„Ach, das könnte schön sein, ein Häuschen mit Garten…“ ganz so verträumt sieht Albert Nobbs seine Zukunftspläne nicht. Er träumt von einem eigenen Tabakladen. Womit der Roman schon mal nicht in der Gegenwart spielen kann… nein, wir befinden uns im ausgehenden 19. Jahrhundert in Dublin. Und Albert Nobbs ist für einige der Grund in diesem einen Nobelhotel zu weilen. Nur weil Albert Nobbs da ist. Und Albert Nobbs ist einfach Albert Nobbs. Er unauffällig, doch immer da, wenn man ihn braucht, manchmal sogar einen kurzen Moment früher.
Das Morrison’s Hotel ist ohne Albert Nobbs einfach nicht denkbar. Auch Albert Nobbs kann sich ein Leben ohne das Hotel nicht vorstellen. Zumindest so lange bis das Geld für den eigenen Tabakladen zusammengespart ist. Ach ja, dieser Tabakladen… wenn die anderen wüssten. Und wenn die anderen auch wüssten welches Geheimnis Albert Nobbs noch in sich trägt… Wohl gemerkt: Dublin, Irland, Ende des 19. Jahrhunderts! Lassen wir die Geheimniskrämerei: Albert Nobbs ist eine Frau!
Wenn das rauskommt, dann ist alles weg. Der gesicherte Job und erst recht der Traum vom Tabakladen. Und erst die Schande! Man würde ihn nicht nru aus dem Hotel, sondern aus der Stadt, wahrscheinlich sogar aus dem Land jagen. Aber das ist Spekulation. Das Geheimnis ist sicher.
Bis Hubert Page bei Albert Nobbs einziehen soll. Die Hotelbesitzer wollen das so. Hubert ist Anstreicher und immer mal wieder für eine gewisse Zeit im Hotel. Man kann sich die dicken Schweißperlen bei Albert Nobbs genau vorstellen, die sich gebildet haben als ihm die Nachricht überbracht wird. Zeit Vorkehrungen zu treffen bleibt ihm auch nicht. Denn das alles geschieht seines Wissens unverzüglich, ab sofort. Die Geschichte lehrt uns, was das heißt…
Zur Beruhigung geschieht ein weiteres Wunder. Denn Hubert Page ist auch nicht unbedingt Hubert Page. Leidensgenossen unter einem Dach. Schweigepflicht in jeder Gefühlslage. Und Beistand. Page macht Nobbs einen Vorschlag, um ein ruhigeres Leben führen zu können. Er solle sich ein Mädchen suchen und es heiraten. Ein Gentleman der Gegenwart war Nobbs schon immer und unternimmt die ersten Gehversuche…
George Moore ist in unseren Breiten relativ unbekannt. Zu Unrecht! Dieser kleine Roman voller Güte, gespickt mit Zuneigung, brillant umgesetzt ein Schatz! Die nicht minder brillante Glenn Close brachte die Figur derart beeindruckend auf die Leinwand, dass das Buch vor einiger Zeit noch einmal veröffentlicht wurde. Die Neuübersetzung von Stefan Weidle ist mehr als nur die Kirsche auf diesem süßen Turm verführerischer Sahne. Er bringt Zeitgeist und moderne Lesart in Einklang, das einem schwindelig wird ob der Tatsache, dass man erst jetzt diesen Roman so unbeschwert erlesen kann. Die Neuentdeckung des Leseherbstes 2026!
