Juli anno, das Jahr spielt keine Rolle mehr. Ein Tag, an dem der Eine oder Andere in seinen Geburtstag rauschend reinfeiert. Oder man den Koffer ebenfalls berauscht packt, weil es am nächsten Morgen ganz früh in den Urlaub geht. Nora joggt. Wie immer. Nix besonderes. Ein ganz normaler 28. Juli. Bis zu dem Moment, in dem sich der Vorhang schließt. Sie liegt in einem Partykeller – schlimm genug. Die teutonisch verordnete Fröhlichkeitsburg mit dem Schmodder vergangener gut durchorganisierter Heiterkeit an den Wänden. Sie schaut sich um, kippt wieder um. Ertastet die Folgen ihres Übels (eine Beule am Hinterkopf) und beginnt alsbald mit dem Auffüllen der reichlich vorhandenen Trickgefäße. Es läuft. Sie weiß, dass sie 43 Jahre … ist (die Grenze zwischen Alt und Jung ist diesem Lebensabschnitt nicht konkret auszumachen) und dass Ben und Laura, die Zwillinge zuhause auf sie warten. Der dazugehörige Mann ist ausgeflogen, für immer. Ach ja, noch was: Nora ist Alkoholikerin, seit drei Jahren trocken. Der teure, und vor allem leckere Rotwein in ihrem Zwangsexil ist deswegen der Anfang von einem langen Ende…
Sie entkommt dieser vollkommenen Unvollkommenheit des Delirium-Sequels. Zumindest räumlich. Raus aus der Eichevertäfelung, rein in den öffentlichen Raum mit dem heilsbringenden Himmel über ihrem brummenden Schädel. Nachschub fassen. Das sollte sie nicht tun. Drei Jahre ohne sind noch lange nicht genug! Auch im Sorgerechtsstreit mit dem Erzeuger von Ben und Laura. Und bald muss, nein darf, sie auch wieder arbeiten. Sie ist Schauspielerin. Bekannt von den Mattscheiben der Nation, die wahrscheinlich auch zu einem relativ hohem Prozentsatz einen Partykeller ihr Eigen nennen. Die Misslichkeit ihrer Lage ist ihr bewusst. Der Weg hinaus ist ihr auch klar. An der Umsetzung hapert es. Und zwar gehörig! Sie ist nun mal Alkoholikerin. Das schüttelt man nicht einfach so ab, weil man ein paar Tage, Wochen, Monate, ja sogar Jahre nicht mehr an der Promillegrenze gekratzt hat. Verdammt. Nachschub. Der Drang ist größer als die Vernunft. Dass sie ausgerechnet dabei in den Fokus einer Kamera läuft, ist nicht einfach nur misslich. Es ist eine Katastrophe! Für sie, für Ben und Laura, für ihren Sorgerechtsstreit, für ihre Karriere. So viele Gründe in Panik zu geraten. Doch erstmal muss sie rausfinden, wie sie in diese Lage gekommen ist. Vieles spricht dafür, dass sie in diese Lage „gekommen WURDE“. Ein aufputschendes, teils teuflisches Detektivspiel nimmt seinen Lauf.
Wiebke Lorenz schaut tief ins Glas der Sucht nach Prozenten. Dem Offensichtlichen der Sucht begegnet man im wahren Leben immer wieder. Doch die Tragödie dahinter, sind verschlossene Räume, für die die A8utroin die passenden Schlüssel hat. Man darf nicht einfach nur mal kurz durchs Schlüsselloch kieken – sie stößt die Kammern des Dramas weit auf und lässt Schlangen von Neugierigen hautnah am Leid teilhaben. Ohne dabei jedoch werde den Zeigefinger zu heben, noch den Betroffenen untern Rock schauen zu lassen. Sie beschreibt eine auch ihr bekannte Welt und garniert sie mit einem Krimi der Extraklasse.
