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Hotel Schräg

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Es ist schon schräg hier, im Slant House. Alles ein bisschen runtergekommen. Optimistisch könnte man es als urig bezeichnen. Doch der leicht patinierte Charme täuscht nicht. Die Patina hat schon aufs Gebäudeinnere übergegriffen. Der Chef, Alain Schräg ist ebenso kurios wie berühmt seine einstigen Gäste waren. Der Fotograf Valéry Vale hat hier genächtigt und auch gearbeitet. Und schon ist der Leser mitten in einer schrägen (!) Geschichte. Als Benôit Flucks samt Freundin Lola im Hotel Quartier beziehen, entwickelt sich eine haarsträubende Geschichte.

Die beiden nächtigen in einem Zimmer, in dem der berühmte Fotograf Vale auch schon übernachtete. Von seinen Bildern gibt es nicht mehr viele auf dem Markt. Nur hier, in der runtergekommensten Kaschemme der Schweizer Alpen soll das letzte noch verfügbare Exemplar zu sehen sein? Die Nase kitzelt, das große Geld lockt, Ruhm und Ehre sind zum Greifen nah. Sowohl für Alain Schräg als auch für Fluchs und Lola.

Martin Walker, nein, nicht der mit dem unerschöpflichen Ideenreichtum und unbändigen Geschäftssinn und dem Kommissar aus dem Perigord, sondern Martin Walker der Journalist mit dem untrüblichen Gespür für außergewöhnliche Reisebücher („Schweiz für die Hosentasche. Was Reiseführer verschweigen“) führt den Leser in die Tiefen der menschlichen Neugier. Ein Kunsthistoriker, der seine große Chance wittert. Ein Hotelier, der seine letzte Chance sieht. Eine Frau, die erst gar nicht begreift, dass zwei Männer in ihr das Gleiche sehen: Eine Chance.

Der Leser weiß gar nicht wie ihm geschieht. Hanebüchene Story oder Tatsachenroman? Fakten, die keine sind, aber so überzeugend dargebracht werden, dass man gar nicht erst auf die Idee kommt, die Personen zu googeln. Das ist Literatur wie sie sein soll. Es gibt kein Echt und Unecht. Alles Fiktion oder doch Realität? Als Leser fühlt man sich nicht verschaukelt, eher animiert weiterzulesen, sich in die Gehirnwindungen der Personen zu versetzen. Alles so echt, so nah. Und doch alles erfunden! Oder doch nicht?

Wie man mit dem Feuer philosophiert

Wie man mit dem Feuer philosophiert

Interessanter Titel, oder?! Wie soll man denn mit dem Feuer philosophieren. Ich lodere also bin ich. Nein, eher nicht. Vielmehr geht es darum, einen stilvollen, sprachlich ausgereiften und ungemein spannenden Ausflug in die Geschichte der Chemie – in früheren Tagen auch gern als Alchemie bezeichnet – zu machen. Schnüren Sie den Tornister und machen Sie sich auf eine Wanderung durchs Feuer gefasst.

Das Feuer ist die Kraft, die gebändigt werden muss, um Neues zu erschaffen. Das geschieht heutzutage in Laboren. Doch schon immer wurde Neues erfunden, kreiert und geschaffen, auch ohne sterile Forschungszentren. Man beobachtete die Natur. Wie schützen sich Tiere vor Krankheiten? Oder warum sind abgebrannte Flächen so ein Anziehungsmagnet für Fleischfresser? Letzteres wird heute noch exzessiv praktiziert. Beim Grillen. Ganze Sondersendungen – von „Mode“- bis „Alltagshilfe“-Sendungen – werden nur zu gerne neue Trends bei der heißen Zubereitung kalter Speisen hinausposaunt. Apropos Posaunen bzw. Trompeten: Gleich zu Beginn des Buches stellt der Autor Jens Soentgen eine wenig verbreitete, und doch existierende Methode vor Papier zu gewinnen. Der Spruch „aus Sch… Bonbons machen“ wird hier in „aus Sch… Papier machen umgewandelt. Das funktioniert wirklich. Hängt mit der außergewöhnlichen Verdauung der grauen Dickhäuter zusammen. Das alles gehört ins Reich der Waldchemie. Chemie ist eine Wissenschaft der Reduktion, wenn man also das W und das D aus Waldchemie weglässt, betrifft man den Fachbereich Alchemie.

Paracelsus und Johann Friedrich Böttger sind zwei der Meister dieser Wissenschaft, die auch heute noch mit dieser Zeit in Verbindung gebracht werden. Sie waren aber schon nah dran an Weißkitteln und Laboreinrichtungen. Gold herstellen war ihr Anliegen. Ihre Ergebnisse sind bis heute noch verfügbar. Und weiter geht es mit der Reduktion: Nimmt man den Alchemisten das A und das L, entsteht das, was so manchem Schüler die Schädeldecke abheben ließ: Chemie. An dieser Stelle alle auftretenden Personen aufzuzählen, würde zu weit führen. Doch ohne Chemie geht’s heute nicht mehr. Worin sollten wir unsere Lebensmittel transportieren? Wie sollten wir uns kleiden?

Das Feuer hat den Menschen von jeher fasziniert. Zuerst als Schauspiel, dann als Hilfsmittel, oder war es umgekehrt? Feststeht, dass der Chemie immer etwas Negatives anhaftet. Mit ihr verbindet man in erster Linie Unheil und Schaden. Erst auf den zweiten Blick werden uns die weitreichenden Auswüchse bewusst: Es geht nicht mehr ohne. Doch Vorsicht ist geboten! Wenn pufft und zischt, sollte man in Deckung gehen. Eine Weisheit, die so manchem Waldchemiker oder Alchemisten, ja selbst exzellent ausgebildeten Chemikern nur allzu oft und allzu tiefgehend praktisch nahegebracht wurde. Jens Soentgen nimmt die Furcht vor dem, was keiner versteht. Ein sprachgewaltiger Feuerlauf durch die Jahrtausende und stilvoller Abriss der Wissenschaft. Im zweiten Teil des Buches macht er das, was ein Wissenschaftler immer tun sollte: Er beweist seine Thesen. Das heißt, dass jeder Chemie erleben, fühlen und nachvollziehen kann. Und das ist es doch, was dieses Buch bezwecken will. Chemie ist nun nicht mehr nur ein Buch mit sieben Siegeln, sondern ein Zeitvertreib, der Spaß macht.

Cervelat – Die Schweizer Nationalswurst

AS Verlag

Das Suchen hat ein Ende: Das ungewöhnlichste Buch des Jahres ist auf dem Markt! Und es geht um die Wurst. Nicht irgendeine Wurst. Um eine Nationalwurst. Die Cervelat-Wurst. Was macht eine Nationalwurst aus? Beispielsweise, dass jeder Durchschnitt alle zwei Wochen einmal einhundert Gramm Cervelat zu sich nimmt. Jeder Metzger, der etwas auf sich hält, ein eigenes (Geheim-)Rezept hat. Oder das jedes Volksfest ohne sie nicht als Volksfest bezeichnet werden kann. Oder dass sich Künstler damit beschäftigen. Oder dass sie immer weiter entwickelt wird. Ja, der Cervelat ist eine Nationalwurst. Genauso wie feststeht, dass wer ein Buch zu diesem Thema veröffentlicht, es aus tiefstem Herzen tut.

Natürlich zaubert das Buch erstmals ein Schmunzeln ins Gesicht des Betrachters. Der erste Schritt ist getan. Ein Buch über ‘ne Wurst. Dann nimmt man es in die Hand – zweiter Schritt. Ein bisschen darin herumblättern. Spieße? Wie das? Weiterblättern! Ah ja, Wurst – Feuer – Grillen – Spaß haben. Jetzt wird’s klar! Die Wurst als Sozialisationsinstrument.

Die Wurst als Kunstobjekt, auch das ist Cervelat. Madame Tricot nennt sich eine Künstlerin, die – der Name verrät es – alles Essbare strickt. Ein ganzer Kühlschrank voll kulinarischer Köstlichkeiten. In der Schweiz darf da der Cervelat nicht fehlen! So lebensecht, dass man gleich reinbeißen möchte.

Der mehrfache Schweizer Grilliermeister Ueli Bernold erhebt den Cervelat mit seinem Fachwissen in den Stand einer Gourmet-Mahlzeit. In der Boucherie Droux & Fils in Estavayer-le-Lac im Kanton Freiburg wird das Handwerk zur Kunst erhoben.

Ob nun als Luxusobjekt, hübsch dekorativ angerichtet auf feinstem Porzellan oder auf die Hand (oder, wie das Buch, auf Pappe) der Cervelat ist aus dem Schweizer Alltag nicht mehr wegzudenken. Herausgeber Heinz von Arx hat mit Beat Caduff (Rezepte), Peter Krebs (Texte) und André Roth und Marc Schmid (Fotos) ein Buch kreiert, das nach anfänglichem Schmunzeln zu einem ernstzunehmenden Werk reift. Die gesamte Bandbreite der Betrachtung erstaunt mit jedem Umblättern den Leser mehr und mehr. Was alles möglich ist, wenn man ein Thema gefunden hat?! Bei über vierhundert Sorten Wurst, die in der Schweiz hergestellt werden, beweist dieses Buch, warum ausgerechnet der Cervelat so beliebt ist. Und noch beliebter werden wird. Denn jetzt kann jeder, der diese Wurst noch nicht kennt – das können eh nur Zugereiste sein – der Wurst auf den Grund gehen. Leider hat dieses Buch auch mal ein Ende, im Gegensatz zur Wurst: Die hat zwei.

Kuhle Schweizer – Swiss Stars

Kuhle Schweizer

Cooles Wortspiel, das mit dem kuhl und Schweiz. Und es macht sofort klar, um wen es geht: Kühe. Das Schweizer Nationaltier. Fotografin und Autorin Sonja Lacher hat gut lachen. Sie kommt den liebenswerten Viechern so nah, dass sie ihnen ihren Stempel aufdrücken kann. Ihren fotografischen Stempel. Über anderthalb Millionen Rinder leben in der Schweiz, und ein paar davon sind jetzt Swiss Stars.

Sie posieren gelassen vor der Linse Sonja Lachers – so sieht es zumindest aus. So manch ein Rindvieh ließe sich in mancher Situation auch als bl.. Kuh bezeichnen. Was Sonja Lacher niemals tun würde, da merkt man sofort, wenn man die Texte liest. Sie liebt Rinder.

Und die stellen sich in Pose als ob sie nie was anderes getan hätten. Ein Bulle mit prächtigen Kopfschmuck (Hörner) zeigt sich in Maichael-„Air“-Jordan-Pose, nur ohne Basketball und mit Haaren. Andere drehen keck der Kamera ihr Hinterteil zu, wie einst die Kommune 1. Detailliert blickt man ins Auge eines Rinds, und man fühlt sich an „Un chien andalou“ von Luis Buñuel erinnert. Zum Glück nicht so martialisch (mit Rasiermesser).

Majestätisch, gemütlich, hungrig, gierig, niedlich – ach es gibt so viele Worte, die Rinder beschreiben können. Niedlich sind besonders die jungen Kälber. Auch wuchtig gehört dazu. Vollgefressen und zufrieden, darauf wartend, dass es noch Nachschlag gibt. So ein Swiss Star vertilgt gern mal bis zu zwei Zentnern Gras. Pro Tag! Und bringt es schon mal auf fast 200 Liter an Getränken. Wir Menschen kommen locker mit zwei Litern aus.

Sonja Lacher lässt sich Zeit. Über die Schweiz gibt es ja das Vorurteil, dass die Hektik einen Bogen um die Alpenrepublik macht. Was natürlich Quatsch ist. Sonja Lacher weiß jedenfalls, wann sie abdrücken muss, um den idealen Zeitpunkt zu erwischen das Objekt ihrer Begierde ins rechte Licht zu rücken. Der Moment (oder ist es ein Muh-ment?) vor dem scheinbar ersten Kuss. Oder beim Recken nach den süßesten Früchten, die immer viel zu hoch hängen. Oder bei der exakt ausgerichteten Schlafanordnung beim Vor-Sich-Hindösen. Kühe, Rinder, Bullen, Muni – wer auch immer gerade vor der Kamera sich präsentieren will – gelten gemeinhin nicht als die Tiere, deren Bilder man als exotische Trophäen überall herumzeigt. Hier ist der Beweis, dass auch ein vermeintliches Nutztier Starqualitäten aufweist.

„Kuhle Schweizer“ ist ein Buch, das man sich immer wieder anschaut. Als Stimmungsaufheller, mit Kindern, allein, als Ablenkung vom hektischen Alltag, als Reizobjekt für die Sinne. Es gibt unzählige Anlässe das Buch wieder und wieder aus dem Regal zu nehmen.

Marrakesch

Marrakesch

Bei einer Aufzählung der Städte mit dem größten Sehnsuchtsfaktor gehört Marokkos Perle des Südens immer in die Top Ten. Verschlungene Pfade durch mystisch wirkende Gassen. Der Duft des Orients. Das Marktgemurmel. Hier wird der Orient in all seinen Klischees erlebbar.

Klar, dass es über Marrakesch eine Menge Bücher gibt: Reisebände, Kochbücher, Reiseberichte, Gartenbücher, etc. Für jede Rubrik eines. Es fehlt halt ein Buch, das den gesamten Mikrokosmos Marrakesch in einem Buch zusammenfasst. Eines mit grandiosen Stadtansichten, Szenen aus dem Alltag, gewürzt mit Zeilen aus den Augen eines Fremden und von Einheimischen. Das ist mit diesem Edelband eindrucksvoll gelungen.

Das Cover nimmt es vorweg: Tiefe Einblicke in eine immer noch sagenumwobene Stadt. Der Umriss der Stadt durchbricht den in glänzend rot golden gehaltenen Einband. Das Sezierbesteck sind das Auge und die Kamera Bernd Rückers, der sich ganz von seinen Emotionen durch die Stadt treiben ließ. Hochglanz-Fotos, die die Vorbereitung und die exzellente Umsetzung erahnen lassen, treten in einem abwechslungsreichen Wettstreit mit Alltagssituationen. Jede Seite optischer Hochgenuss, der seinesgleichen sucht.

Ein echtes Schwergewicht unter den Metropolen-Nobel-Bildbänden. Wenn man es aufstellt und darin blättert, fühlt man sich in eine andere Welt versetzt. Doch nicht nur die Bilder sind es, die dieses Buch aus der Masse der Bildbände herausragen lassen. Atmosphärische Texte lassen das wahre Leben Marrakeschs hervortreten. Die Erzählerin spricht mit Anmut von ihrer Stadt. Eine Stadt, die man nicht mehr vergessen wird, hat man sie einmal betreten.

Liegt das Buch erst einmal auf dem Schoß – als Strandbuch ist es denkbar ungeeignet, da die Maße es wohl nur Bodybuildern erlauben es in Taschenbuch-Manier zu lesen – ist es nur noch ein kleiner Schritt bis zum Kofferpacken. Prachtvoll gestaltete Decken, reich verzierte Türen und Tore, ungeahnte Farbenvielfalt in den Souks, schimmerndes Kunsthandwerk, verheißungsvoll Panoramen, ja selbst dem Verkehrschaos kann die Kamera noch etwas Nostalgisches abringen.

Opulenz ist hier kein Luxus, es ist Standard. In der gleichen Art sind in der CITY IMPRESSIONS Reihe des vagabond books Verlags weiterhin Bände über Istanbul, Venedig, Barcelona, Paris, Rom und Lissabon erschienen. Jeder Bildband ist zweifach erhältlich, einmal in einer deutsch-englischen Ausgabe sowie in einer französisch-spanischen Version. Und das alles zu einem Preis, der sich – genau wie die vorgestellten Städte – sehen lassen kann. Aber der ersten Seite wird dem Leser klar, dass er hier ein exquisites Buch in den Händen hält. Und mit jeder Seite bestätigt sich dieser Eindruck.

Das kleine Buch der Sprache

Das kleine Buch der Sprache

Es ist der erste echte Höhepunkt der Eltern: Das Kind spricht. Mama. Papa. Auto. Yippie. Jetzt geht’s los! Doch was da als Wort verkleidet die Außenwelt verzückt, sind Geräusche. Keine bewusst gewählten und geformten Artikulationen. Erklären Sie das mal der stolzen Mama, oder dem Papa, der bis über beide Ohren grinsend den Sprössling vor sich herträgt. Wen Sprache eine lineare Entwicklung wäre, würden wir täglich bis zu unserem zehnten Geburtstag weniger als eine Handvoll Wörter lernen. Babies lernen das, was sie hören. Der Rhythmus und die Melodie bestimmen die ersten Laute und Worte. Dudu, dada und ähnlich geartetes Verwandtengeschwätz haben da weniger Einfluss als gedacht. Ansonsten würden The Police immer noch touren, („De Do Do Do De Da Da Da“ wäre der Titel mit der längsten Chartplatzierung).

Sprache ist das primäre Unterscheidungsmerkmal der Kulturen. Jede Sprache hat ihre eigene Sprachmelodie. Wie oft hört man, dass das Italienische so melodisch klingt. Das Deutsche hingegen klingt für viel hart oder kratzig. Ein Vorteil in einer multikulturellen Gesellschaft ist das Wissen um die eigene Kultur. Denn wenn Andere ihre Eindrücke über das ihnen Fremde wiedergeben, lernt man so einiges.

Die Sprache hat auch eine mechanische Komponente. Nein, keine Roboter, Verstrebungen oder Seilzüge. Seilzüge ist vielleicht do gar nicht so verkehrt. Um einen Laut zu bilden, die Grundlage eines Wortes, was die Grundlage eines Satzes ist, der wiederum die Basis der Sprache ist … muss im menschlichen Körper was geschehen. Die Stimmlippen (Stimmbänder), die Lippen, der Kiefer und die Lunge sind unerlässliche Werkzeuge der verbalen Kommunikation. Je öfter die Stimmlippen schwingen, desto höher die Stimmlage. Umgekehrt genauso.

David Crystal beschreibt in seinem Buch das, was uns täglich umgibt. Von den ersten Lauten über die körperlichen Voraussetzungen bis hin zur Herausbildung von Slang und der Entwicklung der Sprache und ihrer Arten. Ohne abzuschweifen dringt er in die Tiefen der Wissenschaft vor, um kurzweilig und teils auch amüsant der allgegenwärtigen Sprache aufs Maul zu schauen.

Begräbnisse zum Totlachen

Begräbnisse zum Totlachen

Papa Shango lacht furchteinflößend in die erschrockenen Gesichter. Gevatter Tod schwenkt vergnügt seine Sense. Eine Brass-Band spielt fröhlich in den Straßen New Orleans‘ zum letzten Geleit. Der Tod kann auch fröhlich sein. Doch niemals so fröhlich wie in diesem Buch.

Kathy Benjamin hat Geschichten gesammelt, die einem die (Freuden-) Tränen in die Augen treiben.

Viele Rituale rund um die Toten haben sich bei den (noch) Lebenden eingeprägt. Die Ursprünge sind selten nachvollziehbar bzw. werden nicht hinterfragt. Zum Beispiel warum Tote mit dem Kopf nach Westen begrabe werden. Oder warum Tote mit den Füßen voraus getragen werden (damit man sie nicht am Kopf stößt?, mutmaßt die Autorin lakonisch).

Die Geschichten und Histörchen werden allesamt nicht so todernst genommen. Es ist ein heiteres Buch, das mit Bonmots von (teils bereits verstorbenen Komikern und Schriftstellern) gewürzt wird. Die kurzen Kapitel erlauben es, dass das Buch in vielen kleinen Abschnitten gelesen werden kann, was es zu einem dauerhaften Lesebuch macht.

Der Tod ist erstinstanzlich eine traurige Sache. Der Tote kommt nicht wieder zurück. Er wird nie wieder jemanden auf den Schoß nehmen, singen, lachen oder die Welt erklären. Man kann dem Tod auf verschiedene Art und Weise begegnen: Heulend, fluchend, verzweifelt. Aber auch mit einem Lächeln im Gesicht. Der Fratze die Stirn bieten. Die schöne Tradition des Leichenschmauses gehört zu Letzterem. Anregungen wie man ein letztes Mal des Verstorbenen gedenkt, bietet dieses Buch allemal.

Fest steht: Die letzte Reise, die man unternimmt, wird nicht mit dem Kapitel „Wenn jemand eine Reise tut, so kann er was erzählen.“ Und damit die Hinterbliebenen doch was erfahren, hat Kathy Benjamin mit diesem Buch schon mal vorgesorgt. Ein kurzweiliger Trip ins Reich der Toten.

Ins Bockshorn gejagt

Ins Bockshorn gejagt

Nun brat mir aber einer ‘nen Storch! DA war aber wieder einer fleißig wie die Bienen und hat nicht die Mücke, sondern sich die Mühe gemacht Sprichworten und Redewendungen auf den Grund zu gehen. Auf einhundertsechzig Seiten wird der Frage nachgegangen, welchen Einfluss Flora und Fauna auf unser Zusammenleben sprachlich haben. Es ist erstaunlich, wenn man die Fülle und Güte der Zitate betrachtet.

Im alltäglichen Umgang mit Familie, Freunden und Kollegen ist uns dieser Umfang kaum bewusst. Das laust einen der Affe, wenn man so manchen Schussel sieht, wenn er sich wie der Elefant im Porzellanladen benimmt. Belustigt verziehen wir die Mundwinkel, wenn ein Satz ins Schwarze trifft. Über dessen Ursprung machen wir uns natürlich keine Gedanken. Hauptsache wir verwenden den Satz richtig!

Bruno P. Kremer und Klaus Richarz geben in diesem amüsanten wie lehrreichen Büchlein Hilfestellung. Denn wer weiß schon woher der Satz stammt „Über den grünen Klee loben“? Da haben wir den Salat. Alle benutzen die Redewendung – richtig oder falsch – aber wo der Satz seinen Ursprung hat, weiß wieder mal keiner.

In Zeiten, in denen die Medien eine derart vorherrschende Rolle spielen, ist es wichtig sich auf die Wurzeln besinnen zu können. Das gilt nicht nur für den Satzbau, sondern auch für die zahlreichen Feinheiten, die Sprachen voneinander unterscheiden. Denn Redewendungen sind das unique Kulturgut eines Volkes. Kein Übersetzungsprogramm der Welt kann dem gerecht werden. Da haben wir Leser Schwein gehabt, dass es dieses Buch gibt, wir nicht länger als dumm Hühner gelten und unsere Schäfchen ins Trocken bringen können.

True stories

True storiesÜber sieben Milliarden Menschen leben auf der Erde. Jeder ist einzigartig, jeder hat seine ganz eigenen Fähigkeiten. Klar, dass man hier und da gehörig ins Staunen kommt. „True stories“ ist das Spiel, das jeden Mitspieler fasziniert. Ein Spieler liest die Frage von einer der dreihundert Karten vor. Die Fragen sind so irre, dass entweder alle möglichen Antworten richtig sein könnten als auch gar keine. Jetzt müssen die Anderen aus der einen richtigen und der einen vorgelesenen falschen Antwort ihre Tipps abgeben. Das geschieht vorerst geheim. Jeder hat eine Karte mit „A“ oder „B“. Wenn alle ihre Wahl getroffen haben, werden die Antwortkarten umgedreht. Wer richtig liegt, bekommt einen Punkt. Wer falsch liegt, gibt seinen Punkt an den Vorleser. Die Fragen kommen aus allen Bereichen der Gesellschaft. Manchmal muss man einfach raten, manchmal kann man sich die Antwort herleiten, wenn man es nicht weiß. Doch wer weiß schon wie reich der Sultan von Brunei ist, um sich was leisten zu können? Ein kurzweiliges Spiel mit andauerndem Aha-Effekt.

Der liebste Ort auf Erden

Der liebste Ort auf Erden

Seit fast dreißig Jahren treibt Kritiker und Zuhörer die eine Frage um: „Wo ist das Papier?“. 1987 trällerte Jürgen von der Lippes Ohrwurm „Guten Morgen liebe Sorgen“ durch den Äther („.. der Bettvorleger gibt uns Schwung bis direkt vor’s Klosett. Und wo wir schon mal hier sind, da bleiben wir auch hier … fertig … wo ist das Papier?“

Jetzt gibt’s endlich die Antwort! Es ist zwischen zwei Buchdeckel gepresst und mit (auf)rührenden, nachdenklichen, historischen, humorvollen, poetischen, ermahnenden Gedanken beschrieben worden. Herzlich grüßt das Cover. Der Riss, der es nicht teilen kann, verrät die Herkunft: Draußen, immer der Nase nach.

Ja, in diesem Buch geht’s ums Klo, Klosett, Tö, Toilette, WC, 00, Abort, den Porzellanthron, das Sch… haus – ach was, sagen wir wie es ist: Scheißhaus. Und um die Geschäfte, die hier getätigt werden. Nase rümpfen? Nein, warum? Jeder tut’s. Keine Scham. Na klar weiß jeder, was man mit dem Toilettenpapier unterm Arm vor hat! Warum auch nicht? An diesem Ort sind alle gleich. Jeder tut’s, jeder muss es tun. Mal laut, mal leise, mal nachhaltig, aber immer erleichternd.

Die in diesem Buch zusammengetragenen Texte verblüffen nicht nur, weil es sich nicht gehört darüber zu sprechen (bei Tisch ist das ja noch okay, aber ansonsten kann man doch hier und da das eine oder andere Wort fallen lassen – schließlich kann jeder mitreden). Sie verblüffen wegen der schieren Masse die da zu Tage tritt. Bertolt Brecht, Erich Maria Remarque, Herta Müller, Joseph Roth – sie alle haben einige oder mehrere Zeilen der natürlichsten Sache der Welt gewidmet. Remarques Zeilen stammen aus „Im Westen nichts Neues“, dem eindrucksvollsten Buch über (und vor allem GEGEN) den Krieg. Brecht reimt sich was zusammen. Bei Herta Müller sind es eingebrannte Erinnerungen.

Die Frage wie man dieses Buch liest, erübrigt sich. Stückchenweise. Immer ein paar Seiten, je nach Länge des … Sie wissen schon. Es schließt sich der Kreis zu Jürgen von der Lippe. In seiner Sendung „Was liest Du?“ gab es eine Rubrik, die sich „Klolektüre“ nannte. Darin las er aus Büchern, die man in vielen kurzen Sitzungen lesen kann. Und was passt das besser als „Der liebste Ort auf Erden“?!

Ralf Schock und seinen unermüdlichen Helfern ist eine exzellente und angstnehmende Zusammenstellung mit Texten zum notdürftigsten Thema der Menschheit gelungen. Verhalten wie Goethe, direkt wie Robert Gernhardt, satirisch wie Hans Dieter Hüsch, intelligent wie Bodo Kirchhoff. Die Liste der Schreiber ist stilistisch abwechslungsreich und spannungsgeladen wie ein Vollgefressener. Sie lassen ihren Gedanken freien Lauf. Dem Leser wird jeder Gang zum Buch wie eine Erlösung vorkommen.