Kategoriearchiv: aus-erlesen kompakt

24 Ein-Schaf-Geschichten für Erwachsene

Das Tagwerk ist geschafft, nun winkt endlich der ersehnte Schlaf. Doch das Erlebte lässt einen nicht mehr los. Es arbeitet im Hirn auf Hochtouren. An Schlaf ist da nicht mehr zu denken. Als alt bewährtes Mittel hilft da Schäfchenzählen. Ein Schaf, zwei Schafe, hilft nichts. Diese wolligen Biester lassen einen auch nicht einschlafen. Das ist gemein.

Klar, denn, was man da zählt sind GemeinSchafe. Die blöken nicht nur, sie falten Papier und schnipsen es im hohen Bogen gegen alles, was nicht schnell genug ausweichen kann. Und dann lachen sie einen auch noch aus. Moment. Hier läuft doch was schief! Nein, hier läuft gar nichts schief!

Anna Derndörfer haben es die Schafe angetan. Vierundzwanzig Geschichten bringt sie in diesem (durchaus auch als Einschlaflektüre geeignet, obwohl die Geschichten überhaupt nicht einschläfernd sind) Buch an den Sch(l)afenden.

Noch gemeiner als das GemeinSchaf ist das LebensgemeinSchaf. Mutter- und VaterSchaf hingegen sind liebevoller.

Wer beim Titel auf erfolgversprechende Einschlafgeschichten hofft, wird schon bald eines Besseren belehrt werden. Denn es sind wirklich Geschichten von Schafen. Schafe, die einem das Leben erschweren, aber auch erleichtern können. Man kann sie zählen, aber wenn man sich dann an die gelesenen Geschichten erinnert, muss man automatisch loslachen. Also wieder kein Schlaf!

Doch, doch. Jede einzelne Geschichte – man steigt doch ziemlich schnell dahinter, dass die Schafe nur allzu menschliche Züge haben – eignet sich ebenfalls als Gute-Nacht-Geschichte. Das liegt in erster Linie an der Länge bzw. Kürze der Geschichten, zum Anderen aber vor allem an der Leichtigkeit der Worte. Die Schwere des Tages verliert sich in den Zeilen wie die Schafe im Frühjahr sich ihrer Haarpracht entledigen. Mal muss man innehalten, mal sich den Bauch vor Lachen.

George Grosz, Rudolf Omansen und ein Huhn

Hat einer verrückte Ansichten, ist man der Meinung, dass derjenige eine Meise hat. Oder ein schräger Vogel ist, dann zeigt man ihm gern selbigen. Ist einer jedoch so richtig dada (oder gaga), dann hat er ein Huhn! Ziemlich schräg?!

Ganz so schräg ist dieses Buch – und vor allem die Geschichte dahinter – nicht. George Grosz war einer der führenden Köpfe der Dada-Bewegung in Deutschland. Schon in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts zog es ihn in die Ferne. Südfrankreich und Marseille waren seine Zufluchtsorte, als dieses Wort für einen deutschen Künstler noch keine Rettung darstellen musste. Als die Nazis an die Macht kamen, war er einer der ersten, die entrechtet wurden, denen man die Staatsbürgerschaft entzog, die Konten plünderte. Da war er schon in den USA. Dennoch nagte es an und in ihm. Auch nach der dunkelsten Zeit weigerte er sich mit Deutschland zu identifizieren. 1959 zog es ihn wieder nach Berlin. Wo er allerdings nur kurze Zeit später starb.

Ein Wiedergutmachungsverfahren des Entschädigungsamtes brachte George Grosz mit Rudolf Omansen zusammen, der den ärztlichen Dienst des Entschädigungsamtes leitete und den „Fall Grosz“ begleitete. Die beiden freundeten sich an.

Rudolf Omansen war auch Schriftseller. Bei einer Soiree gab er gern seine Texte zum Besten. Grosz, nur allzu gern Gast in Omansens Haus in Berlin- Nikolasee, war derart beeindruckt von der seelischen Qual, die ein Huhn den Protagonisten bereitete, dass er umgehend die Zeichnungen zu den Geschichten beisteuerte. Sechzig Jahre nach dem Tod George Grosz ist nun endlich dieses Buch mit den Geschichten von Rudolf Omansen und den Tuschezeichnungen von George Grosz erschienen. Gut Ding will Weile haben. Es sind die letzten Illustrationen von Grosz. Die Texte von Omansen wurden im Original übernommen, so dass die Einzigartigkeit des Buches so originalgetreu wie möglich erhalten blieb.

Die Kommune der Faschisten

Da fallen einfach mal so zweieinhalbtausend Mann in Fiume, heute Rijeka, Kroatien, ein und spielen Faschismus. Wenn es nicht so traurig wäre, könnte man diese Einleitung für den Beginn eines phantastischen Romans für wahr nehmen. Doch es ist leider so gewesen. September 1919. Der erste Weltkrieg ist vorüber und Italien sucht wieder einmal oder noch immer nach einer nationalen Identität.

Der Dichter und Lebemann Gabriele D’Annunzio ist der Anführer dieser Truppe. Schon länger fordert er Bildung und ein nationales Zusammengehörigkeitsgefühl auf dem Apennin. Was anfangs noch nach Fortschritt klang und sich auch so anfühlte, wandelte sich im Laufe der Jahre zu einer Idee, die immer wildere Formen annahm. Folgten ihm erst noch sogar die Intellektuellen, so ist er mittlerweile ziemlich isoliert. Der Krieg hat vieles verändert. Wie nach einem Vulkanausbruch, der alles vernichtet, nur um später saftigere Früchte gedeihen zu lassen, ist er überzeugt, dass der Krieg nun fruchtbaren Boden für ihn und seine Ideen parathält.

Europa ist neu geordnet, das Habsburger Reich zerschlagen. Nur Rijeka wurde übersehen, so sieht er die Chance seine Utopie in die Realität umzusetzen.

Der Publizist und Journalist Kersten Knipp nimmt sich viel Zeit, um den Leser eingehend in die Zeit vor dem eigentlichen Ereignis einzustimmen, auf das, was noch folgen wird. Mit Geduld und Detailreichtum zeichnet er das Bild eines Mannes, D’Annunzio, der mit aller Gewalt seine Ideen heraus posaunt. Als die Freischärler auf der östlichen Seite der Adria gelandet sind, wird es für den Leser spannend. Denn die Truppe beginnt sofort mit der Umgestaltung der Menschen. Vieles kommt einem bekannt vor, macht Angst, weil die Geschichte uns lehrt, dass es schief gehen muss, mit vielen Opfern. Und zweitens, weil man derzeit wieder ähnliche Bestrebungen fast schon ungestraft benennen darf. Nationalismus in allen Ehren. Doch wer diesen Nationalismus auf Hass und Ablehnung gegenüber anderen, nur weil sie anders sind, aufbaut, ist zum Scheitern verurteilt. Dass so manche Passage des Buches den Leser zum Schmunzeln bringt, ist nur ein Nebeneffekt. Denn alles in allem war diese reichlich ein Jahr anhaltende Periode für Rijeka / Fiume ein trauriges Kapitel, dessen Auswirkungen bis heute noch in Teilen spürbar sind.

Wie ein Spatz am Alexanderplatz

Man stelle sich vor, dass man „uff’m Alex herumstromert“ und die Spatzen trällern Gedichte vor sich her. Was wären das für Gedichte? Schiller, Hölderlin oder gar Goethe? Wohl kaum! Eher Hans Gustav Bötticher, besser bekannt als Joachim Ringelnatz. Ein bisschen naseweiß, ein bisschen frivol, ein bisschen nachdenklich, aber immer echte Schenkelklopfer, die die Hirnwindungen in Schwingung versetzen.

Die Gedichte von Ringelnatz sind das, was man getrost als Schatz bezeichnen kann. Nichts Hochtrabendes, mit Erkenntnissen überfülltes Wortgut, sondern Beobachtungen und mit viel Empathie und Wortwitz zu Papier gebrachte Gedanken. Sie laden zum Innehalten ein. Sich auf einer Bank niederlassen und ein-, zweimal umblättern bis man sich wieder erhebt und den Spaziergang fortsetzt. Im Kopf schallt es immer noch nach. Wie ein Vogelgezwitscher.

Tja, die Spatzen (auf dem Alex) werden weniger. Das Verhältnis von Spatzen zu Ringelnatz-Verehrern schlägt immer mehr zu Letzterem aus. Auch und gerade wegen Büchern wie diesem. Als besonderes Bonbon gibt es im hinteren Teil des Buches das Fragment von Ringelnatz‘ „… liner Roma…“. Einem, oder besser, seinem BerLINER ROMAn. Polizeimeldungen eröffnen jedes Kapitel, und die wenigen Einführungszeilen jagen dem Leser einen Schauer über den Rücken. Raub und Leichen sind das Blut, das die folgenden Zeilen mit Leben füllt.

Der Roman wurde leider niemals fertig. Als Ringelnatz 1930 endgültig aus München, wo er als Kabarettist Erfolge feierte, nach Berlin übersiedelte und mit seiner Frau, die er liebevoll Muschelkalk nannte, war ihm das Ausmaß dieses Ortswechsel noch nicht bekannt. Keine drei Jahre später wurde er mit Auftrittsverbot belegt und seine Bücher verbrannt. Im November 1934 starb der gebürtige Sachse an Tuberkulose. Zehn Jahre waren das die ersten Zeilen seines Romans schon alt. Zur Vollendung konnten sie nie gebracht werden. So bleiben uns auch fünfundachtzig Jahre nach seinem Tod so freundvolle Zeilen über die See, das Theater, Autorennen, Mode, das Leben an sich.

Die Reihe „Berliner Orte“ hebt sich durch die Exklusivität der ausgesuchten Texte von so mancher Reihe um und über Berlin ab. Berlin ist immer gut für eine Anekdote, dieses Buch ist der gedruckte Beweis dafür.

Welt ohne Skrupel

Bei dem Namen Klinger muss jeder Fenrsehserienfan erst einmal schmunzeln. Das ist doch der auch „MASH“, der sich mit allerlei Dummheiten um den Militärdienst drücken wollte. So einer ist dieser Klinger hier nicht. Ein Schlitzohr. Ein ausgemergelter Kleinganove, dessen „Einkünfte“ immer nur bis zur nächsten miete reichen … sollen. Eine Lebensplanung für ihn zu erstellen, scheitert an nicht vorhandener Bereitschaft.

Gerade eben hat er mit seinem Kumpel Chainbang wieder ein Ding gedreht, da schleudert es seine Karre, einen Miata, in Europa als Mazda MX-5 bekannt, gegen einen Laternenmast. Zu blöd nur, dass ein paar Block weiter die Feuerwehr von San Francisco stationiert ist. Sobald erklingt auch schon das Tatütata der Sirenen. Das können Klinger und Chainbang momentan überhaupt nicht vertragen. Zum Einen brummt ihnen der Schädel, auch wenn Chanbang den geöffneten Airbag mit einem Messer durchstochen hat (der Vergleich mit dem Pitbull, der durch einen Kindergarten rennt, fesselt den Leser ratzfatz an den Krimi und lässt ihn bis zum Schluss nicht mehr los). Zum Anderen liegt im Wagen auch noch die Beute. Und das Tatwerkzeug.  Klinger macht sich aus dem Staub. Chainbang hat weniger flinke Füße und demzufolge Glück. Und schon bald hat Klinger auch ein Smartphone. So was braucht er sonst nicht. Einen (und noch einen und noch einen und …) Whiskey hat er schon eher nötig.

Ach ja, im Kopfrechnen ist Klinger ein Ass. Besonders, wenn an die Ziffernfolgen ein Dollarzeichen angehängt ist. Im Handumdrehen kann er Gewinnmarchen und Beteiligungen ausrechnen. Gehört wohl zum Handwerk eines Kleinkriminellen. Das erwähnte Smartphone soll Klingers kleine Welt jedoch gehörig durcheinanderwirbeln. Denn jetzt winkt die große Kohle. Ein App-Entwickler verdient sich mit seinen Fähigkeiten schnell mal eine goldene Nase – so viel kann Klinger schon mal ausrechnen. Und Marci – nicht minder durchtrieben wie Klinger, im Zweifelsfall um Längen gerissener und skrupelloser, weiß wie man auch ohne großen Aufwand sich ein Stück vom appetitlichen Geldkuchen etwas abschneiden kann. Klinger ist für sie ein williges und naives Werkzeug. Doch mit seiner Chuzpe hat sie nicht gerechnet.

Jim Nisbet knallt dem Leser eine Geschichte vor die Augen, die vor augenscheinlicher Brisanz nur so funkelt. Hier gibt es kein Versteckspiel, kein Sich-Hinter-Regeln-Verstecken, hier wird Klartext gesprochen und nicht minder offen gehandelt. Klinger ist kein Dummer. Auch ist es nicht die schiere Gier nach Geld, die ihn antreibt. Er hasst das System, und findet Gefallen daran es nach Schlupflöchern zu durchsuchen. Mal stolpert er, mal knallt er der Länge nach hin. Doch Liegenbleiben kommt für ihn nicht in Frage.

Die Geschichte des Körpers

Auf dieses Buch kann man sich einlassen. Auf dieses Buch muss man sich einlassen. Dreißig kurze Stücke, die in ihrer Einzigartigkeit den Leser an den Rand des Fassbaren bringen werden. Monster bekommen hier den gleichen Raum wie Demenzkranke. Jeder ist das Produkt aus Erinnerungen und Sprache. Und Thomas Stangls Sprache ist weitreichend, laut und leise zugleich, durchdringend, aufwühlend…

Die Deutsche Schillerstiftung kam 2019 nicht herum ihm den Schillerpreis zu verleihen. Ebenso die Jury des Wortmeldungen-Preises. Der 23. Mai 2019 ist für Thomas Stangl ein doppelter Glückstag: Zum Einen erscheint sein neuestes Buch, dieses hier und zum Anderen bekommt er dafür auch gleich noch einen Preis. Besser geht’s nicht!

Das dürfte wohl auch so manchem Leser in den Sinn kommen, wenn er den sinnigen Texten folgt. Thomas Stangl gibt dem Leser den Freiraum Gedanken über und um die Heroen der Texte mit Leben zu füllen. Nicht, dass Thomas Stangl nicht schon getan hätte, nein, aber hier und da lässt er einen Krumen liegen, den der Leser aufpicken darf, um sich zu laben.

Jede Geschichte hat ihren eigenen Stil, ihren eigenen Reiz, ihre ganz eigene Wirkung. Mal verspielt wie ein Kleinkind, mal irrwitzig übermütig, in dem er die Erzähler im wilden Reigen sich abwechseln lässt.

Es macht Spaß Thomas Stangl zu folgen. Nicht immer man sofort bei den Gestalten, die auf den ersten Blick etwas völlig Normales, Alltägliches tun. Erst im Laufe der Zeilen kommt man ihrem Tun auf die Schliche. Auf den Leim geht man ihnen hingegen niemals.

Auf den ersten Blick wirkt „Die Geschichte des Körpers“ wir eine Sammlung kurzer Geschichten, die in keinem direkten Zusammenhang stehen. Erst am Ende des Buches – die reichlich einhundertzwanzig Seiten liest man trotz allem nicht „einfach mal schnell durch“ – wird das Ganze ersichtlich. Der Mensch sammelt in einem, seinem Körper sich und sein Wesen. Der Körper umschließt dies mit seiner Hülle. Thomas Stangl bricht diese Hülle auf, er kratzt an der Oberfläche bis das Innere hervorbricht ohne Wunden zu hinterlassen. Nur Erinnerungen bleiben zurück.

Ich schreibe aus Paris

Korrespondenten haben einen tieferen Einblick in etwas Fremdes mit Sichtweise von außen. Sie vermitteln Eindrücke, stellen Zusammenhänge, berichten aus fernen Ländern. Ohne sie wäre man gefangen in der eigenen kleinen Welt.

Helen Hessel war so eine Korrespondentin, die der Frau zuhause (in Deutschland) die große weite (Mode-) Welt zeigte. 1912 ging sie nach Paris. Dort lernte sie den Schriftsteller Franz Hessel, den sie im Folgejahr heiratete. Es begann eine wilde Zeit, die von Francois Truffaut in „Jules et Jim“ so nachhaltig verfilmt wurde. Mit dieser Kurzbiographie wird man der Autorin Helen Hessel aber keineswegs gerecht.

Zwischen 1921 und 1938 war sie Auge und Ohr der deutschen (modebewussten und emanzipierten) Frau in der Hauptstadt der Welt, Paris. Und das immer mit fesselnder Neugier und einem zwinkernden Auge. Ein bisschen Modevorbildung wäre nicht schlecht – wer meint, seine Vorstellungen von Mode würden mit fünf Folgen Shopping Queen vollständig sein, kommt schon auf den ersten Seiten gewaltig ins Trudeln. Wer weiß schon was Foulard ist, was ein Coupeur so alles tut oder was well groomed bedeutet? Aber auch ohne entsprechendes Vokabular – das kann man alles nachschlagen – wird man sich in diese Auswahl von Artikeln sofort verlieben. Denn Mode kommt nie aus der Mode. Und die Beschreibung der selbigen wird trotz inflationärer „Ach wie spannend“ oder „Find ich mega“ ist niemals von gestern.

„Ich schreibe aus Paris“ erinnert an ein altmodisches Reportageformat, in dem dieses Genre noch von enthusiastischen Könnern ihres Faches in Höchstform gestaltet wurde. Helen Grund – sie schrieb damals schon wieder unter ihrem Mädchennamen, wer „Jules et Jim“ gesehen hat, weiß warum – wäre heute eine Influencerin ersten Grades, die selbst Anna Wintour (Chefin der amerikanischen Vogue, ihr Urteil wird in der Modebranche gefürchtet wie geliebt)  vor Neid erblassen lassen würde.

Helen Hessel aka Helen Grund weiß aber nicht nur Modetrends zu erkennen und zu beschreiben. Ganz Paris ist ihre Bühne. Von soldatischen Uniformen bis hin zum Finale von Roland Garros (zwischen William Tilden und René Lacoste – da ist sie wieder, die Verbindung zur Mode) findet sie hier ihre Bühne, von der sie in ihre alte Heimat berichtet. Ein kurzweiliges Lesevergnügen, das jeden fesselt und dankbar sein lässt, dass Helen Hessels Texte doch nicht endgültig im Nirvana der Zeitungsarchive zu Staub werden.

Willnot

Wer ist Willnot? Will er einfach nicht mehr und setzt allem ein grausames Ende? Nein, die Frage muss lauten: Was ist Willnot? Willnot liegt irgendwo im Nirgendwo der USA. Kein Redneck-Country, in dem auf alles angelegt wird, was keine Latzhose trägt. Vielmehr ein Ort, in dem man viel Zeit hat nachzudenken. Abwechslung Fehlanzeige. Bis, ja bis eines Tages in einer Grube Leichen gefunden werden. Der Arzt Lamar Hale wird gerufen, es könnte ja sein, dass es hier noch was zu tun gibt. Nicht für ihn, für ein Spezialteam von Ermittlern dafür umso mehr.

Für Lamar Hale einmal mehr Anlass nachzugrübeln, Parallelen zu ziehen, sein eigenes Leben in Abschnitten Revue passieren zu lassen. Und wie es der Zufall will, bleibt es nicht dabei. Brandon Lowndes steht unversehens vor bzw. hinter ihm. Kennt er ihn noch? Weiß er, wer er ist? Ja! Nur zu gut. Brandon war einmal Patient bei ihm. Ist nun auf der Durchreise. Oder so was in der Art. Eine seltsame Begegnung. So schnell und emotionslos sie begann, so schnell und emotionslos ist sie auch schon zu Ende. Typisch Willnot. Kaum hier, will man auch schon wieder weg.

Die Eigenartigkeiten nehmen kein Ende. Auch das FBI ist auf den unauffälligen Ort aufmerksam geworden. Das FBI in Person von Agent Theodora Odgen. Wenn irgendwo (im Nirgendwo) eine Grube mit Leichen gefunden wird, sind die Schlapphüte, die schon lange nicht mehr getragen werden, nicht weit weg. Doch Agent Ogden ist nicht an dem Massengrab interessiert. Ein Brandon Lowndes ist das Ziel ihrer Fragen. Hale antwortet pflicht- und wahrheitsgemäß, was er weiß. Brandon war Patient bei ihm, ist auf der Durchreise und wird von den meisten nun Bobby genannt. Mehr kann er ihr nicht liefern. Ist halt so, in Willnot.

Sie weiß mehr über Brandon, der nun Bobby genannt werden will. Elitekiller, gutes Auge, ruhiger Abzug. Kriegseinsatz. Und fahnenflüchtig. Hat er was mit der Grube zu tun? Nicht als Täter, sondern als … ja als was eigentlich? Brandon taucht wieder auf. Freude darüber empfindet niemand. Denn Bobby, also Brandon, liegt im Krankenhaus. Schussverletzung. In den Rücken. Und da man in Willnot ist, passiert was? Brandon verschwindet wieder. Alles mysteriös ohne dabei Geister zu beschwören. Die einzigen Geister, die hier in Unwesen treiben, sind die Geister der Vergangenheit, die den Doc und alle um ihn herum ab und zu mal piesacken. Alles nicht so dramatisch.

James Sallis beschreibt in unnachahmlicher Art und Weise einen Ort, den man schlecht einordnen kann. Soll man ihn meiden? Warum? Alles ist friedlich. Die Grube? Ja, die könnte einem schon Angst einjagen. Aber so richtig greifbar ist die Gefahr nicht. Der Schleier des Verborgenen, des noir hüllt Willnot in ein dichtes Geflecht aus Ungesehenem, Unhörbarem und unstillbarer Neugier. Je weiter man in den Roman vordringt, desto konfuser wird das ohnehin nur spärlich brennende Licht der Erkenntnis. James Sallis trat (s)ein schweres Erbe von „Driver“ an. Mit „Willnot“ ist er fulminant zurückgekehrt auf die Bühne der Autoren, die ihr Geschichte zwischen den Zeilen erzählen. Wer nicht schon auf Seite Zwei erfahren will, wer wem warum den Garaus gemacht hat, wird in „Willnot“ ein düsteres Spektakel vorfinden, das keinen Vergleich scheuen braucht. Einzigartig!

We are anders

Ein Buch zum Brexit, das nach ein paar Tagen schon überaltet ist? Das nennt man verlegerischen Mut! Doch es kam anders, könnte man jetzt großspurig behaupten. Der Brexit zum Ende März ist hinfällig. Auch der, der dann im Mai 2019 folgen sollte. Großbritannien nimmt doch an der Europawahl Ende Mai teil. Vielleicht ist das Buch ja im September nicht mehr aktuell. Oder später, oder verliert es niemals seine Aktualität? Wohl eher letzteres. Denn es geht nicht vordergründlich um den Brexit. Es geht um die, die der Brexit am tiefsten treffen könnte, nein, wird. Die Engländer, die Briten. Und ja, sie sind anders. Zum Glück! So wie Portugiesen, Albaner und Finnen auch anders sind. Und auch genauso wie die Zeitschrift Titanic anders ist als beispielsweise so manches Revolverblatt.

Ludger Fischer ist Teil des Establishments von Titanic. Er lebt seit fast zwei Jahrzehnten in Brüssel und schreibt unermüdlich und streng satirisch über das, was neuerdings die Gemüter in Wallung bringt: Europas zuweilen echt witziger Bedienstetenapparat. Nun hat er GB im Visier.

Was wird hängenbleiben, wenn der Brexit vom Tisch ist. Wie auch immer das aussehen wird. Da wäre sicher an einer der vordersten Stellen John Bercow. Der Sprecher des Parlaments, des Unterhauses ruft effektvoll zur Ordnung (englisch „Order“, bei John Bercow „Ordeeer“), wenn sich die Abgeordneten wieder einmal wie kleine Kinder benehmen. Die Brexit-Debatten (wenn es denn tatsächlich welche wären, bisweilen ist es eher ein Gezanke und Gezerre) bieten ihm die Möglichkeit sich für weitere Aufgaben zu bewerben. Denn derartige Ordnungsrufe bleiben schon jetzt nicht unerhört.

„We are anders“ ist aber kein reines Brexit-Buch. Es ist ein Buch über die, die anders sind, es schon immer waren und es wohl auch immer belieben werden. Wie kann man das aber dem Rest der Welt (der ja auch anders ist als andere) am besten beibringen? Argument – Gegenargument? Oder in Zahlen. Ludger Fischer entscheidet sich für beides. Argument und Gegenargument unterfüttert mit Zahlen. Da wäre die Währung. Pence, Schilling, Pfund. Feet, Yard, Mile. Wer blickt da noch durch. Und dann kommen die Brüsselaner und wollen den althergebrachten Maßen das Dezimalsystem aufzwingen? Not amused ist man da auf der Insel.

Dieses Buch bringt die ganze – unsachliche und meist unnütze – Diskussion um Bleiben oder Gehen auf den Punkt. Die Briten sind anders. Das wissen sie auch, so wollen sie es haben. Aber deswegen gleich alles zu hinterfragen und auf den Kopf stellen zu wollen, kann nur Verlierer hervorbringen. Lediglich Satiriker wie Ludger Fischer finden das eine oder andere Goldkörnchen im verbalen Dreck der Krakelerei. Dem Leser soll’s recht sein. Wer nicht schon während des Lesens Lachanfälle erleidet, dem ist nicht zu helfen. Kein Hau-Drauf-Und-Hau-Ab-Buch, sondern genau hingeschaut und versiert niedergeschrieben.

Noch ein kleiner Ausblick Schrägstrich Wunsch an alle, die mit Worten die Bauchmuskeln strapazieren können. Man stelle sich vor, dass Schweden Bestandteil der EU wäre. Und dann wieder raus will. Analog zum einstigen Grexit und zum aktuellen Brexit, wäre das dann ein Sexit? Übrigens: Schweden hat die strengsten Gesetze gegen sexuelle Belästigung…

Held

Alles beginnt wie ein ganz normaler Einbruch. Der Täter trägt Handschuhe, um sich nicht zu verletzen und um natürlich keine Spuren zu hinterlassen. Scheiben klirren. Doch dann setzt ein Zweifeln beim Leser ein. Wieso hat er einen gefüllten Benzinkanister dabei? Der beißende Gestank verteilt sich großflächig in dem Hotel. Aha, ein Hotel muss also dran glauben! Das Haus steht in Flammen. Mittlerweile ist der Hintergrund der Tat offensichtlich: Hass! Hass auf alles, was anders ist als man es hier in Krakeloh kennt. Ausländer. Bloß nicht diese …

Niva hat seine Arbeit getan. Die Rauchsäule, die den Nachthimmel über dem kleinen Ort erhellt, ist sein Werk. Das Hotel, ein ehemaliges Gefängnis (welch bedeutungsvoller Vergleich!), in dem seine Eltern glücklicherweise doch noch eine Anstellung einmal fanden (bis die da kamen) und das der Familie ein Einkommen bescherte, ist nicht mehr. Vor Monaten kamen erste Gerüchte auf. Dass hier Flüchtlinge aufgenommen werden sollten. Dass das Hotel deswegen schließt. Mit Flüchtlingen lässt sich mehr Geld verdienen als mit den wenigen Gästen, die sich hier her verloren haben. Dass überhaupt mal wieder Gäste kommen, nach Krakeloh, in den Ort, in dem die Bewohner Flüchtlinge mit Feuer und Gewalt empfangen, ist wohl auszuschließen. Ja, der Weitblick von Niva ist durch den Hass mehr als vernebelt. Aber was soll man machen, wenn selbst die Mutter offen ausspricht, was der „normale Bürger“ nicht mal zu denken wagt. Weil es falsch ist, nicht, weil es sich nicht gehört, wohl gemerkt!

Die Clique des sechszehnjährigen Niva ist begeistert von dem Feuerchen. Einer kennt sogar den Täter, gratuliert. Während die Community in den sozialen Netzwerken dem anonymen Täter heftig applaudiert. Doch Niva hält die Füße still und den Mund geschlossen. Ein stiller Held ist nichts mehr wert, wenn er einsitzt. Selbst die Polizei kann ihm nichts nachweisen. Erst nach einer weiteren „Dummheit“.

Die Justiz sieht in einer drastischen Strafe – Gefängnis – nur wenig Erziehungsgehalt. Eine Auszeit, mit Arbeit, fernab des Milieus, auch geografisch scheint da die beste Lösung zu sein. Ab in den Süden, der Sonne hinterher … von wegen! Ab in den Süden, Hütten bauen. Hütten für die, die alles verloren haben, selbst, wenn sie so gut wie gar nichts hatten. Nicht einmal mehr eine Heimat. Für Niva, den Nazi, alle wissen um die besonderen Umstände unter denen der Teenager hier seinen Dienst verrichtet, beginnt eine Zeit des Umdenkens…

Harald Schwinger schreibt ganz unaufgeregt – der Leser wird trotzdem gehörig aufgerüttelt – den Werdegang eines alternativlosen Teenagers zu nachdenklichen jungen Mann. Das Buch wurde mit dem Jugendbuchpreis des Landes Kärnten ausgezeichnet.