Kategoriearchiv: Urlaubslektüre

Club der Romantiker

Peter Becker hatte Glück. Vor fast einem Vierteljahrhundert bekam er die Chance in Oxford zu studieren. Mit Stipendium. Weg von zu Hause, dem Mief und der Aufbruchsstimmung der Wendejahre in Deutschland. England, Oxford. Es war wie im Traum. Nun ist die Zeit gekommen sich der Vergangenheit zu stellen. Die Ehemaligen treffen sich noch einmal. Um zu sehen, was aus den Langhaarigen von damals so geworden ist. Eine Ansammlung von Doktoren wird es nur auf dem Papier sein.

Dass die Gruppe sich fast vollständig versammeln wird, steht so gut wie fest. Denn es gibt einen weiteren Grund für ein Treffen. Die Beerdigung von

Laureen Mills, der Bibliothekarin. Ihre Leiche wurde nun endlich, zwei Jahrzehnte nach ihrer Ermordung, gefunden. Ein mulmiges Gefühl beschleicht Peter, der mittlerweile in Wales lebt und wieder verheiratet ist, zwei Kinder hat. Denn er war es. Er war es, der abgedrückt hat. Er war es, der abgedrückt hat und Laureen Mills erschoss! Peter ist ein Mörder! Und die anderen sahen zu. Taten nichts. Sind mitschuldig. Wie wird es sein, nach so langer Zeit? Hält sich jeder an das, was damals verabredet wurde?

Dass auch die Polizei auf der Beerdigung erscheint, überrascht niemanden. Detective Chief Inspector Osmer soll den Fall endlich zu den Akten legen, doch dafür hätte er gern einen Namen, den er in das Protokollfeld „Täter“ eintragen kann. Der Fall ist über zwanzig Jahre her. Zeit ihn abzuschließen.

Peter denkt zurück an die Zeit als er in Oxfrod ankam. Sein Zimmergenosse, ein Russe und seine Wodkaflaschenarmada, die Mädchen-WG im oberen Stockwerk und den Club der Romantiker. Dem trat er bei, weil die sportlichen Angebote ihm allesamt nicht zusagten. Was Peter nicht weiß, ja nicht einmal ahnen kann, ist die Tatsache, dass er auf Schritt und Tritt beobachtet wird. Und das nicht erst seit er in Oxford angekommen ist. Die unsichtbaren Augen sehen ihn, alles um ihn herum und die Eigentümer dieser Augen stehen miteinander in Kontakt.

Frank P. Meyer entführt den Leser hinter die dicken Mauern des Schweigens und des Universitätsbetriebes von Oxford. Wie ein Tourenguide weist er mit wehenden Talarärmeln auf die Eigenheiten dieses Mikrokosmos und deckt so manches Verborgenes auf. Schon nach ein paar Seiten ist man selbst ein Oxforder Student, allerdings ohne schicksalshafte Vergangenheit wie Peter Becker. Ein Grummeln im Magen hat dieser sehr wohl. Das schlechte Gewissen plagt ihn mehr als er sich gern eingestehen würde. Das Misstrauen von Ed, Louise, Brandy und den anderen tritt erst nach und nach zu Tage. Als Peter die gestellte Falle entdeckt, ist es fast schon zu spät…

Einsame Weltreise

Und wieder so ein Jubiläum, das in diesem Jahr garantiert keine einzige Zeile in den Gazetten oder in Funk und Fernsehen (und im Web, muss man ja neuerdings dazusagen) wert sein wird. Am 24. November 1919 begann eine der spannendsten Reisen überhaupt. Eine Reise um die Welt. Zugegeben, das war zu damaliger Zeit schon kaum mehr eine Meldung wert. Aber es war eine Frau! Just in dem Jahr, in das Frauenwahlrecht eingeführt wurde. Alma Karlin war die mutige Frau, die es zuhause nicht mehr aushielt, die Sprachen in sich aufsog (u.a. Schwedisch, Norwegisch, Englisch, Chinesisch, Japanisch) wie kaum eine Andere. Sie studierte in London, arbeitete um sich den Aufenthalt leisten zu können als Sprachlehrerin und Dolmetscherin. Von frühester Kindheit an war sie mit einer Lähmung geschlagen. Doch hielt sie das davon ab ihre Träume umzusetzen? Nein!

Ihr Reisetagebuch, das immerhin einen Zeitraum von acht Jahren umfasst, ist nun endlich wieder erles- und ihre Reise erlebbar. Das geliebte London musste Alma Karlin verlassen, weil sie als Deutschsprachige nicht in Feindesland verweilen durfte. Sie sparte begierig ihr Einkommen und begann im November 1919 ihre Reise. Währungen unterlagen damals noch ungeheuerlichen Schwankungen. Lediglich der Dollar konnte als Konstante angesehen werden. Fahrpläne waren meist das Papier nicht wert, auf dem sie gedruckt waren. Und so kam es, dass sie schon mal eine Nacht auf dem Bahnhof verbrachte, weil der Zug noch meilenweit entfernt war. Cilli, das heutige Celje in Slowenien war ihr Ausgangspunkt. Japan das Ziel. Indien verweigerte ihr das Visum, Ägypten war ein abgeschottetes Land. Nur das Land der aufgehenden Sonne war frei von bürokratischen Übeln. Heute bucht man in Sekundenschnelle im Netz und binnen Tagesfrist schlürft man Cocktails unter Gleichgesinnten, die am anderen Ende der Welt ihr Basislager haben. Wie die Zeiten sich doch ändern.

Auf ihrer Reise ist Alma Karlin ganz auf sich gestellt. Lediglich ihre Erika, ihre Schreibmaschine bietet ihr Halt. Ihr vertraut sie alles an. Mehr Luxus erlaubt sie sich nicht, mehr Luxus wird ihr nicht erlaubt. Die großen Hotels interessieren sie genauso wenig wie die mondänen Clubs. Sie lebt unter den Einheimischen. Air B ’n B in seiner ursprünglichen Form. Wer heutzutage davon spricht Land und Leute kennenlernen zu wollen, endet oft beim vielzitierten Ritt auf einem Esel. Alma Karlin war wirklich mittendrin. Ihre Sprachkenntnisse waren der Schlüssel zu einem (wenn auch zeitlich begrenzt) Erlebnis, das allein schon in Buchform zum Schwelgen einlädt.

Der geheimnisvolle Fremde

Eine Reisegesellschaft, die auf einer Reise ist, die sie nie anzutreten vermutete und die für alle Beteiligten ein echtes Abenteuer darstellt. Hoch zu Ross die Adeligen, die ein Schloss in Beschlag nehmen werden, das Teil der Erbmasse ist. Der verstorbene Bruder hat sie vermacht, obwohl sich die Brüder spinnefeind waren. In der Kutsche die unglückliche Franziska. Sie wird einmal heiraten, doch der Erwählte ist nicht ihre Wahl, schon gar nicht die Erste. Sie stellt sich schlafend, um einem weiteren Diskurs um die Vermählung aus dem Weg zu gehen.

Draußen weht unerbitterlich der Bora, ein Fallwind, der das Karstgebirge vor den Ufern der Adria in Bewegung versetzt. In der Ferne jaulen die Wölfe. Noch bevor die Reisegesellschaft den Zielort erreicht, fallen Schüsse. Nicht auf, sondern von der Kutsche. Da jedem Beteiligten eh schon ganz mulmig ist, beschließt man die Reise ohne viel Palaver fortzusetzen.

Kaum auf dem Schloss angekommen, steht auch schon Besuch vor der Tür. Bertha, die so vehement der verschüchterten Franziska die Ehe mit Franz ans Herz legt, weil sie selbst beseelt von der Idee ist so bald als möglich ihren Ritter Woislaw zu ehelichen, der bald eintreffen soll, frohlockt schon. Doch der nächtliche Besucher erzählt den neuen Schlossherren schauerliche Märchen. Spuk und Geister. Die Herren der Runde bedenkt er mit Nichtbeachtung und Spott. Nur zu Franziska ist er süßholzraspelnd freundlich. Die ist hellauf begeister von dem Fremden, der sich später als Azzo von Klatka vorstellt. Klatka, so heißt auch das Schloss. Während der Zeit, als Schloss Klatka im Dornröschenschlaf lag, war er oft in den Gemäuern, weswegen ihm erlaubt wird sich den Namenszusatz zuzulegen.

Ritter Woislaw kehrt ruhmreich und um seine rechte Hand erleichtert aus der fernen Schlacht zurück. Des Nachts – Azzo ist nur nachts aktiv, tagsüber vermeidet er es dem Tageslicht zu begegnen – treffen sich Azzo und Woislaw. Die beiden verstehen sich auf Anhieb. Fast wie alte Kumpel, die nach Jahren der Trennung alte Geschichten ausgraben. Woislaw hat in Azzo etwas entdeckt, dass ihn aufhorchen lässt. Woislaw kennt solche wie Azzo. Und er weiß mit ihnen umzugehen…

Bram Stoker lässt grüßen. Ja, Ritter Azzo von Klatka, das lichtscheue Wesen, mit der Appetitlosigkeit für alles Feste, dem Alkohol nicht bekommt, hat ein Geheimnis. Eines, das Franziska fasziniert. Wenn sie es kennen würde, wäre sie vorsichtiger. Die Geschichte kursierte schon vor fast zwei Jahrhunderten in Europa und jagte den Zuhörern einen Schauer nach dem anderen über den Rücken. Bram Stoker diente es als Vorlage für seinen Dracula. Dieses kleine Büchlein, allein im Bett, bei schummriger Beleuchtung … erhöhtes Lesevergnügen und Albträume für alle, deren Nervenkostüm aus leichtem Stoff gewebt ist.

Ein bisschen Sonne im kalten Wasser

Jeder, der schon mal eine Phase der Lethargie durchlebt hat, kommt es wie Hohn vor, wenn einem zum Trost die berühmte Medaille mit den zwei Seiten um die Ohren gehauen wird.

Gilles ist gerade in so einer Phase. Im Jahr 1967 ist er Journalist bei einer linken Tageszeitung in Paris. Doch alles in seinem Leben macht ihm keinen Spaß mehr. Die Arbeit ödet ihn an, die Kollegen lassen in ob ihres Zynismus verzweifeln. Und Eloïse, die ihn anscheinend mehr liebt als er sie … naja, ein Hilfe ist die auch nicht. Gilles muss raus. Das weiß er, das tut er. Limoges wird sein Fluchtpunkt, dort, wo seine Schwester ihr führt. Zwei Wochen lange gibt er sich dem Müßiggang hin, so wie zuvor schon in Paris. Bis es eines Tages seiner Schwester zu viel wird. Sie schleift ihn zu einer Party. Oh ja, das ist es, was Gilles nun braucht. Ein depressiver junger Mann, in der Provinz, auf einer Party. Wird bestimmt der Knaller!

Allen Unkenrufen zum Trotz kann genau dieses Ereignis ihn aus seinem Wachkoma befreien. Die passende Medizin kommt in Gestalt der anmutigen Nathalie daher. Umwerfend schön, eloquent und den Kopf mit Wissbegier und Schläue gefüllt. Soll er wirklich den Schritt wagen und mit Nathalie den weiteren Weg gemeinsam beschreiten? Was wird aus Eloïse? Und die neue Aufgabe als Ressortleiter Außenpolitik in Paris?

Die Antworten lauten ja, kein Problem und nein. Den Job will er nicht annehmen, weil er damit einen Kollegen vor den Kopf stoßen würde, den man übel mitgespielt hat. Eloïse zeigt erstaunlich viel Verständnis für Gilles‘ Wahl. Was den gemeinsamen Weg betrifft, ist sich Gilles nicht ganz so sicher. Doch die Lust auf Neues, die wieder erwachte Schaffenskraft lassen ihn alle Sorgen beiseite wischen.

Tja, was soll man sagen? Die Medizin hat geholfen. Gilles ist wieder der Alte. Raus in die Nacht, Saufen mit den Freunden und zuhause wartet Nathalie. Sie schaut Paris mit den Augen einer Touristin an. Denn mehr ist sie auch nicht. Gilles Freundeskreis ist sein Freundeskreis, nicht ihrer. Sie hat keine Freunde. Sie tut Gilles gut. Die Zeit zeigt Gilles jedoch auch, dass Nathalies gute Eigenschaften sich langsam aber sicher gegen ihn richten. Was natürlich nicht stimmt, ihm aber so vorkommt. So vorkommen muss. Denn zu wahrer Liebe – ob er will oder nicht – ist er nicht bereit. Das Ende jedoch konnte sich keiner, weder er noch seine Freunde, weder Nathalie noch ihre von ihr verlassene Familie so vorstellen…

Françoise Sagan macht in „Ein bisschen Sonne im kalten Wasser“ keine Kompromisse. Alles taten haben unumstößliche Folgen, ohne Wenn und Aber. Da helfen kein Bitten und kein Flehen – so schonungslos war sie nur in ihrem eigenen Leben, ihren Romanfiguren ließ sie immer eine Hintertür offen. Gilles und Nathalie sind die Verdammten des Krieges, den sie selbst angezettelt haben ohne ausreichend bewaffnet zu sein. Und so gibt es am Ende im Roman nur Verlierer.

 

Ungeteerte Straßen

Ein bisschen holprig ist es schon auf der Straße des Lebens. Und wenn der glatte Asphalt erdigem Boden weicht, wird die Fahrt auch nicht angenehmer. Pascal wuchs nicht gerade mit dem sprichwörtlichen goldenen Löffel im Mund auf. Geld war Luxus, Liebe auch, aber diesen Luxus gönnte sich seine Eltern selbst und ihren beiden Kindern Pascal und Marie-Louise.

Da musste auch schon mal das letzte Geschenk der Oma herhalten, damit die karge Wohnung mit einer behaglichen Temperatur gesegnet werden konnte. Apropos Segen. Die Kirche war in Mamas Augen Pflicht. Papa kam sie ihm nur entgegen, wenn die Kosten überschaubar blieben. Was in seinen Augen kostenlos hieß. Für Pascal war es der verheißungsvolle Moment Claudine zu sehen.

Das Glück kann man nicht in Zahlen ausmachen. Boden unter den Füßen, ein Dach über dem Kopf und im Herzen rein. So war die Kindheit in Frankreich als Pascal aufwuchs.

Gérard Scappinis Gedichte sind von besonderer Leichtigkeit, auch die Worte nach Schicksal schreien. Mit besonderer Freude blickt man in kecke Kinderaugen, und der dazugehörige vorurteilsfreie Kindermund tut sein Übriges, um jedem Leser ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern.

Teer würde so vieles unter sich begraben, dass man es schon bald wieder vergessen hätte. Die Straßen, die Pascal beschreitet sind nicht nur hart und uneben, sondern auch echte und wahrhafte Teppiche des Glücks. Beispielsweise, wenn Papa ein Marionettentheater improvisiert oder Mama Apfeltorte bäckt.

Wer sich bisher sträubte Gedichte zu lesen, wird in diesem Buch einen wahren Schatz finden. Klar und direkt wird Pascals Kindheit in liebevollen, fast schon kindlichen Zeilen dargeboten. Man muss nur zugreifen und sich der Zeilen annehmen. So als ob Tom Sawyer nicht in epischer Breite einen Lausbubenstreich nach dem anderen spielt, sondern wie eine gelungene Sinfonie der Sinne auf zartem Papier, das nicht beschädigt werden darf.

Neapel abseits der Pfade

Was gibt es Schöneres als an einem Samstagnachmittag durch die Gassen von Neapel zu streifen? Nicht jeder kann sofort in den Flieger steigen und gen Süden abdüsen – aber muss es denn immer gleich die Reise in den Süden sein, um selbigen zu erleben? Im Falle von Neapel ist die Antwort nicht ganz so einfach. Ja, die Stadt hat sich ihren Charme bewahrt, auch ihre Klischees.

Das weiß auch Elisabetta De Luca. Sie ist gebürtige Neapolitanerin, lebt in Wien und hat ein Buch über Neapel geschrieben, das mit Insidertipps von vorn bis hinten reichlich belegt ist.

Es ist ein sehr persönliches Buch, das Elisabetta De Luca geschrieben hat. Schließlich besucht sie ihre Familie, die hier immer noch lebt. So kennt sie auch so manchen versteckten Ort, der zur Einkehr einlädt und zum Hauptniederbetten ideal, weil ursprünglich ist. Da dieses Orte nun in ihrem Buch stehen, werden sie wohl nicht länger als absoluter Geheimtipp gehandelt werden können.

Die Autorin vermeidet es – der Leser nimmt es wohlwollend zur Kenntnis – vorgefertigte Routen anzugeben. Wer also von einem Markt zum nächsten Museum wandern will, und dabei links und rechts mit Highlights bombardiert werden möchte, muss zwischen den Zeilen lesen. „Neapel abseits der Pfade“ ist eine Liebeserklärung an Napoli. Fast unscheinbar zieht Elisabeta De Luca den Leser in eine Stadt hinein, deren Faszination nicht aus Architektur und anderen historischen Hinterlassenschaften besteht, sondern wie kaum eine andere Stadt auf der Lebendigkeit ihrer Bewohner gründet. Eine caffé hier, ein bisschen Pasta dort. Wer eingeladen wird, Gastfreundlichkeit wird hier nicht nur groß geschrieben, sondern gelebt, sollte die Einladung annehmen. Diese These untermalt sie eindrucksvoll mit Anekdoten aus ihrem eigenen Leben, so dass dieses Klischee einfach stimmen muss.

Neapel scheint sich auf den Straßen und Gassen abzuspielen. Spielen im wahrsten Sinne des Wortes. Napolitaner sind Schauspieler, aber nicht um zu täuschen, sondern um gestenreich sich selbst zu inszenieren. Die ganze Stadt ist stetig in Bewegung, und wenn es einmal still steht, dann ist da immer noch das Sprachengewirr einer internationalen Millionenstadt.

Die Touristenströme hat sie gesehen, und Elisabetta De Luca hat sie gemieden. Das kommt dem Leser zugute, der nun weiß, dass er einen unterhaltsamen Samstagnachmittag verlebt hat, aber im Gegenzug sich eingestehen muss, dass zum vollkommenen Neapel-Glück nur noch eines fehlt: Die Stadt noch einmal persönlich zu erobern. Die Vorbereitungen sind mit der letzten Seite des Buches abgeschlossen. Mehr braucht man nicht! Fazit: Neapel ohne dieses Buch im Handgepäck wäre wie Pizza Margherita nur mit Mozzarella: Überall nur weiße Flecke. Ohne das frische Grün für das Leben und ohne das Rot des Lebens.

Was das Leben will

Elli ist Anfang Dreißig, und ihr wurden gerade beide Brüste abgenommen. Brustkrebs, so wie schon ihre Mutter, die sie mit vierzehn verlor. Für viele ein Grund den Kopf in den Sand zu stecken. Ihr Zimmer- und Leidensgenosse Gustav gibt ihr einen Zettel. Darauf eine Adresse, zu der Elli gehen kann oder auch nicht. Aus Neugier und der Tatsache, dass ihr eh nicht Schlimmeres mehr passieren kann, betritt sie das Haus. Solara kommt ihr freudig strahlend entgegen. Sie sei das Leben. In einer Ecke hocken noch die Vergangenheit, Karl, und die Zukunft, Trudi. Der Tod lässt ein wenig auf sich warten, Martin ist schon wieder auf dem Sprung. Hat noch ein Date. Er ist der Einzige, der nicht autonom handeln darf. Er muss auf Jolas Anweisung warten. Sie ist das Schicksal. Ein makabrer Haufen, wie Elli meint.

Klingt ziemlich verrückt für so ein ernstes Thema. Mag sein. Aber wer, wenn Elli kann in einer aussichtslosen Situation lachen? Und wer will ihr verbieten dieses Lachen mit anderen zu teilen?

Auf alle Fälle kann sie mit dem Erlebten im Café Himmel nicht viel anfangen. Wem soll sie davon erzählen? Vom Café, in dem die Vergangenheit in Depressionen verfällt, weil sie von niemandem mehr erkannt wird. In dem die Zukunft auf den Marschbefehl des Schicksals wartet. In dem das Leben so schön, so einzigartig, so demütig ist. In dem der Tod unausstehlich ist.

Ellis Weg führt direkt dahin, wo man mit „solchen Leuten“ umzugehen weiß. Ins Irrenhaus. Doch auch hier sind alle ein bisschen anders als man es vermutet…

Bina Kratsch lässt ihrer Elli freien Lauf, wenn es darum geht Solara in sich aufzusaugen. Es gibt nicht nur Tod oder Leben, Solara oder Martin. Elli wird sich nach und nach bewusst, dass Karl und Trudi wie Solara und Martin, und vor allem Jola, Bestandteil ihrer selbst sind. Allein ist jeder nicht auszuhalten. In der Gruppe erst funktionieren sie wie ein geöltes Räderwerk.

Mit einer Träne in den Augen kommt man bei diesem herzhaften Roman nicht aus. Es müssen schon mehrere Tränen der Freude sein, um bis zum Schluss durchhalten zu können. Mit Wärme und Witz verführt Bina Kratsch den Leser ihr zu folgen in eine Welt, die rational nicht erklärbar ist. Und das ist gut so!

Die Möpse der Beklagten

Zwei Männer im Haus, die Haushaltskasse immer gefüllt – die Beklagte, die mit den Möpsen – kann eigentlich zufrieden sein. Sie ist es dennoch nicht. Denn der eine Mann, ihr Mann, ist ein Tunichtgut. Hängt nur rum und ihr das Gefühl zu geben, seine geachtete Frau zu sein, liegt ihm fern. Sein Kumpel, Kollege, Compagnon, ist auch nicht viel besser. Seit geraumer Zeit hat er sich in der Wohnung der Eheleute einquartiert – Ende offen. Auch wie die Haushaltskasse stets und ständig gefüllt wird, ist ihr schleierhaft. Tagein, tagaus sitzen die beiden Gauner und lesen Zeitung. So kann man doch kein Leben führen. Aber, was will sie denn nur, die Kohle stimmt doch immer, raunen die beiden Ganoven. Als Wiedergutmachung für den üblen Streit wird die Dame des Hauses belohnt. Mit zwei Möpsen – ach, doch kein Sex and Crime in diesem Buch! Crime schon, Sex nicht wirklich.

Die beiden Hunde wachsen ihr binnen kürzester Zeit derart ans Herz, dass sie aus allen Wolken fällt als die rechtmäßige Besitzerin ihre beiden Lieblinge zurückfordert. Mann Nummer Eins und Zwei fordern hingegen eine unverschämt hohe Summe, um die beiden Bellos wieder raus zu rücken.

In der Zwischenzeit ist die Beklagte – schließlich wollte sie auch nicht ihre beiden Geschenke wieder hergeben – bei einem Freund eingezogen. Ihm schilderte sie ihre Misere. Bei dem Wort Möpse hingegen wurde dessen Blutzufuhr in die obere Etage schlagartig abgeschnürt. Bei so vielen Möpsen war er wohl etwas durcheinander gekommen…

Detlef Sasse hat seine Berufszeit vor Gericht verbracht. Aber auf der richtigen Seite, leicht erhoben und mit enormem Rechtswissen, als Anwalt und Richter. Seit 2006 ist er pensioniert und hielt es für an der Zeit gekommen, die kuriosesten Fälle der deutschen Gerichtsbarkeit in Buchform festzuhalten. Mit Hingabe führt er sich noch einmal so manche Kuriosität vor Augen und hält sie dem Leser als Warnung vors Gesicht. Es gibt nichts, was sich Kriminelle nicht einfallen lassen! Einem Mann wird an einer Buchhaltestelle einfach ein Kind in die Hand gedrückt. Kurze Zeit später wird er erpresst. Wie das? So recht konnte der Mann das auch erst viel später fassen. Da war es ihm mittlerweile schon fast egal. Ein Lottogewinn half ihm über so manches Fragezeichen über seinem Kopf hinweg.

Zwanzigmal muss sich der Leser kopfschüttelnd und sich vor Lachen krümmend durch dieses Büchlein lesen. Eine schöne Strafe, wenn man „Die Möpse der Beklagten“ als Strafe ansehen möchte. Ist es aber nicht! Es ist freiwilliger Dienst am Gemeinwesen. Oder eine mildes – warnendes – Urteil für angehende Ganoven. Wie man es dreht und wendet, es bleibt ein köstliches Lesevergnügen! Für Rechtschaffende!

24 Ein-Schaf-Geschichten für Erwachsene

Das Tagwerk ist geschafft, nun winkt endlich der ersehnte Schlaf. Doch das Erlebte lässt einen nicht mehr los. Es arbeitet im Hirn auf Hochtouren. An Schlaf ist da nicht mehr zu denken. Als alt bewährtes Mittel hilft da Schäfchenzählen. Ein Schaf, zwei Schafe, hilft nichts. Diese wolligen Biester lassen einen auch nicht einschlafen. Das ist gemein.

Klar, denn, was man da zählt sind GemeinSchafe. Die blöken nicht nur, sie falten Papier und schnipsen es im hohen Bogen gegen alles, was nicht schnell genug ausweichen kann. Und dann lachen sie einen auch noch aus. Moment. Hier läuft doch was schief! Nein, hier läuft gar nichts schief!

Anna Derndörfer haben es die Schafe angetan. Vierundzwanzig Geschichten bringt sie in diesem (durchaus auch als Einschlaflektüre geeignet, obwohl die Geschichten überhaupt nicht einschläfernd sind) Buch an den Sch(l)afenden.

Noch gemeiner als das GemeinSchaf ist das LebensgemeinSchaf. Mutter- und VaterSchaf hingegen sind liebevoller.

Wer beim Titel auf erfolgversprechende Einschlafgeschichten hofft, wird schon bald eines Besseren belehrt werden. Denn es sind wirklich Geschichten von Schafen. Schafe, die einem das Leben erschweren, aber auch erleichtern können. Man kann sie zählen, aber wenn man sich dann an die gelesenen Geschichten erinnert, muss man automatisch loslachen. Also wieder kein Schlaf!

Doch, doch. Jede einzelne Geschichte – man steigt doch ziemlich schnell dahinter, dass die Schafe nur allzu menschliche Züge haben – eignet sich ebenfalls als Gute-Nacht-Geschichte. Das liegt in erster Linie an der Länge bzw. Kürze der Geschichten, zum Anderen aber vor allem an der Leichtigkeit der Worte. Die Schwere des Tages verliert sich in den Zeilen wie die Schafe im Frühjahr sich ihrer Haarpracht entledigen. Mal muss man innehalten, mal sich den Bauch vor Lachen.

Der Auserwählte

Wie war das nochmal? Ploing, oder doch Umpff, oder doch ein Plumps? Als Konrad Sammer zur Welt kam, blitzte es, es donnerte, als er mit viel Getöse zu Boden rauschte. Direkt aus den Händen der Hebamme flutschte. Ein Glückskind! Hat schließlich den Blitzeinschlag überlebt! Wird bestimmt mal ein ganz Großer. Denken sich seine Eltern und haben seit dem Tag seiner Geburt nur noch eines im Sinn: Ihm zu einem Großen zu machen. Die Anstrengungen dauern jedoch nur drei Jahre. Konrads Eltern ertrinken in einem See. Ein reichliches halbes Jahrhundert lang passiert nichts. Gar nichts! Konrad wird Journalist. Nun ist er zweiundfünfzig und … auf einmal wird die „normale“ Welt des Mannes mit dem farnförmigen Mal auf dem Po auf den Kopf gestellt.

Das mit dem „Gar nichts“ stimmt allerdings auch nicht so recht. Als kleiner Bub hat er mal ein Pärchen vor einem Blitzeinschlag(!) gerettet, in dem er dicht neben das kopulierende Parr pinkelte. Noch im Wegrennen, schlug der Blitz in den Baum ein, unter dem sich das Pärchen vergnügte.

Und nun das! Auf der befahrensten Straße des Ortes, in dem Konrad mittlerweile lebt, steht ein Mann auf dem Zebrastreifen. Ein gellendes Hupkonzert ist die Folge. Dann kracht es. Mehrfacher Blechschaden. Personenschaden gleich Null. Den Mann einfach so hinfort zu tragen ist unmöglich. Nicht wie angewurzelt, bleibt er an Ort und Stelle. Sondern Angewurzelt. Ja, er hat Wurzeln geschlagen. Mitten in den Asphalt. Konrad beobachtet dieses seltsame Schauspiel. Er erinnert sich. Als die Oma, bei der er aufwuchs, ihm die Geschichte seiner Geburt erzählte. Er erinnert sich an das Pärchen, das er so gewitzt wie hartnäckig vor dem Blitz beschützte. Ist er doch zu Höherem berufen?

Als Journalist wurde er entlassen. Einen Hof darf er sein eigen nennen. Ausgesorgt hat er zwar nicht, aber sich großartig ein Bein ausreißen, muss er auch nicht mehr. Die Frage, die sich einst sein Vater stellte, ob Konrad Sammer Fluch oder Segen sei, stellt sich ihm zum ersten Mal im Leben.

Mit einer ordentlichen Portion Witz nimmt sich Hermann Knapp dieses Auserwählten an. Er hat ihn schließlich auch erfunden, erschaffen. Mit einem schelmigen Lächeln lässt er den Dornbusch noch einmal brennen und die Jünger vor Verzweiflung in Andacht erstarren. Und Konrad? Er weiß gar nicht wie ihm geschieht. Alles nur ein Spaß oder bitterer Ernst?