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Doc Alex‘ wunderbare Welt der Zähne

Doc Alex wunderbare Welt der Zähne

Zähne sind wie das Wetter: Jeder kann was dazu sagen. Meist beschränkt sich die Konversation eher auf ein „Können wir das Thema wechseln?“, dennoch hat jeder eine besondere Beziehung zu den Nahrungszerteilern in seinem Mund.

Doc Alex, der eigentlich Dr. Alexander Lehnartz heißt und – was Wunder – im wahren Leben Zahnarzt ist – legt ab den ersten Seiten so richtig los. Siebzig Kilogramm pro Quadratmillimeter (!) kann ein Zahn aushalten. Das ist das Härteste, was der menschliche Körper hervorbringen kann! Wenn das nächste Mal eine Ausfallerscheinung Gestalt annimmt, kann man ja mal die Oberfläche messen und beim Discounter um die Ecke nachfragen, ob der nächste Lieferant mal mit seinem LKW drüber fahren kann. Der Zahn wird gewinnen!

Apropos Nahrung. Der Impressionist Auguste Renoir sagte einmal, dass die besten Beefsteaks kommen, wenn man keine Zähne mehr hat… So viel zum Thema Zahnpflege und LKW-Ladungen voller Nahrung. Überhaupt ist dieses Buch ein Füllhorn an Wissen, dem sich die meisten hartnäckig widersetzen. Denn ein Zahnarztbesuch taugt auch zum Pausenthema unter Kollegen. Tage- manchmal sogar wochenlang rennen Freunde, Bekannte, Kollegen mit dicker Backe rum. Jammern, wimmern vor sich hin. Wer noch kraftvoll in einen Apfel beißt, dem fällt es leicht zu sagen „Geh doch zum Doc!“. Wer den Schmerz hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen. Und dann? Aua, autsch, nervöses Hinwegducken vor den Gerätschaften des Fleischermeisters. Aber, wenn der Schmerz nachlässt, ist der Zahnarzt der liebste Freund. Am besten vorher noch eine Narkose. Selbst Spritzenphobiker geraten da in Verzückung.

Doc Alex schafft es mit einfachen Worten den Leser für das Thema Dentalhygiene der Beißerchen zu begeistern. Sie sind ein wahres Wunderwerk im System menschlicher Körper. Sie sind nicht einfach nur da, um Fleisch, Gemüse und Sättigungsbeilagen zu zerkleinern. Sie sind wichtiger Bestandteil der Maschinerie Mensch. So stehen beispielsweise die Schneidezähne – oben wie unten – im direkten Zusammenhang mit Blase und Nieren, aber auch den Geschlechtsorganen. Wer gern mal einen über den Durst trinkt, sollte besonderes Augenmerk auf die unteren Backenzähne legen. Was nicht heißen soll, dass übergründliches Putzen selbiger einen erhöhten Alkoholkonsum legitimiert.

Es ist eine wahre Freude in diesem Buch zu schmökern. All die bunten Prospekte in den Praxen der mehr oder (meist) weniger geliebten Dentalhandwerker sind wichtig, doch dieses Buch ist das Vererbstück des Dentalwissens. Nicht nur ein Aha-Erlebnis pro Kapitel, sondern gleich mehrere Augen-Auf-Fakten pro Seite! Da bekommt man richtig Lust zum Zahnarzt zu gehen…

Zum Schluss noch eine gute Nachricht von Doc Alex: Es gibt immer weniger Menschen, bei denen sich die Weisheitszähne ihren Weg schmerzvoll ans Licht bahnen. Sonnige Aussichten für alle Angsthasen!

Styleguide Paris

Styleguide Paris

Einen Styleguide zieht man zu Rate, wenn man merkt, dass der eigene Style nicht mehr ganz … mmmh sagen wir mal … passt. Eine Stadt wie Paris, eine Stadt, die für jeden Touristen auf den ersten sich als Selbstläufer darstellt, eine Stadt, die sich immer wieder neu erfindet, braucht keinen Styleguide. Oberflächlich betrachtet mag das stimmen. Aber was ist mit denjenigen, die „auf der anderen Seite stehen“? Die, die Paris besuchen? Wenn man die tennisbesockten Sandalenträger in der Warteschlange am Eiffelturm sieht, haben die einen Styleguide mehr als nötig.

Dieses Buch ist für alle Parisbesucher, denen das Überangebot an extravaganten Hotspots die Sprache verschlägt. Und für diejenigen, die den Parisaufenthalt als Höhepunkt des Jahres ansehen. Bloß nichts verpassen! Auf gar keinen Fall irgendetwas vermissen müssen in der schönsten Zeit des Jahres.

Da ist man endlich in Paris. Die ersten Sonnenstrahlen des Tages in Montmartre genießen, am besten mit einem Croissant in der Hand. Doch wo bekommt man die besten Croissants? Wo den besten Café? Am besten frischgebrüht, mit frisch gerösteten Kaffeebohnen. Elodie Rambaud ist Pariserin, Fotostylistin. Dem Namen und dem Beruf nach die ideale Beraterin in Sachen Style und Paris. Sie ist der Styleguide Paris, wenn es um Essen, Einkaufen und Liebe geht. Egal wie lange man in Paris verweilt, mit diesem Buch ist man bestens ausgerüstet, um wirklich nichts zu verpassen.

Gleich zu Beginn des Buches gibt die Autorin eine kleine Anleitung wie man ein Wochenende in Paris verbringen kann. Kann! Elodie Rambaud gibt Ratschläge, keine sie macht keine Vorgaben! Wer länger belieben kann, blättert weiter und hüpft wohlgemut von Tapetenladen Diptyque zum Maison M, einer Boutique mit ausgewählten Schreibwaren, die es sonst nirgends in Paris gibt, um dann im Yveline Kurioses zu entdecken. Unterwegs kann man im Mahatsara allerlei Buntes und Nützliches aus Afrika bestaunen und shoppen. Oder im Pour vos beaux yeux sich von der Brillenvielfalt verzaubern lassen.

Sicherlich sollte ein Urlaub dazu dienen sich zu erholen. Die einen tun dies, indem sie tagelang am Strand faulenzen. Andere kraxeln lieber Berge hinauf und wieder hinab. Als Städtebesucher erliegt man leicht der Versuchung durch die Shops der Stadt zu tingeln und hier und da sich mit dem „Nötigsten“ einzudecken. Und wie überall ist die Gefahr groß sich nichtssagenden Tinnef ins Reisegepäck zu stopfen, den man zuhause eh bloß versteckt. Der Styleguide Paris ist die Präventivmedizin für alle, die gar zu schnell im Rausch der Zeit dem Rausch des Konsums verfallen. Nicht das „mehr“ ist besser, sondern „besser“, „origineller“ lautet das Gebot der Stunde. Globalisierten Mainstream findet man in diesem Buch nicht. Jeder einzelne vorgestellte Ort ist ein Symbol für Paris, seine Eigenständigkeit als Marke stellt Paris auch mit seinen extravaganten, einzigartigen Shoppingaltären, die die Flaniermeilen der Citytripper links und rechts nicht nur füllen, sondern Paris immer wieder neu kreieren.

Die gekonnte, eigenwillige Aufmachung des Buches verführt zu mehr als dem bloßen Herumblättern. Ein Bildband im Taschenformat, der eine zweite Welle der Impressionen in Bewegung setzt.

Rost

Rost - Guy Helminger

Effehzweiodrei! Nochmal? Eff Eh Zwei O Drei. Oder einfach nur Rost. Es dauert eine Weile um aus Eisen und Sauerstoff eben diesen Rost herzustellen. Ein spannender Prozess .. für Chemiker … und alle, die genug Zeit haben dies zu beobachten. Da kann so einiges passieren.

Im Gegensatz zum chemischen Prozess der Transformation, ist der Weg der Protagonisten dieser Kurzgeschichten allerdings um einiges spannender! Zum Beispiel ein Junge, der kühn und keck behauptet eine Berühmtheit zu sein. Alle sind verwundert. Nehmen ihn auf den Arm. Der und berühmt. Sie fühlen sich sicher, ihres Sieges sicher. Bis er seine Behauptung effektvoll untermauern kann.

Oder: Stellen Sie sich vor, Sie liegen im Gras. Lauschen dem Wachsen der Grashalme. Eine weitere Person ist für Sie sichtbar. Alles ist weiterhin ruhig – Achtung Spoiler-Alarm! Es bleibt auch ruhig! Doch dann kommt irgendwie der Surrealist in dem Fremden durch. Buñuel und Dalì lassen grüßen!

Guy Helminger lässt den Leser zappeln. Und als versierter Preise-Angler lässt er ihn auch nicht mehr vom Haken. Für die Geschichtensammlung „Rost“ erhielt Guy Helminger unter anderem den Prix Servais, den Förderpreis des Landes Baden-Württemberg.

Wenn einem das Schicksal ereilt, muss man sich ihm stellen. Guy Helminger lässt dem Leser viel Spielraum für das, was dem Schock, dem Unerwarteten, dem Bösen folgen kann. Ihm geht es um das davor. Menschen sehen es auf sich zukommen, nehmen es wahr. Doch die Verarbeitung dessen, was da anrollt, dauert. Zu lange! Alles ist so ungewöhnlich, dass man es gar nicht in seiner Gesamtheit erfassen kann. Abwehrmechanismen greifen nicht, da alles so neu ist. Und es kommt wie es kommen muss: Aus, futsch, vorbei! Das Leben hat eine Kehrtwende gemacht und sich das eine oder andere Mal aus dem Staub gemacht.

Der Effekt steht am Ende des Umwandlungsprozesses. Die Zuspitzung des Konflikts ist das fortwährende Spannungsmoment. Ganz im Sinne der asiatischen Weisheit „Der Weg ist das Ziel“. „Rost“ ist der Weg ins Ungewisse, Guy Helminger ist der Wegbereiter, der Leser ist der nicht immer still bleibende Beobachter. Da werden selbst glücksselige Wasserschweine aus ihrer Lethargie gebracht…

In 80 Fettnäpfchen um die Welt

In 80 Fettnäpfchen um die Welt

Stellen Sie sich vier Karikaturen vor! Ein blasser Typ lässt einen Ziegelstein fallen. Ein Blonder (nein, jetzt kommt kein Blondinenwitz) tritt in ein Klavier. Ein korrekt gekleideter Mann tritt in eine Schale. Und zum Schluss trampelt ein Mann mit Baskenmütze in einen Teller. Sieht witzig aus. Tollpatschig. Hat auch was von Vorurteilen. Alles vier Bilder sagen Ein und dasselbe aus: Achtung Fettnäpfchen! Jede Sprache hat dafür einen Ausdruck. Schon erraten, woher die vier Karikaturen stammen? Auflösung am Ende des Textes.

Was an einem Ort als höflich gilt, ist andernorts ein Affront sondergleichen. Und umgekehrt! Françoise Hauser hat sich auf die Kultursuche gemacht und verschiedene Sitten miteinander verglichen. Globalisierung per Zwerchfell. Denn die Ergebnisse ihrer Recherchen sind nicht nur nützlich für alle, die gern Menschen in fremden Ländern besuchen, sie sind vor allem auch eine schmunzelnder Verne-Trip (Achtung Wortspiel!). Schon Jules Verne als geistiger Namensgeber des Buches ließ seine Helden „In achtzig Tagen um die Welt“ in mehr als ein Fettnäpfchen treten. Wer kommt heute noch auf die Idee eine rituelle Opferung zu stören?

Schon kleine Gesten können die schönste Zeit des Jahres zu einem Horrortrip geraten lassen. Es muss ja nicht immer gleich ein Schmähgedicht sein… Wenn man in Deutschland oder den USA jemanden seinen Respekt für eine besondere Leistung zeigen will, Daumen hoch! Wenn in Israel eine Frau auf die Art scheinbar die Würdigung anzeigt, hat das auch was mit Leistung zu tun. Allerdings will sie dem Empfänger eine besondere Art Leistung anbieten. Im Iran, Irak oder Australien sollte man der Aufforderung Folge leisten, und sich aus dem Staub machen.

Die Peinlichkeiten im Ausland beginnen oft früher als man denkt. Françoise Hauser unterteilt die Kein-Fettnäpfchen-Auslasser in mehrere Klassen. Von überambitionierten Adaptionisten (die, die alles mitmachen), Besserwisser (muss man nicht erklären, die hat jeder in seiner engeren Umgebung – wird man als Leser dieser Buches eigentlich zu Selbigem?) oder auch Kolonialherren (früher war alles besser, und ohne die einstigen Herren kann es ja nur schiefgehen) und auch Senior-Reisende, die eben nicht nach Wrocŀaw fahren, um sich die Feierlichkeiten der Europäischen Kulturhauptstadt Europas 2016 anzusehen, sondern steif und unerschütterlich ins (schlesische) Breslau fahren – am besten mit doppelt scharfen S.

Es gibt so wunderbar herrliche Fettnäpfchen, die man bewusst oder im Vorbeigehen einfach nicht auslassen kann. Das ist aber auch nicht schlimm. Man ist schließlich fremd, und wenn man sich nicht allzu sehr danebenbenimmt, kommt man meist damit auch durch. Freundlichkeit hat noch niemandem geschadet. So sollte man es halten. Dennoch ist die Lektüre dieses Buches keine vergebene Liebesmüh. Man kann nicht alles im Kopf behalten, was in diesem Buch beschrieben ist. Doch immer mal wieder reinschauen, auffrischen – besonders vor einer Reise – schadet nicht. Im Gegenteil, es schärft den Blick für das Neue, das Fremde und hilft es zu verstehen. Außerdem werden Einem selbst anhängende Eigenarten in ein anderes Licht gerückt. Das nimmt so mancher extremistischen Strömung den Wind aus den Segeln.

Und hier die Auflösung der Rätsels vom Beginn: Der, der den Ziegelstein nicht festhalten kann, ist Engländer, der Klaviermalträtierer ist Schwede, der Korrekte natürlich Deutscher und der Tollpatsch, der in den Teller tritt, kommt aus Frankreich.

Wer so gut gerüstet in den Urlaub startet, kann viel erzählen. Der Reiseblog 
www.travelepisodes.com ist eine gute Adresse, um seine Erfahrungen der Welt 
mitzuteilen. Zusammen mit dem Malik Verlag hat nun jeder die Möglichkeit dazu. 
Aber bitte nur echte Abenteuer. 
"Wichtig ist uns das persönlicher Erlebnis, das eine Reisereportage lebendig macht. 
Der Leser muss das Gefühl haben, selbst vor Ort zu sein, ob auf Bali oder am Bodensee. 
Wir wünschen uns Autoren, die uns intensiv teilhaben lassen am grandiosen Abenteuer 
die Welt zu bereisen.", so Johannes Klaus Herausgeber der Website und des ersten 
Reportagebandes "The Travel Episodes - Geschichten von Fernweh und Freiheit".
Einsendeschluss ist der 30. Juni 2016.

Interpol ermittelt – The art of asking the right questions

Interpol ermittelt

Eine Fremdsprache zu lernen, ist im Allgemeinen eine schwierige Sache je einsilbiger der Unterricht ist. Englisch lernen im Speziellen scheint immer einfacher zu werden. Es gibt eine Vielzahl an alternativen Bildungsangeboten – wie es neuerdings heißt – um die universelle Weltsprache zu erlernen und zu vervollkommnen. Die Einstufung der Sprachkenntnisse von A1 bis C3 ist dabei lediglich ein Hilfsmittel für sich selbst, um herauszufinden, was „alles noch benötigt wird“. Wer sich bereits auf Englisch verständigen kann, also im englischen Sprachraum keine Angst haben muss zu verhungern, für den ist es erstrebenswert die Feinheiten aus der Sprache zu kitzeln.

Wenn man schon einige Gespräche in der Fremdsprache Englisch erfolgreich absolviert hat, ist die Lust noch einmal die Schulbank zu drücken nicht gerade groß. Zu Vieles kennt man, fühlt sich gelangweilt und im falschen Kurs. Spielerisch die eigenen skills erweitern, bereits Gehörtes in den allgemeinen Sprachgebrauch einfließen lassen, und somit die Fremdsprache zur zweiten mother tongue erheben. Das ist possible. Und zwar mit diesem Spiel:

Krimis liegen in der Gunst der Leser schon immer ganz weit vorn. Wird es der killer schaffen die cops erneut zu foppen? Wird das victim gerächt? Wie schaffen es die Ermittler den case zu knacken, um endlich die file schließen zu können? Als Ermittler – und hier sind sich Deutsch und Englisch verdammt nahe – muss man die W-Fragen beantworten können. Wer – Was  – Wo – Warum – Wann und Wie (einziger Unterschied zum Englisch: Das einzige Fragewort mit „H“ für how). Sind diese Fragen geklärt, schnappt die Falle zu!

Daraus ein Spiel zu machen, dass Spaß und Lerneffekt miteinander verbindet – connectet wäre jetzt echt das falsche Wort, um die Bedeutung von Englisch klarzumachen – wäre somit das ideale Hilfsmittel, um sein Englisch zu perfektionieren. The art of asking the right questions  heißt es im Untertitel zu diesem Spiel der Reihe „Interpol ermittelt“, das es auch für Französisch, Spanisch, Italienisch und sogar Deutsch gibt. Denn nur wer die richtigen Fragen korrekt (!) stellt, bekommt auch die richtigen Antworten. Übung macht den Meister(detektiv)!

Dreißig Situationen muss der Sprachermittler bewältigen. Mit den sechs Fragekarten (WWWWWH) muss nun der Fall gelöst werden. Wie in so vielen Spielen gilt, wer die meisten Karten bei sich und seinem Team versammelt, gewinnt. Das Spiel kann man auch zu zweit spielen, in großer Runde (bis zu sechs Spielern) ist der Spaß- und Lerneffekt jedoch größer. Als Gejagter schlüpft man in eine Rolle, die wird auf der Rückseite der Plotkarten klar in ausformulierten Sätzen umrissen. Auf der Vorderseite steht das Verbrechen, der Tatort, der Verdächtige, das Motiv, eventuell die Tatwaffe und die Tatzeit. Ermittler bekommen „nur einzelne Worte als Hilfsmittel vorgesetzt“. Je nach Sprachkenntnissen dauert eine Runde ca. zwanzig Minuten. Je öfter man es spielt, desto routinierter wird man als Ermittler. Und vielleicht winkt ja am Ende gar eine Karriere beim Yard… who knows?!

Bilder der Freiheit

Bilder der Freiheit

Freiheit: Ein wunderbar dehnbarer Begriff, der besonders Politikern, und noch mehr denen, die sich als Politiker fühlen, am Herzen liegt. Kann man so herrlich damit spielen. Und es gibt kaum jemanden, der den Begriff negieren möchte. Gewinner auf allen Seiten.

Freiheit bedeutet auch immer Ausbruch aus der Unfreiheit. Wolfdietrich Jost gibt in seiner Geschichte eine passende Argumentationshilfe. Sein Text „Zu neuen Ufern“ ist der Gewinner des diesjährigen Literaturwettbewerbs „Antho? – Logisch!“ und darf den Reigen der Texte in diesem Buch eröffnen. Sarkastisch und mutmachend zugleich nimmt er die Personalpolitik eines Unternehmens unter die Lupe. Entlassung als Chance?! Entlassung als Chance! Zweieinhalbtausend Mitarbeiter werden auf die Straße, frei gesetzt. Jetzt liegt es an ihnen etwas daraus zu machen. Zynisch? Nein! Er reiht die Fakten aneinander und schafft mit den Mitteln der Literatur eine Freizone der Gedanken.

Die in diesem Buch gesammelten Texte sind Zeilen für den Kopf. Kurz und prägnant zeigen sie die unendliche Gedankenvielfalt zum Thema Freiheit. Der Leser bekommt Zeile für Zeile Bilder vorgesetzt und kreiert seine eigenen Bilder (hinzu). Freiheit ist ein Wort, das oft inflationär gebraucht wird. Es ist individuell und gemeinschaftlich einsetzbar. Jeder hat seine eigene Definition, je nach Tagesform und Situation. Die Freiheit das zu tun, was man machen möchte, ist ein hehres Ziel. Doch genauso flexibel wie ein Gummiband. Freiheit geht immer mit Regeln und deren Einhaltung einher. Wer die Regeln befolgt, hat mehr Freiheiten als der, der sie nicht befolgt. Klingt komisch?

Bricht man den Begriff Freiheit immer weiter herunter, was an sich schon eine Befolgung der Regeln beinhaltet, kommt man schnell zu dem Entschluss, dass die Regeln der Freiheit nicht die Selbige behindern.

„Bilder der Freiheit“ ist für alle, die Freiheit nicht nur als leere Worthülse betrachten. Aus allen Bereichen des Lebens setzen sich die Autoren zusammen. Ihre Ansichten verleiten dazu so manchen Text noch einmal zu lesen. Immer wieder entdeckt man neue Facetten der Argumentation, die man vorher nicht wahrgenommen hat. Man muss sich nur die Freiheit nehmen die Zeilen sich entwickeln zu lassen. Das ist Freiheit in Reinform.

Gebrauchsanweisung für Amsterdam

Gebrauchsanweisung für Amsterdam

Kein Rätselbild: Fahrrad am Brückengeländer und Tulpen auf dem Gepäckträger. Klar, wir sind in Amsterdam. So viel Klischee muss sein. Häuslebauern ist diese Stadt suspekt. So schöne Häuser und alle Bewohner sind draußen auf den Straßen und den Grachten. Warum nur? Siggi Weidemann weiß es und gibt wortstark und emotionsgeladen die Antwort darauf: Es ist halt Amsterdam! Muss man gesehen haben. Sehen ja, aber richtig!

Hineinsehen ist in Amsterdam immer noch möglich. Auch wenn es immer mehr Wohnungen gibt, deren Bewohner die ihr Innerstes mit Gardinen versuchen zu verbergen. Touristen erkennt man übrigens daran, dass sie gezielt in die Wohnungen schauen. Amsterdamer lässt der Blick in Nachbars Stube kalt.

Zurück zum Klischee des Titelbildes. Fahrräder, fiets genannt. Jeder hat eines, jeder fährt eines, jeder lässt es sich je nach Modell klauen. Und jeder kauft sich schlussendlich irgendwann einmal ein Geklautes wieder. Der Rundlauf des Rades ist der Kreislauf des Fahrradlebens. Helme sind in der Grachtenmetropole verpönt. Auch hier gilt wieder: Mit Helm – Touri, ohne Helm garantiert Einheimischer. Es ist nicht ungefährlich in Amsterdam Rad zu fahren. Nicht selten bleiben Radler in den Straßenbahnschienen stecken und stürzen. Am besten am Morgen radelnd die Stadt erkunden. Oder am Sonntag, rät der Autor.

Entspanntes Leben und Amsterdam gehören zusammen wie Paris und der Eiffelturm oder mürrisch sein als Berliner Taxifahrer. „Dank dem Internet“ gibt es keine Geheimtipps mehr, nur noch Orte, die man immer wieder gern oder eben zum ersten Mal besucht. Und davon hat Amsterdam im Überfluss! Grüne Oasen der Ruhe wechseln sich mit mehr oder weniger liebevoll gestalteten Museen ab. Rot beleuchtete Straßenzüge voller Gaffer stehen neben wie leer gefegten kleinen Gassen, in denen sich wahre Shoppingparadiese verbergen. Eine kulinarische Weltreise kann man hier unternehmen. Im Kontrast dazu „das Essen aus der Wand“, aus einem Imbiss-Automaten.

Siggi Weidemanns Streifzüge sind Anleitungen zum Verweilen in einer Stadt, die wie ein Klischee wirkt und doch so vielfältig, bunt und abwechslungsreich ist wie keine andere Stadt auf der Welt. Modernes Leben und Lebenslust sind hier keine Gegensätze, sondern gelebtes Allgemeinwohl. Fast scheint es als ob man in der Grachtenstadt keinen Ratgeber braucht, außer diesen hier. Wohlwollend verzichtet der Autor auf das Hinweisen wo man gewesen sein muss, so man typisch amsterdamisch essen gehen sollte oder was man auf gar keinen Fall verpassen darf. Man muss nur die Augen und Ohren offenhalten. Und ein bisschen Anpassung an die Gepflogenheiten sollte man mitbringen. Alternativ und anders ist die Stadt auch auf den zweiten Blick. Doch fremd ist sie zu keinem Zeitpunkt.

Styleguide Wien

Styleguide Wien

Styleguide – das Wort hat irgendwie was Modernes an sich. Ein Reiseband für den modernen Reisenden, der immer nur das Neueste, das Abgefahrenste, das Außergewöhnliche sucht. Also kein Reiseband für die ganze Familie?

Ganz im Gegenteil! Denn die beiden Autorinnen sind Familie, sind Mutter und Tochter. Und sie wohnen in Wien, lieben Wien und – was ganz wichtig ist – sie kennen Wien. Und von wegen immer nur das Moderne … sie kennen beide Seiten Wiens. Die altehrwürdigen Bauten mit ihren Geschichtchen und das sich immer wieder verändernde Wien.

Wien zu erfassen ist nicht einfach. Die Stadt bietet sich an sie schlendernd zu erkunden. Staunenden Blickes mit hoch erhobenen Haupt schreitet man durch das Vermächtnis von k.u.k. und erblickt so manches Kleinod und großartige Errungenschaften. Aber hat man dann Wien wirklich gesehen? A bissl! Mehr net!

Angie und Brigitte Rattay helfen dem Neugierigen gehörig auf die Sprünge. Schon beim ersten Durchblättern hat man das Programm für zwei volle Tage zusammen. Die beiden Autorinnen gliedern ihr modern gestaltetes Buch (mit Gummiband als Lesezeichen) nach den Stadtteilen Wiens. Sie beginnen natürlich im Ersten, soll heißen im ersten Bezirk, dort wo Stephansdom, Café Korb und Albertina von außen und innen den Gast „verwienern“. Selbst wer Wien schon kennt, beißt sich vor Wut in den Allerwertesten, und fragt sich „Wieso kenne ich das nicht?“. Tja, ganz einfach, den falschen Reiseführer befragt. Aber keine Angst, beim nächsten Mal wird alles besser! Denn dieser Reiseband gehört einfach zu Wien wie Walzer, Eitrige und Schmäh.

Bildreich mit kurzen, prägnanten Texten ist dieses Buch ein ständiger Begleiter, der regelmäßig Tipps gibt. Und da man sich vorrangig in einem Bezirk bewegt, muss man nicht andauernd die kompletten über zweihundertfünfzig Seiten durchblättern, sondern bleibt in der „Umgebung“.

Neben den offensichtlichen Highlights, die natürlich nicht in einem Buch über Wien fehlen dürfen – Naschmarkt und Donauinsel – sind auch kleinere, vielleicht nicht so bekannte Anlaufpunkte vermerkt. Heißhungerbefriediger im 12 Munchies, Cineastische Hochgenüsse im Votivkino oder was auf die Ohren in Teuchtlers Plattenladen im Sechsten. Drei Orte, die nur in wenigen Reisebänden stehen, und doch das komplette, wahre Wien zeigen.

Wer Wien besucht, nur um behaupten zu können auch hier einmal gewesen zu sein, braucht dieses Buch nicht, der braucht überhaupt kein Reisebuch. Wer Wien jedoch als Höhepunkt seiner Reisen erleben will, kommt an diesem Buch nicht vorbei. Wohlfühlen in einer der schönsten Städte der Welt mit einem der befriedigendsten Bücher über die Stadt wird man voller Eindrücke wieder an den heimischen Herd zurückkehren und sich schwören, dass man beim nächsten Mal wieder mit diesem Buch Wien aufs Neue erkunden wird.

Partisanen

Partisanen

Partisanen allein bringen keine Ordnung zu Fall. Sie sticheln, tun ihr weh, knabbern an den Werten, doch endgültig fällen, dafür sind sie zu schwach. Doch ohne die Querdenker wäre die Ordnung arbeitslos, könnte schalten und walten wie sie will. Langeweile und Diktatur wären die Folgen.

„pARTisan“ heißt eine Zeitschrift, eine Bewegung in Belarus. Herausgeber ist Artur Klinaŭ. Und in diesem Buch sind kurze Texte zum Thema Partisanen und ihrem Kampf nun veröffentlicht worden. Verschiedene Autoren berichten aus der Welt, aus ihrer Welt vom Kampf der Künstler im Partisanengewand gegen die Obrichkeiten.

Im Jahr 2016 lesen sich manche Geschichten wie ein Witz. So was gibt’s noch, fragt man sich kopfschüttelnd. Weißrussland, einst eine blühende Sowjetrepublik, die die besten Chancen hatte, aus der Aufspaltung der UdSSR als großer Gewinner hervorzugehen, ist heute das Land in Europa mit der geringsten Freiheit. Unabhängige Medien sind dazu verdammt im Untergrund zu agieren. Rede- und Meinungsfreiheit werden im Keim erstickt. Wirtschaftlich wird es von einer dem Diktator Lukaschenka hörigen Clique halbwegs am Leben erhalten, die sich selbst die Taschen vollstopfen.

Die Texte beweisen eindrücklich, dass Kampf nicht immer als Blutvergießen im wortwörtlichen Sinne zu verstehen ist. Die Feder ist oft schärfer als das Schwert. Jede Zeile strotzt vor Kampfeswille und ist erfüllt von Siegermentalität. Keine hohlen Phrasen, irrationalen Durchhalteparolen, sondern Augen öffnende Argumentationen, denen sich nur die verschließen, die (noch) das Sagen haben.

„Partisanen“ gibt einen Einblick in das Leben von unterdrückten Künstlern, die sich ihrer Stimme bewusst sind und sie auch einzusetzen wissen. Für den Leser ist dieses Buch eine völlig neue, fremde Welt. Nur ab und zu gelingt es Journalisten aus dem verschlossenen Belarus / Weißrussland zu berichten. Immer mit der Angst im Nacken entdeckt zu werden oder hören zu müssen, dass eine oder mehrere Quellen inhaftiert wurden. Die Nadelstiche, die die Künstler setzen, stammen von ihrer spitzen Federn und die Narben werden noch lange nicht verheilen.

 

Schalom

Schalom

Schalom – Friede, Schalom – Kriegerhelm, Schalom – hallo! Immer dasselbe Wort, drei verschiedene Bedeutungen. Im belarussischen ist es die Pickelhaube. Und die hat André auf dem Kopf. André ist Künstler und darf das. Und er ist Weißrusse, Belarusse. Gerade eben hat er noch an Vernissagen in Bonn teilgenommen, jetzt geht es wieder heim. Heim nach Belarus, nach Mogiljow. Ihn schaudert’s bei dem Gedanken daran. Zurück zu Frau und Kind und Schwiegermama, der er unbedingt Stiefeln mitbringen soll.

Ein letzter Tag in Bonn, Einkaufen heißt es nun. Wie jeder gute Tourist will er denen, die ihn sehnsüchtig erwarten auch was mitbringen. Doch André ist eben nicht nur Künstler, sondern auch begnadeter Trinker. Der letzte Tag beginnt mit Katzenjammer. Beim Bummel über den Flohmarkt erregt etwas seine Aufmerksamkeit. Erst flüchtig, doch dann immer heftiger. Eine Pickelhaube. Schalom Schalom! Hallo Mützchen! Der Schwiegermutterwunsch rückt in immer weitere Ferne. Ein schnelles Wortgefecht mit dem Verkäufer und schon hat André eine Kopfbedeckung und jede Menge Redestoff für den Trip nach Hause…

Artur Klinaŭ ist selbst Künstler, gibt die Zeitschrift „pARTisan“ in Weißrussland heraus. In seinem ersten auf Deutsch veröffentlichten Roman „Schalom“ nimmt er die weißrussische Seele aufs Korn. André hält sich nicht an Konventionen. Sein Weg zurück in die Heimat ist ein Roadtrip, ein homecoming-Dilemma im Prozentbereich. Mit Promille geben sich weder Autor noch Protagonist zufrieden. Es gibt immer einen Grund zum Trinken. Und zum Menschen kennenlernen. Die Pickelhaube, Schalom, ist der (Bier-) Büchsenöffner für die Völkerverständigung vom Rhein an den Dnepr.

André bedauert zutiefst hier verankert zu sein. Nicht in Minsk. Dort, wo Chaim Soutine und Marc Chagall wirkten. In Mogiljow ist niemand zuhause, den man kennt. Auch ihn kennt man nicht.

Die Pickelhaube verleiht dem nimmermüden Künstler und Geschichtenerzähler André das Gefühl von Erhabenheit. Er ist der General der Landstraße. Und je weiter er gen Osten reist, desto inniger wird die Beziehung zu seinem Alter ego, seiner Kopfbedeckung. Die Assoziationen, die sie und die er hervorrufen werden immer kruder. Doch Hauptsache ist doch, dass die Kehle geschmiert werden kann.

„Schalom“ liest sich wie aus einem Guss. Kein Schenkelklopferroman. Vielmehr ein hintersinniges Schriftstück, das den Leser immer weiterlesen lässt und die Spannung bis zum Schluss aufrecht hält. Der vermaledeite Helm ist Türöffner und Stolperstein zugleich. André ist es recht. Er fordert es regelrecht heraus mit ihm ins Gespräch zu kommen. Und mit ihm zu trinken. Der Leser sitzt immer mit am Tisch, als stummer Beobachter.