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Das Verschwinden des Ettore Majorana

Da ist doch die ganze Stimmung verschwunden, wenn man weiß wie es ausgeht! Könnte man meinen. Denn „Das Verschwinden des Ettore Majorana“ ist historisch verbürgt – ein gutes Ende gab es nicht, gibt es nicht bis heute. Wenn „gutes Ende“ das Wiederfinden des besagten Ettore Majorana bedeutet.

Dieser Ettore Majorana wurde 1906 in Catania in Sizilien geboren. Als Kind wurden seine Fähigkeiten als herausragend der Familie präsentiert. Wo andere Kinder hübsch rausgeputzt ein Liedchen trällern, überraschte er mit mathematischen Höchstleistungen. Als Student arbeitete er mit Enrico Fermi in Rom und Werner Heisenberg in Leipzig zusammen, immerhin Physik-Nobelpreisträger der Jahre 1938 und 1933. In seiner Forschungsgruppe bei Fermi legten alle die Rechenschieber beiseite, wenn Majorana anwesend war. Allein dieses Bild des Einzelgängers macht die Suche nach ihm von vornherein sinnlos. Majorana wird selbst Professor, macht Entdeckungen, die er nicht veröffentlicht, verbietet anderen (auch Fermi!) darüber zu reden. Das kam unter anderem Heisenberg zugute.

Leonardo Sciascia begibt sich – nicht als Erster – auf die Suche nach dem verschwundenen Genie. Er stöbert Briefe auf, durchforstet Archive, interviewt Menschen, mit denen Majorana in Kontakt stand. Das waren nicht viele. Fest steht nur, dass Majorana mit dem Schiff nach Neapel gefahren ist. Dort, wo er als Professor arbeitete. Der Fall ging bis zum Duce. Der machte eine Aktennotiz, dass Majorana unbedingt gefunden werden muss. In einer Zeit, in der Atomforschung so eminent wichtig war, brauchte man jedes Genie. Aber vielleicht wollten die Genies ja gar nicht mit ihrer Forschung berühmt werden. Leó Szilárd kannte nachdem er erfahren hat, was er „anrichtete“ nur noch eines: Die Bombe verteufeln – koste es, was es wolle. Majorana ging den Weg in den Untergrund. Nicht, um zu kämpfen, sondern in Frieden zu leben.

Einmal wurde er in Venezuela gesehen. Doch dank der spärlichen Qualität der Fotografie wird man es wohl nie herausfinden. So beharrlich Majorana wissenschaftlich gearbeitet hat, so unnachgiebig forscht Sciascia nach Spuren über den Verbleib des Physikers. Er wird ihn nicht finden. Aber sein Theorien – Majorana sei im Kloster untergetaucht – führten zu heftigen Auseinandersetzungen. Aber Sciascia wäre nicht Leonardo Sciascia, wüsste er nicht damit umzugehen. So traurig die Tatsache ist, dass auch ein gewiefter (literarischer) Schnüffler wie Leonardo Sciascia den verschwundenen Ettore Majorana nicht aufstöbern kann, so eindrucksvoll ist es seinen Gedankengängen zu folgen. Solange man nicht die letzte Seite, den letzten Absatz, das letzte Wort – ja den letzten Buchstaben in sich aufgesaugt hat, besteht immer noch die Hoffnung, dass Majorana gefunden wird. Das kann nur Literatur!

Ich traf Hitler!

Darf oder soll man über den Titel – bevor man auch nur einen Blick hineingeworfen hat – Witze machen? „GuTen MoRRgen, Frau Journalistin!“, „Guten Morgen, Herr … “. Als Dorothy Thompson Adolf Hitler traf, war der noch nicht Kanzler. Es waren noch vierzehn Monate bis zu seiner schlussendlichen Machtergreifung. Wenige Monate vor seiner „Wahl“ erschien dieses Buch. Ende August 1934 muss Dorothy Thompson Deutschland binnen vierundzwanzig Stunden verlassen, weil sie mit einer Frau zusammenlebt, der Schriftstellerin und Bildhauerin Christa Winsloe. Wie schon Ende der Zwanzigerjahre als sie in Russland die Unterdrückung der Religionsfreiheit und die stete Anwesenheit der Geheimpolizei ans Licht brachte, wurde sie nun zur unermüdlichen Kämpferin gegen Faschismus. Ihre Einschätzung, dass Er niemals Kanzler werden könnte, war ihre größte Niederlage. Wie kam sie zu dieser Fehleinschätzung?

Berlin, Wilhelmplatz 3-5, Hotel Kaiserhof. Heute Mohrenstraße, Höhe Zietenplatz. Ein gut gelaunter … nee, nee, nee so fangen wir erst gar nicht an. So war es auch nicht!

Schon seit dem missglückten Putsch mit Ludendorff versucht Dorothy Thompson ihn zu interviewen. Die Prozentzahlen seiner Partei bei Wahlen stiegen ständig an. Für Thompson bestand vor dem Interview kein Zweifel dem nächsten Reichskanzler gegenüber zu sitzen. Er verspätet sich um eine Stund. Und schon nach weniger als einer Minute mutmaßt (für sich, im Verborgenen) die Journalistin, dass ihr nicht der nächste Kanzler gegenüber sitzt. Rhetorisch sicher und gewiefter Redner, aber Kanzler? Dafür reicht es nicht. Sie wird ihre Meinung nicht ändern im Verlauf des Gesprächs. Wie ein Berserker reitet Er die Propagandawelle. Spricht zu ihr, der einzelnen Frau wie zu einer jubelnden Masse aus tausenden Fanatikern. Innerlich ist sie sehr müde. Äußerlich ist sie wach. Sie lebt in dem Land, das bald schon von diesem Kleinbürger regiert und in den Abgrund gestürzt werden soll.

Nachdem sie Deutschland verlassen musste, half sie emigrierten Künstlern wie Bertolt Brecht und Thomas Mann in den USA Fuß zu fassen. Auch dank ihrer Freundschaft zu Eleanor Roosevelt, der First Lady. Sie war sich bewusst, dass die Feder stets stärker als das Schwert sein muss. Wohingegen ER meinte, dass Bilder mehr vermitteln und bewirken als seitenlange Texte – eben ein Kleinbürger!

Es sind die beim Lesen unentwegt auftauchenden Bilder der Gegenwart, die dieses Buch so besonders machen. Und so aktuell. Jeder kurze Blick in Interviews mit ihm ähnelnden Parteifunktionären zeigt die Unfähigkeit und Perfidität dieser Gestalten. Er hatte es schließlich geschafft. Die ihm Nacheifernden werden seit Erscheinen von „Ich traf Hitler“ immer noch entlarvt. Man muss nur lesen!

Kumari

Als Sehnsuchtsort bietet Nepal vielen Individualisten eine ideale Projektionsfläche. Es ist das einzige Land mit einer nicht viereckigen Flagge, liegt verdammt weit oben … da hören bei den meisten die Vorkenntnisse schon auf. Selbst in den Nachrichten von vor zwanzig Jahren taucht das Land kaum bis gar nicht auf. Da muss man schon ein bisschen weiter zurückschauen. Der Juni 2001 war der Beginn eines enormen Umsturzes. Das Königshaus wurde fast komplett ausgelöscht, was dazuführte, dass sieben Jahre später die Monarchie abgeschafft wurde und die maoistische Regierung das Land regiert. So viel zu den Fakten. Und genau in diesem Juni des Jahres 2001 spielt „Kumari“ von Philip Krömer.
Kumari sind Kindgöttinnen. Im Alter von zwei bis vier Jahren werden sie erwählt. Horoskope werden herangezogen, körperliche Merkmale untersucht. Die Herrschaft der Kumari endet mit Einsetzen der Menstruation.
Das größte religiöse Fest des Landes – Dasain – steht an. Seit Tagen laufen die Vorbereitungen. Amita ist eine der aktuellen Kindgöttinnen, Kumari. Seit Jahren, seit ihrer Geburt, umgibt sie absolute Stille. Reden darf sie nur mit ihrer Familie. Die Bittesteller, um Segen Bittende, küssen bei der Audienz ihre rot bemalten Füße. Die Stille ist spürbar, fast hörbar. Kein Wort, kein Laut ist zu vernehmen. Das Fest wird der Höhepunkt des Jahres sein. Aber es ist auch die Ruhe vor dem Sturm. Denn im Volk rumort es.
Und damit sind wir wieder bei den harten Fakten: Kronprinz Dipendra ist Gast beim königlichen Familienfest. Er verlässt kurz den Raum, als er wiederkommt, trägt er Uniform, zieht eine Waffe und erschießt unter anderem König Birendra sowie Königin Aishwarya. Weitere Angehörige des Königshauses, Verwandte des Attentäters werden schwer verletzt. Zum Schluss will auch er seinem Leben ein Ende setzen. Das misslingt. Er wird sogar zum König ernannt. Für drei Tage. Dann stirbt auch er. Das kann man nachlesen. Die Hintergründe sind unklar. Wahrscheinlich führte die Ablehnung der Heirat mit einem Mitglied einer verfeindeten Familie zu der schrecklichen Tat.
Kumari Amita lernt die Rebellin Rupa Rana kennen – by the way, Raan ist der Name der verfehmten Familie, die sich mit dem aktuellen Königshaus vereinen will. Gleichzeitig bemerkt Amita aber auch Veränderungen, die ihren Status als Kumari … bestärken? … verändern? … auf alle Fälle beeinflussen werden. Poesie trifft Abenteuer, historische Fakten vermischen sich mit progressiven Gedanken, hier wird das Genre historischer Roman (auch wenn die Historie nicht allzu weit zurückliegt) auf eine neue Ebene gehoben.
Wer nun meint sich über die vermeintlich rückständigen Rituale mokieren zu müssen, liegt falsch. Es ist mehr als nur Tradition und religiöser Habitus. Die Kumari sind fester Bestandteil der Kultur, sie bieten Halt und Zuflucht. Und wer sich in Europa die aktuellen Veränderungen anschaut, wird auf eine Vielzahl von reaktionären – rückschrittlichen – Tendenzen stoßen. Philip Krömer bietet einen weitreichenden Blick durchs Schlüsselloch in eine Kultur, die geographisch weit weg liegt von dem, was uns tagtäglich umgibt. Sein Wissen darum und die seltene Gabe mit Worten Gedankenreiche zu schaffen, sind Gold wert. Gefühlvoll, detailliert und nachhallend lockt er den Leser in ein Land, das man in dieser Form nicht kannte. Jetzt kennt man es, nicht vollständig, aber um einiges besser als zuvor.

Nach Gefühl

Es ist jedes Jahr ein Riesenspektakel. Die erste große Rundreise auf dem Drahtesel durch ein Land. Der Anfang macht traditionsgemäß Italien. Als Radsportfan ist man seit Jahren immer wieder der Gefahr ausgesetzt aufs falsche Pferd zu setzen. Und so genießen viele neben dem eigentlichen Sport wahrscheinlich auch die Ansichten des womöglich nächsten Urlaubsziels.

Zwischen all den Steigungen und Abfahrten, den wilden Sprints und auch den erschreckenden Stürzen drängen immer wieder Fahrer in den Fokus, deren Namen man so schnell nicht vergessen wird. Und das nicht, weil sie Naschkatzen mit einer Vorliebe für nicht natürliche Substanzen sind!

Tom Dumoulin gehört sicher in diese Riege. Er war nicht der alle überstrahlende Radsportler, der mit einem Antritt ganze Ausreißergruppen in die Verzweiflung trieb. Er war bei Rennen stets präsent. Zuerst als Wasserträger, also einer, der zuallererst seinem Teamkapitän, dann den aussichtsreichsten Fahrern zur Seite stand. Man nannte ihn den Schmetterling, vlinder van Maastricht. Den Spitznamen mochte er nie. Mit gerade mal 32 Jahren hängte er den Fahrradhelm an den Nagel. Ein Sturz, bei dem er sich das Handgelenk brach und nicht an den Weltmeisterschaften teilnehmen konnte, war ausschlaggebend. An dieser Stelle könnte man jetzt mit Zahlen jonglieren: WM-Titel, Triumphe bei den großen Rundfahrten etc. Doch damit würde man ihm nicht gerecht werden.

Zusammen mit dem Journalisten Nando Boers spürt er im Nachgang noch einmal das Gefühl auf Radsportler zu sein. Er reist noch einmal an Orte, die ihm etwas bedeuten. Orte, an denen er sich das Trikot des Besten der Gesamtwertung überstreifen konnte. Orte, an denen er nach Wochen der Entbehrung bejubeln lassen konnte, weil er dieses Trikot über die abschließende Ziellinie getragen hat. Aber auch Orte, an denen entscheidende Zäsuren stattfanden.

Es sind nicht zwigend die Orte mit den Ziellinien wie Andorra-Ancalis, wo er zum ersten Mal eine Bergetappe bei der Tour de France gewann. Und was für eine Etappe! Oft sind es Streckenmarkierungen, wo er sich absetzte, wo er sich gut fühlte, so das Rennen durch und für ihn entschieden wurde.

Monza, Oropa, Bormio – klar, dass der Niederländer eine besondere Beziehung zu Italien hat. 2017 war das Jahr, in dem er im maglia rosa als Gesamtsieger wieder nach Hause fahren konnte. Die Wochen danach bzw. seine Beschreibung dieser Zeit gehören zu den Highlights in diesem Buch. Weil sie dem siegorientierten Sportler eine menschlich nachvollziehbare Note verleihen. Grillen, chillen, willentlich dem Rad die kalte Schulter zeigen.

Aber auch die (inzwischen) differenzierte Sichtweise auf den Zirkus und den Hype dieses Sports regen zum Nachdenken an. Die Mischung aus journalistischer Chronistenpflicht und eigenen Empfindungen, die immer noch präsent sind – mit Mitte Dreißig sind sie erfahrungsgemäß noch sehr frisch – macht „Nach Gefühl“ zu einer mitreißenden Biographie, die zu begeistern weiß.

Die Taucherin

Valencia ist für Amalia Faller aus dem beschaulichen sowas wie eine zweite Heimat. Auch und gerade weil dort Marina lebt. Ihre beste Freundin seit einer gefühlten Ewigkeit. Beide Frauen haben die 40 schon gerissen, stehen mitten im Leben, auch wenn es bei Amalia momentan nicht so wirken mag. Und wenn es mit dem Job in Valencia klappt, dann ist alles scheinbar wieder im Lot. Doch es kommt anders!

Schon beim letzten Besuch bei Marina lag eine unbestimmbare Spannung in der Luft. Marina antwortete kurzatmig, wo Amalia ein strahlendes Si! erwartet hatte. Doch so eine enge Freundschaft erschüttert so schnell nichts. Doch warum meldet sich Marina nicht mehr? Kein Lebenszeichen. Ein Anruf weckt Amalia aus ihrer Lethargie. Marina ist tatsächlich verschwunden. Einfach so – das kann, das will Amalia nicht akzeptieren. Sie fährt nach Valencia. Dass ihr der sicher geglaubte Job nun doch verwehrt wurde, ganz ohne Angabe von Gründen, ist mittlerweile unerheblich.

Die Stadt, die bisher als Zufluchtsort mit sicherem Hafen galt, verwandelt sich nun in einen Moloch, den Amalia doch nicht so gut kennt wie sie meint. Waren all ihre Besuche nur Stippvisiten an einem Sehnsuchtsort ohne Wert? Auch Marina erscheint in einem völlig anderen Licht.

Amalia und Marina sind Schwestern im Geiste mit komplett verschiedenen Einstellungen. Während die Eine in den Bergen herumklettert – Amalia – ist die Andere – Marina – unter Wasser in ihrem Element. Marina engagierte sich schon früher politisch, kämpfte für den Erhalt alter Viertel, setzte sich für den Umweltschutz ein. Sie war wie eine gut durchgeschüttelte Flasche Cola beim ersten Öffnen. Und nun ist Marina verschwunden!

Amalia gräbt so tief wie sie noch nie gegraben hat. Ein nie gekannter Ehrgeiz nimmt von ihr Besitz und fördert eine an Widerwärtigkeit kaum gekannte Geschichte ans Licht. Seit Francos Zeiten wurden Kinder, Neugeborene ihren Eltern weggenommen – oft mit der Erklärung, dass sie gestorben seien. Fast immer mit Wissen und Zutun der katholischen Kirche. Amalia stockt der Atem bei solchen Geschichten. Und Marina soll darin verwickelt gewesen ein? Wie? Sie ist doch viel zu jung dafür. Doch der Kindesraub ging lange weiter, bis in die jüngere Vergangenheit. Der eigentliche Hammer soll für Amalia aber noch kommen: Denn auch ihre eigene Geschichte ist auf wundersame Weise mit verbunden…

Verena Boos gründet ihr drittes Meisterwerk auf einem wabernden Boden wahrhafter Perfidität. Sie lässt den Leser anfangs in dem Glauben, dass die kaum spürbare Spannung doch einen tieferen Grund hat, der aber nur für die beiden Frauen von Bedeutung ist. Nach und nach öffnet sie die Büchse der Pandora und lässt den Teufel zwischen ihnen herumderwischen. Je mehr Seiten man umblättert umso wilder wird der Tanz des Teufels. So wie die beiden Frauen sich entweder ober- und unterhalb der Oberfläche wohlfühlen, so stark werden beide von ihren Gefühlen und ihrem Wissen herumgewirbelt.

Patience geht vorüber

So alt wie das Jahrhundert – Patience fiert mit Grete ihr bestandenes Abitur. Draußen tobt noch der Krieg. Die Monarchie zerbricht. Aufbruchstimmung will aber auch nicht recht aufkommen. Aber mit dem Namen – muss man da zwangsläufig Karriere machen?! Nicht in ihrem Fall. Dass die Mutter Engländerin ist, deswegen der wenig deutsch klingende Name Patience, lässt sie schwer Freunde finden und die Anerkennung der Obrigkeit verwehrt bleiben.

Dass Patience so viele Parallelen mit der Autorin Margaret Goldsmith hat, ist kein Zufall. Auch ihre Wurzeln lagen jenseits des Atlantiks. Ihre Leben in Berlin – so wunderbar unter anderem in „Good-Bye für heute“ beschrieben – war kein Zuckerschlecken. Als Frau im Besonderen.

Patience hat Träume – sie will schreiben, Margaret Goldsmith. Sie studiert. Will als Ärztin promovieren. Und schreiben. Und das in einem Land, das nach dem Krieg Diktaten unterliegt (zurecht), einer galoppierenden Inflation zum Opfer fällt und schließlich rauschende Monate erlebt. Und das alles dort, wo es am heftigsten passiert: Berlin.

„Patience geht vorüber“ ist ein Titel, den man sich auf der Zunge zergehen lassen muss. Weil er so viele Interpretationsmöglichkeiten bietet. Geht an einem vorbei? Vorübergehen im Sinne von „das kommt schon in Ordnung, das regelt sich von allein“? Und so sollte man diesen 1931 erschienen Roman, alsbald verboten und verschollen wie so vieles dieser außergewöhnlichen Frau, auch lesen. Hier wird nicht wie wild auf das eine, große Ziel hingearbeitet. Hat man es erreicht ist alles vorbei und die letzte Zeile ist gelesen.

Margaret Goldsmith entwickelt in diesem Roman eine Frau, die nicht unter der Last eine Frau zu sein zusammenbricht oder gar ins Jammertal abgleitet. Sie nimmt jede Situation an. Mal stöhnt, freut sich aber im Gegenzug mindestens genauso wenn das Ziel erreicht wurde. Berlin den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts – das waren nicht nur Champganer-Duschen und ausgelassene Nächte. Das war auch das normale Leben mit all den normalen Problemen wie zu jeder Zeit. Und in dieser Zeit lebt Patience.

Es gibt beeindruckende Bildbände zu den Zwanzigern mit ikonischen Bildern. Aber die echten 20er, ob sie nun „golden“ oder „roaring“ waren, werden hier so anschaulich dargestellt, dass man baff erstaunt ist, wie lebensnah die Zeilen heute noch wirken.

Die kleine Sache Widerstand

Es ist vor Olympischen Spielen eine Tradition, dass die Olympische Fackel von Griechenland ins Land des Austragungsortes von Menschen getragen wird, die sich verdient gemacht haben. Einige lassen sich das was kosten, andere werden nominiert, weil ihr Leben einzigartig war und ist und man ihnen deswegen diese Ehre antragen möchte. So war es auch in den Wochen vor den Sommerspielen in Paris. In Saint-Etienne wurde diese Ehre (und hier stimmt diese oft zu sehr strapazierte Phrase nun wirklich einmal) Melanie Berger-Volle zuteil. Nicht, weil ihre Enkelin 1996 als Turnerin teilnahm. Auch nicht, weil sie mit einhundertzwei Jahren die älteste Fackelträgerin sein wird. Nein, es ist das eindrucksvolle, lange Zeit von Ängsten belastete Leben, ihr unermüdlicher Kampf gegen Faschismus und ihr niemals ermüdender Kampfgeist (der bis heute in Gesprächen aus all ihren Poren hervortritt).

Melanie Berger musste ihr Österreich fluchartig verlassen, weil sie offen gegen die Einverleibung Österreichs eintrat und vehement gegen das Naziregime propagierte. Über Belgien gelangte sie nach Südfrankreich. Jahre lebte sie im Untergrund. Immer auf der Hut, immer mit der Angst im Nacken entdeckt zu werden. In Montauban, rund 50 Kilometer Luftlinie nördlich von Toulouse kam sie unter. Entdeckt zu werden bedeutete in ihrem Fall automatisch Lager und den sicheren Tod. Sie wurde entdeckt, kurz nach Weihnachten im Jahr 1942. Sie kam ins Lager. Sie entkam ihm aber auch. Abenteuerlich, aber vom Erfolg gekrönt.

Nach dem Krieg ging die Odyssee weiter. Ein richtiges Zuhause, eine echte Heimat musste sie lange suchen und fand sie schließlich wieder in Frankreich. Spiegel-Autor Nils Klawitter wurde auf ihre Geschichte aufmerksam, traf auf eine Frau, deren Energie ihn einfach in den Bann zog. Aus dem Fünf-Seiten-Artikel wurde ein Buch, dieses Buch.

Die unverblümte Wahrheit immer noch so präsent und klar wiedergeben zu können beeindruckte nicht nur den Autor. Über Jahrzehnte hinweg allen Widrigkeiten Widerstand leistend, hat Melanie Berger Fotos aus ihrer frühen Kindheit bewahren können. Bis heute geht sie in Schulen und berichtet, was ihr widerfahren ist. Sie ist eine der letzten Überlebenden des Widerstandes – egal welchen Namen dieser nun trug. Ihr Engagement ist bis zum heutigen Tag ungebrochen. Wer sie trifft, steht einer Frau gegenüber die zeitlos ist. Auch beim Olympischen Fackellauf fiel sie durch ihre positive Ausstrahlung auf. Es waren nur wenige Meter, die sie die Fackel trug, es war nur diese kleine Sache Widerstand – man muss nicht viel Brimborium um sich machen. Taten sprechen lassen – so verändert man die Welt.

Kos

Kos ist eine der zwölf Hauptinseln des Dodekanes vor der türkischen Küste. Es gibt sicherlich viele griechische Inseln, die man zuvor besucht hat, bevor man Kos für sich entdeckt. Aber, wer noch nie auf einer griechischen Insel war, diesen Reiseband in den Händen hält, wird hier auf Anhieb sein nächstes Reiseziel finden. Idyllisch, klein, teils abgeschieden, ruhig und aufregend zugleich. Wer sich die Stadtpläne ansieht, ist erstaunt, dass hier sogar manchmal Platz ist einen Supermarkt einzuzeichnen.

Die Insel ist übersichtlich. Aber nicht weniger Attraktiv für neugierige Touristen, die auf eigene Faust ihrem Eroberungsdrang nachgeben wollen. Zwölf Wanderungen – wie soll es auch anders sein: Wir sind im Dodekanes (Zwölf Inseln) – führen über die Insel, die maximal 50 mal 13 Kilometer misst. 120 Kilometer Küstenlinie deuten schon darauf hin, dass Sonnenanbeter und Badehungrige hier mit einem Dauergrinsen im Gesicht ihre schönste Zeit des Jahres verbringen.

Hauptanlaufpunkt ist die Hauptstadt der Insel, und die heißt auch Kos. Südlich davon das Dikeos-Gebirge, wo man die neuen Wanderschuhe mehr als nur einem ersten Test unterziehen kann. Und man muss hier auch nicht Extrembergsteiger sein, um von ganz Oben nach ganz Unten blicken zu können.

Die klare Gliederung des Buches macht die Planung für den Tag zur Minutensache. Kein ewiges Hin- und Herblättern, wo man abbiegen muss, und wo man es getrost auch lassen kann. Die beiden Autoren Yvonne Greiner und Frank Naundorf kennen die Insel seit Jahren. Sie wissen wovon sie schreiben. Und wenn sie behaupten, dass die Busse dann rollen, wenn sie rollen sollen, dann rollen sie auch.

Wer Kos nun für sich entdecken möchte, ist mit diesem Buch bestens ausgestattet. Zweihundertvierzig Seiten reichen aus, um von Ost nach West, von Nord nach Süd oder umgekehrt oder kreuz und quer die Insel für sich einzunehmen. Wo und wann es sich lohnt etwas zu sich zu nehmen – und vor allem was man sich einverleibt, in jeglicher Hinsicht – entscheidet man selbst. Auf alle Fälle bekommt man im Buch mehr als die notwendigen Informationen, um nicht zu verhungern, keinen Aussichtsplatz zu verpassen, die schönsten Strände empfohlen zu bekommen und und und.

Zeig mir den Platz an der Sonne: Eine deutsche Chronik in Schlagern

Zum Schlager hat einfach jeder eine Meinung. Und es gibt, wenn man es genau nimmt auch nur zwei Meinungen: Man mag ihn (sprich vergöttert ihn) oder man hasst ihn (und das mit Haut und Haaren). Aber eigentlich … ach was soll’s: Man kann ihn in Teilen mögen. Das komplette Spektrum des deutschen Schlagers ist unmöglich. Es gibt also drei Meinungen. Liebe – Hass – Teilsympathie.

Da steht man im Publikum bei einem Konzert einer Band, von der ein Teil zu den Urgesteinen des deutschen Hardrocks gehört. Und plötzlich kreischt einer „Da sprach der alte Häuptling der Indianer“. Was’n hier los?! Rockmusik, sägende Gitarren und dann „Hu, ha“. Es passt aber dann doch irgendwie ins Bild. Melodie, Mitsingzwang, Körperertüchtigung zu Liedern, die man seit Jahren, Jahrzehnten kennt. Und dabei war der Schlager mal tot. Toter als tot. Erst mit der Neuen Deutschen Welle, und dem mit Verzögerung folgenden Spaß-Schlagerboom der Neunziger wurde die „Heile-Welt-Attitüde“ wieder salonfähig. Heute ist Schlager für viele gescheiterte Musiker die einzige Chance die Miete bezahlen zu können. Oh, das war gemein. Aber schaut man sich die Szene und die Ursprünge von einige Musikern an, dann ist der Schlager nicht die logische Konsequenz ihres Tuns…

Wolf Kampmann legt die Plattenspielernadel behutsam ans Herz des deutschen Schlagers. Er findet „Spuren im Sand“, wird gehetzt vom „Hund von Baskerville“ (unglaublich, dass das Sinnbild des deutschen Schlager „Cindy & Bert“ „Black Sabbath“ einmal coverten), zieht mit den „Fischern von Capri“ aufs Meer hinaus – es wird klar, worauf es hinaus läuft, oder?!

Und er nimmt den Schlagerfreund höflich an die Hand und zeigt ihm, dass seichet Melodien durchaus ernsthafte Inhalte vermitteln können. Entertainment ist in Ordnung, aber mit einer Botschaft bleibt länger etwas haften im Ohr des Hörers. Feminismus ist nun wahrlich keine Erfindung der Neuzeit. Der Begriff ist nun vielleicht häufiger zu hören, aber die Inhalte, die Forderungen waren schon immer da. Mal leicht sarkastisch als „Wenn Du denkst, du denkst, dann denkst Du nur Du denkst“ – wohl der leichteste Marsch (in der Musik) der Geschichte – ein anderes Mal schon kämpferischer bei Ina Deters „Neu Männer braucht das Land“ – ist das noch Schlager?

Wie auch immer: Jeder kann mindestens zwei Händevoll Schlager aufzählen und sogar mitsingen/-grölen. Noch immer gehen Künstler auf Tour, die mit einem oder mehreren Hits tatsächlich Generationen beeinflusst haben. Liedzeilen, die in den Sprachgebrauch übergegangen sind und Neuinterpretationen von Hits durch Nachfolgegenerationen lassen das Genre nicht noch einmal sterben. Und dieses Buch ist zum Einen eine Rundreise durch Schlagerdeutschland, zum Anderen Lexikon wider das Vergessen mit einem Augenzwinkern, das so schön strahlt im Scheinwerferlicht der Konzertarenen…

Leben verboten!

Manchmal weiß man schon vorher, dass der Tag nicht so verlaufen wird wie es sein sollte. Die Zeichen sollte man nicht ignorieren. Ernst von Ufermann muss nach Frankfurt fliegen, um mit den erhofften Krediten die Firma zu retten. Ihm geht’s soweit gut. Haus, Frau, Kind, Hausmädchen, Chauffeur – für das Jahr 1931 ein angesehener Mann. Doch die Aufregung vor dem Flug lässt ihn des Nachts nicht zur Ruhe kommen. Anzeichen Eins. In Windeseile lässt er sich zum Flugplatz Tempelhof chauffieren, gibt seinem Chauffeur noch ein paar Anweisungen mit auf den Weg. Und stürzt sich ins Getümmel am Flughafen. Er wird angerempelt. Ist ja normal, bei so vielen Menschen. Und plötzlich bemerkt er, dass Geld, Papiere, Ticket verschwunden sind. Das war kein Zufall, dass Ernst von Ufermann angerempelt wurde. Anzeichen Zwei. Was soll er nun machen? Frühstück, Zeitung lesen. Auf Anzeichen Drei warten? Und da ist es schon. Das Flugzeug, in dem er sitzen sollte, stürzt ab. Alle Passagiere kommen ums Leben. Auch er, der vermeintlich prominente Fluggast. Anzeichen Drei entpuppt sich plötzlich als einzigartige Chance. Was, wenn er weiterhin für tot geglaubt werden würde? Seine Frau bekommt die Lebensversicherung ausgezahlt, eine enorme Summe. Die Firma ist gerettet. Das Leben der Familie gesichert. Doch was ist mit ihm, Ernst von Ufermann.

Wien ist sein erster Anlaufpunkt. Hier wird er zu Edwin von Schmitz, das „von“ muss bleiben… Eine Prostituierte hat ihm die Flucht bzw. den Fluchtpunkt ermöglicht. Für einen Gefallen, den er ihr und ihren Kumpanen tun soll. In Wien ist alles anders. Die Tochter der Familie, bei der er unterkommt, verliebt sich in ihn, nachdem sie ihn lange misstrauisch beäugt. Er vertraut ihr und gibt sich als Ernst von Ufermann zu erkennen.

Es wird Zeit zurückzukehren, nach Berlin. Doch die Zeiten haben sich geändert. Niemand erkennt ihn, will ihn wieder erkennen. Und plötzlich tritt auch die Polizei in Erscheinung. Dann kommt, nach langer Zeit, Anzeichen Nummer Vier. Nach langer Zeit der Ruhe, einem neuen Leben, der Sehnsucht nach dem alten Leben, wird es rasant im Leben von Ufermann/Schmitz. Das letzte Anzeichen bewahrheitet sich vollends. Dieser Tag wird nicht so verlaufen wie er sollte…

Maria Lazar verließ ihr Wien rechtzeitig vor dem Terror des braunen Mobs. Ihre Romane wurden viel gelesen, meist waren sie unter Pseudonymen veröffentlicht. Sie floh nach Dänemark, wo sie auch Bertolt Brecht und seien Frau Helene Weigel einen Unterschlupf organisieren konnte. Doch nach dem krieg war sie vollends in Vergessenheit geraten. Eine langwierige Krankheit die schwindende Aussicht auf Heilung ließen sie ihrem Leben selbst ein Ende setzen. Es dauerte mehrere Jahrzehnte bis ihre Romane wiederentdeckt wurden. Sie sind immer noch frische, vor Spannung platzende Zeugnisse einer Zeit, die die Autorin zerfleischte, ihre Leserschaft aber bis heute fasziniert.