Archiv der Kategorie: Urlaubslektüre

100 Joer Gare Letzeburg

100 Joer Gare Letzeburg

Wenn man sich zu Hundertjährigen auf den Schoß setzt, haben sie immer eine spannende Geschichte parat. Schließlich können sie auf einen hundertjährigen Erfahrungsschatz zurückgreifen. Was da alles passiert ist: Gekrönte Häupter kamen und gingen. Gesellschaftsformen veränderten sich. Ganze Kulturen wurden dauerhaft umgekrempelt.

Der Luxemburger Bahnhof ist so ein Hundertjähriger, der so manchen kommen und gehen sah, und so manche Geschichte erzählen kann. Gemütlich kann sich der Leser in seinem Schoß den Geschichten und der Geschichte lauschen.

Der Bahnhof in Luxemburg ist viel älter, im Jahr 2012 feierte man den hundertsten Geburtstag des Empfangsgebäudes, dem eigentlichen Wahrzeichen des Knotenpunktes. Unzählige Abbildungen aus längst vergessenen Tagen zieren diesen ungewöhnlichen Bildband. Ein Zeugnis der Geschichte eines zwar flächenmäßig kleinen und doch so bedeutenden  Landes. Es ist sogar noch Platz für den Fahrplan. Und die Reiseziele sind mindestens genauso verheißungsvoll wie das Großherzogtum selbst: Das antik-mondäne Arles im Süden Frankreichs, oder mal schnell mit dem TGV nach Paris, der bezeichnenderweise von Gleis 007 abfährt, oder ins lothringische Nancy, das mit Mirabllen-Bonbons und einem zauberhaften Stadtmittelpunkt, dem Place Stanislaus aufwarten kann. Die unmittelbare Welt liegt so nah.

Das Buch ist nicht nur für Eisenbahnfreunde eine wahre Fundgrube. Hier gelingt der Spagat zwischen Sachbuch, Bildband und urbaner Geschichtenerzählung. Der Bahnhof ist der Ausgangspunkt für Entdecker in einem Land, das im Herzen Europas den europäischen Grundgedanken erfunden zu haben scheint. Ein Land, das Abenteurer anzieht, ebenso Gourmets und Aktivurlauber.

„100 Joer Gare Lëtzebuerg“ ist das erste Buch mit Poster, aber nicht zum Heraustrennen aus der Mitte. Das Poster ist gleichzeitig der Schutzumschlag dieses wertvollen Wissensschatzes.

Ganz Berlin in 7 Tagen

Ganz Berlin in sieben Tagen

Kurz nach der Wende gab es weltweit keine andere Stadt, der man einen Boom andichtete, der dann auch tatsächlich geschah, als Berlin. Noch nie wurde ein Nationalgefühl, ohne dumpfe Misstöne im Nachgang so sehr vom Image einer Stadt abhängig gemacht wie das der Deutschen mit ihrer Hauptstadt. So manche Berühmtheit ließ vorsichtshalber mal einen Koffer hier stehen, andere packten Wahrzeichen in ein silbrig schimmerndes Gewand. Das Zentrum wurde komplett umgekrempelt. Berlin hat sich jemausert. Zu einer echten Metropole, die im Konzert der großen Namen wie Paris, New York und London immer öfter den Takt angibt. Die Reiseführer überschlagen sich mit Highlights, Geheimtipps und Hotspots, die man gesehen haben muss.

Bernd Ingmar Gutberlet geht bei seinem Reiseführer einen anderen Weg. Er geht rückwärts. In der Zeit. Bis ins Jahr 1910. Damals war Berlin ähnlich attraktiv und erhaben wie heute, nur eben anders. Seine Reisewoche führt den Spaziergänger, Wissbegierigen und Forscher ein ganzes Jahrhundert zurück, an die Plätze, die Geschichte (für uns) schrieben und für die Zeitreisenden schreiben werden.

Vieles ist heute noch bekannt, der Hackesche Markt zum Beispiel oder bald wieder bekannt wie das Schloss. Es wird auf alle Fälle eine Reise, die Altes wieder hervorholt und Neues erstrahlen lässt. Wer Berlin als Tagesausflügler kennt, wird schnell bemerken, das „janz Berlin“ nicht nur „eene Wolke iss“, sondern voller Geschichte(n) steckt, die es wert sind erzählt und entdeckt zu werden. Und er wird merken, dass Berlin doch eine gewaltige Ansammlung von Dörfern ist. Charlottenburg war nämlich einst (für den Reisenden im Moment) die reichste Stadt Preußens.

Im Anschluss an die sieben Tagesspaziergänge (mit Bus und Bahn oder Taxi war es 1910 nicht weit her) folgt – wie in jedem guten Reiseführer ein kleiner Sprachexkurs. Ein bonfortionöser Lese- und Reisespaß, der Knast macht auf mehr und dem Zeitreisenden beim Bummeln durch den Kiez keine Chance gibt die Zeit zu verbumfiedeln.

Und das Beste an den historischen Spaziergängen ist, dass man nicht bei Starbucks einkehren oder bei H&M shoppen muss. Hier geht es ausschließlich nur um ein touristisches Vergnügen wie anno dazumal. Reisen ohne Konsumterror, ohne den Zwang ein originelles Mitbringsel erstehen zu müssen. Die Reise an sich ist das Mitbringsel.

Die Großstädter

Die Großstädter

Wie viel kostet es einmal um die Welt zu reisen? Der Betrag liegt bestimmt im fünfstelligen Bereich, meint man. Wenn nicht, dann wenigstens ein paar tausend Euro. 16,50 €, und keinen Cent mehr. Also etwas mehr als ein Taschenbuch. Doch 16,50 € für ein Taschenbuch, das einem rund um die Welt führt – und das mit den eloquentesten Metropolen-Guides, die man sich vorstellen kann – sind ein wahres Schnäppchen! Mit Ernest Hemingway durch Madrid, der Hauptstadt der Welt. Mit dem Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk durch Istanbul, der Perle zwischen Europa und Asien. Mit Pier Paolo Pasolini durch die Ewige Stadt Rom. Ja, das gibt es alles für nur 16,50 €!

Der Septime-Verlag (das E wird nicht weggelassen) hat mit diesem Buch aus der Reihe „Perspektivenwechsel“ ein Standardwerk für Capital-Touristen auf den Markt geworfen, das für eine sehr lange Zeit einen Maßstab bilden wird. Denn die hier versammelten Autoren überrumpeln den Leser nicht nur mit ihrer Sprachgewalt, sondern auch mit ihrem ganz besonderen Blick auf die Eigenheiten einer jeden Metropole. Diese Eigenheiten sind offensichtlich, dennoch nicht für jeden erklärbar.

Wenn 007 in New York ist, diniert er im „Astor“. Das Rezept für das Rührei „James Bond“ liefert sein geistiger Vater Ian Fleming gleich mit. Eine echte Cholesterin-Bombe. Was sonst, Bond ist schließlich Agent mit der Lizenz zum Töten.

Arezki Mellal zeigt dem Leser seine Hauptstadt. Mellal ist Algerier und in Algier sind alle Fenster gen Meer ausgerichtet. Eine Tatsache, die man als Tourist eher unterschwellig wahrnimmt. Ines Sommer und Betty Kolodzy nehmen Berlin unter die Lupe, Ost und West. Des Weiteren geht die Reise nach Mexiko-Stadt, Prag, Lissabon, Buenos Aires, Wien … also einmal rund um den Erdball. Wen da nicht das Reisefieber packt, der kann sich für 16,50 € Bier und Knabbereien besorgen und es sich auf der Couch gemütlich machen. Für alle anderen besteht akute Reisewarnung! Dieses Buch macht süchtig nach Erlebnissen wie sie die Autoren beschreiben. Menschen formen eine Metropole, die Metropole formt den Menschen. Es ist ein Geben und Nehmen. Die Autoren geben ihr Bestes, die Besucher nehmen die Worte an und begeben sich zuerst lesenderweise auf Weltreise, um anschließend eine weltumspannende Kur zu unternehmen.

Individualtouristen, die ihre Weltreise online zusammenstellen, sei angeraten, das Buch immer am Mann zu haben. So viel Erfahrungsschatz zieht Diebe an…

Die Frau aus dem Meer

Die Frau aus dem Meer

Ist Gnazio ein Verlierer, weil er eine Frau heiratet, die ihm weil abverlangt und er sie nie verstehen wird? Nein! Ein entschiedenes Nein! Im Gegenteil: Gnazio ist ein wahrer Glückspilz, ein Gewinnertyp. Für wahr er ist nicht mit Geistesblitzen und händlerischem Geschick gesegnet. Dennoch ist Gnazio auf der Gewinnerstraße.

Endes des 19. Jahrhunderts kehrt Gnazio Manisco in seine sizilianische Heimat zurück. Durch einen Unfall ist er im geheiligten Amerika zu Geld gekommen. Soviel, dass es ihm erlaubt sein Heimat wiederzusehen. Er kauft sich ein schönes Stück Land. Er baut ein Haus. Auf dem Land stehen Olivenbäume. Er baut einen Brunnen. Das Land war günstig, obwohl es direkt am bzw. über dem Meer liegt. Gnazio mag das Meer nicht, deswegen zeigen alle Fenster im von ihm gebauten Haus weg vom Meer. Die Zeit vergeht, Gnazio ackert und lebt sich nach und nach wieder in seiner Heimat ein. Und doch fehlt etwas. Beziehungsweise jemand. Eine Frau.

Donna Pina, eine Alte aus dem Dorf, die mit Kräutern umzugehen weiß, berät den unglücklichen Rückkehrer. Seine Wahl fällt schließlich auf Maruzza Musumeci. Er sieht nur ein Foto der betörenden Schönheit und schon ist er ihr verfallen. Von nun an gibt es nur noch ein Ziel: Dieses Wesen zu erobern. Es klappt. Maruzza sieht auch in Gnazio den Mann, mit dem sie den Rest ihres Lebens verbringen will. Es muss nur noch die Urgroßmutter der Braut überzeugt werden. Hat sie etwas gegen die Liaison einzuwenden, sind alle Pläne dahin.

Urgroßmutter Minica hat nichts gegen die Verbindung und stimmt der Hochzeit zu. Die findet am gleichen Abend statt. Selbst Gnazio scheint das ein wenig übereilt, doch die Freude siegt über die Vernunft. Die rituelle Hochzeit erscheint dem bodenständigen Arbeiter etwas verwegen. Dennoch fügt er sich in sein Schicksal. Schließlich ist Maruzza an seiner Seite, für immer.

Die Jahre vergehen und Gnazio gewöhnt sich an die Marotten seiner Frau. Vor der Hochzeit wurde ihm geraten, Maruzza gewähren zu lassen, und Gnazio hält sich an diesen Ratschlag. Er baut ihr eine Zisterne, damit sie darin schwimmen kann. In ihrem Schlafzimmer zeigen die Fenster Richtung Meer. Maruzza ist eine Sirene. Sie zieht es immer wieder hinaus aufs Meer. Gegensätzlicher können zwei Menschen kaum sein…

Am Ende dieses kurzweiligen, famosen, herzerweichenden, zauberhaften Märchens sieht man einen kleinen Jungen, der über beide Wangen lachend sich über eine Schreibmaschine beugt. Es ist kein abwertendes Lachen, weil er jemanden in die Pfanne gehauen hat. Es ist vielmehr das ergreifende Lachen eines Jungen, der etwas geschaffen hat, dass er sofort jemand schenken möchte. Dieser Junge ist Andrea Camilleri und die Beschenkten sind wir Leser.

Der Hirtenjunge

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Glücklich der, der Arbeit nicht als solche empfindet. Nur dann wird das Erwirtschaften des „Täglich-Brot“ zur Lust. Die Last des steten Schuftens, um ein das erträumte Leben leben zu können, ist hinweg geblasen wie eine Feder im Sturm. Doch jede Medaille hat zwei Seiten. Wer sich ein Leben lang auf seine Berufung freut, wird umso bitterer enttäuscht, wenn der Lebensplan aus den Fugen gerät.

Der 14jährige Guirlà Savatteri ist furchtlos. Als eines Tages zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts Rattenfänger sein kleines Fischerdorf aufsuchen, um Jungen in den Minen der Umgebung arbeiten zu lassen, schickt ihn sein Vater in die Berge. Er soll Ziegen hüten und sich so den Schergen des Minenbesitzers entziehen. Denn die Arbeitsbedingungen unter Tage sind menschenunwürdig: Kaum Lohn, den man auch noch mit den „alten Hasen“, die sich in jeder Hinsicht um den Nachwuchs kümmern, teilen muss. Eine ruinierte Gesundheit, und niemand, der die geschundenen Körper pflegt. Sein Vater hat sich etwas anderes für seinen Filius vorgestellt.

Giurlà ist eine echte Wasserratte. Fische mit bloßen Händen fangen, im Meer herumtollen, aber auch die harte Arbeit – das ist seine Welt. Und nun soll er fernab von Meeresrauschen und Wellenschlagen sein Leben in den Bergen fristen? Was anfangs noch unvorstellbar erscheint, ist der Wendepunkt im Leben des jungen Giurlà. Schnell findet er sich in der unwirtlichen, unvertrauten Umgebung zurecht. Seine Kollegen respektieren die rasche Auffassungsgabe des Jungen und geraten in Erstaunen, als der Junge beim Baden im eiskalten See einen Fisch an Land holt. Giurlà ist in der neuen Umgebung angekommen. Sein „Gastspiel“ von drei Monaten – so lange soll er die Ziegen hüten – erlaubt es ihm seine Familie finanziell zu unterstützen. Die Liebe und Zuneigung zu Beba, einer Ziege, die Andrea Camilleri genüsslich und respektvoll darbietet, wird unversehens zu einem weiteren Wendepunkt im Leben des Heranwachsenden.

„Der Hirtenjunge“ ist der dritte Teil der Metamorphosen-Reihe des sizilianischen Erfolgsautors Camilleri. Das unbeschwerte Leben an den Ufern des Mittelmeeres tauscht der Held des Buches ungewollt, doch akzeptierend gegen die Einsamkeit der Berge ein. Der Wandel vom erwartungsvollen Leben, das durch Tradition vorgezeichnet scheint, wird von einem auf den anderen Tag auf den Kopf gestellt. Doch statt selbigen in den weichen Strandsand zu stecken, rafft sich Giurlà auf, und gibt seinem Leben unbewusst einen neuen Sinn. Verlust und Neuentdeckung liegen oft so eng zusammen, dass man erst später bemerkt, dass das Leben niemals still steht.

Zerbrochenes Glas

Zerbrochenes Glas

Der Titel „Zerbrochenes Glas“ führt bei so manchem Leser afrikanischer Literatur zu stereotypischen Assoziationen: Der arme, gebeutelte Kontinent. Schicksale wie sie nur hier geschrieben werden können. Natürlich mit heldenhaftem Happy end. Doch weit gefehlt.

Zerbrochenes Glas ist der poetische Name eines Gastes in einer Kneipe in Kongo, dem „Kleinen Kongo“, das schon immer so hieß. Nicht zu verwechseln mit dem Kongo, der bis vor wenigen Jahren noch als Zaire auf der Landkarte benannt war. Dieses Kongo ist die Heimat von Autor Alain Mabanckou. Nach „Black Basar“ und „Stachelschweins Memoiren“ ist dies der dritte Roman, der auf Deutsch bei Liebeskind erschienen ist. Die Kneipe, in der er fast schon zum Inventar gehört heißt nicht minder aussagefähig „Angeschrieben wird nicht“. Sie wird geleitet von „Sture Schnecke“.

Und Sture Schnecke bittet Zerbrochenes Glas die Geschichte von „angeschrieben wird nicht“ aufzuschreiben. Dafür stellt er dem Dauergast ein Heft zur Verfügung. Und hier kommt die große Kunst von Alain Mabanckou zum Tragen. Er versucht gar nicht erst seinen Akteuren Namen zu geben, die scheinbar dem Querschnitt der Bevölkerung entsprechen. Seine verliehenen Namen sind Charakterstudien, Lebensgeschichten. „Angeschrieben wird nicht“ ist die einzige und deswegen ernst zu nehmende Gefahr für die Kirche gegenüber. Oft, zu oft, zieht der Strom der Gläubigen nicht in das hohe Haus mit den gekreuzten Balken, sondern schlurft gemütlich in die Kaschemme gegenüber. Nicht ohne vorher die Bibel und Gesangsbücher im Dreck vor der Einnahmequelle von Sture Schnecke respektlos „abzulegen“. Die Tränke ist ein wahrer dionysischer Hort der Philosophen. Jede Geschichte ist es wert niedergeschrieben zu werden. Und so wird Zerbrochenes Glas zum Chronisten der gescheiterten Existenzen. Die Männer in dieser Bar, Kneipe, Stampe – wie auch immer man „Angeschrieben wird nicht“ bezeichnen mag – haben es nicht leicht im Leben. Doch statt zu lamentieren, erzählen sie dem Saufkumpanen ihre Geschichte. Zerbrochenes Glas hört zu, assoziiert das Gehörte mit eigenen Erfahrungen (Alain Mabanckou versteht es meisterhaft die Gedankenspiele der Handelnden mit Storylines aus Büchern und Filmen zu vermengen). Seine Schlussfolgerungen bergen keine großen weltverbessernden Erkenntnisse, das will er – und will auch der Autor – nicht. Vielmehr ist das Niederschreiben eine willkommene Abwechslung im ewigen Auf und Ab des Alltags, der eh nur hier stattfindet.

Alain Mabanckous Afrika ist nicht das Afrika der Lodges und Safaris. Es ist das reale, alltägliche Afrika. Das Afrika, das kaum ein Tourist kennenlernen wird, wenn er nicht seine Gedanken zusammenhält und sich auf eigene Faust aufmacht, den schwarzen Kontinent zu erkunden. Erobern kann er ihn eh nicht. In „Zerbrochenes Glas“ treffen schwarzer Humor, afrikanisches Laissez-faire und eine kleine Portion Alltagsfrust aufeinander. Herauskommt eine gekonnt-witzige Mixtur, die Afrika in einem komplett neuem Licht darstellt.

Unter Einfluss

Unter Einfluss

Bei einem Spaziergang durch eine Stadt erlebt man so einiges: Hier ein neues Geschäft, dort ein gerade eröffneter Freisitz. Bei María Sonia Cristoff sieht so ein „Spaziergang“ durch Buenos Aires ganz anders aus. Tonia und Cecilio krachen zusammen. Aus dieser banalen Begegnung entspinnt sich ein Wirrwarr der Gefühle, das den Leser nur schwerlich wieder aus seinen Fängen freilässt.

Tagelange Funkstille wechselt mit intensiven Ausflügen, auch in die Abgründe bzw. Tiefen der menschlichen Seele. Für Rücksichtnahme gegenüber der Familie bleibt da wenig Zeit. Tonia und Cecilio, die reagierende Intellektuelle und der agierende Künstler, lassen sich von nichts und niemandem aufhalten.

Buenos Aires ist eine Stadt, in der fanatische Fußballgläubiger auf traditionelle Gauchos, in der moderne Lebensformen auf tiefverwurzelte Riten treffen. Hier regiert der Tango in der Nacht, der Fortschritt den Tag. In diesem weitläufigen Areal kommen sich zwei Menschen näher, die auf den ersten Blick so gar nichts gemeinsam haben und auch nichts Vereinendes entwickeln können. Doch nach und nach entspinnen sich die entgegengesetzt verlaufenden Lebensentwürfe. Die Autorin schafft es mit grandiosen Sprachbildern die Welten der Akteure und auch die der Leser miteinander zu verknüpfen. Was dabei herauskommt, ist ein liebevolles Portrait zweier Außenseiter, die in einer Stadt wandeln, die von jeher die Phantasie von Aussteigern und Exilanten anregte.

Die 18-Millionen-Metropole besucht man nicht einfach mal so im Vorbeigehen. Schon wegen der Entfernung zur Heimat. Was man hier erleben kann, das erfährt man in Reisebüchern. Wie man die Stadt Hafenstadt am Rio Plata am intensivsten erlebt, das gibt es nur bei María Sonia Cristoff in ihrem erstklassigen Buch „Unter Einfluss“.

Reise nach Argentinien

Reise nach Argentinien

Ein Buch über Argentinien zusammenstellen, mit Texten, die das Land charakterisieren sollen – den meisten würden überhaupt nur ganz wenige Themen einfallen, die darin besprochen werden sollten. Männern fallen bei dem Namen Argentinien nur fünf Worte ein: „Lionel“, „Messi“, „Diego“, „Armando“ und „Maradona“. Frauen kommen als erste die lasziv-erotischen Bewegungen des Tangos in den Sinn. Erst nach und nach lichtet sich der geistige Schleier und so manche Erkenntnis á la „ach das gehört ja auch dazu“ bricht sich ihren Weg ins kollektive Gedächtnis. „Reise nach Argentinien“ ist insofern eine Erweckungsreise der vergessenen Gedanken.

Der Mate-Tee, dieser für unsere Gaumen zuerst bittere und dann immer noch gewöhnungsbedürftige Aufguss, den man aus seltsam geformten Gefäßen zu sich nimmt, gehört zu Argentinien wie die Lederhose zum Oktoberfest. Fast schon symbiotisch nuckeln die Argentinier bei jeder Gelegenheit an ihrer Bombilla und schlürfen die Yerba aus ihrer Kalebasse. Übrigens wird einem Fremden gern mal ein Schluck angeboten. Alle trinken dann aus einem Gefäß – also nicht einfach ablehnen. Wenn einem Mate-Tee angeboten wird auch nicht einfach „danke“ sagen. Der „Aufgießer“, der hier Cebador heißt, denkt dann, dass man keinen Mate mehr möchte. Und dann entgeht einem etwas …

Ein zart gegrilltes Stück Rinderfleisch, auf den Grill langsam die Aromen entlockend – auch das ist Argentinien. Fast scheint es so als ob Steaks nur am südlichen Ende Amerikas so richtig gut schmecken. Hier wurde die Grillkultur, die einst von den Spaniern eingeführt wurde, perfektioniert.

Schon auf den ersten Seiten des Buches merkt man recht schnell, dass das eigene Bild von Argentinien verzerrt und äußerst dürftig ist. Herausgeberin Eva Karnofsky leistet ab der ersten Seite ganze Arbeit. Bis zum Ende des Buches, das leider viel zu früh kommt, überraschen ihre ausgesuchten Texte durch eine beeindruckende Themenauswahl und die Brillance der Autoren. Wenn das unvermeidliche Ende (des Buches) dann gekommen ist, ist man erst einmal traurig, dass es so weit kommen musste. Doch dieser Moment wird durch das enorme Wissen um ein Land, das doch so weit von unserem entfernt liegt, einfach beiseite gewischt. Die Reisevorbereitungen können nun anlaufen. Man ist gerüstet für das Abenteuer Argentinien.

Es geht bunt zu in Argentinien, das beweist nicht nur das Titelbild, sondern auch jede einzelne Geschichte des Buches, das man lesen muss, will man Argentinien bewusst erleben.

Ganz die Deine

Ganz die Deine

Inés und Ernesto führen eine gute – ja fast schon perfekte – Ehe. Haus, Swimmingpool, überdurchschnittliches Einkommen. Alles verläuft in geregelten Bahnen. Doch Inés ist nicht glücklich in ihrer scheinbar heilen Welt in Buenos Aires. Ihr fehlt das Zwischenmenschliche. Schon seit geraumer Zeit fasst Ernesto sie nicht mehr an. Eine Phase, denkt Inés. Durch Zufall entdeckt sie eine Nachricht in Ernestos Sachen. „Die Deine“ – so ist diese Nachricht unterschrieben.

Der ideale Einstieg für einen Rosenkrieg. Nicht bei Claudia Piñiero. Sie nimmt diese Konstellation zum Anlass eine spannende, nicht gradlinig verlaufende Geschichte zu schreiben.

Inés nimmt den Zufallsfund erst einmal hin. Mal sehen wie Ernesto sich in Zukunft verhalten will. Unbemerkt vom im Drama verstrickten Elternpaar hat Tochter Laura, die von allen nur Lali genannt wird, ein ganz anderes Problem. Der Teenager ist schwanger. Der werdende Vater wird von seinen Eltern abgeschirmt. Kein Rankommen, keine Chance auch nur ein Wort mit ihm zu reden. Trotz der engen Verbindung zu ihrem Vater kann Lali mit niemandem außer einer Freundin bereden, was sie im Moment bewegt. Eine Abtreibung scheint ihr der einzige Ausweg. Doch dies kostet Geld. Das wiederum findet die 17jährige im Versteck ihrer Mutter.

Inés hat nämlich in der Garage ein geheimes Versteck, in dem sie unter anderem ihren Notgroschen aufbewahrt. Nur sie kennt das Versteck.

Doch nun kennt es auch Lali. Doch wie mit der Situation umgehen. Ihr Vater geht fremd. Ihre Mutter weiß das. Lali weiß, dass ihre Mutter weiß, dass ihr Vater fremdgeht. Verrät Lali, was sie weiß, fliegt ihre Schwangerschaft auf. Verzwickt!

Inés folgt ihrem Mann. Der hat sich unter fadenscheinigen Ausflüchten vom Abendessen verabschiedet. Inés ist auf vieles gefasst. Aber darauf nicht. Denn am Ende der Verfolgung steht eine Tote auf der Agenda. Die Geliebte, die Deine, liegt leblos am Boden. Ernesto entledigt sich den Körpers und wirft ihn in den nahegelegenen See. Ein Druckmittel für Inés?

Auch hier scheint der Krimi schon gelaufen. Sie (Inés) könnte ihn nun erpressen und so an sich binden. Doch auch hier hakt Claudia Piñiero beherzt ein. Denn Ernesto kann nicht an sich halten. Trotz Versprechens kann er seine Finger nicht von anderen Frauen lassen…

Spielerisch malt Piñiero ein klares Bild einer Familie, die nicht bewusst nach außen die heile Welt vorspielt. Vielmehr bewegen sich die Figuren stark und selbstbewusst in ihrer kleinen, heilen Welt. Ohne jemand damit zu belästigen oder gar auf die Nerven zu gehen. Alles ist in Ordnung. Bis diese Welt ins Wanken gerät. Denn „die Deine“ war gar nicht „die Deine“. Die Lösung des Rätsels ist ebenso so kurios wie selten.

Elena weiß Bescheid

Elena weiß Bescheid

Ein Tag im Leben einer Frau, der das Schlimmste passiert ist, was einem Menschen passieren kann: Ihr eigenes Kind zu Grabe zu tragen. Elena ist diese Frau, ihre Tochter Rita wurde erhängt am Glockenturm gefunden. Selbstmord. So heißt es offiziell. Doch Elena glaubt nicht daran, denn sie weiß Bescheid.

Genauso wie sie weiß, dass sie mit einer grässlichen Krankheit geschlagen ist. Parkinson. Sie, die Krankheit, erlaubt es Elena nur mit Medikamenten den Alltag halbwegs in den Griff zu bekommen. Der Körper gehorcht den Befehlen des Gehirns nicht mehr. Schon ein paar Schritte gehen arten in einen heftigen Disput zwischen Befehlsgeber (Gehirn) und Befehlsempfänger (Gliedmaßen) aus. Sogar einfache Dinge wie eine Jacke anziehen, bereiten der eigensinnigen Elena Probleme.

Heute macht sie sich auf den Weg – wohin? Das erfährt der Leser erst später. Mit jedem Schritt, der Elena ihrem Ziel näher bringt, steigt die Spannung und die Zuneigung zu der zuweilen hartherzigen Elena. Rita, ihre Tochter, die Lehrerin, die in Roberto die Liebe ihres Lebens gefunden zu haben schien, Rita, das Augenlicht von Elena ist tot. Doch Elena weiß Bescheid, sie weiß, dass Rita keinen Selbstmord begangen haben kann. Ihre Erklärung: Rita hatte Angst vom Blitz getroffen zu werden. Als gläubige Christin versagte sie sich selbst den Gang in die Kirche an solchen Tagen. An Rita Todestag regnete es Katzen und Hunden. Und es blitzte und donnerte. Elena ist die einzige, die nicht an Selbstmord glaubt. Auch Kommissar Avellaneda, der so gern Elena glauben möchte und sich immer noch ab und zu (inoffiziell) mit Elena trifft, muss sich den Fakten beugen. Es war und bleibt Selbstmord.

Doch Elena ist auf ihrer Aufklärungsreise. Sie hofft eine Antwort zu finden. Nein, sie weiß, dass sie eine Antwort bekommen wird. Doch die fällt anders aus als gedacht. Denn die Antwort wird ihr verbleibendes Leben auf den Kopf stellen.

Für ihren dritten Roman „Elena weiß Bescheid“ bekam die Argentinierin Claudia Piñiero den LiBeraturpreis. Nach „Ganz die Deine“ und „Die Donnerstagswitwen“, die besonders durch Wortwitz bestachen, wagte sie sich an ein Thema, das dem Leser sehr nahe geht. Zumindest, wenn Claudia Piñiero darüber schreibt: Menschliche Zweifel. Sie urteilt nicht über ihre Protagonisten, sie lässt sie selbst ihre Entscheidungen treffen. Elena ist wahrlich vom Schicksal geschlagen. Ihr Blick ist physiologisch nach unten gerichtet. Ihre Krankheit erlaubt es ihr nicht den Kopf zu heben. Ihre Gedanken sind rückwärts gerichtet, der Tod der Tochter beschäftigt die 63jährige rund um die Uhr. So wie sie ihre Tochter kannte und deren Handeln passen einfach nicht zusammen. Am Ende muss sie einsehen, dass Rita ihren eigenen Weg gegangen ist. Ohne Zutun der Mutter. Am Ende bleibt nur eine Frage: Wann wird dieses Buch verfilmt?