Kategoriearchiv: Urlaubslektüre

Die Stadt mit der roten Pelerine

Rio de Janeiro sollte es sein, als Özgür ihre türkische Heimat verließ. Das ist eine Zeit her. Und noch immer sorgt sich die Mutter daheim um die Tochter in der Ferne. In Istanbul fällt Schnee, während in Rio die Sonne erbarmungslos auf die Köpfe herniederbrennt. Irgendwo wird geschossen, wieder. Oder immer noch?! Özgür nimmt die hörbare Gefahr kaum noch wahr.

Die Favelas haben die Hügel der Stadt erobert. Drogenhandel, Mädchenhandel, Waffenhandel haben nicht dazu beigetragen Rio als Handelszentrum zu etablieren. Touristen werden allerorten und zu jederzeit auf die Gefahren der Stadt hingewiesen: Kein Schmuck, keine Wertgegenstände, Vorsicht AIDS. Der schönste Ort der Welt ist gelichzeitig einer der gefährlichsten. Und Özgür? Sie lebt hier, ja, Leben. Eines, das sie in ihrer Heimat nicht leben konnte.

Die Gestrandeten, die Geächteten, die Gepeinigten sind die nächsten Verwandten ihrer neuen Familie. Die Armut ist, was sie verbindet. Immer noch ist sie als Gringa, als Ausländerin zu erkennen. Und somit verstärkt den Begehrlichkeiten der zwielichtigen Gestalten ausgesetzt. Doch dieses Leben ist die Grundlage ihres Buches, das sie schreiben will. Ein Buch über eine Stadt, die sich in einem Umhang aus menschlichen Fasern hüllt. Ein Umhang, der modrig riecht wie das Leben. Ein Umhang, der Geborgenheit gibt, egal wie schäbig er aussieht. Ein Umhang – eine Pelerine.

Aslı Erdoğan bricht mit der Tradition, dass alles seine Ordnung haben muss. Ein sehr persönlicher Roman, der den Leser nicht in die türkische Heimat der Autorin führt, sondern ins paradiesische Rio de Janeiro. Paradies? Bei Weitem nicht. Wer hier im wahrsten Sinne des Wortes strandet, kommt nicht mehr von hier weg. Und Özgür (oder doch Aslı Erdoğan?) lässt die Stadt nicht mehr los. Die Gemeinsamkeiten Rios und Istanbuls werden nicht offen ausgesprochen, doch sie sind erkennbar. Riesenstädte, die aus allen Nähten platzen. Hoffnungsvolle Salbungen für alle Sinne. Orte, in die sich kein Tourist wagt. Beide Städte sind auf Gegensätzen errichtet. Das Eine kann nicht ohne das Andere. Und Özgür kann nicht ohne beides.

Das Werk von Aslı Erdoğan ist geprägt von fremden Kulturen und ihrem Verständnis für sie. Das brachte ihr mehr als einmal Ärger, aber 2010 auch den bedeutendsten Literaturpreis der Türkei. Seit August 2016 sitzt Aslı Erdoğan in türkischer Untersuchungshaft.

Das schlafwandelnde Land

Ein typischer Ausflug am Samstagvormittag mit dem Opa: Der ergraute Mann erzählt von wilden Tieren und beginnt alsbald mit der Belehrung zu den verschiedenen Pilzarten. Dass manche giftig sind und man sie auf gar keinen Fall ernten darf. Immer die Zeit im Nacken, weil die Oma mit dem Essen wartet, das pünktlich um Zwölf auf dem Tisch stehen wird. Spannung? Fehlanzeige!

Anderes Szenario. Tuahir streift mit dem jungen Muidinga übers Land. Auf der Flucht vor dem Krieg. Der alte Mann hat den Jungen bei sich aufgenommen als im der Hauch des Lebens endgültig drohte aus dem Körper zu steigen. Gehen, sprechen, singen – alles musste er ihm wieder beibringen. Nur lesen, das konnte er ihn nicht lehren. Das hat sich Muidinga selbst beigebracht.

Mosambik ist ein karges Land, das nach unseren Maßstäben wenig zu bieten hat. Wenn man Einkaufsmeilen und Eisschlecken als Maßstab nimmt. Das ungleiche Paar ist immer auf der Hut. Hyänen menschlichen und tierischen Ursprungs lauern an jeder Ecke. Ein ausgebrannter Bus soll ihr Schutzschild für die Nacht sein. Denn Tuahir weiß, was einmal brannte, brennt nicht mehr. Zwischen den verkohlten Leichen, der Überresten eines Transports findet Muidinga einige Bücher, die er zum Feuermachen benutzen soll. Stattdessen beginnt er zu lesen. Laut, so dass auch Tuahir etwas davon hat. Es handelt sich bei den Zeilen um das Tagebuch von Kindzu, einem der Opfer, der verstümmelt zwischen Tuahir und Muidinga bereits den letzten Atemzug getan hat. Doch er ist mehr als nur stiller Zuhörer…

Kindzu berichtet von Junhito, seinem kleinen Bruder, der fast taub ist dem vom Vater der frühe Tod prophezeit wird. Es kommt anders, der Vater ist der Auserwählte, der den letzten Schritt wagen wird. Junhito hat es Muidinga angetan. Er und der kleine Bruder des Tagebuchschreibers sind Brüder im Geiste. Muidinga erkennt sich in dem kleinen Jungen wieder und vermutet Junhito zu sein. Tuahir tut dies als albern ab. Die Tagebücher reißen Muidinga und auch Tuahir, der äußerlich unberührt, doch innerlich aufgewühlt, aus ihrem tristen Alltag, der von Angst und Überlebenswillen gekennzeichnet ist. Geister, die nicht jeder sieht, Schiffe als Sinnbilder der Hoffnung und gefährliche Raubtiere bilden von nun an ihre Umgebung. Unbemerkt zerren die Tagebücher die beiden – Leser und Zuhörer – aus ihrem sorgengeplagten Alltag.

Mia Couto spielt mit den Mythen seiner Heimat Mosambik. Er entführt nicht nur die beiden Hauptfiguren, sondern vor allem den Leser in eine Traumwelt, die so nur in Köpfen existieren kann. Traumwandlerisch lässt er das Land wie im Schlaf sich drehen, wenden, aufbäumen und ernüchternd zu Boden krachen. Man muss nicht nach Mosambik fahren, um die Mythen zu verstehen. Es reicht dieses Buch zu lesen. Immer wieder!

101 Lissabon

Schon seit einigen Jahren wird man das Gefühl nicht los, dass Lissabon immer noch gern mit dem Image des ewigen Geheimtipps kokettiert. Über elf Millionen Besucher zählte Portugal 2016, einen Großteil vereinigte allein die Hauptstadt Lissabon auf sich. Siebekommt sogar noch in diesem Jahrzehnt (Hallo Berlin!) einen zweiten (funktionierenden) Flughafen. Ist man dann vor Ort, ist das Erstaunen groß: Sprachgewirr allerorten. Also doch kein Geheimtipp mehr? Nein!

Ein Grund dafür könnte die 101er-Reihe von Iwanowski’s sein. 101 Geheimtipps und Top-Ziele verspricht die Unterzeile … und die folgenden zweihundertfünfzig Seiten halten dieses Versprechen auch! Zuerst die Fakten. Zahlreiche farbige Übersichtskarten, herausnehmbarer und funktionaler Stadtplan, unzählige aussagekräftige Abbildungen, Fakten, dass einem der Kopf glüht. Das haben andere Reisebücher vielleicht auch, aber … nein ABER, nicht so konzentriert, so übersichtlich, so handlich dargelegt. Eine Eins in Gestaltung, Aufmachung und Handhabung. Besser geht’s nicht!

Barbara Claesges ist gern gesehener Gast in Lissabon, Claudia Rutschmann hat sich auf Anhieb in die Stadt verliebt und nennt die Stadt seit über einem Jahrzehnt ihre Heimat. Und diese beiden Frauen führen mit Leichtigkeit nun den Leser in eine der beeindruckendsten Städte der iberischen Halbinsel, Europas, wenn nicht sogar der Welt.

Wer nun erwartet, das hier Schritt für Schritt einhundertundeins Sehenswürdigkeiten abgegangen werden, ein Blick nach links, einer nach rechts, der irrt. Die Aufzählungen dienen lediglich der besseren Orientierung. Ansonsten ist die Zählung Nebensache. Denn jeder Punkt enthält mehr als einen so genannten Hotspot. Wer sich die Mühe machen will, und alle Tipps und Ratschläge einmal durchzählen will, kommt sicher schnell auf eine vierstellige Zahl. Den beiden Autorinnen geht es nicht um die Anzahl der aufzuzeigenden „Plätze, wo es besonders schön ist“. Der Weg von A nach B und weiter zu C ist viel spannender und zeigt dem Leser, was Lissabon ist, wie es tickt. Eine Stadt, die ihre Pracht nicht verbirgt. Wer sich aber hinter die Kulissen wagt in einen Ozean an Erlebnissen eintauchen wird. Museen haben für die beiden Autorinnen den gleichen Stellenwert wie das Markttreiben, bewährtes Handwerk geht mit lukullischen Höhepunkten eine Allianz ein, die die Sinne zu Höchstleistungen antreibt. Und zwischendrin immer wieder kleine Infokästen, die wichtige Tipps geben, um nicht zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein oder einfach nur eine Gedankenstütze darstellen.

Das Buch ist so kompakt, dass es in jeder Tasche verstaut werden kann, so dass man es immer schnell zur Hand hat. Die Souvenirjagd hat bereits mit dem Kauf dieses Buches begonnen. So einfallsreich und farbenfroh wurde die westlichste Hauptstadt von Kontinentaleuropa noch nie beschrieben. Lissabon ohne dieses Buch wäre nur halb so schön – mit diesem Buch unermesslich reich an Erfahrungen.

Bretagne – Eine literarische Einladung

Schroff und nicht immer einladend – die Bretagne. Nicht unbedingt die erste Wahl, wenn man Urlaubsregionen in Frankreich aufzählen soll. Doch im vorderen Mittelfeld auf alle Fälle. Die einstige Künstlerkolonie Pont-Aven, in der Paul Gauguin lebte, und von wo er in die Welt aufbrach, gehört ebenso zum Bild der Landschaft wie Pointe du Raz, der westlichste Punkt Frankreichs, an dem unaufhörlich die Wellen gegen das Bollwerk aus Gestein krachen und in meterhoher Gischt ein Naturschauspiel sondergleichen bieten. Das Festival Interceltique in Lorient, das jährlich im August Tausende in die kleine Stadt lockt, um die Neugier nach der oft falsch verstandenen Kultur der Kelten zu stillen. Das, und noch vieles mehr, ist die Bretagne.

Das findet man auf Landkarten, in Reisebüchern und in Prospekten der office du tourisme der Region. Was man hingegen darin nicht findet, sind die Gedanken der Bretonen, ihre niedergeschriebenen Gefühle, die literarischen Feinheiten der Söhne und Töchter der Region. Woher soll man es auch wissen, wenn man nicht dazu eingeladen wird? Da gibt’s doch was von Wagenbach. Genau, die literarische Einladung in die Bretagne. Niklas Bender spricht diese Einladung aus und umgarnt den Leser mit Werken von Alain Robbe-Gillet, Benoîte Groult bis Mona Ozouf. Die kennen Sie nicht? Na dann wird’s aber Zeit!

Die Sehnsucht nach der rauhen Wirklichkeit er Bretagne eröffnet in wohlklingenden Versen diese Anthologie in Rot. Am besten liest man sie laut. So kommt von der ersten Seite echte Urlaubsstimmung auf. Hart ist das Leben im Westen, am Atlantik. Wie das Wetter, so der Mensch. Schroff, mit rollendem Rrrrrrrrrr!

Der aktuell prominenteste literarische Bretone ist Dupin, der Commissaire, der gleich mal eine Einweisung in Sachen Salz der Bretagne erhält. Und ganz nebenbei einen Crashkurs in Mythologie. Yann Queffélec wird beim ersten Durchlesen den meisten als Erstes in Erinnerung bleiben. Mit viel bretonischem Wortschatz versetzt er den Leser an den Tisch eines Restaurants, an die Bars oder verwickelt ihn in ein Gespräch auf der Straße.

Die literarische Einladung ist zugleich ein Willkommen bei Nachbarn und Freunden. Am Tor zur Welt die eigene Kultur bewahrt – mit dieser Sichtweise kommt man den Bretonen und der Bretagne langsam auf die Spur. Folgt man dieser, kommt man automatisch zu diesem Buch. Immer wieder flackern Eigenarten der Menschen auf, die so nur hier zu erleben sind. Das „hier“ steht sowohl für die Bretagne als auch dieses Buch. Und wer ganz genau hinsieht, entdeckt noch mehr Gemeinsamkeiten zwischen diesem eleganten roten Buch und seinem Inhalt.

Kapstadt und Garden Route

Welche Worte verursachen zu 99 Prozent hundertprozentig Fernweh? Süden und Afrika. Ach, wie glücklich müssen die Touristiker aus Südafrika sein?! Und wer es geschafft hat eine Reise nach Südafrika, Kapstadt entlang der Garden Route zu buchen, ist dem Paradies so nah wie nie zuvor. Doch eine Sache fehlt noch? Der richtige Plan, um diese Reise nicht vor der Himmelspforte zu beenden, sondern durch sie hindurch zu schreiten und auf ewig davon in Erinnerungen zu schwelgen.

Einmalige Erfahrungen sammeln, entlegene Aussichtspunkt für immer im Kopf verankern, geheimnisvolle Plätze erkunden. Doch wo suchen? Auf einer millionenfach besuchten Internetseite? Gefangen im Stechschritt-Tempo einer organisierten Reisegruppe? „Wenn Sie nach links schauen, sehen Sie den Atlantik. Und rechts der Indische Ozean. Und hinter uns – das ist ein Elefant, ein typisches Tier für dieses Land.“ Na toll, und dafür soll man nun Monate, wenn nicht sogar Jahre gespart haben?

Für alle, die sich entschieden haben das großartige Südafrika auf eigen Faust zu bereisen, gibt es nur eine Alternative zum von A bis Z durchorganisierten Gruppenerlebnis: Dieses Reisebuch. Über fünfhundert Seiten, gespickt mit Tipps für alle, die Freiheit nicht nur vom Stammtisch kennen, sondern sie riechen, schmecken, fühlen wollen.

Marita Bromberg und Dirk Kruse-Etzbach kennen die Sehnsucht nach dem Süden und nach Afrika. Es hat sie schon vor Jahren gepackt. Und seit den ersten Besuchen hat es nicht nachgelassen. Mittlerweile ist die elfte Auflage dieses Reisebuches erschienen. Noch immer finden sie Tipps für all diejenigen, denen es genauso gehen wird. Fast scheint es so als ob sie ihre eigenen Nachfolger als Autoren mit ihrem Buch, ihren Büchern, heranzüchten. Denn in ihren Ausführungen sind sie so detailliert, dass man gar nicht anders kann, als sich selbst als Südafrika-Experten mit dem Spezialgebiet Kapstadt und Garden Route zu bezeichnen.

Wem die Garden Route auf Anhieb nicht so viel sagt, dem sei ein Blick in die beiliegende Karte ans Herz gelegt. Denn dieser Weg führt von Kapstadt im Westen nach Port Elizabeth im Osten des Landes. Vorbei an Weinanbaugebieten, Orten, die so vertraut klingen (Heidelberg), Botanischen Gärten (wie dem der Stellenbosch University), die diesem Namen alle Ehre machen … und zwischendurch geben die Infokästen immer wieder Einblicke in Geschichte, lockern Anekdoten den Lesefluss und weisen exakte Karten den richtigen Weg. Wie immer in den Büchern des Iwanowski-Verlages: Farbig abgesetzte Abschnitte wie „Was kostet das Reisen in Südafrika?“, die die Urlaubsplanung nicht nur erleichtern, sondern fast schon wie ein Kinderspiel erscheinen lassen. Dieses Buch als unverzichtbar zu bezeichnen, würde nur annähernd der Wahrheit entsprechen. Jeder, der eine solche Reise bucht, sollte per Gesetz dazu verpflichtet werden, dieses Buch zu lesen.

Ein Sommer

Jean und Jeanne – na das passt doch, nicht nur wegen der orthographischen Nähe. Jean hat einen Bruder, Pierre. Und den lädt er zusammen mit dessen Freundin Lone zu einem kurzen Segeltörn vor der Küste Neapels ein. Um sie herum nur Sonne und Wasser, das so grell des Licht bricht und wiederspiegelt. Dunkle Wolken – Fehlanzeige! Wenn man nur den Himmel betrachtet. Doch im Inneren des Bootes brodelt der Vulkan…

Der Vulkan der Leidenschaft. Und wenn Jean wüsste, dass der schon einmal gewaltig ausgebrochen ist … Der Reihe nach. Pierre ist ein wenig mulmig zumute als er die Einladung zum Mittelmeertrip erhält. Aber Kneifen gilt nicht. Und außerdem ist ja Lone, seine Freundin dabei. Man vermutet es bereits – Jeanne und Pierre, da war mal was.

Die Wellen plätschern dahin, die Sonne brennt erbarmungslos auf das Quartett hernieder. Pierre ist unwohl, das Schaukeln und die fremden Gerüche spielen seinem Magen einen Streich. Doch das gibt sich. Alles cool. Ein Leitspruch von Pierre. Alles cool.

Schon in der ersten Nacht wirkt er aber gar nicht mehr so cool. Auf und Ab bewegt sich das Boot. An Schlaf ist nicht zu denken. An Deck – frische Luft soll ja bei Schlaflosigkeit Wunder bewirken – gesellt sich Jeanne hinzu. Auch sie kann nicht schlafen. Doch aus einem anderen Grund. Sie hat die gemeinsame Nacht mit Pierre noch nicht vergessen. Die eindeutig zweideutigen Bemerkungen lassen Pierre nun erst recht nicht zur Ruhe kommen. Ist Jeanne doch mehr als „nur die Frau seines Bruders“? Das Meer liegt still und spiegelglatt vor den beiden. In ihnen brodelt der Vulkan.

Am nächsten Tag ist das Schrecken auf dem Boot eingekehrt. Lone hat eine fiese Beule am Auge. Sie muss zum Arzt. Bereitwillig rudert Jean die untröstliche Lone ans Land. Zurückbleiben Jeanne und Pierre…

Vincent Almendros wurde für „Ein Sommer“ mit dem Prix Françoise Sagan ausgezeichnet. Der schönste Roman des Frühlings nannte man ihn im Jahr 2015. Und das ist er seitdem. Die Strahlkraft der Zeilen reicht weit über Verzückung hinaus. Der Spannungsbogen, den Almendros zeichnet, führt den Leser an die Grenzen der Aufmerksamkeit. Fast will man nur noch umblättern, um zu erfahren wie und ob es weitergeht. Die Worte leicht wie ein Sommerwein, die Charaktere klar umrissen wie Schattenspiele an weißgekalkten Wänden, führt, nein verführt Vincent Almendros den Leser in die Tiefen einer ménage à quatre. Es ist nicht leicht zu erkennen, wer wen wie und wann vor den Kopf stoßen wird. Zwischen Schwarz wie die Tiefen der See und grellem Weiß wie das Licht im Inneren der Sonne schwankt das Boot der Versuchung vor einer der schönsten Küsten des Mittelmeeres. Wie eine aufmerksame Drohne schwebt der Leser als stiller Beobachter über der nahenden Katastrophe.

Sehnsucht Kuba

Kuba – hat schon ein bisschen was von Sehnsucht. Für Arne Retzlaff ein bisschen mehr als „nur ein bisschen“. Echte Sehnsucht. Und für ein Jahr ein echtes Zuhause. Nicht Havanna, nicht Santiago de Cuba. Manzanillo hieß der Ort, der zwölf Monate mit Heimat gleichgesetzt wurde.

Das Kuba von einst mit dem prachtvollen Havanna und seinen Casinos und den dazugehörigen Etablissements, den breiten, überfüllten Boulevards, dem Paris der Karibik, ist nicht mehr viel übrig. Die Köpfe der Revolution sind zweidimensionalen Ikonen an Häuserfassaden gewichen. Seit einiger Zeit strecken die amerikanischen Ketten, die vor mehr als einem halben Jahrhundert ein Grund für die Wendung zu besseren Zeiten und Idealen waren, ihre Fühler wieder gen Kuba aus. Die beschaulichen Zigarrenmanufakturen werden in absehbarer Zeit modernen klimatisierten Arbeitsräumen weichen müssen. Und das kubanische Lebensgefühl wird bald nur noch Zuschauern des Buena Vista Social Clubs eine Vorstellung von dem, was einst war, bieten können.

Umso erbaulicher ist die Lektüre dieses herzlichen Reise- und Lebensberichtes von Arne Retzlaff. Er lernte Kuba kennen als erste Reformen wieder individuelle Entfaltung möglich machten. Als Dollars auch den Kubanern zumindest auf dem Papier rosige Zeiten versprachen. Verträumt oder verklärt sind allenfalls die Vorurteile des neugierigen Lesers. Als sanfte Abrissbirne mit dem Feingefühl eines ewigen Kuba-Liebhabers fungiert der Autor. Schon beim ersten Durchblättern, wenn man den Fotoabschnitt Seite für Seite betrachtet, werden die Vorstellungen auf eine harte Probe gestellt.

Unter den Reiseberichten über die Perle der Karibik sticht „Sehnsucht Kuba“ heraus, weil die Klischees dazu dienen den Leser auf eine andere Fährte zu locken. Nicht Hinterlist und Tücke sind die Antriebsfeder Retzlaffs, sondern das Bedürfnis Kubas wahres Gesicht zu zeigen. Die Schwierigkeiten beispielsweise ein Haus zu bauen. Wo in Deutschland der Amtsschimmel wiehert, grüßt hier die Mangelwirtschaft. Wo in Deutschland die Planung jedwede Vorfreude auf ein Fest nimmt, regiert auf Kuba die Improvisation. Und es gewinnt immer die Lebensfreude! Das spürt man in jeder Silbe.

Kuba als Reiseziel ohne das „Schnell nochmal hin, bevor alles wech ist“ – mehr als lohnenswert. Kuba mit Reiseband – sehr zu empfehlen. Kuba bereisen, ohne Arne Retzlaff zu Rate gezogen zu haben – ein Verlust, der nicht wieder gutzumachen ist.

Verlassene Orte in Berlin

Blut spritzt, Knochen splittern – das tut weh. Farbe blättert, Putz bröckelt, Scheiben klirren – das hat Charme. Metropoler shabby chic mitten unter uns. Berlin ist die Metropole des Schauderns – Ciarán Fahey zeigt Berlin wie es sich Berlin Touristen nicht vorstellen können. Und doch gibt es mehr als genug Neugierige, die dem Charme des Verfallenen nicht widerstehen können. So wie der Autor.

Er kraucht dort hinein, wo man sich schmutzig macht. Wo man sich die Hosen zerreißt und vielleicht auch die eine oder andere Schramme holt. Und er erhellt das Dunkel der Vergangenheit, in dem er zum Beispiel die Bärenquell-Brauerei ihres letzten Geheimnisses beraubt. Nämlich dem wie es heute um die einstige Hopfentränke bestellt ist. Ein gelinde gesagt staubiger Eindruck. Als ob hier von einer Minute die Feierabendsirene ertönt wäre und man vergessen hätte wieder zur Arbeit zu erscheinen. Wo vor hundert Jahren noch – sogar werktags – geschwoft wurde, hätte selbst die beste Feuchtigkeitscreme keine Chance die Risse in der Fassade glattzubügeln. Das Ballhaus Grünau ist heute nur noch annähernd ein Schatten seiner selbst.

Mit detaillierter Versiertheit beschreibt er die Orte, die einmal Großes darstellten und heute aus den verschiedensten Gründen den Naturgewalten anheimfallen (gelassen werden).

Verlassen? Ja! Vergessen? Nein! Dank Ciarán Fahey. Der irische Autor geht auf die Knie vor den erhabenen Bauten und robbt sich vor ins Innere der meist abgesperrten Hinterlassenschaften aus Urgroßmutters Zeiten. Wer heutzutage bei Siemens die S-Bahn verlassen will, landet im Nirgendwo. Siemensbahn – die Geisterstationen von Siemens‘ verlassener S-Bahnlinie heißt das Kapitel, das – genau wie der Rest des Buches – eindrucksvoll beschreibt wie der Zahn der Zeit an Plattform, Handlauf, Dach und Informationstafeln genagt hat. Rost ist keine Farbe, sondern eine Lebenseinstellung, scheinen einem Text und Bilder entgegen zu schreien. Und doch gedeiht hier noch oder schon wieder Pflanzen. Die Natur gibt, die Natur nimmt. Was schon einmal samtzart das Auge berührte, wirkt gegenwärtig wie pubertierende Akne auf verwelkter Haut.

Man riecht den Moder und die Verwesung, sieht aber das Potential der abgebildeten Objekte und schnauft tief durch. Warum nur findet sich niemand den Reiz der Vergangenheit noch einmal zu alter Blüte zu verhelfen? Waschbären als Hüter des Augenblicks, Graffitis als Boten der Moderne, Schrottautos als stillgelegter Protest gegen das Vergessen?

Dieses Buch ist ein reiseband der besonderen Art. Kein Aufforderung Grenzen zu überschreiten. Wohl aber ein gedrucktes Mahnmal für den Erhalt der eigenen Geschichte.

Ein Stern, der in dein Fenster schaut

Die Sonne scheint überall, und zu jeder Tageszeit. Auch wenn manche das nicht wahrhaben wollen. Doch was wissen wir schon über „Die da“? wie bringen sie ihre Kinder zu Bett? Welche Gute-Nacht-Geschichten werden Kindern in Afghanistan, Syrien, Burkina Faso oder dem Irak erzählt, damit sie am nächsten Tag trotz aller Qualen ausgeschlafen ihr Kinderleben leben können?

„Ein Stern, der in dein Fenster schaut“ vereint Geschichten aus eben diesen Ländern in einem Buch, und zwar auf Deutsch und der entsprechenden Landessprache, und vor allem deren Buchstaben. Das viel gescholtene und fast schon abgedroschene Wort von der Integration wird hier umgesetzt.

Schnell stellt man fest, dass die Bettappetizer sich nicht viel von denen unterscheiden, die einem einst von der Oma vorgelesen wurden. Zwei Freunde, die trotz eines heftigen Streites in der Not füreinander da sind. Geschwister, die sich gegenseitig die Angst vor der dunklen Nacht nehmen. Kinder, die nur Unfug im Sinn haben und ihren Eltern Sorgenfalten auf die Stirn zaubern.

Das Besondere an diesem Buch ist die sprachliche Vielfalt und die Hingabe, mit der jede einzelne Geschichte illustriert ist. Wenn Menschen ihre Heimat verlassen müssen, weil wirtschaftliche Interessen (und nur darum geht es weltweit, egal wie man es nun nennt) schwere wiegen als das Wohl einzelner oder einer Gemeinschaft, hinterlässt das Spuren. Kinder sind dafür besonders empfänglich. Und sie leiden mehr als andere, können aber ihren Kummer nicht artikulieren. Umso erhabener ist der Moment vor dem Schlafengehen, wenn ein bisschen Vertrautes wenigstens am Ende des Tages vorhanden ist. Und so ist dieses Buch auch zu verstehen. Nicht jeder von uns spricht aramäisch, geschweige denn, dass er es lesen kann. Wohl aber viele Englisch oder Französisch. Und warum nicht einmal eine Gute-Nacht-Geschichte mit den Worten eines Anderen (vor)lesen?

Thomas Max Pfeifer ist es zu verdanken, dass diese Geschichten aus fernen Ländern nicht in Vergessenheit geraten. Zusammen mit den zahlreichen Übersetzern und Illustratoren hat er ein Buch zusammengestellt, dass Groß und Klein, fernab von Herkunftsdenken und abseits jeglicher Vorurteile zusammen im Lesesessel vereinen wird.

Dieses Haus ist nicht zu verkaufen

Um es gleich vorweg zu nehmen, in diesem Roman geht es nicht um dunkle Machenschaften, Geldschiebereien und / oder Immobiliengeschäfte. Dieses Haus ist das vom Großvater. Ein geachteter Mann. Wahrlich kein reicher Mann, wenn man den Kontoauszug zugrunde legt. Doch reicher als die meisten, wenn man deren Kontoauszüge zugrunde legt.

Sein offenes Herz ist der wahre Wert des Großvaters und des Hauses. Hier trifft sich so ziemlich alles, was laufen kann. Gefallene Mädchen, kleine Gauner, Seelendiebe und andere Gestalten, die das Dorfleben in dem namenlosen nigerianischen Ort mit selbigem erfüllen. Eine Sinfonie in Dur und Moll über die gesamte Bandbreite der Notenblätter: Improvisierter Jazz, strukturierte Klassik, ein bisschen Rock, aber vor allem ganz viel Soul.

E.C. Osondu gibt in seinem Erstlingswerk „Dieses Haus ist nicht zu verkaufen“ einen liebevollen, unverstellten Einblick in das echte Leben des schwarzen Kontinents. Kein blauäugiges Abenteuer, das im Desaster endet. Vielmehr wird dem Leser ein Nigeria beschrieben, das so niemals in den Nachrichten und Magazinen vorkommen wird. Dafür sind die Probleme des Landes zu gravierend, Ölleitungen, die leckgeschlagen werden, entführte Mädchengruppen, Korruption und Gewalt.

All das lässt Osondu nicht außen vor, macht es aber auch nicht zum Dreh- und Angelpunkt seiner kurzen Abrisse der Dorfgemeinschaft. Die Gratwanderung zwischen Kritik und originärer Abbildung gelingt ihm mit Leichtigkeit, ohne Wesentliches auszulassen.

Wer Afrika bereist, stellt schnell fest, dass es ganz anders ist als in den Romanen, die man ach so gern verschlungen hat. Nur wenigen afrikanischen Autoren gelingt es ihren Kontinent, ihr Land, ihre Region so erlebbar darzustellen. E.C. Osondu gehört mit seinen Geschichten – und nun auch mit seinem ersten Roman – sicher zu den schillerndsten Sternen über den Landstrichen des schwarzen Kontinents. Mit jeder Zeile merkt man ihm seine Liebe zu jeder der einzelnen Figuren an, die in Großvaters Haus ein offenes Ohr, etwas zu essen oder einfach nur ein Dach überm Kopf finden. Ohne Gegenleistungen zu verlangen lässt er sie sein, was sie sind: Menschen. Sie haben alle ihre Macken. So wieder jeder andere auch. Religiöse Rituale, die uns fremd sind, Essgewohnheiten, die Einstellung zum Leben und Wert von Tieren und und und …

Dieses Buch lädt jeden ein mit den Bewohnern zu lachen, mit ihnen zu weinen, mit ihnen am Tisch zu sitzen, die alltägliche Arbeit zu verrichten, aber vor allem an ihrem Leben teilzuhaben. Die Schlichtheit der Sprache fasziniert immer wieder. Eine andere Art der Übersetzung würde das Buch zerstören. So ein Haus zu besitzen, ist der größte Schatz, den man finden kann. Zum Anfang reicht aber dieses Buch vollkommen aus.