Kategoriearchiv: aus-erlesen ungewöhnlich

Dahamm und Anderswo

dahamm-und-anderswo

Wissenschaftler, Sprachforscher haben herausgefunden, dass Dialektsprecher entspannt sind, in sich ruhen. Zumindest meistens. Denn es gibt ja auch so herrlich Flüche, die in Dialekten einfach mehr hermachen.

Matthias Kröner scheint entspannt zu sein. Ein Franke abroad, hoch im Norden, dort, wo die Berge, hügelig sind und der Badesee bis über den Horizont reicht. Dahamm in Franken, dahamm an der Ostsee. Fernweh hat er nur manchmal. Heimweh? Auch. Sprachliches Heimweh. Und er hat eine ganz besondere Art gefunden das Heimweh zu stillen. Er schreibt, in Mundart, auf fränkisch.

Für ungeübte Augen muss man sich erstmal einlesen. Am besten laut. Harte Konsonanten verwandeln sich vor den Augen des Lesers in weiche „Midlaude“. Ist gewöhnungsbedürftig, aber nach ein paar Seiten ist man „drinn im Schdoff“. Und dann sind die Heimatgedichte eine wahre Freude.

Matthias Kröner ging durch die harte Schule der Auswanderung. Hier lernte er seine Heimat noch mehr lieben und schätzen. Von außen auf die eigenen Wurzeln blicken zu können, tut gut, wenn man die Heimat wirklich begreifen will. Im Bratwurst-Franken kennt man ihn als kritischen Beobachter, immer dicht dran am Geschehen. Seit knapp zehn Jahren hat er sich in der Nähe von Marzipan-Lübeck seine kleine fränkische Enklave der Heimeligkeit geschaffen. Mit allem, was dazu gehört.

Der Begriff Heimat hat, besonders in Deutschland und besonders seit einiger Zeit, (wieder) einen faden Beigeschmack bekommen. Die meisten, die ihn benutzen, können ihn nicht so recht fassen. Krude Ideen, wer nicht dazu gehören wollte, sind für sie das Alleinstellungsmerkmal des Heimatbegriffes. Doch sollte eine Definition das herausstellen, was in den Begriff steckt? Ja, was sonst. Hier kennt man sich, spricht die gleiche „Schbrooch“. Was aber, wenn man länger weg ist? Da kennt die „Bäggeri“ einen nicht mehr beim Namen, die „Medzgeri“ auch nicht. Kein Grund zum Traurigsein. Schreib ein Gedicht und alles ist wieder im Lot.

Heimat- oder Frankentümelei sind nicht die Sache von Matthias Kröner. Er ist halt Franke, spricht die seine Sprache, beobachtet. Und er kann formulieren. Wer sich einmal in die Schreibweise vertieft hat, kommt mit den Gedichten schnell klar. Alles ist bekannt und vertraut. Und doch irgendwie neu. Schließlich denkt man permanent an die eigene Heimat. Der Alltag muss gestaltet, Kinder versorgt werden. Doch schlägt man Ende eines ereignisreichen Tages die Seiten des Buches auf, keimen spontan Erinnerungen. Wie es damals war, beim Küchendienst in der mütterlichen Küche oder beim Kicken. Nicht jedes Wort wird man als Nichtfranke sofort erraten. Weiterlesen, die Eingebung kommt … ganz bestimmt.

Auf Schienen um die ganze Welt

auf-schienen-um-die-ganze-welt

Mit dem Zug reisen, ist eine ganz besondere Art die Welt zu erkunden. Man ist ein Gefangener der Technik. Mit dem Kauf der Fahrkarte hat man keinen Einfluss mehr auf die Streckenführung. Abfahrt- und Ankunftszeit sind vorbestimmt. Was die Planung erheblich vereinfacht.

Die Planung von Kristian Ditlev Jensen war allerdings nicht einfach. Für ein Magazin sollte / wollte er um die Welt reisen. Im Zug. Die Redaktion half bei den Vorbereitungen, den Rest musste er allein bewältigen. Das Ergebnis: Dieses Buch. So entschleunigt die Fahrten von A nach B, so fesselnd sind seine Ausführungen. Schon auf den ersten Seiten fragt man sich: Warum in die Ferne schweifen? Dänemark – der Autor ist Däne und startet somit folglich auch in Dänemark – ist so facettenreich wie der Rest der Welt. Nur halt eben nicht so weitläufig.

Zwölf Reisen sind auf diese Art zusammengekommen. Und gleich der erste Trip, in Japan, hat so gar nichts mit dem Untertitel des Buches zu tun. „Von der Köstlichkeit des langsamen Reisens“ – im Shinkansen ein Treppenwitz. Knapp dreihundert Kilometer frisst sich der Stahlkoloss durch die Gebirgsketten des Inselstaates. Zweihundertachtzig ka-em-ha! Langsam sieht anders aus! Doch kein Rattern und kein Ruckeln stören das Erlebnis Zugreise. Im Gegenteil. Das Fehlen von jeglicher akustischer Ablenkung erlaubt es Kristian Ditlev Jensen seine Mitstreiter genauestens zu beobachten. Und in deren Kultur einzutauchen. Kurze Zwischenstopps lassen das Ende der Fahrt erahnen und unweigerlich näherkommen. Riesige Entfernungen gehören hier bald ins Reich der vergessenen Fabeln.

Ob von einem New ins Andere – man könnte auch sagen von einem Big ins Andere – gemeint sind New York und New Orleans, hoch in den Anden in Peru, quer durch Australien, von einem Moloch in den anderen (Shanghai – Peking) oder durch die heimatlichen Gefilde: Kristian Ditlev Jensen findet immer das richtige Thema. Es schaut nicht nur aus dem Fenster, macht Ah und Oh. Jedes Land hat so seine Eigenarten, also die Menschen, natürlich. Und die interessieren den Reisejournalisten mit dem vermeintlichen Traumjob.

Als Leser ist man in einer ähnlichen Lage wie der Autor. Das Ziel ist klar, doch welche Route genommen wird, erfährt man erst on the road. Ein kleiner Abstecher nach Kulinarien, ein Zwischenstopp in Drogistan, Fotostopp im Feine-Nasen-Land. Wer Schenkelklopfer erwartet muss in die zweite Klasse umsteigen. Hier wird First-Class geschrieben, gelebt und genossen. Wer vor oder auf Reisen immer vor der Frage steht, welchen Schmöker er denn nun zum Zeitvertreib verschlingen soll, dem sei dieses Buch als Appetizer empfohlen.

Gutes von Gestern – Wie man höflich rülpst und andere Tipps aus über 1000 Jahren

gutes-von-gestern

Gestern. All der Ärger scheint so weit weg. Heute? Die Verrohung der Sitten greift um sich. Kaum einer hält mehr an sich, auch wenn er es vermeiden kann. Sodom und Gomorrha wo man steht und geht! Naja, malen wir den Teufel nicht an die Wand. Obwohl man schon gern mal seinem smartphone-affinenen Gegenüber die Leviten lesen möchte, wenn es wieder unerwartet piept und brummt. Dann müsst der aber erstmal googeln, was Leviten sind, wo man sie bekommt und wie hoch die Versandkosten sind. Außerdem ist Lesen eh nicht sein Ding, wenn er mehr als hundertsechzig Zeichen lesen muss.

Für alle denen die „Hundertsechziger-Regel“ am Allerwertesten vorbeigeht, die also wissen, dass man im Falle eines Husten an eben dieser Stelle, mal kurz den Raum verlassen könnte, sollte, müsste … für all diejenigen hat Elizabeth P. Archibald ihr aus Jahrhunderten gesammeltes Wissen zusammengetragen. Kein Ratgeber á la „was die Oma noch wusste“, sondern ein amüsanter Streifzug durch die Sitten der Vergangenheit.

Es ist wie beim Auto. Heute nehmen Computer beim Fahren dem Fahrer den gesamten Fahrspaß. Assistenten regeln alles, so dass man fast geneigt ist sich zurückzulehnen und sich wecken zu lassen, wenn man angekommen ist. Selbst ist der Mann? Kaum noch möglich! Ältere Modelle fahren auch. Und das gar nicht mal so schlecht. Vielleicht ein paar Zipperlein, aber die kann man selbst beheben.

Einige der Ratschläge sind einfach nur zum Schmunzeln. Man stelle sich vor, dass im Wasserbett Bettwanzen hausen. Nicht schön! Aber der Ratschlag Schießpulver auf der Lagerstatt zu verteilen, und es dann auch noch anzuzünden, ruft im besten Falle die Versicherung auf den Plan. 1777 sah man das halt noch anders…

Hilfreicher und zeitlos zugleich ist dagegen der Tipp wie man nüchtern wird. Aber Achtung: Wie alles Gute gibt es auch hier einen Haken. Im „Booke of Pretty Conceits“ aus dem Jahre 1612 wird es genau beschrieben. Hier die Kurzfassung: Den Intimbereich in Essig baden. Soll helfen. Viel Spaß beim Vorspiel und erst recht danach! Dann klappt’s auch wieder mit den Mädels. Wie man die beeindruckt, wurde schon in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts niedergeschrieben. Kleiner Tipp: Tanzen.

Der Autorin gilt der uneingeschränkte Dank all jener, die sich kultiviert durch das moderne Leben schlagen wollen, die ihre Geschichte und Kultur – und die von Anderen – achten und wirklich in Ehren halten. Keine Spinner, die die Vergangenheit verteufeln und als Sinnbild des Schlechten anprangern. Die Autorin kam durch Zufall auf dieses Thema. Beim Stöbern in alten Schriften traf sie auf Ratschläge aus längst vergessenen Zeiten. Als Historikern in Baltimore ließ sie aber das Thema nicht los. Sie startete einen Blog und schon kam die ersten Anfragen zu Sitte und Anstand. Wie anständig, dass sie die hehre Tradition des Buchdruckes nicht in Vergessenheit geraten lässt und die hilfreichsten Tipps in einem, diesem Buch zusammengetragen hat.

Lippen abwischen und lächeln

U1_978-3-87134-177-9.indd

Die (erste) Frage lautet: Ist das Alltägliche buchtauglich? Ja, wenn … der König (mit Rädern unten dran) der deutschen Vokabular-Maximalanwendung sich an Werk macht, dann schon. Und nun das Best of… seiner Texte, die prachtvollsten aus diesem Jahrtausend und ein paar von früher. Jeder Text ein Schenkelklopfer für den aufgeklärten, modernen Leser. Max Goldt zwingt den Leser nicht unbedingt zwischen den Zeilen zu lesen. Er ist da ganz offen. Jeder kann lesen, was er sich ausgedacht hat.

Er legt den Finger in die Wunde der Kleinbürger. Die scheinbar geregelte Welt der Spießer und Möchtegern-Großbürger in Ost und West. Könnten Bienen fliegen, dann wäre dieses Buch die unabdingbare Alternative zum verschnupften Herbstwetter mit all seinen Unbilden. Die Zeiten, in denen „betrunkene Frauen“ per „Kaiserschnitt“ das „schimmlige Brot“ „aus dem Leibe der Erde gerissen“ wurde, sind vorbei. Es überwiegt die Faszination, was man alles aus dem Alltäglichen ziehen kann, um es in Buchform zu veröffentlichen.

Max Goldt ist weit entfernt von Banalitäten. Doch man muss sich auf die Texte einlassen können. Von gesponserten Ausflügen in die Wüste bis zu S-Bahn-Fahrten hat Max Goldt alles in diesem Buch versammelt, was man heutzutage alles machen kann. Und an allem findet er was Spannendes, Berichtenswertes. Er redet von planvoller Zeitvergeudung, Coolness-Handicaps bei Paul McCartney oder redundantem Meinungsausfluss, pardon Meinungsausfluß. Auf das ß legt er besonderen Wert.

„Lippen abwischen und lächeln“ ist nichts anderes als das gesunde, regionale Produkt, das unser eingefahrenes Leben mit einem Schuss gutem Gewissen – endlich mal was Gutes zu lesen – aus dem Angeln hebt. Kleine Appetithäppchen, die schnell süchtig machen. Dieses Buch reicht, um den Herbst zu überstehen. Erst einmal durchlesen, dann Stück für Stück noch einmal lesen und dann noch einmal und … Und nicht vergessen: „Lippen abwischen und lächeln“!

Ein Zimmer im Hotel

U1_978-3-498-07373-2.indd

Na, Urlaub gut überstanden? Erholt? Gut. Und, sind noch irgendwelche Erinnerungen präsent? Von romantischen Sonnenuntergängen, besonderen Erlebnissen, erhabenen Eindrücke. Oder überwiegen immer noch die Unannehmlichkeiten in der Unterkunft? War es zu laut? Zu schmutzig? Das Bett zu hart oder zu weich?

David Wagner erhielt 2013 den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Belletristik für „Leben“, seitdem reist er viel. Und er übernachtet logischerweise im Hotel. Fast scheint es als ob er nicht genügend Zeit hat sich die Städte anzuschauen, und deswegen seinen Fokus auf die Schlafstätten richtet. Wie sind sie eingerichtet? Wie weit kann man im Teppich versinken? Welche anderen Annehmlichkeiten der Heimwehabwehr bieten die Hotels?

Nur wenn die Hotels nicht so viel hermachen (Qualitätsmerkmal Bleistift statt Kugelschreiber als Schreibgerät), lässt er sich von der Umgebung vereinnahmen. Jedes einzelne Hotel ist benannt, inkl. Ortsangabe. Eine Einladung zur persönlichen Inspektion. Im Anhang sind die Besuchsdaten vermerkt.

Nun reist man von Hier nach Da, erlebt so manche Rare oder auch Erwartete. Doch Hotelzimmer studieren zu können, ist nur wenigen vorbehalten. David Wagner nimmt sich die Zeit, um die Unterschiede aus der Masse herauszuschälen. Von wegen Globalisierung! Der Einheitsbrei der Hotelerie trifft nur diejenigen, die mit Scheuklappen durch die Gänge schlurfen. David Wagner hat immer sein Schreibuntensil gespitzt, sei es nun ein Kuli oder ein Bleistift. Er genießt den Luxus des Gastes, Früchte in Hülle und Fülle – oder eben nicht, betrachtet die Wandgestaltung – oder eben nicht, ergötzt sich an der Möbelgestaltung – oder eben nicht. Mal witzig, mal nüchtern zeigt er dem Leser die unterschiedlichsten Logis-Bauten von Oslo bis Turin, von Tartu bis Barcelona, von Peking bis Cambridge.

Wer selbst viel reist, dem kommt einiges bekannt vor. Auf manches wird man erst bei der Lektüre gestoßen. Wer achtet schon auf die Motivwahl der Bodengestaltung?

Egal, ob Whirlpool  in der Junior-Suite oder fehlender Stift im Zimmer – David Wagner bewertet die Unterkünfte nicht. Er stellt fest, freut sich über Kleinigkeiten wie ein Bonbon als Abschiedsgeschenk. Was in dem einen Hotel für einen zufriedenen Gesichtsausdruck sorgt, wird anderswo als normal hingenommen. Was dort fehlt, wird hier nicht als Verlust gewertet.

Dieses kleine Büchlein ist die Bettlektüre für alle Hotelbettenbewohner dieser Welt. Das zum Volkssport verkommene Kritiküben ist für all diejenigen vorüber, die sich an diesem Buch nicht sattlesen können.

Ein Sack Kopfnüsse

ein-sack-kopfnuesse

Autsch, das tat weh! 9. Juli 2006, eine lauschige Sommernacht. Für Zinedine Zidane eine hitzige Nacht. Mit der wohl berühmtesten Kopfnuss setzte sich die Fußball-Legende auch in den Köpfen derer fest, die sonst nicht allzu viel mit Fußball zu tun haben (wollen). Zehn Jahre hat es gedauert bis Kopfnüsse wieder salonfähig wurden, allerdings ohne Schmerzen zu verursachen.

Rätsel zu lösen war schon immer ein besonderer Genuss. Egal welcher Herkunft, welchen Standes man war, des Rätsels Lösung zu finden, gab manch öder Runde den gewissen Kick. Bis heute sind Rätselclubs oder Krimidinner gut besuchte Veranstaltungen. Dieses kleine – nun aber wirklich nicht unauffällige – Büchlein sorgt für so manche Nuss, die es gilt im Kopf zu knacken. Das Knifflige: Die Rätsel haben unterschiedliche Schwierigkeitsgrade, so dass man also nicht vorhersagen kann, ob denn nun ein einfaches oder ein schwieriges Rätsel kommt. Oft ist die Lösung so nah, oft scheint sie nur zum Greifen nah. Die Rätsel reichen von Rechenaufgaben wie die von den neun Goldklumpen, von denen einer unecht und schwerer ist als die Anderen (und man nur zweimal wiegen darf) über die Altersbestimmung eines Leguans bis hin zu logischem Denksport, wenn es darum geht Verhältnisse zu errechnen.

Das Besondere an diesem Buch ist neben den einhundert „diabolischen Knobeleyen“ die besonders liebevolle Gestaltung. Wie ein Schatz aus der Truhe vom Dachboden, die Opi damals von seinen Reisen mitgebracht hat. Ein bisschen angeknabbert, mit vergilbten Klebestreifen und Bildern, die „heute so gar nicht mehr hergestellt werden“. So manche Abbildung erinnert an die Zigarettenbilderalben, die bis heute einzigartig nostalgische Stimmung verbreiten.

Schon das Durchblättern macht einen Riesenspaß. Doch schon bald muss man die ersten Rätsel lösen. Kurz und knackig sind die Kopfnüsse, die die teils exotischen Tiere in diesem Buch dem Mastermind bereiten. Tränen werden fließen, wenn man die Rätsel wieder und wieder durchliest und einfach nicht den roten Faden aufnehmen kann, der das Wollknäuel entwirrt. Keine Angst: Hilfe naht am Ende des Buches. Die Lösungen stehen in einem separaten Heftchen, das in die letzte Umschlagseite eingeschoben ist.

Der Weg zum Schafott

der-weg-zum-schafott

Du sollst nicht töten! Für dieses hehre Gebot bedarf es keiner Religion, sondern „nur“ gesunden Menschenverstand. Und doch betrachten sich eine Minderheit als Richter über den Tod. Allein 2015 wurden eintausendsechshundertvierunddreißig Todesurteile vollstreckt. Aus China liegen keine genauen Angaben vor. Amnesty International geht von einer Zahl über eintausend aus. Was die 1634 sich fast schon verdoppeln lässt.

Der Staat dient dem Wohle den Volkes und der Gemeinschaft. Er erlässt Richtlinien des Zusammenlebens. Rund zwei Dutzend Staaten bzw. deren Vertreter nehmen sich die Freiheit darüber hinaus auch Richtlinien zur Beendigung des Lebens auszuformulieren und umzusetzen. In einer Zeit, in der das Wort Aufklärung fast schon antiquiert klingt, sollten derart kurzsichtige Entscheidungen wie die Todesstrafe (und vor allem deren Umsetzung) eigentlich in der Mottenkiste ruhen. Doch selbst – nach allgemeinem Sprachgebrauch – hoch entwickelte Länder wie die USA vollstrecken in einzelnen Bundesstaaten noch die Todesstrafe. Getreu dem Motto „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ werden statistisch täglich mindestens vier Menschen mit dem Segen des Staates ermordet. Mord, weil ein Vorsatz vorliegt. Es sind Mörder, die zum Schafott, zur Giftspritze, zum Galgen geführt werden. Bis ins vorletzte Jahrhundert waren Hinrichtungen noch Opium fürs Volk. Eine Art Rummelplatz mit einer Niete und mehreren Gewinnlosen.

Doch schon immer gab es mahnende Stimmen, die sich gegen die Barbarei des staatlich sanktionierten Mordes wanden. Dass Angehörige von Opfern (vorschnell) dazu neigen das ihnen widerfahrene Unheil gleichermaßen auszugleichen, ist emotional verständlich, rechtfertigt es aber in keinster Weise.

In diesem Buch kommt Koryphäen der Weltliteratur wie Victor Hugo, Charles Dickens oder Fjodor Dostojewski zu Wort. Hugo gibt einem zum Tode Verurteilten eine Stimme, in dem er dem Leser sein (fiktionales?) Leid klagen lässt. Er weiß um seinen Todeszeitpunkt. Elitär und doch irgendwie auserwählt fühlt er sich dabei gar nicht.

Der italienische Aufklärer Cesare Beccaria – damals war das Wort keine Floskel, eher revolutionär – hatte sich schon Mitte des 18. Jahrhunderts als einer der ersten gegen die Todesstrafe gestellt. Wie aktuell seine Worte heut noch klingen…

„Der Weg zum Schafott“ ist keine Anklage, es ist Argumentationsgrundlage und –hilfe für alle, denen Tötungsdelikte, besonders von staatlicher Seite, gegen das Gewissen gehen. Charles Dickens Briefe an den Herausgeber der Daily News und die Erzählung von William Thackeray (beide aus den 40er Jahren des 19. Jahrhunderts) wurden für dieses Buch erstmals ins Deutsche übersetzt. Es keimt kein Hass beim Leser auf. Es ist ein zustimmendes Kopfnicken, gefolgt von einem verständnislosen Kopfschütteln. Zustimmung für die Argumente der Gegner und Kopfschütteln darüber, dass es immer noch Kleingeister gibt, die meinen, dass mit dem „Kopf ab“ alle Schuld gesühnt ist. Ein nützliches Buch, ein hilfreiches Buch, ein wichtiges Buch!

Die Fahrt der Beagle

die-fahrt-der-beagle

Man stelle sich eine Weltreise vor: Karneval in Rio, Steaks essen in Buenos Aires, Badeurlaub im Pazifik, Whale watching in Kapstadt. Ja, das wär’s! Zumindest in heutiger Zeit. Doch vor knapp zweihundert Jahren waren Reisen auf dem Meer ein echtes Abenteuer. Ob man heil wieder zurückkam, war ungewiss. Die Unbilden des Meeres stellten ein unvorhersehbares Risiko dar und Reiseapotheken waren auch noch nicht so verbreitet. Reiseberichte würden heute in digitaler Form erscheinen. Jeder ist jederzeit live dabei, wenn Berge bezwungen werden, am Strand eine Kokosnuss geöffnet wird oder man vor aufdringlichen Straßenhändlern fliehen muss.

Damals, 1831 bis 1836, war das noch anders. Charles Darwin war gerade zweiundzwanzig und auf dem Weg zu einer Reise, die bis heute für Aufsehen sorgt. Zwei Jahre wollte er um die Welt segeln. Forschen. Es wurden fünf Jahre und er legte den Grundstein für Theorien und wissenschaftliches Arbeiten, auf dem heute noch gebaut werden kann.

Diese reichbebilderte, exzellent illustrierte Neuausgabe des Tagebuchs des großen Forschers fasziniert ab der ersten Seite. Wuchtig liegt es in der Hand. Schwer auszubalancieren, doch die Mühe lohnt sich. Auf seiner zweiten Expedition mit der HMS Beagle führte Charles Darwin pedantisch Tagebuch. Und das erlaubt uns heute schmunzelnd und staunend zugleich einen Blick in die Vergangenheit zu werfen.

Für damalige Verhältnisse kam das Buch einer Revolution gleich. Die von ihm beschriebenen Tiere waren nur wenigen bekannt. Ganz zu schweigen von den Eigenheiten der Tiere. Wo genau leben sie? Wie werden sie gefangen? Welchen Nutzen haben sie für den Menschen? Selbst heute sind noch viele Fragen offen – oder schon wieder?!

Auch der Kapitän der Beagle hat seine Eindrücke damals in einem Tagebuch festgehalten. Auszüge daraus bereichern die Ausführungen des Evolutionstheoretikers Darwin. Zahlreiche Aufnahmen der besuchten Orte, von Flora und Fauna, Skizzen und authentische Fotografien sind Zeitzeugen, die die Faszination Darwins für seine Arbeit hervorheben.

„Die Fahrt der Beagle“ ist der Beweis, dass Reisereportagen anno dazumal nicht weniger spannend waren als heute. Im Gegenteil. Als Vorbereitung gab’s, wenn man Glück hatte, nur Augenzeugenberichte. Keine Reisebände, keine Reisereportagen. Fast wähnt man sich in Kindertage zurückversetzt, als man bei Oma und Opa auf dem Schoß saß und gebannt den Märchen lauschte. Diese Märchen sind echt. Mit jeder Faser seines Körpers stürzte Darwin sich in die wissenschaftliche Arbeit und nicht minder in die Aufzeichnungen. Die Illustrationen sind nicht als Erläuterung der schwer verständlichen Texte zu verstehen. Darwin besaß außer seinem Forscherdrang auch die Gabe andere mit Worten in seinen Bann zu ziehen. Nein, die Abbildungen sind die Gewürzmischung, die diesem Buch erst den richtigen Geschmack verleihen.

Metropolis – Die Stadt in Karten

metropolis-die-stadt-in-karten

Städtereisen haben als eigenständiges Segment des Tourismus durchgesetzt. Mal eben schnell nach Amsterdam – kein Problem. Ein (verlängertes) Wochenende in Paris gehört schon fast zum Standard. Doch so neu wie immer behauptet wird, sind diese Reisen gar nicht. Schon vor tausenden von Jahren reiste man nach Tenochtitlan, Aden oder Damaskus. Ganz ohne technische Hilfsmittel. Die waren, wenn überhaupt vorhanden, nicht mobil. Die Rede ist von Karten, Stadtplänen.

Jeremy Black reist auch, und zwar durch die Jahrhunderte, ja sogar Jahrtausende. Seine ersten Ziele stehen heute kaum noch in den Programmen der Reiseveranstalter. Denn die Städte, die er kartographisch bereist, sind versunken. Manche wortwörtlich, manche wurden ausradiert, manche sind nur noch rudimentär wahrnehmbar. Einzig allein Karten zeugen von einstiger Größe – und der Fertigkeit ihrer Erschaffer.

War das Zentrum der Welt vor vier- bis zweitausend Jahren noch viel weiter im Osten, so verschob sich dieses mit dem römischen Reich nach links (auf den Karten zumindest, jeder Geographielehrer schlägt jetzt die Hände über dem Kopf zusammen: „Das heißt nach Westen!“). Erstaunlich an dieser Aussage ist jedoch, dass es schon so lange Karten gibt. Kunstvoll sind sie, ein wenig unpräzise, aber durchaus brauchbar. Und vor allem hübsch anzusehen. Sizilien als Oval mit Palermo als Kreis in der oberen (nördlichen) Hälfte. Mit so einer Karte könnte man heute nicht mehr viel anfangen. Aber warum auch? GPS im Smartphone, Reisebände in gedruckter oder digitaler Form ersetzen die detaillierten Karten.

Wer sich die Mühe macht und die alten Karten einmal genauer betrachtet, wird überrascht sein, wie viel von damals heute noch zu bestaunen ist. Beziehungsweise wie lange die vorhandenen Strukturen den Veränderungen der Stadtplaner getrotzt haben.

Städte waren seit jeher Sammelpunkte des Fortschritts. Hier wurde Politik gemacht, der Lauf der Welt beeinflusst. Schon lange bevor in Europa der Begriff Zivilisation von Bedeutung war, gab es in China schon Städte mit über eine Million Einwohner. Seite für Seite wird der Leser durch die Jahrhunderte geführt. Eine Karte prachtvoller als die andere! Die dazugehörigen Texte verwandeln den Betrachter in einen echten Experten für Geschichte und Kartographie. Phantasien und Vision (Fritz Langs „Metropolis“ gehört genauso zum Stoff wie eine ungewöhnliche Karte der siebzehn Provinzen der Niederlande in Form eines Löwen) finden hier ebenso Gehör wie fast schon nostalgisch anmutende Stadtansichten von Florenz.

Die beeindruckenden Abbildungen, gepaart mit den kenntnisreichen Absätzen zu deren Bedeutung machen „Metropolis – Die Stadt in Karten“ zu einem besonderen Band, den man sich gern immer mal wieder aus dem Regal holt. Wer als Kind gern in Opas Schrank herumschnüffelt und auf Karten mögliche Routen mit den Fingern nachzog, wird an diesem Buch seine bislang ungestillte Freude haben.

Rettet das Spiel!

Huether_Quarch_RettetdasSpiel_P10.indd

Dieses Buch ist nicht der gedrucktee Beitrag zur Spaßgesellschaft! So viel schon mal vornweg. „Weil Leben mehr als funktionieren ist“, lautet der Untertitel. Das lässt einen erstmal nachdenklich werden. Oft, viel zu oft, hört man, dass der Job Spaß machen muss. Oder man wird gefragt, ob einem dieses oder jenes Spaß macht oder Spaß gemacht / gebracht hat. Erzählen Sie mal Ihrem Chef, dass alles Spaß macht. Der denkt doch gleich Sie wären nicht ausgelastet.

Das Gegenstück sind die Aussagen meist viel zu junger Menschen, für die es eine Ehre war dieses oder jenes tun zu dürfen. Sie sind stolz auf das Erbrachte. Und man sitzt kopfschüttelnd vor der Glotze und denkt sich: „was hat der nur? Dafür wird er bezahlt! Das ist sein Job!“, nicht mehr und nicht weniger. Ehre und Stolz – weil es in der Vergangenheit nicht so viele Missverständnisse und Missdeutungen dieser Begriffe gegeben hätte – sind kaum Begriffe, die in den Alltag gehören.

Der Neurobiologe Gerald Hüther und der Philosoph Christoph Quarch fordern nun, nach Schillers Credo mehr Spiel im Leben. Allerdings nicht in einer Art, die den Verdacht aufkommen lassen, dass das Buch irgendwann auf dem Krabbeltisch der Supermärkte verramscht werden könnte.

Schon Friedrich Schiller erkannte die weitreichenden Dimensionen des Spiels. Dann, und nur dann, wenn also der Mensch spielt, entfaltet er sein Potenzial. Schon seit Längerem IT-Firmen speziell nach ausgebufften Spielern, die in ihrer Freizeit in Onlinespielen vertrackte Situationen zu meistern wissen. Was nun aber nicht heißt, dass jeder Onlinegamer das Zeug zum Superarbeiter oder Supermanager hat. Wer sich voll und ganz entwickeln kann, selbst Strategien entwirft, kommt irgendwann zu der Erkenntnis, diese Denkweisen auch im Alltag oder Arbeitsleben anzuwenden. Eine völlig neue Generation von Mitarbeitern entsteht. Doch auch deren Aufgabenfeld ist begrenzt. Wer den Anschluss verpasst, bleibt zurück.

Inseln der Lebendigkeit nennen die beiden Autoren den Weg zum Spiel und somit zur Zufriedenheit. Doch Vorsicht, auch hier lauern Gefahren. Wer nicht aufpasst, gerät auf die schiefe Bahn. Soll heißen, wird schrittweise in einen Bann gezogen, dem er schwer wieder entkommen kann. Abhängigkeiten, Beeinflussungen, Missbrauch lauern überall. Das Duo Hüther / Quarch gibt auch hier Ratschläge wie man den Fallen der Verlockungen aus dem Weg gehen, sie sogar beseitigen kann.

„Rettet das Spiel!“ ist ein nachdenkliches, aber auch aufrüttelndes Buch, das dem Leser neue Perspektiven des Erlebens zeigt. Nicht immer kann alles von jedem angenommen werden. Gut so! Denn Gleichschaltung ist der Tod des Einzelnen. Und somit auch des Glücks. Geschickt vermeiden die beiden Autoren es ihr Buch als Glücksratgeber anzupreisen. Den gibt es nicht, und wer anderes behauptet, hat den Sinn des Spiels nicht begriffen…

Keine Angst, „Rettet das Spiel!“ ist kein weiterer Spaßratgeber, der den einfachsten Weg zum Erfolg propagiert, und Umwege verteufelt. Wer den Nachwuchs betrachtet, stellt schnell fest, dass der nicht gleich nach dem Klaps auf den Allerwertesten die Schulbank drückt und Lebensstrategien paukt. Durch Ausprobieren, ja Spielen bewältigen Kinder ihre Wissensdefizite. Und von Stress sind sie meilenweit entfernt.

Beide Autoren beschäftigen sich nicht seit den Recherchen zum Buch mit den Themen Philosophie und Lebenskunst im Alltag.