Kategoriearchiv: Urlaubslektüre

Eine Träne. Ein Lächeln

Das Wort Integration ist zu einem Feindbild geworden. Wohl aus deshalb, weil keiner so recht weiß, was dieses viersilbige Wort alles beinhaltet. Anpassen, mit dem Strom schwimmen, unauffällig sein. Das ist in den Augen der meisten die Definition von Integration. Das bedeutet aber auch die eigene Identität einzutauschen. Eigene Traditionen über Bord zu werfen. Die eigene Geschichte in einen Schleier des Vergessens hüllen. Luna Al-Mousli wuchs in Damaskus auf, einer der ältesten Städte der Welt. Wenn sie also von Traditionen spricht, sind manche älter als hierzulande ganze Landstriche bewohnt sind. Ihr Erstlingswerk „Eine Träne. Ein Lächeln“ ist die Essenz ihrer Erinnerungen. Keine ausschweifenden Anmerkungen, was das Leben ihr bot, was das Leben aus ihr machte. Viele kleine Anstupser, die sie nicht mehr vergessen kann, die sie prägten und niemals aus ihrem Gedächtnis verschwinden werden. Der Duft von Jasmin, die Großmutter, die diesen immer zupfte und sammelte. Die politische Indoktrination in der Schule – Willkür und Stockhiebe. Die große Familie, die immer da war. Die Vorsicht vor dem Assad-Regime.

Mancher Leser wird vielleicht diese Ausführungen vermissen. Die Erinnerungen sind nicht nur für die Autorin Cliffhanger, um sich ihrer Wurzeln bewusst zu bleiben. Auch der Leser kann sich fortwährend einen Reim auf sie machen. Was macht es mit einem jungen Mädchen, wenn sie nach Joghurt ansteht und die Staatsmacht in Gestalt einen Soldaten sie betatscht? Angst? Unsicherheit? Ungläubigkeit? Vertrauensverlust?  Wahrscheinlich alles zusammen.

Luna Al-Mousli lebt heute in Wien. Ist sie integriert? Sie selbst ist sich da nicht so sicher. Die Sprache beherrscht sie akzentfrei. Sie kann tun und lassen, was sie möchte. Kann studieren. Kann sich entfalten. Sie ist ihres Glückes eigener Schmied. In Syrien ist Familie. Sind die Familientreffen. In Syrien ist sie geborgen. Aber auch immer auf der Hut.

Man darf dieses Buch nicht als Markstein für gelungene oder misslungene Integration ansehen. Es ist – bei aller wundervollen Gestaltung – ein Rückschauhalten einer jungen Frau, die ihren Weg gegangen ist, diesen nun ab und zu verlassen kann, um eigen Pfade anzulegen. Sie blickt zurück, was sie nicht daran hindert nach vorn zu schauen.

Der Fünfte im Spiel

Als ob er sich seiner Wirkung auf Menschen, Menschen zu bewegen, schon in frühen Jahren bewusst wäre, duckt sich der zehnjährige Dunstable Ramsay an diesem 27. Dezember 1908. Er weiß, dass Percy Boyd Staunton noch einen letzten Schneeball nach ihm werfen wird. Dunston duckt sich also, kurz nachdem er sich vor Mary Dempster und ihrem Gatten postiert hat. Das Geschoss verfehlt wie geplant den Jungen, trifft dafür aber die hochschwangere Frau des Baptistenpredigers. Statt das Gefühl des Triumphes auskosten zu können, überfallen Dunston Schuldgefühle. Denn er hatte die Flugbahn berechnet, hat sich bewusst vor dem Paar platziert. Die Folgen konnte er nicht absehen. Eine Folge war die verfrühte Geburt von Paul. Paul Dempster. Ein schwächliches Kind, eine Frühgeburt. Ein sonderbares Kind.

Als Paul vier Jahre alt ist, ist Dunny sein Babysitter. Dessen Vater wünscht jedoch keinen Kontakt seines Sprösslings zu dem Heranwachsen. So muss Dunston sich immer ins Haus schleichen, mit Erlaubnis der etwas sonderbaren Mary Dempster. Und Percy Boyd Staunton? Der ist sich keiner Schuld bewusst.

Die Jahre verfliegen. Dunny wird zum Militär eingezogen und kämpft im Weltkrieg in Europa. Percy Boyd Staunton, der den ersten Vornamen und das D aus Boyd bald streichen wird, fühlt sich zu Höherem berufen. Ihm gelingt ein sagenhafter Aufstieg. Schon mit dem sprichwörtlichen goldenen Löffel im Mund geboren, wird er zum Nutznießer der prekären instabilen politischen Lage. Wer sich Süßigkeiten in dem Mund stopft, stopft die Taschen von Boy Staunton. Als der Krieg endlich vorbei ist, ist von dem Dreigestirn, das diesen Namen eigentlich nie zu Recht trug, nicht mehr übrig. Boy ist erfolgreicher Geschäftsmann, der seinem Freund (aber auch Feind) Dunny hier und das Tipps zur Geldanlage gibt. Dunny selbst kehrt als Verwundeter aus dem Krieg zurück und studiert Geschichte. Dass er offiziell – zumindest für eine Zeitlang – als vermisst gilt, bringt ihm eine Ehrenmedaille ein. Die wiederum beschert ihm den Studienplatz. Paul hingegen ist tatsächlich verschwunden. Erst Jahre später wird der Historiker Dunston Magier Paul wiedertreffen können. Die Zaubertricks, die er dem fast regungslosen vierjährigen Paul zeigte, waren wohl doch eindrucksvoller als vermutet.

Robertson Davies spannt einen großen Bogen um das Leben Dunstable Ramsays. Aus einem kleinen Nest in Ontario entwickelt sich aus dem nüchternen Jungen von einst ein hingebungsvoller Freund, der wenige Freunde sein eigen nennen darf. Er reist viel, eignet sich Wissen an und erforscht unerwartet und mit voller Hingabe sein eigenes Leben sowie das seiner Freunde aus der Kindheit. Mit sachlicher Distanz begegnet er Menschen, die ihm einst nahestanden, ohne dabei auch nur den leisesten Zweifel aufkommen zu lassen, dass Großes in der Luft liegt. Im letzten Abschnitt des Buches – jedes Kapitel ist sprachlich an das Alter des Protagonisten angelehnt, ganz große Kunst – wirft der Autor jegliche Rücksicht über Bord. Die Vergangenheit, die immer wieder aufblitzt, ist vielen näher als ihnen lieb ist.

Unterwegs in meinem Apulien

Es gibt viele Sehnsuchtsorte über die es sich lohnt zu berichten. Und zwar genauso viele wie es Touristen gibt. Ingeborg Gleichaufs Sehnsuchtsort heißt Apulien. Gleich mehrere Jahre hintereinander verbrachte sie vor über zwanzig Jahren jeweils gleich mehrere Wochen im Süden Italiens. Familienurlaub und somit noch um einiges wertvoller als andere Urlaubsarten. Vor einiger Zeit gab sie dann endlich ihrer Sehnsucht nach und bereiste Apulien noch einmal.

Was wird sich wohl verändert haben? Auf alle Fälle nicht die Art der Vorbereitung. Die wichtigsten Eckpunkte standen schon vor Reiseantritt fest. Doch nicht allzu sehr in die Tiefe gehend. Denn dann würde ihr nicht mehr viel Raum für Neues bleiben.

Wohlwollend nimmt der Leser zur Kenntnis, dass er hier keinen weiteren reiseband in den Händen hält. Ingeborg Gleichauf gibt zwar hin und wieder Tipps, wo man sich gern niederlassen könnte, um der köstlichen apulischen Küche zu frönen, doch nur mit diesem Buch im Gepäck Apulien zu erobern, wäre zutiefst frevelhaft.

Als Einstimmung nimmt die Autorin den Leser mit auf das Castel del Monte. Das achteckige Bollwerk, das dem Kopf Kaiser Friedrichs II. entsprang ist das gegensätzlichste Monument der Region. Ein Ort der Ruhe wegen der extrem dicken Mauern und zugleich ein Ort voller Lebendigkeit. Denn Kinder und Burgen – das kann nicht leise vonstattengehen. Zudem befindet man sich innerhalb eines echten Nationalmonumentes. Wer schon mal ein italienisches Ein-Cent-Stück in den Händen hielt, erkennt das Gemäuer sofort.

In einem Reiseband hat Ingeborg Gleichauf gelesen, dass Apulier nicht gerade offen auf Fremde zugehen. Zurückhaltung liegt ihnen näher als Offenherzigkeit. Pah, da kann sie nur drüber lachen (so auch über so manchen engstirnigen Deutschen, der dialektbeseelt am Morgen seine Brötchen kaufen will, köstlich). Vincenzo ist der lebende Beweis, dass das Vorurteil komplett falsch ist und wahrscheinlich einer einzigen, nicht repräsentativen Begebenheit zugrunde liegt. Kaum angekommen, fühlt sich Familie Gleichauf als Familienmitglied einer apulischen Gemeinschaft.

„Unterwegs in meinem Apulien“ hält, was es verspricht. Über einhundert Seiten höchstpersönlicher Eindrücke, die Essenz mehrerer Reisen in den Süden Italiens, dort, wo die Sonne erbarmungslos brennt, das Meer in kitschigem Blau erstrahlt und die Mahlzeiten auf den Tellern an Frische kaum zu überbieten sind. Als Reiselektüre immer wieder anregend und ein Erinnerungsstück nicht nur für die Autorin.

Aline

Ein Schweizer Bergdorf am Beginn des 20. Jahrhunderts. Hier oben ist man nicht dem lieben Gott näher, weil es schon immer so war, sondern liegt generell dem Paradies zu Füßen. Die Sonne brennt gerade in den Sommermonaten erbarmungslos hinab. Im Aus dem Staub des Weges schält sich für Julien, der gerade das Gras mit der Sense mäht Aline heraus. Siebzehn Jahr, blond, sommersprossig. Diebeiden kommen ins Gespräch. Bald schon macht er ihr den Hof, schenkt ihr Ohrringe, sie büchst des Abends öfter mal aus, was ihrer Mutter Henriette überhaupt nicht schmeckt. Was will man machen, wenn die Liebe die Fauna in der Körpermitte zum Beben, zumindest aber jedoch zum Kribbeln bringt.

Auch Julien, der Sohn des Ammanns, in der Schweiz der Bürgermeister, ist ganz hin und weg von Aline. Vor allem gefällt ihm aber die Vorstellung die Macht zu besitzen Aline dirigieren zu können. Ein Spaß für den Hallodri, der den Wert einer Liebe und die seines (zukünftigen) Besitzes nicht zu schätzen weiß. Denn die Liebe des armen Dinges (Aline) ist größer als seine Zuneigung zu einer Person je sein kann. Er nimmt sich, was er braucht. Sie bekommt … ein Kind. Von Julien. Welch Glück! Welch Glück? Was für ein Glück? Das Kind ist unterwegs, ist da. Und Julien ist weg.

In solch einer misslichen Lage hilft nur noch die Familie. Hier wird man aufgefangen. Doch Aline hat auch hier eine Niete in der Lotterie des Lebens gezogen. Henriette ist nicht nur nicht erfreut über den unerwarteten Familienzuwachs, sie weist Aline auch gleich die Tür. Das ganze Dorf zerfetzt sich das Maul über das ungebührliche Benehmen von Aline. Von Julien, diese bittere Medizin hat Aline schon geschluckt, ist erst recht nichts zu erwarten. Er hatte seinen Spaß, von Verantwortung will er nichts mehr wissen. Die Dorfgemeinschaft ist sich einig, wenn der Großpapa des Bastards die wichtigste und einflussreichste Person im Ort ist, fließen aus seinem Munde nur Wahrheit und Reinheit. Aline ist allein mit der Frucht ihrer Lenden. Am Ende ihres Martyriums ist sie aber noch lange nicht. Das soll sich noch viel tragischer gestalten …

Charles-Ferdinand Ramuz gehört zu den bedeutendsten Schweizer Schriftstellern französischer Zunge. Sein Konterfei ziert den 200-Franken-Schein. Mit seinem Roman „Aline“ haderte er. Schon kurz nach der Erstfassung überarbeitete er ihn immer wieder, kürzte, feilte am Stil. Das Ergebnis zieht den Leser van Anfang an in seinen Bann. Die so wunderbar unschuldige, naive Aline und der sicher keinen Deut intelligentere Julien sind Personen, die man mag. Bis Julien sein wahres Gesicht zeigt. Ein feiger Jüngling, der sich hinter dem Rockzipfel der Mama verstecken kann so lang er will und der sich der unbedingten Zuneigung Papas sicher sein kann. Und Aline? Völlig entblößt sieht sie einer Zukunft entgegen, die keine Fröhlichkeit erlaubt. Der klare Stil Ramuz‘ schafft einen Mikrokosmos einer schweizerischen Dorfgemeinschaft, die sich nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Leser werden in einen Sog aus Idylle und Verachtung gezogen, aus dem man nicht so schnell entkommt.

Das Schneckenhaus

Es ist eine Szene wie sie millionenfach an Flughäfen rund um den Erdball zu beobachten ist: Ein Paar steht sich gegenüber. Einer der beiden wird bald abreisen und den anderen zurücklassen. Es ist eine Szene wie sie tausendfach an Flughäfen rund um den Erdball zu beobachten ist: Ein Paar steht sich gegenüber. Sie will um alles in der Welt nicht, dass er davonfliegt. Sie fleht, bettelt, weint fast. Ihn zieht es in die Ferne, in die Heimat zurück. Die hat er seit Jahren nicht gesehen. Seine Heimat ist Syrien in den Achtzigerjahren. Hafiz al-Assad regiert das Land mit stahlharter Faust und hat Rückendeckung aus Moskau. In knapp zwei Jahrzehnten wird er seinen Posten an seinen Sohn Baschar vererben.

Der unbekannte junge Mann, der Ich-Erzähler, stimmt in großen Teilen mit dem Autor des Buches Mustafa Khalifa überein. In Frankreich hat er Film studiert, Khalifa nicht. Was nach der Landung geschieht, hat sich niemand vorstellen können. Weder der Autor, seine Freundin, die er heiraten durfte, noch der Ich-Erzähler. Der Geheimdienst nimmt ihm seinen Pass ab, und gemeinsam fahren sie durch die Wüste. Die war einmal seine Heimat, die Heimat, die er so sehnlichst wieder sehen wollte. Den Koffer auspacken und sich heimisch fühlen – diese Handgriffe wird er für Jahrzehnte nicht mehr tun können. Jahr(!)zehnte!

In einem Gefängnis – das Gedächtnistagebuch kennt nur Tage, keine Jahreszahlen, geschweige denn Orte – wird er gleich mit Schreien, später mit Blut und Hautfetzen bekannt gemacht. Auch die Foltersituationen sieht er anfangs mit eigenen Augen. In einen Autoreifen gezwängt, der an der Decke befestigt ist, wird einem Gefangenen das Fleisch von den Fußsohlen geprügelt. Dem Ich-Erzähler blüht alsbald das Gleiche. Und alles nur, weil er in Paris, im Gespräch mit Freunden, einem zu aufgeschlossenen Ohr unverhohlen seine Meinung über den Präsidenten mitteilte. Dieses offene Ohr hatte nichts Besseres zu tun als seinen Bericht postwendend an die Behörden in Syrien weiterzuleiten.

Kaum gelandet beginnt eine Tortur, die man seinem ärgsten Feind nicht wünscht. Getauft und Atheist in einem islamischen Land, das sich eine funktionierende Diktatur aufgebaut hat – hier kann kein Freigeist existieren. Jeder Strohhalm wird ergriffen und im gleichen Moment fällt das Kartenhaus der Hoffnung krachend und schmerzvoll zusammen. Ein Alkoholiker kann seiner Welt entkommen, nur schwer, aber er hat zumindest die Möglichkeit das Licht am Ende des Tunnels zu erreichen. Die Gefängnisse in Syrien haben keine Tunnel. Und erst recht erlaubt man kein Licht. Nicht einmal Stifte und Papier sind erlaubt. Der Ich-Erzähler / Mustafa Khalifa hat nur eine Zuflucht: Sein eigenes Ich. Er zieht sich zurück wie eine Schnecke, die Gefahr wittert. Aus diesem Schneckenhaus heraus beobachtet er die rohe Welt ohne Horizont. Seine Gehirnwindungen sind die Schreibblöcke. Denn nicht nur die Gefängnisbetreiber und Bediensteten trachten ihm nach dem Leben. Er wird als Muslimbruder in den Büchern geführt. Die sind dem Assad-Regime ein Dorn im Auge. Die Muslimbrüder im Gefängnis beäugen ihn misstrauisch. Ist er einer von ihnen? Will er sie verraten? Hat er es vielleicht sogar schon getan?

„Das Schneckenhaus“ wird als das Evangelium der syrischen Revolution bezeichnet. Mit jeder Zeile, die man mit Kopfschütteln – ja, der Mensch ist tatsächlich zu so vielem im Stande zu tun – aufsaugt, beginnt man diesen Zeilen Glauben zu schenken. So was denkt man sich nicht aus! So was ist wirklich passiert, und passiert immer noch. Wer meint, dass so manche Widerwärtigkeit nicht immer wieder in Erinnerung gebracht werden muss, sollte dieses Buch lesen. Man kann nicht oft genug an Derartiges erinnern!

99x Rheingau

Für alle, die noch nicht wissen sollten: Folgt man dem Sonnenuntergang von Mainz aus gelangt man unweigerlich in den Rheingau. Enthusiasten und Fans dieser Region sagen, wenn‘s am schönsten ist, ist man da!

Sabine Fladung und Lydia Malethon können dieser Behauptung nur zustimmen, denn sie sind Kinder dieses Landstriches. Ihre Begeisterung für ihre Heimat teilen sie in diesem Buch, das auf den ersten Blick knapp einhundert Orte, Dinge und wissenswerte Infos für den geneigten Rheingau-Neuling, aber auch für ausgefuchste Rheingau-Experten parat hält. Wer sich jedoch in dieses Buch vertieft, entdeckt den einen oder anderen Punkt mehr, so dass aus neunundneunzig Tipps ganz schnell hundert, hundert und ein Dutzend … Hinweise werden.

Schon gleich der erste Punkt ist nichts, was man anfassen kann. Nichts zum Herumwandern. Es ist die Geschichte des Freistaates Flaschenhals. Was nach einem Werbegag einer Brauerei klingt, war tatsächlich einmal Realität. Nach dem ersten Weltkrieg zeichneten die Siegermächte auf der Landkarte ihre Einflussgebiete auf. Mit dem Zirkel. Der kann bekanntlich keine Ecken zeichnen. Und so ergab sich ein weißer Fleck auf der Landkarte. Zwischen Lorch und Kaub. Es gab eigenes Geld, jedoch reichte das Land nicht, um seine Bewohner zu ernähren. Der Schwarzmarkt florierte. In Nacht- und Nebelaktionen wurden schon mal Kühe von A nach B, bzw. in oder aus dem Freistaat geschafft. Vier Jahre hielt die scheinbar heile Welt. Frankreich besetzte das Gebiet und dem Flaschenhals wurde der Kronkorken der Grande Nation aufgesetzt.

Dass der Rheingau weltoffen ist, beweist die Tatsache, dass das Bermudadreieck ebenfalls hier liegt. Was? Die beiden Autorinnen erlauben sich die Anleihe und schreiben über das kulinarische Bermudadreieck. Kronenschlösschen, Zum Krug und Adlerwirtschaft bilden die Eckpunkte dieses lukullischen Gebildes, das in der Mathematik und Physik als stabilste geometrische Verbindung gilt. Gediegen, gehoben, sternprämiert. Und immer lecker! Was hilft es davon zu reden oder darüber zu schreiben – Mund auf, Gabel rein und genießen.

Um nicht komplett schon vor einer Reise in den Rheingau alles zu verraten, sei an dieser Stelle angeraten, dieses Buch noch vor allem anderen ins Reisegepäck gehört. Sabine Fladung und Lydia Malethon haben nicht nur den Rahm der Region abgeschöpft, sondern sind tief in den Schmelztiegel Rheingau hinabgestiegen. Neben nützlichen Informationen verführen die beiden den Leser mit so mancher Anekdote. Die günstige Lage des Rheingaus in der Mitte Deutschlands erlaubt jedem mal schnell einen kleinen Abstecher nicht nur zum Weingenuss zu tätigen. Und mit diesem Buch von Kennern wird man selbst schnell zum Fan.

Die Seele des Flusses – Auf dem Po durch ein unbekanntes Italien

Als der Eiserne Vorhang Rost ansetzte und brüchig wurde, starteten Reisejournalisten und Neugierige aus aller Herren Länder, um wahre Abenteuer „gleich um die Ecke“, in Europa erleben zu können. Sie zogen über unendlich weite Felder, die nie von der Zivilisation wie wir sie kennen berührt wurden. Sie stapften durch Moore. Sie bereisten Flüsse. Drei Jahrzehnte später fällt es wieder einmal schwer Landschaften zu entdecken, die zuvor kaum jemand gesehen hat. Und da kommt Paolo Rumiz daher und behauptet den Po, also den Fluss (erster und letzter Sprachwitz zum Thema Po, versprochen) als erster entdeckt zu haben. Was? Ein Fluss, der durch die Industriemetropole Turin fließt, der Piacenza sanft streichelt, der die Musikstadt Cremona prägt, der zu Parma gehört, obwohl er die Stadt gar nicht berührt, ein Fluss, der das Dorf Brescello (hier wurden die Don Camillo & Peppone-Filme mit Fernandel gedreht) umschließt, der weit verzweigt in die Adria fließt, so dass sie als legitimer Bestandteile des Flusses gilt. Und diesen Fluss will noch niemand kartografiert haben? Noch nie irgendjemand erkundet haben?

Es ist mehr ein symbolischer Erkundungsakt, den Paolo Rumiz hier vornimmt. Denn natürlich wurde der Po schon erkundet. Und natürlich gibt es Karten. Aber es gibt keine ausgewiesene Erkundungstour von der Quelle bis zur Mündung. Und wenn doch, dann ist sie bei Weitem nicht so beeindruckend wie dieses Buch!

Bei Hochwasser ist der Fluss eine gefräßige Bestie, die ihre Hauer in die Böschung beißt und alles mitreißt, was nicht sicher im fruchtbaren Boden verankert ist. In den Sommermonaten ist der Fluss der ruhige Begleiter, der die erbarmungslose Sonne vergessen lässt.

Paolo Rumiz erkundet Italien von dem italienischen Fluss aus. An Land gehen und sich umschauen – ja, das tut er auch. Doch vor allem findet er auch die Geschichten, die das Leben am Fluss so schreibt. Fischer und Restaurantbesitzer sowie seine Mitstreiter auf den Flussgefährten (vom kleinen Bötchen bis zur Barke) erzählen sie ihm von ihrer Sicht auf den Fluss. Und Paolo Rumiz hört ruhig zu und berichtet in diesem faszinierenden Buch von eben diesen Leben. So langsam der Fluss in so manchen Abschnitten dahingleitet, so beruhigend wirken seine Worte auf den Leser. Wie ein Zugvogel gleitet er auf dem Fluss dahin, der vom Piemont über die Lombardei und die Emilia Romagna bis ins Veneto reicht. Paolo Rumiz ist der Po noch nicht genug, er will auch die Seitenarme und Zuflüsse erkunden. Und so treibt es ihn bis an die oberitalienischen Seen. Seine selbst gezeichneten (und im Buch abgebildeten) Karten sind die Grundlage für eine Reise, die nur ein Prädikat verdient: Abenteuer.

Ein Abenteuerroman auf höchsten sprachlichem Niveau, der jeden Leser in die Fluten reißt und ihn ein einmaliges Erlebnis beschert.

Jedem das Seine

Der 23. August 1964 hätte ein großer Feiertag für den Apotheker Manno und Doktor Roscio werden können. Bei der Jagd hatten sie elf Kaninchen, sechs Rebhühner und drei Hasen erlegt. Zu dumm nur, dass auch die beiden Schützen erlegt wurden. Von Weidmanns Dank keine Spur. Jetzt kommt so manchem die Geschichte von vor ein paar Tagen gar nicht mehr so unerheblich vor. Der Apotheker Manno bekam einen Drohbrief. Für das, was er getan hat, müsse er nun sterben. So was kommt immer mal vor, ein Scherz, so tat es der Apotheker ab. Schon der Postbote ahnte etwas von dem, was an diesem 23. August 1964 geschehen sollte.

Da die beiden Opfer – außerdem ist ein weiteres Opfer ist außerdem zu beklagen: ein Jagdhund des Apothekers – angesehene Personen des öffentlichen Lebens in dem kleinen sizilianischen Ort sind, und beide aus noch angeseheneren Familien stammen, rückt sofort die Polizei an. Doppelte Mannschaftsstärke, es darf auf keinen Fall irgendein Detail übersehen werden. Doch Maresciallo noch Carabinieri werden fündig. Überhaupt ist der gesamte Ort ziemlich schweigsam. Das kommt dem Lehrer Laurana seltsam ungewöhnlich vor. Er macht sich höchstpersönlich auf die Suche nach den Mördern – es müssen mindestens zwei gewesen sein. Denn wer begibt sich selbst in Gefahr, wenn er zwei versierte und mit geladener, zum Schuss bereiter Waffen tragende Jäger ermorden will? Ihm, dem Lehrer wird, schnell klar, dass hinter der ehrenwerten Fassade der beiden Jagdfreunde ein ordentlicher Haufen voller Hinterlist und Zwietracht liegt. Doch wie ermitteln ohne dabei Staub aufzuwirbeln?

Laurana zieht es in die Ferne. Zu den Verwandten, nicht seinen, sondern denen der Opfer. Auch die Zeitungsausschnitte, mit denen der Drohbrief verfasst wurde, sind für ihn von Belang. Als er wieder in den Ort, an den Ort des Verbrechens zurückkehrt, blickt er klarer in den Abgrund. Zu dumm nur, dass auch andere dieses Klarersehen erkennen… War alles nur ein Missverständnis oder doch ein klug ersonnener perfider Plan?

Leonardo Sciascia lässt die Puppen tanzen! Sie umgarnen den Leser mit ihrem Liebreiz und verschleiern ihm die Sicht. Nur der Geschichtslehrer lässt sich von den Ablenkungen nicht den Kopf verdrehen. Hier und da blitzen kleine wohl platzierte Hinweise auf. Das Offensichtliche lauert hinter elegant schwebenden Schleiern, die erst nach und nach sich liften, um das Ungewisse, doch Unvermeidliche ins Rampenlicht treten lassen. Mit fatalen Folgen!

Milch und Kohle

Der Ruhrpott in den 60ern: Die Beatles brachten noch Platten heraus. Pasta hieß Nudeln und al dente war nicht ganz durch statt köstlich. Der Eiswagen brachte Erfrischung in den wolkenverhangenen Sommer. Für Jugendliche wie Simon, 15, 16 Jahre alt, war die Zeit das Sprungbrett in den Ernst des Lebens. Mit dem Moped raus in die Natur. Bier trinken. Overstolz oder ‘ne Juno rauchen. Und am Wochenende wurde … naja ‘ne Frau klargemacht.

Trist? Nur auf den ersten Blick, vielleicht noch auf den zweiten. Und den dritten. Okay, es ist trist. Die Schlote qualmen als ob es kein Morgen gibt. Wie prophetisch die Schornsteine damals schon waren! Wer arbeitet, malocht. Und dafür will er dann zuhause aber auch seine Ruhe haben. Das Lob des kleinen Mannes ist, wenn man ihn in Ruhe lässt. Alles hat seine Ordnung.

Simons Vater bringt eines Tages einen Kollegen mit nach Hause, Gino. Italiener. Der der Familie exotisches Gemüse und fremde Gewürze vorstellt. Alles für die Pasta. Der Sauerbraten wird erstmal beiseite gestellt. Den gibt’s morgen. Simon ist irgendwie fasziniert von Gino. Nicht nur, weil der ein Rennrad hat. Simon hat ja nicht einmal ein Moped, geschweige denn einen Führerschein. Nein, es ist die uneingeschränkt offene Art. Sein Akzent. Was oll das Leben im Pott für Simon schon bereithalten? Gesellenprüfung, Maloche, Auto, Haus, Kind, Tod. Die heilige Sechsfaltigkeit der hoffnungslosen Jugend.

Doch ganz so düster ist die Welt dann doch nicht. Schließlich gibt es Bier und Frauen und Mopeds. Und die Freiheit all dies zu genießen. Eben noch ‘nen Milchbart, und schon kohlrabenschwarz im Gesicht. Buch allein ist immer noch aktuell. Auch wenn der Kohleabbau im Pott seit einiger Zeit passé ist. Die Nachwirkungen des exzessiven Kohleabbaus, der sich tatsächlich mal rentiert hat – zumindest für einige – sind immer noch zu spüren. Die Arbeitersiedlungen sind allgegenwärtig, ebenso der direkte Humor und die auf Außenstehende schroffe Lebenseinstellung der Pöttler. Ralf Rothmann hat ein zeitloses Pottwerk geschrieben, das niemals seinen Nachdruck verlieren wird. Die einfache Sprache der Menschen in ein Gewand aus geschliffenen Worten gekleidet, ohne dabei jemandem auf den Schlips zu treten, glänzt im matten Schwarz der Kohle.

Jörg Hülsmann untermalt in dieser Sonderedition der Büchergilde die eingehenden Passagen mit nicht minder eingängigen Bildern. So düster die Gestalten auf den Betrachter wirken, so farbenfroh wirkt der gesamte Band. Schwarz als Synonym für Eleganz – hier wird es zum düsteren Star, der allen Gesetzmäßigkeiten zum Trotz erstrahlt. Für Kenner gibt es eine Vorzugsausgabe (limitiert auf 120 Exemplare) mit einer signierten und nummerierten Originalgrafik im Pappschuber.

Ins Schwarze

Zurück zu den Wurzeln, in den Ort der Kindheit und der Jugend. Laurents Ausflug in die Vergangenheit bereitet ihm weniger Bauchschmerzen als man – hat man das Buch beendet – vermuten könnte. Doch ein wenig mulmig ist ihm schon. Sein Onkel Roland wird nicht mehr lange unter den Lebenden weilen. Er lebt mit Laurents Mutter nun zusammen. Irgendwo im französischen Nirgendwo. Bis zur nächsten Apotheke ist es fast ein Tagesausflug. Das Café ist schäbig wie eh und je. Schon Jahre hat Laurent keinen Fuß mehr in den Ort gesetzt.

Es ist der Ort, in dem ihn seine Großeltern großzogen. Der Vater starb früh, die Mutter war mehr als überfordert. Einmal gab sie ihm Chlorreiniger zu trinken. Ein Versehen. Ein Versehen?

Ach ja, Cousine Lucie heiratet auch. Zwei Fliegen mit einer Klappe. Das sind drei weniger als in dem heruntergekommenen Haus seiner Jugend auf dem Boden seines ehemaligen Zimmers liegen. Tot. Also die fünf Fliegen in seinem Zimmer. Das Treffen mit der Mutter, die ihn einst das Leben schenkte, verläuft kühl. Eine unterschwellieg Aggressivität ist spürbar.

Zumindest für Claire, Laurents Begleiterin. Im dritten Monat schwanger fühlt sie sich nicht besonders gut. Die Hitze, die fremden Gerüche und wohl auch die Tatsache, dass sie während des lauschigen Sommerausfluges (was er nicht mal im Ansatz ist) überall als Constance vorgestellt wird. Denn alle, die Laurent kennen, wissen, dass er mit Constance ein Kind erwartet. Also ist Claire Constance. Keine Fragen, keine Widerworte.

Es ist ein bisschen wie in einem Alexandre-Aja -Film. Man spürt, dass hiergleich etwas passieren wird. Man weiß nur nicht was und wann. Aber, dass das, was passieren wird, nicht von dieser Welt ist, steht fest. Und so streift man mit Laurent durch das Nest Saint-Fourneau. Man beäugt ihn. Jeder scheint über seine Ankunft informiert zu sein. Dass seine Mutter oben am Weiler mit seinem Onkel wohnt, darüber legt man den Schleier des Schweigens.

Cousine Lucie ist die einzige, die Laurent zu einer menschlichen Regung bewegen kann. Allerdings keine Geste der Freundlichkeit. Vielmehr erntet sie eine Warnung. Stopp, bis hierhin und nicht weiter! Warum nur? Die Spannung ist unerträglich.

Vincent Almendros fabuliert auf höchstem erzählerischem Niveau. Wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird, folgt man ihm in die Niederungen der menschlichen Seele. Was war, ist immer noch präsent. Wie ein luftiger Vorhang, den man einfach nur zur Seite schieben muss, verschleiert er weniger als man sieht. Doch diesen Vorhang gänzlich im Nirvana zu versenken, traut sich niemand so recht. Als Gute-Nacht-Lektüre mindestens genauso geeignet wie als Schauermärchen am Lagerfeuer unterm Sternenzelt in tiefschwarzer Nacht…