Eine einzige Nacht

Na was ein Kuddelmuddel! Sie ist anonym, verheiratet, hat einen Geliebten und Damon, den sie begehrt. Der wiederum ist gebunden an eine ältere Geliebte. Sie, die Anonyme ist außerdem die Freundin seiner Geliebten. Keine guten Voraussetzungen für ein Tête-à-Tête. Doch dann ergibt sich unverhofft die Chance auf eine einzige Nacht, in der Konventionen nichts zählen, die Vorsicht über Bord geworfen werden kann, die Liebenden den Pfad der Tugend verlassen können…

Amour fou nennt man das wohl. Die Spannung erwischt zu werden, ist wie vom Erdboden verschwunden. Eine höhere Macht gab ihnen die Erlaubnis das Unaussprechliche wahr werden zu lassen.

Dominique-Vivant Denon war weniger für seine literarischen Werke bekannt als für sein kulturelles Wirken für Napoleon. Dessen Beutezüge wurden von Denon im Musée Napoléon ausgestellt, dessen Fundus bis heute im Louvre zu besichtigen ist. Doch diese Geschichte machte ihn unsterblich, bekannt eher nicht. Louis Malle nahm sie als Vorlage für „Die Liebenden“ mit Jeanne Moreau.

Weit über 200 Jahre ist diese Geschichte alt. Der Zahn der Zeit konnte ihrer Intensität nichts anhaben. Wohl gewählte Formulierungen, die heute gern als political correct ins Lächerliche gezogen werden könnten, verleihen dem Ringelreih der Liebenden eine gewisse Spannung. Wer ungeduldig auf die Vollendung drängt, wird gehörig auf die Folter gespannt. Die wenigen Seiten bieten mit dem sorgfältig gewählten Vokabular, die Übersetzung von Franz Blei strotzt nur so vor Erotik, ein Magnetfeld, dessen Anziehungskraft sich niemand entziehen kann.

Es gibt Texte, die zurecht vergessen sind. Dieser hier reifte noch ein wenig in der Versenkung, so dass er jetzt sein komplettes Bouquet verströmen kann. Gute-Nacht-Lektüre, die einem lang anhaltend süße Träume bescheren wird.

Schrecklich amüsant – aber in Zukunft ohne mich

A.I. – artificial intelligence oder all inclusive? David Foster Wallace wäre Erstes lieber. Doch er springt in den Spaßpool des all inclusive und gibt sich dem ewigen Zahnpasta-Service-Lächeln und dem minutiös getakteten Wahnsinn auf hohe See hin.

„Schrecklich amüsant – aber in Zukunft bitte ohne mich“ war bereits bei Erscheinen Mitte der 90er Jahre ein Klassiker. Kreuzfahrten waren der neue Trend im Tourismus. Häfen wurden erweitert, Fahrrinnen in Lichtgeschwindigkeit ausgehoben und Massen von schlecht gekleideten Erholungssüchtigen an extra für sie perfekt gestylten Orten ausgespuckt. Jeder konnte nun im Stundentakt die Welt erkunden. Nichts für Individualisten wie Wallace.

Die Perfektion hat allerdings ab und zu auch Risse. Spätestens bei den hergerichteten Betten oder den Bühnenshows des Personals. Das fällt dann einem auch sofort ins Gesicht, ins Gewicht fällt es aber schlussendlich auch nicht mehr. Permanentes Pampern ist eine Zeitlang ganz nett, versaut aber den Charakter.

David Foster Wallace genießt die Aussicht an der Reling. Zumindest für wenige Augenblicke ist er allein mit sich und seinen Gedanken. Doch dann kommen sie wieder. Die übereifrigen Gäste, die jedem alles über ihre Kreuzfahrtkarriere erzählen müssen. Das zu sehr zuvorkommende Personal.

Bei all der Penetration übersieht Wallace nicht die Annehmlichkeiten solch einer besonderen Reise. Jede Zutat einer jeden Mahlzeit ist von erlesener Qualität. Selbst, wenn man lange sucht, wird man kein Haar in der Suppe finden. Und Wallace sucht wirklich intensiv.

Chrigel Farner verleiht dem bunten Treiben an Bord und der farbenfrohen Sprache von David Foster Wallace einen nicht minder bunten Anstrich. Und genauso abwechslungsreich. Ein Cocktail, der aus der Feder vom Mel Ramons stammen könnte. Schiffsluken, die selbst die Enterprise vor Neid im Wurmloch versinken lassen und die Schiffssilhouette, auf der der große Gatsby eine seiner legendären Parties geben könnte.

Fast ein Viertel Jahrhundert war dieses Buch einfach nur eines der lustigsten Bücher. Jetzt ist es außerdem auch noch eines der am schönsten illustrierten.

Nur das Geistige zählt

Wenn jemand fünfundneunzig Jahre alt geworden ist, kann er nicht nur viel erzählen, sondern hat sich das Attribut „Niemals aufgeben!“ redlich verdient. Meta Erna Niemeyer kennt heute kaum noch jemand. Ré Soupault ein paar ausgewählte Kunstinteressierte. Ihre Erinnerungen strotzen nur so vor Lebensfreude und Lebensmut, dass Madame Soupault sich ihren Platz in der Geschichte bald wieder zurück erobern wird.

Sie begleitete fast das komplette 20. Jahrhundert hindurch das Leben diesseits wie jenseits des Atlantiks. Aus der pommerschen Provinz ins thüringische Weimar katapultiert, gehörte sie den Bauhaus-Absolventen, deren Namen vielleicht nicht in erster Reihe standen. Ihre Dozenten hielten große Stücke auf sie. Ludwig Mies von der Rohe gestaltete später noch ihre Büroräume und Ateliers als sie als Verlagsmitarbeiterin in Paris weilte. Doch die Nazis machten ihrer Karriere einen Strich durch die Rechnung. Über Marseille gelangte sie nach Tunesien.

Da war sie schon die Frau an der Seite von Philippe Soupault, der in Tunis einen Widerstandssender als Gegenstück zum faschistischen Radio Bari gründete. Auch dafür kam er ins Gefängnis. Ré Soupault blieb immer an seiner Seite, hielt durch. Durch ihren Einsatz und den von anderen durften die beiden bald Tunesien verlassen. Über Algier ging es in die neue Welt, New York war ihre erste Anlaufstelle.

Eine ausgedehnte Weltreise durch Südamerika lässt den Krieg, der immer noch in Europa herrscht, ein wenig in Vergessenheit geraten. Als dieser vorbei ist, ist auch die Ehe von Philippe und Ré zunächst einmal unterbrochen. Doch die Zeiten sind hart. Als Deutsche im Land der Sieger hat sie wenig Chancen. Sie über nimmt die Wohnung von Max Ernst. Muss jedoch einsehen, dass die Mieten in New York für sie nicht bezahlbar sind. Doch aufgeben gilt nicht. Wer mit André Gide Schach gespielt hat, sich von Antoine de Saint-Exupery Fliegergeschichten anhörte und die Schriften von Romain Rolland übersetzen kann, den haut so schnell nichts um. Mittlerweile lebt Ré Soupault in der Schweiz, erhält ein karges Einkommen. Ohne die Unterstützung derer, die sie einst unterstützte, wäre sie am Ende…

Am Ende sind die Memoiren dieser einzigartigen Frau mit der letzten Seite des Buches noch lange nicht. Es ist das Jahr 1949. Ein halbes Leben. Ein Fortsetzung ist also mehr als gewünscht und sicher in absehbarer Zeit erhältlich. Sie Selbstverständlichkeit, mit der Ré Soupault ihr Leben annahm, ringt höchsten Respekt ab. Immer wieder kommen einem Gedanken in den Kopf, wie es wohl gewesen wäre, wenn Ré Soupault nur ein paar Jahrzehnte später geboren wäre. Ohne Krieg, ohne Einschränkungen für Frauen, ohne staatlich unterstützte Ressentiments gegenüber Ausländern. Gegenwärtig hat man das Gefühl, dass Letzteres schon wieder salonfähig werden kann…

Liebe mich!

In seinen Romanen gab es nur ansatzweise ein Happy end. Im wahren Leben des Erich Maria Remarque ebenso. Ende des 19. Jahrhunderts geboren, war es gerade alt genug, um in den Schützengräben den Allmachtsphantasien der Generäle folgeleisten zu können. Seine Erinnerungen wurden zum meist publizierten Buch des 20. Jahrhunderts: „Im Westen nichts Neues“.

Es war der Anfang einer Schriftstellerkarriere, die ihn finanziell sorglos machte. Doch Geld allein kann niemals glücklich machen. Vom Erfolg überfordert, ihn selten akzeptierend suchte er Erfüllung in den Armen der Frauen. Sie überhäuften ihn mit Zuneigung, er gab ihnen das Gefühl etwas Besonderes zu sein. Er war ein Geber. Es liegt in der Natur der Sache, dass er folglich scheitern musste.

Ilse Jutta Zambona begleitete Erich Maria Remarque fast sein gesamtes Leben lang. Sie trieb ihn an, und es mit anderen. Sie liebten und stritten. Sie heirateten und ließen sich scheiden. Ob sie die große Liebe seines Lebens war? Zeitlich begrenzt – ja. Ewig – niemals. Deutschland war dem Autor nicht immer wohlgesonnen. Nach Erscheinen von „Im Westen nichts Neues“ warf man ihm vor, die Kriegserinnerungen zu verteufeln. Deutschland musste schließlich enorme Reparationszahlungen leisten. Das musste als Sühne reichen. Da brauchte man nicht noch jemanden, der den Krieg in den Dreck zieht. Mit dem Aufkommen des neuen Nationalstolzes und der damit einhergehenden Verfemung alles Fremden, kommt für Remarque der Abschied von seiner geliebten Kultur. Er reiste schon vorher – die finanziellen Mittel hatte er sich redlich verdient – in die Schweiz, nach Italien und Frankreich. Doch diese Länder waren nun auch nicht mehr eine sicherer Halt in unruhigen Zeiten.

In den USA konnte er endlich wieder aufatmen. Die Folgeromane waren ebenso Kassenschlager wie sein Erstlingswerk. Wie ein roter Faden zieht sich der Erfolg als Schriftsteller durch seine Leben. Doch genauso das Scheitern als Mann an der Seite einer Frau. Marlene Dietrich wickelt ihn nonchalant um den Finger. Ihre Karriere steht an einem Wendepunkt. Doch auch sie kann ihn nicht halten. Oder er sie nicht?

Als Lebemann hat er sich nie gefühlt. Im Kreise von Paulette Goddard, die mit Chaplin verheiratet war, mit und durch ihn zu Weltstar wurde, war die letzte große Dame in Remarques Leben. Er setzte sie als Alleinerbin ein, sie jedoch trat seine letzten Wünsche mit Füßen.

Gabriele Katz lässt in „Liebe mich!“ eine Parade an Damen auffahren, die Remarque verehrte, die ihn verehrten, die jedoch niemals zur Liebe fähig waren. Um ihn herum versank die Welt im Pulverdampf, im Herzen sucht er das Kanonenfeuer. Lichtblitze waren das einzige, die ihm blieben. War er unglücklich? Tief im Inneren sicherlich. Karen Horney, Psychologin und Mutter der Schauspielerin Brigitte Horney (alle Damen in Remarques Leben zeichneten sich nicht durch gewöhnliche Lebensläufe aus) öffnete ihm als einzige wohl dauerhaft die Augen. Aber auch ihre Untersuchungen, die Sigmund Freuds Thesen widersprachen, konnten Erich Maria Remarque kein dauerhaftes Glück bescheren. Lediglich der Leser dieses Buches darf sich eines Happy ends erfreuen. Kompakt, detailreich und spannend geschrieben, gibt die Autorin Einblick in die Welt eines Menschen, dessen Geburt sich im Sommer 2018 zum 120. Mal jährt. Es wird Zeit Erich Maria Remarque die gebührende Ehrung zuteilwerden zu lassen. Dieses Buch ist mehr als nur ein Auftakt. Es legt die Latte sehr hoch!

Ich bin eine befreite Frau

Fast scheint es, als ob es ein Vorrecht der Frauen ist, frei zu sein. Zumindest, wenn man Annette Seemanns Biographie über Peggy Guggenheim liest. Sie hatte ja auch genug Geld, um sich zu befreien, spötteln ihre Kritiker. Da muss wohl einiges zurechtgerückt werden…

Ja, es ist richtig, Peggy Guggenheim kam 1898 mit dem sprichwörtlichen goldenen Löffel im Mund zur Welt. Doch bis zu ihrem 21. Lebensjahr konnte sie nicht frei über ihr Vermögen bestimmen. Außerdem war sie ein Mädchen und nur die Jungens, ihre Brüder durften mit dem redlich erarbeiteten Geld arbeiten und es vermehren. Peggy war die dritte Generation der Liaison aus Franken und der Schweiz.

Schon früh setzte sich ihr Trotzköpfchen durch. Der gerade Weg war nie ihr Ding. Links und rechts ist es eh viel bunter und interessanter. Wenige Jobs füllten sie aus. Männer und Frauen weckten da schon eher ihr Interesse. Ohne luderhaft zu wirken, gab sie sich dem Bohemian-Life-Style – wie man es heute vielleicht nennen würde – hin. Paris war ihr Gravitationsfeld. Energisch sog sie das Künstlerleben in der Seine-Metropole auf. Der Surrealist Marcel Duchamp wurde ihr (nicht immer, letztendlich aber doch) treuer Weggefährte, der ihr den Unterscheid zwischen Kunst und Ramsch und Surrealismus und Abstraktion erklärte. Jean Cocteau gehörte genauso zu ihrem erlesenen Freundeskreis wie später der Schriftsteller Samuel Beckett und der Fotograf May Ray.

Peggy Guggenheim liebte es zu leben. Doch immer wieder rannte sie sehenden Auges ins Unglück. Ehen zerbrachen an Eifersüchteleien und Gewalt. Ihr eigener Lebensplan stand mehr als einmal auf der Kippe. Ihr Freundeskreis war – oft in wechselnder Besetzung – immer für sie da. Genauso wie sie immer für diejenigen da war, denen sie zu Dank verpflichtet war. Ihrer Lehrerin in Teenagertagen überweis sie bis ans Lebensende eine monatliche Rente – die Dame wurde über 90 Jahre alt.

Venedig sollte nach den Grauen des Weltkrieges ihr neues Paradies werden. Die Liebe zur Kunst und zu Künstlern – der Expressionist Max Ernst war ihr zweiter Ehemann, nachdem aus Paris vor den Nazis flüchten mussten – sowie ihr unbändiger Durst nach Rebellion machten sie zu einer angesehenen und vor allem einflussreichen Kunstmäzenin. In ihrer Familie war es seit jeher Gang und Gäbe Künstlern eine Präsentationsfläche zu bieten. Natürlich nicht ohne finanzielle Hintergedanken. Peggy wurde mit ihrer Galerie oft belächelt und sogar beschimpft. Von familiärer Seite! Schlussendlich war sie es aber, die beispielsweise Jackson Pollock den Weg ebnen konnte zu einem der bedeutendsten Künstler des 20. Jahrhunderts zu reifen.

Ihrer Wahlheimat, und es war eine zweite Heimat für sie, Venedig blieb sie treu. Dort ist sie auch begraben, ihr Museum ist eines der meist besuchten Museen der Stadt. New York rühmt sich ebenso mit dem gleichnamigen Museum und Bilbaos Aufstieg zum Touristenmagneten ist untrennbar mit ihrem Namen verbunden.

Peggy Guggenheim war sicherlich ein streitbarer Mensch. Wen sie nicht mochte, bekam das auch zu spüren. Doch über die Jahrzehnte hinweg versprüht ihr Name noch immer den Hauch von Eigensinn, gepaart mit Durchsetzungskraft und dem Willen zur Erneuerung. Das ist Freiheit, die sie meinte, und die sie sich erkämpfte.

Kampuchea

Die Angeklagten haben kein Verständnis für ihre Situation. Befehlsempfänger waren sie. Dass durch sie Millionen Menschen starben, tun sie als statistischen Akt ab. Nur einer bereut: Duch. S-21, das war sein Arbeitsplatz. Als Schule der Kolonialherren aus Frankreich einst errichtet, war es in den knapp vier Jahren der Roten-Khmer-Herrschaft die berüchtigte Folterkammer der Herren der Organisation. Er scheint wirklich zu bereuen. Doch wer kann schon in die Seele eines Menschen schauen…

Angka, die Organisation war das seelenlose, gesichtslose, regungslose Faktotum von Bruder Nr. 1, Bruder Nr. 2 und den anderen Revolutionsführern in Kambodscha. Die Organisation befahl, alle mussten folgen. Wer stolperte, fiel erst recht. Widerworte wurden mit dem Tode bestraft. Alles auf Anfang war die Devise. Kein privater Besitz, keine Ärzte, keine Bildung, keine Bücher, kein Radio. Nichts. Städte wurden ausgelöscht, das Landleben als einzige Form des Zusammenlebens geduldet. Einheitskleidung als notwendiges Übel.

Patrick Deville reist nach Kambodscha, in seine Geschichte, zu Menschen, zu Opfern, zu Tätern – nach Kambodscha, das unter der Knute der Roten Khmer sich Kampuchea nannte. Zahlreiche kleine Kapitel fügen sich im Laufe des Lesens zu einem großen Ganzen zusammen, einem Mosaik aus Farben und Blut.

Schon immer faszinierte das Land die Forscher. Ein gewisser Henri Mouhot ging eines Tages auf Schmetterlingsjagd. Dabei stieß er sich erst den Kopf und später auf das sagenumwobene Angkor Wat. Wie in einem Zeitraffer reist Patrick Deville durch Kambodscha und gibt in Anekdoten das Schicksal des Landes wider. Wie ein Windspiel flattern die Ereignisse von Seite zu Seite. Schlagzeilen, die nie außer Landes kamen wechseln mit erschütternden Berichten.

„Kampuchea“ berichtet aus einem Land, das so nicht mehr existiert, das jedoch in der verhältnismäßig kurzen Zeit seiner Existenz mehr verlor als andere Länder jemals aufbauen werden können. Bis heute sind die Spuren der Roten Khmer spürbar. Angst und Verunsicherung sind hilfreiche Partner bei der Unterdrückung. Sie wieder zu entfernen, und ein wenig Normalität einkehren zu lassen, wird noch dauern.

Patrick Devilles Buch ist ein Zeitzeugnis und eine Liebeserklärung zugleich. Erschütternd, lebensbejahend, kenntnisreich – ein Buch, das man gelesen haben muss.

Expeditionen ins dunkelste Wien

Wien von unten! Eine Rundreise durch das Wien, das keiner kennt. Und die, die es kennen, wollen es am liebsten vergessen. Max Winter galt als Pionier der Sozialreportage. Doch seine Recherchen führte er nicht mit gespitztem Bleistift und Notizblock durch. Er warf sich in Schale, um unter denen, die das dunkle Wien kannten und prägten, nicht aufzufallen.

Tarnung nennt man das. Und so steigt er in die Kanäle der Stadt hinab, nicht um „mal was anderes zu sehen“ (und dann daraus eine Reisereportage zu machen), sondern um denen, deren Tagesgeschäft dieser (Hin-)Abgang ist, über die Schulter zu schauen, mit ihnen auf Nahrungsjagd zu gehen, ihrem Broterwerb nahe zu sein.

Wien ist oben, unterm Himmel, eine Stadt voller Impressionen. Herrschaftliche Häuser und Paläste, elegante Boulevards, gediegene Kaffeehauskultur. Doch wo Licht, da auch Schatten. Die Reportagenauswahl in diesem Buch, Max Winter hat weit über tausend in seiner Karriere geschrieben, ist ein Querschnitt seiner Arbeit. Und zudem eine Sozialkritik an den Zuständen ganz unten. Was Günter Walraff für das Nachkriegsdeutschland ist, war Max Winter für die österreichische Gesellschaft zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Für Max Winter waren Reportagen nicht nur Abbildungen der Wirklichkeit. Die kann man auch am Schreibtisch kreieren. Er ging voran, hinab, meist in Verkleidung. Die Ursachen des Lebens am unteren, äußeren Rand mussten erforscht, interpretiert und veröffentlicht werden. Als Chefredakteur einer Arbeiterzeitung sah er es als seine Pflicht an, denen eine Stimme zu geben, deren Hilferufe im Ansatz erstickt wurden.

Aus heutiger Sicht lesen sich die einzelnen Schicksale wie gerade erst geschrieben, obwohl sie ein Jahrhundert, zumindest aber fast so alt sind. Die Vehemenz der Worte, die unverstellte Sprache, der Wiener Dialekt, die schonungslose Offenheit, die unverblümte Wahrheit schockt den Leser. Von Seite zu Seite wünscht man sich die Helden in eine bessere Zeit versetzt. Man wünscht ihnen ein happy end. Doch alles ist echt. Nichts wurde hinzugedichtet. Das Licht am Ende des Tunnels ist nicht mehr als die Reflektion des Sonnenlichts durch die Öffnungen der Kanaldeckel.

Max Winter starb 1937 verarmt, verlassen und gekränkt in Amerika. Er floh vor den drohenden Konsequenzen, die ihm seine Texte bescheren würden. Zuvor war er Abgeordneter in Wien, sogar Vizebürgermeister.

Kurz nach dem Krieg wurde ein Platz nach ihm benannt, im zweiten Bezirk, Leopoldstadt. Gleich neben einem Park, der seinen Namen trägt. Eine Volksschule ist in unmittelbarer Nähe sowie Hotels. Eine Gegend, die Max Winter gefallen hätte.

Rossini – Die hellen und die dunklen Jahre

Als 2016 Prince aus der aktiven Musikwelt schied, überschlugen sich die Schreiber mit Superlativen. Er war so ungemein produktiv wie kaum einer zuvor. Vielleicht noch mit Mozart zu vergleichen, dem man so manches Werl abspenstig machen könnte, da es unmöglich erscheint in so kurzer Zeit so viele Werke (von Weltruhm) zu produzieren. Wie immer im Überschwang der Gefühle, vergisst man dabei leicht den einen oder anderen „Großproduzenten“.

Gioacchino Rossini wurde 1792 in Pesaro geboren. Im Nachbarland Frankreich standen die Fallbeile nicht still, in Italien dümpelte man vor sich hin, salopp betrachtet. Noch keine dreißig Jahre alt hatte Rossini schon den Ruf eines Wunderkindes weg. Gesegnet mit einer glockenklaren Stimme war er früh ein kleiner Star – was ihn mit Prince durchaus vergleichen lässt. Was den frühen Ruhm betrifft. Mailand und Neapel stritten sich um das Engagement Rossinis. Stilistisch war die Oper stehengeblieben. Erst die Leidenschaft Rossinis für die buffa, die komische Oper, brachte neuen Schwung ins Kulturleben. Und Rossini war ihre Triebfeder.

Bei all der Produktivität und Kreativität müsste Rossini eigentlich ein langweiliges Leben geführt haben. Meint man. Doch weit gefehlt! Eine sein Leben lang anhaltende Harnweginfektion sind erste Anzeichen für sein ausschweifendes Leben. Die Frauen waren ihm zugetan, er ihnen nicht abgeneigt.

Während Europa sich im Wandel nachhaltig verändert, sucht Rossini den Erflog auf der Bühne. Berühmt die Anekdote von der Katze während der Premiere von „Der Barbier von Sevilla“, die das Premierenpublikum zu Lachanfällen inspirierte. Wäre er nicht direkt davon betroffen gewesen, hätte er die Geschichte schrecklich amüsant gefunden. Denn Rossini galt als Liebhaber solcher Geschichten, die er gern zum Besten gab.

Die fetten Jahren gingen schnell vorüber, Autor Joachim Campe nennt sie auch die hellen Jahre. In Paris feierte er Triumphe, dirigierte in Madrid, wo er mit tosendem Beifall bedacht wurde, Doch zurück in Mailand war all der Ruhm wie hinweg geblasen. Neid, Missgunst und Unzuverlässigkeiten vergällten ihm den Alltag. Sein Stern begann zu sinken.

Ein wenig Fachwissen tut dem Leser gut, bevor er sich diesem Buch widmet. Eine Oper sich anzusehen, ist das Eine. Sie einzuordnen, Besonderheiten zu erkennen das Andere. Joachim Campe versteht es sein Fachwissen einem breiten Publikum nahezubringen ohne dabei die Hörer / Seher außeracht zu lassen. Rossinis Leben war spannend, zum Ende hin fast schon tragödienhaft. Geblieben sind fulminante Ouvertüren und eine riesige Anzahl an Werken, die bis heute begeistern. Rossinis Leben hingegen ist weitgehend unbekannt. Joachim Campe schiebt dem nun einen über 200 Seiten starken Riegel vor.

Die Diagnosen des Dr. Zimmertür

Was für ein Name: Zimmertür! Ein Doktor noch dazu. Genauer gesagt Psychoanalytiker. Aus dem Staunen wird verhaltener Respekt. Aus dem anfänglichen Amüsement Neugier. Wer sich mit dem Gedanken trägt ein kriminelle Laufbahn einzuschlagen, oder es im schlimmsten Fall schon getan hat, sollte nun die Beine in die Hand nehmen. Denn Dr. Zimmertür ist der Feind aller Übeltäter. Auch wenn sie noch so gewitzt sind. Oder gerade, wenn sie meinen dem gemeinen Ermittlervolk mit Tricks und Kniffen entkommen zu können.

Dr. Zimmertür, leicht dicklich, fahle Gesichtsfarbe, eingeschlafene Augen betreibt in Amsterdam ein ganz gut funktionierende Praxis. Zu hm kommt, wer es einfach nicht mehr aushält in und mit der Welt. Meist schon vor Betreten des Behandlungsraumes weiß der belesene Arzt, wo der Schuh drückt. Beängstigend, oder?!

Entspannung findet er in der Bodega von Beeldemaker. Er ist ein Genussmensch und wenn Kommissar Groot ihm Gesellschaft leistet, wird es oft spät. Denn Zimmertür ist – ob nun gewollt oder nicht, das lässt sich nicht endgültig klären – ein gewiefter Fallstrickentwirrer, ein Ermittler mit besonderen Methoden. Ovid und Baudelaire sind ihm genauso nah wie die Schriften Freuds.

Und so kommt es, dass ihm Kriminalfälle einfach so in den Schoß fallen. Er kann einfach nicht anders als sie zu lösen. Ein einfaches Beisammensein. Alle amüsieren sich, Zimmertür ist mehr eine Zufallsbekanntschaft als eingeladener Gast. Mehr Seltsamkeit als zugehöriges Mitglied der Gruppe. Beim Golfen entdeckt die Gruppe einen kleinen Schatz. Groß das Erstaunen über den Zufallsfund. Doch der seltsame Mann mit der ungesunden Gesichtsfarbe entpuppt sich als Spielverderber. Denn Kommissar Zufall hat mit dem Fund rein gar nichts zu tun.

Nur eine Geschichte der Diagnosen des Dr. Zimmertür. Verunsicherte Antiquitätenhändler, Justizminister in der Bredouille, Verleger in brandgefährlichen Situationen – alle kommen mit dem Gesetz in irgendeiner Art in Berührung. Nicht immer freiwillig.

Frank Hellers Doc ist bei Weitem kein gewöhnlicher Arzt und schon gar nicht ein „normaler“ Ermittler. Er war die erste skandinavische Spürnase, die international übersetzt und verlegt wurde. Eine echte Wiederentdeckung für alle Kriminalfans, denen ewig grübelnde Eigenbrödler die Lust auf neue Seiten verderben. Dr. Zimmertür ist gelassen wegen seines Erfolges. Er tut nur seinen Job. Eine Wohltat für alle Leser, denen die Literatur ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern vermag.

La Fidanzata

Ein Name wie Donnerhall schallt durch die Arenen der Welt: Juve kommt! Fans wie Spieler freuen sich bis heute, wenn die nationale Denkmal des italienischen Fußballs zu einer anderthalbstündigen Stippvisite vorbeikommt. Meist krallen sich die Spieler auf dem Platz gleich die Willkommensgeschenke mit gierigen Pranken und entführen regelmäßig drei Punkte von fremden Plätzen. Auf dem Platz standen und stehen Ikonen den Weltfußballs: Dino Zoff, Zlatan Ibrahimovic und Gianluigi Buffon und andere spielen mit Grandezza, während der Gegner noch darüber grübelt, ob die schwarz-weiß gestreiften Trikots nur Tarnung sind oder echten Gefängnisinsassen gehören.

Juventus Turin wird gern die alte Dame genannt. Echte Fans nennen sie La Fidanzata, die Verlobte. Zahlenjongleure sehen in Juventus Turin den trophäensammelnden Verein aus dem Norden, der unbarmherzig Spiele für sich entscheidet.

Es ist noch gar nicht so lange her, da wurde dieser Unbarmherzigkeit (und dem Titelsammeln) der Riegel vorgeschoben. Und das nicht nur sprichwörtlich. 2005 wurde Juventus zum zigsten Mal italienischer Meister. Diese Meisterschaft war etwas ganz besonderes. Es wäre die achtundzwanzigste Scudetto gewesen. Doch der Titel musste noch ein paar Jahre warten. Denn aus Abhörprotokollen der Staatsanwaltschaft ging eindeutig hervor, dass Spiele manipuliert wurden und somit die Meisterschaft erkauft wurde. Im Jahr darauf wurde Juve wieder Meister, doch die beiden letzten Meistertitel wanderten unversehens in den Abfallkorb der Geschichte und La Fidanzata in die Serie B. Mit dem Handicap von 30 Punkten Minus. Daraus wurden später 17 Punkte, doch der Gang in die Zweitklassigkeit blieb unangetastet – anders als bei weiteren in diesen Skandal verwickelten Vereinen wie AC Milan, AC Florenz und Lazio Rom. Ein Jahr im Keller, auferstanden wie Phönix aus der Asche. Ein Jahr später war man wieder oben auf und zu Beginn des zweiten Jahrzehnts stärker denn je. Sechs Meisterschaften in Folge gaben wieder Anlass zu Kopfschmerzen bei den Fans der gegnerischen Vereine.

La Fidanzata ist die Spalttablette im Calcio auf dem Stiefel. Wie das Trikot der Spieler gibt es nur Schwarz oder Weiß, Liebe oder Hass. Einfach, ernsthaft, zurückhaltend ist das Spielsystem von Juve von jeher gewesen. Schon früh waren ausländische Spieler und Trainer die Säulen des Erfolges eines vereins, der von Gymnasiasten gegründet wurde und seit fast einhundert Jahren in den Händen einer Familie liegt: Agnelli. Die Nachfahren des Fiat-Gründers schafften es dem Kaufwahn der Ölmilliardäre zu widersteh und Juve bis heute von fremdem Geld unabhängig zu machen.

Birgit Schönau ist für die ZEIT und die Süddeutsche in Italien tätig. Sie schafft mit inbrunstiger Wortgewalt dem Mythos Juventus den würdigen Blätterrahmen zu verleihen. Wie in einem Almanach folgen die Augen den Worten wie einer galant geschlagenen Flanke. Wie den Elfmeterschuss erwartende kann man es kaum erwarten bis man die nächste Seit aufschlagen kann. Und schlussendlich der Volltreffer, wenn man die zweihundert Seiten vollendet hat. Spieler, Namen, Anekdoten sind nun vertraut die Tante Trude um die Ecke, die Faszination ist weiterhin ungebrochen, wenn nicht sogar noch verstärkt worden. Keine Lobeshymne, jedoch ein Buch, das Spaß macht gelesen zu werden – egal, ob man nun Fan ist oder nicht.