte Musiker die einzige Chance die Miete bezahlen zu können. Oh, das war gemein. Aber schaut man sich die Szene und die Ursprünge von einige Musikern an, dann ist der Schlager nicht die logische Konsequenz ihres Tuns…

Wolf Kampmann legt die Plattenspielernadel behutsam ans Herz des deutschen Schlagers. Er findet „Spuren im Sand“, wird gehetzt vom „Hund von Baskerville“ (unglaublich, dass das Sinnbild des deutschen Schlager „Cindy & Bert“ „Black Sabbath“ einmal coverten), zieht mit den „Fischern von Capri“ aufs Meer hinaus – es wird klar, worauf es hinaus läuft, oder?!

Und er nimmt den Schlagerfreund höflich an die Hand und zeigt ihm, dass seichet Melodien durchaus ernsthafte Inhalte vermitteln können. Entertainment ist in Ordnung, aber mit einer Botschaft bleibt länger etwas haften im Ohr des Hörers. Feminismus ist nun wahrlich keine Erfindung der Neuzeit. Der Begriff ist nun vielleicht häufiger zu hören, aber die Inhalte, die Forderungen waren schon immer da. Mal leicht sarkastisch als „Wenn Du denkst, du denkst, dann denkst Du nur Du denkst“ – wohl der leichteste Marsch (in der Musik) der Geschichte – ein anderes Mal schon kämpferischer bei Ina Deters „Neu Männer braucht das Land“ – ist das noch Schlager?

Wie auch immer: Jeder kann mindestens zwei Händevoll Schlager aufzählen und sogar mitsingen/-grölen. Noch immer gehen Künstler auf Tour, die mit einem oder mehreren Hits tatsächlich Generationen beeinflusst haben. Liedzeilen, die in den Sprachgebrauch übergegangen sind und Neuinterpretationen von Hits durch Nachfolgegenerationen lassen das Genre nicht noch einmal sterben. Und dieses Buch ist zum Einen eine Rundreise durch Schlagerdeutschland, zum Anderen Lexikon wider das Vergessen mit einem Augenzwinkern, das so schön strahlt im Scheinwerferlicht der Konzertarenen…

Leben verboten!

Manchmal weiß man schon vorher, dass der Tag nicht so verlaufen wird wie es sein sollte. Die Zeichen sollte man nicht ignorieren. Ernst von Ufermann muss nach Frankfurt fliegen, um mit den erhofften Krediten die Firma zu retten. Ihm geht’s soweit gut. Haus, Frau, Kind, Hausmädchen, Chauffeur – für das Jahr 1931 ein angesehener Mann. Doch die Aufregung vor dem Flug lässt ihn des Nachts nicht zur Ruhe kommen. Anzeichen Eins. In Windeseile lässt er sich zum Flugplatz Tempelhof chauffieren, gibt seinem Chauffeur noch ein paar Anweisungen mit auf den Weg. Und stürzt sich ins Getümmel am Flughafen. Er wird angerempelt. Ist ja normal, bei so vielen Menschen. Und plötzlich bemerkt er, dass Geld, Papiere, Ticket verschwunden sind. Das war kein Zufall, dass Ernst von Ufermann angerempelt wurde. Anzeichen Zwei. Was soll er nun machen? Frühstück, Zeitung lesen. Auf Anzeichen Drei warten? Und da ist es schon. Das Flugzeug, in dem er sitzen sollte, stürzt ab. Alle Passagiere kommen ums Leben. Auch er, der vermeintlich prominente Fluggast. Anzeichen Drei entpuppt sich plötzlich als einzigartige Chance. Was, wenn er weiterhin für tot geglaubt werden würde? Seine Frau bekommt die Lebensversicherung ausgezahlt, eine enorme Summe. Die Firma ist gerettet. Das Leben der Familie gesichert. Doch was ist mit ihm, Ernst von Ufermann.

Wien ist sein erster Anlaufpunkt. Hier wird er zu Edwin von Schmitz, das „von“ muss bleiben… Eine Prostituierte hat ihm die Flucht bzw. den Fluchtpunkt ermöglicht. Für einen Gefallen, den er ihr und ihren Kumpanen tun soll. In Wien ist alles anders. Die Tochter der Familie, bei der er unterkommt, verliebt sich in ihn, nachdem sie ihn lange misstrauisch beäugt. Er vertraut ihr und gibt sich als Ernst von Ufermann zu erkennen.

Es wird Zeit zurückzukehren, nach Berlin. Doch die Zeiten haben sich geändert. Niemand erkennt ihn, will ihn wieder erkennen. Und plötzlich tritt auch die Polizei in Erscheinung. Dann kommt, nach langer Zeit, Anzeichen Nummer Vier. Nach langer Zeit der Ruhe, einem neuen Leben, der Sehnsucht nach dem alten Leben, wird es rasant im Leben von Ufermann/Schmitz. Das letzte Anzeichen bewahrheitet sich vollends. Dieser Tag wird nicht so verlaufen wie er sollte…

Maria Lazar verließ ihr Wien rechtzeitig vor dem Terror des braunen Mobs. Ihre Romane wurden viel gelesen, meist waren sie unter Pseudonymen veröffentlicht. Sie floh nach Dänemark, wo sie auch Bertolt Brecht und seien Frau Helene Weigel einen Unterschlupf organisieren konnte. Doch nach dem krieg war sie vollends in Vergessenheit geraten. Eine langwierige Krankheit die schwindende Aussicht auf Heilung ließen sie ihrem Leben selbst ein Ende setzen. Es dauerte mehrere Jahrzehnte bis ihre Romane wiederentdeckt wurden. Sie sind immer noch frische, vor Spannung platzende Zeugnisse einer Zeit, die die Autorin zerfleischte, ihre Leserschaft aber bis heute fasziniert.

Gespensterfische

Es gibt Bücher, die ziehen einen in ihren Bann und man weiß gar nicht warum das so ist. Ein Krimi spielt an einem Ort, den man kennt und die Geschichte ist so tiefgründig, dass man sich ihr nicht entziehen kann. Oder man hat eine persönliche Beziehung zu dem Thema, das das Buch behandelt. Oftmals ist es aber die Sprache, die in ihrer Klarheit, Reinheit und Bestimmtheit einen fesselt.

Egal, ob man nun selbst Erfahrungen mit Psychiatrie hat, tiefgründig und reine Sprache sind die Grundfeste der „Gespensterfische“. Über einen Zeitraum von einhundert Jahren entwickelt Svealena Kutschke einen Spannungsbogen, der den Beteiligten im Roman allerlei Anspannung verleiht und ihnen keine andere Wahl lässt als sich mit sich auseinanderzusetzen. Und genau da liegt die Krux! Sie setzen sich bereits mit sich auseinander. Manche sind wegen dieser Obsession genau hier gelandet. Andere – und deren Schicksal liegt in der Vergangenheit – sind hier und werden gedemütigt, erniedrigt, „geheilt“ – alle im Namen der Wissenschaft und unter dem Dach des hippokratischen Eides.

Die relativ kurzen Kapitel sind zeitlich nicht exakt einzuordnen. 80er, 90, 30er Jahre. Und die Gegenwart. In der ist beispielsweise Laura zu Hause. Sie „bewohnt“ ihre vier Wände mit Noll. „Die Wirklichkeit ist nur eine Vereinbarung“ – was ein Satz! Der beschäftigt Laura tagein, tagaus. Jedes Wort, das sie sagt nimmt sie auf. Echte Kommunikation ist ihr kaum möglich. Ihre Leidensgenossin ist das genaue Gegenteil von ihr. Sie verschließt sich komplett ihrer Außenwelt, trägt Ohrstöpsel.

Ein wenig weiter zurück – 30er Jahre – sieht die Welt der Anstalt ganz anders aus. Pfleger und Ärzte sind mindestens Dreiviertelgötter in Uniform. Ihre Patienten sind unwillens oder unfähig sich ihren Problemen zu stellen. Martialische Therapien, die Erfolg versprechen, treiben alle nur weiter in den Abgrund.

Davon erzählt Svealena Kutschke. So ernst und dabei an einigen Stellen auch tiefgründig humorvoll schließt sie den Leser in ihre Arme. Darin fühlt man sich sicher und ist froh, dass die Schicksale der Protagonisten ganz weit weg, in der Phantasie, sind. Doch sind sie es wirklich? Wie weit darf man sich in den geschlossenen Kosmos der Psychiatrie wagen? Sehr weit. Denn die Rettung naht in Gestalt der letzten Seite. Puh, ein intensiver Ausritt in die Tiefen der menschlichen Unmöglichkeiten und möglicher Unmenschlichkeit.

Maikan

Einskommaneunmilliarden. So in einem Wort geschrieben ist es schon beeindruckend. 1 900 000 000 Kanadische Doller. So viel hat die Regierung des zweitgrößten Landes Autochthonen zugesprochen, die in der Vergangenheit in Internaten untergebracht wurden, wo ihnen ihr indigener Lebensstil vor allem wortwörtlich aus dem Leib geprügelt wurde. Völkermord nennt man das klangvoll und markant. Eine Entschuldigung (zusammen mit der Zusage auf Entschädigung) gab es erst vor ein paar Jahrzehnten. So weit so gut. Doch wie kommen die Berechtigten an ihr – nein, nicht an Gerechtigkeit! – zustehendes Recht? Oft sind ihre Namen aus den Archiven getilgt. Sie wissen nichts von Entschädigung, leben am Ende der Gesellschaft.

Die Anwältin Audrey Duval versucht die Maikan, die Wölfe, wie sie diskreditierend von Nonnen und Mönchen, die den Internaten vorstanden und ihrer Willkür freien Lauf ließen, genannt wurden, aufzuspüren.

Sie findet unter anderem Marie. Sie war eine von mehr als einhundertfünfzigtausend Kindern, die ihren Eltern, ihrer Heimat, ihrer Art zu leben entrissen wurden und in einem der weit über hundert Internate verschwanden. Ihre Sprachen duften sie nicht mehr sprechen. Bei Zuwiderhandlungen drohten Strafen, die nicht nur an Folter erinnern. Es war Folter! Marie ist Alkoholikerin. Das Leben hat sie ausgespuckt auf die Straßen der Provinz Quebec. Hier wird sie auch angespuckt. Der Teufel hat sich ihre Seele schon gesichert. Hoffnung fällt ihr nicht im Leben ein zu buchstabieren.

Michel Jeans Romane erzählen auf eindrucksvolle Art und Weise vom menschenverachtenden Umgang mit Autochtonen, von ihrer Kultur und ihrem harten Kampf ums Überleben. Wenn die Kultur verschwindet, verschwindet der Mensch. Wölfe können beißen. Doch die Maikans haben ihren Biss verloren. Alle Reißzähne wurden ihnen herausgerissen. Nur Audrey Duval kann ihnen teilweise einen Teil ihrer Würde, zumindest aber einen gehörigen teil ihres ihnen zustehenden rechts zurückgeben.

Immer wieder liest und hört man von Völkermord. Ein Wort, das schon so oft verwendet wird, dass man es kaum noch wahrnimmt. Egal, ob in aktuellen Kriegen oder in Reportagen über die Geschichte Europas, Asiens, Afrikas und Amerikas. Dass auch Kanada zu den Übeltätern gehört ist weitgehend unbekannt. Michel Jean ist in seinem Land ein Star. Auch und gerade wegen der Themen, die er in seinen Romanen anspricht. „Maikan“ gehört zu den wichtigsten Büchern, die man lesen muss, um menschliche Abgründe zu erkennen.