Die Zauberdrachenschnur

Zauberdrachenschnur – das kann ja nur ein Märchen sein, das einen in eine andere, ferne, fantasiereiche, heile?, sorgenfreie?, hoffnungsvolle? Welt führt. Ja, tut es. In einem ganz besonderen Maße.

Kaspar vertrödelt ein wenig die Zeit als er sich in einem Kirschbaum den Magen mit den süßen Früchten vollschlägt. Unten, an den Wurzeln hat es sich inzwischen der Zauberer gemütlich gemacht und schnarcht, dass die Äste knacken. Kaspar wird ganz mülmig. Was, wenn der ganze Baum unter dem Gesäge des dicken Zauberers zusammenbricht?! Auch der Wolf, der böse Wolf!, ist durch das Schnarchen auf die Quelle des Lärms aufmerksam geworden. Mmmh, lecker, ein Festbraten für ihn, seine Frau und seine vier Wolfskinder – ja, auch einen Wolf plagen ganz alltägliche Sorgen. Doch Kaspar funkt dem mordlüsternen Getier gehörig in den Festbraten. Als der Zauberer erwacht, hat er nur eine ungefähre Vorstellung wie knapp er dem Tod entgangen ist. Kaspar berichtet ihm immer noch aufgeregt. So eine Heldentat muss belohnt werden. Kaspar wähnt sich schon im Süßigkeitenparadies – das Kirscheninferno wird ihn noch früh ereilen, und die Ursache des kommenden Übels ist ihm aber noch allzu präsent. Doch was ist das? Der Zauberer zeigt ihm drei Schnüre! Eine darf er sich auswählen und behalten. Die Enttäuschung weicht genauso schnell wie sie kam. Kaspar wählt die, mit der man alles in die Luft heben kann. So ein Zauberer mag vielleicht ein wenig verschroben sein, aber er hat Dinge in seinen Schubladen, die sonst wirklich keiner hat. Und Kaspar darf sogar ein Ding davon behalten. Und schon macht er sich geschwind ans Werk. Überall, wo er auftaucht, bringt er gute Laune, Erleichterung – nur dem Wolf nicht. Der macht unfreiwillig einen Rundflug. Natürlich hat das Märchen eine Moral.

Apropos Moral. „Die Zauberdrachenschnur“ ist der vierte Teil einer Reihe mit jüdisch-deutschsprachiger Literatur. Ludwig Strauß’ Märchen sind ein Genuss für jedes Kind, ach was, jeden Lesers, jedes Alters. Kinderaugenfunkeln, wenn ihre Altergenossen auf einmal Fähigkeiten besitzen, die nicht einmal Erwachsene haben. Eltern freuen sich an der Moral jeder einzelnen Geschichte. Die Märchen sind bereits 1932 veröffentlicht worden. Nicht einmal drei Jahre später musste Strauß samt Familie seine Heimat Deutschland verlassen. Er erlebte nicht mehr hautnah das Verbot ein Radio zu besitzen, überall einkaufen zu können und den gelben Stern tragen zu MÜSSEN. Er starb 1953 in Jerusalem, im Alter von nicht einmal 61 Jahren.