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Lissabon Stadtabenteuer

Lissabon gehört zu den Städten, die man nur mit einem Reiseband umfassend erobern kann. Was den meisten Reisebänden jedoch fehlt – zum Glück, sonst wären sie dicker als der Brockhaus – sind die Erfahrungen, die ein Autor dort machte, um diese Stadt auch wirklich lebensnah wiederzugeben.

Dafür gibt es die Reihe Stadtabenteuer aus dem Michael-Müller-Verlag. Ganz individuelle Eindrücke, die das Lebensgefühl Stadt erzählen und die Erlebnisse in den Vordergrund stellen. Johannes Beck ist der Mann für Lissabon. Zweite Heimat oder doch Sehnsuchtsort, die Frage stellt sich bei ihm nicht. Es ist beides!

Vorweg gleich die Info, dass alle Öffnungs- und Fahrzeitenzeiten der besuchten Orte am Beginn eines Kapitels verzeichnet sind. Und deswegen man keine Angst haben muss am Tabellenwirrwarr der Aushänge zu verzweifeln.

Lissabon hat sich trotz aller Touristenmassen, die die Stadt am Tejo besuchen wollen, ihren Charme und Reiz des Geheimnisvollen und des Noch-Zu-Entdeckenden bewahren können. Im Vergleich zu Barcelona, Venedig und Dubrovnik ein Pfund, mit dem sie wuchern kann. Doch es gibt natürlich auch die Plätze, auf denen kaum noch Portugiesisch gesprochen wird. Und hier kommt dieses Buch ins Spiel. Es muss nicht immer gleich der teuer bezahlte Ausflug sein, der einen Urlaub unvergesslich macht. Kleine Erlebnisse, die zuerst unscheinbar an einem vorbeizugleiten drohen, sind im Nachgang viel bedeutender. Wie zum Beispiel ein Abstieg in die Metrostationen der Stadt. In Lissabon lässt man gern mal die eine oder andere Bahn an sich vorbeifahren, um sich der kunstvollen Gestaltung der Stadt zu widmen. Es gibt einiges zu sehen, das man auf den ersten Blick nicht ernsthaft wahrnimmt. Johannes Beck öffnet dem Leser – und schließlich dem Besucher – die Augen.

Doch nicht unter der Erde ist Lissabon ein Blickfang, sondern auch weit über dem Geschehen in der quirligen Stadt. Das Topo glänzt (nicht nur in der Sonne) mit einem grandiosen Ausblick, auch wenn der Weg hinauf in die Rooftop-Bar nicht gerade ein Augenschmeichler ist.

Die Alfama, die Altstadt kann nach Johannes Beck in fünf Schritten erobert werden: Sehen, Essen, Ausgehen, Shoppen, Schlafen. Und so geht es im gemächlichen Schritt – man will ja nichts verpassen – durch gut besuchte Straßen, lauschige Gässchen und an einzigartige Orte, die man nur aus diesem Buch kennen kann.

Wer Lissabon noch nicht kennt, bekommt schnell das Gefühl, dass er was verpasst hat. Wer es schon kennt, ärgert sich, dass so ein Buch erst jetzt erscheint. Wer Lissabon noch nicht auf seiner To-Do-Liste hatte, schmeißt selbige sofort über den Balkon und macht sich auf die Socken ans westliche Ende Europas. Die Vielzahl an – preiswerten bis kostenlosen – Erlebnissen verleitet schnell dazu diesen Reiseband einmal komplett durchzulesen und dann noch einmal, um nicht zu vergessen.

Französische Weihnachten

Endlich Weihnachten, endlich wieder die Familie um sich versammelt (und auch die, die man liebt, wenn man ein wenig Zynismus diesem Weihnachtsgericht beimengen möchte…). Dass dabei nicht immer alles glatt geht, versteht sich von selbst. Denn zu viel Weihnachtsenthusiasmus schadet der geruhsamen Atmosphäre.

Philippe Djian kann davon ein Lied singen bzw. eine wunderbar schräge wie herzliche Weihnachtsepisode zum Besten geben. Kurz vor Weihnachten musste der Erzähler seine Frau Marlène ins Krankenhaus bringen. Beim Baumschmücken fiel sie von der Leiter und brach sich den Arm. Schon die Beschreibung wie der aus dem Pullover herausragt (ähnlich dem Ausguck eines U-Bootes) lässt einen schmunzeln. Doch Marlène muss schon wieder ins Krankenhaus. Erst vor wenigen Tagen erlitt sie eine Fehlgeburt. Das ist nun wirklich nicht witzig! Philippe Djian schafft es aber trotz der Schwere des Stoffes ein wenig Heiterkeit in seinen Zeilen unterzubringen. Dass Weihnachten doch noch ein angenehmes Fest wird, erfreut den Leser, aber vor allem den Erzähler. Im fortgeschrittenen Alter darf er noch einmal unter die Decke mit einer weitaus Jüngeren huschen. Doch – oh weh – auch hier lauert schon wieder der Schabernack aus der Feder von Philippe Djian.

Ob romantische Weihnachten in der Provence mit Marcel Pagnol oder eine überraschende Weihnacht mit tatsächlich einmal Geschenken von Colette oder eiskalte Eindrücke aus der Bretagne von Sylvain Tesson – alle in diesem zauberhaften Büchlein versammelten Weihnachtsstücke stimmen auf das fest ein, dass in Frankreich wie keine anderes als Fest der Familie gefeiert wird. Da darf – zum Abschluss des Buches – natürlich auch kein kulinarischer Ausflug an die Kochtöpfe fehlen.

Anekdoten, bissige Satire, frohlockende Aussichten – Weihnachten ist so individuell wie gemeinschaftlich. Mit einem lachenden Auge blättert man durch das Buch und findet bei jedem neuerlichen Lesen Neues und Erheiterndes in den Zeilen von Michel Houellebecq, Arthur Brügger oder Michel Tournier. Als Einstimmung auf die Festtage, als Ruhepol währenddessen oder als Hoffnungsträger danach ist dieses kleine rote Büchlein nicht nur Lektüre für Minuten oder Stunden, sondern fast schon eine Art Ratgeber oder Licht in dunklen Zeiten.

Dunkel war’s, der Mond schien helle

Es werden immer wieder die Stimmen derer laut, die den Untergang der deutschen Sprachkultur bedauern und anprangern. Die Verweigerung längst im deutschen Sprachgebrauch angelangter Anglizismen trägt dann aber auch manchmal allzu lächerliche Züge. Warum also nicht dem, was es schon gibt, Raum zu geben? Dem, was erhaltenswert ist, einen Ort der Nachschlagbarkeit zu geben. Dort, wo es Not tut, nachzuhaken?

Wem der Titel dieses Buches ein Schmunzeln ins Gesicht zaubert, kommt nicht umhin ein wenig in dem Buch zu blättern. Einmal aufgeschlagen kann man es kaum wieder aus der Hand geben. Denn der Titel hat noch ein paar Zeilen mehr zu bieten als den scheinbaren Unfug, dass es dunkel ist, wenn der Mond hell scheint.

Horst Kunze hat Reime aus längst vergangenen Zeiten zusammengetragen, irre Wortspiel gefunden und witzige Dichtung in diesem Buch zu einem Kompendium des deutschen Humors zusammengefügt. Hohe Worte, für ein hohes Gut. Denn die Sprache ist das originäre Primärmerkmal für eine Kultur. Nur wer sie beherrscht, kann sie gestalten.

Nicht immer sind die Verfasser der Zeilen bekannt. Zwischen „Alles, was sich reimt, ist gut“ und „Reim Dich oder ich fress‘ Dich“ wird man immer wieder das Buch absetzen müssen, um innezuhalten. Manchmal muss man noch einmal nachlesen, um den Sinn zu erfassen oder den Witz dahinter zu erkennen. Oft jedoch bekommt man sich nicht mehr ein ob der den Gedichten innewohnenden Witzes.

Und wer sich die Mühe macht den einen oder anderen Vers, Absatz oder das gesamte Werk zu verinnerlichen, wird sich des Applauses der Zuhörer sicher sein können. Nicht geht über ein geschickt (und vor allem vollständig) vorgetragenes Gedicht. Modern (neudeutsch) nennt man das Poetry Slam. Der Kern jedoch ist Komik. Gassenhauer und Schlager – so heißt denn auch ein Kapitel mit geistigen Ergüsse, die man teilweise schon einmal gehört hat. Wie das Lied vom lieben Augustin – aufmerksame Wienbesucher haben in der des Museumsquartiers vielleicht auch schon sein Denkmal entdeckt.

Alles ist hin, wenn man mit der eigenen Sprache auf Kriegsfuß steht (oder stehen tut). Der Volksmund sagt, dass man ein Haus bauen, einen Baum pflanzen und einen Sohn zeugen soll. Erst dann kann man sich als erfolgreich bezeichnen. Wem das alles nicht vergönnt ist, kann immer noch mit kompaktem Wissen, aus diesem Buch, die Zuhörer auf seine Seite ziehen. Vielleicht sogar bis aufs Kanapee, denn das bleibt einem immer erhalten…

Ein Leben für die Liebe

Sie wurde von Männern umschwirrt, nicht von Motten, die ums Licht kreisen: Louise de Vilmorin. Und es waren echte Männer, keine Motten: André Malraux, Orson Welles, Antoine Saint Exupery, Jean Cocteau, Graf Esterhazy. Ihr „Madame De“, das Buch ihres Lebens, wurde von Max Ophüls mit Vittorio de Sica und Danielle Darrieux verfilmt, und für den Oscar nominiert. Und trotzdem ist der Name de Vilmorin heute nur noch einigen Wenigen ein Begriff.

1902 mit dem sprichwörtlichen goldenen Löffel im Mund zur Welt gekommen, kannte ihr Leben zunächst nur eine Richtung, bergab. Eine unbesorgte Kindheit vor den Toren der Weltmetropole Paris wurde gegen ein verhältnismäßig „normales“ Leben an der Seine eingetauscht. Schon früh machte man ihr den Hof. Einer der ersten, ganz sicher jedoch der zu dieser Zeit berühmteste war der Pilot Antoine Saint Exupery. Viel später erst würde er mit dem Kleinen Prinzen einen nachhaltigen Erfolg schreiben. Die Figur der Laternenanzünderin, der allumeuse. Ein Feuer entfachen, das konnte sie. Es am Lodern halten, da haperte es fast ihr gesamtes Leben lang. Sie wurde geliebt. Ob sie lieben konnte – zumindest dauerhaft – kann man in Frage stellen.

Ihre Eleganz und Eloquenz, aber vor allem ihr Wille nachhaltig zu wirken, bescherten ihr zeitlebens Erfolg. Als Schriftstellerin mit Orthographie-Schwäche – Cocteau und Malraux korrigierten unermüdlich ihre Texte – konnte Sie Erfolge feiern. Ob unverstanden oder unvollkommen – Louise de Vilmorin sagte jedem Künstler von den 30er Jahren bis zu Ihrem Tod 1969 etwas. Für viele war sie Wegbereiter, ihre Salonabende waren vielleicht nicht so legendär wie die von Berta Zuckerkandl im Wiener Cafè Landtmann, aber an Avantgardistenpotential nicht zu überbieten.

Es fällt schwer sich eine exakte Meinung über Louise zu bilden. Zu umfangreich war ihr Leben, und ist immer noch in gewissen Kreisen in aller Munde. Ursula Voß holt die für die meisten verschollen Louise de Vilmorin wieder ans Tageslicht. Wie in einem Zug reist man durch ein ereignisreiches Leben, dass von der Liebe geprägt war. Zwischenhalte bei Autoren, Abenteurern und Schauspielern inklusive.

Aufbruch der Frauen

Einhundert Jahre ist es her, dass per Gesetz die Frau dem Mann gleichgestellt ist. Doch Papier ist geduldig. Das wussten die Frauen, die vor einhundert Jahren für ihre Rechte Stritten und auf dem Papier recht bekamen, auch. Und genau aus diesem Grund sind die Zeitzeugenberichte, Textausschnitte und Berichte auch heute noch so lesenswert.

Da geht eine Frau allein ins Theater – heute nichts ungewöhnliches mehr, Punkt für die Durchsetzungskraft der Frauen! Damals noch mehr als eine Anekdote. Dort trifft sie zu ihrem Erstaunen ihren Mann. Der ist nicht wie vermutet in einer Sitzung oder bei einer anderen Gelegenheit, die ihr den Mann raubt, sondern in eben diesem, demselben Theater. Natürlich ist er nicht allein. Auch nicht mit einem Kollegen, einem, der ihr schon so oft den Mann für ein paar Stunden abspenstig gemacht hat. Nein, ganz unverfroren sitzt er ein paar Reihen vor ihr, mit seiner Freundin. Das Frauchen zuhause muss ja nicht alles wissen. Sie ist ja nur eine Frau. An dieser Stelle einen weiteren Punkt zu vergeben, wäre so fatal wie grundlegend falsch. Tja, Papier ist halt geduldig…

Eine Frau zündet sich eine Zigarette in der Öffentlichkeit an. Heute kein Ding mehr … noch ein Punkt … usw. Doch sie trägt auch noch kurze Haare. Zweiter Punkt. Zur Krönung steigt sie auch noch in ein Auto und zwar auf der Fahrerseite! Das gibt Goldpunkte auf dem Gleichberechtigungskonto!

Vicki Baum, Erika Mann, Helen Hessel waren mit ihren Texten Vorreiterinnen auf dem Gebiet der gedruckten Gleichberechtigung. In den ersten drei Jahrzehnten des Literaturnobelpreises beispielsweise gab es nur drei Frauen, die den Preis errungen haben. Zehn Prozent. Alle zehn Jahre eine Frau, rein rechnerisch. Und dabei gab es doch so viele Frauen, deren Bücher bis heute dauerhaft gelesen werden. Selma Lagerlöf (die erste Frau, die den Preis gewann, 1909) ist heute noch ein Verkaufsschlager – wer kennt bzw. liest denn noch Rudolf Eucken oder Karl Gjellerup?

Brigitte Ebersbach kennt die Damen der Zunft nicht nur durch ihre Tätigkeit als Verlegerin. Die Damen sind fest in ihrem Herzen verwurzelt. Und so trägt jedes Kapitel dazu bei sich zu wundern, sich zu amüsieren, und vielleicht auch mal das Buch zu senken und innezuhalten. Auch wenn’s schwer fällt. Denn dieser Band (Band 82) der blue-notes-Reihe, die im Jahr 2019 ihr Zwanzigjähriges feiert, ist das modernste Buch der Reihe: In Zeiten, in denen Gender-Diskussionen die Gemüter erregen, die Bühnen erobern, in den sozialen Medien zu ungeahnten Hypes anwachsen, ist dieses Buch eines für jederma … äh, für jede und jeden und jedes. Nur weil die Texte schon Jahrzehnte auf dem Buckel haben, sind sie weder obsolet noch vergessen.

Das letzte Gericht

„Niemals geht man so ganz“, besangen so rührselig BAP und Trude Herr. Was bleibt von uns, wenn wir gegangen sind? Die Antworten muss jeder für sich selbst finden. Denn wie einer – sei er auch noch so prominent – in Erinnerung bleibt, hängt ganz von seinem Lebensstil ab.

Bei John Belushi – Jake Blues aus dem ersten Blues-Brothers-Film – kann es gar kein anderes Gericht gegeben haben als verbotene Substanzen in noch verboteneren Mengen. Hätten seine Gäste – unter ihnen Robin Williams und Robert De Niro, die die Party jedoch sehr früh verließen – bei seiner letzten Party doch besser hingeschaut. Die Linsensuppe, die er vor dem tödlichen Cocktail, zu sich nahm, hatte wohl kaum noch Auswirkungen auf sein (Ab-) Leben.

Das Bild von Che Guevara ist ein ganz anderes. Entschlossener, fast schon finsterer Blick – so prangt er mittlerweile auf T-Shirts. Das letzte Bild von ihm zeigt ein eingefallenes Gesicht, das so gar nichts von einem willensstarken Kämpfer mehr aufweist. Die Erdnusssuppe von Irma Canizares soll er als „Henkersmahlzeit“ geordert haben. Dabei wusste er zu diesem Zeitpunkt noch nicht, welche Bedeutung diese Suppe für ihn haben wird. Denn die Verhaftung und der prozesslose Tod kamen so schnell und überraschend, dass Che maximal ahnen konnte, dass die Erdnusssuppe das Letzte sein wird, was er zu sich nehmen wird.

Hätte John F. Kennedy vielleicht mehr als nur Toast, Marmelade, Butter, Schinken und weich gekochte Eier zum Frühstück gehabt, wenn er gewusst hätte, was im Laufe des 22. November 1963 in Dallas passieren wird? Oder John Lennon mehr als nur Corned beef auf Toast? Oder Prince Fischcremesuppe?

Sie alle werden es nicht mehr preisgeben können. Denn sie alle sind im Olymp der Schönen und Reichen und Machtvollen. Richard Fasten – der Name allein verpflichtet schon zu einem Buch wie diesen – hat sich den Toten auf leisen Sohlen genähert. Nicht, um Ihnen letzte Geheimnisse und die eine oder andere kleine Anekdote zu entlocken, sondern um ihrem Tod eine Brise Nachhaltigkeit hinzuzufügen. Vom Glas Wasser über Haferschleim bis hin zum Brathendl liest man sich durch die Leidensgeschichte von Jesse James über Frank Sinatra bis hin zu Jimi Hendrix. So bunte war die Regenbogenpresse noch nie. Und schon gar nicht so unterhaltsam! Guten Appetit beim letzten Gastmahl der Promis von anno dazumal bis heute.

Naturerkundungen mit Skizzenheft und Staffelei

Das waren noch Zeiten: Ohne GPS, WiFi und flinken Fingern sich durch wirklich unentdeckte Regionen kämpfen. Stattdessen mit dem unbedingten Willen etwas ans Tageslicht zu fördern, das die Welt überhaupt noch nicht gesehen hat. Das ist lange her. Und die, die damals mit Pinsel, Stift und Machete durchs Dickicht huschten, sind immer noch in aller Munde. Haben sogar Hashtags in den sozialen Medien.

Charles Darwin ist sicherlich einer der bekanntesten Abenteurer, wobei der Begriff Forschungsreisender sicherlich passender sein dürfte, dessen Wirken in diesem Buch so eindrucksvoll dargelegt wird. Ebenso Maria Sibylla Merian, deren detailgetreue Schmetterlingszeichnungen bis heute den Betrachter in Staunen versetzen. Alfred Russel Wallace war zu seiner Zeit ein Superstar unter den Forschern. Seine „Mitbringsel“ vom Amazonas füllten damals schon Museen. Von deutscher Seite ist Alexander von Humboldt mehr als nur eine Randnotiz wert. Der Orinoco ohne Humboldt? Unvorstellbar!

Dieses Buch setzt 23 Forschern ein gedrucktes Denkmal, das umfassend deren Arbeit ins rechte Licht rückt. Die 18 Autoren gehören entweder direkt zum Londoner Natural History Museum oder sind mit ihm eng verbunden. Ihnen sind die ausgestellten Exponate so nah wie den beschriebenen Forschern die sie antreibende Neugier.

Jedes einzelne Kapitel besticht durch Fachwissen und den Drang dem Leser eine Welt zu eröffnen, die durch den modernen Informationsfluss immer weniger Spielraum für eigene Phantasien lässt. So viel wie man meint zu wissen, weiß man dann doch nicht. Die Essays sind wahre Fundgruben für jeden, der die Vergangenheit als mindestens genauso spannend erachtet wie die Zukunft. Immer wieder ertappt man sich beim Lesen, dass eigene Pläne im Hinterstübchen gemacht werden. Mit den Möglichkeiten der Gegenwart muss es doch auch möglich sein Neues zu entdecken und der Nachwelt zu erhalten. Allerdings liegt die Messlatte durch Thomas Waitling, Joseph Hooker oder Margret Elizabeth Fountaine sehr hoch!

Die souveräne Leserin

Fahrende Bibliotheken sind die einzigen Fahrzeuge, die generell überall parken dürfen. Denn sie bringen Geschichten zu den Menschen. Mr. Hutchings fährt so einen Bücherbus. Immer dieselbe Route. Mittwochs ist er den Royals immer sehr nah. Denn dann parkt er direkt vor deren „Niederlassung“. Norman aus der Küche ist einer der treuesten Leser und macht sich schon im Bus immer über das erste Buch her.

Doch eines Tages, eines Mittwochs wird es ganz still im Bus. Eine ältere Dame besteigt den Bus. Sie ist ganz erstaunt als sie das Innere des Busses sieht. Eine fahrende Bibliothek. Das ist ja fabelhaft! Man kann es sich schon denken: Die ältere Dame ist keine Geringere als die Queen. Ihr fehle leider zu oft die Zeit zum Lesen. Und ob Mr. Hutchings ihr nicht etwas empfehlen könne. Kann er. Und so schnell wie die Queen kam, verschwand sie auch wieder.

Von nun an hat der Bücherbus eine neue Stammkundin. Nicht immer kann sie selbst vorbeischauen. Dann bittet sie Norman, der mittlerweile ihr Amanuensis ist, ihr literarischer Assistent und sie eine Opsimathin, eine Spätlernende, die Bücher zurückzubringen und neuen Lesestoff für die zu besorgen. Sie liest Proust, vertieft sich in „Englische Liebschaften“.

Doch das Hofprotokoll in Person von Sir Kevin macht der Monarchin und ihrem Gehilfen einen Strich durch die Rechnung. Die Bücherbusroute wird verlegt als die Presse Wind von der neuen Leidenschaft der Queen bekommt. Doch als Majestät lässt man sich nicht beirren. Ihr Wissen bereichert so manche Unterredung mit dem Premierminister, und Staatsbesuche bekommen von nun an einen literarischen Anstrich. Nicht jeder „Amtskollege“ ist Ihrer Majestät gewachsen…

Alan Bennett setzt mit dieser ergreifenden Geschichte seiner Queen und den Büchern, die er so gern gelesen hat ein unverrückbares Denkmal. Eine liebenswerte Frau reiferen Alters verspürt noch einmal einen Schub. Ihr Wissensdurst wird durch Termine (Kunstturnen in Nuneaton) immer wieder auf die lange Bank geschoben. Der Bücherbus ist willkommene Abwechslung und das Fanal in eine neue wissensreiche Zeit. Mit viel Zuneigung zur Queen lässt er den Hofstaat mit all seinen Intrigen dabei nicht gut aussehen. Einzig allein die Queen und die Bücher sind die strahlenden Stars in „Die souveräne Leserin“. Die Zeichnungen von Kai Würbs unterstreichen den zärtlichen Charakter der Geschichte. Wem treibt es nicht die Freudentränen in die Augen, wenn er die mächtigste Frau der Welt nach einem Buch greifen sieht. Auf einem Schemel. Auf Zehenspitzen… Zum Totlachen.

Summer Queen & Maiden Blush

Der Mensch neigt im Allgemeinen zum Schubladendenken. In diesen Schubladen ist alles aufgelistet und katalogisiert, was im Leben wichtig erscheint. Nachteil: Eine Art Standardisierung setzt ein. Dieses Buch ist der gelungene Beweis, dass Katalogisieren auch von Vorteil sein kann. Ende des 19. Jahrhunderts beauftragte das USDA, der Vorläufer des heutigen Landwirtschaftministeriums, Frauen und Männer heimische Früchte zu malen. Fast die Hälfte der Künstler und Amateur-Künstler waren Frauen. Von 1886 bis 1942 wurden insgesamt 7584 Bilder geschaffen. Und das von 21 Künstlern, neun von ihnen Frauen. Noch mehr Zahlen gefällig? Zwanzig Prozent dieser Bilder, 1525, um genau zu sein, malte allein Deborah Griscom Passmore.

Dieses umfangreiche Werk an präzise gemalten Abbildungen – die Fotografie war anfangs noch nicht exakt genug, um die Wirklichkeit abbilden zu können – ist ein wahrer Schatz, der bislang in den Archiven schlummerte. Nun sind ein Teil der Abbildungen erstmals in einem Buch auf Deutsch erhältlich. Viele Obstsorten sind amerikanisch, hier also noch seltener vorhanden als in ihrer angestammten Heimat. Da aber auch hierzulande ein weiterer Trend – nach regionalem Angebot – aufkommt, passt dieses Buch wie kaum ein anderes in die Zeit. Die Farbtafeln waren oft nicht viel größer als ein Portemonnaie, das Obst konnte somit meist in der Größe gemalt werden wie es in der Natur vorkam bzw. noch vorkommt. Der größte Teil der Zeichnungen wird von Äpfeln beherrscht. Die Unterschiede zwischen hier und da scheinen beim Obst wie unsichtbar.

Stephanie Hauschild gebührt der Dank, dass die vergessenen Künstlerinnen und ihre Werke wieder in ein – vorerst kleines – Rampenlicht gerückt werden. Zum Einen tauchen Künstlernamen auf, die trotz ihres Talentes kaum bis gar nicht gewürdigt wurden. Zum Anderen erscheinen nicht nur vor dem geistigen Auge, sondern ganz real und detailreich Obstsorten, von denen man noch nie gehört hat. Maiden Blush und Summer Queen wie sie im Titel angekündigt werden, könnten auch eine Singer/Songwriterpaar sein,  das auf Festivals auftritt. Und mal ganz ehrlich: Wer weiß schon wie eine Cashewnuss aussieht, bevor sie geschält und gesalzen in einer Dose oder Tüte landet? Und Wampi? Santa Barbara, Kalifornien ist voll davon.

Man hält ein wirklich außergewöhnliches Buch in den Händen. Kraftvolle Bilder, zarte Pinselstriche, exakte Einordnung inklusive, da in diesem Fall für eine Bibliothek gemalt wurde, und dazu ein neugierig machender Eingangstext.

Worum es wirklich geht

Das Jahr 2019 hielt und hält wieder zahlreiche Jubiläen parat, die mit viel Pomp und Betroffenheit in mehr oder weniger großem Rahmen begangen werden. 100 Jahre Frauenwahlrecht, 70 Jahre Grundgesetz usw. Dass aber eine der bedeutendsten Schriftstellerinnen des 20. Jahrhunderts in diesem Jahr, am 22. Oktober, einhundert Jahre alt geworden wäre, geht im Wust der Bedeutsamkeiten unter: Doris Lessing, 2007 Literatur-Nobelpreisträgerin.

Sie war nicht der angenehmste Interviewpartner für Journalisten. Ihre Bücher waren der breiten Masse zwar zugänglich, doch sie endgültig zu verstehen, war nur einem Teil vergönnt. Oft muss man als Leser die eigenen Gehirnzellen anstrengen, um der Geschichte den roten Faden zu verleihen.

So ist es auch in diesem Geschichtenband. Während des Lesens ist die Szenerie klar. Will man jedoch einzelne Stränge oder gar die ganze Geschichte nacherzählen, wird es knifflig. Doris Lessing verstand es meisterhaft dem Leser das Heft des Handelns bzw. des Abrundens der Geschichte in die Hand zu geben.

Da sind zwei Paare. Die Männer sind befreundet und wissen doch gar nichts vom Liebesleben des Anderen. Die Freundin des Einen ist empört ob dieser Tatsache, als sie den besten Freund ihres Schatzes anruft. Wie kann das sein? Steckt da vielleicht mehr dahinter? Oder ist sie gar nicht wichtig, dass man sich über sie unterhält? Ruck zuck ist man in der Geschichte, und somit im Werk Doris Lessings drin. Gefangen im Netz der Worte, im Reich der formunvollendeten Geschichten.

Es ist ein komfortables Gefängnis. Es gibt reichlich Futter für die grauen Zellen. Und der Ausblick – fantastisch! Doris Lessing saß auch einst in einem Gefängnis. Es mangelte aber an Komfort, Futter und Aussichten. Mit Fünfzehn verließ sie die Familie – vor allem die Mutter – und gelangte mit dreißig Jahren, einem Sohn und weniger als Nichts im Portemonnaie von Rhodesien kommend im weitläufigen London. Hier konnte sie sich selbst verwirklichen. Feministin, Kämpferin, Autorin – nur drei Berufe/Berufungen, denen sie nachging. Schließlich war sie auch Mutter, alleinerziehend.

Für alle, die Doris Lessing nur dem Namen nach kennen, ist dieses kleine Büchlein mit ausgewählten Geschichten ein Einstieg in Doris Lessings Werk. Voller Kraft und doch zerbrechlich, dass man es ganz leise liest, pflanzt sich die Sehnsucht nach mehr im Kopf fest.