Kategoriearchiv: Urlaubslektüre

Grünmantel

Irgendwo im erweiterten Speckgürtel von Berlin, in Grünmantel, sollte für die Bewohner das Paradies Wirklichkeit werden. Die alte Dorfgemeinschaft gibt es schon lange nicht mehr. Wenn es sie jemals gegeben hat. Vielleicht war auch sie nur eine Illusion, ein Klischee. Nun hat der Wandel auch diesen Flecken Erde erreicht. Nur das schnelle Internet weigert sich hier Einzug zu halten…

Da ist ein pensionierter Schuldirektor aus Düsseldorf. Typischer Lebensweg, wenn es auf die Zielgerade geht: Das fette Pensionskonto reicht zwar nicht für die Kanaren, aber für die brandenburgische Ebene ist es gut genug. Als Lebensziel hat sich Benzler den Naturschutzpark ausgesucht. Den will er zu einer Pracht verhelfen, die man noch nie gesehen hat. Opfer, sind diejenigen, die Land dafür aufgeben mussten. Dass er eine „Schwäche“ für jüngere Frauen, fast noch Mädchen hat, hilft ihm keineswegs bei der Verwirklichung seiner Träume.

Dass auch seien Ex-Frau Lena hier wohnt, macht es auch nicht besser. Sie und Dagmar, ihre jüngere Schwester hecken einen Plan aus, um nicht weiterhin von der dürftigen Abfindung Lenas leben zu müssen. Die ist eh schon aufgebraucht.

Rolle könnte dabei eine entscheidende, ja was schon? Rolle spielen. Er ist 15. Und bei der geplanten Entführung des „Pädos“ fällt bestimmt auch was für ihn ab. Seine „Mutter“, der so genannten Kameradschaft, Dorffaschos, die jedem Klischee entsprechen, hätte bestimmt nichts dagegen, wenn es mal ein bisschen rauer zugeht in der Uckermark.

Auch Karl Krassow wünscht sich Veränderungen. Sein Stottern behindert ihn schon sein ganzes Leben lang. Genauso wie seine unrühmliche Vergangenheit – jeder trägt halt sein Scherflein mit sich herum. Dass er der einzige Handwerker im Umkreis von gefühlten Tagesmärschen ist, lässt ihn allerdings so manchen Spott ertragen.

Manfred Maurenbrecher lässt in dem fiktiven Ort die Puppen tanzen. Woller Wortwitz und mit gerechtfertigter Zuneigung wird Grünmantel zum Schmelztiegel der Kulturen. Von wegen eingefleischte Dorfgemeinschaft. Hier kocht jeder sein eigenes Süppchen. Allianzen sind Zweckgemeinschaften, die alsbald wieder gelöst werden. Man muss sich arrangieren. Wer also meint der Großstadt Berlin den Rücken kehren zu müssen, weil Gentrifizierung und Stress zu viel werden, der wird in Grünmantel auf veränderte Bedingungen treffen. Ob die allerdings besser gehandhabt werden können als in Neukölln, Charlottenburg oder Köpenick?

Kein Atlas kennt Grünmantel. Das ist alles nur erfunden. Doch so real und nah wurde Fiktion selten beschrieben.

Wie ein Spatz am Alexanderplatz

Man stelle sich vor, dass man „uff’m Alex herumstromert“ und die Spatzen trällern Gedichte vor sich her. Was wären das für Gedichte? Schiller, Hölderlin oder gar Goethe? Wohl kaum! Eher Hans Gustav Bötticher, besser bekannt als Joachim Ringelnatz. Ein bisschen naseweiß, ein bisschen frivol, ein bisschen nachdenklich, aber immer echte Schenkelklopfer, die die Hirnwindungen in Schwingung versetzen.

Die Gedichte von Ringelnatz sind das, was man getrost als Schatz bezeichnen kann. Nichts Hochtrabendes, mit Erkenntnissen überfülltes Wortgut, sondern Beobachtungen und mit viel Empathie und Wortwitz zu Papier gebrachte Gedanken. Sie laden zum Innehalten ein. Sich auf einer Bank niederlassen und ein-, zweimal umblättern bis man sich wieder erhebt und den Spaziergang fortsetzt. Im Kopf schallt es immer noch nach. Wie ein Vogelgezwitscher.

Tja, die Spatzen (auf dem Alex) werden weniger. Das Verhältnis von Spatzen zu Ringelnatz-Verehrern schlägt immer mehr zu Letzterem aus. Auch und gerade wegen Büchern wie diesem. Als besonderes Bonbon gibt es im hinteren Teil des Buches das Fragment von Ringelnatz‘ „… liner Roma…“. Einem, oder besser, seinem BerLINER ROMAn. Polizeimeldungen eröffnen jedes Kapitel, und die wenigen Einführungszeilen jagen dem Leser einen Schauer über den Rücken. Raub und Leichen sind das Blut, das die folgenden Zeilen mit Leben füllt.

Der Roman wurde leider niemals fertig. Als Ringelnatz 1930 endgültig aus München, wo er als Kabarettist Erfolge feierte, nach Berlin übersiedelte und mit seiner Frau, die er liebevoll Muschelkalk nannte, war ihm das Ausmaß dieses Ortswechsel noch nicht bekannt. Keine drei Jahre später wurde er mit Auftrittsverbot belegt und seine Bücher verbrannt. Im November 1934 starb der gebürtige Sachse an Tuberkulose. Zehn Jahre waren das die ersten Zeilen seines Romans schon alt. Zur Vollendung konnten sie nie gebracht werden. So bleiben uns auch fünfundachtzig Jahre nach seinem Tod so freundvolle Zeilen über die See, das Theater, Autorennen, Mode, das Leben an sich.

Die Reihe „Berliner Orte“ hebt sich durch die Exklusivität der ausgesuchten Texte von so mancher Reihe um und über Berlin ab. Berlin ist immer gut für eine Anekdote, dieses Buch ist der gedruckte Beweis dafür.

Welt ohne Skrupel

Bei dem Namen Klinger muss jeder Fenrsehserienfan erst einmal schmunzeln. Das ist doch der auch „MASH“, der sich mit allerlei Dummheiten um den Militärdienst drücken wollte. So einer ist dieser Klinger hier nicht. Ein Schlitzohr. Ein ausgemergelter Kleinganove, dessen „Einkünfte“ immer nur bis zur nächsten miete reichen … sollen. Eine Lebensplanung für ihn zu erstellen, scheitert an nicht vorhandener Bereitschaft.

Gerade eben hat er mit seinem Kumpel Chainbang wieder ein Ding gedreht, da schleudert es seine Karre, einen Miata, in Europa als Mazda MX-5 bekannt, gegen einen Laternenmast. Zu blöd nur, dass ein paar Block weiter die Feuerwehr von San Francisco stationiert ist. Sobald erklingt auch schon das Tatütata der Sirenen. Das können Klinger und Chainbang momentan überhaupt nicht vertragen. Zum Einen brummt ihnen der Schädel, auch wenn Chanbang den geöffneten Airbag mit einem Messer durchstochen hat (der Vergleich mit dem Pitbull, der durch einen Kindergarten rennt, fesselt den Leser ratzfatz an den Krimi und lässt ihn bis zum Schluss nicht mehr los). Zum Anderen liegt im Wagen auch noch die Beute. Und das Tatwerkzeug.  Klinger macht sich aus dem Staub. Chainbang hat weniger flinke Füße und demzufolge Glück. Und schon bald hat Klinger auch ein Smartphone. So was braucht er sonst nicht. Einen (und noch einen und noch einen und …) Whiskey hat er schon eher nötig.

Ach ja, im Kopfrechnen ist Klinger ein Ass. Besonders, wenn an die Ziffernfolgen ein Dollarzeichen angehängt ist. Im Handumdrehen kann er Gewinnmarchen und Beteiligungen ausrechnen. Gehört wohl zum Handwerk eines Kleinkriminellen. Das erwähnte Smartphone soll Klingers kleine Welt jedoch gehörig durcheinanderwirbeln. Denn jetzt winkt die große Kohle. Ein App-Entwickler verdient sich mit seinen Fähigkeiten schnell mal eine goldene Nase – so viel kann Klinger schon mal ausrechnen. Und Marci – nicht minder durchtrieben wie Klinger, im Zweifelsfall um Längen gerissener und skrupelloser, weiß wie man auch ohne großen Aufwand sich ein Stück vom appetitlichen Geldkuchen etwas abschneiden kann. Klinger ist für sie ein williges und naives Werkzeug. Doch mit seiner Chuzpe hat sie nicht gerechnet.

Jim Nisbet knallt dem Leser eine Geschichte vor die Augen, die vor augenscheinlicher Brisanz nur so funkelt. Hier gibt es kein Versteckspiel, kein Sich-Hinter-Regeln-Verstecken, hier wird Klartext gesprochen und nicht minder offen gehandelt. Klinger ist kein Dummer. Auch ist es nicht die schiere Gier nach Geld, die ihn antreibt. Er hasst das System, und findet Gefallen daran es nach Schlupflöchern zu durchsuchen. Mal stolpert er, mal knallt er der Länge nach hin. Doch Liegenbleiben kommt für ihn nicht in Frage.

Ich schreibe aus Paris

Korrespondenten haben einen tieferen Einblick in etwas Fremdes mit Sichtweise von außen. Sie vermitteln Eindrücke, stellen Zusammenhänge, berichten aus fernen Ländern. Ohne sie wäre man gefangen in der eigenen kleinen Welt.

Helen Hessel war so eine Korrespondentin, die der Frau zuhause (in Deutschland) die große weite (Mode-) Welt zeigte. 1912 ging sie nach Paris. Dort lernte sie den Schriftsteller Franz Hessel, den sie im Folgejahr heiratete. Es begann eine wilde Zeit, die von Francois Truffaut in „Jules et Jim“ so nachhaltig verfilmt wurde. Mit dieser Kurzbiographie wird man der Autorin Helen Hessel aber keineswegs gerecht.

Zwischen 1921 und 1938 war sie Auge und Ohr der deutschen (modebewussten und emanzipierten) Frau in der Hauptstadt der Welt, Paris. Und das immer mit fesselnder Neugier und einem zwinkernden Auge. Ein bisschen Modevorbildung wäre nicht schlecht – wer meint, seine Vorstellungen von Mode würden mit fünf Folgen Shopping Queen vollständig sein, kommt schon auf den ersten Seiten gewaltig ins Trudeln. Wer weiß schon was Foulard ist, was ein Coupeur so alles tut oder was well groomed bedeutet? Aber auch ohne entsprechendes Vokabular – das kann man alles nachschlagen – wird man sich in diese Auswahl von Artikeln sofort verlieben. Denn Mode kommt nie aus der Mode. Und die Beschreibung der selbigen wird trotz inflationärer „Ach wie spannend“ oder „Find ich mega“ ist niemals von gestern.

„Ich schreibe aus Paris“ erinnert an ein altmodisches Reportageformat, in dem dieses Genre noch von enthusiastischen Könnern ihres Faches in Höchstform gestaltet wurde. Helen Grund – sie schrieb damals schon wieder unter ihrem Mädchennamen, wer „Jules et Jim“ gesehen hat, weiß warum – wäre heute eine Influencerin ersten Grades, die selbst Anna Wintour (Chefin der amerikanischen Vogue, ihr Urteil wird in der Modebranche gefürchtet wie geliebt)  vor Neid erblassen lassen würde.

Helen Hessel aka Helen Grund weiß aber nicht nur Modetrends zu erkennen und zu beschreiben. Ganz Paris ist ihre Bühne. Von soldatischen Uniformen bis hin zum Finale von Roland Garros (zwischen William Tilden und René Lacoste – da ist sie wieder, die Verbindung zur Mode) findet sie hier ihre Bühne, von der sie in ihre alte Heimat berichtet. Ein kurzweiliges Lesevergnügen, das jeden fesselt und dankbar sein lässt, dass Helen Hessels Texte doch nicht endgültig im Nirvana der Zeitungsarchive zu Staub werden.

Saison der Wirbelstürme

Da liegt sie nun, friedlich, fast meint man ein Lächeln auf ihrem entstellten Gesicht erkennen zu können. Doch wie kann ein so grässlicher Mensch lächeln, kann menschliche Züge haben? Und wie kann ein Mensch lächeln, dem so übel mitgespielt wurde? Bruja, die Hexe ist tot. Kein Kinderreim! Realer Wahnsinn in La Matosa, einer Gegend in Mexico, die nur Einheimische aus Mangel an Alternativen betreten. Wer kann, haut ab. Wer es nicht kann, und das sind die meisten, muss bleiben und zusehen, dass der nächste Tag nicht der letzte sein wird. Kinder haben den Leichnam bei ihren Streifzügen durchs Zuckerrohrdickicht entdeckt. Das Entsetzen werden sie nie mehr los.

Bruja stammte aus einer alten Familie verwahrloster Hexen. Wer ein Wehwehchen hatte, kam schon immer zu ihr. Ebenso, wem es im Schritt juckte. Dem Ruf der Hexe tat das keinen Abbruch mehr. Sie stand für alle eh im Bunde mit dem Teufel, dessen Gemächt sie Nacht für Nacht ritt. Das ihres Ehemannes konnte sie nicht mehr reiten. Der war schon lange tot. Sie, die Hexe habe ihn umgebracht, um Land und Geld zu erben. Ein echtes Herzchen eben. Wer konnte, machte einen großen Bogen um sie und ihr Haus. Doch irgendwer konnte nicht anders. Irgendwer fasste sich ein Herz und tötete die Hexe, bevor sie sein Herz zu fassen bekam. Nicht sinngemäß, wortwörtlich!

Fernanda Melchor beschreibt Menschen, die durch einen Landstrich Mexicos geprägt sind. So unwirtlich die Gegend, so rau sind ihre Bewohner. Hier wird nicht lang gefackelt, hier wird gehandelt. Und das nicht immer mit sanfter Hand, oft, fast immer mit der Faust, Machete oder dem Messer. Für Schmeicheleien ist hier kein Platz.

Und Frauen haben schon mal gar nichts zu melden. Sie sind vogelfrei. Wer sie will, nimmt sie sich. Brutal und schnörkellos wird der Leser durch diesen aufrüttelnden Roman gehetzt. Das liegt nicht nur an der ungeschminkten Wortwahl, sondern auch dem besonderen Stil der Autorin. Ohne Punkt – zumindest mit nur wenigen – dafür aber mit der geballten Ladung Kommas gibt sie dem Leser kaum eine Chance durchzuatmen. Genau wie ihre Protagonisten. Wenn man also davon spricht sich in eine Geschichte vertiefen zu können, dann ist „Saison der Wirbelstürme“ das Paradebeispiel dafür.

Dafür erhält sie 2019 den Anna-Seghers-Preis und ist außerdem für den Internationalen Literaturpreis – Haus der Kulturen der Welt nominiert.

Mobbing Dick

Dick Turpin war im 18. Jahrhundert ein gefürchteter Straßenräuber, der sich mit Degen und Pistole gegen den Adel auflehnte. Dickie Greenleaf lehnt sich gegen  das Establishment (besonders das in Person seiner Eltern) auf, um schlussendlich von Tom Ripley ins Jenseits befördert zu werden. Und Dick Meier? Um die Zwanzig, lebt in Witikon, Zürich, bei seinen Eltern, Reihenhaus. Wenn das Leben eine Linie mit Ausschlägen nach Oben und Unten, für Freude und Leid, ist, dann verläuft sein Leben geradlinig, monoton. Von den Eltern kann er diese Eigenschaft nicht haben. Die sind selber so monoton, einschläfernd, rechtschaffen, langweilig, borniert, enervierend. Es ist zum Haareraufen! Dick bricht das Studium ab, heuert bei der Schweizerischen Bankanstalt an, sucht sich eine Wohnung. Sagt den Eltern nichts. Warum auch. Für ihn hat sich ja nichts verändert. Er hat zwar einen Job, doch Lebensfreude will einfach nicht bei ihm aufkommen. Er ist schnippig, aufmüpfig, spielt Streiche – nix! Dick droht in der scheinbaren Routine seiner Arbeit, zwischen Mutters permanenter Sorgenmacherei und seinem misanthropischen Vater zu ersticken. Die Gefängnismauern um ihn herum rücken immer näher und rauben ihm die letzten Lebensgeister.

Der erste Schritt ins die sauerstoffreiche Zukunft lauert in einer heruntergekommenen Gegend mit horrenden Mieten. Aber das ist der Preis, den Dick zahlen muss, um endlich so etwas wie Freiheit auf der Haut spüren zu können. Die jahrelange Gängelei hat tief in ihm einen Hass aufkeimen lassen. Und der muss nun raus! Potentielle Anwärter, die nur darauf warten Dicks Lebensgeister um sich herum schwirren zu sehen, gibt es ja zum Glück haufenweise.

Vielleicht wendet sich doch alles zum Guten. Amy, seine Schwester zieht wieder zurück ins elterliche Haus. Dass sie von Dick dafür bezahlt wird, steht auf einem anderen Blatt.

Doch Dick entscheidet sich für einen anderen Weg. Jeden Tag, wenn er im Büro in Besprechungen sitzt, mit Kollegen redet, wird ihm die Verkommenheit des Bankenwesens im Speziellen, der Welt im Allgemeinen vor Augen geführt bzw. ins Ohr geschrien. Gutes Benehmen, Scham, Ehrlichkeit – pah, wenn überhaupt, dann war das einmal! Hier wird hinter den Rücken der Leute das Fallbeil gewetzt und der Auslöser fortwährend auf Funktionstüchtigkeit überprüft. Dick lässt sich davon anstecken. Das Telefon ist sein roter Knopf in die Freiheit. Ein kleiner Anruf hier, ein Anklingeln da. Ein blöder Spruch, der dem Angerufenen den Schweiß auf die Stirn treibt. Ein gewisses Gefühl von Freiheit stellt sich bei Dick ein. Befriedigung selbst etwas geschaffen zu haben. Ohne das Zutun anderer. Und ohne, dass andere ihren Vorteil daraus ziehen können. Waren es bisher Mutter, Vater und Chefs, die ihn antrieben, so treibt er nun die Herde der ihn zerpflückenden Meute vor sich her. Doch kennt er wirklich seine Grenzen und die dieses perfiden Spiels? Kann er diese Grenzen erkennen und sie auch einhalten?

Tom Zürcher schreibt genüsslich über einen jungen Mann, dessen Welt bisher auf engen Pfaden verlief. Einmal abgebogen, findet er schwer den Weg zurück. Geheimnisumwitterte Konten, ein knausriger Vater, der plötzlich in einem ganz andere Licht erscheint, eine Mutter, die endlich aufwacht, Kollegen, deren Moral so weit im Keller ist, dass wohl niemals ein Lichtstrahl diesen erhellen könnte – und aus Dick Meier wird Mobbing Dick. Der Lesegenuss des Jahres!

Willnot

Wer ist Willnot? Will er einfach nicht mehr und setzt allem ein grausames Ende? Nein, die Frage muss lauten: Was ist Willnot? Willnot liegt irgendwo im Nirgendwo der USA. Kein Redneck-Country, in dem auf alles angelegt wird, was keine Latzhose trägt. Vielmehr ein Ort, in dem man viel Zeit hat nachzudenken. Abwechslung Fehlanzeige. Bis, ja bis eines Tages in einer Grube Leichen gefunden werden. Der Arzt Lamar Hale wird gerufen, es könnte ja sein, dass es hier noch was zu tun gibt. Nicht für ihn, für ein Spezialteam von Ermittlern dafür umso mehr.

Für Lamar Hale einmal mehr Anlass nachzugrübeln, Parallelen zu ziehen, sein eigenes Leben in Abschnitten Revue passieren zu lassen. Und wie es der Zufall will, bleibt es nicht dabei. Brandon Lowndes steht unversehens vor bzw. hinter ihm. Kennt er ihn noch? Weiß er, wer er ist? Ja! Nur zu gut. Brandon war einmal Patient bei ihm. Ist nun auf der Durchreise. Oder so was in der Art. Eine seltsame Begegnung. So schnell und emotionslos sie begann, so schnell und emotionslos ist sie auch schon zu Ende. Typisch Willnot. Kaum hier, will man auch schon wieder weg.

Die Eigenartigkeiten nehmen kein Ende. Auch das FBI ist auf den unauffälligen Ort aufmerksam geworden. Das FBI in Person von Agent Theodora Odgen. Wenn irgendwo (im Nirgendwo) eine Grube mit Leichen gefunden wird, sind die Schlapphüte, die schon lange nicht mehr getragen werden, nicht weit weg. Doch Agent Ogden ist nicht an dem Massengrab interessiert. Ein Brandon Lowndes ist das Ziel ihrer Fragen. Hale antwortet pflicht- und wahrheitsgemäß, was er weiß. Brandon war Patient bei ihm, ist auf der Durchreise und wird von den meisten nun Bobby genannt. Mehr kann er ihr nicht liefern. Ist halt so, in Willnot.

Sie weiß mehr über Brandon, der nun Bobby genannt werden will. Elitekiller, gutes Auge, ruhiger Abzug. Kriegseinsatz. Und fahnenflüchtig. Hat er was mit der Grube zu tun? Nicht als Täter, sondern als … ja als was eigentlich? Brandon taucht wieder auf. Freude darüber empfindet niemand. Denn Bobby, also Brandon, liegt im Krankenhaus. Schussverletzung. In den Rücken. Und da man in Willnot ist, passiert was? Brandon verschwindet wieder. Alles mysteriös ohne dabei Geister zu beschwören. Die einzigen Geister, die hier in Unwesen treiben, sind die Geister der Vergangenheit, die den Doc und alle um ihn herum ab und zu mal piesacken. Alles nicht so dramatisch.

James Sallis beschreibt in unnachahmlicher Art und Weise einen Ort, den man schlecht einordnen kann. Soll man ihn meiden? Warum? Alles ist friedlich. Die Grube? Ja, die könnte einem schon Angst einjagen. Aber so richtig greifbar ist die Gefahr nicht. Der Schleier des Verborgenen, des noir hüllt Willnot in ein dichtes Geflecht aus Ungesehenem, Unhörbarem und unstillbarer Neugier. Je weiter man in den Roman vordringt, desto konfuser wird das ohnehin nur spärlich brennende Licht der Erkenntnis. James Sallis trat (s)ein schweres Erbe von „Driver“ an. Mit „Willnot“ ist er fulminant zurückgekehrt auf die Bühne der Autoren, die ihr Geschichte zwischen den Zeilen erzählen. Wer nicht schon auf Seite Zwei erfahren will, wer wem warum den Garaus gemacht hat, wird in „Willnot“ ein düsteres Spektakel vorfinden, das keinen Vergleich scheuen braucht. Einzigartig!

Around the world in 72 days

Wer heute um die Welt reisen will, steigt nach dem Frühstück in den Flieger und liegt pünktlich zum Sandmännchen wieder gemütlich auf der Couch. Dabei ist es heutzutage unerheblich, ob man nun eine Frau oder ein Mann ist. Maximal als „das dritte Geschlecht“ könnte man noch für Aufsehen sorgen. Geht man jedoch einhundertdreißig Jahre zurück, ins prüde Amerika, dann erscheint eine Reise um die Welt für eine Frau fast schon undenkbar. Die Zeitung The World suchte per Annonce jemanden, der es schaffte den Erdball zu umrunden. Welch originelle Art die Auflage zu steigern – heute unmöglich! Ein reichliches Jahrzehnt zuvor hatten Phileas Fogg und Passepartout achtzig Tage benötigt, allerdings nur im Roman von Jules Verne. Nach der Bibel das zur damaligen Zeit erfolgreichster Buch der Welt.

In den Redaktionsräumen der Zeitung wurde man fündig. Die gerade mal sich in den Zwanzigern befindliche Nellie Bly (sie schummelte ein wenig beim Alter, machte sich drei Jahre jünger, ein PR-Gag, der Name war auch eine Pseudonym) brach am 14. November 1889 zu dieser Reise von New York gen Osten auf. Ein Konkurrenzblatt schickte eine weitere Dame mit dem gleichen Ziel (Auflagensteigerung) gen Westen los. Die Leser konnten mit Coupons auf die Dauer der Reise tippen und einen Europa-Trip gewinnen. So war das damals, in der vermeintlich guten alten Zeit…

Nellie Bly sorgte ein paar Jahre zuvor schon für Furore als sie in einem erschütternd ehrlichen Buch die Zustände in einer Nervenheilanstalt anprangerte. Sie war die erste und bei Weitem sicherlich die beste Wahl, auf alle Fälle ein Glücksfall für den Verlag und bis heute für den Leser. Der Titel verrät es: Wer auf seinem Zettel die 72 stehen hatte, konnte sich berechtigte Hoffnungen auf eine Reise in die alte Welt machen.

Bei all der Faszination, die Nellie Blys Buch bis heute auf den Leser ausstrahlt, darf eines nicht übersehen werden. Ihr (halten wir es ihr mal zugute – unfreiwilliger) Rassismus ist allgegenwärtig. Es ist ein Zeichen der Zeit wie Amerika auf den Rest der Welt hinabschaute. Fast jeder Zehnte der heutigen (!) Einwohner Europas brach im 19. Jahrhundert in die neue Welt auf. Die USA beschnitten die Rechte chinesischer Einwanderer, sofern diese überhaupt welche hatten. Nellie Bly stieß ins selbe Horn als sie im Süden Chinas die Primitivität und die hygienischen Standards der Einheimischen „bemerkte“. Das hat nichts mit Nostalgie zu tun, wenn man – aufgeklärt und humanistisch gebildet – am Beginn des 21. Jahrhunderts darüber liest. Es ist Rassismus, nichts mehr und nichts weniger. Unwissen schützt vor nichts. Dieses Buch aufgrund dieser Tatsache zu verteufeln, wäre allerdings auch nicht im Sinne des Erfinders. Ihr Reisebericht ist spannend und wohl formuliert und strotzt glücklicherweise auch nicht auf jeder Seite vor Vorurteilen. Man sollte sie halt bloß nicht zu sehr in den Vordergrund stellen.

„Around the world in 72 days“ ist Abenteuer zwischen zwei Buchdeckeln. Neugierig und zuweilen nassforsch steckt Nellie Bly (das phonetische Pendant  Bligh steht für Weltreisen und Entdeckertum mit strenger Hand) ihre Nase, die sie sehr wohl etwas angehen. Sie will schließlich Berichte schreiben, die man so vorher nur aus Büchern kannte. Um es vorweg zu nehmen, es gelang ihr brillant. Obwohl der der große Erfolg versagt blieb. Sie hielt nach ihrer Reise Vorträge, bekam ein großzügiges Gehalt. Doch so groß sich Amerika gab, so rückschrittlich war es bei der Umsetzung der Gleichberechtigung.

Lesereise Venedig

Und da soll noch einmal jemand behaupten alles über Venedig zu wissen! Wer die Reportagen von Susanne Schaber liest, wird die Stadt am und im Wasser besser kennen als so mancher, der großmäulig daherkommt und einem erzählen will, dass Venedig nichts mehr zu erzählen hat.

Die Autorin sucht nicht krampfhaft nach ihren Geschichten, sie sind einfach da. Auch wenn es anfänglich wie ein Klischee klingt – Venedig und Gondeln – findet sie dennoch etwas, das man so noch nicht kennt. Wie die Geschichte von Piero Dri, die dieses Buch nicht nur eröffnet, sondern für den Leser ein Tor in eine andere Welt weit aufstößt. Piero Dri fertigt Gabeln für die Gondeln an. Er ist einer von nicht einmal einer Handvoll Handwerkern, der diese Kunst – und das ist es ohne Zweifel – noch beherrscht. Sein Großvater hat es ihm beigebracht. Eigentlich hat er in Padua Astronomie studiert. Doch die Sehnsucht nach seiner Stadt und der Drang seiner Stadt etwas zu bewahren, dass fast schon verloren zu sein schien, ließ ihn einen andere Weg einschlagen.

Nicht minder klischeebehaftet ist die Insel Murano. Glasbläserkunst – da ist sie wieder, die Kunst – auf höchstem Niveau. Zwei Schwestern sind die Perlenköniginnen von Murano. Auch wenn die asiatische Plagiatsindustrie ihnen immer zu schnell einen nur kleinen Schritt hinterher ist, geben die beiden nicht auf.

Das sind nur zwei Geschichten von dreizehn, die auf unverkennbare Art und Weise die Lesereise-Reihe so unverwechselbar machen. Im schmalen Format lassen sie keine Ausrede zu nicht doch einen Blick ins Buch zu werfen. Hat man es einmal in der Hand, kann man es nicht mehr aus selbiger geben. Es muss nicht das Cafè Florian an der Piazza San Marco sein, um sich als Bestandteil Venedigs zu fühlen. Auch Harry’s Bar – die Entstehungsgeschichte wird übrigens auch sehr anschaulich beschrieben – muss nicht zwingend auf dem Reiseplan stehen. Dieses Buch liest man mehrmals. Als Appetitanreger noch zuhause. Vor Ort, um in die Serenissima einzutauchen. Und immer wieder, wenn man zurück in den heimischen vier Wänden ist.

Das Gebot der Gewalt

Afrika, 13. Jahrhundert unserer Zeitrechnung: Die Kolonialherren aus Europa sind noch ferne Gedanken. Doch das fiktive Volk in Nakem, was ungefähr der Region des heutigen Mali entspricht, ächzt unter der Knute seiner Herrscher. Da ist sich keiner dem Anderen grün. Mord und Totschlag sind an der Tagesordnung. Wer widerspricht, wird nicht einfach aus der Welt geschafft. Der wird nach allen Regeln der Gewaltherrschaft gedemütigt, gefoltert und in aller Ruhe elendig verreckt gelassen. Es ist eine grausame Zeit, in der die Herrschernachfolger, um der Machterhaltung ihre eigenen Mütter heiraten und im Laufe der Zeit bei Festen das wirre Bild des Wilden im Busch bizarre Züge bekommt.

Die Dynastie der Saïf wird fast achthundert Jahre fortbestehen. Als die ersten Kolonialisten in Nakem eintreffen, sind die Machtverhältnisse schnell umgedreht. Die einstigen Herrscher müssen zusehen, dass ihre ihnen in die Wiege gelegte Macht nicht durch die Finger rinnt. Sie koalieren mit den neuen Herren, um sie ihre eigene Macht zu sichern. Das ist der Moment, in dem die fiktiven Aufzeichnungen anfangen konkret zu werden. Da tauchen deutsche Händler auf, die das greifbare kulturelle Erbe des Volkes in Nakem in Massen aus dem Land schaffen. Gouverneure leisten Hilfestellung als es gilt die Nachfahren der Saïf auf den rechten Bildungsweg außer Landes zu schaffen. Königlichen Geblüts studieren sie in Frankreich, der Heimat ihrer Unterdrücke und nehmen es als gegeben hin. Sie kämpfen im Weltkrieg für die Freiheit des Landes, das ihnen selbige mit Waffengewalt und perfider Raffinesse stahl.

Yambo Ouologuem lässt kein gutes Haar, an keiner der kämpfenden Parteien. Das Elend der Einen ist immer die Chance der Anderen. Die Hoffnung stirbt zuletzt, ist man geneigt zu sagen. Doch auch die neuen Herren sind nicht viel anders als die alten Peiniger. Als das Buch in den 60er Jahren erscheint, tritt Yambo Ouologuem eine Welle der Entrüstung aus. Unterdrücke und Unterdrückte krallen sich an den expliziten Erläuterungen widerwärtiger Rituale fest. Gewalt geht niemals nur auf Kosten einer Partei. Wer die rohe Beschreibung beispielsweise einer Genitalverstümmelung an einer jungen Frau liest, kann sich einfach nicht mehr entscheiden, ob er für die eine oder andere Seite in dieser Geschichte sein kann. Man wähnt sich in einem Film von Oliver Stone oder Quentin Tarantino – so schnörkellos werden alte Bräuche und moderne Versklavung dargestellt.

„Das Gebot der Gewalt“ ist fiktiv, doch in seiner Detailversessenheit derart real, die es einem unmöglich macht zwischen Realität und Fiktion unterscheiden zu können. Plagiatsvorwürfe zwangen den Autor sich zurückzuziehen, der Verlag stampfte ganze Auflagen wieder ein. 2017 starb Yambo Ouologuem zurückgezogen in seiner Heimat Mali. Dass sein Erstling zum Klassiker wurde, hat er noch erlebt. Aber auch die Demontage seiner Leistung.