Sizilien: Ein Streifzug durch Kunst, Kultur und Geschichte

Sizilien - Ein Streifzug durch Kunst, Kultur und Geschichte

Wow was für eine Reise! Diesen Ausspruch kennt man, wenn man aus Sizilien zurückkehrt. Neidisch lauschen Freunde und Familie den Schilderungen der Reisenden. Es kann aber auch als Fazit dieses Buches gelten. Bleiben wir bei Letzterem.

Das Autorenduo Weber / Sehn beginnt mit einem literarischen Rundumschlag. Sie zeigen anhand sizilianischer Autoren, die über Sizilien schreiben, wie Sizilien ist, wie die Menschen ticken. Zitate und Analysen verschaffen dem Leser und Sizilienenthusiasten einen umfassenden Überblick über das, was die Insel ausmacht. „Die Königin der Inseln“ offenbart sich am besten in Büchern, keine Binsenweisheit – eine Tatsache. Pirandello, di Lampedusa, Camilleri und Sciascia und viele andere gaben ihrer Heimat eine Stimme. Den historischen Zusammenhang der Bücher stellen Kurt-Heinz Weber und Hans-Gerd Sehn unumstößlich dar.

Literarisch geht es auch weiter, wenn Sizilien als Reiseland entdeckt wird. Rund zweieinhalb Jahrhunderte erst wird die größte Insel des Mittelmeeres als Reiseziel wahrgenommen. Natürlich war auch Goethe hier, dem es fast die Sprache verschlagen hat. Johann Gottfried Seume war Sizilien einen Fußmarsch wert. Von Sachsen aus lief er zu Fuß nach Sizilien. Heutzutage ist das schon wieder ein eigenes Buch wert…

Die folgenden Kapitel sind den Wurzeln Siziliens gewidmet. Griechen, Deutsche, Normannen und Araber haben allerorten ihre Zeugnisse hinterlassen, die teils heute noch besichtigt werden können. Kenntnisreich und moderat führen die Autoren durch die wechselvolle Geschichte der Invasoren und Herren Siziliens. Das Zeitalter des Barocks hat in Sizilien zahlreiche, überbordende Denkmäler hinterlassen. Da hier die Erde sehr oft bebte und immer noch bebt, wurde so mancher Ort dem Erdboden gleichgemacht. Noto im Südosten wurde barock und farbenfroh wieder aufgebaut. Nur halt ein paar Kilometer weiter. Fachkundig und begeistert zugleich berichten die beiden Autoren von den nicht zu übersehenden barocken Besonderheiten der Stadt.

Bei einem Streifzug durch Sizilien dürfe zwei Dinge nicht fehlen: Die Küche und die Mafia. Nach über zweihundert Seiten Geschichtsunterricht, der auf keiner der Seiten auch nur ansatzweise langweilig wird, nun der folkloristische Teil. Hier verlassen die Autoren ihre Sach-Komfortzone und geben handfeste Tipps. Zum Beispiel geben sie den Ort preis, an dem Commissario Montalbano, Andrea Camilleris Vorzeige-Kommissar, am liebsten seine Leibspeise einnimmt. Und wenn wir schon bei Ermittlern sind, ist die Mafia nicht weit. Sie ist untrennbar mit Sizilien verbunden. Man sieht sie nicht immer und überall, jedoch ist sie da. Seit jeher. Auch dafür haben Weber und Sehn ein Auge. Von den Ursprüngen, die nur selten erwähnt werden, bis hin zum aktuellen Stand wird dem Mob auf den Zahn gefühlt.

Literaturliste, Geschichtsbuch, Legendenbildung, Kochtopfneugier – Sizilien wird bei Kurt-Heinz Weber und Hans-Gerd Sehn zum umfassenden Leseerlebnis. Sizilien ist ein Reiseziel für Kopf und Herz. Beides wird in diesem Buch hervorragend gefüttert.

Konstantinopel von unten

Konstantinopel von unten

Pitsche-patsche nass stehen sie da. Die Männer, die für Viele die letzte Rettung bedeuten. Seefahrt war und ist (und wird es wahrscheinlich auch immer bleiben) ein hartes und gefährliches Geschäft. Die Geschichten von gesunkenen Schiffen, die Schicksale von Besatzung und Passagieren beflügeln von jeher die Phantasie der Menschen.

Jürgen Rath auch. Er begibt sich in die Archive von Seefahrtsämtern und –gerichten, in denen er die Fakten für seine Geschichten findet. Alles ist so passiert wie in den Geschichten. Die Dialoge sind wohlwollend erdacht. Hier setzt die hohe Kunst der Literatur ein. Fakten und eigene Erfahrungen in Einklang zu bringen. Jede Bugwelle, jeder Schrei, jedes Aufsetzen auf Meeresgrund wird nachvollziehbar. Die spritzende Gischt, die die Sicht behindert, das Donnergrollen am Himmel, das jedes Wort erbarmungslos schluckt, das Krachen der Balken, das die Tore zur Hölle aufstößt: Das alles sind keine Geschichten wie die vom Klabautermann. Alles so passiert, alles so niedergeschrieben.

Ob menschliches Versagen oder der Zorn von Mutter Natur, kaum ein Leser entkommt den spannungsgeladenen Abhandlungen Jürgen Raths. Wer zart besaitet ist und demnächst eine Kreuzfahrt unternehmen will, dem wird der Schrecken in die Glieder fahren. Aber keine Angst! Nicht jede Welle endet in einem Fiasko. Denn es gab schon immer mutige Männer, die Augen offenhielten, um Schiffbrüchigen die helfende Hand zu reichen. Auch diese Helden werden in den Geschichten besungen.

Es müssen nicht immer die erfolgversprechenden Riesenkatastrophen sein, die den Leser packen. Der Untergang der Titanic fasziniert auch heute, über hundert Jahre später, die Massen. Nicht weniger schrecklich für die Opfer und die Hinterbliebenen sind die Katastrophen, von denen heute kaum noch jemand spricht. Jürgen Rath gibt Opfern und Helfern ihre Stimmen zurück und setzt ihnen mit „Konstantinopel von unten“ ein Mahnmal. Zehn kurze Geschichten vom Wehen und Flehen, vom Retten und Ohnmacht. Für echte Seewölfe und Abenteurer!

Auf den Spuren von Prunk und Pomp

Auf den Spuren von Prunk und Pomp

Wien gehört mit seiner städtischen Architektur zu den schönsten Städten der Welt. Das ist unbestritten. Wozu also noch Werbung machen, die Touristen kommen eh an die Donau. Doch sie wollen auch was erleben, erfahren, nachvollziehen. Da Wien sich nun aber rühmen kann für jeden Geldbeutel, jede Art des Reisens, für jeden Geschmack etwas anbieten zu können, braucht man einen gedruckten Ratgeber.

Christina Rademacher hat nach ihrem Erstling „Vom Hinterhof in den Himmel“, in dem sie die versteckten Kleinode der Metropole offenlegte, nun den offensichtlichen Prachtbauten der Stadt gewidmet. Denn auch hier gib es noch so manches zu entdecken, was in kaum einem Reisebuch steht.

Die Hofburg im Herzen der Stadt ist ein Muss für jeden Wienbesucher. Wie ein offenes Buch lädt sie ein zum Verweilen, zum Staunen, zum Kopf-in-den-Nacken-legen. Kolossale Skulpturen, herrschaftlich Gänge und eine großzügige Auslegung des Begriffes Platz beeindrucken den Betrachter. Die kleinen Anekdoten und Histörchen, die Christina Rademacher gesammelt hat, machen jeden Spaziergag zu einem besonderen Erlebnis. Und was ist schöner als zu erfahren, was bei Königs früher los war und wie sich ihr Wirken bis heute auswirkt?!

„Auf den Spuren von Prunk und Pomp“ passt zu Wien wie die Faust aufs Auge. Kaum eine andere Stadt hat so viele royale Hinterlassenschaften, die so eng mit der Gegenwart verbunden sind. Als Zusatz zu einem Reiseband der Stadt Wien ist dieses Buch eine ideale Ergänzung für einen kurzen oder längeren Trip an die Donau. Selbst wer mehrere Tage die Schlösser in und um Wien besuchen will, findet immer wieder Neues in diesem Buch. Ob nun die Top-Attraktionen wie Hofburg oder Schloss Schönbrunn oder die nicht so bekannteren Schlösser Alterlaa, Liesing, Altmannsdorf, Hetzendorf, um nur ein paar zu nennen, Christina Rademacher lässt den Leser / Besucher nicht im Regen stehen.

Mamas wunderbares Herz

Mamas wunderbares Herz

Sizilien ist Italien und doch wieder nicht. Die Sonne brennt erbarmungsloser. Der Trubel auf den Straßen ist lauter, das Pesto grober. Palermo setzt dem Ganzen die Krone auf. Man spricht italienisch, in maurisch-normannischer Architektur. Wer Sizilien kennt, will es intensiv erleben, nie mehr loslassen müssen. Wer Nino Vetri liest, wird es nicht wieder erkennen.

Drei Geschichten, die Palermo, Viale Michaelangelo so darstellen wie es ist und niemals auch nur annähernd von einem Touristen erlebt werden kann. So liebevoll wurde die Nähe zu einer Respektsperson – das Wort Pate wäre hier völlig unangebracht – noch nie beschrieben. Mit voller Inbrunst beschreibt Nino Vetri die Düfte des Viertels. Die Flora von Michelangelo wiegt sich im Wind der Worte. Die ganze Blütenpracht der Welt vereint sich in diesem Mikrokosmos. Hier schreibt das Leben die besten Geschichten. Und der Leser ist hautnah dabei.

Eigentlich ist Nino Vetri Musiker. Er gründete „La Banda di Palermo“ – googeln lohnt sich. So mitreißend ihre Musik, so bezaubernd sind auch die Geschichten Nino Vetris. Unprätentiös, echt, voller Liebe für die Menschen und mit wachem Auge beobachtet er die Menschen um ihn herum. Was dabei herauskommt, muss sich nicht vor Andrea Camilleri und Leonardo Sciascia verstecken.

Jede einzelne Begebenheit wird zu einem echten Ereignis. Kurz und kraftvoll schlägt das Schicksal zu. Der Leser kommt kaum hinterher ohne sich gehetzt zu fühlen. Die Hitze der Mittelmeerinsel ist spürbar. Die Härte des Lebens engt den Leser nicht ein, sie gibt ihm Raum sich einzufühlen.

Die Geschichten sind gespickt mit kleinen Anekdoten, die zusammengefügt ein farbenfrohes Bild Palermos zeichnen. Doch die Gefahr lauert überall…

Begräbnisse zum Totlachen

Begräbnisse zum Totlachen

Papa Shango lacht furchteinflößend in die erschrockenen Gesichter. Gevatter Tod schwenkt vergnügt seine Sense. Eine Brass-Band spielt fröhlich in den Straßen New Orleans‘ zum letzten Geleit. Der Tod kann auch fröhlich sein. Doch niemals so fröhlich wie in diesem Buch.

Kathy Benjamin hat Geschichten gesammelt, die einem die (Freuden-) Tränen in die Augen treiben.

Viele Rituale rund um die Toten haben sich bei den (noch) Lebenden eingeprägt. Die Ursprünge sind selten nachvollziehbar bzw. werden nicht hinterfragt. Zum Beispiel warum Tote mit dem Kopf nach Westen begrabe werden. Oder warum Tote mit den Füßen voraus getragen werden (damit man sie nicht am Kopf stößt?, mutmaßt die Autorin lakonisch).

Die Geschichten und Histörchen werden allesamt nicht so todernst genommen. Es ist ein heiteres Buch, das mit Bonmots von (teils bereits verstorbenen Komikern und Schriftstellern) gewürzt wird. Die kurzen Kapitel erlauben es, dass das Buch in vielen kleinen Abschnitten gelesen werden kann, was es zu einem dauerhaften Lesebuch macht.

Der Tod ist erstinstanzlich eine traurige Sache. Der Tote kommt nicht wieder zurück. Er wird nie wieder jemanden auf den Schoß nehmen, singen, lachen oder die Welt erklären. Man kann dem Tod auf verschiedene Art und Weise begegnen: Heulend, fluchend, verzweifelt. Aber auch mit einem Lächeln im Gesicht. Der Fratze die Stirn bieten. Die schöne Tradition des Leichenschmauses gehört zu Letzterem. Anregungen wie man ein letztes Mal des Verstorbenen gedenkt, bietet dieses Buch allemal.

Fest steht: Die letzte Reise, die man unternimmt, wird nicht mit dem Kapitel „Wenn jemand eine Reise tut, so kann er was erzählen.“ Und damit die Hinterbliebenen doch was erfahren, hat Kathy Benjamin mit diesem Buch schon mal vorgesorgt. Ein kurzweiliger Trip ins Reich der Toten.

Fabelhaft französisch

Fabelhaft Französisch

Schaufensterbummel. In Lille die köstlichen kleinen Dessert-Törtchen mit Früchten, die so überschwänglich die Auslagen zieren. In Lyon die Gaumenfreuden verheißenden Aushänge der Gourmet-Tempel. Einfache und schmackhafte Galette in Rennes. Wer Frankreich besucht, kommt an den lukullischen Kostbarkeiten nicht vorbei. Frankreich und Haute cuisine sind für viele Reisende ein und dasselbe. Aber wer kann schon jeden Tag die verzückendsten Speisen zu sich nehmen? Oder gar ganze Menüs?

Apropos Menüs. Food-Fotografin Kathrin Koschitzki hat Küchenchefin Cathleen Clarity über die Schulter und in die Töpfe geschaut. Ein Dutzend Menüs haben die beiden kreiert und in Szene gesetzt. Beim ersten Durchblättern weiß man gar nicht warum einem das Wasser so fontänenartig im Munde zusammenläuft. Sind es die Bilder oder die „Objekte“.

Nun fällt es nicht schwer zwölf Menüs zusammenzustellen. Aber sie unter einem Thema zusammenzufassen, so dass jeder Gast meint zu wissen, was auf ihn zukommt, um dann doch überrascht zu werden, bedarf schon einiger Kreativität. Und spürt man mit jeder Seite. Es sind nicht einfach “nur“ Geburtstagsmenüs, die den Leser überzeugen, es sind vom „Frühlingslunch mit der Familie“ über Lunch für Teenager“ und „Dinner am Samstagabend – Erntedank“ bis hin zu „Fleisch wie im Sternerestaurant“, die die Augen satt werden lassen. Und erst das Nachkochen! Nur ein Beispiel: Im „Lunch für Teenager“ – der wohl am schwierigsten zufrieden zu stellenden Gästegruppe gibt es Hähnchenköfte mit hausemachter Sauce Tatar in warmem Pitabrot, danach Süßkartoffelspalten mit Krukuma, Caesar Salad mit krossen Knoblauchcroûtons, Bio-Karottensalat mit gerösteten Haselnüssen, Orangen und haselnussvinaigrette. Zum Dessert Mango-Litschi-Smoothie und Jumbo Chocolate Cookies. Klingt doch besser als Hähnchen-Döner mit Pommes, Grünzeug und Nüssen mit Saft und Kuchen zum Nachtisch, oder?! Jedes einzelne Rezept wird haargenau (das einzige Haar) beschrieben, so dass auch Anfänger kein Problem haben ihre Liebsten köstlich zu verwöhnen. Die zweihundert Abbildungen zeigen wie es auszusehen hat. Doch selbst, wenn die Bilder im Buch mal besser aussehen sollten als die Ergebnisse aus Topf, Pfanne und Backofen: Wichtig ist doch, dass die Rezepte gelingen. Mit den Anleitungen aus diesem Buch – kein Problem. Bon appetit!

Die Farben der Hoffnung

Die Farben der Hoffnung

Grün ist die Farbe der Hoffnung, sagt man. Anands Firmenfarben sind orange und blau, weil seine Schwiegermutter es so wollte. Sie erinnerten sie an Paradiesblumen. Anand besitzt im indischen Bangalore eine Fabrik für Autoteile. Die Geschäfte laufen prächtig. Er muss sich vergrößern, um mit den Aufträgen hinterherzukommen. Doch das ist gar nicht so einfach. In einer Stadt, die stetig wächst und in der Grundfläche Mangelware ist.

Auch Kamala hat mit Mangel zu kämpfen. Der Mangel an Farben ist dabei ihr geringstes Problem. Als Hausangestellte von Anand geht es ihr verhältnismäßig gut. Ein regelmäßiges Einkommen sichert ihr und ihrer Familie stets einen gedeckten Tisch. Doch ihr Sohn Narayan bereitet ihr Sorgen. Er will die Schule nicht abschließen. Zeitungen verkaufen, das will er. Das Geld kann die Familie gut gebrauchen. Auch dass er sich in eine Sache mal so richtig reinhängt, gefällt Kamala. Doch zuerst muss er die Schule abschließen. Da gibt es keine zwei Meinungen!

Anand und Kamala leben in zwei völlig unterschiedlichen Welten. Finanziell geht es Anand gut, seine Frau mit ihrer herrischen Art bereitet ihm graue Haare. Kamala geht es finanziell nicht gut, Ihr Sohn und ihre Kolleginnen und ihre Herrin – Anands Frau Vidya– machen ihr Sorgen.

Lavanya Sankaran lässt die eingefahrenen Welten der beiden bröckeln. Alles, was bisher galt, ist ab sofort ungültig. Narayans Umgang gibt Kamala zu Denken. Zweifel überkommen Anand wegen seiner Ehe. Und auch geschäftlich wird es eng.

Korruption, Standesdenken, Egoismus sind die Zutaten für diesen spannenden Roman, der den Leser ins heutige Indien führt. Fernab der seidenen Sari-Romantik erzählt Lavanya Sankaran von den Sorgen der kleinen Leute, die in einem engen Abhängigkeitsverhältnis zu ihren Arbeitsgebern stehen. Die wiederum kämpfen mit oder gegen die Korruption der Parteien und ihrer Funktionäre. Wenn Anand eine neue Fabrikhalle bauen will, so tut er dies, weil er sich vergrößern muss. Einstige Freunde ziehen ihn und sein Geschäft in einen Strudel hinein, aus dem er sich nur schwer befreien kann. Die Geltungssucht seiner Gattin steht ihm dabei im Weg. Als moderner Geschäftsmann ist er zu vertrauensselig. Dem Ehrgeiz der Handelnden und der Besinnung auf das Wesentliche verdankt der Roman seine besondere Würze, die dem Leser ein Indien zeigt, das sonst verborgen bleiben würde. Manchmal muss man die Farben mischen, um das erwünschte Ergebnis zu bekommen.

Im Tunnel

Im Tunnel

Da sitzt er nun: Paul Zakowski. Wieder mal Entlassungstag. Er ist zu abgebrüht, um zu behaupten, dass es das letzte Mal sei. Entscheidend ist für ihn nur, dass er raus kommt. Raus ans Licht, in die Freiheit. Während er wartet – die Bürokratie fordert zäh ihren Tribut – erinnert er sich an das, was war, wie er wurde was er ist. Kriegskind, zu früh, zu schnell zum Mann geworden. Mit Raubzügen – mehr oder weniger abgesegnet vom Kölner Bischof Frings, weshalb man das Klauen in dieser Zeit auch „fringsen“ nannte – hielt er sich über Wasser.

Eine Kriminellenkarriere wie sie im Buche steht. Paul kann die Finger nicht vom süßen Leben lassen. Einbrüche bestimmen sein Leben. Und der Knast. Als Jugendlicher mit der ihm eigenen Gelassenheit nimmt Paul auch diese Zeit hin. Kaum sechzehn Jahre alt, wandert er zum ersten Mal ein. Da Fluchtgefahr besteht, wird er besonders unter die Lupe genommen. Fluchtgefahr deswegen, weil er sich nach Frankreich „absetzen“ wollte. Eigentlich wollte er „nur Brigitte Bardot kennenlernen“…

Die Anekdoten aus dem Knast sind eine Freude für die Augen. Mit Hingabe malt Peter Zingler ein reales Bild der Zeit nach dem Krieg. Fast schon romantisierend. Fast. Denn Paul Zakowski ist Peter Zingler. Er weiß, was es heißt im Knast zu sitzen. Er kennt die Kriminellen und ihre Art den Alltag zu bewältigen.

Immer wieder stürzt sich Paul / Peter mit Elan ins kriminelle Getümmel. Die Erträge variieren. Mal sind die Brüche einfach, mal entkommen er und seine Leute der Polizei, mal nicht. Und Paul / Peter arbeitet international. In der Schweiz ist der Knast am einfachsten. Wenn der Fußball mal über die Mauer fliegt, schließt der Wärter auf damit ein Gefangener den Ball wiederholen kann. Lakonisch schreibt Zingler, dass sie den auch wiedergebracht haben.

Bei aller Knastromanze sehnt sich Paul / Peter doch nach einem geregelten Leben. Finanzielle Sicherheit steht an erster Stelle. Doch wie soll das gehen? Ohne Ausbildung.

Peter Zingler weiß, wie man sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf herausziehen kann. Denn Peter Zingler ist mittlerweile in zweiter Instanz Drehbuchautor und Regisseur, preisgekrönt. Die kriminelle Vergangenheit ist nichts weniger als das. Die Erfahrungen seines ersten Lebens machen seine Drehbücher so authentisch. Erste Erfahrungen als Schriftsteller sammelte er als Schreiber von Kurzgeschichten, die unter anderem im Playboy veröffentlicht wurden. 1985 war Schluss mit lustig, der Ernst des Lebens begann. Als Journalist und Drehbuchautor übertrug er teils seine Erfahrungen ins seriöse Fach. Er schrieb Drehbücher für „Tatort“, „Schimanski“ und „Ein Fall für Zwei“. 1995 heimste er ganz legal den Grimme-Preis für sein Tatort-Drehbuch „Kinderspiel“ ein.

„Im Tunnel“ ist mehr als eine Abrechnung mit dem Leben vor dem Leben. Es ist ein ergreifender Befreiungsschlag, der bald eine Fortsetzung erfährt…

Hôtel du Nord

Hotel du Nord

Das Hôtel du Nord gab es wirklich. In Paris. Am Quai de Jemmapes. X. Arrondissement. Am Canal Saint-Martin. Gar nicht so weit vom Friedhof Père-Lachaise entfernt, auf dem so viele Berühmtheiten ihre letzte Ruhestätte gefunden haben. Promis verirrten sich nur selten ins Hôtel du Nord in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts als Emile und Louise Lecouvreur das Wohnhotel übernehmen.

Renée ist die erste Angestellte der Lecouvreurs. Eigentlich wohnt sie hier, zusammen mit Pierre. Das naive Landei und der zupackende Arbeiter. Als die Liebe verfolgen ist, drängt er sie zur Arbeitssuche. Louise gibt ihr ihren ersten Job. Hilfe haben die neuen Pächter dringend nötig, denn das Hotel ist in einem nicht gerade gastfreundlichen Zustand. Die Vorgänger hatten mehr Spaß daran mit der Nachbarschaft zu feiern als das Haus auf Vordermann zu bringen.

Das Geschäft läuft gut, Renovierungen können ins Auge gefasst werden. Die Kundschaft aus Müllleuten, Gepäckträgern und Arbeiterinnen der Lederfabrik ist nicht vermögend, doch trinkfest. Ein bisschen grob, zu grob für Emile. Aber der Kunde ist König. Selbst, wenn die betrunkene Gästeschar zu unchristlichen Zeiten Einlass begehrt, murrt Emile nur leise vor sich hin. Nur gelegentlich bekommt ein Säufer seinen Unmut zu spüren.

Die Tage, Monate und Jahre gehen dahin. Gäste kommen, Gäste gehen. Mal sind sie ideale Gäste, ruhig, zuvorkommend, zurückhaltend. Mal sind sie Aufrührer, Stänkerer und Prostituierte. Die Lecouvreurs bereuen ihre mutige Entscheidung das Hôtel du Nord gepachtet zu haben nicht.

Die Geschichten der Bewohner des Hotels sind mitten aus dem Leben gegriffen. Es sind keine Schicksale, die die Seiten der Regenbogenpresse füllen, dennoch sind sie nicht alltäglich. Die Besonderheit liegt in der Tatsache, dass sie jedem hätten passieren können, aber nur im Hôtel du Nord erstrahlen sie in einem besonderen Glanz.

Der Autor Eugène Dabit kennt das Hotel genau. 1923 haben es seine Eltern übernommen. Ab und zu arbeitete er dort. Als Nachtwächter hatte er viel Zeit die Menschen im Hotel zu beobachten. 1929 erschien „Hôtel du Nord“ zum ersten Mal und wurde auf Anhieb ein Erfolg (wie der Film neun Jahre später). Nun ist es in der Neuübersetzung von Julia Schoch noch einmal veröffentlicht worden, und es hat nichts von seiner Strahlkraft verloren.

Das Hôtel du Nord ist heute noch an gleicher Stelle, allerdings als Cafè und Restaurant.

Ins Bockshorn gejagt

Ins Bockshorn gejagt

Nun brat mir aber einer ‘nen Storch! DA war aber wieder einer fleißig wie die Bienen und hat nicht die Mücke, sondern sich die Mühe gemacht Sprichworten und Redewendungen auf den Grund zu gehen. Auf einhundertsechzig Seiten wird der Frage nachgegangen, welchen Einfluss Flora und Fauna auf unser Zusammenleben sprachlich haben. Es ist erstaunlich, wenn man die Fülle und Güte der Zitate betrachtet.

Im alltäglichen Umgang mit Familie, Freunden und Kollegen ist uns dieser Umfang kaum bewusst. Das laust einen der Affe, wenn man so manchen Schussel sieht, wenn er sich wie der Elefant im Porzellanladen benimmt. Belustigt verziehen wir die Mundwinkel, wenn ein Satz ins Schwarze trifft. Über dessen Ursprung machen wir uns natürlich keine Gedanken. Hauptsache wir verwenden den Satz richtig!

Bruno P. Kremer und Klaus Richarz geben in diesem amüsanten wie lehrreichen Büchlein Hilfestellung. Denn wer weiß schon woher der Satz stammt „Über den grünen Klee loben“? Da haben wir den Salat. Alle benutzen die Redewendung – richtig oder falsch – aber wo der Satz seinen Ursprung hat, weiß wieder mal keiner.

In Zeiten, in denen die Medien eine derart vorherrschende Rolle spielen, ist es wichtig sich auf die Wurzeln besinnen zu können. Das gilt nicht nur für den Satzbau, sondern auch für die zahlreichen Feinheiten, die Sprachen voneinander unterscheiden. Denn Redewendungen sind das unique Kulturgut eines Volkes. Kein Übersetzungsprogramm der Welt kann dem gerecht werden. Da haben wir Leser Schwein gehabt, dass es dieses Buch gibt, wir nicht länger als dumm Hühner gelten und unsere Schäfchen ins Trocken bringen können.