Die Fledermaus

Sie sind ja irgendwie ganz niedlich, oder gar posierlich, diese fliegenden Wesen. Aber wenn sie auf einen zuflattern und erst im allerletzten Moment abrupt die Richtung ändern, wird einem schon ganz anders. Vor allem, weil es so viele Gruselgeschichten über Fledermäuse gibt. Kein Wunder, sind sie doch nur nachts zu sehen bzw. eben nicht. Und sie saugen einem das Blut aus. Klischee! Nicht mal richtige Mäuse sind sie. Weswegen auch vorgeschlagen wurde sie einfach nur Fleder zu nennen. Doch da hatte ein gewisser Trivialmaler österreichischen Ursprungs was dagegen und drohte mit Bautruppeinsatz im Osten Europas… So bleiben uns bis heute die Fleder-Mäuse.

Gunnar Decker war gerade in Venedig. Wollte schreiben und hatte sich wie üblich eine Wohnung gemietet. Doch er war nicht allein. Etwas streichelte ihn sanft des Nachts. Nicht Ungewöhnliches, nichts Unangenehmes. Doch sonderbar und deswegen dann doch unangenehm. Die Stadtverwaltung hatte zur Vermeidung einer Mückenplage Fledermäuse „engagiert“. Und die taten das, worum man sie „gebeten“ hatte. Mückenjagd. Kollateralschäden inklusive.

Doch der Schaden hielt nicht lange an. Gunnar Deckers Neugier und Ehrgeiz war geweckt: Die Boten der Nacht ins Tageslicht zu locken. Und er stieß bei seinen natur- und geisteswissenschaftlichen Erkundungen auf allerlei Wissens- und Lesenwertes.

Klar, dass der gefederte Graf aus den Bergen Rumäniens nicht fehlen darf. Dracula hat mehr zur Vereinigung Europas beigetragen als es Politiker und Wirtschaftsbosse je erreichen werden. Vielleicht sogar die ganze Welt. Die Interpretationen der Werke von vom Bram Stoker und Mary Shelly trugen maßgeblich dazu bei Fledermäuse mit dem Bösen gleichzusetzen.

Ganz neu war dies aber nicht. Schon die alten Römer nagelten Fledermäuse an die Stallungen, um Böses fernzuhalten. Und Schauergeschichten über die Leichtgewichte der nächtlichen Lüfte füllen bis heute die Kuriositätenseiten der Gazetten. Als Überträger von Viren sind sie nachweisbar eine Gefahr. Aber eben nicht generell.

Gunar Deckers Ausflug in die Biologie, Literatur und Geschichte ist der Einstieg in ein Gebiet, dass wenig von sich preiszugeben vermag ohne an Mythen vorbeizukommen. Die weit aufgerissenen Mäuler, wenn man sie denn mal zu Gesicht bekommt, sind einzig allein Ausdruck von Atmung. Fledermäuse atmen mehrmals pro Sekunde, wenn sie auf Beutezug sind. Im Ruhezustand kann man sowohl Herzschläge wie auch die Atemzüge an einer Hand abzählen. Das faszinierte Staunen des Lesers hingegen ist mit nichts auf der Welt zu vergleichen.

Aleppo literarisch

Das Erste, das im Krieg stirbt, ist die Wahrheit. Dann kommt der Wiederaufbau. Den muss man feiern. Und wie? Mit neuen Gebäuden, Einkaufszentren, neu errichteten, durchgestylten Vierteln. In einer Zeit, in der anscheinend Bilder mehr bewirken als Worte, verlieren so genannte immaterielle Werte schnell an Bedeutung. Sie sind halt einfach nicht greifbar, nicht darstellbar. Doch sind es genau diese Werte, die eine kulturelle Identität darstellen, kreieren, interpretieren und für kommende Generationen bewahrt werden müssen.

Der Krieg in Syrien ist mittlerweile zum Tagesgeschäft geworden. An allen Ecken und Enden zerrt man am plattgemachten Land. Millionen Syrer sind verstreut in alle Himmelsrichtungen. Ihre Erinnerungen schwinden mit jedem Tag ein bisschen mehr. Assimilation verlangt man von ihnen. Damit einher geht oft auch die Forderung Vergangenes zu vergessen.

Mamoun Fansa wurde in Aleppo geboren. Er spricht auch nach einem halben Jahrhundert immer noch den Dialekt seiner Heimatstadt, die auf syrisch Halep heißt. Im deutschen Exil ist er immer noch Halbi, Aleppiner. Leider bietet die deutsche Sprache ihm nicht die Möglichkeit zwei Heimaten zu besitzen. In Aleppo ist das egal. Hier gilt er als einer der Einheimischen. Ihn beschäftigt sehr, dass die Kultur seines Landes, seiner Geburtsstadt den Schreckensmeldungen der Nachrichten weichen muss. Mit diesem Buch setzt er diesem menschenverachtenden Treiben einen Gedankenstopp entgegen. Kinderspiele, Musiktraditionen, Gedichte und ein Rückblick in die Geschichte geben der Stadt, in der der Bürgerkrieg so arg wütet (es ist kaum mehr als das, was in den Nachrichten transportiert werden kann), ein Stück Wahrhaftigkeit zurück. Zusammen mit Schriftstellern, Musikern und Historikern setzt er einen Teil der kulturellen Identität der Stadt, die durch Giftgasangriffe, Bombardements und Elend zu einem Synonym des Krieges geworden ist, ein lebendiges Denkmal.

Das Aleppo der Erinnerungen wird niemals wieder so sein wie es mal war. Zumindest nicht auf Bildern. In den Köpfen kann es wieder erblühen. Bis es soweit ist, müssen diese Werte bewahrt werden – da ist es wieder das Wörtchen „wahr“. Es gibt ein paar Bildbände über Syrien und Aleppo. Auch Mamoun Fansa hat beim Nünnerich Asmus Verlag einen beeindruckenden Bildband („Aleppo – Ein Krieg zerstört Weltkulturerbe“) veröffentlicht. Seite an Seite, Seite für Seite zeigt er Aleppo vor und während des unsäglichen, und vor allem unnützen Krieg. „Aleppo literarisch“ ist nicht nur eine Fortsetzung, es ist die logische Konsequenz einer Stadt nicht die Erinnerung zu nehmen und den Kämpfern das Feld zu überlassen.

Noch ein Wort zur „nicht greifbaren Kultur“. So weit entfernt Aleppo von Deutschland zu sein scheint, so ähnlich sind sich doch die gebräuchlichen Sprichworte. „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ oder „Lange Rede kurzer Sinn“ oder „Platz ist in der kleinsten Hütte“ sind hier wie da seit jeher gebräuchlich. Gehen sie hier im Wust der Abkürzungen und Neuschöpfungen des digitalen Zeitalters langsam, aber sicher verloren, werden sie im Bombenhagel immer noch hochgehalten. Das ist wahre Courage!

Wir sind dann wohl die Angehörigen

Seit dem Frühjahr 1996 lässt sich Johann Scheerer noch unlieber aufwecken als zu vor. Denn an einem Märztag überraschte ihn seine Mutter, dass sein Vater entführt worden sei. Zwanzig Millionen Mark wollten sie haben, die Polizei nach Möglichkeit außen vor lassen. Jan Philipp Reemtsma war kein normales Entführungsopfer. Ihm gehörte ein Tabakimperium, dass er geerbt hatte. Das wussten die Entführer, und deswegen hatten sie sich ihn ausgesucht. Seine Anteile hatte er aber schon Jahre zuvor verkauft und war als Publizist tätig, der in der Kunstwelt einen klangvollen Namen hat.

Ein bisschen Wild-West-Romantik könnte man meinen, wenn man hört, dass ein Angehöriger über den Entführungsfall nun, nach zweiundzwanzig Jahren, ein Buch veröffentlicht. Doch genau das Gegenteil ist der Fall. Fast schon nüchtern distanziert kramt Johann Scheerer in seinem Gedächtnis die Tage im Frühjahr 1996 heraus. Gerade mal dreizehn Jahre war er als zum ersten Mal seine heile Welt Risse bekam. Risse, die bis heute unterschiedlich intensiv sichtbar sind.

Einen Tag zuvor paukte Johann noch für eine Latein-Klausur. Zusammen mit dem ungeduldigen Vater, der nur allzu oft seine Nase in Bücher steckte, und der auch nicht gerade vor Latein-Grammatik-Wissen strotzte. Jetzt ist alles anders. Die Polizei ist im Haus. Mehrfach, vielfach, rund um die Uhr. Inklusive der Familienbetreuer für die Angehörigen.

„Wir sind dann wohl die Angehörigen“, ein schnöder Spruch, der die hanseatische Gelassenheit widerspiegelt, die jedoch tief im Inneren von Angst, Ungewissheit und Furcht zersetzt wird. An Schule und die Latein-Klausur ist derzeit nicht zu denken. Die Entführer melden sich. Klar und konzentriert. Amateure sind das keineswegs.

Immer wieder scheitern Geldübergaben. Freunde und Familie sind für die Angehörigen da. Nur ein paar Dutzend Stunden soll alles dauern – es werden fast fünf Wochen. Wochen, in denen Jan Philipp Reemtsma in einem Keller angekettet sind und sein Bewegungsradius der eines Zollstocks ist. Für die Familie ist es ein Segen, dass sie das Geld mehr oder weniger schnell auftreiben kann. Hoffnung keimt auf. Doch die Entführer sind vorsichtig, extrem auf der Hut. Lauert auch nur ein Funken Gefahr, brechen sie die Übergabe ab. So scheitern mehrmals Übergabe. Der Funke Hoffnung scheint gar bald zu ersticken. Und Johann. Keine Schule. Besuch bei Verwandten. Fingerübungen auf der Gitarre. Chips. Gedanken über sein Verhältnis zum Vater, den er beim Vornamen nennt. Und Briefe des Vaters an die Familie. So viel lassen die Entführer zu. In dreiundreißig Tagen wird er vom Sohn zum Angehörigen.

Die Geschichte ist echt. Nichts erfunden, nicht hinzugedichtet. Sieben Menschen waren unmittelbar an der Entführung beteiligt. Vater, Mutter, Sohn sowie die vier Entführer. Hintermänner, Freunde und weitere Angehörige nicht mit eingerechnet. Johann Scheerer klagt nicht an. Weder die Entführer, noch die Polizei, die nicht immer richtig gehandelt hat (was heißt schon richtig in einer derartigen Situation?). Er lässt mit dem Abstand von zwei Jahrzehnten das Geschehene noch einmal Revue passieren. Er ist reifer geworden, hat Familie. Der Schnellschuss ist nicht sein Ding. Analysiert und reflektiert holt der die Vergangenheit zurück, ohne dabei gekünstelt die Schleusen ins Tränental aufzudrehen. Gelungener Rückblick auf ein Stück deutscher Geschichte, auf das so viele mit Freuden gern verzichten können.

Marrakesch

Schon mal einem Besessenen gegenüber gesessen? Keine Angst, dieser hier beißt nicht. Er pflanzt nur eine Sehnsucht in Ihre Gedanken. Und das ist ausschließlich positiv gemeint. Jalid Sehouli, wobei das J in Jalid wie ein CH gesprochen wird – warum wird im Anhang so wunderbar erklärt – ist in Berlin geboren, hat durch seine Eltern die marokkanischen Wurzeln nie verleugnet.

Und jetzt lässt er sie sprießen. Marrakesch trägt die Sehnsucht irgendwie schon im Namen. Ein mystischer Ort? Nicht unbedingt. Ein sagenumwobener Ort? Schon eher, aber das trifft es auch nicht exakt. Ein bunter Ort? Oh ja! Und wie!

Djemaa el Fna ist der zentrale Platz in der roten Stadt, wie Marrakesch auch genannt wird. Der Platz der Gehängten, was nicht ganz korrekt übersetzt ist, denn eigentlich ist es der Ort der Rechtsprechung oder die Versammlung der Toten. Lässt man alle Vorurteile mal beiseite, kommt man der wahren Bedeutung schon auf die Spur. Oder man fährt selbst nach Marrakesch, was der einzige Ausweg ist, dieses Buch vollends zu verstehen.

Die zahlreichen Geschichten, die Jalid Sehouli, heute Ordinarius der Charité in Berlin, sind ein Füllhorn an Emotionen, Träumen und Sehnsüchten, die in ihrer Buntheit, Unterschiedlichkeit und Bandbreite so eindrucksvoll von der tausendjährigen Stadt erzählt werden. Ihnen entkommt man nicht!

Wie ein roter Faden – da ist es wieder das Rot Marrakeschs – zieht sich auch die Sehnsucht nach Pastilla. Dem Leibgericht des Autors. Wie man es zubereitet, das ist die Belohnung für seitenlanges Lesen und Gedulden. Denn am Ende des Buches lüftet er ein paar Zubereitungsgeheimnisse dieses Gerichtes. Viele waren selbst ihm zuvor noch nicht bekannt. Doch wie „im richtigen Leben“ beginnt eine Reise schon mit dem Gedanken an selbige.

Jalid Sehouli zu folgen ist eine wortgewaltige Freude. Jeder Absatz kündet von einem Abenteuer, das man gern mit dem Autor zusammen erleben möchte. Er ist kein Reiseführer, er ist ein ReiseVERführer. Man stelle sich vor, dass man wie zuvor schon beispielsweise Truman Capote, die rote Stadt besucht. Man atmet den Duft der Gewürze ein, stöhnt über die bis tief in die Abendstunden hinein wirkende Hitze, folgt den Staubwolken des Alltags und hat dieses Buch zur Hand. Eine Befriedung der schlechten Gedanken, eine Bestätigung dessen, was vor Reiseantritt alles getan wurde. Marrakesch ohne Jalid Sehoulis Buch, ist wie ein Schnitzel im Dschungel. Möglich, aber unvorstellbar.

Ein Führer durch das lasterhafte Berlin

Ein wunderbarer Titel, mit dem man so wunderbar spielen kann. Nein, es geht nicht um LKW, es geht um das Laster. Und das mitten in Berlin. Die Goldenen Zwanziger waren kalendarisch vorbei als Curt Moreck 1931 diesen Reiseband schrieb. Hätte er da schon gewusst, dass die Nazis ihn mit Berufsverbot belegen und seine Bücher verbrennen würden, wäre dieses Buch garantiert kein Führer geworden. So wurde es ein anderer…

Das Buch wurde nicht überarbeitet – darf man heutzutage eigentlich Bücher mit Tipps für den „Fremdenverkehr“ so ohne weiteres veröffentlichen? – und somit sind einige der Lokalitäten, jeder weiß mittlerweile worum es geht, vielleicht nicht mehr am selben Ort bzw. in der Mehrzahl einfach verschwunden.

Also nix mehr mit ‘nem Fuffziger für ‘ne Bockwurst mit Kartoffelsalat wie einst im Alt-Mexiko zur frühen Morgenstund. Katerfrühstück uff berlinerisch. Wer das heute googelt, landet erstmal bei Antiquariaten und dann bei einem Restaurant.

Das deutsche Babylon 1931 lautet der Untertitel. Naja, ganz so dramatisch ist der Inhalt dann auch wieder nicht. Spelunken und Kaschemmen geben sich ein Stelldichein, leichte Mädchen locken in kecken Posen den nächsten Gast heran. Und über achtzig Jahre später ist der Reiseband immer noch lesenswert. Curt Moreck schreibt mit derartiger Vehemenz und Lebendigkeit, dass einem schon nach wenigen Seiten nicht mehr auffällt, dass mittlerweile der historische Wert den Informationsgehalt weit überholt hat.

Sich neppen lassen, war damals schon ein Problem. Klar, freier Eintritt ins Varieté. Da lässt man sich nicht zweimal bitten. Doch an der Garderobe oder bei der Begleichung der Rechnung trifft den Gast der Schlag.

„Jeder einmal in Berlin!“ war der Slogan des Berliner Fremdenamtes. … Den Spruch muss man erstmal sacken lassen. Was einmal?! Nur einmal! Da ist sie wieder die gaggernde Masse, die sich bei dem Begriff lasterhaft vor Lachen in die Hosen macht. Heute würden sich die Tourismusmanager und Projektleiter und Hostessen (der Begriff ist heute allerdings ganz anders belegt) mit so einem Slogan gleich die Kündigung abholen. Is so überhaupt nicht political correct!

Trotz all der Wendungen und Wandlungen der vergangenen Jahrzehnte sind Bücher wie dieses immer noch eine Offenbarung. Mit einem vielsagenden Schmunzeln gräbt man sich durch die Kiezkneipen und Etablissements von vor Jahrzehnten. Und garantiert kommt man schnell ins Gespräch, wenn man dieses Buch in der U-Bahn liest. So ein Buch erzeugt Aufmerksamkeit. Auch deswegen sollten viele Hotels in Berlin dieses Buch zumindest zur Ausleihe anbieten. Jede Großstadt, jede Metropole hat ihre dunklen Seiten und Ecken und Zeiten. Es ist gut so, dass man heute ruhigen Gewissens mit einem Schmunzeln solche alte Reisebände noch findet und lesen kann. Pädagogisch hält sich der Erkenntnisschatz im Rahmen, aber der Unterhaltungswert liegt um ein Vielfaches höher als bei der Erstausgabe.

Reise nach Karabach

Ein Vierteljahrhundert ist es gerade einmal her, dass die Region Karabach von marodierenden Banden in Angst und Schrecken versetzt wurde. In Georgien hatte sich der Präsident Swiad Gamsachurdia aus dem Staub gemacht, die Regierung existierte maximal noch auf dem Papier. Anarchie und Selbstjustiz bestimmten den Alltag. Jeder war gegen irgendjemanden, gegen irgendetwas. Für etwas zu kämpfen – das gab es nicht.

Gio ist ein Kind dieser Tage. Vierundzwanzig ist er mittlerweile und hatte mehr mit der Polizei zu tun als Tage im Sandkasten verbracht. Kleinere Gaunereien, die nicht weiter ins Gewicht fallen, wenn man die Gesamtsituation oberflächlich betrachtet. Sein Kumpel Gogliko, als Freund würde er ich niemals bezeichnen, in einer Zeit, in der gegen etwas gekämpft wird, ist nur Platz für Verbündete, aber nicht für Freunde, überredet ihn hartnäckig mit ihm nach Aserbaidschan zu fahren. Was einkaufen, Drogen. Und die werden nach der Rückkehr in Georgien gewinnbringend an den Mann oder die Frau gebracht. Zum ersten Mal etwas für etwas tun. Die Verlockung siegt über die Zweifel.

Der Alda, der die beiden über die Grenze bringen soll, hat auch schon bessere Zeiten gesehen. Der Trip soll angeblich bestens organisiert sein. Doch Gio glaubt im tiefsten Inneren seines Herzens seinem Kumpel Gogliko kein Wort. Da aber eh nichts anderes anliegt, kann er ja mitkommen. Jana, die Frau, in die er sich gerade zu Verlieben schien, ist auch weg. Ihn hält nichts in Tblissi.

Der Bürgerkrieg in der Region ist geprägt von Kämpfern, die allesamt erfahren sind im sich Tarnen, Verstecken und plötzlicher Angriffslust. Aus dem Dickicht hervorschießen und mit unglaublichem Jähzorn jedem Fremden die Verachtung ins Gesicht zu rotzen. Jeder gegen jeden. Armenier, Georgier, Aserbaidschaner, Tataren, Russen – Freund und Feind sind gleichermaßen verdächtig. Und so gerät der Trip, der ein wenig Sonne in die Schwarzpulverschwaden bringen soll, zum Höllentrip. Gewehrkolben im Gesicht, blutverschmierte Fratzen, Hoffnungslosigkeit, angstverbreitende Kalaschnikows im Anschlag. Aus der Sonne wird wohl nichts mehr werden…

Aka Morchiladze gehört zu Georgiens Schriftsteller –Elite. Seine Bücher wurden vielfach ausgezeichnet und dieses verfilmt.

„Reise nach Karabach“ ist ein Roadmovie, dessen Ende niemand vorausahnen kann. Auch Gio weiß nur, dass der Ausflug nicht einfach wird, dass er so endet und sein Leben verändern wird, konnte er sich niemals im Leben vorstellen. Die expressionistische Sprache katapultiert den Leser in eine Zeit, in ein Land, die nah und fern zugleich sind. Der vergessene Konflikt, das Land, das so weit weg im Osten liegt, sind nur zwei Zutaten, die dem Leser das Buch als fiktional erscheinen lassen. Doch jedes Wort kann genauso gefallen sein. Und das ist die erschreckende Erkenntnis, die am Ende des Buches steht.

Paris abseits der Pfade, Band II

Kann man das Besondere noch besonderer machen? Ist nicht schon alles über Paris geschrieben worden? Ist die Stadt nicht ein offenes Buch? Nein! Man mag es kaum glauben, aber im Überfluss der Parisbücher gibt es immer wieder grelle Lichtquellen, die die Massenproduktion über die Stadt der Lichter, die Stadt der Liebe in den Schatten stellen.

Zwei Jahre ist es her, dass Georg Renöckl den ersten Funken in den Orbit der besonderen Paris-Bände entsandte. „Paris abseits der Pfade“ war der ambitionierte Name, der das Versprechen des Titels auf jeder Seite hielt. Nun folgt Band Zwei. Fortsetzungen haben immer den Beigeschmack, einen Erfolg auf Teufel-Komm-Raus ewig in die Länge zu ziehen. Georg Renöckl schafft es scheinbar spielerisch diesem Trend mit Inhalt, Spannung und wahrer Detailverliebtheit ein Schnippchen zu schlagen. Denn auch der zweite Band (wie schon bei den beiden Wien-Büchern der Reihe, Georg Renöckl schuf den zweiten Teil) wird selbst Paris-Kenner in Erstaunen versetzen.

Schon allein die Auswahl der Viertel, die er unter die Lupe nimmt, verheißen Paris par excellence: Saint Germain des Près, Montmartre, Bois de Boulogne. Das ist Paris! Das ist es, was der geneigte Paris-Besucher sehen will. Und das bekommt er auch. Doch eben nicht die Wegbeschreibungen zum nächsten Shoppingtempel oder der nächsten Würstchenbude. Nein, Georg Renöckl schlendert mit geschärften Sinnen durch die „besseren Viertel“, um dem Schmelztiegel Paris beim Verknüpfen von Vergangenheit und Gegenwart zu einer Zukunft zuzuschauen. Und immer mit dabei: Der Leser.

„Auf diskreten Wegen durch den goldenen Pariser Westen“ heißt ein Kapitel, das das Anliegen des Buches am besten widerspiegelt. Villen prägen das Panorama, das den Besucher empfängt, wenn der die Metro an der Station La Muette verlässt. Etwas mehr als eineinhalb Jahrhunderte ist es her, dass die Bewohner von Ateuil und Passy sich als Pariser bezeichnen dürfen. Napoleon III. hatte das Ruder fest im Griff (naja, was man halt landläufig als „fest“ bezeichnet) und Haussmann befehligte eine Armada von Baugeräten. Hier lässt es sich aushalten. Wer im sechzehnten Arrondissement lebt, genießt tagtäglich die Aussicht auf das Paris der Hochglanzprospekte. So der erste Eindruck. Doch hier gibt es noch mehr. Die Vergangenheit mit den mehrstöckigen, effektvoll verzierten Häusern fällt einem immer wieder ins Auge, das Museum Marmottan lädt zum Verweilen ein (inkl. Monet), doch dann stürzt die Gegenwart mit ihren Zukunftsplänen das verträumte Auge mitten in die Realität. Der moderne Wohnungsbau mit all seiner Phantasielosigkeit türmt sich vor einem auf. Auch das ist Paris. Kleine Grünanlagen besänftigen sofort wieder das Gemüt, bevor die Reise kurz für Lapin à la moutarde unterbrochen werden kann. Das Rezept hat Georg Renöckl für die „Daheimgebliebenen“ gleich mit abdrucken lassen.

Victor Hugo bezeichnete das Flanieren als pariserisch. Georg Renöckl führt diese Aussage weiter und breitet nun schon zum zweiten Mal den roten Teppich als Beweis selbiger für den Parisgast aus. Auf ihm im Blitzlichtgewitter der Stadt zu schreiten, ist ein Wohltat für jeden einzelnen Sinn.

Costa Rica

Was ist ein besonderer Urlaub? Der allererste mit den Eltern. Der allererste ohne die Eltern. Der allererste als Paar. Eine Reise, auf die man lange gespart hat. Eine Reise, deren Anreise so lang dauert, dass man einen kompletten Reiseband einmal von Vorn nach Hinten und dann wieder von Hinten nach Vorn lesen kann. Gerade dann ist es wichtig, dass die Reiselektüre spannend, informativ und bis ins kleinste Detail hilfreich ist. Und wenn man Letztes zusammenwürfelt, erhält man eine Reise nach Costa Rica, die mit diesem Reiseband ein Stückchen näher rückt.

Costa Rica sticht nicht nur in Lateinamerika, sondern generell aus der Masse an Ländern und Reisezielen heraus. Es gibt keine Armee im Land, Massentourismus ist verpönt und deswegen nur marginal vorhanden, Nachhaltigkeit wird großgeschrieben. Ein Füllhorn an Naturattraktionen, zwei Meere, Bergtouren, action and fun (so viel Anglizismus muss sein), eine lokale Küche, die jedem Leckermäulchen ein permanentes Lächeln ins Gesicht zaubert, endlose Strände – klingt irgendwie nach Paradies. Ist es auch!

Hat man bzw. kann man sich dazu entschließen Costa Rica zu besuchen, wird es Zeit die Reise genau zu planen. Wer dem durchorganisierten Wahnsinn mit hinter einem Regenschirm gruppenweise durchs Dickicht der Hotspots folgenden Herde entgehen will, muss selber seine Reise zusammenstellen. Dieser Urlaub soll etwas ganz Besonderes werden. Autor Jochen Fuchs hat mit seinem Reiseband, der besonders auf Individualreisende zugeschnitten ist, die Bibel aller Costa-Rica- Reisebände zusammengestellt.

Das besondere Highlight sind die Touren, die es dem Neuling im Land zwischen Nicaragua und Panama vereinfachen auf der Suche nach dem Paradies fündig zu werden. Egal ob man knapp zwei Wochen, reichlich zwei oder drei Wochen bleiben will. Immer wieder streut er Anekdoten, wichtige reisepraktische Tipps ein, die farbig unterlegt nicht nur zum Lesen, sondern zum Nachmachen und Erleben einladen.

Die Masse an Naturparks überfordert den Reisenden an der einen oder anderen Stelle. In Ruhe kann man im Buch nachlesen, welche Attraktionen die einzelnen Parks bieten. Ob nun am Seil durch den Dschungel gleiten und über die Wipfel des Regenwaldes Naturschauspiele aus einer besonderen Perspektive hautnah erleben oder lieber im glasklaren Wasser der Karibik furchteinflößenden Geschöpfen über die Flosse streichen, oder beim Bummel durch Liberia, der kleinsten Provinzhauptstadt mit den Einheimischen die Siesta verdösen, dieses Buch ist ein Ratgeber zu jeder costaricanischen Tageszeit. Die nützlichen und detaillierten Karten stehen als Download für elektronische Geräte zur Verfügung. Das Buch selbst wird man immer dabei haben – so viel steht schon lange vor der Abreise fest.

So wie man Obst isst, um einer drohenden Erkältung entgegenzuwirken, so dringend empfiehlt es sich in dieses Buch als Reisegrundlage für Costa Rica zu vertiefen. Jochen Fuchs ist das, was man einen Landeskenner nennt. Und er beweist das auf jeder der knapp 600 Seiten.

Unbescholtene Bürger

Da muss man schon einen Stich haben, wenn man im Paradies etwas anstellt, wofür andernorts aus selbigem vertrieben wird. Und damit Justitia nicht blind bleibt, gibt es Leute wie Jack Teddyson, Privatermittler. Eigentlich heißt er Raymond Vauban, Martinique ist französisches Gebiet in der Karibik, doch Jack Teddyson klingt martialischer, wenn man das „Teddy“ nicht so stark hervorhebt.

Sésostris Ferdinand wurde ermordet. Da ist den Behörden bekannt. Sie ermitteln auch, nur leider mit so gar keinem Erfolg. Deswegen wendet sich die Witwe des Verstorbenen Irmine an die abgewrackte Spürnase. Das Honorar, das er aufruft, schreckt sie nicht ab. Ihr Gatte war schließlich vermögend.

Der Fall ist auf Martinique so bekannt, dass selbst der Zuhälter von Jack Teddysons Immer-Mal-Wieder-Freundin bzw. Gespielin Veronica dem Schnüffler ins Gewissen redet. Beziehungsweise ihm seine Stirn ins Gewissen, vor die Stirn donnert. Das saß! Ehemalige Angestellte von Sésostris Ferdinand geben weiter Hinweise, die Jack auf die Spur eines Glückspiels bringen, bei dem die Gewinnerstraße eine verdammt enge Gasse ist. Viele Angestellte verloren so und oft ihren ohnehin nur als Hungerlohn zu bezeichnendes Salär. Ein Motiv? Und sehr viel Verdächtige? Kann doch nicht sein – das hätte die Polizei schon genauso herausgefunden, oder?!

Einen Geldregen erhält Teddyson von einem schwerreichen Martinikaner, dessen unehelichen Sohn er schlussendlich gefunden hat. Die Kohle ist allerdings schnell wieder futsch, da er sie bei einer weiteren Freundin deponiert hat. Die wiederum hat nichts Besseres zu tun als auszubüchsen. Dem Ganzen die Krone setzt allerdings der Fakt auf, dass der wiedergefundene – uneheliche – Sohn des Schwerreichen irgendwie auch mit dem Tod von Sésostris Ferdinand zusammenhängt.

Verwirrt? Keine Angst, es löst sich alels auf. Jack Teddyson schwirrt nicht weniger der Kopf. Er verflucht jedes Kapitel dieses, dessen Erzähler er ist, weil immer mehr Verdächtige auftauchen und verschwinden, neue Zusammenhänge hervortreten und Freunde nicht immer alles und sofort erzählen. Selbst der treue Inspector Maxo, der einzige Bulle, dem Jack vertrauen kann, behält noch einiges für sich. Irgendwie könnte man die Sache auch so sehen: Alles nur Unschuldslämmer, die nichts verbrochen haben. Also nur unbescholtene Bürger! Von wegen…

Schlank mit kleiner Wampe – genetisch bedingt – und unnachgiebig im Umgang mit Behörden, Zeugen und Verdächtigen muss Jack Teddyson sich durch ein Dickicht kämpfen, das jeder besser kennt als er selbst. Martinique ist klein, jeder kennt jeden, da fällt es schwer sich hervorzutun und sich einen Vorteil zu verschaffen. Raphaël Confiant lässt seinen Helden schwitzen und nimmt den Leser in den Schwitzkasten. Wer diesen Roman vor dem Finale beiseitelegt, braucht schon eine verdammt gute Ausrede. Ansonsten heißt es: Aufschlagen – Lesen – Träumen.

Von Inseln, die keiner je fand

„Lügenatlas! Lügenatlas!“, das hat wohl noch niemand skandiert. Doch es gibt Anhaltspunkte und Fakten … und dieses Buch. Wer immer in ein Reisebüro geht und nach außergewöhnlichen Reisezielen fragt, kann mit ein paar Tricks den Verkäufer um den Verstand bringen.

Unbuchbar ist beispielsweise eine Reise auf die Inseln Los Jardines. Der Name klingt doch real, zumindest vertrauenserweckend. Irgendwo, wo die Sonne niemals aufhört zu scheinen. Die Qualität des Reisebüros erkennt man dann daran, dass der Verkäufer mit einem Spruch kontert, der einen darauf hinweist, dass man ein knappes halbes Jahrhundert zu spät kommt. Denn 1973 wurde dieses Insel/ Inselgruppe endgültig  von den Landkarten gelöscht. Was war passiert? Ein Vulkanausbruch oder eine andere Naturka(r)tastrophe? Mit nichten. Die Inseln haben einfach nie existiert. Eroberer hatten sie erwähnt, aber ihre Existenz konnte nie bewiesen werden.

Ein Art Atlantis. Auch dieser Mythos wird in diesem Buch nicht minder amüsant und faktenreich beschrieben. Als ein Eiland, auf dem die Zivilisation geboren wurde. Ein Eiland, von dem aus Eroberungsfeldzüge gestartet wurden. Ein Eiland, das wohl nicht mehr oder minder niemals mehr als ein Mythos.

Malachy Tallack war wie viele andere schon länger von den verschwundenen, sagenumwobenen Inseln begeistert. Überall in Niederschriften, auf Karten, in Büchern findet man Hinweise auf Inseln, die letztendlich „keiner je fand“. Und immer wieder gab es Forscher, die den Mythen Glauben schenkten – aus unterschiedlichsten Gründen – und teils auf Teufel komm raus Beweise und Fakten für deren Existenz liefern wollten. So vermutete man Thule bei Island. Dort tranken die Menschen literweise Honigbier. Blöd nur, dass zum Zeitpunkt der vermeintlichen Entdeckung niemand dort war, der Honig produzieren konnte…

Dieses Buch ist ein wahrer Krimi durch die Literatur- und Kartengeschichte. Malachy Tallack nimmt so manchem Entdecker gekonnt den Wind aus den Segeln und Katie Scott illustriert die Seiten des Buches so echt, so farbenfroh, dass die Grenzen von Wahrheit und Dichtung erneut zu verschwimmen drohen. Aber keine Angst, die Texte sind nachvollziehbar, die Thesen der Vergangenheit leider nur Thesen, das Buch jedoch ist real.