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Verlassene Orte in Berlin

Blut spritzt, Knochen splittern – das tut weh. Farbe blättert, Putz bröckelt, Scheiben klirren – das hat Charme. Metropoler shabby chic mitten unter uns. Berlin ist die Metropole des Schauderns – Ciarán Fahey zeigt Berlin wie es sich Berlin Touristen nicht vorstellen können. Und doch gibt es mehr als genug Neugierige, die dem Charme des Verfallenen nicht widerstehen können. So wie der Autor.

Er kraucht dort hinein, wo man sich schmutzig macht. Wo man sich die Hosen zerreißt und vielleicht auch die eine oder andere Schramme holt. Und er erhellt das Dunkel der Vergangenheit, in dem er zum Beispiel die Bärenquell-Brauerei ihres letzten Geheimnisses beraubt. Nämlich dem wie es heute um die einstige Hopfentränke bestellt ist. Ein gelinde gesagt staubiger Eindruck. Als ob hier von einer Minute die Feierabendsirene ertönt wäre und man vergessen hätte wieder zur Arbeit zu erscheinen. Wo vor hundert Jahren noch – sogar werktags – geschwoft wurde, hätte selbst die beste Feuchtigkeitscreme keine Chance die Risse in der Fassade glattzubügeln. Das Ballhaus Grünau ist heute nur noch annähernd ein Schatten seiner selbst.

Mit detaillierter Versiertheit beschreibt er die Orte, die einmal Großes darstellten und heute aus den verschiedensten Gründen den Naturgewalten anheimfallen (gelassen werden).

Verlassen? Ja! Vergessen? Nein! Dank Ciarán Fahey. Der irische Autor geht auf die Knie vor den erhabenen Bauten und robbt sich vor ins Innere der meist abgesperrten Hinterlassenschaften aus Urgroßmutters Zeiten. Wer heutzutage bei Siemens die S-Bahn verlassen will, landet im Nirgendwo. Siemensbahn – die Geisterstationen von Siemens‘ verlassener S-Bahnlinie heißt das Kapitel, das – genau wie der Rest des Buches – eindrucksvoll beschreibt wie der Zahn der Zeit an Plattform, Handlauf, Dach und Informationstafeln genagt hat. Rost ist keine Farbe, sondern eine Lebenseinstellung, scheinen einem Text und Bilder entgegen zu schreien. Und doch gedeiht hier noch oder schon wieder Pflanzen. Die Natur gibt, die Natur nimmt. Was schon einmal samtzart das Auge berührte, wirkt gegenwärtig wie pubertierende Akne auf verwelkter Haut.

Man riecht den Moder und die Verwesung, sieht aber das Potential der abgebildeten Objekte und schnauft tief durch. Warum nur findet sich niemand den Reiz der Vergangenheit noch einmal zu alter Blüte zu verhelfen? Waschbären als Hüter des Augenblicks, Graffitis als Boten der Moderne, Schrottautos als stillgelegter Protest gegen das Vergessen?

Dieses Buch ist ein reiseband der besonderen Art. Kein Aufforderung Grenzen zu überschreiten. Wohl aber ein gedrucktes Mahnmal für den Erhalt der eigenen Geschichte.

Zeitfieber

Höchste Zeit, dass mal jemand ein Buch darüber verfasst. Und nachdem Simon Garfield sich mit Briefen und Karten auseinander gesetzt hat, nimmt er sich nun dem umfangreichen Thema Zeit an. Ja, Zeit … ähm, was kann man dazu schon groß sagen? Habe ich oder habe ich nicht! Bin ich in Eile oder lass den Tag so an mir vorüberziehen. Jaaa, der Ansatz ist nicht schlecht. Doch Simon Garfield wäre mit seiner Sicht der Dinge der Liebling aller Journalistikdozenten auf der ganzen Welt. Eine Überraschung jagt die Andere! Versprochen!

Simon Garfield fängt mit einem Unfall an. Als er mit seinem Sohn vom Saisoneröffnungsspiel von Chelsea gegen Leicester (vor der fulminanten Meisterschaft der Foxes) mit seinem Sohn nach Hause radelt, stößt er mit einer Passantin zusammen. Und was hat das mit Zeit zu tun? Muss er sehr lange auf die Ambulanz warten? Vor seinem geistigen Auge läuft der Unfall noch einmal in Zeitlupe (!) ab. Das war der Ursprung dieses Buches.

Von nun an sprintet der Autor durch die Geschichte, hangelt sich von Fakt zu Fakt, von Anekdote zu Anekdote. Er erzählt von rasanten Zugfahrten und Fahrplänen, die von nun an unser Leben bestimmen. Und kramt so manch wunderliches Ding aus der Klamottenkiste. Wer weiß schon noch, dass die Französische Revolution fast mehr Einfluss auf unser Leben gehabt hätte als sie es ohnehin schon hat? Ganz eifrige Köpfe wollten den Tag in zehn Stunden unterteilen. Die ersten Uhren wurden schon in Auftrag gegeben. Diesen Gedanken muss man erst mal auf sich wirken lassen …

Und weiter geht’s. Beethoven – Musik – LPs – CDs. Eine logische Kette. Beethovens Neunte ist je nach Laune des Dirigenten so um die vierundsiebzig Minuten lang. Passt also genau auf eine … CD. Und das nur, weil der Sony-Chef, der die Entwicklung der CD vorantrieb, dieses Stück so liebte. Eine LP konnte pro Seite nur 22 Minuten fassen. Im Radio haben die meisten gespielten Lieder eine Länge von drei Minuten, maximal dreidreißig. Radio Edit nennt man das dann. Und viele Nachrichtenchefs sind immer noch der Meinung, dass Nachrichten im Radio nach Einsdreißig beendet sein müssen. Mehr verkrafte der Hörer nicht.

Die Zeit, sie rennt, und sie bestimmt unseren Alltag. Stimmt nur fast. Denn wir selbst halten uns an den Messgeräten fest als ob es um unser Leben ging – das ja bekanntlich auch endlich (und vor allem messbar) ist. Die Zeit kann stillstehen – symbolisch und auch nur für einen Moment. Ein Schnappschuss kann ein Zeitzeugnis sein. Aus Gründen der Zeitersparnis werden SMS und Twitter-Nachrichten mit Abkürzungen verfasst. Bei der Arbeit werden exakt die Ankunftszeit und das Arbeitsende festgehalten. Zeitlose Mode ist eine Erfindung der Macher. Ach man könnte so viel über die Zeit schreiben, um selbige sinnvoll zu nutzen. Simon Garfield hat dies getan. Die Zeit vergeht wie im Fluge, mit einem Lächeln oder einem Staunen im Gesicht liest man die über dreihundert Seiten. Immer wieder stockt man, runzelt die Stirn, blättert noch einmal zurück, will dass das Buch nie endet.

Luxemburg – Das einzigartigste Großherzogtum der Welt

Kennen Sie Luxemburg? Ja, das ist das kleine Land im Westen, das von Frankreich und Belgien an Deutschland gedrängt ist. Geographisch gesehen ist nichts einzuwenden. Doch die Frage war ja nicht wo liegt Luxemburg, sondern, ob Sie es kennen? Also nein! Gut. Aber schon mal davon gehört?! Klar, immer wenn es in den Nachrichten um Europa geht. Gähnende Langeweile, dieses Europa. Urlaub ohne Geldtauschen – mehr fällt einem dazu nicht ein. Und zu Luxemburg? Ähm, … die Hauptstadt heißt wie das ganze Land. So wie in Mexiko. Dort ist es toll. Und warm. Und das Essen ist scharf. Stop! Wir schweifen ab. Ja Luxemburgs Hauptstadt heißt Luxemburg. Und weiter! Nichts!

Okay, etwas übertrieben! Ein Mauerblümchendasein fristet das 83 mal 57 Kilometer große Luxemburg ist sehr wohl im Bewusstsein der Europäer angekommen. Schon länger. Aber so richtig viel weiß man trotzdem nicht. Auch gibt es exzellente Literatur über unseren „kleinen Nachbarn“. Jeder ein Kleinod für sich. Doch Land und Leute lernt man nicht in einem Bildband kennen. Die Sehenswürdigkeiten werden in Reisebänden nur gestreift.

Hier kommt Abhilfe: „Luxemburg das einzigartigste Großherzogtum der Welt“. Klingt mutig. Zumal es von dieser Art nicht viele gibt. Genau genommen gibt es nur ein Großherzogtum. Platz Eins ist insofern schon mal sicher!

Auch dieses Buch kann sich berechtigte Hoffnungen machen die Charts der Luxemburgensia zu erklimmen! Ein buntes Potpourri an schrägen Geschichten, echten Hinguckern und messerscharf beobachteten Eigenheiten des Landes wurde hier von den Autoren zwischen zwei Buchrücken, nicht gepresst, sondern verführerisch dargeboten. Wehrhafte Burgen werden hier gleichermaßen angepriesen wie kleine Dörfer, deren Einwohnerzahl locker an einer Hand abzuzählen ist. Die Einzigartigkeit eines Zoos ist mindestens genauso wichtig wie ein Interview mit Désirée Nosbusch, dem charmanten Exportschlager aus der einflussreichen Medienszene. Apropos Zoo. Der Verlag capybara books, der dieses Buch komplett verantwortet, hat hier zwar nicht seinen Ursprung, dennoch ein ganz enge Verbindung zu einigen Bewohnern.

Sportlich ist Luxemburg nur selten, in jüngster Vergangenheit eher zweifelhaft in Erscheinung getreten. Man denke nur an die Vöckler-Pedalritter. Im Fußball ist Jeunesse Esch eifrigen Ergebnis-Fetischisten ein Begriff. Willkommener Erstrundengegner, denn der Seriensieger in Luxemburg spielt international eine eher untergeordnete Rolle. Aber ein schickes Stadion haben sie hier, um das sie so mancher beneidet. Die Bergarbeiter bestimmten von jeher hier das Bild. Trist kam dieser Landstrich daher. Heute, die Bergwerke haben noch historischen Wert, abgebaut wird hier schon lange nichts mehr – außer ein paar Pfunden beim Bocciaspielen – ja heute, ist es hier bunt und lebendig. Fast schon südländisch. Die Italiener haben hier ihren Einfluss geltend gemacht. Bis hin zum Wappen des Fußballvereins Jeunesse. Schwarz und Weiß – wie Juventus Turin.

Man kann es Mulitkulti nennen. Oder den gelebten europäischen Gedanken. Wer Luxemburg als langweilig bezeichnet, kennt weder Land noch dieses Buch. Über 250 Seiten Appetitmacher auf ein Land, das sich immer noch schwertut eine eigene Identität zu definieren, aber so unglaublich abwechslungsreich ist, dass die geringe geographische Größe dem staunenden Auge ein Schnippchen schlägt.

Und wenn man das Buch mehrmals gelesen hat, kann man die Eingangsfrage auch ganz leicht beantworten: „Ja, ich bin ein Zapper!“ Was das ist? Schauen Sie ins Buch!

Leonardos Maschinen

Leos Werk hat man nie ganz für sich alleine. Zumindest, wenn man Leonardo da Vinci auf die Mona Lisa und den gleichnamigen Code bezieht. Doch damit würde man weder sich noch dem Kopf dahinter auch nur annähernd gerecht werden. Jede Epoche hatte ihren Leo, die Gegenwart Leonardo DiCaprio und die Renaissance eben Leonardo da Vinci. Beide haben gemein, dass sie schon zu Lebzeiten legendär waren und Spitzenpreise für ihre zu erbringenden Arbeiten aufrufen konnten. Was beide übrigens auch taten bzw. noch tun.

Der Leonardo der Renaissance kann ohne Wenn und Aber als das letzte, wenn nicht sogar das einzige Universalgenie betitelt werden. Gemälde, Werkzeuge, Verteidigungsanlagen, Fluggeräte und so weiter – da hat der Mann aus Vinci seine Finger im Spiel gehabt. Er diente unterschiedlichen Herren und war doch immer auch ein Stück weit unabhängig.

Die Skizzen, die für dieses Buch „auf Brauchbarkeit“ unter die Lupe genommen wurden, sind nicht selten schwer zu entziffern. Sind die Forscher aber erst einmal hinter das Geheimnis gestiegen, offenbaren sich wahre Schätze der Naturwissenschaft. Die berühmte Brücke, die in Teambuilding-Seminaren gern mal als Paradebeispiel herhalten muss, ist nur ein Teil einer für die damalige Zeit (wir sprechen hier vom Ende des 15. Jahrhunderts) eine echte Revolution: Eine Drehbrücke, mit der man flexibel Flüsse überwinden konnte. Denn genau diese Brücke war mobil. Eine leichte Konstruktion, die unter schweren Lasten nicht zerbarst. In Kriegszeiten, und zu dieser war in Italien immer irgendwo eine Fehde im Gange, ein nicht zu unterschätzender Vorteil. Man stelle sich vor, Leonardo da Vincis Idee vom Hubschrauber wäre damals schon umsetzbar gewesen…

Doch auch für Verteidigungszwecke setzte der stets umtriebige Forscher seine schier unendliche Neugier ein. Er entwarf eine für ideale Festungsanlage. Zu dieser Zeit lebte und arbeitete er bereits in Mailand, das um 1508 zu Frankreich gehörte. Nach den Borgias und den Sforzas bekam er seine Order nun aus Paris. Ballistische Studien, Erforschung von Handfeuerwaffen und Geschützen gingen der Konstruktion voraus. Wuchtige, abgeschrägte Mauern waren das Grundgerüst dieser Ideenspielerei.

Ihn als Günstling der Herrscher und Kriegstreiber zu bezeichnen, wäre wiederum falsch. Denn auch als Konstrukteur von Kanalbaumaschinen, Drehkränen, als Architekt von Bühnenbauten, ja sogar Musikinstrumenten tat sich der Meister hervor.

Was dieses Buch so besonders macht, sind die Versuche die Skizzen aus dem 15. Und16. Jahrhundert in die Gegenwart zu transformieren. Anhand der Aufzeichnungen wurden aufwändige 3D-Modelle am Computer zu entwerfen. So hält der Leser das Beste aus der Technikgeschichte des vergangenen halben Jahrtausends in den Händen. Leonardo da Vinci könnte zurecht stolz darauf sein.

Mann im Zoo

Ein Besuch im Zoo bewegt, regt an, macht etwas mit einem. Das ist unbestritten, vor allem für diejenigen, deren Kinder sich von nun an Tiere im Haushalt wünschen. Kinder sind so leicht zu beeinflussen, sind so schnell vereinnehmbar für neue Ideen. Kinder? Nur Kinder?

John Cromartie ist mit seiner Liebsten Josephine Lackett auch zu Besuch im Zoo. Die Stimmung ist etwas gedrückt, weil er ihr etwas zu altmodisch, zu fordernd, so besitzergreifend ist. Er kann das natürlich überhaupt nicht verstehen. Schließlich ist er der Herr. Und während sie so an Affen, Wölfen, Dingos und allerlei anderem Getier vorbeischlendern, ziehen dunkle Wolken am Firmament der Zweisamkeit auf. In Josephines Augen wird John immer animalischer, nicht im guten Sinn.

Alles ganz normal bis hierhin. Ein Paar im Zoo im gesunden Streitgespräch. Doch John Cromartie treibt es – aus Boshaftigkeit, aus falsch verstandenem Ehrgefühl, aus überzogenem Rollenverständnis? – auf die Spitze. Er will, wo er doch schon mal hier ist, Teil der Exponate sein. Die Zoologische Gesellschaft, die den Zoo ihr Eigen nennt, findet er großartig. Wo findet man auf so kompaktem Raum diese geballte Vielfalt der Fauna? Nur ein Exemplar vermisst der junge Mann, den homo sapiens. Er selbst, 27 Jahre, einsachtzig hoch, und knapp anderthalb Zentner schwer, schottischer Abstammung, würde sich gern zur Verfügung stellen. Ja, John Cromartie will als Mann im Zoo …

Der erste Big-Brother-Roman der Welt. Ein Mann geht in den Zoo, wird angegafft, nur mit dem Unterschied, dass der Zuschauer dem Objekt der Begierde gegenübersteht. So wie Josephine ihrem John. Doch der muss sich erst einmal in der neuen Rolle zurechtfinden, es sich überhaupt erstmal eingestehen, dass er sich in einer völlig neuen, unbekannten Situation befindet. Schadet es der Liebe der beiden oder macht die Verrücktheit Johns beide stärker?

„Mann im Zoo“ ist es ein (sa)tierisches Lesevergnügen. Immer wieder blättert man einige Seiten zurück, um sich noch einmal vom Ideenreichtum des Autors berieseln zu lassen. David Garnett ist der Meister des human-animalischen Genres. Gern schubst er seine Helden in die Tierwelt. Und der Zuschauer bzw. Leser erlebt hautnah (fellnah?) wie man sich als Mensch in der Fauna fühlt. Trennung als Chance für Gemeinsamkeit? John und Josephine lieben sich – das versichern sie sich, vielleicht zu oft, verbal. Was passiert, wenn man sich nicht mehr necken kann? Physische Barrieren die Verbindung stören? John und Josephine wagen das Experiment. Der Zoo hat eine Attraktion mehr. Wer wird wohl gewinnen? Wird und muss es überhaupt einen Gewinner geben?

Gauner, Großkotz, kesse Lola

Erinnern wir uns. Gehen zurück in den Jahren. Vielleicht Jahrzehnten. Ein ganz normaler Wochentag. Vormittags. Was haben wir gemacht? Wir saßen in der Schule. Vorn, vor der Tafel, stand der Lehrer und versuchte gebetsmühlenartig den Lehrstoff in uns reinzustopfen. Und hat’s was gebracht? Das muss jeder für sich selbst entscheiden. Doch jede Schule, jeder Schüler hatte einen Lehrer, der kein Lehrer war. Zu ihm ging man gern in den Unterricht. Denn – und das erkennen viele erst später – er hatte eine Berufung. Er kannte sehr wohl den Lehrstoff. Von seinen Kollegen unterschied ihn die Tatsache, dass er es irgendwie schaffte alle in seinen Bann zu ziehen ohne das Lernziel aus den Augen zu verlieren. Lernen konnte auch Spaß machen!

Wer im Fremdsprachenunterricht immer nur Vokabeln pauken musste, ohne diese jemals richtig anwenden zu können, konnte keine Verbindung zur Kultur dieser Fremdsprache aufbauen. Buch – book, Mutter – matj, Auge – Mund – bouche. Und weiter? Wenn dann ein Lehrer Sketche aufführen ließ, witzige Anekdoten einflochte, durfte er sich ein „i“ an den Nachnamen hängen. Aus Herrn Schmidt wurden das eben „Schmidti“. Die höchste Ehre für einen Lehrer.

Christoph Gutknecht wurde sicher auch oft „Guti“ genannt. Er war Professor am Institut für Anglistik und Amerikanistik der Uni Hamburg. In diesem Buch zeigt er kurzweilig und kenntnisreich den Einfluss des jiddischen in der deutschen Sprache auf. Denn vieles, was das tagein tagaus unseren Mund Richtung Gegenüber verlässt, hat gar keine deutschen Wurzeln, sondern jiddische, hebräische, aramäische. Pustekuchen wird der eine oder andere jetzt sagen, und führt seine eigene Überzeugung postwendend ad absurdum. Denn dieses amuse gueule hat seinen Ursprung nicht zwischen Elbe und Donau. Es hat eine wahre Odyssee hinter sich, bis es endlich seine Wurzeln im Jiddischen, Hebräischen freilegen durfte. Poschut (die „Puste“ im Pustekuchen) heißt „weniger“ und „kochem“ (der „Kuchen“) stammt von klug.

Nun lässt sich das Jiddische nicht so einfach erlernen wie der Vokabelteil eines Englischbuches. Erst wenn man das neu erlernte Wort – in diesem Fall das „wieder erlernte Wort“ – in verschiedenen Situationen erlebt hat, kann es seine gesamte Pracht entfalten. Christoph „Guti“ Gutknecht hält dafür eine Vielzahl an Anwendungsbeispielen parat. Kurz und knapp fegt er über die Bücherseiten, die bereits beschrieben wurden und fügt zusammen, was zusammen gehört. Kein Tinnef wird für Zoff sorgen. Liebevoll, teils kess wünscht er dem Leser bei seiner Lektüre Hals- und Beinbruch, auf dass er keinem Sprach-Gauner auf dem Leim geht. Wer ganz genau hinsieht, kann nach dem Genuss des Buches viel besser mosern. Und das wiederum ist eine typisch deutsche Marotte!

Mit dem Schiff durch Berlin

Es gibt viele Gründe nach Berlin zu fahren. Die Weltläufigkeit, die unbegrenzte Möglichkeit zum Shoppen, die Architektur, das Angebot an Konzerten. Doch Berlin als Schiffsmetropole zu betrachten, das ist ungewöhnlich. Nur auf dem ersten Blick! Denn Berlin ist von Wasserstraßen durchzogen wie kaum eine andere Stadt in Deutschland.

Armin Gewiese und Ulrike Dömeland nehmen den Leser mit auf eine kapitale Hafenrundfahrt. In Zahlen heißt das: Rund 60 km² Berlin sind vom Wasser erobert, die Uferlängen aller Gewässer sind fast doppelt so lang wie das S-Bahnnetz, und einer der größten Exportschlager der Welt wurde vor 125 Jahren auf dem Dampfer Hertha gegründet.

Von Kladow bis Erkner, von Krampenburg bis Tegel/Greenwich Promenade, vorbei an Hauptbahnhof und Schlossbrücke – janz Berlin liegt uffm Wasser. Zumindest am Wasser. Und es gibt auch überall was zu sehen! Museen, die Museumsinsel ist nur eine Augenweide, extravagante Illuminationen, Schlösser … und das Beste ist, dass lästige Parkplatzsuche keine Zeit mehr vom Besuch der Stadt abknabbern kann. Möglichkeiten zum Aussteigen und Besteigen der Schiffe gibt es zuhauf, um Berlin und Umgebung (wie zum Beispiel das architektonisch wie technisch einzigartige Schiffshebewerk Niederfinow) zu erkunden.

Kleine Karten erleichtern die Orientierung und am Ende des Buches geben die Autoren Tipps zur Hungerbewältigung an Havel, Spree, Dahme, Landwehrkanal, Teltowkanal, Müggelsee, Tegeler See, Seddinsee sowie Adressen von Kreuzfahrtveranstaltern, Reedereien und An- und Ablegestellen.

In den informativen Kapiteln kann man als Leser Berlin nicht schon „schon mal kurz vorher“ kennenlernen. Immer wieder lassen Bilder dem Leser das Wasser im Munde zusammenlaufen, was er beim nächsten Berlintrip alles erleben kann. Berlin, die Stadt, die sich immer wieder neu erfindet, arm aber sexy ist, urbanen Charme mit Modernität wie kaum eine andere zu verweben versteht, mal anders. Keine Touren für diejenigen, die schon alles gesehen haben, sondern eine echte Neuentdeckung der Hauptstadt.

100 Fingerfoods

Der Titel nimmt es vorweg: Zehnmal die Finger an beiden ablecken – so ergeht es dem Leser und leckermäuligen Nachkocher! War es bis vor wenigen Jahren noch so, dass man mit Fingerfood niemand hinter dem Ofen bzw. an den Tisch locken konnte, so ist Fingerfood heute ein eigenständiges Genre. Die Zeiten von Resteverwertung auf mehr oder weniger hohem Niveau sind passé!

Sebastian Schauermann führt den Leser in eine Welt, eine Essenskultur, die durch Geschmack, Raffinesse und mit viel Liebe zum Detail zu verzaubern mag. Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt. Ob vegetarisch, vom Vieh, aus dem Meer, vom Grill, süß oder herzhaft, Großes ganz klein – in diesem Buch findet jeder was!

Auch Salat kann als Fingerfood gereicht werden. Ganz einfach und doch erstaunlich. Pfifferlingssalat: Schalotten, Olivenöl, Essig, Parmesan, Lauch, Butter, Tomate, Petersilie, Haselnüsse und ein Salatherz. Hat jeder in der Küche, die Pfifferlinge sind Saisonware. Schon das erste Rezept macht Appetit auf mehr, also weiterblättern. Die Schicksalszahl Dreizehn ist da schon etwas aufwändiger. Vegetarische Fritters mit Apfel-Karotten-Chutney. Das erste Viertel wird mit Tiger Cheeks, Ceviche aus Dorschbäckchen mit „Tigermilch“ abgeschlossen. Und bei der Hälfte gibt es Regenbogenforelle, Baconmarmelade (kein Schreibfehler!), Eiercreme und Senfblätter.

Wer gern isst und gern kocht, könnte auf die Idee kommen die Leibgericht einfach etwas kleiner zu gestalten und voilá!, schon hat man Fingerfood. Das würde allerdings dem eigenen Anspruch nicht genügen. Es gehört schon einiges mehr dazu einen Abend mit ansprechendem Fingerfood zum Erfolg zu führen.

Die meisten Zutaten sind bekannt und in der Regel sofort verfügbar. Die Raffinesse der hier vorgestellten Fingerablecken verursachenden Gulliveresken erhalten ihren besonderen Kick durch Beigaben, die frisch besorgt und verarbeitet werden müssen. Darin unterscheidet sich die Kunst der Fingerfoods in Nichts von ihrer „großen Küchenschwester“.

Fingerfood mit einem Happen runterzuschlingen, ist dem Hungrigen vorbehalten. Es zu genießen, als gleichwertiges Mahl zu betrachten, ist vielen noch fremd. Sebastian Schauermann ist der kundige Reiseleiter durch das oft unbekannte Land der gesunden, frischen, Häppchenküche.

Es ist eine Kunst Genuss und Heißhunger so gekonnt zu verbinden, dass die Auswahl den Esser nicht erschlägt und immer noch Appetit besteht, wenn der Abend mit dem Festmahl schon einige Stunden alt ist. Immer wieder wird nachgereicht, Neues und Bekanntes gehen Hand in Hand in der Hand in den Mund, Geschmacksexplosionen inklusive!

Kurtisanen, Konkubinen und Mätressen

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Endlich ungeniert die leichten Mädchen betrachten dürfen! Ja, … nein, so ein Buch ist das hier nicht! Es ist ein Buch, das voller Überraschungen steckt. Schon die erste vorgestellte Dame, Aspasia, war vermutlich gar keine Kurtisane, Konkubine, Mätresse oder gar Hetäre. Sie stand an der Seite von Perikles, der jedoch den Rückhalt beim Volk verlor. Schuld an der ganzen Misere war natürlich die Frau. Zumal sie auch aus dem Ausland stammte. Aus einer Kolonie. Das war vor knapp zweieinhalbtausend Jahren. Und die Sichtweise auf Frauen, die keinen lupenreinen Lebenslauf vorweisen können, die einfach da waren, ohne erkennbare Leistungen, hat sich seitdem kaum bis gar nicht verändert. Auch und ganz besonders, wenn ihre Wurzeln außerhalb des eigenen Hoheitsbereiches lagen…

Die Damen, die in diesem Buch ihre Meriten erfahren (Achtung! Eine weitere Überraschung wartet auf den Leser: Es sind nicht nur Damen, die hier in den Fokus gerückt werden.), waren hart arbeitende Personen. Verve und Hingabe, Intelligenz und Gerissenheit unterscheiden sie gravierend vom Vorurteil der Damen des horizontalen Gewerbes.

Auch wenn beispielsweise Messalina, Kaiserin durch, bei, unter Claudius, dem scheinbar zu widersprechen scheint. Ihre Lust war ungebändigt. Und sie hatte Macht. Sie war die Kaiserin! Doch starb sehr früh. Zuvor lebte sich jedoch ihre Machtgeilheit aus. Wer sich ihr verweigerte, konnte gesichert davon ausgehen, dass das nicht ohne Folgen blieb. Und einmal soll sie sich heimlich in ein Bordell geschlichen haben. Nicht aus Neugier, sondern aus purer Lust, um unerkannt sie derselben hinzugeben.

Im lustvollen Hinterhof der Geschichte lässt sich immer noch so manches Histörchen aufdecken. Gerade als man sich als Leser an die ihre Reize einsetzenden machtbewussten Damen gewöhnt hat, treten im Buch pflichtbewusste, kämpferische Damen auf den Plan. Sie entwerfen Manifeste, vertreten selbstbewusst ihrer Ideen, sind Männer nicht Untertan, sondern gleichgestellt. Ihre Reize halten sie galant, ob mit oder ohne Berechnung im Zaum, und führen ein unabhängiges Leben. Madame Pompadour ist sicherlich die bekannteste aus dieser Riege dieser Spezialistinnen. Das profane „Schau, was ich habe – gib mir, was ich will und es ist Deins“ wandelt sich stetig in ein „Ja, ich hab was, aber warum soll ich es Dir gegen?“. Stilbruch oder Fortschritt? Letzteres! Den Abschluss des Buches bildet die einst „berühmteste Hure Deutschlands“, Domenica. Ihr Ende war tragisch. Am Rande der Gesellschaft, links liegengelassen von der Öffentlichkeit gab sie ihre Erfahrungen im Gewerbe an den Nachwuchs weiter. Sie half unterbewusst Generationen von Frauen, die den Strich als Ausweg sahen oder als Ausdruck ihrer selbst beschritten.

Und auch das gab (und gibt) es! Männer als Günstlinge der eigenen Ausstrahlung. Vaslav Nijinsky, der Gott der Sprünge im Ballets Russe und Muse des Impresarios Sergej Dhiagilev. Er faszinierte beide Geschlechter, gab sich beiden hin. Als er heiratete (und auch noch zwei Kinder zeugte) war die Liaison mit Dhiagilev vorbei, ein für allemal. Doch die Herzen der Zuschauer gehörten stets ihm und seiner wuchtigen Bühnenpräsenz.

Man sollte nicht den Fehler begehen und nach diesem Buch sofort die Klatschblätter und Promimagezine im Fernsehen schauen. Denn die aufgehübschten, so brachial ungeziemten Instagram-Sternchen, die im normalen Gespräch keinen vernünftig gebildeten Satz herausbringen mit den im Buch beschriebenen Damen gleichsetzen. Sie wollen so sein, sind es aber nicht! Medienpräsenz ist nicht gleichzusetzen mit Erfolg. Hätte es zu Zeiten des Sonnenkönigs schon die sozialen Medien gegeben, wären die Server längst zusammengebrochen. Der heutige Hype um Castingshow-Viertelfinalistinnen ist geplant und nicht erarbeitet. Dieses Buch bestätigt, dass Frauen mit ihren Waffen – wenn man es so bezeichnen will – schon immer mehr erreichen konnten als man ihnen zutraute. Der Ruhm erreichte sie meist nur zu spät.

Kommissar Gennat ermittelt

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Das Leben in Balance halten. Für jedes Yin gibt es ein Yang. Und für jeden Berliner Ganoven einen Gennat. Vor- und Nachteil: Wer vor Kommissar Ernst Gennat davon rannte, war eindeutig auf der Gewinnerstraße, denn Spitznamen wie „der volle Ernst“ oder „Buddha der Kriminalisten“ kamen nicht von ungefähr. Doch hatte „Papa Gennat“ einen erstmal in den dicken Fingern, gab es kein Entrinnen. Regina Stürickow setzt einem einst echten Denkmal ein gedrucktes Denkmal.

Ernst August Ferdinand Gennat war der Schrecken der Ganoven von Berlin. Ende des 19. Jahrhunderts in ein Berlin hineingewachsen, das aus den Nähten platzt. Ein schwindelerregender Bevölkerungsanstieg zieht auch so manch schwarzes Schaf an. Gennat ist einer der wenigen Beamten im Exekutiv der Hauptstadt. Und – so scheint es – bald der einzige, der seinen Beruf nicht als Absicherung, sondern als Berufung versteht.

Hat der gewichtige Kommissar einen „Janoven“ erstmal zwischen seinen dicken Fingern, gibt es kein Zurück mehr. Fast schon liebevoll umschmeichelt er sein Gegenüber, zeigt die Grenzen und Folgen des nutzlosen Tuns auf und löst mit einem Fingerschnipp den Fall. Fast wie im Film. Apropos: Fritz Lang hat in „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ seinem Ermittler Kommissar Karl Lohmann unverkennbar Gennats Züge angedeihen lassen.

Drei gesellschaftliche Epochen drückte der beleibte Kommissar seinen Stempel auf: Unterm Kaiser, in der Weimarer Republik und auch unter den Nazis. Immer dabei: Sein Trudchen. Sein nicht weniger fülliger Assistenz-Engel, an dem kein Vorbeikommen war. Und die immer für eine mit Sahnestückchen gefüllte Schublade sorgte. Die einzige Sünde, der er sich je hingab. Privatleben gab es für Ernst Gennat nicht. Fast bis zum Ende seines Lebens blieb er Junggeselle – er heiratete kurz vor seinem Tod … eine Kollegin. Wenn er im Verhör mal kurz wegnickte (im Zuckerkoma), atmete so mancher Delinquent kurz auf. Doch sobald die Äuglein über dem Doppel-später Dreifach-zum Ende Vierfach-Kinn, wieder aufblitzten, setzte Gennat nahtlos an der vorangegangenen Frage an. Es war ein Graus für alle Taugenichtse, Räuber, Erpresser und Mörder.

Von Letzteren gab es zu Gennats Zeiten Unmengen. Die Polizei wurde der Lage nie so recht Herr. Gennat war es, der eine Art Handreichung, einen Arbeitsablauf, fast schon eine Betriebsanweisung erstellte. Tatorte wurden gern mal für die Ermittler „hergerichtet“. Einen Saustall konnte man ja wohl den hohen Herren (die meisten Ermittler waren zu Beginn des 20. Jahrhunderts adeliger Herkunft bzw. zumindest aus besseren Kreisen) nicht zumuten. Und immer mit dabei: Die Presse. Das Opium fürs Volk waren die gedruckten Räuberpistolen, die zeitweise mehrmals täglich erschienen.

Regina Stürickow hat Archive gewälzt, die wenigen Aufzeichnungen der Vor-Gennat-Ära analysiert und ins rechte Licht gerückt. „Kommissar Gennat ermittelt“ ist ein Doku-Krimi-Zeitabriss der besonderen Art. Die Texte der Autorin und die Gestaltung des Buches lassen dem Leser nur eine Wahl: Sich gebannt der Lektüre ergeben. Widerstand zwecklos. Der Kommissar gewinnt am Ende doch.