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Das Wrack am Falkensteiner Ufer

Tragödien auf See – davon werden die Nachrichten derzeit bestimmt. Menschliche Dramen, die verhindert werden können und die, die sie verhindern können, stehen ohnmächtig daneben und ergehen sich in endlosen Phrasen.

Schiffsunglücke gab es seitdem die Menschen die Meere befahren. Doch nicht nur auf hoher See sind Menschen und Maschinen in Gefahr, auch im scheinbar sicheren Fahrwasser vor und in den Häfen ist niemand vor Unglücken gefeit. Selbst wenn das Schiff auf dem Trockenen liegt, kann es passieren. So wie am 16. Juni 1922. Die Alvaré ist zur „Durchsicht“ an ihren Geburtsort zurückgekehrt. Julius Falk steht mit seinem Sohn Fritz im Hafen und schaut dem Schauspiel des Zuwasserlassens zu. Gleich muss er wieder ran. Muss arbeiten. Geld verdienen. Heute hat er seinen Filius dabei. Der soll sehen woher das Geld kommt und wie man hart arbeitet. Geduldig erklärt er dem neugierigen Jungen was da drüben vor sich geht. Als alles gesagt ist, will er Fritz mitnehmen zur Arbeit. Doch der Junge bemerkt etwas, was nicht sein darf. Das Schiff neigt sich gefährlich zur Seite. Nicht ungewöhnlich für so einen riesigen Kahn. Doch dann passiert das, was keiner hofft jemals erleben zu müssen. Das Schiff richtet sich nicht wieder auf. Im Gegenteil es bohrt sich in den Grund der Elbe. Es wird Tote geben, Seeleute und Werftarbeiter.

Das ist nur eine Geschichte, die Jürgen Rath in seiner Anthologie der Schiffsunglücke auf der Elbe wie ein Abenteuer erscheinen lässt. Mit Fachwissen – er ist Schifffahrtshistoriker mit Kapitänspatent – und Einfühlungsvermögen lässt er die Schrecken der Elbe noch einmal Revue passieren. Sofern Namen von Beteiligten recherchierbar waren, hat er diese verwendet. War dies nicht der Fall, verleiht er der Situation einen durchaus glaubhaften Rahmen, in dem er Menschen in Aktion treten lässt, die sicherlich genauso gehandelt hätten.

Es ist nicht die pure Sensationslust, die dieses Buch zu einem echten Schmöker werden lässt. Es ist das Wissen darum wie Katastrophen entstehen und vonstattengehen können sowie das Handeln der Ermittler im Nachgang. Die Elbe ist an ihrer Mündung ein tückischer Fluss. Ständig wandern Untiefen, Sandbänke und anderen Gefahrenquellen von einem Ort zum andern. Dank moderner Technik können heutzutage viele Havarien ausgeschlossen werden. Doch solange der Mensch am (längeren) Hebel sitzt, sind Unfälle niemals auszuschließen. Ob Alkohol wie bei der Bugier 23 oder einfach nur „dicke Suppe“, also dichter Nebel wie bei dem titelgebenden Wrack am Falkensteiner Ufer: Der Mensch als Gefahrenquelle ist immer präsent. Aber der Mensch ist auch derjenige, der darüber berichtet, und dem es obliegt diese Gefahren zu minimieren.

Wir waren eine gute Erfindung

Heute Abend kommt wieder die ganze Familie zusammen, um mit dem Sederabend das Pessachfest zu feiern. Salomon freut sich schon darauf. Dieses Jahr ist jedoch allesanders. Sarah ist nicht mehr da. Seine geliebte Sarah. Die mit so viel Hingabe das Essen zubereitete und mit noch mehr Liebe dieses Fest zu einem ganz besonderen Fest machte.

Was nicht immer einfach war, und es wohl auch niemals sein wird. Salomon wird wie immer seine Witze reißen. Witze, die nur er machen darf. Witze, die viele vor den Kopf stoßen. Witze, die sich um Auschwitz handeln. Er kennt die Hölle von Auschwitz. Er überlebte sie. Deswegen ist es sein Recht sich darüber lustig zu machen. Die Erinnerungen daran sind auch Jahrzehnte danach immer noch präsent.

Wie immer liegt er am Morgen noch in seinem Bett. Seine Seite der Schlafstätte zerwühlt, neben ihm alles wie am Abend zuvor. Heute Abend geht es wieder rund. Wenn seine Jüngste Michelle und ihr Gatte Patrick mit ihren Kindern Tania und Samuel auftauchen. Hoffentlich hat Patrick dieses Mal seine Verdauung im Griff! Wahrscheinlich eher nicht. So wie schon bei seiner Bar Mizwa. Salomon ergreifen die Erinnerungen.

Sarah hat immer die Familie über alles gestellt. Sie schaffte es mit Leichtigkeit Streit zu ertragen und niemandem Vorwürfe zu machen. Der Sederabend mit Sarah war immer ein Ereignis. Zum ersten Mal seit Ewigkeiten wird dieses Fest nur das Fest der Juden sein, das an den Auszug der Israeliten aus Ägypten erinnern soll.

Auch Salomons und Sarah Älteste Denise wird vorbei kommen. Wie immer zu spät. Wie immer mit einer ordentlichen Portion Mut im Gepäck. Mut allem, was ihr nicht passt die Stirn zu bieten. Die Stunden bis die Familie eintrifft, sind für Salomon Stunden der Erinnerung. An Urlaub mit den Kindern, an vergangene Sederabende, an die Fragen der Kinder, die ihren Vater und Opa durchlöcherten mit ihrer unschuldigen Neugier. Und an die Witze, die Salomon riss. An die beiden Goldfische, die er für Michelle und Denise auf dem Jahrmarkt eroberte. Göbbels und Göhring. So nannte er die beiden Fische. Salomons Humor war schon immer ganz speziell.

Joachim Schnerf schildert mit wohltuender Ruhe vom Wechselbad der Gefühle eines Mannes, der seiner Familie mit ganz besonderer Zuneigung entgegentritt. Sarah war es, die Harmonie versprühte, die die Autorität besaß jedwedem Zwist den Garaus zu machen. Leicht wurde es beiden nie gemacht. Streit und Geschrei gehörten zum Sederabend wie Lesen der Texte über die Flucht aus der Sklaverei. Die Bissigkeit des eigenen Schicksals, verbunden mit der Leichtigkeit der Liebe sind die Zutaten für ein gelungenes Fest, das dieses Buch kompromisslos feiert.

Das deutsche Zimmer

Eigentlich hätte alles ganz anders kommen sollen. Eigentlich. Aber es liegt wohl in der Familie, dass sie – die namenlose Erzählerin – sich nun in einer Situation befindet, die sie niemals erwartet hat. Ihre Eltern flüchteten vor Jahren mit ihr vor der argentinischen Junta in die Bilderbuchidylle Heidelbergs. Da war sie noch ganz klein, erinnert sich, wenn überhaupt an Gerüche, den Neckar und die Bäckerei. Der Rest ist wie im Nebel verschwunden. Denn ihr Leben in Heidelberg dauerte nur ein paar Jahre. Argentinien war das Land, in dem sie aufwuchs, in dem sie lebt, sich von ihrem Freund trennte.

Nun ist sie wieder in Heidelberg – auf der Suche nach … ja, wonach eigentlich. Da ist es wieder: Dieses Eigentlich. Sie wohnt in einem Studentenwohnheim. Allein. Auf sich gestellt. Nur Miguel Javier – was ein bescheuerter Name, findet sie – ist für sie eine Art Verbindung in ihre Heimat. Er ist Argentinier und ziemlich aufdringlich. Wohl eher einsam, das wird sie bald herausfinden. Er kümmert sich um sie. Zuerst auch um seiner selbst Willen. Ziemlich schnell wendet sich das Bild, er ist für sie da. Denn sie braucht wirklich jemanden. Sie ist schwanger! Mitten in der Fremde, die einmal eine Zeitlang ihre Heimat war. Eine Heimat, die sie wieder zu entdecken hofft. Doch eigentlich … eigentlich ist sie hier, um … ja, auch das ist ihr nicht ganz klar. Heidelberg – Buenos Aires, größer könnten die Unterschiede nicht sein. Hier das betuliche Städtchen mit dem Zuckergusscharme, dort der pulsierende Moloch, in dem der Fortschritt immer nur eine kurze Zeit für Furore sorgt.

Carla Maliandis Erstling besticht durch seine konzentrierte Schlichtheit der Sprache. Eine Frau verloren im Meer ihrer Vergangenheit schwimmt sich frei von Altlasten ohne sich dessen bewusst zu sein. Will sie nur ihren Ex-Freund vergessen und eine neues Leben starten? Das gelingt nur sporadisch und mit Nichten endgültig. Wie ein Blatt im Herbstwind wird sie aufgewirbelt, und flattert planlos zu Boden. Hat sie ein Ziel? Wird sie es erreichen?

Der Leser muss tapfer sein. Immer wieder malt sich während des Lesens aus wie das Leben der jungen Frau weitergehen könnte, sollte, muss. Es gibt keine definitive Antwort. Und das ist das Spannende an diesem Romandebüt.

Staub

Wie wählt man ein Buch aus, dass man als nächste lesen will? Entweder weiß man schon wonach man sucht, weil man etwas darüber gelesen oder gehört hat. Dann ist die Wahl wie Einkaufen im Supermarkt: Zum Regal gehen, das Buch nehmen, bezahlen, lesen. Oder man sucht einfach nur nach einem Buch, das einem interessant erscheint. Dann ist die Optik des Buches von entscheidender Bedeutung. Würde im Falle von „Staub“ das Cover ganz neutral gestaltet und nur der Titel zu sehen sein, könnte man es als „Ratgeber für die moderne Frau“ erachten. Wie entferne ich staubige Flächen nachhaltig und ohne großen Aufwand?

Doch so ist es nicht. Ein vollbeladener Kipptruck hat gerade seine Ladung abgeladen. Eine dichte Staub(!)wolke vernebelt die Sicht. Dazu noch der Name des Verfassers, Kalka, welcher den Namen Kalk in sich trägt (wer schon mal einen Kalksack fallen ließ und danach von dem weißen Zeug eingesudelt wurde, kennt das Gefühl Atemnot zu spüren und den Horizont direkt vor Augen zu haben). Ja, es geht um Staub! Staub im engsten Wortsinne, Sternen- (auch Sonnen-)staub und überhaupt alles, was man mit dem Begriff Staub in Verbindung bringt.

Sofort stellt sich dem Betrachter, der das Buch noch nicht aufgeschlagen hat, die Frage, warum? Warum ein Buch über Staub? Warum nicht, könnte die lapidare Antwort lauten. Joachim Kalka ist Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Das originäre Kulturgut, die Sprache, ist sein Metier. Fast erscheint es vor dem geistigen Auge des Lesers, inzwischen hat man der Neugier nachgegeben und das Buch geöffnet und ein bisschen darin geblättert, fast schon erscheint es längst fällig, dass ein Buch wie dieses in den Regalen der Buchhändler steht. Denn Staub ist tatsächlich ein Bestandteil der europäischen Literatur. Von Goethe und Lichtenberg bis Verlaine spielt Staub unterschiedlichste Rollen in den Texten der Verfasser. Staub ist Bestandteil wissenschaftlicher Untersuchungen. Und aktuell – überhaupt nicht beabsichtigt wie der Autor versichert – ist Staub eines der Aufregerthemen im Wahlkampf. Feinstaub, Mikroplastik und so weiter.

Das Buch in Worte zu fassen, ist in etwa so einfach wie kleine Plastikkügelchen aus einem Fußball-Hartplatz zu entfernen. Der Weg ist das Ziel – diese asiatische Weisheit kommt dem Lesevergnügen dieses Buches ziemlich nah. Denn es ist ein Erlebnis dieses staubtrockene Thema derart elegant umgesetzt sehen zu dürfen. Keine Arbeiterromantik, keine Epidemie-Hysterie (Staublunge etc.), auch nicht schlussargumentative Diskussionsgrundlagen für die Themen der Zeit. Joachim Kalka zeigt, dass dem Thema Staub schon immer ein Zauber innewohnte. Intellektuell ansprechend und keineswegs unkontrolliert aufwirbelnd.

Am Horizont der Meere

Die starke Frau an der Seite, vor oder doch hinter dem übergroßen Dali? Oder doch hübsches Anhängsel? Oder gewiefte Geschäftsfrau? Helena Diakonova kam nicht mit dem goldenen Löffel im Kindermund zur Welt. Der Familie ging es gut, im zaristischen Russland als sie 1894 in Kasan zur Welt kam. Kaum vor dem Gesetz erwachsen, muss sie ins schweizerische Davos reisen. Zur Kur. Doch sie stirbt fast, vor Langeweile. Wären da nicht ihre Bücher – u.a. Anna Karenina – die blühende Schönheit würde bei klarer Bergluft eingehen wie Zimmerpflanzen, die man nicht gießt.

Als Wasserspender – bleiben wir bei dem Sprachbild –  erweist sich alsbald der junge Paul. Er liest ihr vor, umgarnt sie, beide sind sich sicher, dass sie ohne den Anderen nicht sein können. Doch der Kanonendonner dröhnt schon aus der Ferne und als die Kur der beiden vorbei ist, rasseln die Säbel und Panzerketten im Gleichklang. Mit Energie und Enerviertheit gelingt es Helena, die sich nur allzu gern Gala nennen lässt, ihre Eltern davon zu überzeugen, dass Paul im fernen Paris der Eine für ihre Zukunft ist. Helsinki, Schweden, England sind ihre Zwischenhalte auf dem Weg in ihre persönliche Freiheit. Paul, Paul Éluard, der Dichter, stammt ebenfalls aus nicht gerade ärmlichen Verhältnissen. Auch seine Eltern haben Vorbehalte gegenüber der Auserwählten. Schließlich ist Krieg!

Aus Helena und Paul wird das Ehepaar Gala und Paul Éluard. Sein mühsam erdichtetes Geld steckt der ruhelose Künstler in Kunst. Picasso (echt) hängt an der Wand wie anderenorts heutzutage Billard spielende Hunde. Gala ist willkommen im Kreis der Bohème von Paris. Und sie strahlt über beide Ohren ob dieses Umstandes. Als Dada die Kunstszene Europas durcheinanderwirbelt, sind Breton und Paul engste Vertraute, Freunde, Tippgeber, Anstupser … und Paul auch der Vater ihrer Tochter. Mit der kann Gala allerdings wenig anfangen. Sie wächst den größten Teil ihrer Kindheit bei Pauls Eltern auf.

Paul stellt Gala Max Ernst vor. Ein begnadeter Künstler wie Paul meint. Gala findet das auch, wird seine Muse und ein bisschen mehr. Paul ist gekränkt, aber im gleichen Maße weiterhin in Gal verliebt. Als ihm die Luft zum Atmen dennoch geraubt wird, flieht er. Gen Westen, bis in die Südsee. Gala wagt einen letzten Versuch ihre Ehe zu retten. Von Liebe keine Spur, Zusammengehörigkeits- und Pflichtgefühl sind der Kitt, der beide zusammenhält. Paul begeht ein weiteres Mal den Fehler Gala einem begnadeten Künstler vorzustellen. Doch dieses Mal wird Gal nicht mehr zu Paul zurückkehren. Denn der Mann, den sie am Strand in Spanien trifft, der so penetrant nach Ziege stinkt, ist Salvador Dali. Aufstrebender Star der Surrealisten. Er wird den Surrealismus an sich reißen, dass neben ihm nur noch Platz für Trittbrettfahrer sein wird. Gala sieht die Chance sich zu verwirklichen und Dali zu einer Marke zu machen.

Unda Hörner strickt den durchaus nachvollziehbaren Fakten des Lebens von Gala Dali ein feines Gewand das so luftig-leicht daher kommt wie selten eine Romanbiographie zuvor. Dabei verzichtet sie auf die Klischees, die unweigerlich mit dem Namen Dali einhergehen. Die Biographie endet an dem Zeitpunkt als Gala und Salvador aufeinandertreffen. Alles, was sie bis zu diesem Treffen ausmachte, nennt man Leben. Und genau um dieses Leben geht es der Autorin. An ihrem 125. Geburtstag am 7. September 2019 gedenkt man vielerorts Gala Dali. Diese Biographie wird dem Einfluss Galas auf die Kunstwelt mehr als gerecht.

Buenos Aires – Eine literarische Einladung

Buenos Aires – eine Stadt, die ihrem Namen nicht immer, fast nie eine Ehre macht. Die Abgase der Autos, die stundenlang im Stau stehen. Der Müll, der zum Himmel stinkt. Und dann die endlosen Avenidas. Wie die Corrientes wie sie Roberto Arlt beschreibt. Buchläden wie Theater, in denen man sich verlieren kann, ohne jemals die Bühne zu sehen. Bäckereien, Cafés, in den die porteños sich den Frust von der Seele reden – zumindest die, die nicht bei einem Seelenklempner auf der Couch liegen. Denn Buenos Aires ist die Stadt mit der höchsten Anzahl an Psychoanalytikern weltweit.

Lebensfreude und Lebensfrust gehen auf den prächtigen Boulevards wie in den schäbigsten Gassen Hand in Hand. Bisher konnte keine Regierung die stetig wachsend Inflation in den Griff bekommen. Und so wird jeder Einwohner dieser trotz aller Hoffnungslosigkeit so lebendigen Stadt zum Einzeltäter. Ein Einzeltäter, der mit Spitzfindigkeit und Verve das Leben zu meistern versucht. Auch wenn Fehler zum Alltag gehören.

Apropos Fehler. Fast jede der in diesem Buch zusammengestellten Geschichten erzählt von einem Fehler. Dem Fehler den Rio de la Plata zu Fuß gen Uruguay zu überqueren, was schlussendlich doch in der Überlegung endet, dass es keine so gute Idee war, da das Wasser schneller steigt als man es sich eingestehen wollte. Fehler, die man sieht, Fehler, die man erst im Nachgang als solche erkennt. Man sollte nur nicht den Fehler begehen dieses Buch nicht zu lesen. Denn das wäre ein riesiger Fehler.

Alle Autoren, die mit ihren Geschichten dieses Buch bereichern, sind hier geboren, leben oder lebten hier und werden auf immer und ewig porteños bleiben. Eine Millionenmetropole, die sich einen Umkreis zugelegt hat, der adipöser nicht sein kann. Abgegrenzte und eingezäunte Stadtviertel liegen mitten im Herzen als auch am Rande der Stadt, genauso wie die Viertel, in denen man sich bei Nacht nicht mal mit dem Finger darauf zu zeigen wagt. So unterschiedlich und widersprüchlich die Stadt, so abwechslungsreich sind die einzelnen Geschichten, die Ausdruck einer ungeheuren Lebensfreude sind.

Warum geht niemand weg aus dieser Stadt aus Müll und Dreck? Weil Buenos Aires eben nicht nur diesem Klischee entspricht, sondern unzählige Argumente aufweisen kann, die die Hauptstadt Argentiniens zu einem einzigartigen Hotspot der südlichen Erdhalbkugel machen. Jorge Luis Borges, Alan Pauls, Julio Cortazar, Pola Oloixarac verneblen nicht den Blick auf die Stadt am Silberfluss, die deuten vielmehr Zeichen ihrer Zeit und lassen den Leser schwelgen und träumen von einem Buenos Aires, das es so nicht mehr gibt. Oder doch?!

Trinker, Cowboys, Sonderlinge

Jede Zeit hat ihre Helden, und jede Epoche hat ihren eigenen Titel. Da war das Zeitalter der Industrialisierung, das Zeitalter der Entdecker. Was wird man wohl in Zukunft über die Zehnerjahre des 21. Jahrhunderts sagen? Das Jahrzehnt der Clowns?! Denn das, was so manches Staatsoberhaupt absondert, war vor Jahren noch undenkbar. Wenn Donald Trump die Finger über die Tastatur fliegen lässt und einen Tweet nach dem anderen absetzt, spüren viele einen Würgereiz, andere bekommen es mit der Angst, manche müssen einfach nur lachen. Doch wer denkt, dass Trump ein Erzeugnis der Gegenwart ist, täuscht sich. Politiker der USA, und vor allem die Präsidenten hatten schon immer einen Hang zum Skurrilen. Ronald D. Gerste kennt sie und ihre Eigenarten.

Acht Jahre – zwei Amtszeiten – führte Andrew Jackson die Geschicke der Vereinigten Staaten. Er begründete die Demokratische Partei so wie sie heute noch weitgehend existiert. Auf dem Papier, und nach üblicher europäischer Lesart, also ein durchaus würdiger Präsident, der bestimmt viel Gutes bewirkt hat. Der siebte Präsident der USA war aber darüber hinaus auch ein Mörder. In einem Duell, bei dem er zunächst verwundet wurde, erschoss er seinen Kontrahenten. Der Grund war ein – für heutige Maßstäbe – belangloser Streit. Auch der Weg ins Weiße Haus war nicht durch einen fairen Wahlkampf geprägt. Bereits 1824 wollte Jackson das oberste Amt im Staatenverbund haben. Doch eine bis dato und bis heute beispiellose Schlammschlacht verhinderte seine Bestrebungen. Erst vier Jahre war sein Ego beschwichtigt worden. Auch dieser Wahlkampf kann getrost als schmutzig bezeichnet werden. Kriegsheld und Meuchelmörder – unter seinem Befehl ließen hunderte von Indianern auf den nicht selbst erwählten Schlachtfeldern ihr Leben, anschließende Abscheulichkeiten wurden nicht oder kaum geahndet – auch das war Andrew Jackson.

Die schillerndste Figur in diesem mehr als lesenswerten Buch ist sicherlich John F. Kennedy. Dessen Affären sind hinlänglich bekannt. Doch Ronald D. Gerste findet auch im politischen Leben, insbesondere in seinem Aufstieg, den einen oder anderen Schattenfleck, der je nach Vorbildung des Lesers mehr oder weniger bekannt sein dürfte.

Je mehr man sich in dieses Buch vertieft, was bei der Detailfülle und eingängigen Sprache sehr einfach ist, kommt man aus dem Kopfschütteln nicht mehr heraus. Angsthasen (Nixon), Bürokraten (Truman) und Waffennarren (Roosevelt) sind bloß die Spitze eines Eisbergs an Präsidenten, die nach heutigen Maßstäben nur noch in populistischen Parteien Gehör finden könnten. Trump als Typus einen neuen Politikers? Da waren andere vor ihm da und haben weitaus mehr auf dem Kerbholz als der aktuelle Präsident, für den sich die meisten Amerikaner, die in Europa urlauben, entschuldigen.

Elf Nächte und ein Tag

Jahrelang waren der Erzähler und Theodor unzertrennlich. Ein Paar wie Pech und Schwefel. Scham, Eitelkeit und Verantwortung nur sich selbst gegenüber. Abgeschottet in ihrer Welt. Die Welt der Anderen war im besten Fall das Geländer, an das man sich lehnt, wenn man droht zu fallen. Und Theodor und er fielen sehr oft. Sprichwörtlich wie sinnbildlich.

Studierte in ihrer eigenen Welt, die sie mit Anarchie zu einer besseren machen wollten. Rückschläge? Oh ja, bitte welcher solle es denn heute sein? Ihre Gedanken kreisten immer nur um sich selbst. So sehr, dass sie ihre Wünsche aus den Augen verloren. Theodor hatte sich durch Dostojewski dazu anstecken lassen, Sankt Petersburg besuchen zu wollen. War das eine Flucht aus dem Mief der eigenen (selbsterschaffenen) Enge?

Gevatter Tod war schneller. Der Gedanke vom Selbstmord übernahm die Regie im Dasein von Theodor. Unmerklich, doch unaufhörlich. Bis er Gestalt annahm. Nun ist der Erzähler allein. Allein im Beruf als Security-Angestellter. Nacht für Nacht dreht er seine Runden nun allein. Und wieder (oder immer noch?) umkreisen ihn seine Gedanken. Theodor ist immer noch präsent. Er ist nicht tot! Nicht so lange nicht Sankt Petersburg wie ein Licht in dunkler Nacht aus dem Nichts emporstrebt und Theodor zum zweiten und endgültigen Mal in den Staub der Geschichte zieht.

Ist man selbst stark genug, um einen anderen zu töten? Der Erzähler ergeht sich in endlosen, nur für ihn verständlichen Gedankenspielen, während er stupide seine Runden dreht. Ein Weltverbesserer war er nie. Umsturzideen hatten er und Theodor genug. So grau die Theorie sein mag, so lähmend ist sie auch im Falle der beiden engsten Freunde. Ihnen reichte es über sich und die Zukunft zu reden.

Jetzt ist alles anders! Theodor ist nicht mehr. Und mit einem Mal ist die Vergangenheit präsenter als die Gegenwart und es die Zukunft jemals war.

Christoph Dolgan drischt mit der verbalkeule auf den Leser ein. Auf seinen reichlich zweihundert Seiten nutzt er einen größeren Wortschatz als so mancher Autor in seinem Sechshundert-Seiten-Schmöker. Es braucht ein paar Seiten bis man sich in das Buch eingelesen hat. Ist man aber einmal im Fluss mit dem Erzähler öffnet dieser dem Leser eine Welt voller Einsichten. Das beginnt schon beim Einband. Eine Mischung aus Bauhaus und der Verneigung vor dem Kabinett des Dr. Caligari. Das lässt tief blicken…

Belgien fürs Handgepäck

Es ist ein regelrechtes Auf und Ab der Gefühle, das dieses Buch hervorruft. Da ist die Rede von einem Land, Belgien, das im wahrsten Sinne des Wortes keine Einwohner, nämlich keine Belgier. In ihm wohnen Flamen und Wallonen, und eine deutsche Minderheit. Flamen und Wallonen sind wie Schalke- und Dortmundfans. Man nimmt zähneknirschend zur Kenntnis, dass es die anderen auch gibt. Aber ansonsten bleibt man lieber unter sich.

Doch dann kommen wieder Momente, die Flamen und Wallonen – unsichtbar – vereinen. Genau dann, wenn es um den Genuss geht. Das fängt bei den Fritten an, zweimal frittiert und so knusprig, dass jede Idee vom Kalorienzählen im Halse stecken bleibt. Und es geht weiter, wenn Bier und Schokolade – getrennt – ins Spiel kommen. Mit jeden Sinn ansprechenden, anspringenden Worten fließen die Zeilen die Kehle hinunter und lassen dem Leser nur noch die Wahl des Abfahrtsdatums Richtung Belgien. Denn dort wartet das Schlaraffenland aus Kakao und Hopfen.

Hat man sich davon erholt, zerrt einen die Geschichte wieder auf den harten Teppich der Realität zurück. Genau dann, wenn Belgiens weniger ruhmreiche Geschichte als Kolonialmacht und deren noch unrühmlicheres Ende zur Sprache kommt. Die letzten Tage von Patrice Lumumba, dem ersten demokratischen Präsidenten des sich von den Fesseln Brüssels befreiten Kongos, lassen das Blut in den Adern gefrieren.

Belgien auf der Liste der Reiseziele zu haben, heißt ein kleines Abenteuer einzugehen. Prachtvolle Städte wie Brüssel, museale Urbanität wie in Brugge, gentrifiziertes Großstadtgehabe wie in Antwerpen oder lauschige Uniatmosphäre wie in Leuven – Belgien ist eines der abwechslungsreichsten Länder in der Mitte Europas. Und dazwischen liegt eine Kultur, die als einzigartig bezeichnet werden darf.

„Belgien fürs Handgepäck“ ist mehr als nur ein Lesezeitvertreib, um die Bahnfahrt von Antwerpen nach Namur (rund zwei Stunden) kenntnisreich zu vertreiben. Die Artikel sind so abwechslungsreich wie das Land selbst. Die Reihe „Handgepäck“ ist für jedermann auf Reisen ein tiefer Brunnen voller Eindrücke über ein Land, das man noch zu erkunden hofft. Dieses Buch führt mal satirisch-ironisch, mal sachlich analysierend, aber auf jeder Seite unterhaltsam den Leser in eine Kultur ein, von der man weniger weiß als man vermutet, die man aber besser versteht, wenn man dieses Buch gelesen hat.

Der Teufel, natürlich

Da will man jemandem was Gutes tun … und der Schuss geht voll nach hinten los. Oder man will jemand aus Angst selbst enttarnt zu werden in die Pfanne hauen, und fällt in die Grube, die man selbst ausgehoben hat. Da müssen doch höhere Mächte am Werk sein! Nicht immer. Manche nennen es Schicksal. Manche erkennen in solchen Taten den Teufel. Nüchtern betrachtet ist es ausgleichende Gerechtigkeit.

Für Andrea Camilleri war – ja, leider muss man es nun so sagen: Es war. Andrea Camilleri schloss am 17. Juli 2019 endgültig die letzten Seiten seines Lebensbuches – war es fast schon ein diabolisches Vergnügen dem Menschen einen Spiegel vorzuhalten, ohne dabei den berüchtigten Zeigefinger warnend zu schwenken.

Diese Geschichtensammlung kann man nicht in Auftrag geben. Sie wird einem angeboten. Und das Angebot sollte man annehmen! Schon allein die erste Geschichte der Philosophen Jean-Paul Dassin und Dieter Maltz zeigt Camilleris Fähigkeit Fiktion und Realität in einen einmaligen Einklang zu bringen. Beide Philosophen kannten sich nicht. Die Medien heizten durch Spekulationen, dass Dassin der Literaturnobelpreis zugesprochen werden solle, jedoch die Feindschaft an. Maltz ließ das kalt. Er als sich die Politik einzumischen versucht, nimmt Maltz die Herausforderung an. Die Akademie, die den Preis verleiht, sieht sich gezwungen, Dassin aus dem Kreis der Anwärter zu streichen. Zu viel öffentliches Interesse, könne die Wahl beeinflussen. Maltz schreibt in einer derart überhöht satirisch über Dassins Werk, dass nun niemand mehr umherkam, Dassin den Preis schlussendlich doch zuzusprechen. Die Satire war derart gut zwischen den Lobeshymnen versteckt, dass niemand die spitze Zunge auffiel.

Der Teufel steckt halt immer im Detail. Doch selbst, wenn man ihn erkennt, nimmt man ihn nicht ernst. Doch das Ende der Geschichten ist nicht immer vorhersehbar. Ein Einbrecher entdeckt verräterische Fotos und zwei Briefe der Erpressten. Ihr Verführer hat sie beim heimlichen Liebesspiel fotografiert. Sie solle zahlen, dann bekäme sie die Negative. Doch der Erpresser dachte gar nicht daran die Kuh, die er molk auf die Weide zurückzulassen. Er wollte mehr. Für die Verführte eine delikate Angelegenheit, denn sie war die Ehefrau eines angesehenen Mannes. Der Erpresser lässt in einem Anflug von Edelmut ihr die Fotos zukommen. Sie hatte die Fotos und die Affäre schon fast vergessen, die Zeit heilt alle Wunden. Doch dann beginnt der Todeskreislauf von vorn …

„Der Teufel, natürlich“ ist nur wenige Tage nach seinem Tod auf Deutsch erschienen. Dreiundreißig Geschichten, die nur von ihm geschrieben werden konnten. Den Finger in die Wunde legen und zu behaupten, dass er es doch gleich gesagt hätte, dass es schief geht, war nicht sein täglich Panino. Aber ohne Schadenfreude zu beobachten wie Pläne sich ins Gegenteil verwandeln, den Prozess des Niedergangs zu beschreiben, gelang mit einer Leichtigkeit und Präzision, die jedem Diamantenschleifer die eigene Unzulänglichkeit vor Augen führt.

Für jede Seite, jeden Absatz, jedes Wort sollte man Andrea Camilleri ein Denkmal setzen. Mit Tränen in den Augen fliegt nicht über die Sätze, man taucht in die Geschichten ein. Luftholen unnötig. Camilleri erstickt den Leser mit einem zufriedenen Gefühl, dass man derartigen Schicksalen bisher aus dem Weg gehen konnte. Man ist aber nun auf der Hut!