Die fremden Götter

Man überschreitet deutlich mehr als nur die Grenze des guten Geschmacks, wenn man Luises Leben, das in Nizza begann und in Avignon weitergeführt wurde, als himmlisch bezeichnet. Denn es sind die Jahre nach der Naziherrschaft in Europa. Ihre Eltern haben das Konzentrationslager überlebt, und können wie nur Wenige zurückkehren. Ihre Jüngste hat die Strapazen des Krieges nicht überlebt. Luise lebt! Die Jahre im Ursulinenkloster, dessen Gebäude heute noch in Avignon existiert, haben ihre Spuren hinterlassen. Luise ist nun strenggläubige Katholikin. Statt sich maß- und vor allem grenzenlos über die seltene Familienzusammenführung zu freuen, sind Mutter und Vater zutiefst enttäuscht über den Wandel der Tochter. Denn die Eltern sind nicht minder tiefgläubige Juden. Weshalb sie auch von der Gestapo deportiert wurden.

Walter Schott wurde im KZ zu einem ernsthaften Juden. Wollte man ihm dies austreiben, ist es gründlich in die Hose gegangen. Wieder in Freiheit kann er seiner Religion nicht mehr auch nur eine Handbreit freigeben. Das spürt besonders Tochter Luise. Ihr Vertrauen in Gott ist ungebrochen. So oft es geht, betet sie in der Kirche, bittet um Beistand in der schwierigen Zeit. Denn die Eltern haben sich verändert.

Walter Schott fleht seine Tochter an wieder zum Judentum überzutreten. Einen konkreten Grund hat er nicht bzw. kann ihn nicht nennen. Für einen Mann mit seinem Schicksal tut er etwas Ungeheuerliches: Er sperrt seine Tochter bei Wein, Brot und Apfel ein. Niemand darf zu ihr. Nicht einmal die Schulkameraden, denen erzählt wird, Luise habe die Masern. Auch der Mutter wird strengstens untersagt Luise zu besuchen.

Kurz zuvor hatte es der Vater „noch im Guten versucht“. Théodore Bovin, der Sohn des Rabbis und selbst schon auf dem Sprung zum Philosophiestudium an die Sorbonne sollte Luise ins Gewissen reden. Doch stattdessen verguckt er sich in die hübsche Siebzehnjährige. Emile Colombe ist Buddhist. Auch er schafft es nicht – will es auch nicht, denn sein Wankelmut sieht keine Religion vor – Luise zur Rückkehr zu bewegen. Denn Luise ist in Henri Matelotte verknallt. Selbstständiger Fotograf, der in ihr aber leider nur ein Abenteuer sieht. Sie sind trotzdem Luises letzte Möglichkeit dem Wahn des Vaters zu entkommen.

Es ist erschreckend zu lesen, wohin religiöser Wahn führen kann. Und so aktuell. Hermann Kesten schrieb diesen Roman in den 40er Jahre des 20. Jahrhunderts. Der Krieg war gerade aus, etwas Ruhe kehrte langsam ein. Doch die Dickschädel – und deren Couleur spielt überhaupt keine Rolle – mischen immer noch mit. Es ist die Zeit der Neuanpassung, des Aufbruchs und Neuaufbaus. Das Land liegt brach, und die Fanatiker sehen darin die Chance ihre Ideen auf fruchtbarem Boden zu säen. Doch die Menschen sehnen sich nach Bewährtem, nach Sicherheit. Und die fanden nicht Wenige im Schoß der Religion. Warum also davon abweichen? Luise will ihren eigenen Weg gehen. Dornig wird er und entbehrungsreich, doch es ist ihr Weg.

Kennst Du das Land

Von der Steppe in die Betonwüste, von den sanften Klängen der Zungen ins stahlharte Geröll, von der Abgeschiedenheit in die Anonymität der Großstadt. Galsan Tschinag wagte als junger Mann einen gewaltigen Schritt. Aufgewachsen als kommender Stammesvorsteher aus der Mongolei nahm er die Herausforderung an in Leepzik, wie er es anfangs noch nannte, Germanistik in der DDR zu studieren.

Die Mauer war gerade gebaut worden, politische Indoktrinierung war allgegenwärtig begab er sich in die Stadt, in der Goethe zweihundert Jahre zuvor sich die letzten Sporen als Dichterfürst verdiente. Er war auf einmal nicht mehr der privilegierte Nachkomme, sondern einer von vielen. Mit einem Handicap. Er konnte kein bzw. kaum Russisch. Seine Kommilitonen beherrschten die Sprache des großen Bruders bereits.

Schon das erste Kapitel zeigt welche Schwierigkeiten auf einen Ausländer in der Fremde warten können. Messer, Gabel, Löffel – großer und kleiner – waren ihm fremd. Ein bisschen tolpatschig war er schon als es in der Mensa an die Nahrungsaufnahme ging. Ein Dilemma sondersgleichen drohte den Einstieg gehörig zu verhageln. Seinen Mitstreiter aus der Mongolei war er auch deshalb ein Dorn im Auge. Ein weiterer Grund für seine anfängliche Isolation: Der Buchstabe F. Er konnte ihn einfach nicht bändigen. Aus dem Fischer wurde immer nur ein Pischer. Dieser kleine Buchstabe, nicht Fuchstabe, der an sechster Stelle im Alphabet steht, wollte einfach nicht aus ihm rausflutschen. Immer wieder plumpste das P aus seinem Mund. Hilde kam von unerwarteter Stelle. Ein Kommilitone hatte irgendwann den Drang dem jungen Galsan aus der Steppe zu zeigen, wer im Studium am besten aufpasst. Oder anders gesagt, wer das F am besten beherrscht. Dass er dabei andere Wörter und Buchstaben nicht korrekt deutsch – schließlich handelte es sich um das Studium der deutschen Sprache –  handhabte, übersah er. Galsan Tschinag wies ihn trotzdem darauf hin. Und Feng, hatte er sich eine eingefangen. Und peng flutsche das F wie selbstverständlich über seine Lippen. Es gibt sicher einfachere, schmerzlose Methoden eine Sprache zu lernen. Doch das Ergebnis ließ Galsan Tschinag die Schmach geduldig ertragen. Und zum Glück nicht vergessen.

„Kennst Du das Land“ ist der erste Teile seiner Memoiren. Er lässt sie in Leipzig beginne, wo sein Leben eine neue Wendung bekam, und ihm ein Weg geebnet wurde, den er nie hoffte beschreiten zu dürfen. Kunstvoll vermeidet er den Abstieg in die Niederungen der Sprache und der spärlichen Erinnerungen. Wortgewandt wie kaum ein Muttersprachler vollführt er einen Gemeinschaftstanz mit dem Neuen. Heute ist er Schriftsteller, der seine Werke nicht in seiner Muttersprache verfasst und sie dann übersetzen lässt, sondern er schreibt konsequent auf Deutsch. Die Sanftheit der Muttersprache hat er sich behalten. Die Schärfe der zweiten Sprache, die er exzellent beherrscht, verleiht seinen Texten, die gespickt sind mit erheiternden Anekdoten, den gewissen Kick. Er kennt das Land, das ihm wie ein Tor in eine andere Welt vorkommen muss. Diese Biographie ist eine Wohltat für die Augen und leidgeplagte Ohren, die tagein tagaus schlecht gebildete Nebensätze allerorten vernehmen müssen, und die ihm Schwall der Kurzinformationen abzuflachen droht. Ab sofort sollte dieses Buch Pflichtlektüre sein, Für alle in Deutschland Lebenden!

Coin Locker Babys

Das kann nicht gutgehen! Das wird einfach niemals gut ausgehen können! Es ist der 18. Juli 1972. In China fällt ein Sack Reis um, in Deutschland erreicht eine Frau ihr Rentenalter und in Japan wird Kikuyuki Sekiguchi in einem Münzschließfach entdeckt. Erstes rechnerisch der wahrscheinlichste Fall. Zweites ist rechnerisch bestimmt eingetreten. Drittes jedoch schnürt dem Leser die Kehle zu. Präzise wie ein Skalpell beschreibt Riū Murakami wie eine namenlose Frau sich für eine Tat vorbereitet, die so unbeschreiblich ist. Sie setzt ihr Kind in einem Münzschließfach aus. Wohlbehütet in einem Karton. Und da schwimmt der Leser erst auf den ersten Handvoll Seiten und hat noch weit mehr als fünfhundertfünfzig vor sich!

Kiku kommt zu Nonnen. Sie ziehen ihn groß, genauso wie Hashio Mizouchi, genannt Hashi. Da ihre Eltern nicht bei einem tragischen Unglück ums Leben kamen, bleiben sie eine sehr lange Zeit bei den Nonnen. Bis sich eines Tages ein Paar ihrer erbarmt und sie mitnimmt. Auf eine einsame Insel. Hashi ist es, der Kiku erzählt, wer sie sind, woher sie stammen.

Hashi sucht das Glück in der Isolation. Nähe lässt er nicht zu. Nur Kiku vertraut er. Der jedoch ist ein rechter Spring-Ins-Feld. Er würde lieber heute als morgen ausbrechen und die Welt aus den Angeln heben. Sie wachsen heran. Typische Jungens, die auch mal über die Stränge schlagen. Alles nichts, was nicht woanders auch passiert. Doch tief im Inneren nagt ein Drang. Der Drang ihren Müttern die Rechnung zu präsentieren.

Die erste Registrierkasse finden sie im Giftghetto von Tokio. Hier ist das Tokio der Hypertechnologie gegen das Schwarz der Unterwelt, der Freaks und der Halbseidenen ausgetauscht worden.

Doch Hashi scheint auf einem guten Weg zu sein. Er ist mit einer begnadeten Stimme ausgestattet. Kiku hingegen entwickelt sich zu einem Typen, dem man das Prädikat Rächer auf Anhieb abnehmen würde. Immer wieder trennen sich ihre Wege genauso oft wie sie sich kreuzen werden. Knast, Ruhm, Erfolg und Depression können auch von ihren Partnerinnen nicht aufgehalten werden. Kiku hat sich in Anemone verknallt. Die hat sich extra für ihr Krokodil (!, nein kein Tippfehler) ihre Wohnung artgerecht umbauen lassen. Hashi und Niwa scheinen dagegen so etwas wie ein normales Leben führen zu dürfen. Bis Niwa schwanger ist…

Man braucht schon starke Nerven und Durchhaltevermögen, um diesen Roman zu lesen. Absetzen ist keine Option! Wer einmal die erste Seite überstanden hat, wird sofort süchtig. Datura ist das Elixier, das Kiku antreibt. Was das ist, wird nur verschwommen erklärt. Ein Gift. Ein Gift, das alles andere wie LSD oder Meskalin wie lauwarmes Leitungswasser erscheinen lässt. Ist es wirklich das elysische Delirium, das beide oder einen von beiden erwartet? Oder ist es nur die Frucht der Versuchung? Keiner weiß es, aber der Weg dorthin ist mörderisch!

Die Sünde der Frau

Norma Jean Baker, Marguerite Donnadieu, Jane Auer und Mary Patricia Plangman – alle in einem Buch über die Sünde der Frau. Die eine Hälfte der Menschheit, die laut Bibel wissen wollte, naschte und ihn, die andere Hälfte, dazu verführte auch mal einen Bissen zu nehmen. Der Rest ist bekannt: Krieg, Hass, Zerstörung. Keine besonders schöne Sicht auf die Dinge des Lebens.

Marilyn Monroe, Marguerite Duras, Jane Bowles und Patricia Highsmith hatten auch so manches Mal keine schöne Sicht auf die Dinge des Lebens. Sie hatten Pseudonyme. Sie hatten Talent. Sie hatten Ruhm. Sie zerfleischten sich selbst. Sündig? Sie selbst hätten das über sich nur unter bestimmten Bedingungen gesagt. Zum Beispiel, wenn es darum ging in der Öffentlichkeit sich selbst – warum auch immer – hervorzuheben.

Doch im Inneren gab es bei ihnen nie den Drang sich selbst um der Zerstörung Willen sich zu zerstören. Rebellion – ja. Und wie! Das reduzierte Spiel der Monroe, sie war ab einem Punkt nicht mehr die Baker, sondern die Monroe ist nicht minder das Ergebnis einer Flucht wie die revoltierenden Zeilen einer Marguerite Duras, die wie Patricia Highsmith echte, voll umfängliche liebe nie zulassen konnte. Jane Bowles und Pat. H, alias Ripley, wie sie seit dem ersten ihrer Ripley-Romane gern ihre Briefe unterschrieb, waren dem Alkohol dermaßen verfallen, dass sie Realität und Nebelschwaden in Letzem aufgingen. Doch ihrer Kunst, und somit ihrem Ruhm tat das keinen Abbruch. Im Gegenteil – das Delirium war ihr Elixier.

Auch die Monroe suchte den Schlüssel für die Tür, die sie in der Welt außerhalb der Monroe führte. Sie glaubte ihn in Arthur Miller zu finden. Doch auch er sah in ihr nur die unordentliche Schlampe, in der Art wie ein Eisbecher mit Früchten unordentlich ist, wie es einmal Truman Capote beschrieb.

Sind diese vier Damen nun wirklich Sünderinnen? Oder frönten sie „nur“ der Sünde an sich? Connie Palmen wagt es diese vier auf ihrem Gebiet einzigartigen Künstlerinnen ihren Wegen zu folgen. Es liegt am Leser selbst, welche Maßstäbe er ansetzt, um Sünde als solche zu empfinden und schlussendlich ein Urteil zu fällen. Sie verstanden alle herzlich den Finger auszustrecken, um ihre Betrachter, Kritiker, Leser, Freunde, Geschäftspartner um selbigen zu wickeln.

Die Autorin lässt ihre Blicke schweifen und urteilt an keiner Stelle dieses bemerkenswerten Büchleins, das man nur allzu gern verschenken, im gleichen Atemzug aber wie einen Schatz für sich behalten möchte.

Kaddisch für Babuschka

Zufall oder Schicksal? Die Großmutter der Ich-Erzählerin, die gerade über einem Roman über eben diese Großmutter sitzt, ist gestorben. Im fernen Lemberg, dort, wo die Ich-Erzählerin geboren wurde. Es ist lang her, dass sie die Stadt, die so viele Namen trug – Lviv, Lwow, Leopolis – gen Berlin verlassen hat.

Der Roman kann warten, muss warten. Die Reise gerät zur Rückschau auf ihr eigenes Leben, das der Großmutter, aber auch zu einer Recherchereise für ihren Roman. Mit aller Gewalt prallen zwei Welten aufeinander. Realität und Fiktion verschmelzen in den Kämpfen mit der Mutter, der Trauer und der Gegenwart zu einem Fragment über die eigene Identität.

Babuschka, die Großmutter, war die ruhige Seele der Kindheit. Jetzt, auch wenn sie schon lange nicht mehr im Leben der Autorin körperlich präsent war, drängt sie zurück ins Rampenlicht. Traditionell werden nach jüdischem Brauch die Leichname sofort unter die Erde gebracht. Zeit verlieren, heißt Erinnerungen zu verlieren.

Die Straßen der Geburtsstadt sind ihr vertraut, vertrauter als niemand anderen sonst. Spaziergänge, das Lichterspiel der Wohnungen – sie sind wieder da. Als ob nichts gewesen wäre. Und dennoch ist diese Stadt, die dem Krieg im Osten der Ukraine von außen zusehen muss, eine fremde Welt. Zu sehr ist Berlin die neue Heimat.

Die eigene Herkunft ist nun mehr denn je greifbar. Jüdisches Leben in Lemberg ist kaum noch vorhanden. Der Alltag und Vertreibung haben ihre Spuren hinterlassen. Babuschka ist nicht mehr. Sind nun alle Brücken hierher, in die Kindheit abgerissen? Werden sie je wieder aufgebaut werden können?

Die Romanheldin Hannah darf ihre Babuschka noch kennenlernen. Die Ich-Erzählerin nutzt sie als Vehikel der Erinnerung. Doch Hannah und ihre Schöpferin sind eins.

Eins mit der Erinnerung zu sein bedeutet für Martina B. Neubert „Kaddisch für Babuschka“ schreiben zu können. Tief gerührt, nachdenklich, bestürzt, nachgiebig sprengt sie die Mauern, die einmal gebaut wurden. In Rückblenden erinnert sie sich an Babuschka und führt sie durch ihre Romanheldin Hannah zurück ins Leben.

Mein pochendes Leben

Als Sechzehnjähriger ist das Leben an sich schon eine Herausforderung, die man nicht immer schultern kann. Arum sieht dies mit einer Gelassenheit, die einem Respekt abverlangt. Er ist an Progerie erkrankt. Eine Krankheit, die ihn deutlich älter aussehen lässt als er ist. Und auch sein Körper altert in einem Tempo, das einem der Atem stockt. Nun ist er sechzehn. So alt wie seine Eltern – als Mira Daesu sagte, dass sie schwanger sei. Für die beiden Teenager brach keine Welt zusammen, sie hatten keine Welt, die es aufzubauen galt. Miras Vater sah in Daesu einen Taugenichts, den Mira nicht verdient hatte. Doch genau diese – für Koreaner sicherlich untypische – Laissez-Faire-Haltung beeindruckte Mira. Sie rauften sich zusammen.

Als Arum zwei Jahre alt war, schlug die Diagnose wie eine unheilvolle Bombe ein. Doch Arum entwickelte sich zu einem wissbegierigen Jungen. Er las viel, war aufgeschlossen und intelligent.

Jetzt fordert das Schicksal seinen Tribut. Die Behandlungskosten sind in astronomische Sphären geschossen und kaum noch zu bezahlen. Pfiffig wie Arum ist, bittet, fast schon bettelt er darum an einer Fernsehshow teilnehmen zu dürfen, in der die Zuschauer für die Behandlung eines Patienten spenden können.

Zögernd geben die Eltern ihren Segen. Die Produzenten wittern nach dem Vorgespräch den nächsten Scoop, da Arum so herzlich und unbefangen über sein Leben spricht. Wenige Tage nach der Ausstrahlung bekommt Arum Post. So-Ha schreibt ihm. Auch sie liege, wie mittlerweile auch Arum, im Krankenhaus, Knochenmarkkrebs, wie ihre Mutter. Die Mails werden immer offener, immer vertraulicher. Arum blüht auf. Auch wenn er immer eine längere Zeit auf die Antworten warten muss, ist es für ihn ein Fest endlich wieder von So-Ha lesen zu können. Da ist plötzlich jemand, mit dem er reden kann. Ganz ohne Einschränkungen, ohne Rücksicht nehmen zu müssen den Gegenüber verletzen zu können. Sein Leben hat einen Sinn zusätzlich geschenkt bekommen. Die Haltbarkeitszeit spielt dabei keine Rolle.

Doch die Freude währt nur kurz, denn So-Ha ist ein Phantom…

Ae-Ran Kim hat mit Arum eine Figur geschaffen, die ein Schicksal ereilt hat, das zu Herzen geht. Äußerlich ein alter Mensch, im Herzen jung wie ein Spring-Ins-Feld. Fast scheint es so, als der Junge seinen Eltern die Kraft gibt ihr eigenes Leben endlich auf die Kette zu bringen. Er selbst genießt das Leben, stellt kluge Fragen und wirkt dabei überhaupt nicht altklug. Ein sympathischer Junge, dem man im Innersten seines Herzens nur Gutes wünscht. Und dann wird er so perfide hinters Licht geführt. Ae-Ran Kim spielt nicht mit den Gefühlen des Jungen, sie führt den Leser in ein Land, das auf den ersten Blick so fremd wirkt wie kaum ein anderes. Doch Probleme sind die wahren global players. Krankheiten verursachen überall auf der Welt Schrecken und Unsicherheit. Arum ist sicherlich ein Held, wenn man die Schwere seiner Krankheit mit seiner Sicht auf die Dinge vergleicht. Leichtlebigkeit kann er sich nicht leisten. Doch Aufgeben ist auch keine Lösung. Wie ein Dichter nimmt er jede Herausforderung an. Rückschläge inklusive.

Einsame Schwestern

Lina und Diana sind unzertrennlich. Nicht im übertragenen Sinne, im wortwörtlichen Sinne. Das Zwillingspaar ist ein siamesisches Zwillingspaar. Lina ist die feinfühlige, die Träumerin, die Poetin. Diana ist pragmatisch, störrisch und erwartet vom Leben nicht viel.

In einer Zeit, in der Georgien sich gerade beginnt zu emanzipieren, Menschen ihren eigenen Weg suchen und beschreiten können, ist kein Platz für Menschen wie Lina und Diana. Sie wachsen bei der Großmutter auf. Abgeschirmt von allem, was man Welt nennt. Bildung kommt von der sich rührend kümmernden Alten, deren Tage allerdings schon bald gezählt sein werden. Linas und Dianas Welt wird gestaltet von Magazinen, Telenovelas und gelegentlichen Träumereien. Abwechslung bietet lediglich Zaza, der ab und zu vorbeikommt und Einkäufe abliefert.

Mutter und Vater kennen die beiden nicht. Nur ein Bild der Mutter verbindet Lina und Diana mit der Vergangenheit. Als die Großmutter stirbt, ist das geregelte, ereignisarme Leben vorüber. Das Licht des Lebens, das ihnen bisher ins Gesicht scheint, wird vom grellen Scheinwerferlicht des Zirkus abgelöst. Wie in einer Freakshow sind Lina und Diana gezwungen für ihren Lebensunterhalt selbst aufzukommen. Der Zirkus bietet ihnen die Möglichkeit. Doch der Zirkus ist nicht die große weite Welt, es ist nur eine andere Art von Gefängnis. Sie müssen funktionieren. Jede auf ihre eigene Art. Zusammen, gezwungenermaßen. In den Tagebuchenträgen, die beide unabhängig voneinander schreiben, treten die Unterschiede deutlich zu Tage.

Das muss auch Rostom eines Tages sich eingestehen. Der Hochschullehrer führt ebenso ein karges leben wie Lina und Diana. Und … er ist ihr Vater. Das wird er allerdings erst erfahren als die beiden tot sind. Die Behörden fordern von ihm eine Summe ein, die er nie bezahlen kann. Der Rechnungsinhalt bezieht sich auf die Aufbewahrung und Entsorgung der Leichname von Lina und Diana. Zuerst weigert sich Rostom die Briefe ernst zu nehmen. Doch je häufiger die Briefe werden, desto mehr verfestigt sich das Bild vom Vater ohne Kinder. Sein Leben gerät ins Stocken…

Ekaterine Togonidze bringt das Thema Behinderung als Erste aufs Tableau der georgischen Literatur. Einfühlsam, ohne dabei weihleidig zu werden und ohne jeden Pathos bricht sie in eine Welt ein, die die Bewohner gern verschlossen halten möchten. Scham ist der Schutzschild, der sie vor Angriffen bewahrt. Schicht für Schicht trägt die Autorin das Elend der Vereinsamung ab und zeichnet ein Bild von einer Welt, die nur Nuancen von Grau als Farbpalette zu bieten hat. Lina und Diana sind zwei Seelen in einem einzigen Körper. Dass sie doch so unterschiedliche Entwicklungen nehmen konnten, bleibt ein Rätsel. Doch ihre Vielfalt sowie die Schlichtheit ihrer Tagebuchsprache machen „Einsame Schwestern“ zu mehr als einem beeindruckenden Roman. Eine Offenbarung!

Paris, Exil

Es gab eine Zeit, in der Paris die Stadt des Lichts war, nicht, weil sie so wundervoll des Nachts erstrahlte, sondern weil hier der Funke Hoffnung noch ein wenig Erhellung im wahrsten Wortsinne versprühte. Es war die Zeit, in der in Deutschland die Lichter ausgingen. Wer fliehen konnte, tat es. Nicht wenige strandeten in der Seine-Metropole. Doch wie sollte es nun weitergehen?

Joseph Roth, Walter Benjamin, Hans Sahl oder Anna Seghers waren keine Auswanderer wie man sie heute im Fernsehen beim Scheitern und Sich-Wundern bestaunen / belächeln kann. Ihre Gedanken, ihre Schriften waren Gift für die neuen Herren und ihre neue Zeit. Doch auch in der Fremde war es nur allzu natürlich nach Essen, nach einem Dach über dem Kopf zu lechzen.

Judith N. Klein macht sich auf Spurensuche. Doch nicht der vor ihr liegende Weg ist das Ziel. Vielmehr hält sie eine literarische Rückschau auf dem Stadtplan von Paris. Während sie zielstrebig vom Leseplatz der Bibliothek aufbricht, stößt sie auf Hinterlassenschaften, erinnert sich an Textpassagen und ihr eigene Familie. Auch ihre Vorfahren flohen vor dem Terror der „Heimattreuen“. Es entsteht ein seltsam beklemmendes Gefühl. Paris als Sehnsuchtsort, als urlaubskassenplündernder Großstadtdschungel, der im Mix der Kulturen seine ganze Kraft entwickelt, wird zum Exilantenteppich, der einfach nicht abheben will. Dernier arrêt Paris.

Ihrer Verzweiflung machten die Autoren, die zwischen 1933 und 1940 Paris als Rettungsanker wahrnahmen, in ihren Schriften Luft. Kaum was zu essen, der eigenen Wurzeln beraubt, haltlos im Sturm, der über Europa toste. Immer wieder brennt Judith N. Klein dem Leser die Landmarken der Verdammnis ins Gedächtnis.

Ein Wanderführer ist dieses Buch keineswegs, sollte es auch nie werden. „Paris, Exil – Mehr Wandern als Wohnen“ der Untertitel nimmt es vorweg handelt vom Fortschritt, auch wenn der nicht immer gleich ins Auge sticht. Doch jeder Tag Leben, hieß zu dieser Zeit ein Tag mehr, Fortschritt. Das Buch rüttelt an den Nerven. Denn auch heute noch ist Paris Zufluchtsstätte für Gestrandete und Auswanderer wider Willen aus dem In- und Ausland.

Tatort Algerien

Das Rad zurückdrehen, um das Heute verstehen zu können. So geht es einem, wenn man dieses Buch liest. „Tatort: Algerien“ – ein martialischer Titel. Doch es ist nicht der Titel, der martialisch ist, sondern die Fakten in ihm.

1998 war vom so genannten arabischen Frühling noch keine Rede. Algerien stöhnte unter der Knute des Terrors. Ein unsicheres Land. Für Touristen fast unbereisbar. Ein starres System, das seine Macht mit allen Mitteln verteidigte. Freie Wahlen gab es maximal auf dem Papier. Abgebrochene Wahlen waren die Realität. Fundamentalistische Gruppen marodierten durchs Land und verbreiteten Angst und Schrecken. Die Intelligenz des Landes floh, wie so viele.

Wer es sich dennoch erlaubte Zeilen niederzuschreiben und gar zu veröffentlichen – egal, ob er im Ausland war oder die Heimat nicht verlassen konnte – dem drohte im Mindesten Ungemach, im Normalfall Repressionen, zu oft der Tod.

Jeder der Autoren, die Texte zu diesem Buch beisteuerten, konnte sich sicher sein seinen Namen in einer Art Hitliste des Grauens wiederzufinden. Todeslisten. Doch sie ließen sich nicht unterkriegen. Sie berichten von grausamer Folter. Ein Arzt, ein Intellektueller wurde direkt vom Krankenbett eines Kindes verschleppt. Zuerst nahm man ihm die Finger, dann weitere Gliedmaßen bis hin zur Verstümmelung. Sein Todeskampf dauerte einen Tag.

Es sind nicht die im Buch beschriebenen brutalen Methoden, die das Buch zu einem besonderen Buch machen. Es sind die Ohnmacht und der nicht enden wollende Wille zum Kampf und zu Veränderung des Landes und der Kämpfer, die mutig ihren Kopf und ihre Stimme erheben.

Wer Parallelen zur Gegenwart (nicht zwingend verortet im maghrebinischen Raum) erkennt, ist nicht verwirrt, sondern ein aufmerksamer Beobachter der Aktualität. Zwanzig Jahre existiert dieses Buch. Lehren wurden kaum geschlossen. Die alten Köpfe sind weg – neue Köpfe haben das sagen. Die Perfidität der Machterhaltung hat lediglich eine andere Form angenommen.

Gladiatoren

Das muss ja eine ganz schöne Schweinerei gewesen sein! Da stampfen mehrere Dutzend Gladiatoren durch den blutverschmierten Sand und prügeln, hauen und stechen aufeinander ein als ob es kein Morgen gibt. In den meisten Fällen war es wahrscheinlich so. Reichlich zweitausend Jahre ist es her, dass die ersten ultimate fighter die Arena betraten. Unter Kaiser Trajan wurde ein Sieg über ein Land einmal einhundertsiebzehn Tage lang mit Gladiatorenwettkämpfen „gefeiert“.

Leoni Hellmayr fasst das gesamte Wissen über die Recken der Antike in diesem kleinen Büchlein zusammen und räumt dabei auch gleich noch ein paar Vorurteile aus dem Weg. Von wegen Daumen hoch oder Daumen runter. Diese Geste passt gut in Filme, aber nicht in die Zeit der Gladiatorenkämpfe. Genauso das „Ave Caesar, morituri est salutant“ – dass die Todgeweihten den Kaiser extra noch grüßten, gehört ins Reich der Legenden.

Fakt jedoch ist, dass Kaiser Augustus erste Normierungen einführte – es ist also keine Erfindung der Gegenwart alles in Tabellen und Kolonnen pressen zu müssen. Es gab drei Arten von Kämpfern, die unterschiedliche Waffen benutzen mussten. Dabei durfte aber die Chancengleichheit nicht untergraben werden. Welch ein perfides Unternehmen!

Einhundert Seiten – jede einzelne ein Füllhorn an Informationen, die so mancher Filmemacher schon mal lesen sollte, bevor er blitzblank geputzte Panzerträger in eine kaum Staub aufwirbelnde Kulisse schickt.

Für die Wettkämpfe – wenn man es so nennen kann – gab es einen eigenen Sprachschatz. Die Kämpfe wurden sogar auf Graffitis verewigt. Und es gab damals schon echte Superstars unter den – nicht immer versklavten – Kämpfern. Die Liste des Wissens ließe sich um einiges erweitern – Leoni Hellmayr schafft es tatsächlich auf den ihr zur Verfügung stehenden einhundert Seiten ein umfassendes Bild der schaurigen Kämpfe abzubilden.

Wer also in Zukunft „Spartacus“ von Stanley Kubrick schaut, wird kopfnickend und staunend applaudieren. Wer den Vormittag lieber vor der Glotze mit den dritten Programmen und unsagbar schlechten Sandalenfilmen Made in Italy verbringt, wird kopfschüttelnd ans Bücherregal rennen und vehement mit dem Finger auf die entsprechenden Passagen zeigen und stöhnen „Das war doch alles ganz anders!“