Ein halber Löffel Reis

Der Untertitel lässt nicht Gutes erwarten: Kindheit in einem japanischen Internierungslager. Dacia Maraini beschreibt darin ihre eigene Kindheit im fernen Japan, die von Pein, Mangel Entbehrung geprägt war.

Familie Maraini darf nach Japan reisen – Papa hat einen Forschungsauftrag. So beschaulich und abenteuerlich sich das Ganze anhört, so traurig ist doch die Wahrheit dahinter. Denn der Musolini-Faschismus ist den Eltern, Mama Topazia stammt aus einer sizilianischen Adelsfamilie, zutiefst verhasst. Doch Japan und Italien sind miteinander verbunden. Eine ablehnende Haltung zum Faschismus führt unweigerlich zur Internierung. Kein Ort für Kinder! Niemals! Nirgendwo! Auch die Verwaltung des Lagers hat nicht mit Kindern gerechnet. Das ist wörtlich zu nehmen. Kinderrationen tauchen im Plan nicht auf. Also muss jeder erwachsene Gefangene täglich einen halben Löffel Reis für die Kinder opfern… Das muss man erstmal sacken lassen.

Dacia Maraini gibt dem Leser Zeit und führt ihn fortlaufend auf eine Straße, die dem Begriff Schicksalsweg eine neue Bedeutung verleiht. Die Biographie von Dacia Maraini weist bis zur Internierung fast nur Wendepunkt auf. Geboren in der Toskana, mit zwei Jahren ans andere Ende der Welt, in eine völlig andere Kultur umgezogen, als Teenager mit dem Elend der Welt konfrontiert. Sie ist Dreizehn als die Japaner ihr das Leben entreißen. Sie sieht wie kämpferisch die Mutter die Gruppe der Exilanten im Lager versucht zusammenzuhalten. Der Vater bringt ein noch größeres Opfer. Um eine Ziege zugestanden zu bekommen, hackt er sich einen Finger ab. Auf solche Bezeugungen eines gaijin reagieren die Lagerverwalter mit entsprechender Beachtung.

Doch damit sind die Umwälzungen noch lange nicht vorbei. Nach der Wiederkehr muss sich Dacia Maraini mit der ihr auf dem Papier nicht fremden sizilianischen Kultur anfreunden…

„Ein halber Löffel Reis“ besticht durch die Reinheit der Worte. Wie in einem japanischen Zen-Garten ergeben klare Linien ein Gesamtbild, das auf den ersten Blick erschüttert. Aber wie so oft im Leben, kann aus der dunkelsten Ecke eines Zimmers ein Licht erstrahlen, das Welten zum Leuchten bringt. Das literarische Werk von Dacia Maraini ist der lebendige Beweis dafür.