Kategoriearchiv: aus-erlesen ungewöhnlich

Weihnachtsgeschenke aus der Küche

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Jedes Jahr dieselbe Frage: Wie beschenke ich meine Liebsten? Es soll was Besonderes sein. Denn die Beschenkten sind es auch. Selber basteln hat immer einen Hauch von „Gewollt und nicht gekonnt“. Was dann? Weihnachten ist auch die Zeit, in der der Backofen in die Knie zu gehen droht. Es ist die Zeit, in der zigfach Weihnachtsbäckereien aus dem Boden sprießen. Sabine Fuchs und Susanne Heindl nehmen denen, die Angst davor haben zu backen, deren Backofen seit Jahren wie geleckt aussieht, weil er maximal zum Pizzabacken benötigt wird. Und deren Herd sonst nur Tütensuppen „kreieren“.

Das „mh“ statt „danke“ weicht von nun an einem „mmmhhh“ wie „Mehr davon, wann ist wieder Weihnachten?“. Bei Rezepten mit so wohlklingenden Namen wie Feuerpflaume, Kumquat-Chutney oder Chili-Parmesan-Plätzchen weiß jeder, dass er mit diesem Buch die richtige Wahl getroffen hat.

Mal ordentlich was Originelles aufs Brot mit Orangenaufstrich mit Kardamom. Oder außergewöhnliche Saucen wie Mangoketchup, Korianderpesto oder eine selbstgemachte Senfsauce. Wer‘s würziger mag, der wird sich sofort daran machen sein eigenes Rosmarin-Salz mit Orangenaroma zusammenzustellen.

Schleckermäulchen können sich kaum noch beherrschen, wenn Fuchsplätzchen in den Ofen geschoben werden oder weiße Kokos-Schokocrossies aufgeschlagen werden. Zum Knabbern gibt’s anschließend Röte-Bete-Chips und Zimt-Apfelscheiben.

Die Küche sieht wie ein Schlachtfeld aus. Mit immer noch höher schlagendem Herz sucht man den passenden Ort für dieses kleine Büchlein, das so Viele glücklich machen wird. Stellt sich noch die Frage: Wie soll man das alles weihnachtlich verpacken? Auch hierfür haben die beiden Autorinnen einiges parat. Am Ende des Buches sind einige Etiketten abgebildet. Kopieren ausdrücklich erwünscht! Nun nur noch ausdrucken, aufkleben und sich ein Lächeln abholen. So einfach geht Freude schenken!

Buchhandlung zum Goldenen Buchstaben

Buchhandlung zum goldenen Buchstaben

Eine Buchhandlung war, ist und – hoffentlich – bleibt ein Ort der Erinnerung und der Fantasie. Es ist der einzige Ort der Welt, an dem man ungestraft Träume kaufen kann. An den meisten dieser Traumverkäufer scheiden sich heutzutage eher die Geister als dass sie sich dort treffen. François Loebs Buchhandlungen in diesem Buch sind zweifelsohne der Sammelpunkt für Feingeister, witzige Geister und geistreiche Individuen.

Schon in der ersten Kurzgeschichte wird man in der Zeit zurückversetzt. Es gibt einen Informationstresen. Dort stehen die Neugierigen, nicht Kunden, Schlange. Sie wollen sich informieren lassen. Jemand hat eine Frage, sucht nach einem Buch, dessen Titel er noch gar nicht kennt, aber das Thema kann er benennen. Er erhält Auskunft und schaut dann selber, ob das Buch ihm gefällt oder nicht. Klingt nostalgisch, aus ferner Zeit, spielt aber in der Gegenwart. Der Buchhändler als belesenes Orakel für die intimsten Wünsche der Leserschaft. Ganz ohne Bits und Bytes…

Doch auch die Buchstaben selbst, die die Seiten füllen und Leser weltweit in ferne Galaxien entführen, haben so ihre liebe Not. Sie haben ihre eigene Hackordnung, weiß François Loeb zu berichten. Ein edles E gibt sich beispielsweise nicht mit einem ordinären kleinen C ab. Ein O wird sich niemals mit der Rolle als 0 zufrieden geben. Das Ergebnis dieses Buchstabensalats: Kein Leser kann mehr die sinnstiftende Ordnung des Buches erkennen. Da ist auch der Buchhändler am Ende seines Lateins…

Die kurzen Geschichten lassen den Leser schmunzeln. Bücher als Hauptakteure eines Buches. Sie sind eine der wenigen Konstanten im kulturellen Leben der Menschen. Wer Bücher liebt, wird dieses Buch in Ehren halten. Als Zugabe, als Appetitanreger kann der Leser anderen Bücherfreunden mit der einen oder anderen Geschichte eine Freude machen. Denn einige Geschichten kann man per QR-Code scannen und als pdf-Datei runterladen, verschicken, Freude machen oder einfach immer dabei haben. Die Bücher werden flügge. Kleine Appetitanreger, die den erfreuten Empfänger (und er wird erfreut sein, garantiert) animieren mehr zu fordern.

Egal, ob sich streitende Buchstaben, Garantie einfordernde Kundinnen oder blutbefleckte Seiten: Françios Loeb war selbst Buchhändler. Ob er all das selbst erlebt hat…?

50 Erdschätze, die unsere Welt veränderten

50 Erdschätze, die unsere Welt veränderten

Wenn beim Spazierengehen ein Elternteil tönt: „Lass das liegen! Das ist schmutzig!“, lächelt man über den Entdeckergeist von so manchem Nachwuchs. Er macht das, was schon seit Anbeginn der Menschheit getan wird: Dinge aus dem Boden holen. Sie sichtbar machen. Ihnen einem Zweck zuführen. Eric Chaline hat – nach „50 Tiere, die unsere Welt veränderten“ – sein Augenmerk auf die Erdschätze gerichtet.

Der Einband verrät schon so einiges, was den Leser erwartet: Gold, Schwefel, Bimsstein. Edelmetalle und besonders Edelsteine faszinieren seit jeher die Menschen durch ihre optische Strahlkraft. Ihr materieller Wert ist der Seltenheit und der Schwierigkeiten beim Abbau anhängig. Man stelle sich vor, das statt Schotter und Kies Gold auf den Wegen liegen würde. Kein Mensch würde sich Straßenbelag an den Finger stecken oder in der Bank deponieren.

Es sind nicht nur die seltenen – sehr teuren – Spekulationsobjekte, die unser Leben veränderten und es noch immer tun. Lehm, Kohle und sogar Sand sind elementar wichtig für unseren Alltag. Alles, auf dem wir uns bewegen, mit dem wir tagein, tagaus zu tun haben, kommt irgendwie aus dem Inneren der Erde. Sie traten freiwillig ans Tageslicht oder wurden teils unter schwersten Bedingungen an die Oberfläche befördert.

Eisen ist ein Stoff, der in der jüngeren Vergangenheit so komplex wie etwas anderes genutzt wurde. Veredelt als Edelstahl (wie soll er denn sonst heißen?!) ist er Hauptbestandteil der meisten Küchen. Steakliebhaber schwören auf ihre „Gusseiserne“. Paris ohne Eisen? Unvorstellbar, dass der Eiffelturm aus einem anderen Material gefertigt wäre. Die industrielle Revolution wäre ohne Eisen ein Stürmchen im Wasserglas gewesen. Nein, sie hätte nie stattgefunden.

„50 Erdschätze, die unsere Welt veränderten“ ist ein Aufmerksammacherbuch. Viele Stoffe, Metalle, Dinge nehmen wir als gegeben hin und sind erstaunt, wenn wir darüber nachdenken, wie viel in den vergangenen Jahrtausenden schon geschaffen wurde. Wenn man dann noch einen Schritt weitergeht, kann man sich zusammenreimen, dass noch lange nicht alles erforscht ist und es noch jede Menge gibt, was in der Erde schlummert und darauf wartet an der Oberfläche für Veränderungen zu sorgen. Dieses Buch ist eine weitere Entdeckung. Es liest spannend wie ein Krimi, ist lehrreich wie ein guter Lehrer und exzellent illustriert.

Briefe!

Briefe!

Das Internet vergisst nie. Bücher auch nicht! Briefe hingegen können schon mal verloren gehen. Simon Garfield setzt mit „Briefe!“ ein weiteres Ausrufezeichen, nachdem er den Karten bereits ein kleines Denkmal setzte.

Wir, die wir in der Gegenwart leben, sind Zeugen wie ein Kommunikationsmittel stirbt. Wenn wir Briefe bekommen, sind es meist Rechnungen, Werbeschriften oder Ankündigungen. Alles offiziell. Kaum Privates, geschweige denn Liebesbriefe. Eine Einladung zum Essen schickt man heutzutage auch kaum noch. Und dabei ist es gar nicht so lang her, dass die Post fast das einzige Kommunikationsmittel war. Urlaubsgrüße aus fernen Ländern sind die letzte Bastion des privat geschriebenen Wortes.

Simon Garfields Neugier auf Briefe wurde durch eine Auktion geweckt. Er erwarb unter anderem einen Briefwechsel eines Magiers mit dem magischen Zirkel, in dem einige Tricks verraten wurden.

Wer sich mit Briefen beschäftigt, kommt am Menschen nicht vorbei. Denn Briefe sind der Spiegel des Lebens schlechthin. Ohne sie wäre die Wissenschaft um eine Wissensquelle ärmer. Die ältesten erhaltenen (und vor allem übersetzbaren) Briefe sind um die zweitausend Jahre alt. Meist handelte es sich bei ihnen um belanglose Abhandlungen. Gelehrte wie Plinius der Jüngere halten da schon mehr Substanz parat. Beispielsweise von einem Dinner bei Julius Caesar.

Der Autor beschränkt sich nicht allein auf das bloße Sammeln und Aufzählen wer wann wem was geschrieben hat. Vielmehr setzt er die Briefe in einen historischen Kontext. So ist „Briefe!“ mehr als nur ein Kulturabriss, eine Zusammenstellung aus mehreren Jahrhunderten, sondern echter Geschichtsunterricht. Doch auch die Entwicklung, die Feinheiten der Technik und die zahlreichen Kuriositäten halten den Leser bei der Stange.

Die Anzahl derer, die einzig allein per Brief sich austauschen, ist verschwindend gering. Dabei ist es so einfach einen Brief zu schreiben. In drei Abschnitten begibt sich der Leser auf eine Zeitreise unter dem Motto „Wie man Briefe schreibt“. Und schnell stellt man fest: So groß sind die Unterschiede im Laufe der Jahrhunderte nicht geworden. Wer etwas mitzuteilen hat, verfährt immer noch nach dem gleichen Muster. Insofern ist der Brief immer noch modern. Nur die Art der Übermittlung hat sich verändert.

Unter www.weltderbriefe.de sind einige bedeutende Beispiele der Vergangenheit erfasst. Oscar Wilde, exzentrisch bis ins Blut, wagte eines Tages einen Versuch. Er schrieb einen Brief, frankierte und warf ihn … auf die Straße. In der Hoffnung, dass es eine treue Seele gibt, die ihn in den dafür vorgesehenen Briefkasten wirft. Das war auch der Startschuss für den Blog  „Welt der Briefe“. Bei Wilde dauerte es eine gewisse Zeit, der Startschuss-Brief wurde bereits am nächsten Tag zugestellt.

Fortschritt kann nur mit Geschichte beginnen. Kleine Holztäfelchen sind die ältesten überlieferten Belege von Briefen. Sie sind zerbrechlich und mit äußerster Vorsicht zu behandeln. Heutzutage bestimmen Kurznachrichten unsere Kommunikation. Abkürzungen gelten als die neueste Errungenschaft im digitalen Zeitalter. Doch auch da irrt man sich: Die Römer kannten schon SVBEEQV, was heute einem „How are You“ gleichkommt. SVBEEQV steht übrigens für „si vales, bene est, ego quidem valeo“. Lateinisch, auch so eine Sache, die für tot erklärt wurde und doch immer noch weiterlebt. Genauso wie Briefe, und sei es in einem Blog.

Wenn Venedig stirbt

Wenn Venedig stirbt

Die Deutschen sind immer noch Reiseweltmeister. Wann immer es Zeit und Geldbeutel zulassen, sind wir gern bereit unsere Euros Händlern, Reiseveranstaltern, Restaurants gegen Service zu überlassen. Wir erkunden die Welt in Frankreich, Ägypten, den USA, Fernost, der Türkei oder Italien.

Wenn wir schon bei oder in Italien sind: Stellen Sie sich vor, Sie hätten jeden Tag zwei neue Gäste. Egal, ob werktags oder sonntags, ob feiertags oder langes Wochenende. Und die stapfen 24 Stunden am Tag durch ihre heimischen Gefilde. Fassen da was an, nehmen dort ein Souvenir. Einzig allein, dass sie bei Ihnen zuhause mehr Geld lassen als anderswo, lässt sie die Situation halbwegs erträglich erscheinen. Und mehr als erscheinen ist es nicht. Tag für Tag, Monat für Monat, Jahr für Jahr dasselbe Prozedere. Venedig hat sich in sein Schicksal ergeben. Die Stadt lebt mit und vor allem von den Touristen. Neuerdings können die sogar vom Frühstückstisch aufstehen und direkt, ohne großes Palaver Markusplatz und Dogenpalast erobern. Tonnenweise Tennissocken, den Kopf hoch erhoben gen Selfie-Stick toben sie gemächlich durch die Stadt, die immer noch vom Ruf als romantische Stadt lebt. Sieht so Romantik aus? Was passiert mit dem historischen Erbe, über das die Lagunenstadt zweifelsohne verfügt?

Salvatore Settis sieht Venedig exemplarisch für den Ausverlauf der Kultur. Wenn Touristen aus ihrem wohlverdienten Urlaub zurückkehren und nicht mehr Bilder zeigen, sondern ihre Schnäppchen präsentieren oder meinen, dass zwei Stunden vollkommen ausreichen, um die Kloake Venedig über Gebühr mit ihrer Anwesenheit beehrte haben, dann kann man nicht mehr von einem Kulturerlebnis sprechen. Salvatore Settis beklagt, ja klagt schon fast an, den Ausverkauf der Städte.

Dabei beginnt alles schon uns vor der Haustür. Eine Häuserzeile – vielleicht Jahrhunderte alt – muss Neuem weichen. Wer aufmerksam die Stadtentwicklung egal wo auf der Welt verfolgt hat, weiß schon, welche Läden da als nächstes stehen werden. Eine eigene Identität weicht Konformität. Und dann ist es wirklich egal, ob der Pappbecher mit dem brühend heißen Kaffee, der in Sydney genauso schmeckt wie in Castrop-Rauxel, nun zwischen altehrwürdigen Gemäuern geschlürft wird oder an einem Stehtisch.

„Wenn Venedig stirbt“ – bleiben wir bei der Frage. Dann gibt es anfangs ein Riesengeschrei, doch schon kurze Zeit später werden andere Städte, die jetzt schon in den Startlöchern sitzen, versuchen dessen Platz einzunehmen. Ein kulturelles Erbe ist dann nur noch im Museum zu besichtigen. Und das hat, um überhaupt den Hauch einer Überlebenschance zu haben, einen Museumsshop. Was sollen wir nun machen? Venedig links liegen lassen? Es ignorieren? Nur damit die Venezianer sich in Ruhe mal wieder auf ihr Erbe besinnen können und sich ein neues Marketingkonzept ausdenken. Da ist es schon wieder: Marketing. Neue Märkte erschließen. Es gibt keine endgültige Antwort. Aber Salvatore Settis ist endlich einer, der die richtigen Fragen stellt.

Das Herbarium der Heil- und Giftpflanzen

Das Herbarium der Heil- und Giftpflanzen

Wenn’s weh tut, nimm ‘ne Pille. Wenn’s dauerhaft weh tut, greif auf alte Hausmittel zurück. Warum sich nicht gleich auf Mutter Natur berufen? Schätzungen zufolge sind 35.000 bis 80.000 Blütenpflanzen auch als Heilpflanzen anzusehen. Und demzufolge auch zu benutzen. Nicht alle wachsen um die Ecke, auf den Feldern, in Gärten, am Wegesrand. Doch Vorsicht, die Menge macht’s. Viel hilft viel – trifft bei Giftpflanzen nicht zu. Besser nochmal nachschauen, bevor man sich der Botanik an den Hals wirft. Oft scheitert die natürliche Heilmethode schon daran, dass man nicht weiß wie die heilenden Pflanzen überhaupt aussehen. Und das obwohl Generationen von Forschern sorgsam ihre Entdeckungen in Herbarien angelegt haben. Bernard Bertrand ist der Geschichte nachgegangen und die eindrucksvollsten Herbarien in diesem Prachtband versammelt.

Alle abgebildeten Pflanzen sind giftig und / oder heilend zugleich. Was das Buch so einzigartig macht, ist die Tatsache, dass die abgebildeten Pflanzen im Maßstab Eins zu Eins wiedergegeben werden. So erkennt man nicht nur die Form wieder, sondern auch die Größe. Wie gesagt, es kommt auf die Dosierung an. Jedes Heilgift, nennen wir es mal so, was natürlich überhaupt nicht fachmännisch ist, hat seine eigene Geschichte. So liest man beispielsweise gleich zu Beginn über den Fuchseisenhut, dass die Securitate dieses Gift benutzte, um unliebsame Kontrahenten bewusst aus dem Weg zu schaffen. Unbewusste Opfer gab es knapp zwanzig Jahre zuvor, als ein Fallschirmjäger-Bataillon in den Pyrenäen auf der Suche nach Nahrung dieses spezielle Kraut zu sich nahm. Doch eigentlich benutzte man es, um Füchse zu jagen und zu erlegen. Daher der Name.

Beim Weiterblättern trifft man auf Bekanntes wie Buchsbaum und Stechapfel, aber auch auf Namen, die Vielen nicht geläufig sind wie der rundblättriger Sonnentau oder den echten Gmander. Die übersichtliche Gestaltung, die Hinweise zur Bestimmung, kleine Anekdoten aus der Mottenkiste, Tipps zur richtigen Handhabung und ein lehrreicher Einleitungstext sind die perfekte Zugabe zu den exzellenten Abbildungen. Nicht jeder, der in diesem Buch blättert wird automatisch zum Hexenmeister. Das ist auch nicht Ziel des Buches. Es ist Bildband und Lehrbuch in Einem. Wobei der Lehrcharakter keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt. Es ist ein Buch, das man gern durchblättert, man wird immer wieder etwas Neues entdecken. Die Texte sind verständlich geschrieben, so dass auch „Bio-Sechs-Setzen“-Leser auf ihre Kosten kommen. Und sei es nur die Verwunderung, dass die Kartoffel in einem Buch über Heil- und Giftpflanzen vorkommt.

Der Beginn des Buches, den man erstmal überblättert, weil man heiß auf die großformatigen Bilder ist, was auch verständlich ist, hat man die ersten zwei, drei Seiten gesehen, wirft ein neues Licht auf Pflanzen und ihre Wirkung. Die Geschichte der Gifte und die Gifte der Geschichte ziehen den Leser in ihren Bann. So mancher Krimi, in dem mit Giften gemordet wird, rückt so in ein anderes Licht. Den Täter versteht man immer noch nicht, aber die Wirkung wird nun wissenschaftlich untermauert. Und man erfährt auch, dass Gifte nicht nur das Leben beenden können, auch das Gegenteil ist oft der Fall. Die Menge macht’s. Doch leider ist nach 192 Seiten schon Schluss. Wenig hilft viel, sagt man sich angesichts der Tatsache, dass dieses Buch sämtliche Sinne anspricht. Und bedauert, dass der Spruch „Viel hilft viel“ bei diesem Buch keine Anwendung findet.

Gewagte Konstruktionen

Gewagte Konstruktionen

Architektur in Worte zu fassen ist eine Kunst für sich. Die Besonderheiten eines Gebäudes liegen sowohl innen wie auch außen. Doch diese herauszufiltern, sie zu erkennen, ist oft nicht einfach. Und so haben Architekten immer einen schweren Stand. Sie wollen die Sichtweise der Betrachter verändern, Aufmerksamkeit erregen, manche ein Denkmal errichten. „Gewagte Konstruktionen“ widmet sich den Visionären dieser Handwerkskunst, den Künstlern des steingewordenen Traums.

Die Autoren dieses beeindruckenden Bandes geben den Baumeistern, Bauherren und Architekten ein Gesicht. Nicht oft wurden die nämlich einfach in den Geschichtsbüchern unerwähnt gelassen. Wer weiß schon wer das Taj Mahal in Indien wirklich gebaut hat? Shah Jahan als sein Auftraggeber ist derweil ein Begriff.

Die Konstruktionen, die uns heute in ihren Bann ziehen, waren fast immer umstritten. Den Eiffelturm hätte es fast nicht mehr gegeben. Zur Weltausstellung 1889 war er die Sensation, doch schon Jahre später hätten die Unterhaltskosten fast zu einer Demontage geführt. Paris heute ohne Eiffelturm? Unmöglich. Oder Florenz ohne den Dom mit seiner imposanten Kuppel. Jahrelang war das Gotteshaus ohne Dach geblieben. Erst Filippo Brunelleschi hatte die rettende Idee. Eine gemauerte Kuppel. Der Aufwand war gigantisch. Modulares Bauen – bis heute eine gängige Technologie – war das Zauberwort.

Dieses Buch ist ein echter Schatz. Denn wer durch die Metropolen der Welt schlendert, sich den Wind der großen weiten Welt um die Nase wehen lässt, wird ganz automatisch durch die Architektur verzaubert. Oft unterschwellig. Die Boulevards und Gebäudekomplexe werden als gegeben hingenommen. Das hat jetzt ein Ende! Kenntnisreich und detailliert werden die Prunkstücke aus Jahrhunderten Baukunst unter die Lupe genommen. Oscar Niemeyer, Norman Foster, Antoni Gaudi, Frank Lloyd Wright – alles klingende Namen, deren Werke faszinieren. Doch was trieb sie zu ihren – teils bis heute als gewagt zu bezeichnenden – Bauwerken? Was ist das wirklich Innovative daran? Fragen, die man sich so nur selten stellt. Jetzt gibt es die Antworten.

Nekropolis

Nekropolis

Es gibt schönere Arten berühmt zu werden. Kommissar Sajan Dayal von der Polizei in Delhi hat es sich nicht ausgesucht diesen Sommer die merkwürdigsten Fälle zu lösen. Nach langer Hatz wird ein junger Mann gefunden, um dessen Hals eine Kette mit den Fingern seiner Opfer prangt. Zur gleichen Zeit verschwindet „Frau Oberst“, eine Frau, die durch ihren eigenwilligen, militärischen Kleidungsstil auffiel und viele Anhänger hatte. Zu allem Überfluss bekriegen sich auch noch Gangs in der Unterwelt. Sie wähnen sich nicht von dieser Welt. Es war, ist und wird eine heiße Zeit …

Von Frau Oberst, die von ihrer Gefolgschaft Razia genannt wird, erfahren Dayal und sein Team von den barbarischen Schlachten, denen des Nachts immer wieder junge „Kämpfer“ zum Opfer fallen. Ein Kämpfer tut sich dabei immer besonders hervor. Er hält sich für einen Vampir. Keiner, der das nur aus Mode tut, einer, der wirklich glaubt das Blut der Anderen verleiht ihm besondere Kräfte. Sind die Schlachten geschlagen, beugt er sich über sein Opfer und haut seine Zähne in dessen Nacken. Das Besondere: Die Schlachten und das blutige Ritual am Ende werden gefilmt und anschließend online gestellt. Doch auch Dayals Abteilung ist mit moderner Technik ausgerüstet.

Die Sonderkommission kommt nicht zur Ruhe. Ein junges Mädchen wurde brutal vergewaltigt. Und noch immer sind die Spuren zu den anderen Verbrechen nicht zufriedenstellend. Slumlords, Vergewaltigung, Mord, Drogen, Korruption – das Tätigkeitsfeld der Sonderkommission scheint unendlich dehnbar. Da heißt es kühlen Kopf bewahren.

Sajan Dayal ist der lebende Beweis, dass man die Gegenwart nur beherrscht, die Zukunft meistert, wenn man die Vergangenheit kennt. All der elektronische Schnickschnack, den moderne Ermittler heute benutzen, nützt nur, wenn man die Wurzeln kennt. Er zitiert alte Dichter, kennt die Traditionen des Landes, er versteht die Menschen, die sich der modernen Vehikel benutzen. So, und nur so, kommt er dem Geheimnis der heißen Zeit in der Nekropole Delhi auf die Spur.

Avtar Singhs Kommissar ist ein ruhiger besonnener Ermittler. Er schart eine ebenso konzentriert arbeitende Crew um sich. Kastendenken ist allen wohl bekannt, doch haben sie mit dieser Tradition im Riesenreich Indien wenig zu schaffen. Wer Geld hat, muss sich genauso an Spielregeln halten wie „die da unten“. Vor dem Gesetz sind alle gleich. Wenn das den Kommissaren gelingen könnte, wäre schon viel erreicht.

Der Leser wird in ein Indien geführt, dass er so nicht kennt. Neben all den Negativschlagzeilen bietet dieser Roman dem Leser die Möglichkeit Delhi von einer anderen Seite kennenzulernen. Beim Lesen fungiert Sajan Dayal so ganz nebenbei als Fremdenführer durch die Millionenmetropole. Der Leser kommt an Orte vor denen in Reisebüchern gewarnt wird. Wenn‘s zu brenzlig wird, kann man das Buch zuklappen. Doch dann verpasst man das Beste.

Germany 2064

Germany 2064

Der Titel verrät es: Wir sind im Deutschland des Jahres 2064. Viele heutige Leser werden diese Zeit nicht mehr erleben. Die, die dann noch leben, werden dieses Buch als Andenken á la „weißt Du noch“ von Wohnort zu Wohnort mitschleppen. Oder als Warnung oder als ein Ding aus einer anderen Welt.

Ein Konvoi wird lautlos überfallen. Fahrerlos steuern die Trucks ihrem Ziel entgegen. Immer im gleichen Abstand, von Drohnen überwacht. An Ultraleichtfliegern seilen sich nicht minder lautlos und präzise Männer herab und öffnen die Container. Das Objekt ihrer Begierde sind ungeheuer teure und ungeheuer effiziente Neobiotika. Sie stoppen die polyresistenten Bakterien. Der Verlust einer Drohne wird bemerkt. Doch da ist das geklaute Gut schon längst über alle Berge. Überwachung ist gut, doch wenn die Informationsübermittlung und deren Auswertung immer noch eine gewisse Zeit dauert, dient Überwachung nur bedingt der Prävention.

Bernd Aguilar, jahrgangsbester Polizist wird heute seinen neuen alten Partner wieder sehen. Roberto heißt er und ist ein AP, ein automatisierter Partner. Oder einfacher: Ein Roboter. Drei Jahre waren sie getrennt, einst waren sie das Traumpaar der Polizei. Roberto war zuverlässig, warf sich in die Schusslinie für seinen humanen Partner und war sogar ein bisschen eifersüchtig als Bernd „ein Eigenleben nach der Arbeit zu entwickeln begann“. Großer Bahnhof bei der Vorstellung des verbesserten Robertos. Randnotiz: Auch 2064 wird in einem Mercedes vorgefahren und die Presse veranstaltet ein Blitzlichtgewitter – manches ändert sich nie.

Den Gegenentwurf zur durchtechnisierten Stadtwelt bilden die freien Gebiete. Hier wird Gemüse angebaut, man folgt dem Sonnenstand, Live-Musik und einer Lebensweise fast ohne technische Hilfsmittel. Und es ist auch der Ort, an dem sich die High-Tech-Städter treffen, um zu essen. Das tut auch Friedrich Wendt, der Erfinder und Erbauer von Roberto. Zusammen mit Christina, einer Autorin, die er gern für sein Unternehmen gewinnen möchte, genießt der über Hundertjährige sein Mahl. Anschließend wollen sie auf dem Hof seines ehemaligen Angestellten Klaus Miller noch das Konzert von Hati Boran besuchen. Doch dazu soll es nicht kommen. Hati Boran wurde entführt. Angeblich von einem Roboter aus dem Hause Wendt.

Manchmal ist es doch besser nicht zu wissen, was die Zukunft bringt. Martin Walker zeigt in seiner Vision, was im Jahr 2064 alles möglich sein kann. Und so einiges ist gar nicht mehr so fern wie man meint. Erst vor Kurzem gab es wieder Meldungen, dass umfangreiche Tests mit selbstfahrenden LKWs erlaubt werden. Kurz vor Erscheinen des Buches lief im Fernsehen ein Beitrag über die Gefahr von Drohnen, die von Amateuren gesteuert werden. Immer wieder machen Horrormeldungen über resistente Bakterien die Runde. Wie weit sind wir von Germany 2064 noch entfernt? Neunundvierzig Jahre sind keine Ewigkeit…

Martin Walker verwebt die grundverschiedenen Lebenswelten zu einem utopischen Klangteppich ohne den Bezug zur Gegenwart zu verlieren. Als Mitglied des Think Tanks „Global Business Policy Council“ von A.T. Kearney, einer Beratungsgesellschaft, die auch deutsche Politiker zu ihren Klienten zählt, ist er sozusagen direkt den Geschehnissen der Gegenwart und Zukunft beteiligt. Normalerweise arbeiten diese Denkfabriken im Verborgenen. Martin Walker gewährt einen kleinen Einblick. Und an so mancher Stelle blitzt sogar Bruno auf. Beispielsweise dann, wenn Traditionen einfach nicht gebrochen werden dürfen, sondern das Bewährte sich bahnbricht. Spätestens beim Essgenuss hört der Fortschritt auf!

Sieben Jahre Nacht

Sieben Jahre Nacht

Es ist ein trostloser Flecken Erde, auf dem Choi Sowon lebt. Und trostlos scheint auch sein Leben zu sein. In seinem Dorf, ist er einer von Zwölfen. Und mit Abstand der jüngste. Hier ist nichts, gar nichts. Arbeit, ein bisschen Bootfahren, Tauchen, Basketball, Eins gegen Eins. Mehr nicht. Sowon, das ist der Sohn des Stauseemonsters. Des Menschen, der vor sieben Jahren mehrere Menschen ermordete, den Stausee flutete, und somit vier Polizisten in den Tod riss. Sowon ist der einzige, der überlebte.

Doch was heißt „leben“? Das Stigma des Sohnes eines Monsters haftet an ihm wie Pech. Als Kind wurde er geschnitten. Als Mediensensation missbraucht. Nur der Onkel, ein ehemaliger Kollege seines Vaters, des Stauseemonsters, ist ihm noch geblieben. Er kümmert sich um ihn. Die Verwandten wollten den Kleinen nicht. Wenn Sie das Erbe erhalten hatten, war der Kleine für sie unbrauchbar. Was heißt schon „leben“?

Choi Sowon ist jetzt ein junger Mann, blickt zurück auf das Gewesene bis eines Tages ein paar Männer auftauchen. Gutes Benehmen ist ihnen fremd. Herablassend fallen sie in das kleine Örtchen am Ende der Welt ein. Bein einem Tauchgang sterben drei der vier Eindringlinge. Der Fall erregt Aufmerksamkeit, besonders als herauskommt, dass einer aus der Rettungsmannschaft eine Vorgeschichte hat: Choi, der Sohn des Stauseemonsters.

Das Buch nimmt nun richtig Fahrt auf. Jede Figur wird mit einer kurzen Geschichte vorgestellt. Und es tun sich hier und da Parallelen auf. Der Leser wird gefordert und belohnt. Sowons Vater war einst Baseballspieler, ein eher mittelmäßiger Catcher, dafür umso begnadeter Trinker. Nur seine Frau vermag es ab und zu ihn noch in die Schranken zu verweisen.

Die Tochter des Parkbesitzers, in dem sich der Staudamm befindet, ist verschwunden. Die Polizei tappt im Dunkeln. Im Mikrokosmos Staudamm ist die Welt nicht in Ordnung, doch die Natur der Menschen zielt darauf jedwedem Ärger aus dem Weg zu gehen. Missgunst gibt es nur hinter vorgehaltener Hand. Und zwischendrin ein Kind, das sieben Jahre Nacht vor sich haben wird…

Was für ein Anfang: „Ich bin der Henker meines Vaters.“ Da kann es ja nicht mehr viel besser werden. Doch! Und zwar auf über fünfhundert Seiten. Jede einzelne Seite des Buches zieht den Leser tiefer in seinen Bann. Jeong Yu-jeong webt eine sanft geschriebene Geschichte zwischen phantasievollen Sprachbildern und knallharten Fakten. Exakt seziert sie das Leben eines Menschen, der nie eine echte Chance hatte. In all ihrer Detailversessenheit vergisst Jeong Yu-jeong aber nie den Leser vergisst. Dieses Buch fesselt, nicht nur sieben Jahre lang…

Ihre unorthodoxe Erzählweise lässt den Leser immer wieder aufs Neue erschauern. Vergangenheit und Gegenwart gehen eine unheilige Allianz, um im nächsten Moment wieder voneinander getrennt zu werden. Nach und nach gibt die ganze Geschichte um Choi Sowon, seinen Vater und das damit verbundene Drama seine Komplexität frei.