Archiv der Kategorie: Meeresrauschen

Altes Handwerk in Venedig

Altes Handwerk in Venedig

Wenn ein Ort mit einer besonderen Handwerkskunst wirbt, deren Erzeugnisse man dann als besonderes Mitbringsel den Daheimgebliebenen überreichen kann, hat das oft den bitteren Beigeschmack des Kitschigen. In Orten an der Küste kann man Gefäße mit einem Anker mitnehmen. In den Bergen mit Wildtieren. Das sieht im ersten Moment ganz hübsch aus, aber sobald die Urlaubsstimmung verflogen ist, wirkt es billig.

Kitsch und Venedig – eine durchaus vorstellbare Verbindung. Eine kleine Gondel hier, eine Karnevalsmaske da. Und alles Made in … na jedenfalls nicht Made in Venice. Jana Revedin hat sich auf die Suche nach dem Gegenstück zur Touristenmassenproduktion begeben. Und sie wurde fündig! Wer allerdings diese Handwerkserzeugnisse mit nach Hause nehmen will, muss richtig tief in die Tasche greifen. Manches ist so besonders venezianisch, dass man es gar nicht mit nach Hause nehmen kann.

Die Autorin besucht unter anderem Carlo Capovilla. Er hat sich auf Hochsitze der besonderen Art spezialisiert. Hoch auf den Dächern der Stadt sieht der aufmerksame Besucher eigenartige Holzkonstruktionen. Terrassen auf dem Dach – Altana genannt. Von hier lässt sich das Treiben auf den Kanälen aus sicherer Entfernung betrachten. Gerade in den Sommermonaten, wenn die Stadt aus allen Nähten platzt ein Ruheort. Denn schließlich vervierhundertfacht sich die Einwohnerzahl der Lagunenstadt jährlich. Man stelle sich dies in einer Stadt wie Shanghai mit weit über 20 Millionen Einwohnern vor…

Wer in Venedig das Glück hat einen echten Palazzo zu besichtigen, dem fällt der schmucke Terrazzo auf. Roberto Patrizio fertigt diese fliegenden Marmorteppiche an. Kleine farbige Steine schimmern in den schillerndsten Farben und verleihen den Räumen eine gewisse Eleganz. Für die Autorin und ihren Fotografen Gernot Gleiss öffnet er sogar sein Lager. Hier lagern unzählige Marmorbruchstücke: Breccia Pernice gibt ein feuriges Rot, Verde Piave ein geheimnisvolles Grün usw.

Auch Steffano Gottardo gewährt den beiden Einlass in seine Werkstatt. Er darf das Siegel „Made in Venice“ auf seine Erzeugnisse kleben. Er stellt die echten, die wahren Karnevalsmasken her. In Handarbeit – versteht sich. Touristen sind ihm nicht willkommen. Ein Schild am Fenster seiner Werkstatt gibt dies zu verstehen – „No photos please“ – prangt da in Großbuchstaben.

Bücher über Venedig gibt es sie Sand in der Lagune. Doch keines zeigt so eindrucksvoll das wahre Gesicht der einstigen Handelsmetropole wie dieses Buch. Authentisch und ganz nah dran am Leben in einer der meistbesuchten Städte der Welt.

Quer durch Athen

Quer durch Athen

Alltagsliteratur aus Griechenland, aus Athen ist im Moment – wenn man den Nachrichten glauben darf – eher trist und von Angst, Hass und Niedergang geprägt. Korruption, eine im Untergang begriffene Wirtschaft und ein Land, das vor großen Umwälzungen steht, sind die aktuellen Themen.

Petros Markaris verschließt in seinen Werken nicht die Augen vor dieser Situation. Doch er schafft auch ein Refugium der Gelassenheit, eine träumerische Reise in die Vergangenheit: Mit der Elektrischen durch die griechische Hauptstadt. Vom Hafen in Piräus nach Kifissia. Der Autor lebt seit Jahrzehnten in Athen und hat im Laufe der Jahre unzählige Geschichten seiner neuen Heimat gesammelt. Und nun fährt er mit dem Leser die Strecke der Stadtbahn von Anfang an ab. Links und rechts liegen nicht nur Zeugen der Menschheitsgeschichte, sondern auch die kleinen Schicksale, die eine Stadt ausmachen. Und so ganz nebenbei erhält der Leser Einblick in die Befindlichkeiten der Griechen.

Auch Athen hat seine Victoria-Station, genau wie London. Sie befindet sich unter den Kyriakou-Platz und wurde 1948 wiedereröffnet. In diesem Jahr fanden zum zweiten Mal die Olympischen Sommerspiele in London statt. Die Namensgebung geht auch auf die englische Königin Victoria zurück. Kyriakou-Platz ist immer noch eine gängige Bezeichnung für den Platz, obwohl er schon seit Jahrzehnten Victoria-Platz heißt. Neuerungen setzen sich nur schwer durch …

An jeder Station bitte Petros Markaris die Mitreisenden / Leser zum Aussteigen. Als eloquenter Stadtführer begleitet er die wissensdurstige Menge durch das Chaos der Metropole. Am Ende der Reise fühlt man sich wie ein Einheimischer und kann ebenso manche Anekdote widergeben.

„Quer durch Athen“ ist einer der wenigen literarischen Stadtführer, die es in den Olymp der Stadtrundgänge schaffen. Das liegt zum einen an der überaus interessanten und unendlichen langen Geschichte der Stadt, aber auch an der eingängigen Sprache des Autoren.

Petros Markaris ist vor allem durch seine Kriminalromane des Kommissars Kostas Charitos bekannt geworden. Seine Reisebeschreibung scheint wie eine Flucht aus den Zwängen der Ermittlungen, ein Ausstieg vom Alltag. Doch Markaris kann nicht von seiner Stadt loslassen. Im August 2013 erhält er für seine Verdienste um die Vermittlung der deutschen Sprache und den internationalen Kulturaustausch die Goethe-Medaille.

Konstanz – 2000 Jahre Geschichte

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Eine Reise ans größte Binnenmeer Europas, den Bodensee bleibt für lange Zeit in Erinnerung. Die heimliche Hauptstadt der Seeregion ist Konstanz. Eine Stadt voller Geschichte und Geschichten, die entdeckt werden wollen. Über zwei Jahrtausende weilt diese Stadt nun schon auf Erden. Einst eine Raststation und militärischer Stützpunkt der Römer, später Tagungsort der Kirchenoberen, verzaubert Konstanz heute den Besucher durch seine Eleganz und überbordende Schönheit im sich im Meer widerspiegelnden Sonnenglanz.

Dieses Buch ist mehr als eine Liebeserklärung an Konstanz. Es ist vielmehr der geglückte Versuch dem Geheimnis der Stadt auf die Schliche zu kommen, wie sie sich durch die Wirren der vergangenen Jahrhunderte immer wieder behauptete und zu dem wurde, was sie heute ist.

Autor Ralf Seuffert ist von Beruf Veranstalter von Kulturreisen und -führungen in Konstanz – er kennt die Stadt wie seine Westentasche und lässt nun den Leser an seinem Wissen teilhaben. Kein biederer Rundgang mit dem eintönigen Abspulen von Jahreszahlen – keine Angst. Diese literarische Stadtführung ist eine Wissensreise mit unterhaltsamem Wiedererkennungswert.

Umfassend wird der Leser in einer keltischen und später in einer römischen Siedlung in Empfang genommen. Mit dem Bau des Doms kam Leben in die Stadt. Höhepunkt des klerikalen Lebens waren die Jahre 14141 bis 1418 als hier das so genannte Konstanzer Konzil tagte. Eine ereignisreiche Zeit mit der Absetzung von Päpsten, dem Ende des Schisma in Westeuropa und der Verurteilung und Verbrennung von Jan Hus.

Als Bindeglied zwischen unterschiedlichen Staaten kam Konstanz schon früh eine besondere Bedeutung zu. Wer heute an der Promenade sich den Wind um die Nase wehen lässt, spürt dieses besondere Lebensgefühl. Rege Geschäftigkeit geht mit Präzision und einer gewissen Lässigkeit einher. Industrialisierung und Kriege konnten dem Ansehen der Stadt und der Lebensqualität nichts anhaben.

Konstanz ist eine Perle unter den Städten in Deutschland. Die Bewohner zählen sich zu den Zufriedensten in Europa. Ein Ausflug lohnt sich immer wieder. Und mit dem nötigen Hintergrundwissen sieht man nun so Manches mit anderen Augen.

Kalabrien & Basilikata

Kalabrien & Basilikata

Die Region Kalabrien machte in der jüngsten Vergangenheit immer wieder durch die Ndrangheta, die landeseigene Mafia, von sich Reden. Die Basilikata im Norden der Stiefelspitze erinnert eher an eine anregendes Gewürz als an eine Urlaubsregion. Bereits in der fünften Auflage wird dem kriminellen Vorurteil und der scheinbaren Unbekanntheit ein 324seitiges Bollwerk voller Dolce vita und erstklassiger wie ursprünglicher Erholung entgegenstellt. Annette Krus-Bonazza nimmt den Leser mit auf eine Reise, die er nie mehr vergessen wird.

Wer in den Süden Italiens, in die Region Kalabrien und Basilikata reist, muss sich nicht nur auf ungewöhnlich hohe Tagestemperaturen einrichten, er wird auf eine alte, auf Tradition achtende Kultur treffen. Tropea zum Beispiel trägt dem Touristenandrang damit Rechnung, dass die gesamte Innenstadt im Juli und August für den Autoverkehr gesperrt ist. Ein Traum über die alten Pflaster der Stadt zu wandeln, hier und da einen Happen zu sich zu nehmen und sich an der Architektur des alten Bischofssitzes zu ergötzen. Malerisch schmiegt es sich an die Tufffelsen des Tyrrhenischen Meeres. Eine wahre Perle.

In Accetura, Castelmezzano, Pietrapertosa und Oliveto Lucano in der Basilikata wird der Maggio gefeiert, ein Fest, bei dem der Fruchtbarkeit des Bodens bedacht wird. Dabei werden ein junger und eine älterer Baum „miteinander verheiratet“. Wir sind in Italien, also ein großes Fest. Ein Fest, bei dem jeder willkommen ist.

Schon anhand dieser beiden Stichpunkte (übrigens nur ein sehr kleiner Bruchteil der Tipps aus der Feder der Autorin, die sich keine Blöße gibt und – so scheint es – jeden Stein der Region umgedreht hat) wird klar: Kalabrien und Basilikata, da muss ich hin! Der Reiseband ist nicht nur ein idealer Urlaubsplaner, auch vor Ort verrichtet er ohne Stottern seine Arbeit und ist behilflich bei der Suche nach den Orten, die man auch in der Zukunft mit diesem Urlaub verbinden wird. Wandern, auch in den Bergen von Cosenza, erholsamer Badeurlaub an den Traumtränden von Tropea, ausgedehnte Radtouren oder Stadtbummel durch idyllische Orte – hier kommt jeder auf seine Kosten. Filmliebhaber müssen unbedingt die Sassi in Matera besuchen. Hier drehten unter anderem Pier Paolo Pasolini und Mel Gibson ihre Filme. Ein Wallfahrtsort für echte Cineasten.

Für nicht einmal zwanzig Euro wird der interessierte Reisende mit einem Buch belohnt, das sich aber der ersten Seite bezahlt machen wird. Das ist so sicher wie die Tatsache, dass man im Süden Italiens fast nie einen Regenschirm braucht.

Tierische Profite

Tierische Profite

Die Lottozahlen im Spiel „Vier aus Venedig“: 1 – 4 – 21 – 336. Die Nummer-Eins-Autorin, wenn es um Verbrechen in der Lagunenstadt geht, Donna Leon, hat den einundzwanzigsten Falle ihres Commissarios Brunetti fertig und schickt ihr Erfolgsquartett aus Brunetti, Vianello, Elettra, und dem unvermeidlichen Vice-Questore Patta in ein 336-Seiten-Rennen. So was nennt man dann wohl einen Volltreffer!

Das Opfer sieht das natürlich etwas anders. Aufgedunsen wird er aus den Kanälen der Stadt gezogen. Auffallend ist die deutliche Deformierung des Körpers: Ein Hals ist kaum erkennbar. Madelung-Syndrom lautet die Diagnose. Ein Ermittlungsansatz? Brunetti kennt den Toten – nur leider weiß er nicht mehr genau woher. Diese Augen – ja sie sagen dem Commissario etwas. Aber was?

Weiterhin fallen dem aufmerksamen Ermittler die offensichtlich nicht zum Rest der Kleidung passenden Schuhe auf. Die Kleidung ist eher Massenware, nichts Besonderes. Die Schuhe hingegen sind auffällig und von erlesener Qualität.

Brunetti kommt an die Grenzen der Ermittelbaren, oder an die Grenzen seiner Kombinationsgabe. Erste Anzeichen für eine Zäsur im Leben des erfolgreichen Commissarios? Schließlich hat er all seine Fälle bisher gelöst. Leise klingen erste Töne von Aufhören an. Ein Omen?

Der Leser wird in routinierter Weise von Donna Leon durch die Lagunenstadt geführt. Während man so durch die Kanäle schlendert und sich den Verfall der Stadt aus sicherer Entfernung anschauen kann, strengt Brunetti seine grauen Zellen an. Double-Feature. Doppelvorstellung. Zwei Reisen zum Preis von einem. Zum Einen das gemütlich Dahinschippern über die nicht immer so glatten Kanäle, zum anderen die rauhe Gischt des Verbrechens und die Kälte der Profitgier.

Der Leser wird sanft auf die Folter gespannt. Erst nach und nach verschwindet der Schleier des Unwissens. Bruchstückhaft liest man sich in den Fall ein. Ein Löffelchen Wissen hier, ein Häppchen Hintergrund da. Reichlich 300 Seiten voller Erwartung darauf, was noch kommt. Vom Leser wird viel Geduld erwartet. Aber er wird auch belohnt…

Wieder einmal gelingt es der Wahl-Venezianerin Donna Leon zwei Seiten der Venedig-Medaille zu zeigen. Hier die Faszination des Einzigartigen und da die hässliche Fratze des Bösen. Geldmacherei um jeden Preis, gepaart mit Skrupellosigkeit und dem Glanz der Lagunenstadt. Dass Brunetti den Fall lösen wird, ist klar. Dass er ich meiniges abfordern wird ebenso. Leise und analytisch ohne große Denkerpose beeindruckt der Commissario den Leser mit seiner Einsatzbereitschaft und seinem unbedingten Willen Täter zur Strecke zu bringen und Opfern Genugtuung zu verschaffen. Den Traum von Gerechtigkeit hat er fast schon aufgegeben. Die gibt es nur noch im Film.

Kleine Geschichte Stockholms

Kleine Geschichte Stockholms

Unter den Hauptstädten Europas gehört Schwedens Kapitale nicht zu den Städten, die man sofort mit einer speziellen Sehenswürdigkeit in Verbindung bringt. Kein Tower, kein Eiffelturm, kein Colosseum, keine unvollendete Kirche oder eine besondere Ausgrabungsstätte. Stockholm ist einfach nur Stockholm. Zeit, um sich genauer mit der Geschichte dieser Stadt zu beschäftigen, die – wenn man den Fernsehbildern und Klatschpostillen glauben darf – nur aus dem Königspalast und ein paar Schären besteht.

Seit mehr als 750 Jahren dürfen sich Schweden Stockholmer nennen. Ein idealer Handels- und Verteidigungsplatz war der Fleck, den wir heute als Stockholm kennen. Der Name Stockholm lässt sich auf die Begriffe Stock für Pfahl oder Stamm und Holm für kleine Insel zurückführen. Wie Venedig und Amsterdam wurde die Stadt auf Pfählen errichtet.

Autorin Ingrid Bohn weiß so manche Anekdote aus den Archiven zu erzählen. Zum Beispiel die Geschichte, warum die Stadt in einem strahlenden Gelb erscheint. Das kommt von … das muss man schon selber nachlesen. Denn dieser Ausflug in die Geschichte macht Spaß. Kein Lehrer, der mit erhobenem Finger Aufmerksamkeit einfordert. Hier sitzen die Schüler / Leser brav und still da und lauschen den Ausführungen. Wer Stockholm mehr als nur ein Wochenendausflugsziel anerkennt, und mehr als nur die Touri-Tour machen will, kommt an diesem knackig geschriebenen Band nicht vorbei. So manche, was links und rechts des Wegesrandes steht, bekommt eine neue Bedeutung. Fassaden lösen sich aus ihrer Starre und werden lebendige Figuren im Spiel der Jahrhunderte. So macht Geschichte Spaß.

Und heute? Trendhauptstadt Europas in Sachen Mode – wird sie von Modeexperten genannt. Ausgedehnte Spaziergänge durch die Stadt auf vierzehn Inseln versprechen Abwechslung und entspannte Atmosphäre. Die Geschichte ist präsent, aber nicht aufdringlich. Jetzt, da der Leser mehr über diese außergewöhnliche Stadt weiß, gibt es keine Alternativen mehr: Koffer packen und die gelesene Geschichte erleben und aufsaugen!

Der Bahnwärter

Der Bahnwärter

Nino und Minica beziehen ein Bahnwärterhäuschen – alles scheint so zu verlaufen wie das Paar es sich vorstellt. Die Arbeit ist nicht allzu schwer. Er kümmert sich ums Haus, sie sich um den Garten. Zur Zertreuung geht Nino einmal in der Woche zum Singen in die nahegelegene Stadt. Minica bleibt derweil lieber zuhause.

Der näher rückende Krieg – wir schreiben das Jahr 1942 – durchbricht auch die sizilianische Idylle am Meer. Soldaten beginnen Bunkeranlagen zu bauen. Nächtliches Klopfen beängstigt die junge Frau. Ein kleines Zwischenhoch verflüchtigen die Sorgen. Nino gewinnt ein halbes Jahresgehalt in der Lotterie.

Das Zwischenhoch dauert jedoch nur kurze Zeit. Die Alliierten rüsten sich zum Kampf gegen den Duce. Und so geraten die Schwarzhemden – so wurden die Faschisten in Italien genannt – in Panik. Musizieren wird nur noch unter Auflagen gestattet. Nino und sein Gesangspartner Toto machen aus der Not eine Tugend. Angepasst an die neue Situation singen sie nun die gewünschten Lieder  – allerdings in abgewandelter Form. Ein Fehler, der sie für kurze Zeit ins Gefängnis bringt. Michele wird in dieser Zeit den Job des Bahnwärters übernehmen. Er ist ein strammer, überzeugter Faschist. Und ein gefährlicher Mann.

Das ständige nächtliche Klopfen an der Tür, wenn Nino nicht anwesend war, die Angst etwas Schreckliches geschehen könnte, das alles hat Minica weggesteckt. Doch das Schlimmste kann sie nicht verhindern. Endlich schwanger (Andrea Camilleri beschreibt mit liebevoller Hingabe wie die beiden die Empfängnisschwierigkeiten beseitigen), fällt sie einem perfiden Verbrechen anheim, in dessen Folge ihr gemeinsames Leben komplett umgekrempelt wird. Süß und trotzdem nicht befriedigend fällt die Rache aus. Minica verfällt immer mehr dem Wahnsinn.

„Der Bahnwärter“ ist der zweite Teil der Metamorphosen-Trilogie von Andrea Camilleri. Und wieder verzaubert uns der sizilianische Magier mit seinen Zeilen. Ein Märchen aus Lava und Gischt. Eine Geschichte wie sie nur aus einer Feder stammen kann. Auch wenn die Erzählung sehr handfest ist, so schafft es Andrea Camilleri den Reiz und die Eigenarten der Sizilianer poetisch einzufangen.

Zypern

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Wieder einmal Sommer, wieder einmal wird ein EU-Mitglied als Sündenbock für die Krise auserkoren. Zypern soll es in diesem Jahr sein. 2012 war es Griechenland. Und wieder fragen sich tausende Touristen: „Ist es noch sicher, nach Zypern zu reisen? Aber klar doch! Warum nicht? Zypern ist die Insel der Aphrodite. Hier scheint die Sonne, das Meer ist angenehm warm und das Essen erst …

Wer’s nicht glaubt, sollte sich mal diesen Reiseband ansehen. Schwarz auf weiß hat ja doch ein gehöriges Gewicht bei der Meinungsbildung (zum Glück)!

Zuerst die Fakten: 432 Seiten, 188 Farbfotos, sieben Kapitel, zwei davon über Nordzypern. Apropos Nordzypern. Ja, Zypern ist eine geteilte Insel. In Nikosia verläuft die Grenze sogar durch ein Einkaufszentrum. Während man auf der einen Seite früher edle Stoffe kaufen konnte, schaut man auf der anderen Seite teils in Gewehrläufe.

Aber auch das ist Zypern: Brutstätten der Schildkröten unter anderem an den Stränden von Kap Kormakíti und in Lára. Eine Insel voller Gegensätze könnte man jetzt meinen. Sichelrich, doch vor allem eine Insel, auf der man sich erholt. Wie? Dafür gibt Autor Ralph-Raymond Braun so zirka eintausend Tipps. Also zweieinhalb pro Seite. Ist ‚ne ziemlich gute Quote für ein Land, das von Politikern und Kritikern als Hort des Bösen und der Korruption, als Paradies für Steuersünder abgeurteilt wird. Wenn dem so wäre, dann würden Mannschaften wie Aris Limassol oder APOEL Nikosia regelmäßig die Champions League gewinnen.

Ein Reiseband als Standradwerk zu kennzeichnen, ist eine Bürde für den Autor und den verlegenden Verlag. Doch Autor und Verlag können sich auf die Fahnen schreiben, den wohl umfassendsten Band zur südlichsten europäischen Inseln (ehemalige Kolonien Frankreichs und Großbritanniens ausgeschlossen) verfasst zu haben. Wanderer, Sonnenanbeter, Aktivurlauber, Pauschaltouristen (die werden nie wieder alles im Vorfeld planen, wenn sie dieses Buch gelesen haben) und individuell Reisende finden hier das, wonach sie suchen. Erholung in jedweder Form. Klar gegliederte Abschnitte und geschickt verlinkte Infokästen ergeben mit den zahlreichen Abbildungen und Karten einen Tipp-Pool, in den man sich auch bei einem Bauchklatscher nie verletzt.

Kapverden – Afrikanische Perlen im Atlantik

Kapverden - Afrikanische Perlen im Atlantik

Joachim Frank ist ein Urlauber wie er im Buche steht. Seine Reiseziele sucht er neben sich Erholungsgrad, Erlebnisgehalt und Wetteraussichten auch nach Originalität aus. Und mit den Kapverden, Kapverdischen Inseln, Cabo Verde liegt er ganz weit vorn. Das macht auf den ersten Blick unwahrscheinlich neidisch. Doch Joachim Frank ist so freundlich dem Leser alle seine Eindrücke mitzuteilen.

Die Kapverden liegen rund 500 Kilometer vor der Küste Senegals. Zwölf Inseln, die schwer zu beackern und zu bewohnen sind. Es ist ein gemütliches und beschauliches Leben hier mitten in der Blütenpracht der Inselgruppe. Wer weggehen kann, geht. Wer als Tourist die Inseln erobern kann, kommt.

Die Kapverden sind das ideale Reiseziel für alle, die in der Natur ungestört wandern wollen, die noch Berge erobern wollen wie einst Tom Sawyer den Mississippi. Für alle, die die Wörter Abenteuerlust und Entdeckergeist noch nicht aus ihrem Wortschatz gestrichen haben. Für alle, denen es bei „all-inclusive“ einen gruseligen Schauer über den Rücken jagt.

Joachim Frank und seine Frau nehmen das Abenteuer Kapverden in Angriff. Dieses Mal durfte er allein aussuchen, wohin die Reise geht. Gut gemacht. Wie jeder gute Tourist, bereitet sich Joachim Frank genauestens auf die Reise vor. So folgt dem obligatorischen Vorwort (wie die Reise zustande kam) ein kurzer Abriss in Landeskunde und –geschichte.

Und schon beginnt die Erkundung der grünen Felsen bzw. der grünen Landzunge.

Die Kapverden sind vulkanischen Ursprungs – Wanderungen zu den Gipfeln und Kratern sollte man nur geschulten Wanderern überlassen, ansonsten gibt es auf den Kapverden jede Menge Guides, die Gruppen an den Rand der Weltentstehung führen.

Autor Joachim Frank bereist verschiedene Inseln der Kapverden. Von schroffer Wildschönheit bis hin zur Badeinsel nimmt er jedes Angebot wahr. So – und nur so – entsteht für den Leser ein allumfassender Einblick in eine Inselwelt, die uns bisher verborgen blieb. Wer kennt schon jemanden von den Kapverdischen Inseln?

„Kapverden – Afrikanische Perlen im Atlantik“ ist ein Appetizer für alle, die auf der Suche nach dem nächsten Urlaubsziel sind. Ein bisschen Europa, ein bisschen Afrika, saubere Luft, atemberaubende Natur. Der Autor weiß zu verzaubern. Die Natur ist der eigentliche Held dieses Reisebandes. Die Wanderungen durch sie hindurch der Weg der Erkenntnis. Das Buch – ein wehmütiger Rückblick auf die wohl schönste Zeit des Jahres.

Unterwegs in Sizilien

Unterwegs in SizilienUlrike Rauh ist eingefleischten Italienreisenden als Autorin phantasievoller und harmonischer Spaziergänge durch Venedig, Rom, Florenz, Neapel und Ischia bekannt. Da ist es fast schon eine Schlussfolgerung, dass nun eine weitere abwechslungsreiche Destination am Stiefel Ulrike Rauh ins Visier genommen hat: Sizilien.

Die Autorin hat sich fest vorgenommen, ihre Freunde in Noto zu besuchen. Noto – so ganz nebenbei gesagt – war auf der Tourismusmesse in Berlin übrigens die einzige Stadt Siziliens, die mit einem Stand auf sich aufmerksam machte. Ende des 17. Jahrhunderts wurde wie durch ein Erdbeben komplett zerstört. Innerhalb kürzester Zeit wurde eine bis heute blühende Barockstadt auf dem Lavaboden gestampft.

Doch die Reise geht weiter. Durch das Tal der Tempel, Cefalu bis nach Palermo. Eine Stadt, die ihres gleichen sucht. Mafiahochburg, Heimat der schönsten Gärten Südeuropas, die in Italien verwirrenderweise Villa heißen, die die Autorin feststellt. Auch die Besteigung des Ätnas darf bei der Rundreise nicht fehlen. So, reichlich einhundert Seiten gelesen und erfahren, was alles gesehen haben muss. Die eigene Reise kann also beginnen.

Wer „Unterwegs in Sizilien“ so abschließt, darf nicht nach Sizilien einreisen. Das müsste verboten werden. Denn Ulrike Rauhs Bücher muss man mehrmals lesen – zwischen den Zeilen. Erst dann wird die Tragweite ihrer Worte sichtbar. Erst dann tritt die Schönheit der Landschaft vor den Vorhang des Nichtwissens. Erst dann kann man die Vielfalt Siziliens so richtig aufsaugen.

Ulrike Rauh nimmt sich außerdem die Zeit die Landschaft auf der Leinwand festzuhalten. Einige ihrer Bilder sind im Buch zu sehen und machen apettito auf mehr. Mehr Reiseimpressionen. Mehr Anekdoten. Mehr Sizilien. Ulrike Rauh beschreibt nicht nur nuancenreich, was sie alles gesehen hat. Sie hat sich vor der Reise informiert und lässt nun den Leser daran teilhaben. Wie ein Reiseleiter, nur ohne drohenden Signalschirm, der einem verheißt, dass es nur hier – und nirgendwo anders! – die Extraportion Wissen gibt. Ulrike Rauh und Sizilien – eine wortwörtliche Allianz, die man dank des Wiesenburgverlages immer wieder genießen kann.