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oh! Neapel

Ball, Clown, Pizza. So würde es in jeder anderen Stadt heißen. In Napoli ist es SSC Napoli, was Diego Armando Maradona bedeutet. In Napoli ist es Pulcinella. Und es ist auch und vor allem Margherita, die Mutter allen Fastfoods (was es anfangs nicht war). Also haben wir auf gelben Grund ein weißes „oh!“, ein schwarzes Neapel sowie D10S, Pulcinella e Pizza. Mehr muss man auch erstmal nicht über die Stadt wissen. Hand auf, Pizza drauf, fertig. Und um Himmelswillen nicht über Maradona oder die Leidenschaft zur SSC Napoli lächeln. Sonst kommt im günstigsten Fall Pulcinella und spielt Dir einen Streich.

Die Stadt am gleichnamigen Golf aber nur mit diesen drei Attributen abschließend zu beschreiben, wäre mindestens so frevelhaft. Denn hier wandelt man auf Jahrtausende altem Grund. Quartieri spagnoli. Selbst alteingesessene Italiener rollen mit den Augen, wenn man ihnen mitteilt, dass man hier nächtigen möchte. Alles halb so schlimm. Klar, man wird beäugt. Aber nach ein, zwei freundlichen „Buongiorno“ ist man bekannt und dass man keine Gefahr darstellt. Eintracht-Frankfurt-Fans sollten aber vielleicht draußen bleiben. Und schon gar nicht uniformiert den Maradona-Deovtionalien-Markt murale Maradona besuchen. Ein Fantastikum, das es nur hier, in Napoli geben kann.

Napoli ist ein Straßenwirrwarr und Gassenlabyrinth, das man zu nehmen wissen muss. Überall hängt die Wäsche quer über einem. Doch nicht überall gibt es für Touristenaugen auch was zu sehen. Irene Helmes hat hier gewohnt. Sie zieht es immer wieder hierher. Und immer wieder entdeckt sie sicher auch Neues. Napoli verändert sich sicher nicht so rasant wie Shanghai, doch der Wandel ist immer wieder sicht- und spürbar. Als Touri mit verunsichertem Gang tappt man gern mal in die eine oder andere Falle. Restaurants bieten sich hier dafür an. Aufmerksam Karte studieren, gern auch vermeintlich dumme Fragen stellen – das hilft schon fürs Erste.

Für den Rest sorgt dieses wirklich einzigartige Buch. Selbst den Soundtrack kann man sich per QR-Code runterladen und auf die Ohren geben. Dann hört man allerdings den Straßenlärm nicht mehr. Der gehört zu Napoli wie wilde Wendemanöver und zähe Touristenströme in der Gasse der Krippenmacher.

Wer Neapel zusätzlich zu Veilcheneisverzehr (wo sich schon die Sisi dem Genuss hingab) und dem Besuch des Teatro San Carlo in sich aufsaugen will, muss sich auch manchmal in die vermeintlichen Höllen der Stadt begeben. Wie man sich dort verhält, was man sehen muss und was man getrost umgehen kann (oder sollte) – dafür lohnt sich permanentes Blättern in diesem Reiseband.

Ich, die ich Männer nicht kannte

Kann man das noch als Leben bezeichnen?! Keinerlei Anhaltspunkt – im wortwörtlichen wie im sinnbildlichen Kontext. Zeit? Gibt es nicht. Der Horizont? Ein Fremdwort. Von Hoffnung ganz zu schweigen. Es sind insgesamt vierzig Frauen, die in einem Keller ihr Leben fristen. Eine, die Jüngste, fühlt sich nicht so recht zugehörig zu der Leidensgemeinschaft. Viele Jahre – sofern man dies messen kann – hausen die Frauen hier. Warum? Ein Rätsel. Die Wärter – allesamt Männer – sind gefühlsbefreite Aufseher, die jeden Regelverstoß mit einem Peitschknall abwenden. Physische Gewalt gibt es nicht. Doch die pure Drohung reicht aus. Augen auf des nachts – Peitschenknall. Berührungen – Peitschenknall. Hier unten ist NICHTS. Gar nichts.

Dorothee, Rosette, Thea, Germaine, Francine, Marie-Jeanne – Namen gibt es noch. Nur die Jüngste, die Chronistin der Einsamkeit, hat keinen Namen. Sie kann sich nicht an ein Leben draußen erinnern. Sie ist zu jung. Gerade mal eine Frau geworden. Nach und nach beginnt sie die Menschen um sich herum wahrzunehmen. Den jungen Wärter, die Frauen, die ihr mit Zuneigung entgegentreten. Sie beginnt zu zählen. Die Anderen haben es ihr beigebracht. Sie hört von Dingen, die sie nie erlebt hat, nie erleben wird. Die Verzweiflung ist schon längst dem Fatalismus erlegen. Es ist ihr aller Schicksal hier unten bis zum Ende zu bleiben.

Doch dann geschieht Unerhofftes. Die Gittertore bleiben offen. Die Wärter sind allesamt verschwunden. Die Zwangsgemeinschaft der Hoffnungslosen entwickelt eine Eigendynamik. Statt eine Anführerin zu wählen, raufen sich alle zusammen. Der Gemeinschaftsdrang überwiegt Führungsambitionen. Wären das alles Männer gewesen …

Die Erzählerin kann mittlerweile auf einen Erfahrungsschatz zurückgreifen, den ihr die anderen Frauen angedeihen ließen. Unmerklich blüht hier eine Blume heran, die Wurzeln schlagen kann, die aber nicht durch ihr Antlitz Bewunderung ernten muss. Sie ist sich selbst nahe, während die Gemeinschaft der vierzig Frauen durch den Lauf der Zeit an Mitgliederschwund leidet. Schon bald – nach Jahren – ist sie, die die Männer nicht kannte, allein. Ihr obliegt es die Frauen zu begraben. Die Freiheit Sonne, Himmel, Horizont zu erkennen, hart mehr Schattenseiten als angenommen. Sie ist immer noch allein. Allein im Sinne von niemandem an ihrer Seite. Sie ist sich selbst genug. Sie klagt nicht. Wünsche und Sehnsüchte hat sie nicht, sie hat nie gelernt diese zu entwickeln.

Jacqueline Harpman hat mit „Ich, die ich Männer nicht kannte“ einen Roman geschrieben, der in der feministischen Literatur eine Sonderstellung einnimmt. Dauerhafte Empathie, komplett fehlende Rachegelüste, Sinnsuche – die Liste der Schlagworte könnte sich unendlich fortsetzen lassen. Doch weder das eine noch das andere Wort würde dem Gesamtkunstwerk nur annähernd gerecht werden. Es sind die Zwischentöne, das, was fehlt (also nicht so offensichtlich ist), die diesen Roman in einem hellen Licht erstrahlen lassen.

Josef Lautenbachers Reise nach Flätz

Es ist geschafft! Josef Lautenbacher hat nach vierzig Jahren seine Buchhandlung übergeben und darf nun seinen Ruhestand genießen. Die Buchhandlung übernahm er selbst von seinem Schwiegervater. Qualität stand für ihn immer an erster Stelle. Bücher an Kunden zu verkaufen war ihm ein Graus. An Leser etwas weiterzugeben sein Elixier.

Und nun? Luise, seine Frau, hat sich ebenso wie er in ihrem Leben eingenistet. Er geht zur Arbeit, „hat seine Bücher“. Sie führt das Haus und sorgt dafür, dass die Harmonie gewahrt bleibt. Dass beide darunter etwas anderes verstehen – geschenkt. Josef Lautenbacher geht das Leben auf den Keks. Minderwertigkeiten stören ihn. Belanglosigkeiten treiben ihn in den Wahnsinn. Das Essen von Luise – Nörgeln ist ihm näher als Einsicht.

Die Tage vergehen. Die Monotonie des Unabänderlichen treibt ihn voran. Beziehungsweise lässt er sich davon lustlos davor hertreiben.

Dann macht es Klick in seinem intakten Hirn. Die Brücke über den Fluss. Sie ist nicht einfach nur die Uferverbindung. Sie ist der Weg für den ersten Schritt in eine neue Welt. Nach Flätz zieht es ihn. So nennt er den Ort, den er nicht kennt. Denn er aber unbedingt sehen muss. Andere reisen nach Indien, um Erleuchtung zu erlangen. Ihm reicht die Flucht aus dem Schweizer Ort, der von Bergen umgeben ist, und Lautenbacher Grenzen zieht.

Den Abschiedsbrief – er will ja wiederkommen, weil man das so macht, wenn man verreist – verfasst er gleich mehrere Male. Immer wieder ändert er Passagen. Luise soll sich keine Sorgen machen, er ist ja bald wieder da.

Flätz. Was soll das sein? Wo soll das sein? Kann er sich endlich mal hinflätzen und den lieben Gott einen guten Mann sein lassen. Ist Flätz wirklich ein Ort oder eine Zustand? Auf alle Fälle steht Flätz für Erfüllung. Und ohne Luise. Wobei Luise sicher für die Zwänge des alltäglichen Lebens steht …

Jürg Beeler haucht dem Neupensionär Lautenbacher Leben ein, das der erstmal annehmen muss. Der viel und oft beschworene Unruhestand ist Lautenbacher zuwider. Er hält nichts von Klischees. Jahrezehntelang, ein Leben lang hat er sich seine eigene Weltanschauung hart erknurrt. In seiner Buchhandlung war er Gott. Hier die gute Literatur, da die Sachbücher. Dazwischen, im Hintergrund, Er. Leser waren ihm willkommene Gesprächspartner. Das Leben da draußen kennt er nur aus Büchern. Jetzt muss Josef Lautenbacher beweisen, dass er in dieser Welt nicht verloren ist.

Dear Professor Romance

„ I would do anything for love but I won’t do that“ – so kryptisch Meat Loafs Welthit so manchem vorgekommen sein muss, so klar liegt dre Fall in diesem Buch. Doug Guthrie, eine ehemaliger Säufer, der sich mittlerweile zu gewieften Geschäftsmann gemausert hat, ist als Professor Romance bekannt. Seine Kolumne wird fiebrig gelesen. Denn er gibt „hoffnungslosen Fällen“ Hoffnung in Sachen Beziehungen. Beziehungsweise (!) wie man den ersten Schritt tut. Und er verweist – wenig subtil – auf seine Ratgeber, die als Buch für nur 200$ pro Buch käuflich zu erwerben sind. Das Prinzip funktioniert und füllt das Konto des knapp über 60jährigen ordentlich. Mehr aber auch nicht. Denn die einzige Frau in seinem Leben ist seine Mutter, und die ist auch nur körperlich anwesend.

Das schreiberische „Genie“ hinter Professor Romance ist jedoch Lance Bertovich. Sein Ghostwriter. Schriftsteller mit dem scheinbar perfekten Leben. Sein Einkommen ist dank wasserfestem Vertrag als Schreiber für Professor Romance und üppigen Prämien stabil. Seine Frau liebt und achtet ihn, sein Sohn ist ein Schatz.

Zu den Kunden – mehr sind sie nicht, die verzweifelten Seelen – zählt auch Norman Bright. Ein unauffälliger Angestellter in einer Biomedizinischen Firma. Mittzwanziger, ganz gut aussehend mit enormen Selbstzweifeln. Seine Kollegin Cynthia Collingsworth hat es ihm angetan. Ihr Gang, ihre Erscheinung, ihr Wesen – all das und noch viel mehr tragen dazu bei, dass Norman sich einfach nicht traut sie anzusprechen und sie für sich zu gewinnen. Seine Mails an Professor Romance werden auch nicht beantwortet. In den Ratgeberbüchern – Norman kann sich die 600$ für Band I bis III locker leisten – sind schlussendlich auch keine endgültige Lösung.

Während Norman sich bis auf die Knochen blamiert bei dem Versuch mit Hilfe der Ratschläge von Professor Romance Cynthia auf sich aufmerksam zu machen, ohne dabei die Selbstachtung zu verlieren und Achtung in ihren Augen zu gewinnen, stürzt sich Lance Bertovich in eine Affäre. Und bringt so alle Stabilität in seinem Leben ins Wanken wie es kein kalifornisches Erdbeben je zu tun vermag. Und Doug? Der sucht was auch immer zwischen den Schenkeln von Prostituierten. Das muss Liebe sein.

Und dass das alles nur der Anfang einer gigantischen Höllenfahrt ist, wird dem Leser Seite für Seite klarer. Kompromisslos jagt Mark SaFranko Doug, Lance, Norman durch so ziemlich jeden Vorhof der Hölle. Erlösung – ob nun im Paradies oder der Hölle – exklusive. Man könnte sich nun entspannt zurücklehnen und diesen Roman mit einem gewissen, fast schon selbst gefälligen Grinsen genießen und in sich versunken kopfnickend in einem „ich hab’s kommen sehen“ einigeln. Doch dafür ist der Spannungsbogen schon zu sehr gespannt. Die Frage ist nur, wie weit geht der Autor, um der Sache Herr zu werden. Er geht weit. Weiter als man es sich vorstellen darf.

Gelato

Gelato ist das Universalmittel zum Glücklichsein. Und das ein Leben lang. Schon vom ersten Schleck an, noch bevor man die ersten Schritte tut bis hin zum letzten Schritt – Eis, Gelato geht immer! Und ist so vielfältig. In Palermo, quattro canti – Etna-Gelato, grau mit rot gezuckerten Brocken. Milano, castello Sforzesco – ein Eis, Gelato, das schon beim Anblick dahinschmilzt, und den Connoiseur es ihm nachzutun. Italia é gelato = untrennbar miteinander verbunden.

Peter Peter wagt den Spagat zwischen Sachbuch und Sehnsucht. Seine Eiszeiten sind wahre Delikatessen, in der die Lesezeit mit Speichelfluss im Wettstreit steht – es gewinnt der Speichelfluss, versprochen.

Am Anfang stand der praktische Gedanke Lebensmittel haltbar zu machen. Schnell merkte man jedoch, dass Kühle in heißen Zeiten eine echte Wohltat ist. Es dauerte nicht lange bis man Aromen dem kühlen Nass hinzufügte und das Wunder der glänzenden Augen war geboren. Das war vor langer, langer Zeit. Wo genau – darüber streiten sich die Gelehrten. Italiener beanspruchen natürlich diese Erfindung für sich selbst. Fakt ist jedoch, dass im und am Stiefel Eis ungefähr den gleichen Stellenwert hat wie caffé. Es geht nicht ohne!

Und so liest man sich durch Rezepte – ja, hier gibt’s die volle Ladung gelato – über Zahlen – allein in Rom konkurrieren über tausend Eishersteller um die Gunst der Kunden – bis hin zu kurzen Biographien von Menschen, deren Vermächtnis darin besteht, Zucker, Wasser, Milch und Geschmäcker herzustellen und haltbar zu machen. Je natürlicher umso besser. Doch auch in Italien sind industrielle Eismassen auf dem Vormarsch. Wie man sie erkennt und eventuell umgeht – die Antwort ist rot, handlich und gehört einfach in jedes Reisegepäck, wenn es gen Süden geht.

Sogar an Reisetipps hat der Autor gedacht. Je weiter man in den Süden vordringt, desto bedeutsamer wird die Erfrischung im Laufe des Tages. Napoli ist das Herz der Eishersteller. Wer hier Urlaub macht und nicht einmal schleckt, der hat schon verloren. Das Veilcheneis, Gelato alla Violetta im Gran Caffé Gambrinus, Lieblinsgeis von Sisi, wenn sie wieder mal auf der Flucht vor dem höfischen Protokoll war, ist mittlerweile mehr Touristenattraktion (das merkt man schon am Preis) als wahres Kulturgut. Dennoch sollte man es sich gönnen und den Fensterplatz mit Blick auf die Piazza Plebiscito genießen.

Wer im gelato mehr als nur die schnelle Erfrischung sieht, sondern sich selbst mit dem damit verbundenen Lebensstil anfreunden kann, der wird mit diesem Buch eine Leckerei in den Händen halten, die nicht kleckert, sondern klotzt.

Der Horizont der Nacht

Durch Bari zu streifen und sich nicht ablenken zu lassen von all der Pracht in den Auslagen, der Brise, die vom Meer herrührt, in den engen Straßen nicht dem Zauber der Architektur zu erliegen – schwierig. Für Avvocado Guido Guerreri ist Bari die Stadt, in der er lebt. In der er arbeitet. Die ihm so viel gibt und auch viel genommen hat. Ein Freund bittet ihn um einen Gefallen. Er solle zuhören, was Elvira Castell zu berichten hat. Treffpunkt ist die Buchhandlung, die nur nachts geöffnet hat. Ein Trick des Besitzers der Schlaflosigkeit ein Schnippchen zu schlagen. Elvira Castell hat Giovanni Petacci ermordet. Das steht so fest wie das Amen in der Kirche. Pistole – Schuss – Blut – Tod. So einfach ist das! Jetzt gilt es die gesamte Gnade des Gesetzes angedeihen zu lassen. Denn: Elvira Castell wollte eigentlich mit Petacci reden, ihn aus der Wohnung (die mittlerweile ihr gehört) zu schmeißen. Das hat einen ganz bestimmten Grund. Bis vor kurzer zeit gehörte die Wohnung Elena. Elena Castell, Elviras Zwillingsschwester. Sie nahm sich das Leben. Mit verdammt großer Wahrscheinlichkeit wegen Petacci. Ein unangenehmer Zeitgenosse, der mit Tricks und fiesen Spielchen sich durchs Leben mogelte. Gewalt in jeglicher Form war ihm als Mittel recht. Nun ja, es kam wie es kommen musste…

Als Anwalt muss er Elvira raten sich zu stellen. Denn nur so kann Recht gesprochen werden und hoffentlich der Gerechtigkeit genüge getan werden. Und die bald schon Angeklagte kann sich keinen besseren Rechtsvertrter wünschen als Avvocado Guido Guerrini. Ein versierter Anwalt, der mit allen Wassern gewaschen ist ohne dabei Rechtsbeugung zu begehen. Das Problem ist nur: Er ist mitten in einer fetten Lebenskrise! Seine Frau hat ihn schon vor Jahren verlassen, seine Freundin soeben erst. Und die Moral seines Berufsstandes gibt ihm immer häufiger zu denken. Seine Klienten sowieso. Der Sinn des Lebens bzw. die Sinnsuche danach rückt ihm immer öfter in den Fokus. Er sucht Rat bei Freunden, bei Psychologen. Die Antworten sind nicht universell, eher Ausgangspunkte für eigene Erkenntnisse. Und dann sind da noch immer wieder neue Indizien, die den Fall der Elvira Castell in scheinbar immer neues Licht tauchen. Hoffnungsschimmer oder Blendgranaten, deren Ursprung er nicht erkennen kann oder soll?

Sinnsuche oder Justizskandal? Nein, das ist hier nicht die Frage! Gianrico Carofiglio taucht seinen Protagonisten immer wieder tief in die eigenen Untiefen. Der Blick wird nicht selten klarer. Doch was diese Erkenntnisse bedeuten – das erforscht er zusammen mit dem Leser. Im Nu ist man in einer Sinnsuche gefangen, die ohne Anspruch auf Allgemeingültigkeit viele Antworten gibt. Mann (Guerrini) muss sie nur als solche erkennen. Wieder einmal beweist Gianrico Carofiglio sein Gespür für verzwickte Lebenssituationen, die ausweglos erscheinen und trotzdem viel Licht ins Dunkel bringen.

Spuk

Das Ende des Buches: Ein Fragezeichen. Und an viertletzter Stelle die Wahrheit. Lässt viel Raum für Spekulationen, eventuell für eine Fortsetzung. Tja, an alle, die gern Bücher am Ende beginnen – in diesem Fall lasst Ihr Euch ordentlich aufs Glatteis führen.

Glatteis kennt Frank nur aus seinen Erinnerungen. Er ist Privatdetektiv in Tucson, Arizona. Eis kennt man hier nur aus der Tiefkühltruhe. Auch im Jahr 1952. Die Hitze brennt jeden Gedanken aus der Rübe. Der Schweiß presst sich aus jeder Pore. Frank hat es – geschafft wäre wohl zu viel des Guten. Er hat es geschafft dem dunklen Europa zu entkommen. Dem Europa, das nach dem Ersten Weltkrieg in Depression verfiel, später im Rausch sich neue Götter suchte.

Er ist im Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Mehr schlecht als recht windet er sich durchs Leben. Gerade hat er einen Auftrag bekommen, der wie für ihn geschaffen ist. Die Gewerkschaften werden immer mächtiger. Das ist für Firmenbesitzer gefährlich. Denn, wenn die Arbeiter Forderungen stellen, nicht arbeiten, aufmüpfig werden, stagniert alles. Und Frank i st der ideale Spion, um sich in ihre Reihen einzugliedern und zu schauen, was Sache ist. Frank, ein Lausebengel, ein windiger Kauz, fast schon als gewissenlos zu bezeichnender Aal, der überall mit allem durchkommt. Und er kann schweigen!

Doch die Ermittlungen sind zäh. Ein Whiskey in einer Bar, ein in sich gekehrtes Seufzen, eine Zeitung und … was ist das? Mit einem lethargischen Glockenschlag (nur bei Frank gibt es so was wirklich!) bröckelt seine gleichgültige Fassade. Carl Tanzer ist tot. Man hat ihn gefunden. Und schon setzt sich die mächtige Hirnerinnerungsmaschine in Gang. Damals, vor ein paar Jahren, in Florida, Zephyrhills. Tanzer war kein Unbekannter. Und noch früher. Damals, Kalifornien, LA, er und Fred. Als Polizisten konnten sie selbst dem Teufel noch einen Dreizack andrehen. Krumme Hunde, die krumme Dinger drehten, ohne sich dabei krümmen zu müssen. Wow, so einen Motivationsschub hat Frank lange nicht mehr gehabt. Seit ungefähr … na ja, wann wird es gewesen sein? Kurz nach dem Krieg, in Eisenerz, Steiermark, Österreich. Dort, wo Frank seine Wurzeln hat. War ’ne wilde Zeit. Eine gefährliche Zeit. So gefährlich, dass Frank … irgendeinen Grund muss es ja gegeben haben, warum er nicht mehr in den Bergen einer geregelten Arbeit nachgeht, sondern in den Weiten der Neuen Welt sein Glück versuchte…

Florian Dietmaier kreiert einen Spannungsbogen, der zeitlich mehr als ein Vierteljahrhundert umfasst. Und zum Teil auf Tatsachen beruht. Ab der ersten Seite setzt sich beim Leser eine Gedankenspirale in Gang, die jedes Perpetuum mobile in den Schatten stellt. Die Zeitsprünge fordern Aufmerksamkeit und belohnen mit frischen Erkenntnissen, die die dunkle Welt dieses exzellenten Noirs fast schon wie beim Wein eine fruchtige Note verleihen. Und ein Schluck (noch eine Seite) und noch ein Schluck (noch eine Seite) … mmh … vollmundig. Fast könnte man das Buch auch ins Weinregal stellen!

Paris Wissenswertes und Kurioses – 55 erstaunliche Fakten

Wer mit Informationen voll ausgestattet nach Paris reisen will, muss fürs Extragepäck zahlen. Die Flut an Büchern ist schier unendlich. Und verständlich! Schließlich will man diese faszinierende Stadt auch mit allen Sinnen und komplett aufsaugen. Aber ganz ehrlich: Das ist unmöglich mit einer Reise zu schaffen, auch wenn das Verkehrssystem in Paris es rein zeitlich zulassen würde.

Seit einigen Jahren ist es chic sich mit dem Rad fortzubewegen. Dafür stehen tausende Leihräder zur Verfügung. Aber auch rund zehn Prozent davon müssen täglich(!) repariert werden. Und rund fünf Prozent werden erst gar nicht wieder zurückgegeben.

Weitaus berühmter ist die Metro und ihre kunstvoll gestalteten Metrostationen. Dabei galten sie vor einhundert Jahren, als man begann sie im Jugendstil zu errichten als altmodisch. Apropos Mode. Paris ohne Mode? Geht nicht. Den Grundstein dafür legte übrigens ein … Engländer.

Fünfundfünfzig Fakten, die nicht zwingend erforderlich sind, um Paris zu erkunden, jedoch jeden Spaziergang zu einem besonderen Erlebnis machen, sind in diesem Leichtgewicht versammelt. Es passt in jede Tasche, ist dank des Harteinbandes schnell zur Hand und sorgt Seite für Seite für ein Aha oder Oh lala. Das reicht vom Baguette (die Entstehungsgeschichte ist spannender als man denkt) über Geisterbahnhöfe bis hin zu Fakten, die ein wenig von der überbordenden Pracht der Stadt ablenken (für diejenigen, die ab und zu doch mal zu viel von der Schönheit der Stadt bekommen).

Die liebe volle und ansprechende Gestaltung des Buches führt dazu, dass man es immer wieder aus der Tasche zieht und sich mit scheinbaren Nebensächlichkeiten den Rundgang versüßt. Manchmal erschrickt man doch: Paris ohne Eiffelturm. Das war mal der Plan. Er sollte kurz nach der Weltausstellung 1889 abgerissen werden. Raten Sie mal wie hoch wäre der Stahlrest, wenn er auf der Grundfläche zusammengeschmolzen zur Besichtigung angeboten wäre! Es ist weniger als man denkt…

In diesem Buch hingegen steckt mehr als es das Ausmaß des Buches vermuten lässt.

Wer verliert gewinnt

Als Richard von der Arbeit an den Schmelzöfen nach Hause kommt, sieht schon von Weitem, dass im Diner, das er und seine Frau Lois besitzen kein Licht brennt. Ihm schwant Böses. Sicher liegt irgendwo ein Zettel. Es soll für eine sehr lange Zeit das letzte Mal sein, dass er recht behält. Sie, Lois, ist weg. Dickie, sein Sohn, auch. Ab nach Kalifornien, nach Hollywood. Sie ist verrückt danach.

Alte Fußballerweisheit: „Haste Sch… am Hacken, haste Sch… am Hacken“. Und jetzt beginnt eine ruhelose Reise. Von Oklahoma nach Kalifornien. Klar, Richard will Dickie wiedersehen. Ihn wiederhaben. Und Lois eventuell auch. Der Trip im Waggon, selbst Viecher reisen komfortabler, entwickelt sich zum Albtraum. Jeder mit ein paar Muskeln und weißer Hautfarbe – es ist die Zeit der Depression, Ende 30er Jahre des 20ten Jahrhunderts – malträtiert diejenigen, denen eines dieser Attribute fehlt. Am schlimmsten trifft es die, denen beides fehlt. Und unterwegs sorgen die staatlichen Organe dafür, dass nicht zu viel Platz im Wagen bleibt.

In Kalifornien trifft Richard auf so manches Pack. Zum Einen die Verwandte, die Lois aufgenommen hat(te). Ein hinterhältiges Biest, das die Polizei ruft. Richard ist wieder on the road. Ein Regisseur – juchhu, wir sind Kalifornien! – ist wohl der einzige, der Richard halbwegs so was wie den Glauben an Licht am Ende des ewig dunklen Tunnels geben könnte. Ein Ganove hat einen todsicheren Plan um an Geld zu kommen. Richard zögert, zweifelt, hat aber schon eine stattliche Anzahlung bekommen – es geht schief, was schief gehen kann. In den Zeitungen wird dann ebenso gelogen wie auf den Straßen betrogen wird. Selbst das zufällige Glück bei einer Frau unterzukommen, erweist sich alsbald als Trugbild. Und von Dickie keine Spur. Die Taschen leer. Desillusioniert streift Richard durch das Land, das so viel verheißt, jedoch in Wahrheit ein Sündenpfuhl voller Schlaglöcher ist, deren Grund man nicht sehen kann.

Immer wieder tappt man beim Lesen in die selbst gestellte Falle vermeintlich zu wissen, was auf den folgenden Seiten passiert. Und schon schnappt die Bärenfalle zu! Ströme schamhaften Blutes ergießen sich vor dem geistigen Auge. Wieder mal aufs falsche Pferd gesetzt. Genauso geht es Richard! Und der Typ mit der Kerze am Ende des Tunnels – der bekommt auch noch sein Fett ab!

Richard Hallas hat nur einen Noir geschrieben, auch wenn es diesen Begriff bei Erscheinen noch nicht gab bzw. er noch nicht anerkannt wurde. Und der war ein Erfolg. Dann verschollen, und nun in deutscher Übersetzung (aus dem Jahr 1944, in der Schweiz erschienen) endlich wieder zugängig. Anna Katharina Rehmann-Salten war für die Übersetzung verantwortlich. Und jetzt kommt der eigentliche Knüller: Sie, die Übersetzerin verwaltete den Nachlass vom Schöpfer von „Bambi“. Er, Richard Hallas, eigentlich Eric Knight, ist der Schöpfer von „Lassie“. Und dann so was Düsteres, Dunkles, Hoffnungsloses?! Man setzt oft auf Schwarz, und dann kommt Rot. Wer sagt eigentlich, dass das schlecht sein muss?

Stadtluft Dresden, Nr. 10

Was waren das für Tage im Mai 2014! Ganz Madrid lag unter einer Bengalo-Glocke. Real Madrid hatte soeben zum zehnten Mal die Champions League (inkl. der Vorgänger-Turniere) gewonnen. „La Décima“ wurde zum Volksfest und zum geflügelten Wort, zu einer Marke. Ganz so euphorisch lassen sich die Macher der  „Stadtluft Dresden“ nicht feiern. Grund hätten sie allerdings dazu.

Zum zehnten Mal erscheint nun die „Stadtluft“. Ein Bookzin, kein Magazin, ein Bookzin. Literarisch, investigativ, lesenswert. Und dieses Mal mit einem Rundumschlag für und mit Dresden. Selbst Außerdresdner dürfen hier schreiben, was ihnen an Dresden nicht zwingend die Euphorie in die Knochen treibt. Poetry-Slammer und Comedy-Autor André Herrmann setzt den Unzulänglichkeiten der Stadt eine qualvoll-stimmgewaltiges Denkmal – die Carolabrücke, die vor Kurzem erst aufwendig saniert wurde, brach später wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Ein gefundenes Fressen für Spötter, Hauptmahlzeit für Comedy-Schwergewichte.

Verleger Michael Faber (aus Leipzig!) sieht sich in einer nicht ganz realen Gerichtsverhandlung, der er sich stellen muss. Denn es geht um ihn, seinen Vater, sein Erbe. Una Giesecke schwärmt für den Schilli, den Schillerplatz, und macht stante pede dem Leser Lust, mehr als nur einen Fuß ins das Viertel zu setzen. Wehmütig blickt Jens Wonneberger auf seine Studentenzeit in Dresden zurück und wirft einen eindrucksvollen Lichtstrahl auf die urbane Baracke, die schon fast ein Sinnbild für die Stadt einmal war. Und wenn Schokolade glücklich macht – was macht dann ein Artikel über die Dresdner Schokoladentradition (hier wurde einst ein Drittel der kompletten deutschen Produktion hergestellt!) mit dem Leser?! Er setzt Lesespeck an. Lecker, anhaltend und tut überhaupt nicht weh, oder gar leid. Charlotte Gneuß, Literaturpreisträgerin und Dresdner Stadtschreiberin 2024, reist einhundert Jahre zurück. In ein Dresden, dass vibriert, glüht, elegantiert, lehrt, Gaststätte für die Großen der Zunft ist, aber auch ein brauner Sumpf ist. Ihre Schlaglichter brennen sich wie Bengalos ins Gedächtnis.

Zehn Jahre sind ein Grund zum Feiern. Die Einen lassen den Himmel verschwinden. Die Anderen strahlen wie ein Honigkuchenpferd und sind stolz auf dieses literarisch einzigartige Jahrzehnt. Zurecht! Die zehnte Ausgabe der Stadtluft brilliert von der ersten bis zur letzten Seite.