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Aufs Korn genommen

Aufs Korn genommen

Viele waren schon mal in einer Situation, in der sie richtig geladen waren, fast schon die Flinte ins Korn geworfen hätten, weil sie jemand auf Korn genommen hatte, sie ins Kreuzfeuer geraten waren und deswegen schwere Geschütze auffahren mussten. Immer dieses „Rin in die Kartoffeln, raus aus den Kartoffeln“. Da muss man was auf Lager haben und sich immer wieder auf Vordermann bringen, um nicht aus dem Tritt zu geraten. Ansonsten fahren die anderen mit einem Schlitten, mag gerät aus dem Tritt.  Denn andere springen wohl kaum für einen in die Bresche.

Selbst als überzeugter Pazifist und Waffenablehner kommt man nicht umhin sich der Militärsprache zu bedienen. Manche Redewendungen sind uns so in Fleisch und Blut übergegangen, dass wir sie schon gar nicht mehr als Stechschritt-Phrasen wahrnehmen. Es besteht nun bei Weitem nicht Gefahr in Verzug, wenn man sich hier und da dieser exakten Sprache bedient. Man kann ja trotzdem noch dem Frieden trauen. Und alle alten Zöpfe abschneiden, würde einem Bildersturm gleichkommen, womit mit der Pazifismus mit wehenden Fahnen dem Untergang geweiht wäre.

Autor H. Dieter Neumann war selbst beim Militär, berufsmäßig. Ob er so manchem den Marsch geblasen hat? Kohldampf hat er auf alle Fälle, denn nun hat er sich dem Schreiben verpflichtet. Der Leser geht mit dem Autor auf Tuchfühlung mit alten Schweden, und zwar ab durch die Mitte. Voll wie eien Strandhaubitze ist man allerdings nur, wenn man dieses Buch hintereinander durchliest. Über einhundert Redewendungen aus dem Kampfgetümmel der Sprache nimmt er unter die Lupe. Kein 08/15-Gerede, sondern fundiertes Wissen aus der ersten Linie. Wer dann noch dumm aus der Wäsche schaut, muss nicht gleich die weiße Flagge schwenken. Er schreibt sich einfach auf die Fahne es noch einmal Kapitel für Kapitel durchzulesen.

Sprache als vorrangiges Kulturgut sollte sorgsam benutzt werden. Worte können verletzen, das weiß nicht nur Lisa Simpson, wenn sie wieder einmal von ihrem rabiaten Bruder Bart eine Breitseite bekommt. Wer sich darauf versteht, Sprache gezielt und gekonnt einzusetzen, ist auf der Gewinnerstraße. Die Buchreihe aus dem Konrad-Theiss-Verlag mit Redewendungen aus allen Gesellschaftsschichten und Zeiten ist ein Paradebeispiel für den korrekten Umgang mit Sprache. Oft werden Phrasen benutzt, um der eigenen Meinung Nachhall zu verleihen. Doch meist falsch! So entstehen Missverständnisse. Und die Wirkung verpufft wie Schwarzpulver, das nicht richtig gezündet wurde.

Satirisches Handgepäck – Nürnberg

1126Nürnberg Satirisches Reisegepäck

Wer mit leichtem Gepäck reist, ist zuversichtlich, manchmal vielleicht sogar blauäugig. Wer mit satirischem Handgepäck reist, findet schnell Freunde. Denn man hat ein Lächeln auf den Lippen, oft, wenn nicht meist, zeigt man Zähne.

Autor Bernd Regenauer ist der Kuppler in der fremden Stadt Nürnberg. Der ist auch der Reiseleiter. Und er trägt sein Herz auf der Zunge. Wer Nürnberg nicht kennt, weiß nach der Lektüre genau, wo was wie zu sehen und einzuordnen ist. Der Franke als Pessimist, die Stadt als offene Geliebte. Leicht im Sinne von austauschbar, bedeutungslos ist dieses Buch nicht. Leichtfüßig sehr wohl. Leicht eingängig auch. Leicht verschmitzt: Auf alle Fälle.

Wer die Michael-Müller-Reisebücher kennt, schätzt die farbig unterlegten Kästen mit den Informationen, die es einem als Reisenden erlauben hinter die Fassaden zu blicken. In der nun endlich ins Rollen geratenen Reihe des „Satirischen Handgepäcks“ wird diese Tradition fortgesetzt, nur hier als Dialekt-Hilfestellung. Fränkisch ist nicht Jedermanns Sache. Da muss man sich reinfuggsen. Wenn es aber einmal läuft, ist man bereit für die Stadt mit der Burg, dem Christkindlmarkt und der Glubberer (den Saisonstart 2016/17 sollte man aber geflissentlich unter den Tisch fallen lassen – ansonsten ist es um die Gastfreundschaft nicht mehr so gut bestellt).

Mit locker formulierten Ratschlägen folgt man dem Autor durch seine Schdadd. Vorbei am alltäglichen Verkehrswahnsinn, hin zum besten Döner der Stadt, ins kuschligste Kino, durch die Gassen bis ins Herz des Nationalgetränkes: Bier. Wo man steht und geht – Brauereien. Würste und Lebkuchen sind genauso klischeehaft mit Nürnberg verbunden wie dieses Vorurteil wahr ist. Lokalpatriotismus auf höchstem Niveau, aber ohne den revanchistischen Beigeschmack. Bernd Regenauer ist halt Kabarettist und schon deswegen von Haus aus tolerant und freigeistig. So sieht er unter anderem den Wegfall von zahlreichen Bäckereien, und verteufelt die Globalisierung des zuckersüßen Geschmacks. Wer also das Prädikat Nürnberger Lebkuchen sucht, muss lange forschen, oft vergebens oder er schaut in dieses Buch. Reschbeggdlos schaut er seinen Landsleuten aufs Maul, ist in seinen Betrachtungen zutiefst subbjeggdief, und als Leser erlebt man diese Stadt einfach andersch.

Ein Reisebuch ist der Diener des Gastes. Er hilft wo er nur kann, gibt Tipps zur Einkehr und Übernachtung, verrät, wo es sich lohnt zu verweilen. Das satirische Handgepäck ist der Entertainer unter den Reisebüchern. Mit einem blinzelnden Auge wird dem Gast – auch wenn er nur für ein paar Stunden über den Weihnachtsmarkt schlendern will – die volle Breitseite fränkisches Nürnberg dargeboten. Und für die Modernisten unter den Reisebuchlesern lohnt es sich doppelt. Denn per QR-Code kann man sich einzelne Kapitel noch einmal vom Autor vorlesen lassen. Dann kommt auch das Fränkische viel besser zu Geltung!

Morgen kommt die Weihnachtsfrau

1130Morgen kommt die Weihnachtsfrau

Weihnachten – eine Zeit, die im Laufe der Jahre sich immer mehr verändert hat. Die ganze Welt ist in rosarote und klebrige Zuckerwatte gehüllt, die Innenstädte duften nach verheißungsvollem verbranntem Zucker und die Menschen sind fröhlich gestresst. Politiker salben in bedächtigem Ton die Untertanen, Hinterbänkler drängen mit wirren Ideen nach vorn. Stimmungsschwankungsfest möchte manche es nennen. Doch es ist und bleiben die höchsten Feiertage des Jahres!

Auch in den Buchmarkt kommt dann regelmäßig – und zum Glück – noch einmal kräftig Bewegung. Neuauflagen von Klassikern und mehr oder weniger witzige Erlebnis-Sammlungen-Zum-Fest fluten die Regale.

Da tut ein Buch mit einem so herausfordernden Titel wie „Morgen kommt die Weihnachtsfrau“ gut. Schon das Titelbild mit der nostalgisch angehauchten Fifties-Lady, die frohlockend ihr Geschenk präsentiert (oder anbietet) verrät es: Hier erwartet den Leser kein Buchstabensalat, hier werden Worte stilvoll und dosiert präsentiert. Und der Bauch wird hinterher auch nicht drücken!

„Morgen kommt die Weihnachtsfrau“ ist ein leckerer Weihnachtskuchen mit ausgewählten Zutaten. Und es stehen die im Vordergrund, die eh immer die Arbeit haben und es allen rechtmachen müssen, können, wollen und auch tun: Die Damen des Hauses! Sie haben ihre eigene Sichtweise auf das Fest der Liebe. Schließlich sind sie von Beginn an involviert, sind Legislative, Exekutive und in manchen Fällen auch Judikative. Sie sind der Weihnachtsstaat mit dem man Staat machen kann. Wird Zeit ihnen ein literarisches Denkmal zu setzen!

Gayle Tufts verteilt Ratschläge, was zum Fest getragen und gehört werden muss. Und sie nimmt kein Blatt vor den Mund. Während allerorten und jederzeit Klassiker in Top Ten gepresst werden, die dem Mainstream immer mehr die Bedeutung nehmen, t sie tief in ihrer Plattenkiste und ihrem Kleiderschrank. Von Punk bis Klassik ist alles dabei. Wie immer hintersinnig aufgetischt und makellos präsentiert.

Carson McCullers führt den Leser in ihre Welt zurück. Kindheitserinnerungen ohne Schnörkel. Südstaatenidylle – sie wurde 1917 in Georgia geboren – von wegen. Vielmehr die Geschichte eines aufgeweckten Wunderkindes, das langsam beginnt eigene zu gehen.

Zum Abschluss Barbara Krohn endlich die Weihnachtsfrau erscheinen, auferstehen für den Helden Heinrich. Dem ist so gar nicht nach Weihnachten zu Mute. Doch seine Kinder stimmen ihn um. Glücklicherweise sind sie nicht vom Mainstream-Fieber erfasst und werfen die Frage in den Raum, warum es eigentlich immer der Weihnachtsmann sein muss. Warum nicht mal eine Weihnachtsfrau?

Ganz einfach! Weil es dank solcher Geschichten Bücher wie dieses gibt. Ideal zum Verschenken, denn hier stimmen sich Aufmachung und Inhalt perfekt aufeinander ab. Dieses Buch unterliegt nicht dem alljährlichen Nachweihnachtsritual des Umtauschens! Und wer ganz der Tradition folgend, es nicht erwarten kann, darf auch an den verbleibenden 360 Tagen des Jahres immer wieder drin schmökern.

Der Mensch

Der Mensch

Dieses Buch ist das persönlichste Buch, das man haben kann. Denn es geht um jeden einzelnen von uns. Für Kinder geschrieben, aber bei Weitem nicht nur für Kinder gemacht. Den ersten Kinofilm, den man je gesehen hat, schaut man sich ja auch immer wieder gern an. Und außerdem: Was wissen wir schon über uns? Ganz ehrlich? Nach der Lektüre dieses Buches müssen die meisten von uns bekennen: Nicht viel. Wer weiß schon aus wie vielen Bausteinen wir bestehen. Mal raten? Eine Million, hundert Millionen. Falsch, ganz weit weg – siebenunddreißig Billionen Zellen ist jeder von uns schwer, leicht, wert … was auch immer. Das sind zwölf Nullen hinter der Siebenunddreißig. Allein unser Gehirn besteht aus sechsundachtzig Milliarden Nervenzellen. Und die sind manchmal alles bis zum Zerbersten angestrengt. Beim Lesen dieses Buch aus Verwunderung! Noch eine Zahl gefällig? Bevor wir wir sind, müssen wir uns zum ersten Mal einem Kampf stellen. Aber keine Angst, so viele Gegner werden wir nie wieder haben (es sei denn wir werden Diktatoren). Im Kampf um die eine Eizelle, die aus uns was macht, müssen wir uns gegen dreihundert Millionen Mitbewerber, Samenzellen, durchsetzen. Das ist eine Drei mit acht Nullen.

Es ist eine Wohltat dieses Buch zu lesen und nicht im Krabbeltisch der Pseudowissenschaften nachlesen zu müssen, dass der Mensch Mensch heißt, weil er ein Mensch ist. Sondern sich selbst anatomisch (schon allein die leicht verständliche Worterläuterung im Buch zeigt, was auf den Leser zukommt) durchzublättern.

Der menschliche Körper ist ein wahres Kraftwerk – Wunder verbringt er nicht, versteht es aber immer wieder zu verblüffen. Zahnweh muss nicht zwangsläufig auf zu viel Süßes hinweisen. Die Ursache liegt manchmal viel tiefer, bzw. weiter unten, zum Beispiel in den Füßen. Klingt komisch, … naja Sie wissen schon … ist aber so! Der Körper kann sich selbst heilen. Wenn wir Fieber haben, fühlen wir uns schlapp. Aber Fieber ist eine Abwehrtechnik des Körpers. Durch den Temperaturanstieg werden die Eindringlinge in die Flucht geschlagen.

Dieses Buch kann man nicht beschreiben. Man kann es schreiben, das hat Jan Paul Schutten bewiesen und mit Floor Rieder die wohl beste Wahl bei der Illustratorin gefunden. Ihre Bilder zeigen anschaulich für Groß und Klein wie wir ticken. Die Fülle an Informationen hebt dieses Buch auf einen besonders hohen Thron. Immer wieder wird man das eine oder andere Kapitel durchlesen. Und Staunen. Und Lernen. Und Freude daran haben. Es in einem Ritt durchzulesen, ist schwierig, weil so viele Informationen, so viel Neues erst einmal verarbeitet werden muss. Aber es schadet niemandem immer wieder ein Kapitel als Stimmungsaufheller zu lesen und das Blut zum Kochen zu bringen. Was man übrigens nicht machen sollte. Denn Blut ist einer der wichtigsten Indikatoren für unseren Gesundheitszustand. Für den Wissensdurst gibt es dieses Buch.

Alles Mythos! 24 populäre Irrtümer über Weihnachten

1212Alles Mythos - 24 populäre Irrtümer über Weihnachten

Na, auch schon mal zum Fest der Liebe selbiges ad absurdum geführt? Oder Jesus’ Geburt gefeiert? Einer Frau Parfüm oder / und einem Mann Technik geschenkt, weil man das halt so macht? Oder ungesundes Weihnachtsgebäck geschlemmt? Ja, Weihnachten ist ein tolles fest: Es gibt Geschenke, die Familie sitzt friedlich und komplett beieinander und alle haben sich lieb.

Oder auch nicht. Denn die Trennungsraten sind an Weihnachten höher als sonst. Allerdings werden zu dieser Zeit bedeutend mehr Kinder gezeugt. Das zeigen die Geburtenraten im September. Der Weihnachtsspeck hält sich auch eine Weile. Weihnachten darf man mal kulinarisch über die Stränge hauen. Auch wenn’s ungesund ist,… es schmeckt halt einfach. Dabei übersieht man dabei – Achtung, jetzt kommt eine Ausrede, die man guten Gewissens benutzen kann! – dass doch viele Weihnachtspezialitäten sehr gesunde Zutaten enthalten. Man denke nur an Früchtebrot. Oder die außergewöhnliche Vielfalt, die überall kredenzt wird. Ach ja, Frauen und Parfüm und Männer und Technik – das muss nicht immer stimmen. Meistens stimmt’s nicht! Aber dafür gibt es auch in diesem Buch keine allgemeingültige Regel.

Aber ansonsten ist dieses Buch eine wahre Fundgrube für unser „profundes Wissen“ über die geistreichste, liebenswerteste, besinnlichste Zeit des Jahres.

Es ist erstaunlich wie viel wir über Weihnachten NICHT wissen. Beziehungsweise wie viel Falsches wir über Weihnachten wissen. Es beginnt schon bei der Ortsbestimmung. Lag Jesus in Bethlehem oder doch in Nazareth? Tourismusmanager aus Bethlehem schwitzen jedes Jahr, wenn die vermeintlichen Wissenschaftsmagazine im TV wieder ihre Praktikanten ausschwärmen lassen, um den „Großen Mythen Weihnachtens“ auf den Grund zu gehen. Aber ist es nicht eigentlich egal? Nein! Wenn man schon feiert, dann sollte man schon wissen warum.

Das Titelbild macht es schon deutlich: Weihnachten ist zum Konsumfest verkommen. Es deswegen verteufeln oder gar abschaffen – es gibt ja immer wieder mal ein paar Querköpfe, parlamentarische Hinterbänkler oder Landesfürsten, die sich mit kruden Aufforderungen in die erste Reihe katapultieren wollen – wäre der falsche Weg. Es ist eine ganz natürliche Entwicklung. Und mal ehrlich: An Weihnachten zu Hause sitzen, keine Geschenke auspacken, keine lukullischen Sünden begehen, wäre auch nicht das Wahre. Einziger Vorteil (vielleicht) wäre vielleicht ein annehmbareres Fernsehprogramm.

Claudia Weingartner hat – das wird einem sofort klar, wenn man nur ein paar Seiten gelesen hat – Dutzende von Büchern gewälzt, Statistiken ausgewertet und Vorurteile gesammelt. So überrascht manch einer unterm Weihnachtsbaum schaut, so verblüffend ist die Vielfalt an Mythen ums Fest. Mit erstaunlicher Akribie seziert sie jeden einzelnen Mythos, entkräftet ihn oder stellt fest, dass an jeder Legende etwas Wahres hängen kann. Es liegt am Leser wie viel Mythos er (v)erträgt. Fakt ist, dass dieses Buch Weihnachten in diesem Jahr in einem gänzlich anderen Licht erstrahlen lässt. Naja, so lange das Licht strahlt und nicht glimmt…

Böser die Glocken nie klingen

Böser die Glocken nie klingen

Ach ist das schön muckelig! Draußen schneit’s! Die klirrende Kälte bleibt, wo sie hingehört, draußen. Drinnen spendet die Heizung wohlige Wärme. Alles ist hell erleuchtet. Illuminiert nennen das die neuen Kunsthelden. Jedes Fenster ist festlich geschmückt. Doch hinter so mancher Fassade wedelt der Tod mit seiner Sense. Er ist in Wartestellung. Selbst Hand anlegen muss er nicht. Das machen schon die Anderen. Es ist Weihnachten! Die Zeit des Vergebens, des Schenkens, des Geben und Nehmens. In dieser Kurzkrimisammlung wird erst genommen, dann gegeben…

Es ist schon kurios, warum – gerade zur „heiligen“ Weihnachtszeit – so gern, so ausgiebig, so einfallsreich und vor allem, aus welchen Gründen – gemordet wird. ‘Ne Eisenbahn als Auslöser. Eine Modelleisenbahn. Ein so genanntes Krokodil. Frauchen hat’s ja! Aber sie will die Kohle nicht rausrücken. Lieber das „Krokodil“ im Maßstab Eins zu Eins anschauen. Och nee! Zum Glück ist Wasser (Badewasser) ein exzellenter elektrischer Leiter. Klar, was jetzt kommt, oder?! Wasser – Fön – stöhn! Doch wie groß ist das Entsetzen, als die Geschenke geöffnet werden…

Weihnachten ist aber auch die Zeit, in der man so manchen Streit der Vergangenheit anheim schenkt. Vergeben und vergessen. Zweisamkeit ist Trumpf. Vielleicht entdeckt man sogar wieder Gemeinsamkeiten. Etwas wie Harry und Elfriede. Seit Jahren sind sie verheiratet. Die Pflichterfüllung ist ihnen näher als die gemeinsame Gefühlslage. Kurz: Sie gehen sich tierisch auf den Geist. Er immer nur bei seinen Fröschen und sie die vernachlässigte Gattin. Da muss man was unternehmen. Denken beide, unabhängig voneinander und handeln. Mit mörderischem Resultat!

Berlin zur Weihnachtszeit. Ein gefundenes Fressen für Krimifans und Autoren. Und für den Leser! Der bekommt ein reichhaltiges Menü, versetzt mit Witz und Niedertracht, ebenso mit Genialität und verschrobenen Charakteren. Det is ne Schau! Für die Polizisten ist es die Hölle. Denn sie müssen nun ermitteln. Und sie wissen, dass es jetzt, wenn alle so freundlich sind, viele nur so tun. Die Spreu vom Weizen zu trennen, ist jetzt keine Hexerei – auch wenn es manchmal daran zu grenzen scheint – es ist Puzzlearbeit. Und der Leser darf mit Ecken anfangen. Alles andere ergibt sich von selbst…

Die Spur des kleinen Prinzen

1204Die Spur des kleinen Prinzen

Auf dem Papier hat es Julius Wortschmidt geschafft: Eine exzellente Anstellung bei einem Pharmakonzern in den USA, eigene Abteilung. Er ist im Hamsterrad der Zahlenoptimierung gefangen und dreht an seinem eigenen Rädchen. Er fasst Arbeitsprozesse in zahlen und verkauft sie an Leute, die sie sowieso gleich wieder vergessen. Da kommt der Bewerber Paul Anders wie gerufen. Auch Deutscher, aus dem gleichen Bundesland, an der gleichen Schule gewesen wie Wortschmidt, die gleiche Theater AG besucht. Und die gleiche Leidenschaft für „Der kleine Prinz“. Wortschmidt kann sogar noch ganze Passagen auswendig. Doch Anders bekommt den Job nicht – kein neuer Freund im Firmengewand.

Dennoch: Der kleine Prinz bzw. die Erinnerungen daran, setzen in Julius Wortschmidt etwas frei. Damals, der Besuch im Zoo, und am Abend die erste Geschichte aus dem Buch der Bücher. Was in seinem Fall „Der kleine Prinz“ war. Er erinnert sich an die Bandproben mit den Freunden, der trauten Gemeinschaft, die – je älter er wurde – nach und nach zerbrach.

Nun ist er ein angesehener Mitarbeiter eines global players, fügt Zahlen aneinander, weist ihnen ihre Bedeutung zu, doch seine einstige Unbekümmertheit blieb im mathematisch gesteuerten Weg nach oben stecken.

Die kurze Begegnung mit dem Bewerber lässt in Julius Wortschmidt zarte Hoffnung aufkeimen. Immer öfter flüchtet er sich – unbewusst – in die Geschichten des kleinen Prinzen, erinnert sich an unschuldige Zeiten, in denen der Forschergeist noch selbst initiiert war. Das Fanal, das Antoine de Saint-Exuperys Buch in ihm auslöste, beginnt von Neuem zu keimen. Mal im Traum, mal in der Realität, immer häufiger ergreift der kleine Prinz von ihm Person. Um ihn herum ist alles echt und plastisch zugleich. Steril kommen ihm Arbeit und Kollegen vor. Lebendig sind nur die Versatzstücke der Kindheit. Selbst eine wahre Begegnung mit der Vergangenheit verkommt zu einem flüchtigen Hallo!

Wortschmidt sieht ein, dass er erwachsen geworden ist, ohne es zu bemerken. Er ist nicht mehr der kleine Prinz, der aufwachsen darf, wie es ihm beliebt. Er ist Teil des Systems. Doch auf dem Höhepunkt seines Schaffens, gelobt er Besserung. Dank der Sanddüne, dem Stern und dem blonden Jungen, der ihm seit Jahrzehnten begleitet…

City impressions Lissabon

1218Lissabon

„Lissabon? Lissabon? Muss irgendwie ein Vorort von Bonn sein!“ Was vor dreißig, vierzig Jahren noch als Nonplusultra des deutschen (bzw. deutschsprachigen) Humors galt, ist längst überholt. Lissabon ist modern, lebhaft und dunkel und geheimnisvoll zugleich. Das kann man nun glauben oder nicht. Es stimmt jedenfalls. Da hat man jetzt zwei Möglichkeiten: Zum Einen – man fährt in die portugiesische Hauptstadt und macht sich ein Bild davon oder, zum Zweiten, man lässt jemanden da hin fahren und einhundertdreiundachtzig Farbfotos schießen. Hübsch verpackt in einem mehrere Pfund schweren Prachtband. Schon der Einband lässt es erahnen, dass hier kreatives Köpfe am Werk sind. Denn ein typsicher Schnappschuss lugt vorwitzig durch ein – auf den ersten Blick willkürlich – gestanztes Loch. Bei genauerer Betrachtung ist dieses „Loch“ der Umriss der Stadt, um die es auf den folgenden dreihundert Seiten geht: Lissabon. Weit weg von Bonn und gähnend langweiligen Jahrzehnte alten Fernsehwitzen.

Bernd Rücker ist der Reiseleiter für alle neugierigen Gäste der Stadt, die mit Perspektivwahl, Kameraeinstellung, Motivkomposition und Lichtsetzung sich in Stimmung bringen wollen. Seiner Reisegruppe / Leserschaft rät er „Augen auf“, er selbst schließt die Augen und wartet geduldig auf den Moment die Kamera exakt in der Sekunde in Bereitschaft zu halten, wenn alles stimmt.

Aus dem Dunkel heraus taucht sich das Straßenleben in sattes braungelb, im Hintergrund LEDs gleich die endlosen Lichterketten der Ponte 25 de abril. Sich auftürmende Wolken sind die Leinwand, die er wie bestellt zur Hand hat, wenn der Tag erwacht. Lange Schatten werfen die Abenteuer des Tages an die Häuserfassaden und künden von Stunden voller Erlebnisse.

Marcos ist einer, der an diesem besonderen Tag Besonderes erleben wird. Er ist immer vorn dabei, wenn es darum geht Lissabon zu erobern. Denn Marcos führt eine der zahlreichen Straßenbahnen der Linie 28E vom Bairro Alto über die Baixa und die Alfama bis nach Graça. Er ist der wichtigste Mann für viele Touristen, denn er führt sie durch verwinkelte Gassen, über steile Anstiege, enge Passagen, die jeden Besucher den Mund offen stehen und die Kameras zücken lassen. Nüchtern betrachtet ein langweiliger Job: Jeden Tag die gleiche Route auf exakt den gleichen Wegen. Kein links oder rechts Entkommen. Immer nur stur geradeaus, Richtungswechsel sind nicht willkürlich, sondern erforderlich und vorhersehbar. Er tut seinen Dienst, ruhig und stoisch. Auch Julia ist hier unterwegs. Sie darf links und rechts der Route schauen, sie muss es sogar. Denn sie gehört zur „Kundschaft“ von Marcos, ist Touristin, neugieriger Gast, lebendiger Besucher. Sie sieht das, was Marcos schon längst abhanden gekommen ist: Die Schönheit der Stadt.

Das ist nur eine von fünf Geschichten, die zwischen den Bildabschnitten den Leser innehalten lassen. Prachtvolle Bilder und bildhafte Anekdoten sind die Maulsperren des Betrachters. Erst, wenn die Sonnenstrahlen einmalige Einblicke in die Stadt freigeben, drückt Bernd Rücker ab. So entstehen Eindrücke, die viel Besucher niemals erleben werden.

Wie die gesamte Reihe City impressions (über Rom, Marrakesch, Venedig, Paris, Barcelona und Istanbul) ist auch dieser Bildband in zwei Varianten zu erstehen, deutsch/englisch und französisch/spanisch. Jeder Bildband taugt ohne Zweifel als persönliches Fotoalbum, um Plätze und Straßen, einmalige Erlebnisse und faszinierende Aussichten noch einmal Revue passieren zu lassen. Und als exquisites Geschenk stiehlt man jedem die Show…

Die Ballade vom Wunderkind Carson McCullers

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Ben Jackson ist ein exzellenter Kenner der amerikanischen Literatur der 40er Jahre (des vergangenen Jahrhunderts). Einige Schriftsteller konnte er stolz zu seinen Freunden zählen. Wie zum Beispiel Carson McCullers. Und nun erzählt er wie Carson McCullers wurde, was sie war: Ein Wunderkind!

Der Anlass, der in bewegt seine Gedanken niederzuschreiben, ist traurig. Denn Carson McCullers hat nur wenige Tage zu vor ihre Augen für immer geschlossen. Und Ben Jackson soll nun ein paar Worte auf der Beerdigung sagen. Es fällt ihm schwer. Und so zieht er sich immer mehr in die Vergangenheit der viel zu früh verstorbenen Carson McCullers zurück:
Dass sie einmal ein Wunderkind zur Welt bringen würde, war Marguerite Waters Smith schon immer klar. Deshalb sollte der Stammhalter auch den Namen Caruso bekommen. Caruso Smith – der Hang zur absolut unpassenden (weil unmelodischen, und frei von jedwedem sozialen Zusammenhang) Namenswahl ist also keine Erfindung der Neuzeit. Doch dann kam es anders – aus Caruso wurde Lula Carson, später einfach nur Carson. Als Carson noch Lula Carson war, setzte sie sich ans Klavier der Eltern. Freunde hatte die Kleine keine, zu schäbig, nicht gut für sie, unpassend für ein Wunderkind. Kinderliebe kann schon seltsame Blüten treiben… Und sie klimperte nicht einfach nur so herum, sie spielte Melodien, Lieder. Ein echtes Wunderkind eben! Ihre Mutter sollte recht behalten.

Doch auch Wunderkinder haben ihren eigenen Kopf. Schriftstellerin will sie werden. Auch als an der renommierten Juilliard School of Music in New York angenommen wird, verflüchtigt sich dieser Wunsch nicht. Sie schreibt schon als Teenager Geschichten. Und als sie das Schulgeld verliert, sich aber nicht getraut es zuzugeben, muss sie sich – allein in New York – irgendwie über Wasser halten. Sie schreibt, bekommt sogar Geld dafür und landet mit „Das Herz ist ein einsamer Jäger“ ihren ersten Erfolg.

Aus Lula Carson Smith, der Wunderkind von Gottes Gnaden, wird Carson McCullers, die bedeutendste Autorin Amerikas, wenn es nach Tennessee Williams geht. Doch um ihre Gesundheit ist es nicht gerade gut bestellt. Die Rückschläge gesundheitlicher Art werden immer häufiger. Die Erfolge auf schriftstellerischer Ebene lassen nicht lange auf sich warten. „Spiegelbild im goldnen Auge“, „Die Ballade vom traurigen Café“ knüpfen nahtlos an „Das Herz ist ein einsamer Jäger“ an.

Und Reeves, ihr Mann, Namensgeber? Auch er wollte Schriftsteller werden. Mit ihrer ersten Gage kaufte er sich von der Army los. Sie war er ehrgeizig und erfolgreich, er nur ehrgeizig. Reeves und Carson waren füreinander gemacht, doch schafften es nicht im eigenen Glück zu baden…

Das ist alles nur … fiktiv. Kein Ben Jackson! Leider! Doch Barbara Landes nimmt man jedes Wort in ihrer Romanbiographie ab. Jedes Wort, jedes Komma, jedes Adjektiv sitzt und pulsiert. Als ob das einstige Wunderkind Carson McCullers selbst die Feder gehalten hätte. Wenn Romane wie diese Sinnbild für den Spätsommer sind, lassen sie den noch so heißesten Sommer wie eine laue Brise erscheinen.

Sich an eine Biographie zu wagen, die das Objekt der Begierde selbst schon verfasst hat, grenzt an eine Herkulesaufgabe. Von vorneherein zum Scheitern verurteilt, wenn es sich um jemand wie Carson McCullers handelt. Die Leichtigkeit, mit der Barbara Landes der Schriftstellerin gegenübertritt (oder sollte man sagen „neben ihr herschreitet“?) überrascht. 2017 jährt sich Carson McCullers Geburtstag zum hundertsten Mal. Wer jetzt noch vorhat die Schriftstellerin mit einem Buch zu ehren, muss mehr als einen Kniff im petto haben. Ben Jackson, Barbara Landes und Carson McCullers, zwei real, einer erfunden, sind das trio infernale des literarischen Herbstes 2016.

Amsterdam – Eine literarische Einladung

Amsterdam - Eine literarische Einladung

Mal ganz ehrlich: Amsterdam ist in den Köpfen vieler eine Aneinanderreihung von Klischees. Überall Fahrräder mit Personal, Coffeeshops mit entsprechender Klientel und das Rotlichtviertel. Ein Schmelztiegel der Kulturen, also auch sehr tolerant. Und man kann in die Wohnungen hineinschauen, weshalb Gardinenverkäufer in Amsterdam im Speziellen und in Holland im Allgemeinen zum Scheitern verurteilt sind. Tja, mit den Klischees ist das so eine Sache. Irgendwas ist immer dran. Doch die Realität zeigt das ganze Spektrum der Problematik. Ja, Amsterdam kann sich rühmen eine Menge Nationalitäten, und somit auch Kulturen, beherbergen zu können.

Robert Vuijsje bringt es in seiner Geschichte der literarischen Einladung in die holländische Hauptstadt auf den Punkt: Ja, es gibt viele Ausländer, noch mehr, die so aussehen … doch auch untereinander ist man sich nicht immer grün. Oft reicht es sogar aus dem falschen Viertel zu kommen, um kruden Vorurteilen entgegentreten zu müssen.

Auch das lockere Bild der radelnden Amsterdamer wird durch die wilde Fahrweise vieler (der meisten) in die Realität gerückt. Anrempeln ist Volkssport. Vorfahrt gewähren deutet auf etwas hin, das neu und unverständlich wirkt.

Doch blättert man weiter, unternimmt mit Charlotte Mutsaers einen Rundgang durch Jordaan. Oder erlebt mit Annie M. G. Schmidt das Amsterdam der Klischees. Die Giebel, die langjährige Amsterdamer kaum noch wahrnehmen, rücken in den Vordergrund, Grachten werden zu Naturschauspielen, die Touristenträume wahr werden lassen und das lockere, freie Amsterdam bahnt sich den Weg ins Gedächtnis.

Die Stadt scheint wie geschaffen für einen Kurztrip. Alles schnell erreichbar, übersichtlich, durchstrukturiert. Doch erst, wer aus den geplanten zwei, drei Tagen ein, zwei Wochen macht, wird die Stadt kennenlernen können. Die Autoren dieses Buches kennen die Stadt – man kann sich auf ihr Urteil verlassen. Schon längst haben sie die rosarote Brille beiseitegelegt und schauen nun, mal mit Tränen in den Augen, mal mit Zorn, mal mit Wehmut auf „ihr Amsterdam“. Als Leser staunt man, welch Spektrum an Möglichkeiten hier schon immer existierten und sich bis heute darbietet. Wenn der Titel schon eine Einladung verheißt, sollte man sie annehmen. Es erwartet einen ein unterhaltsames Menü mit deftigen Fakten, perfekt gewürzten Appetitanregern und entspanntem Plauschen vor einzigartiger Kulisse.

Wird nun durch dieses Buch das Bild Amsterdams zerstört? Nein, alles nur das nicht! Dieses rote Büchlein trägt seine Farbe nicht umsonst. Es zeigt eine Stadt, die nach und nach ihr altes Kleid der Toleranz abstreift, nicht um es gegen die Uniform der Ablehnung zu tauschen, und sich und dem Leser / Besucher ein neues farbenfrohes Kleid der Aufmerksamkeit und Akzeptanz überzustreifen.