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Die Nixen von Estland

Ja, es gibt sie. In allen Erscheinungsformen. Sie haben unterschiedliche Fähigkeiten. Nixen. Besonders in Estland. Es muss sie einfach geben. Denn sonst wäre dieses außergewöhnliche Buch in dieser faszinierenden Aufmachung einfach nur ein Witz. Enn Vetemaa hat das erste Bestimmungsbuch für Nixen in Estland geschrieben. Und es wird auch das letzte Buch zu diesem Thema sein. Mehr geht nicht!

Die Najadologie ist ein eigenständiges Wissenschaftsfeld. Nixen gibt es wirklich. Selbst in Kanistern haben sie es sich gemütlich gemacht. In Sträuchern leben sie oft unerkannt. Frühsommer ist eine der Jahreszeiten, in denen man sie am häufigsten erspähen kann. Dafür braucht man nicht einmal eine spezielle – oder gar außergewöhnliche – Ausrüstung.

Und es gibt so wundervoll poetische Unterteilungen. Es gibt Schönhaarige, Waschversessene, Nackttitten (zweimal Doppel-T – wenn das nichts ist?!), Kopfkratzerinnen und Lauthalsige. Wer nun meint, dass er es hier mit einem durchaus fragwürdigen, eventuell frauenfeindlichen Buch zu tun hat, wird ob des wissenschaftlichen Duktus und der überaus expliziten und umfassenden Darstellungen der Objekte eines Besseren belehrt. Nudimamillaris gigantea klingt auf den ersten Blick nicht sonderlich anmutend. Wer hingegen von Nackttittigen Wuchtbrummen liest, kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass in jeder Phantasie ein Fünkchen Wahrheit steckt. Stecken muss.

Es ist so: Ein bisschen Glaube schadet nicht. So wie bei schwarzen Katzen die den Weg kreuzen. Laufen sie nach links, ist alles in Ordnung. In der Gegenrichtung wird man schon gern einmal dazu verleitet am Abend den Tag Revue passieren zu lassen und zu überprüfen, ob selbiger wirklich gut verlaufen ist seitdem die Mieze von Links nach Rechts gelaufen ist. „Die Nixen von Estland“ als pure Folklore ohne echten Anspruch auf Richtigkeit abzutun, wäre fatal. Denn wer weiß, taucht beim nächsten Strandspaziergang eine Nixe auf. Und dann? Darf man das Wort Nixe benutzen? Oder verschwindet sie dann gleich wieder in den Fluten? Sind sie hilfereiche Begleiterinnen in schwierigen Lebenslagen? Muss man Argwohn hegen? Wie erkennt man sie? Dringt man unaufgefordert in ihren Lebensraum ein – was passiert?

Die Gestaltung dieser Ausgabe durch Kat Menschik wischt jeden noch so schwachen Zweifel von der Existenz der Nixen mit zielgerichteten Strichen vom Tisch! Mit mehr als einem Augenzwinkern gestaltet sie Räume ohne Wände. Dem Leser sind Text und Bild Wegweiser in eine faszinierende Welt voller Mythen, Hingabe und Frieden. Anders als so mancher Wühltischautor sich aus einem Mix aus Stammtischweisheiten und Vorabendserien seine eigenen Phantasien bierseelig zusammenreimt, ist „Die Nixen von Estland“ ein ernstzunehmendes, vor allem aber sinnlich anregendes Buch, das die Schönheit der Welt in den Vordergrund stellt. Eine Garantie Nixen auch wirklich zu treffen, kann auch dieses Buch nicht geben.

Mythen der Geografie

Grenzen verschieben – das klingt immer nach Aufbruch, nach Umbruch, nach Veränderung, meist zum Guten. Doch in der Regel sind es Plattitüden, die einen Schleier über die eigentlichen Ziele legen (sollen).

Paul Richardson hinterfragt geographische Linien und setzt neue Grenzpfähle ohne dabei geltendes Recht mit den Anspruch auf Veränderung in Frage zu stellen. Er wirft Fragen auf, bezieht Stellung zum status quo, rebelliert, wo es angebracht ist. In einer zeit, in der wild gewordene Wirrköpfe alles in Frage stellen, das bisher unantastbar war und Forderungen stellen, die so reaktionär wie menschenfeindlich sind, kommt dieses Buch mit all seinen Argumenten genau zu richtigen Zeit. Die im Untertitel genannten Irrtümer mögen sich als solche erweisen. Doch soll man deswegen sofort Anstand, Rechtmäßigkeit und Gewohnheit in Frage stellen?

Um es von vornherein klarzustellen: Es geht hier nicht um Schlagbäume und Grenzzäune, die die Sicht nach Drüben verstellen. Grenzen sind nicht immer klar gezogene Linien. Wer heutzutage einkaufen geht, kauft international. Kaum ein Produkt, das nur aus einem Land kommt. Zig Zutaten reisen rund um den Globus, um an einem Ort Hochzeit zu feiern. Und wie will man Tieren klarmachen, dass das Grün auf der anderen Seite nur mit Visum noch grüner und saftiger ist?! Von Menschenhand verursachte Begrenzungen haben immer Folgen. Durch Stausseen gelangen manche Fischarten nicht mehr zu ihren Laichplätzen, die sie Millionen Jahren aufsuchten. Das Ergebnis: Sie sterben aus.

Abgrenzung als Allheilmittel ist das Gebot der Stunde. In den Augen vieler, die die Fäden in der Hand halten. Vor nicht allzu langer Zeit, konnten Grenzen nicht schnell genug fallen. Zwischen zwei Kontinenten tauchen (auch wenn’s bitterkalt ist), die Füße fest auf dem Boden zweier Kontinente halten – das sind Touristengeschichten, die schöne Bilder ergeben und zu Geschichten anregen.

Doch Geographie ist mehr als bunte Farbkleckse auf Landkarten. Monster zierten sie einstmals – also, die Landkarten – heute taugen die Monster allenfalls als Karikaturen, um Gebietsansprüche ins Lächerliche zu ziehen und um Hintergründe darzustellen. Die Welt ist in ständiger Veränderung. Bewegung tut gut, schon immer. Aber die Richtung muss stimmen.

Paul Richardson reist mit dem Leser durch und um die Welt, die danach nicht mehr dieselbe sein wird, sein kann. Und wer das nächste Mal an einer Grenze steht – wie auch immer die aussehen mag – wird sich mit Begeisterung an die Lektüre dieses Buches erinnern.

Schlaftrunken

Die Konventionen ablegen, mehr als ein bisschen Auflehnung, sich was Eigenes aufbauen – mit Ende zwanzig sollte man sich selber ein Leben aufbauen können.

Und so tut es auch der Autor, von dem in „Schlaftrunken“ die Rede ist. Er könnte auch in Düsseldorf in Familienunternehmen Karriere machen. Doch Istanbul ist verlockender. Mehr Heimat als die heimische Rheinmetropole. Hier vibriert alles. Hier tobt das Leben. Hier bebt die Erde, im positiven Sinne. Und hier lockt der Erfolg. Ein Verlag hat sich die Dienste gesichert. Ein Reiseband – so wie er es immer wollte – wird bald schon mit seinem Namen geschmückt die Auslagen zieren. Das Buch muss nur noch geschrieben werden.

Hakan Bıçakcı lässt den Autor durch die Straßen und Gassen, über Plätze irren und … sich immer wieder verlaufen. Wo gestern noch eine Café war, dröhnen heute die Motoren der Baumaschinen. Wo gestern noch die Alten sich unterhielten, stehen Bauzäune mit scharfkantiger Werbung. Wo gestern noch die Katzen streunten, legt sich Betonstaub auf die Linsen der Smartphones.

Der stete Wandel, der in einem unvorstellbaren Tempo voranschreitet, scheint das Buchprojekt in weite Ferne stürzen zu lassen. Es ist zum Haareraufen, es ist nicht leicht die Nerven zu bewahren. Halt gibt da nur Berna, die Katze. Ein echter Herumtreiber, der gern mal was nicht nur vor die Tür legt, sondern gleich mit rein in die Wohnung schleppt. Katzen. Man kann nicht mit ihnen und schon gar nicht ohne sie. Doch all das verhindert nicht den allmählichen Abstieg des Autors in eine Parallelwelt.

„Schlaftrunken“ taumelt man durch die Stadt am Bosporus, die noch weniger schläft als New York. Gerüche kommen und gehen, genauso wie Straßen, Gassen, Plätze, Geschäfte und Menschen. Der geschäftliche Erfolg rückt immer mehr in den Hintergrund. Es ist ein Alptraum, die Stadt ist ein Alptraum. Wie soll er, wie kann er … hier leben, schreiben, überleben?!

Istanbul verändert sich schneller als die meisten Städte auf der Welt. Stadtpläne sind schon beim Druck nicht mehr aktuell. Gigantische Kräne durch die Stadt wie irrlichternde Kolosse. Hier hinein schupst Hakan Bıçakcı sein alter ego. Nichts ist mehr wie es war als es so richtig losgehen soll. Wer Istanbul besucht ist „Schlaftrunken“ die einzige Konstante in einer sich ruhelos verändernden Stadt. Und so sollte man dieses Buch auch annehmen. Rastlos blättert man sich durch die verworrenen Gedankenspiele des Helden. Er ist der Prototyp des Suchenden, der niemals ankommen wird. Zumindest nicht dort, wohin er will.

Die geheime Reise

Der Titel lässt so viel Freiraum zur Interpretation, dass man sich in seinem Phantasieuniversum verirren könnte. Ein junger Mann geht – irgendwann in den 40ern des vergangenen Jahrhunderts von Frankreich aus – auf Deutschlandreise. Nicht einfach so, es alles gut durch organisiert. Seine Mitreisenden sind nicht nur Mitstreiter, sie sind auch – vor allem aber verborgen – Objekte der Begierde. Und hier beginnt es sofort schwierig zu werden. 40er Jahre. Deutschland. Franzosen. Homosexualität. Organisierte Reise. Puh, klingt doch sehr phantastisch! Ist es aber nicht. Denn der geheimen Reise liegt eine echte Reise zugrunde.

Marcel Jouhandeau, der Autor und eindeutig der Held des Romans, wurde im Herbst 1941 eingeladen Deutschland zu besuchen. Goebbels war daran beteiligt, die Reisegruppe traf ihn. Natürlich waren die Autoren und Journalisten Auserwählte von Teufels Gnaden. Die eigentlichen Reisenotizen wurden nie veröffentlicht – bis heute. Was auch daran lag, dass die Mitreisenden nach 1945 kein gesteigertes Interesse an einer nachträglichen Veröffentlichung hatten. Kollaboration mit dem Feind wurde in Frankreich gründlich und nachhaltig betrieben. Die handschriftlichen Seiten von Marcel Jouhandeau sind in Archiven zugänglich.

Marcel Jouhandeau fiel zuvor des Öfteren durch antisemitische Schriften auf. Als die Einladung zur Deutschlandreise, Propagandafahrt in Feindesland – Paris, Frankreich war von den Deutschen besetzt – kam, sagte er zu. Und ihm fiel sofort einer der Organisatoren auf. Die Aufmerksamkeit lag auf beiden Seiten. Das sind die Fakten.

Die poetische, sinnliche, fast schon verklärende, jedoch stets intellektuelle Verarbeitung dieser Eindrücke bricht wie ein Wirbelsturm auf den Leser herein. Andeutungen (werden komplett im Anhang und zuvor schon im originalen carnet des Autors aufgelöst), Abkürzungen (nicht jeder soll sofort identifizierbar sein) und Verführungen (offensichtliche wie gut versteckte) spielen zusammen wie ein gut eingespieltes Orchester.

Verführungen im Zwischenmenschlichen kribbeln an Stellen, an den man sie erwartet, sogar einfordert. Wenn es aber kribbelt und man die Stellen nicht erreichen kann, um sich zu kratzen, sind sie nachhaltig und wirksamer als man sich selbst eingestehen kann und will. Marcel Jouhandeau ist sicherlich ein streitbarer Autor. Dass er zu dieser Reise eingeladen wurde, ist mehr als verdächtig. Dass er später von Schuld freigesprochen wurde, nimmt man als Außenstehender hin – der Zweifel bleibt. Ebenso die Wucht der Worte, die jeden in ihren Bann ziehen. Zwischen den Zeilen lesen macht hier Sinn. Poesie kann man sich nicht entziehen, der Realität muss man hier mit Stirnrunzeln selbige bieten.

Die Zeit so still

Wie war das damals noch gleich?! Kontaktverbot, Hysterie, Unsicherheit, blinder Aktionismus, unbedachter Argumentationswahn. Der Name wird nicht genannt, doch er ist immer noch in aller Munde. Der Beginn des dritten Jahrzehnts des dritten Jahrtausends war von Kontrollen, Regularien, und Panik erfüllt.

In dieser Nacht ist alles wie immer. Der Atem blärrt wie eh und je durch die Nacht. Schritte knirschen unter den Füßen, dass selbst Rockkonzerte wie besinnliche Kammermusikabende erscheinen. Der Atem schreibt wilde Phantasien in den klaren Wind. Nicht viel los. Ein Buch, eine Seite, noch eine Seite – die Straßenbahnendstelle ist das Sinnbild der Zeit.

Ein Reisender – bleiben wir bei dieser ach so überzogenen, fast schon poetischen Einordnung des Fahrgastes – durchbricht die Agonie der Aktualität. Auch er trägt den Kopf voller Gedanken. Soll er, soll er nicht? Was kommt? Was bleibt? Die Nacht ist der ideale Rahmen für die wirklich wichtigen Fragen des Lebens. Des Lebens? Wie kann man … Ach iwooo. Die Zeit steht niemals still, auch wenn man es sich manchmal wünscht.

Und ist die „Die Zeit so still“. Ein kleines Buch, das – in der richtigen Umgebung, zur richtigen Zeit – Erinnerungen noch einmal hervorbringt, Gesagtes in ein anderes Licht rückt, Getanes wieder in den Vordergrund rückt. Pathetisch, klar, nachdenklich, irrlichternd – Florian L. Arnold holt mit sanften Worten eine Zeit zurück, die die meisten gern vergessen möchten. Und sie vielleicht auch schon vergessen haben. Weil, und gerade deswegen, die meisten wider Erwarten sie gut überstanden haben. Oder das Schlimmste, das ihnen je passieren konnte, beiseite gewischt haben.

Dieses kleine Buch hat die Kraft leise Erinnerungen hervorzurufen, sie anzupacken, sie durchzuschütteln und dann mit reinem Gewissen lebensfroh nach vorn zu schauen. Sprache – richtig angewandt – kann Wände durchbrechen, Grenzen überwinden, Herzen durchbohren. Einsamkeit kann verbinden. Dieses Buch kann all das. Ganz bestimmt wird es als Geschenk dem Beschenkten zum Nachdenken anregen.

Der kleine Dichter und der Duft

Kennen Sie auch solche Menschen, die in ihren Statusmeldungen die schönsten Orte besuchen und das dann alles mit einem „Herrlich!“ abtun? Die haben sich einen kleinen oder großen Traum erfüllt, wollen ihn mit der Welt teilen und dann kommt nur ein belangloses Adjektiv daher, das die Emotionen nicht einmal annähernd einfangen kann. Bei einem Dichter nennt man das dann Schreibblockade – das doppelte B darin versinnbildlicht dieses Gedankenstottern wohl am bbbbesten.

Der kleine Dichter in diesem Buch wird wahrlich von der Muse geküsst. Auch er will unbedingt ein Gedicht schreiben. Da kommt ihm eine kleine Wolke gerade recht. Sie steigt ihm in die Nase und … siehe da … die Gedanken schießen ihm direkt in die Schreibfeder. Gerüche, Erinnerungen oder gang rational ausgedrückt sinnliche Reize ergießen sich im Schwall auf das Papier. Der Geruch eines nassen Hundes, die duftenden Haare eines Mädchens, der überreizende Krawall der Stadt mit all seinen Nebenerscheinungen und und und.

Ja, das ist ein Kinderbuch über die Plagen eines Dichters. Wundervolle Zeichnungen und die präzisen Zeilen machen es aber auch zu einem wundervollen Lesebuch für Erwachsene. Bereits auf den Umschlagseiten nimmt die Reizüberflutung ihren Lauf. Erdbeeren, ein Koffer, noch mehr Erdbeeren, Stiefel, und wieder Erdbeeren stehen wild durcheinander gewürfelt Spalier, um der Phantasie auf die Sprünge zu helfen.

Und wenn man nach dem Genuss dieses Buches das Leserlebnis mit der Welt teilen will: „Herrlich“ kann dann nur noch der Beginn einer poetischen Beziehung zu Büchern bedeuten…

Das steinerne Herz

Geschichtsroadtrip mal anders. Mal ganz anders. Eigentlich nicht mal ein richtiger Roadtrip. Und Geschichte? Die gibt’s hier in Hülle und Fülle. Das Besondere daran ist – allen voran – der Autor: Arno Schmidt. Für Viele ist es ein steiniger Weg sich in seinen Werken zurechtzufinden. „Das steinerne Herz“ bildet da keine Ausnahme.

Ein bundesrepublikanischer Roman wird dem Leser vorgesetzt. Einer, der sowohl Hüben wie Drüben spielt. Walter Eggers erzählt eine wahrhaft erfundene Geschichte. Er sammelt, nicht einfach so, sondern ganz spezielle Dinge. Staatshandbücher aus dem Königreich Hannover. Schon allein das muss man erstmal sacken lassen. Staatshandbücher. Er ist ein Besessener. Die Jagd allein genügt ihm nicht.

In Ost-Berlin – das gab es in den 50ern schon bzw. noch – verschlägt es ihn in die Staatsbibliothek. Ein El Dorado für einen Sammler wie ihn. Und Eggers’ Finger werden immer länger. Und länger. Bei all dem Jagdfieber behält er immer noch den Blick für das, was ihn umgibt.

Der Krieg ist aus. Das Land ist in ständiger Bewegung. Abbruch, Umbruch, Aufbruch – die Brüche im Leben der Menschen treten offen zutage. Hier wie Da. Eggers ist nicht auf den Mund gefallen. Er weiß sich anzupassen, auch sprachlich. Und für jeden, der sich in dieses Buch hineinversetzt – die durchaus eigenwillige Art jeden Satz mit einem kursiven Zitat zu beginnen, muss man erstmal erkennen und akzeptieren – tun sich Geschichten auf, die man selbst erlebt oder von der Vorgängergeneration überliefert bekommen hat. Lustig ist hier gar nichts. Zum Schmunzeln an mancher Stelle schon. Schonungslos ehrlich und ohne ein Feigenblatt vor sich zu halten, räubert Arno Schmidt in West und Ost herum. So sehr, dass bei Erscheinen das Buch stellenweise „entschärft“ wurde, d.h. Passagen wurden gekürzt oder gar weggelassen. Die Moral ist ein scharfer Angsthase.

Heute liest es sich wie „durfte man das damals schon sagen?“ – nö, durfte man nicht. Und deswegen ist dieses steinerne Herz so wertvoll. Es ist gerade mal ein reichliches halbes Jahrhundert her und doch so nah. Arno Schmidts Grenzgang zu folgen, ist verzwickt, offenbarenswert und in jeder Hinsicht einzigartig.

Korsika

Napoleon hat die Insel verlassen, weil … er Größeres vorhatte. Was kann es Größeres geben als diese Insel mit all ihren Facetten kennenzulernen?! Näher an Italien, Frankreich zugehörig (was jeder echte Korse natürlich ablehnt) und von der Sonne verwöhnt. Bastia, Ajaccio und vielleicht noch Calvi sind die bekanntesten Orte. Und sonst? Wer war noch nicht dort, weiß aber noch ein bisschen mehr?

Marcus X. Schmid war dort. Er kennt sich aus. Und ist der beste Reiseführer über die Insel. Mitten im Inselleben bis hin zu verwunschenen Orten – er kennt sie alle, die geheimen Orte, die besten Aussichten, die ruhigsten Plätze zum Verweilen.

Wer Korsika besuchen will, weil er schon immer dorthin wollte, dem fällt es schwer sich zu entscheiden. Ein klar gegliederter Reiseband ist nun wichtiger als man es sich selbst eingestehen will. Denn nichts ist nerviger als im Urlaub permanent in seinem Reisebuch hin- und herzublättern, um genau das zu finden, was man eben noch gelesen hatte. Jedes Kapitel beginnt mit einem Spoileralarm: Was, Wo, Wann … das Warum? erschließt sich von ganz allein.

Warum soll man also im Hinterland von Sagone in den Ort Muna reisen? Da wohnt kaum noch jemand! Und alle reden vom Dorf der Banditen. Genau deswegen! Langsam kommt wieder Leben ins Dorf, das 1960 noch hundert Einwohner zählte. Heute sind die Nachfahren wieder vor Ort, um es für den geneigten Touristen wieder herzurichten. Es ist ja alles da. Exzellente Bausubstanz und sogar eine Kirche mich funktionierendem „Glöcklein“ wie Marcus X. Schmid so liebevoll in einem der zahlreichen gelb unterlegten Kästen anpreist. Mehr Abenteuer geht nicht.

Wilde Bergformationen, idyllische Strände, lebendige Städte – Korsika muss sich nicht neu erfinden. Hier war schon immer alles so. Geschichte allerorten – kaum ein Reiseband enthält so viele Anekdoten wie dieser hier. Immer wieder wird man zum Innehalten eingeladen. Was gibt es Schöneres als von einem erhabenen Punkt in die Unendlichkeit schauen zu können. Hier gibt es keinen Grund sich klein zu fühlen. Glück – das empfindet man hier. Wenn man die richtigen Orte kennt, die eben dieses versprechen.

Die Abbildungen im Buch sind der farbenprächtige Beweis, dass die Entscheidung Korsika auf die Urlaubsliste zu setzen die richtige Wahl war. Ein erstes grobes Durchblättern lässt die Vorfreude steigen. Und wenn man sich erst einmal ins Buch vertieft hat, ist jede Minute bis zum Abflug eine Qual. Das Warten lohnt sich aber zu mehr als 100%.

Vom Glück des Umziehens

Da steht man in Paris vor dem Palais Royal, Rue de Beaujolais 9. Ein imposantes Gebäude. Und? Fertig! Ein weiterer Punkt auf der Liste der zu besichtigenden Dinge abgehakt. Kann man machen, muss man aber nicht. Wer da wohl drin wohnt? Wer da wohl mal drin gewohnt hat? Was war da los? Ging hier die Post ab oder fand einer der Bewohner hier sogar seinen Frieden – und das in mehrfacher Hinsicht? Dann zückt man dieses kleine rosa Büchlein. Und blättert noch einmal darin. Ah, hier hat Colette gewohnt, die letzten sechzehn Jahre ihres Lebens verbracht. Hier schrieb sie mit einer eigens für sie angefertigten Schreibunterlage. Sie war am Ende ihres Lebens ans Bett gefesselt. Nur körperlich. Und dann liest man, dass dies hier ihre letzte Wohnung ihres rastlosen Pariser Lebens war. Station Elf.

Ihre erste Wohnung in Paris war vom Sommer 1893 bis zum Herbst 1896 in der Rue Jacob 28. Auf geht’s zur ersten Adresse. Mit dem Auto dauert es 16 min, zu Fuß nur unbedeutend länger. Und dann steht man in einer engen Straße, in der parkende Autos jedes Weiterkommen verhindern. Links und rechts Geschäfte. Man schaut nach oben … diesen Ausblick hat Colette nicht gehabt. Ist ja auch mehr als hundert Jahre her seitdem die berühmte Autorin hier lebte. Aber man versteht warum sie hier leben wollte. Mitten im Leben. Ein wenig Grün fehlt. Das hat Colette – vielleicht nicht hier, doch an anderer Stelle immer selbst in die Hand genommen. Balkone und Hauseingänge waren vor ihrem Gründrang nicht sicher.

Der Anhang dieses Büchleins ist für reisende Leser wie lesende Reisende eine Fundgrube. Manche Adresse sieht heute komplett anders aus – die ursprünglichen Häuser gibt es nicht mehr. Als ausgemachter Colette-Fan wird dieser Tag in Paris unvergessen bleiben.

Elf Wohnungen in der Stadt der Liebe. Elf Tapetenwechsel. Und wenn es mal nicht für den Umzug reichte, dann wurden Möbel gerückt. Umzug Null Punkt Fünf. Die kleinen Geschichten in den vier oder mehr Wänden – je erfolgreicher sie wurde desto größer die Appartements, die Anzahl der Räume und somit auch die der Wände – füllen jede Sehnsucht nach Paris mit noch mehr Sehnsucht. Durch die Detailgetreue sind ihre Stationen auch heute noch nachvollziehbar. Wer jedoch erwartet im Quartier des Ternes, dass sich an den Arc de Triomphe anschließt, Austern für neun Sous zu bekommen, wird herb enttäuscht werden. Und das nicht nur, weil es den Sous nicht mehr gibt…

Die Geschichten vom Zwang Neues zu erleben, sich von Liebgewonnen zu trennen, sich immer wieder ins Abenteuer zu stürzen, sind bis heute ein Leseschmaus. Wohl auch deswegen lesen sie sich bis heute (fast hundert Jahr später) immer noch flüssig und nachvollziehbar. Nicht nur für Paris- und Collete-Fans.

Ein Seidenfaden zu den Träumen

Ein Buchstabe, noch einer, noch einer … sie bilden Silben. Silben bilden Worte. Worte formieren sich zu Halbsätzen, zu einem Ganzen. Am Ende gehen sie eine Symbiose ein, die schwer zu fassen ist. Sie wirken. Einfach so. Manchmal gleichen sich ihre Enden und bilden einen Wohlklang, der im Gedächtnis bleibt. Ist das das Wesen der Poesie? Mmmh, vielleicht. Im Arabischen ist sie eine Schreibweise mit der man mit wenigen Worten etwas schreibt, was man sonst nur mit vielen Worten sagen kann. Das muss man auf sich wirken lassen. Und kopfnickend in diese Lektüre eintauchen.

Usama Al Shahmani durfte in allen Lyrikbänden des Limmatverlages – immerhin 64 Bände – bei dem er schon drei Bücher verlegen ließ, schmökern. Und ausjedem Buch ein Gedicht aussuchen für diese Jubiläumskompilation. Poesie in allen Sprachen der Schweiz. Poesie, die in teils mühevoller Arbeit ins Deutsche transferiert wurden. Und immer wieder hat er dabei neue Seiten der Buchstaben, Silben, Wörter entdeckt. Das sind wie wieder bei viele Wörter sagen und mit wenigen Worten beschreiben. Übersetzungen sind ein schmaler Grat.

Für Usama Al Shahmani war es ein Glücksfall im Verlagsfundus der feinen Sprache zu stöbern. Eine Ehre. Für diesen Lyrikband sammelte er fleißig und gewissenhaft die Schönsten, die Besten, die Eindrucksvollsten von ihnen zusammen. „Ein Seidenfaden zu den Träumen“ – einen besseren Titel hätten alle an diesem Band Arbeitenden nicht finden können! Und mit Usama Al Shahmani konnte es nur ihn treffen die Auswahl zusammenzustellen. Die Titel seiner Bücher „In der Fremde sprechen die Bäume arabisch“, „Im Fallen lernt die Feder fliegen“ und „Der Vogel zweifelt nicht an dem Ort, zu dem er fliegt“ sind pure Poesie.

Wer sich mit Poesie noch nie auseinandergesetzt hat, bekommt hier einen Eindruck davon, was es heißt „über den Tellerrand zu schauen“. Poesie hat die Kraft eigene Vorstellungen zu kreieren und in dieser Phantasie nicht zu verharren, sondern sie auszubreiten. Sie ist ein Teppich, der unter den Fußsohlen ein wohliges Wandern erlaubt. Ihre Wortflut reinigt von Innen. Sie öffnet Horizonte und darüber hinaus.

Vielleicht wirken die Gedichte (wenn vorhanden im Original und in deutscher Übersetzung) nicht bei jedem und sofort. Doch schon beim zweiten Durchlesen, verströmen sie einen Liebreiz, dessen Sog man sich nicht entziehen kann. Sprache ist ein mächtiges Werkzeug. Es geduldig und behutsam einzusetzen, ist eine Kunst. Dieses Kunst beherrscht Usama Al Shamani wie kau mein anderer.