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Das Haus im Dunkel

Das Haus im Dunkel

Es braucht seine Zeit bis man sich im Dunkeln zurechtfindet. Langsam tastet man sich voran. Vorbei an im Wind wehenden Vorhängen, die wie Buchseiten einem um die Nase wehen. Hindurch die zahllosen Zimmer, die wie Kapitel das Ganze ergeben. Mittendrin im Stoff, der sich nach und nach dem Leser entfaltet.

Ein Autor lebt in diesem großen, dunklen Haus. Mit Mutter und Sklavin. Die Beziehungen untereinander sind nüchtern. Miriam, die Sklavin spricht nicht. Sie ist treue Dienerin und Abbild der realen Phantasie. Die Mutter existiert nur noch als gebährende Hülle der Existenz des Erzählenden. Einzig allein die Katzen, die ihm überall hin folgen, die die Mutter als Schlafplatz nutzen, sind dem Leben zugetan. Sein Verleger ist nun auch tot. Nach jahrelanger Haft wegen Ablehnung eines jungen Autors. Das Haus – ist es real? Oder ist es das steingewordene Hirngespinst einer Phantasie?

José Luís Peixoto lässt Leser und Hauptfigur im Titel des Buches sitzen. Was ist echt, was schwebt zwischen den Sphären? Erst ein längst verloren geglaubter Freund, Anker der eigenen Existenz bringt wieder Schwung in die weiten, leeren Flure des Hauses. Prinz Calilatri verabschiedete sich einst mit den Worten die Welt zu erobern. Nun ist er zurück vom Feldzug der Sehnsucht. Hat alles gesehen, alles erlebt, will nicht mehr in fremden Gefilden wandeln. Die Invasion beginnt. Wirft alles bisher Bewährte, lethargisch Erduldete über den Haufen der leeren Blätter und wohl geformten Worte.

Flucht oder Verharren? Was ist richtig, was ist falsch? Die eingefahren, ausgetretenen Pfade des Lebens wirbeln Staub auf. Ob sich hier neues Leben ansiedeln kann? Oder wird das Haus dem Erdboden gleichgemacht?

Schon während des Lesens häufen sich die Fragen über „Das Haus im Dunkel“.  Schnell huscht man über so manche Zeile hinweg, um dann doch noch einmal zurückzublättern, um ganz sicher zu gehen alles auch wirklich richtig eingeordnet zu haben. Dieses Buch liest man unfreiwillig mehrmals. Die Rituale des Stillstands sind die Säulen der Beständigkeit im gesicherten Mauern. Wer sich jedoch nicht bewegt, fällt automatisch dem Rückschritt anheim. Für einen Autor der sichere Tod. José Luís Peixotos Held muss sich – wahrscheinlich zum ersten Mal in seinem Leben – einer echten Herausforderung stellen. Ein literarischer Hochgenuss für alle Buchstabenfetischisten, die das Wort nur in bedeutungsvollen Sätzen akzeptieren. Wie ein Nachschlag beim Lieblingsessen serviert der Autor dem Leser ein trauriges Szenario, das nach und nach seinen Schrecken verliert.

Der Schüttler von Isfahan

Der Schüttler von Isfahan

Prozentrechnen für Weltreisende: Wie viele Menschen in Ihrer Umgebung kennen Sie, die schon mal in der Schweiz waren? Garantiert mehr als 90 %. Und in Thailand? 70%? Namibia, Niger, Kirgistan? Weniger als ein Viertel? Und jetzt alles zusammen, also von Armenien und Chile über Iran und Usbekistan bis nach Burkina Faso und Grenada. Es tendiert wohl gegen Null. Darf ich vorstellen: Georges Hausemer. Seines Zeichens Weltreisender und eloquenter Geschichtenerzähler. Und Mister Einhundert Prozent!

Heruntergekommene Hotelzimmer, euphorisch begrüßter Kaffeegenuss, enervierende (russische) Flugzeugpassagiere, die ihrer gerechten Strafe zugeführt werden, unglaubliche Naturphänomene am Ende der Welt, der ganz „normale Wahnsinn“ in ehemaligen Sowjetrepubliken, missverständlicher Smalltalk im Taxi … die Liste der Geschichten ließe sich unendlich fortsetzen.

Die titelgebende und so viele Assoziationen hervorrufende Story ist derart überraschend, dass man selbst sofort die eigenen Urlaubserlebnisse niederschreiben möchte. Denn das, was Georges Hausemer in den vergangenen Jahren passiert ist, kann jedem passieren. Nur halt nicht so oft und schon gar nicht in so vielen Ländern. Und schon gar nicht kann jeder diese Erlebnisse so pointiert niederschreiben.

Reisen bildet – und es schafft Platz im Hirn für die wirklich wichtigen Dinge im Leben. Der Alltag als Besonderheit ist der Boden auf dem die Reisegeschichten des Autors wachsen. Man muss nur hinschauen. Wachen Auges schreitet Georges Hausemer durch die entlegensten Flecke der Erde. Fast scheint es so, als ob er der Typ ist, den man am Abend an der Bar, auf der Terrasse, im Restaurant irgendwo auf der Welt gesehen hat, wie er mit Stift und Papier bewaffnet seine Eindrücke festhielt. Nicht immer streng nach den Regeln wie er selbst in einer Geschichte einräumt. Denn das A und O der Aufzeichnungen sind Daten und Fakten. Manchmal ist das Erlebte so spannend, so neu, so faszinierend, dass man darüber hinaus diese vergisst. Den Ausführungen tut das keinen Abbruch. Die verlorenen Fakten machen die Texte mystischer und den Autor nahbarer.

Die mehrere Dutzend Geschichten vermitteln einen beeindruckenden Überblick über die Verschiedenheit der Lebensentwürfe der Welt. Geht in Deutschland ein Taxi kaputt, geht gleich die Welt unter. In Armenien oder Georgien nimmt man es hin. Man weiß, dass es etwas länger dauern kann. Die Definition von „etwas länger“ ist im Kaukasus auch eine gaaaaanz andere als bei uns. Aus dem kleinen Luxemburg in die Welt hinausgeschleudert, auf einem Blatt Papier um die Welt reisend, mit spitzer Feder vom Erdball die letzten Geheimnisse kratzend. Georges Hausemer ist der Reiseleiter, den sich jeder wünscht. Und sei es nur in Buchform.

Zürich

Zürich

Es ist kein Wunder, das viel Zürich für die Hauptstadt der Schweiz erachten. Irgendwie laufen hier alle Fäden zusammen. Mark van Huisseling ist gebürtiger Berner, ein Attribut, mit dem er als Lehrling mal vorgestellt wurde und das ihm überhaupt nicht passte. Nun lebt er in Zürich. Er liebt Zürich seit dem Tag als er zum ersten Mal mit seinen Eltern durch die Stadt an der Limmat fuhr. Hier wollte er leben, was erleben.

Und er liebt die Stadt. Nicht übermäßig, nicht blind, doch in jeder Zeile schwingt mal leise, mal lauter die Schwärmerei mit. Er weiß aber auch, und das schreibt er deutlich, dass das Paradies hier bestimmt nicht zuhause ist. Irgendwo zwischen Sehnsucht und Hassliebe bewegen sich seine (Stadt-)Ansichten. Wer Zürich noch nicht kennt, kommt schnell in die Versuchung als altklug zu gelten. Denn Mark van Huisseling gibt die Stadt so exakt wieder wie er nur kann. Und das mit einfach sprachlichen Mitteln ohne dabei abzuflachen. Ein Lesespaß, der erst mit dem Besuch in Zürich endet.

Das Buch zeigt dem Leser – egal, ob er schon Zürcher zu den Bewohnern der Stadt sagt oder sie noch als ZürIcher bezeichnet – wie die Stadt tickt, wie die Menschen die Stadt erobern, formen und nutzen. Kein Cocktail-Must-Have im Sowieso, kein Unbedingt hier das Zürcher Geschnetzelte einnehmen und da den Blick auf die Stadt genießen. Das muss man sich schon selber erarbeiten.

„Zürich“ ist ein Buch, das man immer wieder zur Hand nimmt. Vor dem Urlaub, um sich ein wenig zu informieren und die Don’ts am Ende des Buches zu umgehen. Währenddessen schmökert man immer wieder darin, um die Do’s (gleich nach den Don’ts am Ende des Buches) nicht zu verpassen. Und schlussendlich erinnert man sich jedes Mal, wenn man es durchblättert, an einen Besuch erinnert, der einzigartig war. Hier in der Stadt, in der die einzige Kunstrichtung der Welt mit einem exakten „Gründungsdatum“ – dada – „erfunden wurde“.

Die kurzweiligen Texte laden zum Niederlassen ein. Eine Bank, die irgendwo auf der Welt, ist immer da. Setzen. Buch aufschlagen. Und Träumen, Sehnsucht pflegen und Pläne schmieden. Wenn ein Buch das Prädikat „Reisefieber-Virus“ verdient, dann dieses. Und der edle Einband zeigt dem Vorbeigehenden gleich, dass hier niemand sitzt, der in Zürich nur den Weg zum nächsten H&M oder McDonald’s sucht, sondern ein echter Genießer, der einem eigenen Weg folgt, um sich Erholung, Genuss und Entspannung zu suchen.

Das gemalte Ich

Das gemalte Ich

Seit der Oscarverleihung 2014 gibt es den Begriff der Selfies als Moderatorin Ellen Degeneres sich ins Publikum warf und mit Blockbuster-Garanten sich selbst einem Millionenpublikum näherte. Alle warfen sich wie tollwütig auf den neuen Trend. So was gab’s ja noch nie!

Haha. Hätten man da mal jemanden gefragt, der sich damit auskennt. James Hall zum Beispiel. Er ist Kunsthistoriker und hat unter anderem für den „Guardian“ als Kritiker gearbeitet. Als Mann der Künste hat er sich sicher nicht von der Show der Eitelkeiten verleiten lassen dieses Buch zu schreiben, doch eine gewisse Nähe zum Ausgangspunkt des Hypes ist nicht abzustreiten.

Künstler haben es seit jeher genossen sich selbst abzubilden. Spiegel und Leinwand aufgestellt, Farben gemischt und sich ins rechte Licht gerückt, damit sich nachfolgende Generationen ein Bild des Künstlers machen können. Das Titelbild zieht den Betrachter schon magisch an. Wilde Farbenspiele, exzentrische Pinselführung, tote, nichtssagende Augen – Vincent van Gogh. Es ist ein Ausschnitt eines – seines – Portraits aus den letzten Jahren des Künstlers. Er hat sich gern und oft gemalt. Wer sich die Bilder in der Reihenfolge ihrer Entstehung anschaut, kann ein wenig in der Biographie des Künstlers lesen. Ein junger frischer Mann mit wachem Blick, der die Welt aus den Angeln hebeln wird. Zum Ende ein gebrochener Künstler, der an seinem Talent und seinem Misserfolg, an persönlichen Schicksalsschlägen zugrunde ging. Das Gesicht als Spiegelbild der Seele. So manch einer fühlt sich in seiner emotionalen Welt zur Wahrheit verpflichtet und trägt sein Inneres nach außen. Bei van Gogh ist es nun einmal so, dass er heute einer der gefeiertsten Künstler ist, dessen Bilder regelmäßig Höchstpreise erzielen. Für ihn zu spät, für die meisten heute unbezahlbar. Aber in Museen immer noch ein Höhepunkt des Besuches.

James Halls Ausführungen beginnen aber nicht beim verzweifelten Genie van Gogh. Bereits im Altertum taten Künstler sich gütlich sich selbst abzubilden. Bis eine eigene Kunstgattung daraus erwuchs. Bücher über Kunstgeschichte lesen sich oft ein bisschen zäh, weil man dem enormen Wissen der Autoren glauben muss. Bei den Selbstportraits kann man auch als Laie ein bisschen mitreden. Denn so ziemlich jeder hat sich schon mal sein Smartphone geschnappt und mehr oder weniger heimlich den Arm ausgestreckt und in die Kamera gelächelt, das Gesicht verzogen und dann das „Meisterwerk“ in die virtuelle Welt hinaus gesandt. Nur ein verschwindend geringer Prozentsatz wird sich wohl Gedanken darum gemacht haben, welch Tradition da wieder belebt wurde. Dank James Hall wird so manches Duckface nun in einem anderen Licht dargestellt – und hoffentlich bald auch wieder verschwinden.

Wer in Zukunft Museen auf der ganzen Welt besucht, wird etwas intensiver in den Gesichtern der Modelle schauen, nach Geheimnissen graben und vielleicht auch so manche Geschichte entdecken. Ganz sicher jedoch wird man sich an das eine oder andere Kapitel aus diesem antiken Buch der Selfies erinnern. Die zahlreichen Abbildungen sind sorgsam ausgewählt und vermitteln eine Kompletteindruck der Physiognomie des menschlichen Antlitzes.

Der Esel auf dem Eis

Der Esel auf dem Eis

Prrr, ist das kalt! Denkst sich der Esel. Der Esel! Merkt er doch nicht, dass er nicht auf der Straße, sondern auf dem zugefrorenen See steht. In heutiger Zeit würde man ihn anfrieren lassen und etwas Unerwartetes auf den langohrigen Schädel fallen lassen. Nicht der Maestro persönlich. Er weiß um die physikalischen Gegebenheiten des Lebewesens und lässt mit der Körperwärme den See schmelzen. Fertig, aus, Ende! Kurze Fabel, die Lehren daraus ziehen, das war’s!

Nö, noch lange nicht! Das wohl letzte echte Universalgenie der Menschheit hat noch so manche Lach- und Lehrattacke im Petto. Er fabuliert sich munter durchs Tier- und Pflanzenreich. Eitle Bäume, die die anderen verscheuchen, stehen mutterseelenallein da, wenn der Orkan wütet, sie keinen Schutz mehr bieten. Austern, die von Mäusen hinters Licht geführt werden, um das selbst als Mahlzeit zu enden. Pfiffiges Korn, das Ameisen ums Leben anbettelt, und einen horrenden Gewinn versprechen. Schwäne, die zum Sterben sich ins Dickicht zurückziehen, wo sie die anderen Tiere sterben hören können.

Eine echte Wohltat mal in die Schriften des Malers und Erfinders Leonardo da Vinci blicken zu dürfen. Dieses kleine Büchlein mit Dutzenden Fabeln entschlüsselt vielleicht das Geheimnis um seine Fähigkeiten. Doch es erlaubt einen Einblick in die Weitsichtigkeit eines wahren Gelehrten. Immer wieder setzt man ab, schmunzelt, sagt „Ja, so ist es!“ und blättert anschließend genüsslich weiter. Natürlich sind die Tiere als Gleichnisse zu sehen. Es gibt immer Einen, der aus der Reihe tanzt. Eitle Menschen, die sich nicht gern schmutzig machen und stattdessen lieber ihr Leben aufs Spiel setzen. Oder Choleriker, die keinerlei Veränderungen wünschen, und dann doch einsehen müssen, dass Veränderungen Fortschritt bedeuten und meist lange anhalten.

Das schmale Format bietet sich an es als wohlgemeintes Geschenk weiterzugeben. Ein Lächeln, gar ein Oho (der hat auch geschrieben?) werden der tiefe Dank sein. Und wenn man die Nachrichten sieht, die Gazetten durchblättert, online sich die News zur Gemüte führt, werden so manche Parallelen sichtbar. Hunderte Jahre alte Weisheiten, und es hat sich seitdem kaum etwas geändert… Nur die Genies werden weniger.

Only cigars!

Only cigars!

Seit einigen Jahren gibt es in Europa das Tabakwerbeverbot. Und nun das! Ein Buch, das den Tabakgenuss anpreist. Alles halb so wild! Dieses kleine Büchlein verleitet nicht zum Rauchen! Es ist ein Buch, das Zigarrenraucher und Nichtraucher gleichermaßen in den gemütlichen Sessel lockt und die Schwärmereien der Literaten wie Nebelschwaden an einem vorbeiziehen lässt. Es geht auch nicht um minderbegabte Schauspieler, die mit ihrem Tabakbalken im Mundwinkel mehr oder weniger debil in die Kameras grinsen und dabei „auf dicke Hose machen“. Hier geht es um Genuss, ein Stück Kultur.

Ein Mann wie Mark Twain vertilgte am Tag mehrere Dutzend Zigarren. Ihn störte es nicht, seine Umgebung sicherlich auch nicht. Beim Rauchen kamen ihm die besten Ideen. Ganz im Gegenteil zum Wein. Der machte nur einen schweren Kopf. Doch die Schwere brachte keine Zeilen zu Papier.

Groucho Marx, der Mann mit der wilden Frisur, der neckischen Brille und dem aufgebmalten Schnurrbart, erzählt in seiner ihm eigenen komischen Art von seiner Passion. Er lebte zu einer Zeit, in der er nicht eine bestimmte Marke rauchte. Er rauchte Zigarren nach Preisen. Erst eine Zigarren-Werbung, die ihm eine halbe Stunde Havanna verhieß, änderte er sein Verhalten … und beschwerte sich bitterlich beim Verkäufer und beim Hersteller, dass er nur achtzehn bzw. maximal zweiundzwanzig Minuten Havanna genießen konnte. Die Firma zahlte ihm prompt den Kaufbetrag zurück, dreißig Cent.

Nicht nur Literaten wurden von Reinhard Kober für dieses exquisite Büchlein ausgewählt. Auch der Papst der Zigarren, Zino Davidoff kann eine Geschichte beisteuern. Seine Eltern ließen sich nach ihrer Flucht aus der Ukraine in Genf nieder. Hier wurde das Tabakimperium Davidoff geboren. Zino Davidoff erinnert sich an die Leidenschaft, die er schon früh für Tabak hegte. Reisen unter anderem nach Kuba waren für ihn eine Offenbarung. Besonders gern erinnert er sich an einen Kunden seines Vaters. Ein Kunde, der nie bezahlte und auch nie bezahlen musste. Er kam regelmäßig. Ein eher kleiner Mann. Ein Russe. Einer mit einem Pseudonym. Lenin, der Revolutionsführer in der alten Heimat.

Wenn man so durch die Seiten blättert, die Anekdoten liest, Romanausschnitte in sich aufsaugt wie ein Zigarrenraucher den Tabakrauch man auch als Nichtraucher erahnen, welch ein Genuss die Protagonisten umwehte. Man wird nicht gleich zum Raucher. Das nicht. Aber man sieht so manches intellektuelles Gespräch, beispielsweise mit dem Dramatiker Heiner Müller (gab es den überhaupt ohne Zigarre?), mit anderen Augen. Müller sah im Zigarrenrauchen durchaus auch eine gesellschaftliche progressive Komponente.

Stern von Algier

Stern von Algier

Die Zukunft sieht nicht rosig aus, die Gegenwart ist trist. Doch Moussa lässt sich nicht beirren. Er wird der neue Michael Jackson. In einem Land wie Algerien, irgendwann in den 90er Jahren, ein schönes Ziel. Eine Notwendigkeit. Denn ohne Ziel ist man in diesem Land verlassen.

Kablyischer Chanson nennt sich die Musikrichtung, benannt nach der Gegend, aus der er kommt. An der Wand das große Idol, in der Tasche der Walkman. Sind die Batterien leer, verzichtet Moussa auf vieles. Hauptsache das teil dudelt. Auf dem Schwarzmarkt kosten Batterien oft das Zehnfache des normalen Preises. Aber es gibt dort welche. Musik ist sein Leben, sein Traum.

Und es scheint auch wirklich voranzugehen. Er hat Auftritte, bekommt Zeit in einem Aufnahmestudio, Plakate für Konzerte werden gedruckt. Aber es gibt auch die Schattenseiten. Seine Freundin verlässt ihn, seine Freunde sind ihm fremd geworden. Alles ist ihm fremd. Islamisten stehen an allen Ecken. Das Land steckt in einer Krise. Korruption und Machtverlust bestimmen die Gazetten.

Der große Traum rückt immer weiter in den Hintergrund – Moussa wird immer unzufriedener. Die Aufnahmen geraten nicht so wie er dachte. Als sein Lied im Radio gespielt wird – gebannt hockt er sich vor den Empfänger – erkennt er sein eigenes Lied nicht wieder. Völlig entstellt! Er stellt die Verantwortlichen zu Rede, sie ihn im Regen stehen. Die Wut kocht in ihm hoch. Bis… , ja bis es eskaliert!

Aziz Chouaki schreibt in „Stern von Algier“ von einem Mann, der sein Leben selbst in die Hand genommen hat. Doch auf dem nach oben, in ein besseres, hoffnungsvolles Leben, muss er steinige Treppen überwinden. Immer wieder stolpert er von einem Reinfall in den nächsten. Der trostlose Alltag ist noch zu stemmen. Genug Übung hat Moussa schließlich. Doch, wenn es um seine Träume geht, entwickelt er ungeahnte Kräfte. Leider nicht immer zu seinem Besten. Gitarren statt Knarren könnte der Untertitel sein. Ein frommer Wunsch, der dem Schicksal des jungen Musikers als Leitbild dient, und schlussendlich nicht als Enttäuschung für ihn parat hält.

Kleine Stadtgeschichte Zürichs

Kleine Stadtgeschichte Zürichs

Zürich, die elegante Stadt an der Limmat, am idyllischen See. Wer dort weilt, holt sich was weg. Und zwar eine geballte Ladung Eindrücke und Geschichte. Bei so viel Finanzgebaren vergisst man schnell, dass schon vor Jahrtauenden hier die ersten Siedler ihre Zelte aufstellten, die Kelten und die Römer Kastelle errichteten und die Stadt zu einem wichtigen Handelsort machten.

Thomas Lau gibt in seiner „Kleinen Geschichte Zürichs“ mehr als einen kleinen Einblick in die Vergangenheit der Stadt. Wer Zürich außerhalb von Reiseführern erkunden will, findet in diesem Buch den idealen Reiseguide, der kenntnis- und detailreich zu berichten weiß.

Immer wieder lockern kleine Anekdoten das Geschichtsbuch auf, um den Leser nicht mit Zahlen und Ereignissen zu überfrachten. Das Buch liest man nicht in einem Ritt durch. Auch zweihundert Seiten können eine Unmenge an Fakten aufweisen. Stück für Stück, Jahrhundert für Jahrhundert, nähert man sich dem Zürich wie man es heute kennt. Auf den Spuren von Dichtern und Gelehrten wandelt der Leser durch die heimliche Hauptstadt der Schweiz. Vorbei an historischen Gebäuden, die noch immer ihre Wirkung nach außen tragen. Hier wurde Dada „erfunden“, Revolutionen ersonnen, Nobelpreisträger geformt.

Dieses Buch ist eine echte Bereicherung für jedes Reisegepäck. Thomas Lau lässt die Persönlichkeiten, die diese Stadt prägten zu Wort kommen und gibt ihnen den Freiraum Andere (Leser) in ihren Bann zu ziehen. Einst galt sie als Hauptstadt des Exils: Lenin, die Manns, James Joyce (der hier auch begraben ist, auf dem Friedhof Fluntern) lebten und wirkten hier.

Wer Zürich schon kennt, wird es nie leid es zu besuchen. Doch so, wie in diesem Buch beschrieben, hat man Zürich noch nicht gesehen. Der Begriff Historie wird mit diesem Buch im Speziellen und der Reihe im Allgemeinen auf eine höhere Stufe gehoben. Man muss ja nicht gleich den gesamten Urlaub auf den Spuren der Vergangenheit verbringen. Aber ein Tag, ein paar Stunden, dafür allemal Zeit und die Stadt gibt es auch her. Stadtrundgänge wird man vergebens suchen. So viel Individualismus muss sein, das erhöht den Forscherdrang. Auch wenn das Ergebnis dank des Buches schon feststeht, wird man jeden Schritt, den man diesem Buch folgt genießen und keinen einzigen bereuen.

Allein, unbesiegt

Allein, unbesiegt

Charles und Kérim waren einst unzertrennlich. Echte Freunde eben. Das war vor sieben Jahren. Charles zog es hinaus in die Welt. In den Krieg. Irgendwo, wo irgendwer gegen irgendwen um irgendwas kämpfte. Kameradschaft wird hier großgeschrieben. Doch Charles passt nicht so recht rein. Er kämpft seinen eigene Krieg. Den gegen die Gedanken, die Angst, die Vergangenheit. Lethargisch lebt er in den Tag. Aber er lebt.

Dann erreicht ihn die Nachricht, dass Kérim im Sterben liegt. Vorbei die trostlosen, sinnfreien Tage. Nach langer Zeit packt ihn der Mut und er seine Sachen. Er reist zurück, nach Frankreich, nach C. (Loïc Merle lässt offen, wo die Stadt liegt, was aber keinen Anlass zur Sorge oder zu weiteren Gedanken geben sollte). Da liegt er nun, der Freund, Kérim. Ein Schatten seiner selbst. Aber immer noch scharfzüngig wie einst. Leukämie lautete die Diagnose, unheilbar das Urteil. Was tun? Der Freund, der einem so fremd geworden ist, auch und besonders menschlich – sieben Jahre sind eine lange Zeit – hat so gar nichts mehr von dem, was einmal war. Charles kommt ins Grübeln, denkt nach, erinnert sich. Die Kindheit, die Mutter, die Abenteuer. Keine Memoiren, die zum Schmunzeln anregen. Vielmehr zum Nachdenken.

Charles beschließt, sofern man das kalkulieren oder gar berechnen kann, Kérim wieder als Freund zu gewinnen. Was anfangs auch gelingt. Doch das Piepen der Geräte, die sterile Atmosphäre und die komischen Typen, die immer dann kommen, wenn er sich entfernt, lassen kaum Raum für freundschaftliche Gefühle. Wer sind die? Stehen wie eine Bruderschaft verschwörerisch beisammen. Brabbeln seltsames Zeug und sind ebenso schnell wie lautlos wieder verschwunden sobald ein Fremder in die Nähe Kérims kommt.

Charles kommt aus dem Grübeln nicht heraus. Gerade eben noch im Krieg, allein mit sich und seinen Gedanken. Und nun dort, wo er sich eigentlich geborgen fühlen sollte. Bei seinem Freund Kérim, der mehr als alle Anderen seine Hilfe zu benötigen scheint. Auch die Armee braucht Charles wieder. Wenn er nicht bald erscheint, gilt er als Deserteur. Ausbruch? Abhauen? Flucht? Ohne Geld! Kérim könnte und wolle ihm helfen.

Und dann ist da noch Lilly, oder Cat wie sie jetzt heißt. Schwanger. Von ihm, Charles. Ach, ohne Gefühle könnte alles so einfach sein. So versucht er seinem Gefühlschaos Herr zu werden. Rational dosiert er die Zutaten für den Gedankensalat. Was bleibt ist ein Menü voller Widersprüche, voller Geschmacksexplosionen, garniert mit einer gehörigen Portion Zweifeln und Selbstaufgabe. Hin und Her gerissen vom Gefühlstaumel seiner Heimat strauchelt Charles lediglich, zu Fall bringen lässt er sich nicht.

Styleguide Amsterdam

Styleguide Amsterdam

Quizfrage: Welche Stadt passt nicht in diese Aufstellung? New York – Paris – Rom – Amsterdam. Letztere, in ihr werden keine Trends kreiert, möchte man fast meinen. Doch die Antwort ist falsch! Die Trends werden nur nicht publik gemacht bzw. legt man darauf in Amsterdam keinen gesteigerten Wert. Denn dass Amsterdam hip und trendy ist, beweisen eindeutig die Besucherzahlen. Die holländische Hauptstadt ist wohl die coolste in Westeuropa. Hier werden die Trends gemacht, die weltweit unterschwellig gar nicht als solche wahrgenommen werden. Das wurde es höchste Zeit einen coolen, hippen Reiseband herauszubringen.

„Eat – shop – love it“ – Untertitel und Aufforderung zugleich. Doch zuvor: Lesen und fühlen. Ja, fühlen! Der im wahrsten Sinne einprägsame Einband, der das Grachtenwirrwarr plastisch darstellt, nimmt es vorweg: Hier hält man einen besonderen Reiseband in den Händen. National Geographic, das Magazin, das in jedem noch so bekannten Platz der Welt das Besondere zu entdecken in der Lage ist, zeichnet für die Reihe Styleguide verantwortlich.

Autorin Monique van den Heuvel ist die Stilberaterin in Sachen Coolness, nouvel cuisine á la Amsterdam. Gleich zu Beginn gibt sie dem wissbegierigen Leser – und die Neugier lässt bis zum Schluss nicht einmal nach – ihre Tipps für einen 24-Stunden-Tag in Amsterdam mit auf den Weg. Ob man nun auf ihren Pfaden wandeln will oder doch den einen oder anderen Tipp den ihren vorzieht, bleibt jedem selbst überlassen.

Handgemachte, dadurch einzigartige Mitbringsel für die, die „nur“ das Buch lesen durften, außergewöhnliche Restauranttipps, Schnäppchenmode aus so ziemlich jeder Epoche – Amsterdam ist für den modernen Reisenden eine echte Herausforderung und eine goldige Fundgrube. Viele der in diesem Buch vorgestellten Läden, Bars und Hotels stehen in keinem Prospekt des Tourismusbüros. Es sind also echte Geheimtipps, die selbst die Amsterdamer kaum kennen. Oder besser gesagt, die nur die hippen und coolen Amsterdamer kennen. Wenn man so will, ist dieses Buch der gedruckte Beweis, dass Integration, und sei es auch nur für einen Kurztrip, möglich ist. Die Integrationsbeauftragte für das lebensfrohe Reisegrüppchen moderner, neugieriger Amsterdam-Besucher ist die Autorin selbst. Sie interviewt die kreativen Köpfe und fördert so das Geheimnis der trendigen Hauptstadt der Niederlande zu Tage.

Einen Haken hat das Buch: Wer sich nur an dieses Buch hält, könnte Gefahr laufen sich eine Unterkühlung zuzuziehen. So cool, so umfassend, so anschaulich bebildert war Amsterdam noch nie!