Ein Attentat

Wien, Mariahilfer Straße. Vor mehr als einem halben Jahrhundert. Ein namenloser Jura-Professor, steigt auf den Dachboden seiner Wohnung. Ein Paradies für Kinder, die unter der dicken Staubschicht aus der Vergangenheit ein Abenteuer machen können. Doch dieser namenlose Professor sieht mehr in diesem Chaos als so manch anderer. Eine Lafette, inkl. passenden Maschinengewehrs. Mit so einem Ding kann man gut geschützt riesigen Schaden anrichten. Doch woher kommt das Ding? Wer hat es aufgestellt? Und vor allem warum?

Das Räderwerk im Oberstübchen des Professors beginnt sich in Bewegung zu setzen. Schnell wird klar, dass hier etwas Großes im Gange zu sein scheint. Denn ein wichtiger Staatsgast hat sich angesagt. Die Augen der Weltöffentlichkeit, wie es so schön heißt, sind auf Wien gerichtet. Der Staatsgast trägt die Initialen N.C., und er kommt aus Moskau: Nikita Chruschtschow. Soll ihm von hier der Garaus gemacht werden? Aus dieser Mansarde im Sechsten? Die Auswirkungen wären immens, welterschütternd, langanhaltend bis zerstörerisch. Doch wem soll man sich anvertrauen?

Das Rätselraten mit den Freunden und Kollegen steigert sich fast zu einer Hysterie. Der Tanzbär aus Moskau – soll er wirklich hier in Wien um die Ecke gebracht werden? Von wem? Den eigenen Genossen? Ungarn, die sich für die Niederschlagung ihres Aufstandes rächen wollen? Den Amerikanern? Oder gar von einem oder mehreren verrückten? Die Gedanken sprießen wie Unkraut.

Der Professor schweift in dieser für ihn durchaus brenzligen Situation immer wieder ab. Wie verlief sein Leben bis hierhin? Was musste er tun, was hat er getan, um der zu sein, der er jetzt ist? Wie Blitzeinschläge holen in ihn die Lafette, die Waffe wieder zurück ins wahre Leben…

Ernst Brauner lässt seinen namenlosen Professor ganz schön schwitzen. Kriege hat er überlebt, Besetzungen überstanden, Genugtuung in seiner Arbeit und Frieden in seiner Ehe gefunden. Das Leben hat es gut mit ihm gemeint. Und nun das? Unerhört! Doch der Kampfgeist ist noch nicht verschwunden. Intellektuell, komisch, dramatisch – „Ein Attentat“ fordert die volle Konzentration des Lesers. Kein Roman, der mit anderen zu vergleichen ist. Kein puff, peng, bumm, und alles ist wieder wie es mal war. Aktionismus, blind oder wütend, führt zur Katastrophe. Die Auswirkungen können die Handlenden selbst beeinflussen. Opfer gibt es am Ende immer. Tod und Flucht – wer hat eigentlich gewonnen? Viele Fragen, die der Autor nicht komplett beantwortet und die lange am Leser nagen werden…

Paris, Mai ’68

Anne Wiazemsky ist Cineasten ein Begriff. Als Schauspielerin, die mit Robert Bresson, Pier Paolo Pasolini und Jean-Luc Godard arbeitete, mit dem sie auch verheiratet war. Auch als Schriftstellerin machte sie sich einen Namen.

Das Jahr 1968 beginnt wie jedes andere auch für die junge Schauspielerin, die – gerade mal zwanzig – in Jean-Luc Godard die Liebe gefunden hat. Ihr Leinwandstern beginnt gerade richtig zu funkeln als in Paris erste Unruhen das öffentliche Leben zu stören beginnen. Im Frühjahr eskaliert die Gewalt auf den Straßen. Das Pflaster wird aufgerissen, um den Strand ans Licht zu holen. Knüppel und Schutzschilde auf der einen, Tücher vor dem Mund und eindeutige Parolen auf der anderen Seite. Und mittendrin ihr Gatte. politisiert, angestachelt von Kameraden und dem Drang mitzugestalten.

Jean-Luc Godard ist nun nicht mehr nur die Ikone der nouvelle vague, sondern will in die erste Reihe der Kämpfer hervorstoßen. Ohne Rücksicht auf Verluste, ohne großes Grübeln über die Wahl der Worte, sehr wohl aber der Waffen, stürzt er sich ins Getümmel. Wer Widerworte gibt, bekommt die volle Breitseite seines Wortschatzes zu spüren. Unversöhnlich ist er. Nur gegenüber Anne ist er ab und an ein wenig zahmer.

Für sie ist der Mai 1968 ein Wendepunkt. Mit aller Macht wird sie in die Unruhen, die Kämpfe, die politischen Agitationen hineingezogen, obwohl ihr Filmemachen näher ist als der gesellschaftliche Umsturz. Bernardo Bertolucci macht ihr Offerten für einen Film. Die Beatles, wollen mit Godard drehen. Die Stones drehen mit Godard.

Filme werden radikaler, die Kunst einmal mehr als Waffe installiert. Wirtschaftlich weitgehend abgesichert, lässt es sich besser kämpfen als mit knurrendem Magen. In der Wohnung von Jean-Luc Godard und Anne Wiazemsky tummeln sich die Agitatoren. Sie ekelt sich vor ihrer rüden Sprache, ihrem ungepflegten Aussehen, kann ihrer Logik nicht folgen. Jean-Luc ist Feuer und Flamme, stößt alte Weggefährten vor den Kopf. Die Ehe wackelt und wird bald schon vor dem Aus stehen. Doch darüber wird sie niemals schreiben. Da bleibt sie sich treu.

„Paris, Mai ‘68“ ist kein aufwieglerisches Manifest, das zum Kampf aufruft. Es sind Memoiren einer Frau, die in einen Kampf hineingezogen wurde, der nicht der ihre war. Sie gibt einen Einblick in Kreise, die ihr eigenes Leben führen. Elitär – ja, aber stets darum bemüht dem wahren Leben auf der Straße nicht mit Gleichgültigkeit zu begegnen. Daniel Cohn-Bendit, François Truffaut und Bruno Cremer treten in Episoden auf wie der Nachbar von nebenan, den man an der Supermarktkasse trifft. Gespickt mit Anekdoten, die das Lesen dieses ernsten Textes immer wieder auflockern, zeigt Anne Wiazemsky ihre Sicht auf die Dinge im Mai ’68 und die darauf folgende Zeit.

Quer durch Wien

Peter Payer reist mit allen Sinnen durch Wien. Doch er vermeidet es im Überschwall der Eindrücke einen weiteren Wien-Reiseband auf den Markt zu werfen. „Quer durch Wien“ ist keine Anleitung zum Hotspot-Suchen oder eine Geheimtipp-Anleitung für die Donau-Metropole.

Es sind die Dinge, die einem erst auf dem zweiten, vielleicht sogar erst dritten Blick auffallen, die ihn antreiben. Vieles fällt selbst Wien-Experten erst beim Lesen dieses Buches auf. Wie zum Beispiel die Anzahl an öffentlichen Uhren. Man ist es ja schon gewöhnt immer auf der Höhe der Zeit zu sein, sein zu müssen. Selbst auf Reisen sind Stunde und Minute für viele der Gradmesser an Erholung und Erfahrung. Wie viele Attraktionen kann ich bis zur nächsten Mahlzeit abarbeiten etc.? Nein, Peter Payer ist wahrhaft kein Sammler von Eindrücken, die Postkartenqualität haben.

Doch wer gerade Wien sich als Objekt der Begierde erwählt hat, wird so manches entdecken können, das Wien von anderen Städten unterscheidet. Die Geschichten, die dahinter stehen, sind es dieses Buch zu einem wahrhaften Schatz anwachsen lassen. Eine ruhige Viertelstunde auf einer Parkbank. Die Seele baumeln lassen und ein wenig in diesem Buch schmökern. Die Kapitel sind nicht lang, laden geradezu ein, sich inspirieren zu lassen. Da kann man gut und gerne mal ein paar Tage Wien erleben und dabei ganz vergessen, dass es grandiose Attraktionen en masse gibt. Doch die will jeder sehen. Jeder muss da hin. Und jeder steht in der Warteschlange vor einem.

Peter Payers Reisen durch Wien sind wie gemalt für Andersreisende. Ob Paternoster oder Gartenstadt, ob Schwimmbad oder Filmindustrie – Wer (mit) „Quer durch Wien“ ist, kommt auf alle Fälle auf seine Kosten. Und bleibt nicht auf ihnen sitzen. Es ist die Vielfalt der Stadt und die Detailverliebtheit ihres Autors, der dem Leser das Gefühl vermittelt an etwas wirklich Großen teilzuhaben. Selbst gestandene Wiener werden mit großen Augen sich durch dieses Buch fressen und aus dem Staunen nicht mehr rauskommen. Die Essays verlangen wenig Vorwissen. Doch schon nach ein paar Kapiteln kann man sich getrost als „Wiener with benefits“ bezeichnen, der schon lange über das „Tauben vergiften im Park“ hinaus ist.

Bücher wie „Quer durch Wien“ lassen den Abenteuerdrang und den Forschergeist eines jeden wieder aufleben. Suchen, Haschen, Raten ist die Überschrift eines der Kapitel – kann aber auch als Untertitel für dieses Buch, die nächsten Besuche gelten.

Kreta

Jetzt ist der Reiseband Kreta endgültig erwachsen. Einundzwanzigste Auflage, jetzt geht’s erst richtig los. Eberhard Fohrers Reiseband ist schon lange kein Geheimtipp mehr, vielmehr ein liebgewordener Freund, den man ab und an gern einlädt mit einem auf Reisen zu gehen.

Kreta ist die fünftgrößte Insel des Mittelmeeres. Noch vor Mallorca und Ibiza. Und Geburtsinsel von Göttervater Zeus. Von Deutschland aus ist die Insel binnen drei Stunden erreichbar. Soweit die Zahlen, soweit der Mythos.

Eberhard Fohrer wählt da einen anderen Ansatz. Ihm ist die Insel ans Herz gewachsen. Vor über vier Jahrzehnten war er das erste Mal hier. Und seit dem immer wieder. Im Gegensatz zu manch anderen „All-Inclusivlern“ allerdings nicht immer am selben Ort, bei denselben Gastgebern, mit der selben Menüfolge …, sondern immer wieder auf der Suche nach Neuem, nach Berichtenswertem, auf der Suche nach dem Besonderen Etwas.

Es ist wie bei der Auslosung der nächsten Runde im DFB-Pokal. Einfach das Buch an irgendeiner Stelle aufschlagen und schon gibt es eine Überraschung. Spíli. Die Gartenstadt. Brunnen – Café – Heiliger Geist. Das ist die genüssliche Dreifaltigkeit. Wer’s nicht versteht, schlägt entweder Seite 361 im Buch auf oder reist nach Spíli. Am besten jedoch ist beides, erst Buch, dann Reisen und Aussicht genießen.

Nun ist Kreta schon seit einer gefühlten Ewigkeit besiedelt. Und jede Epoche hat ihre Hinterlassenschaften so zurückgelassen, dass sie heute noch besichtigt werden kann. Unübersehbar in den gelben Kästen künden sie vom kulturellen Reichtum der Insel, von ruhmreicher Geschichte, aber auch von dunklen Kapiteln, wie der Besatzung durch die Deutschen während der Nazizeit.

Kreta ist auch eine Insel, die sich gern per pedes oder per Rad erkunden lässt. Eberhard Fohrer hat einige Wanderungen und Touren zusammengestellt, die Anfänger wie Profis die Strapazen leicht vergessen lässt. Wer von Iráklion über Pezá in die Messará-Ebene möchte, streift beispielsweise, wenn er die Alternativroute über Knossós nimmt, den Morosini-Aquädukt. Bis vor einem knappen Jahrhundert wurde hier das Quellwasser in die Hauptstadt der Insel befördert. Die Venezianer haben es errichtet. Heute ist es mehr ein Augen- denn ein Gaumenschmaus.

Über 750 Seiten Kreta sind keine leichte Kost. Aber Kreta ist nun mal eine Insel, die man nur allzu gern erkundet. Über dreißig Touren, eine übersichtliche Karte und unzählige Tipps für jedermann und jeden Geldbeutel machen die inzwischen einundzwanzigste Auflage zu einem unerlässlichen Reisebegleiter. Getreu dem Motto: Ein Kretin, der Kreta ohne Kreta von Eberhard Fohrer besucht.

Fluffl und Sumsi

Fluffl, die Fledermaus flattert herum. Sie genießt die letzten Sonnenstrahlen. Denn bald schon kommt der Herbst mit all seinen Unbilden. Die Vögel fliegen dann gen Süden.

Plötzlich hört Fluffl ein Wimmern. Neugierig wie die kleine Fledermaus ist, muss sich sofort nachschauen, was da los ist. Eine kleine Schwalbe schluchzt fürchterlich. Sie hat ihre Eltern verloren, weiß nicht wo sie sind. Kopfüber am Schwalbennest hängend, aber nicht kopflos, fasst Fluffl den Entschluss Sumsi zu helfen. Zusammen flattern und fliegen sie herum. Doch keiner weiß wo die Eltern sein könnten. Nur der alte Rabe kann sich denken, was passiert ist. Die Eltern sind schon „abgereist“. In den warmen Süden. Und sie haben Sumsi wohl vergessen.

Auf nach Afrika! Ein Gedanke, den sich nicht nur Vögel machen, wenn es draußen anfängt zu stürmen und zu regnen. Doch die Reise ist für Fluffl zu beschwerlich. Denn Fledermäuse verschlafen den Winter gern.

Gerade noch rechtzeitig erreichen sie die afrikanische Küste. Mit Hilfe des Kranichs und völlig erschöpft, hängt sich Fluffl erstmal an den nächsten Ast. Sumsi, voller Sorge um den neuen Freund, versorgt ihn mit unzähligen Tropfen Wasser.

Doch Sumsi muss immer noch ohne seine Eltern auskommen. All das Fragen, das Herumfliegen führt einfach nicht zum gewünschten Erfolg. Zwischenzeitlich geht es Fluffl wieder besser. Bis eines Tages Sumsis Vater neben Sumsi auf einem Ast Platz nimmt. Das war knapp! In dem Sturm hatten sie irrtümlich ein anderes Vogelkind mitgenommen und Sumsi zu Hause im Nest gelassen. Jetzt wird erst einmal die Wärme Afrikas genossen und Kraft getankt für den langen Rückflug in ein paar Monaten.

Eine Schwalbe und eine Fledermaus als Helden eines lehrreichen Kinderbuches, das durch seine Illustrationen Groß und Klein begeistert.

Austria – A Soldier’s Guide

Man spricht ja gern mal salopp vom Einreiten oder Einmarschieren, wenn man in einen Gasthof einkehrt. Im Falle dieses Buches sollte man sprachliche Sorgfalt walten lassen. Denn dieses Büchlein war einmal eines der meistgedruckten Bücher überhaupt. Es wurde an die Soldaten der britischen und amerikanischen Armee ausgegeben, die in Österreich einmarschierten (!) bzw. während und nach dem Zweiten Weltkrieg dort stationiert waren.

Reisen war damals Luxus. Das Internet noch ferne Zukunftsmusik. Der Informationsfluss in Sachen fremder Kultur so gut wie kaum vorhanden. Wie sollte man nun seine Soldaten, die als Befreier das Land einnahmen darauf vorbereiten, dass hier, tausende Kilometer weg von der Heimat der aus einer anderen Richtung bläst?

Solche Art von Büchern gab es für einige Länder, auch Deutschland. Zuerst einmal muss dem Leser klar sein, dass dieses Buch vor über siebzig Jahren gedruckt wurde. Deutschland, inkl. des einverleibten Österreichs gegen den Rest der Welt. Zum Lesen hatten die Soldaten kaum Zeit. Verknappung wohin man nur schaute. Auch bei den Informationen. In Österreich können überall Gefahren lauern. Ein versprengter Nazitrupp oder Einzeltäter – niemals die Waffe unbeaufsichtigt lassen. Nicht fraternisieren! Man könnte die neuen Freunde nicht wieder loswerden.

Krankheitsgefahr. Die Nazis hatten unter der Ärzteschaft, die vorrangig aus Juden bestand, radikal die Anzahl verringert. Ärztemangel war die Folge und in Folge dessen auch Krankheiten. Den Sold sollte man als bewaffneter Staatsdiener besser sparen, es gab eh nichts zu kaufen. Die Bevölkerung wurde von anderer Seite versorgt.

Es ist ein abgeklärter, direkter, nicht interpretierbarer Text, der schon fast schroff anmutet. Die düsteren Zeiten sind glücklicherweise vorbei. Auch wenn einige Passagen auch heute noch nachvollziehbar bzw. anratbar sind. In politische Diskussionen im Ausland mischt man sich nicht ein. Man kann nur verlieren. Denn die eigene Sichtweise muss nicht immer mit der Sichtweise – unabhängig vom Wahrheitsgehalt – des Anderen übereinstimmen.

Dieses Buch liest sich trotz der gewaltigen Zeitspanne zwischen Erscheinen und Gegenwart wie aus einer anderen Welt. Ein Knigge für Soldaten, die gerade als Befreier kommen und denen man nicht unbedingt den roten Teppich ausrollt, sollen sich zusammenreißen. Sie sind Vertreter ihres Landes. Machen sie Fehler, fällt das auf Jahre auf eine gesamte Nation zurück. Lange her? Schon bei den Namen Abu Ghraib, Guantanamo, Charleston wird es zahlreiche Menschen und Gruppierungen geben, die sich wünschen solche Leitfäden würden heutzutage noch gedruckt und nach ihnen gehandelt werden…

Triest abseits der Pfade

Was erwartet man von einem perfekten Urlaub? Landschaft, die einem vom ersten Blick an fasziniert. Lukullische Grenzüberschreitungen. Kultur in ihrer gesamten Vielfalt. Geschichte zum Anfassen. Das findet man an so einigen Stellen auf dieser Erde.

Doch in Triest und Umgebung treten diese Wünsche besonders kraftvoll zu Tage. Das findet auch Wolfgang Salomon. Im Klappentext des Buches steht, dass er von Beruf Stimmungsvermittler ist. Und das beweist er mit diesem außergewöhnlichen Reiseband aufs Eindrücklichste.

Triest ist keine Megametropole, in der sich Millionen Vergnügungssüchtiger rund um die Uhr den ultimativen Nervenkitzel geben. Es ist eine ruhige Stadt. James Joyce wählte sie zu seinem Exil. Und wer genau aufpasst, sprich das Buch genau liest, findet auch Hinweise, die man sonst übersieht, auch weil sie in keinem anderen Reiseband erwähnt werden.

Ein Pfad ist laut Definition ein Fußweg ohne viele Abzweigungen. Klare Kanten gibt es nicht. Das Grün ist niedergetrampelt. Oder anders: Hier sind schon viele entlang und darüber gelaufen. Viele Besucher, viele Eindrücke, aber alle haben nun mal das Gleiche gesehen. Deckt sich das mit den Vorstellungen eines besonderen, einzigartigen Urlaubs? Wohl kaum, oder nur teilweise. Links und rechts ein bisschen schauen, das macht jeder. Doch abbiegen, weiterlaufen, schnuppern, schmecken, tasten, hören, sehen, fühlen – das ist nicht der Pfad der Tugend, es ist der Pfad abseits der Pfade.

Wolfgang Salomon macht gleich auf den ersten Seiten klar, dass es in seinem Buch nicht um die Befriedigung der Shoppoholics oder Adrenalinjunkies geht. Das Adrenalin schießt ganz automatisch in den Körper, wenn man auch nur ein wenig in diesem Buch herumblättert – so zwei, drei Wochen vor der Abreise die erwünschte Portion Sehnsucht mitten in die Venen gespült. Leckerer Schinken, bei alle Zutaten um die Ecke gedeihen. Und dann Ruhe. Viel Ruhe, um zu reifen. Jede Zeile ein Hochgenuss, den man bald selbst schon erleben darf. Inklusive Anfahrtsbeschreibung, die man zweispältig betrachtet. Auf der einen Seite möchte man so viele daran teilhaben lassen wie möglich. Auf der anderen Seite könnten die dann aber auch zusammen mit einem das alles erleben, was man doch so gern für sich allein beanspruchen möchte. Womöglich trinken die einem sogar noch den Prosecco mit sizilianischem Orangenzesten-Extrakt weg!

Bei aller Vorfreude auf die kommende Urlaubszeit darf man nicht vergessen, dass ein Urlaub erst dann richtig erholsam wird, wenn man den Alltag wirklich vergessen kann. Ganz im Gegenteil zu diesem Buch. Wer es vergisst (und vorher nicht alles auswendig gelernt hat), wird es bitter bereuen. Bei all der Fülle an Geheimtipps ist es schwer vorstellbar, dass das Tourismusbüro in Triest diese Fülle ebenso bieten kann. Karstgestein, das Flüsse verschluckt und wieder ausspuckt, ein gigantischer Steg in die Unendlichkeit und k.u.k.-Architektur ziehen jeden Besucher in ihren Bann. Sie sind überall und jederzeit verfügbar. Doch grenzenlose Gastfreundschaft, bereitwilliges In-Die-Töpfe-Schauen bietet nur ein Buch: Triest abseits der Pfade. Lesen und Nachmachen! Da macht die Urlaubsplanung mindestens genauso viel Spaß wie das Reisen.

Joki und die Wölfe

Wo sind denn alle hin? Die waren doch eben noch da! Joki ist gerade umgezogen. Mit seiner Mutter zu Knut. Weg von der Oma und dem gelben Haus, das roch wie es aussah. Sanja von nebenan war immer für ihn da, wenn es jemanden zum Spielen braucht. Auch wenn sie ab und zu mal ein bisschen rauften, waren sie doch unzertrennlich.

Wo sind denn alle hin? Die waren doch eben noch da! Schwarzohr hat gerade ein bisschen herumgetollt. Eine Maus, wollte sich aus dem Staub machen. Nicht mit ihm. Sein Jagdinstinkt ist geweckt. Eben hatte er noch mit seinen größeren Geschwistern ein bisschen gerauft … bis eben die Maus ihren Weg kreuzte. Doch nun sind alle weg.

Joki, hat ein Schwesterchen bekommen. Deswegen waren Mama und Knut auch nicht da, als er im neuen Heim aufkreuzte. Zuvor hatte er im Wald gespielt. Schon vor Tagen, noch vor der Zeugnisausgabe, hatte er noch nie gesehene Spuren im märkischen Boden entdeckt. Sanja meinte es sei ein Wolf. Aber das kann doch nicht sein! Die gibt es allenfalls noch im Märchen.

Zwei laute Knalle verändern das Leben von Joki und Schwarzohr. Schwarzohrs Eltern wurden von einer Kugel getroffen und sind nun auf der Flucht. Schwarzohr, der inzwischen bei Joki untergekommen ist, geht mit Joki auf eine lange Reise…

Grit Poppe zieht gekonnt Parallelen zwischen den beiden Welt der beiden Protagonisten. Doch anders als in der Mathematik kreuzen sich die beiden Lebenswege an einem dramatischen (Wende-)Punkt. Joki, der kleine zehnjährige Junge erfährt in seinen Schulferien das Abenteuer seines Lebens. Während zu Hause Fienchen (Jokis Schwester) mit allen Würden begrüßt und umhegt wird, kümmert sich Joki liebevoll darum, dass Schwarzohr wieder zu seinem Rudel kommt. Ohne die Wölfe zu vermenschlichen, wird eines offensichtlich: In Freud und Leid kommen sich Wölfe und Menschen so nah wie man es nicht für möglich hält. Die Fürsorge schweißt die Familien zusammen. Gefahren besteht man am besten gemeinsam.

Jedes Kapitel wird sowohl aus der Sicht des Kindes als auch aus der Sicht des Wolfsjungen Schwarzohr erzählt. Die Kapitel sind außerdem in verschiedenen Schriftgrößen und –arten gestaltet. Der Wolf kehrt zurück. Fast scheint es wie ein Hohn, dass die allzu oft und allzu heftig geforderte Rückkehr zur Natur auch Schattenseiten haben soll. Der Wolf ist hungrig, wie alle Lebewesen. Dass er dann auch mal zu eingepferchten Tier greift, ist normal. Doch seine Essgewohnheiten dann als schlecht auf das gesamte Wesen zu übertragen, ist eine mehr als fragwürdige Methode. Joki ist ein Kind. Ein gefühlvolles Kind, das den Wolfsjungen in seine Obhut nimmt, um es vor der Flinte des Stiefvaters zu schützen und zu seiner Familie zurückzubringen. Im Anhang des Buches wird der Jugendroman ins rechte, sachliche Licht gerückt. Fragen wie „Darf man ein Wolfsjunges mit nach Hause nehmen? Werden hier leicht verständlich zusammen mit anderen Fakten beantwortet. Immer noch Angst vorm Wolf? Dann ist dieses Buch die ideale Lektüre!

Die Lichter von Pointe-Noire

Für Alain Mabanckou hat die Zahl Dreiundzwanzig eine fast mystische Bedeutung. Mit dreiundzwanzig verließ er seine Heimat Kongo (das kleinere, Kongo-Brazzaville), um in Frankreich sein Jurastudium fortzuführen. Dreiundzwanzig Jahre später besucht er es wieder. Zum ersten Mal seit dem Tag, als seine Mutter ihm einen letzten Rat mit gab: Heißes Wasser vergisst nie, dass es einmal kalt war.

Was sollte er mit diesem Spruch anfangen? So poetisch der Abschied auf dem Papier aussieht, so bitter war es im wahren Leben. Alain Mabanckous Mutter starb, als in Europa Fuß gefasst hatte. Zur Beerdigung konnte er nicht kommen. Oder wollte er nicht? Sein Vater, der nicht sein Erzeuger war, starb ebenfalls in den Jahren des Exils. Mitte vierzig, als berühmter Schriftsteller kehrt er nun heim. Nach Pointe-Noire. Dorthin, wo er Tanten und Onkel, Neffen und Nichten, Großmutter und Großvater den Rücken kehren wollte, musste … konnte.

Endlich daheim. Der Ort, an dem man ungeschminkt und unverblümt der sein darf, der man wirklich ist. Doch die Fremde hat Alain Mabanckou verändert. Das wissen auch diejenigen, die er zurückließ, und auch diejenigen, die aus ihnen hervorgingen. Dass allenorts die Hand aufgehalten wird, ist nicht Befremdliches. Doch dass die Heimat nicht der Ort der Rückbesinnung ist, stört den Autor erheblich.

Das Kino, in dem er zu träumen begann, ist nur mehr ein Schatten seiner selbst. Freunde von damals, sind heute Familienväter. Und der Fortschritt ist immer noch eine jähe Vision, die immer wieder vor den Toren der Stadt haltmacht. Nichts Neues im Herzen Afrikas? Alain Mabanckou findet nicht recht die Zeit, um sich treiben zu lassen. Zu nah sind ihm die Geschichten derer, mit denen er aufwuchs. Traurigkeit? Ein bisschen. Er weiß, dass das Leben weitergeht. Weitergehen muss. Auch wenn in Pointe-Noire für viele die Lichter ausgehen, so sind sie für Alain Mabanckou immer noch an. Sie werden in seinen Erinnerungen leuchten wie die Filme und Stars einmal auf der Leinwand.

Schonungslos bricht Alain Mabanckou die Mauern des Schweigens und des Vergessens ein, um seinem Leben die Sporen zu geben. Erinnerungen spielten in all seinen Büchern die zentrale Rolle. Freunde und Gefährten fanden sich in seinen Zeilen wieder. Nun muss er sich der Realität stellen und den Figuren aus seinen Romanen gegenübertreten. Manche erkennt er nicht wieder, andere weisen ihn direkt auf sich hin. Das Knieschlottern vor dieser Reise war schlussendlich unnötig. Die Heimat ist und bleibt die Heimat. Sie verändert sich nicht, nur der eigene Blick auf sie rückt vieles in ein anderes Licht.

Lady Ducayne

Der Oktober ist so trist wie das Leben von Bella Rolleston und ihrer Mutter. Achtzehn Jahre ist das junge Ding und voller Tatendrang. Eine Anstellung als Gesellschafterin soll ihr und ihrer Mutter ein beruhigendes Leben bieten können. Doch die Agentur wiegelt ab, die Provision wird selbstverständlich einbehalten. Bella sei zu jung und zu unerfahren. So trist der Oktober, so erfreulich, dass nach einigen fehlgeschlagenen Versuchen sich nun doch eine Möglichkeit findet Bella unterzubringen. So trist der Oktober, so verlebt das Antlitz dieses Funken Hoffnung in der Gestalt von Lady Ducayne. Italien soll es sein. Hier will die ausgemergelte Lady demnächst dem tristen Oktober die sonnige Schulter des Südens zeigen. Bella, ein Name wie gemacht für bella italia.

Bella blüht in Italien richtig auf. Voller Elan berichtet sie in Briefen von ihren Eindrücken, der Natur, die sie so noch nie gesehen hat. Und von Lotta, ihrer neugewonnen Freundin, die hier einige Zeit mit ihrem Bruder Herbert verbringt. Lady Ducayne ist die perfekte Arbeitgeberin. Sie fordert wenig und lässt Bella viel Freiraum. Doch mit der Zeit werden die Briefe trübseliger. Heimweh konstatiert die Mutter im trüben England, die nun schon mehrere Monate auf ihr geliebtes Kind verzichten muss. Herbert, der sich selbst einmal als Arzt niederlassen will, findet ziemlich rasch die Erklärung für Bellas plötzlich voranschreitende Lustlosigkeit. Der Arzt, der sonst Lady Ducayne behandelt, hat die naive junge Dame offenbar zu Ader gelassen. Lady Ducayne lässt die Prozedur über sich ergehen, weil sie länger (um nicht zu sagen ewig leben will). Doch, dass der Doc Hand an Bella legt, stört Herbert nicht nur aus berufsethischen Gründen…

Ein moderner Vampirroman, der Bram Stokers Klassiker voranging und bei genauerem Hinsehen ein paar Vorlagen liefert. Mary Elizabeth Braddon schrieb zu Lebzeiten (1837 bis 1915) eine Fülle an Bestsellern. Ihre Themen wurden vom prüden Sittenwächterbürgertum angeprangert, sie selbst verfemt. Es half alles nichts, heute steht sie vielleicht immer noch im Schatten von Mary Shelley und Bram Stoker, doch ihre Werke sind keineswegs in Vergessenheit geraten.

Im schummrigen Licht der Bettleuchte (auch Energiesparlampen können die Stimmung niemals zerstören) ein bisschen von der unheimlichen Verwandlung der lebensfrohen Bella zur ermatteten Gesellschafterin mit zu verfolgen, jagt einem heutzutage vielleicht keine Angst mehr ein. Aber das Wissen, dass im Schlafe jemand an einem herumdoktort …