Kains Urteil

Wäre die Lösung eines Kriminalfalls ein Marathon, würde Friedrich von Coes generell im Spitzenfeld ermitteln. Er ermittelt nicht sonderlich schnell – Berlin ist die richtige Strecke für derartige Rekorde – aber gewissenhaft. Auf und Ab geht es bei ihm – immer. Daran hat er sich gewöhnt. Das macht ihm nichts mehr aus. Doch dieses Mal führt ihn der Streckenverlauf durch menschliche Täler, finstere Tunnel und schlussendlich in ungeahnte Höhen.

Was ist passiert? Dr. Hanselmann ist tot. Ehemaliger Richter am Amtsgericht in Münster. Von Coes kennt ihn, musste mehrmals in seiner Eigenschaft als ermittelnder Kommissar bei und vor ihm aussagen. Ein harter Hund war er, der Doktor Hanselmann. Sein Sohn gab sich den goldenen Schuss, seine Frau starb zwei Jahre später an „gebrochenem Herzen“. Hanselmann war pensioniert und hatte ein Hobby, nein, eine Leidenschaft. Das Spiel von Macht und Unterwerfung im privaten bereitete ihm besondere Freude. Reiza-joo war seine Domina, die er in gehockter Haltung in seinem Haus erwartete. Der Anblick, der sich ihr bot (Hanselmann war das schon zu keiner Handlung mehr in der Lage) brachte sie ins Wanken. Sie fiel, schlug sich den Kopf an und auf, blieb bewusstlos liegen und verstarb kurz nach ihrem Kunden. Und das alles am Sonntag als Kommissar Friedrich von Coes zusammen mit seiner Tochter bei seinen Eltern zum Mittagessen eingetroffen ist. Seine Kollegin Hannah ist auch dabei…

Kurz nachdem Start die erste Tempoverschärfung als die Theorie vom Besuch der Domina und ihrem Umfallen die Runde macht. Immer schön die Spur halten und aufs Tempo achten. So vergeudet man keine Energie. Denn im Ziel wartet dann selbstredend der Mörder und gibt Auskunft zu seinen Motiven. Von Coes’ Vater, selbst Anwalt gab bei Tisch zu, dass Hanselmanns Rechtsempfinden schon mal am Rande der Legalität schrammte. Der Tod des Sohnes und der Verlust der Frau sind nicht spurlos an ihm vorübergegangen. Und natürlich hat so ein Richter, der die Macht anderen die Freiheit zu nehmen und ins Gefängnis zu stecken nicht nur Freunde. Dort setzen die Ermittlungen an. Verdächtige gibt es im Marathonfeld zuhauf. Das Team um Friedrich von Coes muss aufpassen nicht den Anschluss zu verlieren. Denn die, die schon abgehängt schienen, tauchen immer wieder im Ermittlungsumfeld auf. Und die vermeintlichen Favoriten verstecken sich im Hauptfeld. Da müssen auch die begleitenden Kameramänner, in diesem Fall der Kriminaldauerdienst und die Spurensicherung sehr fokussiert bleiben.

Kain hatte – in seinen Augen – allen Grund Abel ins jenseits zu befördern. Und irgendjemand hatte – in seinen Augen – allen Grund Hanselmann ins Jenseits zu befördern. Zu Blöd, dass Kain weithin ein sichtbares Mal trug. Der Mörder von Hanselmann nicht. Von Coes läuft in der Spitzengruppe dieses Marathons mit. Zum Schluss hin gibt er das Tempo vor und zwingt so den Münsteraner Kain sich zu zeigen. Die Zwischenzeiten – kurze Kapitel mit exakten Angaben, wie in einem Ermittlungstagebuch – sind für den Leser wie die Zwischenzeitangaben beim „richtigen Marathon“. Kluge Rennstrategie in wenig, an deren Ende ein zufriedenes Lächeln steht. Beim Ermittler und beim Leser.