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Und ewig lockt das Haar

Eine Thema, das die Leserschaft spaltet: Haare. Lang, kurz, blond, dunkel, dicht oder licht. Mythen ranken sich ums Haar, siehe Samson, dem sein Haar unendliche Kraft verlieh. Wallende Mähnen zeugen von Eleganz und Verführung. In jüngster Vergangenheit ist es sogar wieder chic es im Gesicht wuchern zu lassen.

Da kommt dieses Buch gerade recht. Keines der üblichen Geschenkbücher ohne Mehrwert, das als Spaß dem beschenkten ein wenig foppen soll. Gerhard Staguhn – kein Bartträger, mit vollem Haupthaar – macht sich auf die Suche nach dem Haar in der Suppe des Lebens. Und er findet viele Haare, sprich viele (Haar-)Ansätze sich dem Thema zu nähern. Kahle Stellen hinterlässt er nicht.

Zunächst einmal ist Haar nichts anderes als ein körpereigener Stoff, der nicht fest mit dem menschlichen Körper verbunden ist. Wer schon mal ein Büschel Haare nach dem oder während des Duschens in der Hand hielt, weiß davon ein Lied zu singen. Pro Tag wächst das Haar rund einen halben Millimeter. Rund eine halbe Million Haare besitzt der Mensch, ein Viertel davon auf dem Kopf. Soweit die Fakten, so viel zu den Zahlen. Und schon angelockt worden, von der Zahlenpracht der Haare?

Wenn ja, dann ist dieses Buch eine willkommene Leseabwechslung. Denn nun beginnt eine Reise, die man so nicht erwarten kann. Erstaunlich, was man alles zum Thema Haare herausfinden kann. Von der Religion über biologische Gegebenheiten bis hin zur Kunst und der erotischen Seite des Haares.

Immer tiefer wühlt Gerhard Staguhn in der Wolle, die der Mensch abschüttelte als er von der die Bäume verließ und in der Savanne seinen neuen Lebensraum fand. Eine nie endende (Glücks-)Strähne für den Leser voll spannender Anekdoten und wissenschaftlicher Erkenntnisse.

„Und ewig lockt das Haar“ ist vielleicht kein Buch, das man gezielt sucht. Hat man es einmal entdeckt und ein wenig darin herumgeblättert, fällt einem die Entscheidung sehr leicht weiterzublättern. Ein Zufallsfund, den man gern weiter empfiehlt.

Straßburg

James Bond shoppte hier mit Vorliebe erlesene Pasteten. Theodor Heuss wurde hier getraut, und zwar von einem gewissen Albert Schweitzer (ja, genau dem Albert Schweitzer). Und in keiner anderen Stadt der Welt teilte man den Bewohnern immer wieder neue Pässe aus. Die Rede ist von Straßburg / Strasbourg. Zwei Schreibweisen einer Stadt – schon daran erkennt der neugierige Reisende, dass eine wechselvolle Geschichte vorhanden sein muss.

Und die ist noch lange nicht zu Ende. Denn Straßburg / Strasbourg ist eine europäische Stadt. Hier residiert das Europäische Parlament. Ein ausgedehnter Spaziergang durch das Europaviertel gehört zum Programm dazu wie der Besuch des Münsters. Die Autoren Antje und Gunther Schwab haben bei der Auswahl der sieben von ihnen vorgestellten Spaziergänge darauf geachtet, dass bewährte Pfade wie auch nicht sofort erkennbare kleine Schätze, die einen Straßburg-Besuch unvergesslich machen werden.

Schon beim ersten Durchblättern des Buches bekommt man ein Gefühl für die Stadt. Klar, dass sich die offensichtlichen Highlights Straßburgs um den Münster drehen. Ein imposantes Bauwerk, das für viele sicherlich der ausschlaggebende Grund sein dürfte der Stadt am Zusammenfluss von Ill und Rhein-Marne-Kanal einen Besuch abzustatten. Und wer wirklich nur das sucht – also Münster plus ein paar (garantiert) überteuerte Geschäfte – der kommt mit einem Prospekt weit genug, um sich wohl zu fühlen. Wer aber Straßburg besuchen will, weil er davon überzeugt ist, dass Städte in dieser Größenregion mehr als eine Sehenswürdigkeit zu bieten haben, der wird auf den 200 Seiten über und über mit nützlichen Hinweisen versorgt werden.

Die farblich abgesetzten Kästen – passend zur neuen Leitfarbe der MM-City-Reihe – sind die Schatzkisten des neugierigen Individualisten, der nach der Abreise noch sehr lange von seiner Reise schwärmen wird. Auch und vor allem dank dieses Reisebandes.

Ausflüge in die Umgebung, beispielsweise zum Klosterberg Mont-Ste-Odilie, auch hier wieder mit einem „“Straßburg im Kasten“ versehen, der Infos beinhaltet, die andere Reisebände vermissen lassen, werten nicht nur das Buch auf, sondern vermitteln einen Einblick in das Lebensgefühl eines „Meiselockers“. So werden die Straßburger bzw. so wurden die Straßburger lange Zeit genannt. Warum? Steht alles im Buch.

Einen exzellenten Reiseband zeichnet aus, dass er einem nicht nur sagt, wo es lang geht, sondern, dass er dem Benutzer / Leser / Reisenden auf Anhieb das Gefühl gibt sich sicher zwischen fremden Mauern bewegen zu können. Antje und Gunther Schwab begleiten den Besucher Straßburgs nicht nur auf seinen Spaziergängen durch die Stadt – sie sind unaufdringliche und stets präsente Tippgeber.

Eisbären

Eine Frau liegt in ihrem Bett. Ihr Mann muss noch arbeiten. Dann endlich! Er ist da! Endlich ist ihr Mann wieder zuhause. Doch die Situation ist ein bisschen fremdartig. Sie solle das Licht ausgeschaltet lassen. Sie will reden. Er auch.

Fünf Jahre sind sie nun schon Sie und Walther. Er nennt sieliebevoll Eisbär. Immer wieder läuft ihr ein wohliger Schauer über den Rücken, wenn er sie mit diesem Kosenamen ruft. Seit damals als sie sich im Zoo – bei den Eisbären – kennengelernt haben.

Und seit diesem Tag ist ihre Liebe unverbrüchlich. Sie wächst sogar mit jedem Tag, den sie gemeinsam verbringen. In dem Gespräch im Dunkeln – was man als Synonym ansehen kann – ziehen jedoch kleine dunkle Wolken am Horizont auf. Wie war das damals? Als sich bei den Eisbären trafen. Sie wartete. Nicht auf Walther. Auf einen anderen. Walther war der Charmeur, der einem Fahrradfahrer Benzin verkaufen kann. Und schon war es um sie, um sie beide geschehen.

Fünf Jahre ist das nun her. Sie wartet voller Sehnsucht, dass er endlich nach Hause kommt. Ihr Schlafzimmer ist tief ins Schwarz der Nacht getaucht. Ein Geräusch. Ja, es ist Walther. Und dann dieses Gespräch. Kein Smalltalk unter Eheleuten á la „Wie war Dein Tag?“.  Je tiefer die Nacht die Szenerie aufsaugt, desto düsterer wird den beiden ihr eigenes Schicksal klarer vor Augen geführt…

Über 50 Jahre ist diese Kurzgeschichte von Marie Luise Kaschnitz nun schon alt. Alters- oder gar Gebrauchsspuren sucht man vergebens. Das Ende … das Ende könnte selbst ein Stephen King nicht plötzlicher auf Tapet bringen. Das Außergewöhnliche an dieser Ausgabe der Kunstanstifter ist seine künstlerische Gestaltung. Karen Minden hüllt die anfangs unscheinbare Story in eine anfangs wattegefütterte Auflage. Man möchte sich einkuscheln, um der Frau und ihrem Walther nahe zu sein. Denn so viele Zuneigung verlangt nach Teilen mit Anderen. Mit reduzierter Farbpalette in Blau, Weiß und Schwarz taucht man ein in eine Welt, in der am Ende nicht mehr ist wie es anfänglich war. Marie Luise Kaschnitz als auch Karen Minden brauchen nur wenige Sätze bzw. Pinselstriche, um den Leser in ihren Phantasien zu fesseln.

Eine kurze Geschichte der Modernen Kunst

Heikles Thema – Moderne Kunst. Lässt man lieber die Finger davon! Warum eigentlich? Ist doch nur Kunst! Und modern, also fortschrittlich im wahrsten Sinne des Wortes, war sie einmal. Nun ist sie allgegenwärtig. Und wenn man ganz ehrlich ist, ist es auch diese Kunst, die die meisten kennen. Die Monroe-Ikonen von Andy Warhol, Gustav Klimts verworrenen Bildkompositionen oder auch die „Klecksereien“ von Jackson Pollock.

Susie Hodge nimmt dem Skeptiker die Angst vor der modernen Kunst. Die Kunstrichtungen, wegweisende Werke, die behandelten Themen und die angewandten Techniken werden auf anschauliche Weise vorgestellt. Denn so sehr die moderne Kunst auch Einzug in den Alltag gehalten hat, so unbekannt ist sie vielerorten. Wer weiß schon wie man Op-Art von Pop-Art unterscheidet? Oder warum Claude Monets „Madame Monet und ihr Sohn“ dem Impressionismus (ja, die Moderne ist schon mehr als hundert Jahre alt) zugeschrieben wird, „Stillleben mit Äpfeln und Primeln“ von Paul Cezanne aber eindeutig zum Postimpressionismus gehört. Der Neoimpressionismus kommt ins Spiel, wenn die Rede von Paul Signacs „Abendruhe, Concarneau, Opus 220 (Allegro Maestoso)“ ist.

In chronologischer Reihenfolge, sofern es möglich ist, da es immer wieder zu zeitlichen Überlappungen kam und kommt, liest man sich durch die Kunstgeschichte und fühlt sich wie im umfangreichsten Museum für moderne Kunst der Welt. Wollte man alle in diesem Buch versammelten Werke in eine Museum packen, so wäre es ein Gebäude gigantischen Ausmaßes, verbunden mit dem finanziellen Aufwand, der dem Staatshaushalt eines mittleren europäischen Landes entsprechen würde. Für ein Bild von Jackson Pollock wurden vor Jahren weit über 100 Millionen Euro bezahlt!

Hat man sich durch die Stilrichtungen gearbeitet, kommt die Kür. Stillleben und Portraits waren nicht den alten Meistern vorbehalten. Sie sind der rote Faden der Kunstgeschichte, der sich nie verliert. Die Werke sehen halt nur anders aus.

Bei den Techniken wird es dann schon kniffliger. Vieles, was uns hier und da begegnet, ist für das ungeübte Auge nicht ad hoc als Kunst erkennbar. Doch nur ein, zwei Blicke mehr, bringen die Kunst ans Tageslicht. Und hier liegt der wahre Schatz dieses Buches! Impasto, Pointillismus, Gouache – puh, da muss man ohne Vorbildung erstmal durchschnaufen. Susie Hodge gelingt es mit einfachen Worten scheinbar mühelos jedem neutralen Betrachter zum Experten zu machen.

Als Einstieg in die moderne Kunst besser als jede Datenbank im Web. Für Genießer eine handliche Retrospektive über mehr als hundert Jahre Modernität. Auch als Geschenkbuch nicht zu verachten!

In der Schweiz

Tom Sawyer und Huckleberry Finn hatten Mark Twain zu einem wohlhabenden Mann gemacht. Das gefüllte Wallet erlaubte dem Reporter Twain über den Tellerrand, sprich Atlantik, zu schauen. Nur um zu schauen, was in der „Alten Welt los ist“. Das geflügelte Wort „Wenn einer eine Reise tut, so kann er was erzählen“ trifft in seinem Fall nicht ganz zu. Wenn Mark Twain eine Reise tut, so schreibt er ein Buch! „In der Schweiz“ ist nicht einfach nur ein Klassiker des Genres Reisebericht, es ist der Reisebericht, an dem sich seit fast anderthalb Jahrhunderten viele Reiseschriftsteller die Zähne ausbeißen.

1878/79 reiste Twain durch Europa. Italien und Deutschland lagen auf seiner Route. Und natürlich auch die Schweiz. Die Faszination Schweiz von heute ist mit der von damals durchaus zu vergleichen. Und so schippert Twain über den Vierwaldstättersee und der Leser kann – sofern er dieses Büchlein dabei hat und selbst auf dem See beispielsweise von Weggis nach Flüelen unterwegs ist – dieser Faszination nicht nur etwas abgewinnen, sondern immer noch so nachempfinden. Das Publikum ist ein anderes. Aber heute noch wird man so manches Unikat antreffen können.

So wie Twain, der hier als anonymer Erzähler in Erscheinung tritt, jedoch keinen Zweifel daran lässt, dass dessen Name Twain, Mark Twain ist. So trifft er einen äußerst aufgeschlossenen Landsmann. Einer wie er im Buche steht. Small Talk auf unterstem intellektuellen Niveau. Toleranz ja, Akzeptanz – da hört der Spaß mit und in der Fremde auf. Dieser Amerikaner gibt dem Erzähler / Twain Tipps, wo er abzusteigen hat. Er weiß alles, kennt jedes Hotel und kennt so ziemlich jeden Amerikaner, der zur selben Zeit wie er in der Schweiz weilt. Twain macht sich einen Spaß daraus diesen Landsmann zu foppen. Immer wieder lässt er sich beratschlagen, wo er absteigen solle. Natürlich dort, wo die meisten Amerikaner sind. Der Amerikaner verbringt so viel Zeit in Hotelllobbies, dass er alle kennt. Twain reist lieber außerhalb der Hotels und beschaut sich Land und Leute. Und kauft eine Kuckucksuhr…

Einhundert vierzig Jahre ist dieser Reisebericht alt. Und immer noch so frisch wie am ersten Tag. So duftend wie eine Alm. So rein wie ein kehliges Kinderlachen. So unübertroffen auf den Punkt wie Tells Pfeil im Apfel. Kann man sich doch einmal von der Umgebung loseisen, so sollte man sich in dieses Buch vertiefen und den Worten Twains folgen. Ein befreiendes Gefühl zu erleben, dass manches sich eben doch nicht ändern wird.

Verrückt nach Karten

Alles beginnt mit einem weißen Fleck. Inmitten von Flüssen und Bergen, von Kathedralen und Burgen, von Brücken und Gässchen – Landkarten, Stadtpläne, Liniengittern sind ein Labyrinth, in dem man sich leicht verlieren kann. Joseph Conrads Marlow ist zwar nur ein fiktiver Held, der diese Sehnsucht aber sehr real auf den Punkt bringt. Dort, wo das Weiß des Papiers noch sichtbar ist, will er reisen und der Geschichte seinen Stempel aufdrücken. Und erst eine (selbst gezeichnete) Karte macht das fiktive Raskawien greifbar.

Karten sind – egal, ob analog oder digital, wobei die analogen aus längst vergangenen Zeiten durch ihre Farbenpracht bestechen, wohingegen heutige Karten nur noch nutzvoll erscheinen müssen – nachvollziehbar, abenteuererheischend, fantasieanregend. Da verwundert es nicht, dass Bücher über Karten, keine Atlanten, die Augen erstrahlen lassen. So wie in diesem Fall.

Huw Lewis-Jones ist dem Virus Karten schon längst verfallen. Und dieses Buch ist auch geeignet, wenn man sich von diesem Virus befreien will. Stellt sich die Frage, warum man diesen gutmütigen Virus loswerden solle? Es gibt keinen vernünftigen Grund. Nur die weißen Flecken werden weniger.

Dieses Buch ist ein Schatzatlas. Gespenstig wirkende Karten wie die Suche nach dem sagenumwobenen Moby Dick, knallbunte Karten wie die des Garten Eden aus einer deutschen Bibel des Jahres 1536 oder der Karte der Neun Welten der Runemarks-Serie befeuern die Sehnsucht mach Unentdecktem und Entdeckungswertem. Ob nun real oder in Büchern, das ist ab dem ersten Durchblättern unerheblich.

Schon der Einband von „Verrückt nach Karten“ lässt den Betrachter verharren. Was könnte das sein? Was erkenne ich? Und schon ist man in der größten Schatzsuche seines Lebens. Tolkiens Werk begann mit einer Karte. Jules Verne ohne Karten wäre nur ein paar Spinner auf dem Weg irgendwohin und niemand weiß es. Wer Karten lesen kann, dem eröffnet sich eine Welt voller Geistesblitze. Tiere, in deren Umrisse Ländereien und Reiche gezeichnet werden, lassen beim Betrachter die Synapsen knallen. Man stelle sich vor das Königreich Narnia würde nur als Filmadaption existieren. Ohne Karte. Wie langweilig. Genauso wie ein Bücherschrank ohne Atlanten und dieses Buch!

Lesereise Estland

Estland. Welcher der drei baltischen Länder ist das nun? Das oben, in der Mitte oder das ganz unten? Es ist das Obere. Das an Finnland grenzt. Wer allein schon den Landesnamen in Originalsprache liest, kommt schnell auf die richtige Lösung: Eesti. Die Hauptstadt ist Tallinn. Damit ist das Wissen über Estland für die meisten schon ausgereizt. Ach ja, Estland liegt an der Ostsee. Und weiter?

Stefanie Bisping zeigt in ihrer Lesereise ein Land, das gar nicht so weit weg ist. Weder geografisch, noch sind die Menschen mit ihrer Kultur so weit entfernt, dass das Land wie eine völlig fremde Welt erscheint. Gleich im ersten Kapitel werden die Esten sehr anschaulich charakterisiert. Eigenbrötler, die die Gemeinschaft genießen. Eine Eigenschaft, die in unseren Breiten gern als Ideal angesehen wird.

Seit 1991 ist das Land unabhängig. Und seitdem nimmt die Wirtschaft mit ihrem Füllhorn an Innovationen immer wieder Anlauf sich an die Spitze zu katapultieren. Meist gelingt das auch. Wenn es so etwas überhaupt gibt, ist Estland das digitalisierteste Land Europas. Parktickets, Wahlzettel, Parlamentsabstimmungen – alles ohne Papier. Alles digital. Selbst in den abgelegensten Ecken des Landes, auch wenn nicht überall das Netz gleichmäßig stark vorhanden ist.

Die augenscheinliche Diskrepanz zwischen selbstgewählter Einsamkeit und fröhlichem Miteinander wird sichtbar, wenn man sich die Bevölkerungsverteilung anschaut. Dreißig Einwohner pro Quadratkilometer – zum Vergleich München hat ungefähr genauso viel Einwohner. Hier teilen sich über viertausend einen Quadratkilometer. Sobald es in Estland ein fest gibt, und davon gibt es mehr als Stunden im Jahr, trifft man sich, singt zusammen und genießt die estnische Küche. Die ist wie das Land einem ständigen Wandel unterworfen. Wo vor nicht allzu langer Zeit Fleisch, Kartoffeln und Gemüse die Teller füllten, haben sich einheimische Köche den einheimischen Pflanzen und allem, was der einheimische Boden hergibt, verschrieben. Allein die Aufzählung der Zutaten, lässt dem Leser das Wasser im Munde zusammenlaufen.

Zu Estland gehört eine Vielzahl von Inseln. Irgendwas zwischen anderthalbtausend und zweitausend werden es wohl sein. Als estnische sozialistische Sowjetrepublik lebten hier fast ausschließlich Linientreue, meist Fischer, deren Boote am Abend weggeschlossen wurden. Schließlich war der Weg bis ins „freie Finnland“ überschaubar kurz. Heute erblühen hier kleine Paradiese. Idyllische Strände, unberührte Natur und ehrliche gelebte Traditionen. Wer echte Ruhe sucht, hat vielleicht nicht unbedingt den bequemsten Anfahrtsweg, wird aber im Gegenzug mehr als belohnt mit dem, was er im Tiefsten sucht. Die umfassend überarbeitete Neuauflage ihrer Lesereise kennt nur ein Ziel: Estland als weißen Fleck von der Landkarte der Reiseziele zu verbannen und in den Fokus derer zu rücken, die im Handumdrehen Moderne und Traditionsbewusstsein ohne viele Verrenkungen zu finden hoffen. Selten wurde ein Land so umfassend in kompakter Form beschrieben.

Die Adern Wiens

Straßen als Adern einer Stadt zu bezeichnen, ist schon seit Jahren in Mode. Wer in Wien während der Rush hour im Stau gestanden hat, könnte leicht das Gefühl bekommen, dass ein verlangsamter Puls nicht zwingend zum Herzstillstand führen muss. Man kann sich links und rechts an der Architektur erfreuen. Nach ein paar Wochen wirkt allerdings auch das nicht mehr.

Norbert Philipp studierte in Wien und schwimmt mit in seinem Buch durch die Arterien und Venen einer der faszinierendsten Metropolen Europas. Die eine oder andere Straße ist so bekannt, dass man meint sie müsse nicht mehr vorgestellt werden. Doch selbst die Kärtner Straße birgt noch Geheimnisse in sich, die man erst durch dieses Buch erkennt. In dem Kapitel über die berühmteste Einkaufsmeile Wiens wartet der Autor gleich mit einem interessanten Fakt auf. Wer Wien allein erleben will, der macht am besten einen großen Bogen um die Kärntner, besonders zwischen halb und um Fünf. Dann ist diese Fußgänger-Straße am belebtesten, am beliebtesten … am vollsten.

Ein sehr langes und abwechslungsreiches Leben hat die Währinger Straße hinter sich und sicher auch noch vor sich. Es geht Auf und Ab. Burgerbuden und Häuser mit Geschichte, dichter Verkehr und lauschige Plätze zum Entspannen bilden auf sowie links und rechts der Währinger Straße ein Netz, das moderne Urbanität stilvoll vorlebt.

Auf seiner inspirierenden Reise auf Wiens Straßen, den Adern der Stadt, trifft Norbert Philipp zwangsläufig auf die ereignisreiche Geschichte der Mariahilfer Straße. Vor nicht allzu langer Zeit war hier das Infarktrisiko am größten. Beginnend am Museumsquartier lieferten sich Autos und Fußgänger ein atemraubendes Rennen. Bis die Stadt beschloss die Bergaufstrecke (vom Museumsquartier kommend) – und natürlich auch die Gegenrichtung – nur noch für Lieferanten zu öffnen. Die anliegenden Geschäfte liefen Sturm. Wie sollen denn jetzt die Kunden in die Geschäfte kommen? Das ist der Untergang! Doch alles kam anders. Heute trollen sich, besonders am Abend Musikanten, Skater und Bummler auf der verkehrsberuhigten Straße und machen sie zu der Straße mit dem ungehindertsten Menschfluss der Stadt.

Eine Stadt muss sich entwickeln, um überleben zu können. Eine Metropole wie Wien immer wieder neu zu erfinden, weiterzuentwickeln, bedarf Mut und Weitsicht. Nicht immer sind die Veränderungen sofort spürbar und noch seltener werden sie umgehend angenommen.

„Die Adern Wiens“ sind besonders strapazierfähige Ströme, die den Besucher aufnehmen und ihn an die unterschiedlichsten Orte führen. Als Bettlektüre ist dieses Buch die ideale Einstimmung auf den folgenden ereignisreichen Tag und eine Ergänzung zu so manchem Reiseband. Wer die beiden Bände „Wien abseits der Pfade“ vom Braumüller-Verlag schon als unerlässlich kennengelernt hat, wird mit diesem Buch eine unkonventionelle Ergänzung mit enormem Hintergrundwissen entdecken.

Glücksmomente am Gardasee

Wer am Gardasee Urlaub macht, hat das Glück an sich schon gepachtet. Strahlend blauer Himmel, kühles Nasse und eine Aussicht, die Ihresgleichen sucht. Und wenn man den Autoren Monika Kellermann und Thilo Weimar glauben darf, findet man zusätzlich zu diesen drei unschlagbaren Erholungsmomenten noch weitere 146 Glücksmomente, die den Urlaub unvergesslich machen. Und jeden Moment ewig währen lassen…

Neben zehn Badestränden, die nicht nur die Top Ten bilden, sondern von Natur aus (und das ist hier wortwörtlich zu nehmen) langanhaltende Glücksmomente bescheren, sind es so genannte Highlights, die man vor Ort als gegeben hinnimmt. Wie zum Beispiel San Zeno, das Maroni-Paradies. Zur Monatswende Oktober / November werden die Früchte geerntet. Wer zu dieser Zeit am Lago di Garda urlaubt, darf dieses Ereignis nicht verpassen. In der Taverna Kus kann man es sich gut gehen lassen. Und Maroni in allen Variationen genießen. Die Autoren können allerdings noch einen drauf setzen. Nach dem Weinkeller fragen, soll ihrer Meinung nach den Genussmoment noch verstärken und verlängern.

Desenzano ist ein Paradies für Modebewusste. Tessilandia heißt das Zauberwort – Stoffe und Muster, dass einem das Auge übergeht. Je nach Muße kann auch dieser Glücksmoment länger dauern als so manche Eiskreation am Wegesrand. Die verschafft ja auch oft – nur leider auch zu oft zu kurz – einen Glücksmoment.

Dieser kleine Reiseband verspricht nicht reißerisch Highlights und versteckte Kleinode, er präsentiert sie kurz und prägnant. Vor allem aber übersichtlich und leicht nachvollziehbar. Das praktische Format lässt erst gar keinen Zweifel aufkommen, ob man nun noch ein Reisebuch über den Gardasee einpacken soll oder nicht. Dieses Buch gehört mit auf Reisen, auf jedem Spaziergang, zu jeder noch so kurzen Erkundungstour. Auch wenn man schon das eine oder andere Mal am Gardasee die schönste Zeit verbracht hat. Selbst Experten werden überrascht sein, was ihnen bisher entgangen ist.

Tierische Jobs

Wenn dieses Buch Schule macht, sind die Warteschlangen in Zoohandlungen bald länger als die in den Praxen der Fachärzte. Denn Tauben können Tumore besser erkennen als so mancher Spezialist, wenn man sie trainiert Röntgenbilder zu betrachten. Und Ratten sind um ein Vielfaches schneller als der Mensch bei der Tuberkuloseerkennung. Nicht alle Ratten, sondern nur die Gambia-Riesenhamsterratte. Und wer kennt nicht die spanische Fliege? Natürlich nur vom Hörensagen. Ein kleiner Käfer, also keine Fliege, der Cantharidin enthält. Das hilft einigen Menschen nicht sich zu entspannen, sondern genau das Gegenteil in bestimmten Körperregionen zu fördern. Blöd nur, dass die Menge, die dafür benötigt wird, nur geringfügig geringer ist als die tödliche Menge dieser Substanz. Spricht man deshalb in Frankreich auch vom kleinen Tod …?

Es gibt halt Arbeiten, die will man einfach nicht verrichten. Sehr zuvorkommend von den Tieren, sich anzubieten dieses Jobs zu verrichten. Kapuzineraffen sind – vorrangig in den USA, da sind die Tierschutzgesetze nicht so streng wie anderswo – für Behinderte oft Haushaltshilfen par excellence. Vom Müll rausbringen, über Brille aufsetzen bis hin zum Kratzen an Stellen, die man selbst nicht erreichen kann, sind sie unersetzlich. Und – an diesem Thema kommt niemand mehr vorbei – sie kosten nichts. Für die Ausbildung werden 40.000 Dollar veranschlagt, doch das Tierchen kann nach bestandener Prüfung und Eingewöhnungszeit zwei bis drei Jahrzehnte „arbeiten“. Der Schimpanse, der dem Menschen so ähnlich ist, bekommt das nicht hin. Wenn er geschlechtsreif ist, stellt er für den Menschen immer öfter eine Bedrohung dar.

40.000 Euro hingegen muss man heutzutage für ein Kilo Sommergras-Winterwurm hinblättern. Ein seltenes Wesen, das nur in den Höhen des Himalaya-Gebirges vorkommt. Die Geistermotte legt ihre Eier ab. Daraus entwickeln sich Raupen. Diese werden von den Sporen des Raupenkeulenpilzes befallen. Nach und nach wächst ein Pilzfruchtkörper heran, der in China als Universalheilmittel gilt. Und es ist ein … man kann es sich schon denken … Potenzmittel.

Es ist eine Wonne das Buch von Mario Ludwig zu lesen. Von Drogenspürhunden hat man schon gelesen. Auch von widerwärtigen tierischen Einsätzen in Kriegsfällen. Doch diese Ansammlung an teils mehr als außergewöhnlichen Einsatzgebieten von Tieren in menschlicher Umgebung, lässt aufhorchen. Kröten als Schwangerschaftstest sind da nur die originelle Spitze eines Eisberges, den kaum ein Wissensreisender je gesehen hat.